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Majalin - Von Wurzeln und Flügeln
Verfasst: Donnerstag 17. März 2011, 14:20
von Majalin
Prolog
Wo beginnt man eine Erzählung? Die Geschichte eines Daseins, die mit dem Tod und der Düsterkeit beginnt und erst im Laufe der Jahreswechsel hinführt zum pochenden, lohenden Leben. Liebe und Tod – das sind doch zwei gewaltige Mächte. Beide dienen einem noch Gewaltigeren: dem Leben. Liebe schafft das Leben, der Tod schafft den Raum. Wie könnte der Lebensbaum in ewiger Jugend erblühen, wenn nicht die welken Blätter fielen? Freilich sinkt auch noch manches grüne Blatt mit zu Boden…
Dies ist nicht irgendein Märchen, dies ist eine ganz andere Geschichte. Die Wahrheit liegt in ihr, zwischen Dunkelheit und Schönheit. Es ist eine Erzählung ohne Farben, ohne Bilder, eine Geschichte voller Geräusche, Töne, Melodien, Stimmen, voller rufender Stille. Du musst nur hinhören…
Kapitel 1: Der hungrige Wolf
Erinnerst Du Dich? Daran wie alles so leicht war, Deine Welt so klein, so voller Geborgenheit und Hoffnungen? Als Du behütet warst, weil Du einfach jenes unerschütterliche Vertrauen in Deinem Herzen trugst? Wenn man ein Kind ist, erzählt die Welt Geschichten in vielen Stimmen, schickt den Geist auf Reisen und verzaubert die Gedanken. Und wenn die Dunkelheit heran kriecht wie ein hungriger Wolf und das junge Herz zum Flattern bringt, eilt das Kind nach Hause zum warmen Kaminfeuer und in die behütenden Arme.
Und eines Morgens erwachst Du und erkennst, dass all das vergangen ist, all die Geborgenheit, Zuversicht, das Vertrauen. Dass die Welt nicht mehr zu Dir spricht, dass es kein warmes Kaminfeuer gibt und keine behütenden Arme. Nur der hungrige Wolf bleibt und pirscht sich langsam an Dich heran...
Einst wurde ein Mädchen in diese Welt geboren, einige Sommer und Winter gingen seither ins Land. Ihre Haut klang hell gleich einer schneebedeckten Nacht, ihre Haare jedoch fühlten die Wärme von Sonnen durchstrahlten Herbstwäldern. Ihre Augen jedoch waren stumpf, für die Welt des Lichts, der Farben, für Deine Welt verschlossen. Ihr Name war Majalin.
Bereits in ihren jungen Jahren wurde diesem Mädchen bewusst, dass sie ungewöhnlich war, ungewöhnlicher als die anderen Kinder. Jene beschimpften sie als seltsam und als Krüppel, weil Majalin nicht in derselben Welt lebte wie sie selbst. Majalin war deshalb sehr traurig, nicht selten rannen schwere Tränen aus ihren körperlosen Augen. Die Eltern des jungen Mädchens jedoch liebten es, eben jene bedingungslose Liebe, die nur eine Mutter und ein Vater ihrem Kind entgegenbringen können. Immer wenn Majalin bekümmert nach Hause kam, umarmte ihre Mutter sie voller Wärme und sagte: „Mein Liebstes, mein kleiner Stern, weine nicht. Lass dich nicht niederdrücken von Menschen, die nicht verstehen können, die blind sind. Der Geist ist es der sieht und hört, alles andere ist taub und stumm.“ Dann strich sie dem jungen Mädchen sanft über die Haare und sang ihr ein Lied. Stets liebte Majalin jene Augenblicke, in denen sie sich durch die Stimme ihrer Mutter ganz eingehüllt fühlte in einen Mantel aus Zuneigung und Wärme. Durch ihre Worte legte sie dem Mädchen lichte Blumenwiesen vor die Füße und wusch all den Kummer in einem glänzenden Bach aus Melodien hinfort. Auf diese Weise lernte Majalin zu sehen, sie sah die silbern leuchtenden Tautropfen auf den Blättern der großen Ahornbäume, sah weiß strahlende Horizonte, wenn ihre Mutter davon sang. Aber mehr als das nahm das junge Kind wahr: Denn im Gegensatz zu den anderen Kindern, deren Sichtweise von der Wirklichkeit eingeschränkt war, war es Majalin möglich durch die Wohlklänge eine eigene Welt zu schaffen. Für sie war ein Laut mehr als die bestimmte Höhe einer Stimme, eines Gegenstandes, für sie war ein Ton Gefühl. Er war mächtig, vermochte Berge zum Einsturz zu bringen, Schwerter zu zerbrechen und selbst einen Stein zum Weinen zu bringen. Majalin erkannte, dass sie selbst diese Macht über die unsichtbare Welt lenken können wollte. Da sie selbst dazu gezwungen war in dieser Welt zu leben, wäre es ihr vielleicht sogar möglich sie besser zu verstehen, eines Tages vielleicht auch besser zu nutzen als die Sehenden. So wurde es Majalins innigster Herzenswunsch diese flüchtige Welt der Melodien, der Geräusche, der Klänge besser kennen zu lernen, zu erlernen.
So beginnt die Geschichte, die Geschichte von der Welt der Klänge, der Gerüche und Gefühle, von einem jungen Mädchen, das anders war als alle anderen. Von einem Mädchen mit einem Traum, der so kurz darauf in endlose Weiten getragen werden sollte.
Verfasst: Donnerstag 17. März 2011, 14:39
von Majalin
Kapitel 2: Stärker als der Tod ist die Liebe
Über zwölf Jahre war es nun schon her, dass Majalins Eltern gestorben waren, dahingerafft vom schwarzen Tod. Dennoch verging kein Tag, an dem sie nicht an sie dachte. Ihre Eltern hatten ihr das einzige sichere Zuhause geboten, das die junge Blinde gehabt hatte. Ein sicheres Zuhause, eine warme Zuflucht, liebende Arme. Der Schutz vor dem hungrigen Wolf. Alles Leid, alle bösen Worte waren nichts gewesen, nur ein leises Flüstern im Ohr, wenn sie bei ihnen war. Und wie jedes Kind hatte auch Majalin gedacht nichts könne ihr zumindest diese kleine, heile Welt nehmen…
Das Leid erreichte das kleine Dorf am Fuße des Gebirges unvermittelt. Zuerst war es nur eine Geschichte, dass der alte Bauer im benachbarten Dorf eine sonderbare Krankheit hätte mit apfelgroßen Beulen am ganzen Körper. Dann wanderte der Tod in die Häuser und an die Kaminfeuer, in die Ställe und Betten. Und plötzlich war es keine Geschichte mehr, kein Gerücht, kein Wort konnte darüber hinwegtäuschen, dass die der Sensenmann blutig Ernte einfuhr. Majalin kniete am Grab ihrer Eltern. Man hatte sie unter einem kleinen Sanddornstrauch auf dem Friedhof begraben. Einzelne Tränen stürzten aus den leeren Augen des Kindes auf die noch aufgewühlte Erde. „Mama… Papa…“, erklang es leise flehend. Noch immer lag dem Mädchen der säuerliche Duft der Krankheit in der Nase, noch immer vernahm sie in den Ohren den schnarrenden Atem ihrer Eltern, fühlte die beklemmende Anwesenheit des Todes. Sie vergrub ihre Hände in der kühlen, feuchten Erde. „Warum konnte ich euch nicht helfen? Warum lasst ihr mich alleine hier? Warum soll ich leben, wenn ihr tot seid?“ Ein Schluchzen durchlief den Körper des Kindes, als Majalin sich auf das Grab legte. Lange lag sie so da und umarmte ihre Eltern, das Grab, den Tod. Ob es an der Zeit lag, an der Kühle der Nacht, die das Mädchen langsam auskühlte oder daran, dass sie keine Tränen mehr zum Weinen hatte, schließlich ruhte sie still. Während sie mit dem Rücken auf dem Grab lag und ihre blicklosen Augen zu den fernen, mondbeschienenen Wolken starrten, erinnerte sie sich der letzten Worte ihrer Mutter. Liebe, sanfte Worte, die durch das Krächzen in der Stimme nicht an Sanftheit eingebüßt hatten: „Mein kleiner Stern, weine nicht. Jeder muss eines Tages diesen Weg gehen, es ist nicht das Ende, es ist nur ein neuer Pfad. Außerdem werde ich immer bei dir sein, in deinem Herzen.“ Zittrig drückte ihre Mutter ihre Hand, als sie leise flüsternd hinzufügte: „Stärker als der Tod ist die Liebe.“
Da keiner der Dorfbewohner sich mit einem blinden, siebenjährigen Kind befassen wollte oder konnte, wurde sie in ein Waisenhaus gebracht, viele Meilen entfernt von ihrer Heimat. Es hieß Fräulein Millas Waisenhaus der Freundlichkeit. Doch tatsächlich war Fräulein Milla, die Hausleiterin, schon lange kein Fräulein mehr und die Freundlichkeit war wohl ebenso aus ihrem Auftreten gewichen wie die Jugend. Und da sich Alter und Einsamkeit ebenso verhalten wie gekohlte Wimpern und Tränen, war sie verbittert und hart.
Majalin wurde also in jene abgestumpfte Welt geworfen, jene Welt der Isolation. Sie merkte rasch, dass sie hier unerwünscht war, da sie aufgrund ihrer Blindheit nur selten die Arbeiten ausführen konnte, die von den Kindern verlangt wurden. Die anderen Kinder, ebenso gebrochen und verloren wie sie selbst, sahen in dem Mädchen die beste Möglichkeit ihren eigenen Schmerz abzubauen. Und so flüchtete sich Majalin erneut in eine andere Welt…
Kapitel 3: Vom Verwahren der Wahrnehmungen
Langsam humpelte Majalin in den Hinterhof des Waisenhauses. Abermals war sie den Schlägen der anderen Kinder ausgesetzt gewesen, doch mehr noch brannten die Worte und Beschimpfungen in ihren Ohren. Seit ihrer Ankunft vor einem Jahr hatte sie schon drei Platzwunden, einen Armbruch und zahlreiche Schnittwunden und Prellungen erlitten. Nur in den seltensten Fällen waren diese Verletzungen auf ihre Unachtsamkeit zurückzuführen, meist waren sie Resultate von Schlägen, Kabbeleien und Prügel der anderen Kinder. Am heutigen Nachmittag hatte es sich Berk wieder einmal in den Kopf gesetzt Majalin zu quälen und war ihr so lange auf einem Fuß herumgetrampelt bis dieser blau und blutig war und ihre Schreie die Heimleiterin alarmiert hatten. Die Blinde spürte regelrecht die hasserfüllten Blicke auf ihrem Rücken, als Fräulein Milla Berk einige ordentliche Ohrfeigen verpasste und sie selbst hinaushinkte. Sie würde wohl später für ihre Schmerzensschreie büßen müssen.
Mit einem leisen Seufzen kniete sich Majalin in das feuchte Gras neben dem kleinen Weiher im Hinterhof des Waisenhauses und streckte ihren schmerzenden Fuß in das kühle Nass. Augenblicklich stieg ihr der Geruch des nassen Herbstlaubes in die Nase und sie vernahm den entfernten Ruf der Schwalben, die am Himmel ihre Kreise zogen. Angestrengt lauschte sie für einige Momente, dann murmelte sie leise vor sich hin: „Vögel… Schwalben. Weit oben, heute kein Regen mehr.“ Dann zog sie die Luft ein, ließ die Gerüche auf ihrer Zunge zergehen und spaltete sie auf: „Altes Laub, Wasser, Moder und…“ Ein unbekanntes Aroma hatte ihre Nasenflügel erreicht und sie begab sich sogleich auf die Suche nach dem Ursprung jenes Duftes. Einige Zeit krabbelte sie auf allen Vieren durch Gras und Schlamm und tastete am Boden herum. Schließlich beugte sie sich herab und schnüffelte an dem Objekt, dann nickte sie zufrieden und hob den kleinen Gegenstand auf. Mit den Fingerspitzen fuhr sie nahezu liebevoll über seine Oberfläche und betastete seine Höhen und Tiefen neugierig. Vor ihrem inneren Auge baute sich langsam ein Bild zusammen, ein rundes, dünnwandiges Gebilde mit glatter Oberfläche und einer Öffnung, darauf eine spiralförmige Rinne. Nachdenklich verstaute sie den Gegenstand in ihrem kleinen Beutel, sie würde später jemanden fragen wie man es nennt. Sie kehrte zurück zu dem kleinen Weiher und kühlte nochmals ihren Fuß.
Später fand sie heraus, dass der kleine Gegenstand ein Schneckenhaus war.
Majalin sammelte über die Jahre hinweg unzählige Gerüche, Geräusche und Gefühle. Ihre Wahrnehmungen verwahrte sie in ihrem Inneren, sodass sie einmal Gerochenes, Gehörtes oder Ertastetes wieder abrufen konnte. So hatte sie bereits nach wenigen Jahren ein großes Sammelsurium beisammen, doch erlosch niemals ihre Neugier auf das Unbekannte.
Verfasst: Donnerstag 17. März 2011, 18:31
von Majalin
Kapitel 4: Alea
Im Alter von zehn Jahren hatte sich Maja an das Leben im Waisenhaus gewöhnt, sie hatte gelernt den anderen Kindern größtenteils aus dem Weg zu gehen und blieb meistens für sich.
Es war eine stürmische Nacht, als die Tür zum Schlafsaal aufgestoßen wurde und Fräulein Milla hereinkam, an ihrer Hand zog sie ein kleines Kind hinter sich her. Maja vernahm das Trippeln der kleinen Füße und das aufgeregte, leise Wimmern des Mädchens. „Dahin.“, befahl die Heimleiterin, dann ging sie wieder hinaus und schloss die Tür ab. Einige Augenblicke war nur das Heulen des Sturmes und das ängstliche Atmen des Kindes zu hören, dann raschelte es in den Betten, als sich die Kinder aufrichteten, um den Neuankömmling in Augenschein zu nehmen. „Wie heißt du?“, kam es von den hinteren Betten. Eine dünne, piepsige Stimme antwortete: „Alea.“ „Wie alt bist du?“, fragte ein älteres Mädchen. Schweigen. Maja konnte hören wie das kleine Mädchen seine Hände hob, scheinbar zählte sie es an den Fingern ab, dann zeigte sie ihr Ergebnis in die Dunkelheit hinein. Dies konnten die anderen Kinder natürlich nicht sehen oder hören, weshalb nach einigen Augenblicken des Schweigens schon ein giftiges „Bist du dumm oder so?“ durch den Schlafsaal klang. Beinahe empört erklang erneut die Stimme des Mädchens: „Neeein!“ „Wie alt bist du denn dann?“, bohrte Berk nach. Erneut vernahm Maja, wie das Mädchen seine Hand präsentierte und wie selbstverständlich erklärte: „So alt.“ Ein entnervtes Seufzen ging durch den Schlafsaal, dann legten sich viele Kinder wieder hin. „Also doch dumm!“, murmelte das ältere Mädchen. Das Kind Alea wimmerte leise, unter Tränen erneut verneinend, doch die anderen Waisenkinder hatten bereits das Interesse verloren und sich scheinbar ihre Meinung gebildet. Kurz überlegte Maja sich ebenso wieder hinzulegen, dann jedoch krabbelte sie aus ihrer Schlafstatt zu dem weinenden Mädchen. „Ich bin Maja.“, flüsterte sie leise. Alea schniefte nur. „Zeig mir noch mal, wie alt du bist.“, forderte Maja das Kind auf. Alea hob ihre Hand und murmelte bockig: „So alt.“ Maja betastete die hochgehaltenen Finger, dann lächelte sie in die Dunkelheit hinein und erklärte: „Vier Jahre.“ „Sag ich doch.“, flüsterte Alea entrüstet, dann hörte Maja jedoch, dass sie lächelte.
Von dieser Nacht an waren die beiden Mädchen unzertrennlich. Von den anderen Kindern wurden sie nur der Krüppel und die Dumme genannt, doch das war ihnen gleich. Majalin stellte schnell fest, das Alea alles andere als dumm war, ganz im Gegenteil: Alea war ein sehr aufgewecktes, geistesscharfes und findiges Kind. Hinzu kam, dass sie sich nur wenig gefallen ließ und den anderen Waisenkindern mit Wort und Tat Paroli bot. Mehr als das, auch verteidigte sie Maja wie eine Löwin. So kam es, dass Alea immer mit Schrammen, Schürfwunden und Dreck übersäht war. Maja tröstete sie stets, verband die schlimmsten Verletzungen und sang ihr Lieder und erzählte ihr Geschichten, die ihre Mutter ihr selbst vorgetragen hatte.
Alea lehrte Maja die Stimmen der Menschen besser zu lesen, indem sie ihr erklärte, welche Bewegungen und Gesichtsausdrücke die Sprechenden dabei machten. Im Laufe der Zeit wurde Majas Gehör immer schärfer und mithilfe von Aleas Erläuterungen konnte sie bald selbst feststellen, welche Laute zu welcher menschlichen Handlung gehörten. So kam es, dass Majalin ein Jahr nach Aleas Ankunft im Waisenhaus das erste Mal den Schlägen Berks ausweichen konnte. Doch die Freude über eine Verbündete, eine Freundin war um ein vielfaches größer, als die Freude über das Gelernte.
Kapitel 5: Der Schwur
Drei Jahre waren ins Land gezogen, noch immer litten die Freundinnen unter der lieblosen Hand der Waisenhausleiterin und den Anfeindungen der anderen Kinder. Immerhin hatten sie einander, doch Maja wusste, dass das nun siebenjährige Mädchen noch viel unglücklicher war als sie selbst. Alea musste nun häufig auf den nahen Werften als Fischzerlegerin arbeiten, eine Strapaze, die sie zermürbte. Die paar Groschen, die sie verdiente, musste sie bei Fräulein Milla abgeben, wie alle anderen Kinder auch. Maja konnte aufgrund ihrer Blindheit nur in einer Wäscherei einige wenige Aufgaben übernehmen, weshalb sie kaum etwas verdiente, aber auch nicht so abgearbeitet war wie die restlichen Waisenkinder. Dafür bekam sie weniger zu essen und ihr Körper konnte sich kaum entwickeln. Alea hingegen war nun immer müde und erschöpft, zum Teil gereizt und zorniger als früher.
Am frühen Abend saßen die Freundinnen unter dem Baum in dem kleinen Hinterhof des Waisenhauses und schwiegen nun schon seit einiger Zeit. Maja spürte, dass Alea etwas auf dem Herzen hatte, doch wartete sie ab bis das Mädchen selbst es ansprach. Erneut verging eine Weile, dann schließlich ergriff Alea das Wort: „Hm, du… Maja?“ Leicht wand die Angesprochene den Kopf in ihre Richtung. „Ja?“ „Ich hau ab, ich mag das nich’ mehr.“ „Was?“, ruckartig fuhr Maja herum. „Naja, du weißt ja, dieser blöde Fredner an der Werft macht mich fertig. Und der alte Friedborg hat gesagt, dass er mich auf ’nem Schiff versteck’n könnt.“ Maja hörte wie sich Alea prüfend umblickte, dann flüsterte sie zu ihr: „Ich hab ’n paar Münzen behalten. Damit fang ich mein eig’nes Leben an!“ Majalin brauchte einen Moment, dann hauchte sie verzweifelt: „Aber du kannst mich doch nicht hier allein lassen! Ohne dich halt ich das hier nicht mehr aus.“ „Aber du kannst doch mitkommen.“ Maja schüttelte den Kopf. „Ich bin doch nur ein Klotz am Bein für dich. Und ich kann mich bestimmt nicht auf dem Schiff verstecken.“ Erneut verging einige Zeit bis Alea leise hauchte: „Ich mag dich nich’ allein lassen, aber hier bleiben kann ich auch nich’. Du bist wie eine Schwester für mich…“ Maja seufzte, sie wusste, dass sie Alea gehen lassen musste. „Lea…“, begann sie, dann wurde sie von ihr unterbrochen: „Lass uns schwören!“, Alea zog ein kleines Messerchen aus ihrem Schuh, „Dass wir Schwestern sind und für immer füreinander da sein werden und uns nie im Stich lassen! Du musst mich finden, wenn du hier raus kommst und dann werden wir nie wieder auseinander geh’n.“ Maja hörte wie Alea das Messer hob, zuerst sich, dann ihr einen kleinen Schnitt in den Daumen machte. Die Freundinnen flochten ihre Hände ineinander, sodass sich die Schnittstellen berührten. „Schwörst du, dass du meine Schwester bist und dass wir für immer und ewig aufeinander aufpassen werden und wir uns niemals nich’ im Stich lassen?“, fragte Alea leise. „Ich schwöre.“, erklärte Majalin feierlich. „Und ich schwör’s auch!“, antwortete ihre einzige und beste Freundin. Beide lächelten, dann blieben sie schweigend sitzen bis die Dunkelheit über das Land fiel und Fräulein Milla die Kinder ins Haus rief.
In dieser Nacht verschwand Alea für immer aus dem Waisenhaus und keiner der Kinder hörte je wieder etwas von ihr. Alle, außer Majalin.
Verfasst: Montag 21. März 2011, 17:19
von Majalin
Kapitel 6: Ferne Ufer
Majalin war zu einem jugendlichen Mädchen herangewachsen, siebzehn Sommer zählte sie, als Fräulein Milla sie vor die Tür setzte. „Ich hab keinen Platz mehr für dich. Schönes Leben!“, waren die knappen Abschiedsworte. Maja hatte sich, ebenso wie einst Alea, einige wenige Münzen zur Seite geschafft. Die Wäscherinnen hatten ihr zum Abschied einen Rock und ein dünnes Hemd geschenkt, sonst hatte sie nur ein Bündel mit einer Decke und zwei trockenen Broten bei sich. Vorsichtig streckte sie ihren Stab auf die Straße und machte ihre ersten Schritte in ein neues Leben.
Die nächsten Wochen lebte sie im Wald, dorthin schien es sie immer zu ziehen. Majalin verbrachte ihre Tage damit neue, unbekannte Gerüche und Geräusche zu suchen und zu sammeln. Abends rollte sie sich unter einer dichten Tanne zusammen und lauschte lange den Geräuschen des nächtlichen Waldes. Oftmals wanderte sie umher und verfolgte gespannt wie einige Wölfe ein Reh rissen, hörte stundenlang zu wie ein Amselweibchen stetig seine Jungen fütterte und betastete alle Baumrinden, um deren Oberflächen und Gerüche in sich aufzunehmen. Vielleicht hätte sie so glücklich werden können, genährt von den Gaben der Natur, in körperlicher wie geistiger Hinsicht. Doch erinnerte sie sich nach wenigen Monden an ihren Schwur. Sie musste Alea finden, sie hatten geschworen, sie war gebunden. So sammelte sie Kräuter und Früchte im Wald und verkaufte diese in dem kleinen Fischerdorf, in dem auch das Waisenhaus stand. Mit den wenigen Münzen erkaufte sie sich die Überfahrt auf einem Schiff.
Vorsichtig erfühlte sich die junge Frau den Weg aus ihrem kleinen Quartier. Sie war den schmalen Gang im Leib des Schiffes die letzten Tage recht häufig gegangen, weshalb sie sich gut zurechtfand und keine Sorge hatte zu stolpern oder sich den Kopf zu stoßen. Langsam, doch in einem aufrechten Gang, stieg sie die Stufen zum Deck empor. Achtsam ertastete sie mit einem Stab den Pfad zur Reling, auf welche sie eine Hand legte. Jedem anderen Menschen wären der dunkle, ferne Horizont und die silbrig schimmernden Sterne am Firmament aufgefallen. Die junge Frau jedoch vernahm das sanfte Plätschern der Wellen, die nahezu liebevoll das Schiff umspielten, lauschte dem entfernten Krächzen der Möwen, die dem Schiff folgten und roch die salzige Brise, die in den Segeln eingefangen wurde. Majalin hatte sie ihre milchig hellen Augen geöffnet und auf das Meer gerichtet, auch wenn kein Bild davon nach innen drang. Am nächsten Tag sollte das Schiff in Gerimor anlegen; sie hatte einfach irgendein Reiseziel gewählt, das häufig von den Händlern angesteuert wurde. Die Wahrscheinlichkeit war wohl mehr als gering, dass sie Alea dort wiederfinden würde. Es sollte der dritte Hafen sein, an dem das Schiff anlegen würde und durch dessen Gassen das blinde Mädchen laufen würde, um immer wieder dieselben Fragen zu stellen: „Kennt Ihr vielleicht ein Mädchen namens Alea? Zwölf Jahre alt, dunkelblondes Haar?“. Die Antwort, wenn sie denn überhaupt eine erhielt, war immer gleich gewesen. Barsch, knapp, entmutigend. Aber Majalin hatte den Schwur niemals vergessen, sie würde in alle Ewigkeit nach ihr suchen, sollte das erforderlich sein. Doch einmal blickten die Götter wohlwollend auf die verlorene junge Frau herab und machten es nicht nötig…
An einem nebligen Morgen legte das Schiff in Bajard an und ein jugendliches Mädchen mit rostroten, wild zerwühlten Locken ging von Bord und reckte zunächst ihre Nase in den Wind.
Kapitel 7: Es sollt’ ein Freund eines Freundes Schwächen tragen
Mit einem leisen Ächzen schob Majalin etwas Gerümpel von ihrem Körper. Sie hatte in der vergangenen Nacht Holzreste und Müll um sich aufgeschichtet, um sich vor dem kühlen Frühlingswind, der über das Meer nach Bajard herangetragen wurde, zu schützen. Als sie schließlich von der kleinen Gasse auf die Straße stolperte, hatte sie wohl mehr Ähnlichkeit mit einem zotteligen, abgerissenen Untoten denn mit einem jungen Mädchen. Mühsam ertastete sie sich den Weg zu einem Baum, ihren Stab hatte sie irgendwo in dem Haufen von Müll verloren und nicht mehr gefunden. Hungrig, erschöpft und verängstigt senkte sie den Kopf ab, als sie endlich an den Stamm gelehnt saß. Seit sie den schützenden Wald verlassen hatte, war alles nur schlimmer geworden. Wie sollte sie Alea nur finden? Nun hatte sie auch noch ihren Stab verloren und hatte keine Möglichkeit mehr sich an fremden Orten zurechtzufinden. Widerspenstig kämpfte sie die aufwallenden Tränen nieder. Einige Zeit saß sie still an den Baum gelehnt und lauschte den vorbeieilenden Schritten, den entfernten und nahen Gesprächen der Menschen. Und dann... leisere Schritte, ein wenig schleppend, bekannte Schritte. Noch während Majalin versuchte diese genauer einzuordnen, erklang auch schon ein lautes, fröhliches und erlösendes: „MAJAAA!“. Mit einem Mal stürzten alles Glück, alle Freude und alles Heil der Welt auf das blinde Mädchen ein – Alea hatte sie gefunden. Ihr Schwur hatte sie wieder zusammengeführt. Die nächsten Stundenläufe verbrachten die Freundinnen damit einander zu erzählen, was ihnen in der Zeit ihrer Trennung alles widerfahren war. Alea hatte sogar einen alten Apfelkuchen, den sie Majalin überließ. Obwohl er schon trocken war und etwas bitter schmeckte, war es ein Festmahl für sie. Alea berichtete ihr davon wie sie sich jahrelang auf der Straße durchgebissen hatte bis sie nach Gerimor gelangt war. Hier hatte sie Freunde gefunden, zwar lebte sie immer noch mehr oder weniger auf der Straße, musste aber nicht hungern und hatte sogar gegen ein bisschen Arbeit eine Lagerstatt in einem kleinen Gasthaus – das Versteck, wie sie es nannte.
Die nächsten Tage verbrachte Majalin wie im Traum. Der Schwur der ewigen Freundschaft wurde erneuert, diesmal ohne Worte und ohne Blut, es musste nicht mehr ausgesprochen werden. Ein freundlicher Handwerker fertigte Majalin einen neuen, glatten und beschlagenen Stab, Alea stellte ihr die Heilerin Liliana van Drachenfels vor, die Majalin erlaubte zum ersten Mal seit vielen Wochen ein Bad in ihrem Heim zu nehmen. In der Nacht lagen die beiden Mädchen in der samtenen Dunkelheit im „Versteck“ und erzählten sich Märchen und Geschichten, Majalin sang Alea all die Lieder ihrer Mutter, an die sie sich noch erinnern konnte. Darunter auch ein Schlaflied für Kinder namens Kleiner Fisch, welches Alea am liebsten hörte:
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Shhh, leise, Herz schweig still,
Hier ist ein Freund, der zu dir spricht.
Schließ einfach deine Äuglein zu
Und lausch dem Strom der Flüsse.
Dort am Bach der kleine Fisch,
Schwimmt lautlos er und weise
Durch klares grünes Tal.
Sieh nur, wie er taucht und tollt
Durch klares grünes Tal.
Sterne glänzend, Tropfen perlend,
Schau doch nur, so schwimmt er dann
Durch klares grünes Tal.
Kleiner Fisch, oh, kleiner Fisch,
Durch klares grünes Tal.
Alsdann er reist, hinaus er reist,
Durch klares grünes Tal,
Hinaus er reist aufs offne Meer.
In weite See, hinaus, hinaus,
Hin zu Freiheitsglück.
Sieh nur, wie der kleine Fisch,
Schwimmt zum Horizont der Welt.
Kleiner Fisch, oh, kleiner Fisch,
Taucht zu unsrem Sternenzelt.
Hinaus er reist in Himmelsewigkeit.
Kleiner Fisch, oh, kleiner Fisch,
Schwimmt und schwimmt
Und taucht und tollt,
Wo`s ihm gut gefällt.
Kleiner Fisch durch klares grünes Tal.
Shhh, leise, Herz schweig still,
Hier ist ein Freund, der zu dir spricht.
Schließ einfach deine Äuglein zu
Und lausch dem Strom der Flüsse.
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Ihre bedingungslose Zuneigung und stetige Sanftheit erhielt das blinde Mädchen tausendfach von ihrer kleinen Schwester zurück. Alea, die nach eigenen Aussagen gut „Sachen besorgen“ konnte, kümmerte sich um das Beschaffen von Essen und allem Notwendigen, sogar eine kleine Harfe schenkte sie Majalin. Diese konnte nur immer wieder über Aleas Fähigkeiten staunen und gestand ihr den Titel Sachensucherin uneingeschränkt zu. Kurzum, die beiden Mädchen schafften es ohne Schwierigkeiten an ihre frühere Bindung anzuknüpfen, mehr als das gar, sie waren wie eins.
An einem Abend im Frühjahr saßen Alea und Majalin zusammen in der Taverne und teilten sich heimlich ihren ersten Apfelwein. Sie waren schon etwas benebelt und kicherten albern, als sich schwere Schritte näherten. „Na, meine Kleine?“, erklang die freundliche, tiefe Stimme eines Mannes. Majalin konnte das Lächeln in seinen Worten hören, ebenso wie die Sanftheit und Zuneigung. „N’Abend, Bravan!“, antwortete Alea. „Wer ist denn deine Freundin?“, erkundigte sich die warme Stimme Bravans und Majalin konnte förmlich spüren wie sie gemustert wurde. „Das is’ die Maja. Meine beste Freundin.“ „Aah, diese Maja! Ich bin Bravan Mandark, freut mich sehr dich kennenzulernen. Aleas Freunde sind meine Freunde.“
Und er war Alea ein Freund, und er wurde Majalin ein Freund. Ein verlässlicher Fels in der Brandung, ein Lebensretter, ein Begleiter.
Verfasst: Mittwoch 23. März 2011, 14:44
von Majalin
Kapitel 8: Mädchenträume und andere Tragödien
Nach einigen Wochenläufen hatte sich Majalin bereits recht gut in Gerimor eingelebt, zahlreiche neue Stimmen kennengelernt und viele neue Aromen, Düfte und Töne erkundet. Nun endlich, zum ersten Mal in ihrem Leben konnte sie einfach nur sie selbst sein, einfach nur ein siebzehnjähriges Mädchen. Vieles verschreckte sie noch, vor zahllosen Begegnungen floh sie aus Angst oder Scham, oftmals aus Beklommenheit. Doch Alea und im Wandel der Monde auch Bravan standen ihr zur Seite, bestärkten und unterstützten sie. Majalin genoss die Gespräche mit ihrem Fels in der Brandung, Bravan, er gab ihr Mut und Selbstvertrauen. Er war der erste Mann, der nicht mit ihr sprach wie mit einem lästigen, unmündigen und nutzlosen Kind, sondern wie mit einer heranwachsenden Frau. Eben die jugendliche Frau, zu der Majalin gereift war. Wen sollte es da wundern, dass sich das blinde Mädchen einer unantastbaren Verliebtheit hingab? Ach, wie rein und unschuldig doch eine erste verklärte Schwärmerei sein kann…
An einem lauen Sommerabend saß Majalin an den rissigen Stamm eines Baums gelehnt. Einzig ihre Finger huschten über das von den Sonnenstrahlen noch erwärmte Moos. Sie fühlte die einzelnen Blättchen am Stängel und sog den kräftigen Duft des Waldes in sich auf. Lange Schatten flohen schon zu ihr hin, eine gelbrote Sonne sank und durchdrang gerade noch des Baumes Laub. Majalin war verstiegen in ihre Träumereien, wie so oft. Es war einmal… In ihrem Kopf formten sich Gefühle, Melodien, sie wandelte Geschmäcker zu Bildern, Düfte zu Farben, malte Lichter in die Schatten. Worte wurden zu Gelübden, Berührungen zu Versprechen. Majalin war nicht mehr, sie war nun ein Splitter in der Geschichte, einer Legende. Für den Zeitraum eines Wimpernschlags huschten die Worte ihrer Mutter durch ihren Geist und ein Lächeln legte sich auf ihre Züge: Phantasie ist wichtiger als Wissen. Wissen ist begrenzt, Phantasie aber umfasst die ganze Welt. Die ganze Welt… Beinahe schmeckte das Mädchen die Hingabe auf ihren Lippen, roch die Schönheit, beinahe - nur getrennt durch das dünne Seidentuch der Inspiration - fühlte sie die Berührung. Wie nah liegen Gefühl und Vorstellungskraft beieinander? Wie nah Stärke und Gestaltungskraft? Und wie groß kann der Abstand sein für ein jugendliches Mädchen, stetig in ihren Träumereien atmend? Nah genug, um das Himmelzelt zu berühren, nah genug, um Worte wie Liebe, Mut, Ehre oder Treue zu mehr als leeren Phrasen zu machen, nah genug, um zu glauben, wirklich zu glauben. Oft stundenlang gab sich Majalin ihren Phantasiegebilden hin, ihren Schlössern im Himmel, lebte und fühlte ihre Träumereien, Schwärmereien und Naivitäten.
In der Wirklichkeit ereignete sich nichts entsprechendes, dennoch war sie zufrieden, gar glücklich. Sie hatte Alea, hatte Freunde, sogar so etwas wie ein zu Hause oder eher mehrere zu Hause. „Besser man gewöhnt sich nich’ an ein Bett!“, pflegte Alea stets zu sagen und die beiden Mädchen hielten sich an ihre Regeln. Kaum zwei Nächte in Folge weilten sie an einem Ort, bisweilen schliefen sie im Wald, im „Versteck“, bei Freunden oder eben da, wo sie sich gerade befanden, wenn die Müdigkeit sie überfiel. Obgleich es viele mit gutgemeinten Angeboten oder ernsthafter Sorge versuchten, einfangen ließen sich die Freundinnen nicht. Diesen Sommer lebten und feierten die beiden ihre Freiheit und ihr Zusammensein.
Endlich hatte es Majalin mal wieder geschafft Alea von einem Bad zu überzeugen. Alea sträubte sich sonst stets wie Horteras vor den Fesseln, wenn es ans Waschen ging, aber heute gab sie nach. Einige Zeit plätscherten sie nur in der öffentlichen Badeanstalt in Adoran herum bis Alea das Wort an Majalin richtete: „Hm, Maja?“ Die Angesprochene strich sich einige nasse Strähnen aus der Stirn. „Ja?“ „Versprichst du mir…? Naja, du bist ja schon älter als ich…“, begann das Mädchen unsicher, „Bestimmt wirst dich irgendwann in ’nen Jungen verlieben, aber du kannst… du darfst dann nicht einfach weggeh’n von mir! Musst mich dann schon mitnehmen, hm. Und natürlich muss ich auf dich aufpassen, deswegen musst’ mir den Jungen dann auch vorstellen, versprochen?“ Ein weiteres Mal konnte Majalin nur über die Geistesgegenwart und den Beschützerinstinkt Aleas staunen. „Lea, ich hab’ dir schon geschworen dich nie allein zu lassen und daran werd’ ich mich auch halten, ja? Und ich werd’ dir jeden Jungen vorstellen, das versprech’ ich dir jetzt!“, sprach die Blinde mit dem Brustton der Überzeugung, um dann gedämpfter anzufügen: „Wenn das überhaupt nötig werden sollte…“ Augenblicklich paddelte Alea etwas näher zu ihr heran, Sorge schwang in ihrer Stimme mit, als sie sich erkundigte: „Wieso?“ Eigentlich war es Majalin peinlich darüber zu reden, seit zwei Jahren schleppte sie nun schon diese Unsicherheit mit sich herum, doch nun fasste sie sich ein Herz: „Ich glaub’ ich bin krank.“ Unsicher wand sie den Kopf, um sicherzugehen, dass sie nicht belauscht wurden, ehe sie gedämpft flüsterte: „Jeden Mondlauf blute ich… Also, da unten.“ Aleas Reaktion war ebenso eisern wie fürsorglich: „Ich lass’ dich nich’ sterben, dass das klar ist! Ich frag’ mal Lili, ob die weiß, was das für eine Krankheit is’. Bestimmt kann die dir helfen!“
Wenige Tage später erfuhr Majalin, dass es keine Krankheit war und dass sie nicht sterben musste. Sie hörte, dass jede Frau sogenannte Monatsblutungen hatte, dass es ein Zeichen sei, dass sie Kinder empfangen könnte, dass es ganz gewöhnlich sei. Ihr „neu gewonnenes“ Leben feierte sie mit Alea zum ersten Mal mit Schnaps, der beiden nicht sonderlich zusagte, weshalb sie alsbald wieder auf Apfelwein umstiegen. Dieser Abend gehörte ihnen beiden, dieser Sommer war ihr gemeinsamer Besitz. Nur ein Sommer. Der Herbst kam unerwartet…
Kapitel 9: Scherben
Still kniete das blinde Mädchen neben ihrer Freundin Alea, die Kälte des Kellers kroch ihr von den Beinen in den Bauch und die Brust. Alea lag in dem kleinen Sarg. Silbrige Tränen fielen von Majalins Wimpern auf ihr Kleid. Lea, ihre Lea, war nicht mehr hier... Der Schock saß noch tief, hatte sie getroffen wie ein Schlag ins Gesicht, doch wich er langsam der Trauer, dem Schmerz und der Angst. Nur sehr langsam hob sie ihre Hand zu dem Rand des Sarges und ließ sie hineingleiten. Ihre Fingerspitzen ertasteten die kühle Hand des toten Mädchens, kalt, leer, still. Wie oft in ihrem Leben hatte Majalin Leas Hand gehalten, wie oft hatte ihr deren Wärme das Gefühl von Sicherheit in der sonst feindlichen Welt gegeben, wie oft hatte sie die Finger über ihr Gesicht streifen spüren, wenn sie selbst weinte und traurig war? Eine kleine Träne stürzte nun stumm auf Aleas Hand, die nie wieder warm werden würde. Vorsichtig wanderten Majalins Fingerspitzen den schmalen Arm nach oben, streiften flüchtig Schulter und Hals, ehe sie auf ihren Wangen zum Liegen kamen. Sie waren ebenso kühl wie der Rest des zurückgebliebenen Körpers. Liebevoll zeichnete Majalin ihre Gesichtszüge nach, ihre Brauen, ihre Schläfen, das kleine Grübchen an ihrem Kinn. Alles, jede kleine Schwingung in Aleas Gesicht war ihr so bekannt, ihr so schmerzlich bewusst, dass sie kummervoll aufschluchzte. Alea war ihre einzige wirkliche Freundin gewesen, ihre einzige Bezugsperson, die Einzige, der sie stets glaubte und bedingungslos vertraute. „Wir haben doch versprochen für immer aufeinander aufzupassen!“, keuchte Majalin nun in die kalte Finsternis des Kellers, ehe ihre Worte in einem Schluchzen untergingen. „Lass mich nicht allein… Bitte.“, fügte sie leiser an und schüttelte den leblosen Körper ihrer Freundin einmal. Ein Zittern durchlief Majalins Körper, dann befühlte sie mit dem Zeigefinger die geschlossenen Lider. Du warst mein Augenlicht, du hast mir die Welt der Farben näher gebracht, hast mein Leben bunt gemacht. Über die Nase strich sie mit dem kleinen Finger zu den kalten Lippen. Maja dachte an Aleas Lachen, ihre fröhliche Stimme, dachte an das Lächeln, das Aleas Stimme so unverkennbar freundlich und sanft gemacht hatte. Die Stimme, die ihr versprochen hatte, immer für sie da zu sein, die Stimme, die so gerne sang und lachte, die Stimme ihrer Freundin. Majalins Hände suchten die kleine Narbe an Aleas Daumen und fuhren mit den Fingerspitzen sanft darüber. Dann legte sie ihre Hand mit demselben Zeichen hinein. Ein letztes Mal strich Majalin Alea über den Schopf und küsste sie sanft auf den Haaransatz wie sie es jeden Abend tat, wenn sich die beiden Waisenkinder ein Versteck zum Schlafen gesucht hatten. Alea und Majalin, das Straßenmädchen und die Blinde, die Waisen, zusammen aufgewachsen, zusammen geschweißt vom Leben, zusammen gehalten in schlechten Zeiten, zusammen gelacht in guten Zeiten, auseinander gerissen vom Schicksal.
Die Klänge der Harfe erfüllten den kalten Kellerraum und mit Tränen erstickter Stimme sang Majalin ihrer Freundin ein letztes Mal ihr liebstes Schlaflied.
Majalin war tot, sie war mit Alea gestorben, war mit ihr begraben worden, lag mit ihr auf dem Boden des Sargs verschüttet von der Erde. Alle Träume, alle Wünsche und Hoffnungen waren zerschellt, zersprungen, verloren – unzählige Scherben. Majalin war unfähig, unwillig sie zusammenzusetzen, weigerte sich zu leben, weigerte sich zu glauben. Dies sollte also die Freiheit sein, das versprochene Gut, das Dasein? Wie nur… wie, warum? Hatte es ein junges Mädchen wie Alea verdient zu sterben? Sie war eingestanden für eine Freundin, hatte diese geschützt und dafür den eisigen Tod geerntet. War das der hoch gepriesene Ausgleich der Gerechtigkeit? Warum hatte Alea nicht einmal in ihrem Leben die Geborgenheit erfahren, die sie doch so verdient hatte? Majalin war wütend, wütend auf die Welt, die schreiende Ungerechtigkeit, auf die Kälte, die ihre Freundin nun in ihren klammen Händen hielt, wütend auf ihr eigenes Unvermögen. „Ich habe geschworen dich zu beschützen, immer für dich da zu sein.“, schrie sie in die Nebel des Friedhofs. Eine Antwort folgte nicht, würde nie folgen. Nur Stille. Nur Schmerz. Scherben.
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Verfasst: Samstag 2. April 2011, 23:37
von Majalin
Kapitel 10: Im Nebel
Tage kamen und gingen. Wochen eilten vorüber. Majalin zog sich immer mehr in sich selbst zurück und hing ihren düsteren Gedanken nach. Sie wähnte, ihre Seele wäre mit Alea zusammengewachsen und zerrissen. Ihr innigster Wunsch war zu sterben, ihr zu folgen und sie hatte auch den Glauben daran. Welchen Sinn hatte sie noch im Leben, wohin sich wenden, was tun? Stundenlang saß sie allein an dem Grab und sprach mit ihrer Freundin als säße diese noch vor ihr. Alea, ihre Verlorene, hat der Todessturm viel zu früh vom Baum geweht. Was hätte ihr Geist der Welt noch für Gaben bringen können, wie viel Glück hätte ihr Herz noch zu spenden gehabt? Die Trauer, dies erfuhr die junge Blinde nun quälend, konnte ebenso innig sein wie die Liebe.
Sie ließ sich treiben von der Zeit, war taub und stumm, ablehnend gegenüber dem Leben und dem Heil. Das Leben lockte mit falscher, verstellter Stimme; lockt immer doch nur sich selber, hüllt sich in sich selbst, wie die Wärme sich hüllt in Wärme vor dem Frost. Aber der Frost hielt Einzug in den Landen, der Herbst ging über in den Winter. Häufig besuchte Majalin Bravan in der Zeit, er war ebenso gebrochen wie sie selbst. Er gab sich die Schuld an Aleas Tod, glaubte er hätte sie besser beschützen müssen. Majalin wusste, dass Alea das gar nicht gewollt, gar nicht zugelassen hätte. Sie war wie der Wind gewesen, frei und ungezähmt, so hatte sie gelebt, so hatte sie ihre Entscheidung getroffen und so war sie gestorben. Majalin wusste auch, dass Alea niemandem je einen Vorwurf gemacht hätte für ihren Tod, doch was wiegt dieses Bewusstsein auf einem kranken Herzen? In ihrem Schmerz verbündeten sich Bravan und Majalin gegen die Welt, als Geschwister. Bravan wurde für sie von der unerreichten, kindlichen Schwärmerei zum großen Bruder und somit zu einem echten Vertrauten. Majalin bemerkte auch alsbald, dass sie eine der wenigen, wenn nicht gar die Einzige war, die es vermochte Bravan zu besänftigen und zu ihm vorzudringen. Vermutlich ein Umstand, der auf Gegenseitigkeit beruhte. Trotzdem stürzte sich Bravan in die Arbeit, um zu vergessen, um sich beschäftigt zu halten und gründete eine Gemeinschaft.
Majalin jedoch lebte im Nebel, streifte durch die Lande. Stets versuchte sie sich an die Regel zu halten, die sich die Freundinnen auferlegt hatten: Besser man gewöhnt sich nicht an ein Bett! Der Winter war hart, weshalb sie doch auf angebotene Hilfe zurückgriff, schlief ab und an in Zoe’s Heilerhaus, bei Lili oder im Haus von Bravans Gemeinschaft, aber niemals konnte sie sich irgendwo heimisch fühlen. Die Zeit floh in Wolken vor ihr her…
Es war ein trüber Nachmittag im Winter, Majalin war zu Besuch auf Lameriast bei Bravan und seiner Gemeinschaft. Ihre Mitglieder waren freundlich zu ihr, höflich, bisweilen gar zuvorkommend. Insbesondere der Schütze suchte beständig die Unterhaltung und das Zusammentreffen mit Majalin, stetig überwacht von Bravans achtsamen Blicken, der seine kleine Schwester hütete wie ein Bluthund. Heute jedoch war er beschäftigt und so geleitete der Schütze das blinde Mädchen zum Schiff. Auf halbem Weg ergriff er ihre Hand und brachte sie so dazu innezuhalten. „Maja, ich…“, begann er mit unsicherer Stimme. Es dauerte einige Augenblicke, ehe er fortfuhr. „Ich habe mich in dich verliebt.“, brachte er schließlich heraus. „Du.. was?“, war das Einzige, was Majalin darauf erwidern konnte. Mit einem Satz hatte das Leben sie unnachgiebig dazu gezwungen ihren Kopf aus der Betäubung zu heben und der Gegenwart ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Verliebt? In sie? Sie konnte seine Befangenheit spüren, seine Sorge fühlen, seine Aufrichtigkeit. Und ich? Kann ich ihn lieben, kann ich ihm vertrauen? Bin ich überhaupt bereit dazu jemanden anzunehmen? Er ließ ihr die Zeit, um die sie bat. Würde er sie verlassen wie all die anderen Menschen in ihrem Leben, an die sie ihr Herz gehängt hatte? Zerstörter zurücklassen als sie es zuvor gewesen war? Tagelang grübelte das Mädchen bis sie schließlich zu einer Einsicht gelangte: Ein Leben, bei dem nicht von Zeit zu Zeit alles auf dem Spiel steht, ist nichts wert. Vielleicht war nun eben einfach der Zeitpunkt gekommen dem Leben und seinen Lockungen nicht mehr zu entsagen. Der rechte Anlass…
Sie trafen sich, sprachen. Eine sachte Annäherung, eine erste Umarmung, Aufbauen. Eingedenk ihres Versprechens brachte sie ihn zum Grab und stellte ihn vor. Die Treffen waren selten, er fand eine neue Berufung, die ihm nicht viel Ausgang gewährte. Er habe ein Auge auf sie, versicherte er. Nach wenigen Monden verschwand auch er im Nebel der Zeit wie viele vor ihm und viele folgten ihm - Zoe, Norah, Aviva… Entschwunden, verloren. Echos, wieder Betäubung, Apathie.
Kapitel 11: Wie man Wurzeln schlägt
Unbemerkt war der Frühling in den Sommer übergegangen. Majalin lebte bei Amelie Toberen und ihrer kleinen Tochter, um die sie sich mit Freuden kümmerte. Das blinde Mädchen half der Schneiderin bei den alltäglich anfallenden Aufgaben in Haus und Hof. Obgleich eine stetige Trauer sie umfangen hielt wie ein Mantel, fühlte sie eine wohlige Stille in sich. Es gab nichts, worüber sie sich Gedanken machen musste, nichts, wofür sie kämpfen musste oder straucheln. Amelie gab ihr ein beruhigendes Gefühl von Zuversicht und Sicherheit. Kurzum, sie schwelgte in schweigender Bedeutungslosigkeit.
Die letzten wärmenden Strahlen der versinkenden Sonne strichen Majalin über die Haut. Sie saß im Gras am Rande der Küste Adorans und, während sie gedankenverloren über die Saiten ihrer kleinen Harfe fuhr, lauschte sie dem weichen Rauschen der Wellen und genoss den sanften Wind, der sich in ihren Locken fing. Leise summte sie zu der Melodie, die dem Instrument entrann. Zwar war sie weit entfernt von einer Meisterschaft in diesen Spielkünsten, doch konnte sie von sich behaupten nicht unbegabt zu sein und nicht zuletzt war das Musizieren eines der wenigen Dinge, die dem Mädchen noch Freude bereitete und ihr ein Gefühl von Sinn im Leben gab. Die Sonne versank im Meer und lange Schatten krochen durch die Gassen der Stadt, als Majalin von entfernten Schritten und Stimmen aus ihrer Trägheit gerissen wurde. „Bist du sicher, dass wir diesmal richtig sind, Vefa?“, ertönte eine junge, weibliche Stimme, Majalin glaubte Aufregung herauszuhören. „Ja, Selene, sei nicht so ungeduldig…“, antwortete eine weiche Stimme, deutlich älter offenbar, ein Lächeln lag in den Worten, „Da, seht nur.“ Die Schritte verstummten einige Längen von Majalin entfernt, sie wand den Kopf. Eine flüchtige Brise trieb Majalin den feinen Duft von Kräutern in die Nase. „Das ist sie.“, murmelte die ältere Frau, Zufriedenheit und stille Freude lag in ihren Worten. „Das ist sie? Unsre junge Schwester?“, versicherte sich eine andere jugendlich klingende Frau aufgeregt, „Ooh, das ist so toll!“ Worüber bei allen Göttern sprachen die drei Frauen? Sie selbst konnten sie wohl kaum meinen. Einige Male wand Majalin den Kopf, konnte aber keine weitere Person in ihrer Nähe ausmachen. Schon vernahm sie eilige Schritte, die auf sie zukamen. „Ich bin Talira. Es freut mich so, dass wir dich endlich gefunden haben. Wir haben dich ganz schön lange gesucht!“, plapperte das Mädchen freudig auf sie ein. „Eeemm… Wer… wer seid ihr?“, gatzte die junge Blinde, sie hörte wie sich auch die beiden anderen Frauen näherten. „Langsam, Mädchen.“, bremste die ältere Frau jene Talira mild, wand sich dann aber wieder Majalin zu, „Mein Name ist Gjinovefa, aber nenn mich lieber Vefa, das ist nicht so kompliziert. Wie heißt du?“ Verwirrt legte das blinde Mädchen ihre Harfe zur Seite und erhob sich. „Ich bin Majalin.“, stellte sie sich dann zögerlich vor, sie vernahm das Lächeln auf den Lippen der älteren Frau namens Vefa: „Nun, Majalin, es freut uns sehr dich kennenzulernen. Du bist bestimmt ganz schön verwundert über unserem Überfall. Aber es gibt einen Grund, einen ganz besonderen Grund, denn du bist jemand ganz besonderes.“ „Ich? Jemand besonderes? Das… mh, bestimmt verwechselt ihr mich. Ich bin nur… ich.“ Ein fröhliches, glockenhelles Lachen entwand sich der Kehle Vefas, es klang eher wie das Lachen eines jungen Mädchens, dann schüttelte sie den Kopf. „Ja, du bist du und genau deswegen etwas ganz besonderes. Wir sind die Schwesternschaft und du… bist dazu bestimmt ein Teil davon zu werden.“
In den folgenden Stundenläufen erfuhr Majalin vieles über die Schwesternschaft, ihren Ursprung, ihre Geschichte. Paia und die Saat, eine Zeit der Fülle und Offenheit, eine Phase des Verbergens, der Furcht, die „lange Dunkelheit“. Sie hörte von dem Gleichgewicht, den Aufgaben der Schwesternschaft in den Gefügen der Schöpfung, ihren Fähigkeiten, der Gemeinschaft. Und sie lernte, dass sie geboren war, um dieses Schicksal zu erfüllen. Nur eine Frage gab es noch: „Willst du mit uns kommen und unsere Schwester werden?“ Es war keine Frage für Majalin, es war ein Geschenk. „Ja, ich komme mit euch.“, antwortete sie ohne Zögern.
Der Nebel hob sich langsam. Die kommenden Tage lebte die junge Erwachende wie in einem seligen Traum. Sie hatte ihr Leben verloren und nun ein neues geschenkt bekommen, einen Sinn in ihrem Sein erhalten. Majalin erlebte, dass die Schwesternschaft ein Teil ihrer Selbst war, dass sie niemals verlassen sein würde, dass sie ein Heim gefunden hatte, ein Heim, welches sie immer in sich selbst trug. Sie erlernte Vertrauen zu haben in sich und ihre Schwestern, gab dem Leben nach und schlug Wurzeln.
Verfasst: Montag 18. April 2011, 01:33
von Majalin
Kapitel 12: Schwestern
Der frühe Morgen war kühl und der Tau frisch, als die Erwachte sich in eine dünne Decke hüllte und durch den Hain der Schwesternschaft schlenderte. So früh am Tag war es noch still um sie her, von der Ferne vernahm sie das Wiehern eines Pferdes. Trotz des ersten Winterhauchs war sie barfuss, genoss das feuchte Gras wie es zwischen ihren Zehen hindurch strich. Die bloße, pulsierende Innigkeit der Erde unter ihren Füßen wärmte sie, gab ihr allen Schutz, den sie benötigte. Heilsam strömte die Morgenluft in ihre Lungen und belebte ihre Glieder und ihren Geist. An der Küste des Meeres hielt sie schließlich inne und genoss stillschweigend die ersten linden Sonnenstrahlen, den salzigen Geschmack der Böen, die über das Wasser herangetragen wurden, und das gurgelnde Geräusch der Wellen.
Seit einigen Mondläufen lebte sie nun in der Umarmung der Schwesternschaft, war zu einem Teil davon herangewachsen. Obgleich ihre Entscheidung bestimmt gewesen war, sie niemals daran gezweifelt hatte, war die erste Zeit, das Einleben bisweilen befremdlich gewesen. So viel Neues, Außergewöhnliches und Seltsames strömte auf Majalin ein, dass sie zu Beginn gar nicht wusste, wo ihr der Kopf stand. Mit einem Lächeln erinnerte sie sich heute wie sie vordem gekämpft hatte mit Kräuterwirkungen, mit der Eigenschaft des Liedes, mit den Grundsätzen des Gleichgewichts. Doch, ach, welch Offenbarung war es für sie gewesen, als sie die Melodien endlich wahrnahm, als sich alles zu einem verständlichen… nein, berauschenden Ganzen formte, als jedes Reh, jeder Baum, jedes Kraut, jeder einzelne bebende, zitternde und pulsierende Lebensfunke einen Sinn, einen Charakter erhielt. Nach der langen Zeit des Schweigens, der Stille sprach die Welt zu ihr, sang zu ihr in unzählbaren Stimmen, laut und leise, schrill und sanft, hart, weich, liebevoll, bedrohlich, fröhlich und traurig, verführerisch oder abstoßend. Mit diesem Verständnis lernte sie auch Zusammenhänge zu knüpfen, zwischen Lebewesen, den Elementen, zwischen dem Stein am Boden und den Wolken im Himmel. Und noch immer umfasste ihr Herz und ihren Geist tagtäglich die Verwunderung wie wenig sie bisher wusste, wie wenig sie verstanden hatte, welch Weltmeer an Aufklärung, Erkenntnis und Macht noch vor ihren Füßen lag. Jeden Tag sammelte sie einen weiteren Tropfen dieses Meeres, sog ihn gierig in sich auf, gab sich dem Lernen und Studieren ganz hin. Und neben diesem unbändigen Wissensdurst, dem emsigen Arbeiten gab es nun auch zahlreiche andere, willkommene Anker, Lichtblicke in Majalins Leben: ihre Schwestern.
Vefa. Die ältere, sanfte Frau war Majalin in kürzester Zeit ans Herz gewachsen. Aus der ersten zaghaften Sympathie war eine nahezu glühende Bewunderung und Zuneigung erwachsen. Obgleich sich Vefa nicht häufig auf der Sumpfinsel aufhielt, schien es der jungen Erwachten als sehe und höre die Ältere alles, wüsste stets was auf der Insel und in ihren Schutzbefohlenen vorginge, als wäre ihre Präsenz, ihre Aura immer um die Schwestern herum. Zudem war Majalin über die Maßen beeindruckt, welch Wissen, Stärke und Ausstrahlungskraft in der schmalen, kleinen, runzligen Gestalt wohnte. Vefa war der Inbegriff des Ausspruches: Echte Macht lässt sich nicht am Erscheinungsbild einer Person ermessen. Und im Gegensatz zu ihrem Alter, ihrer Reife und Bedeutung hatte sich Vefa jenen verspielten, fröhlich flackernden Funken eines jugendlichen Mädchens bewahrt. Dunkel erinnerte sich Majalin an eine Aussage ihres Vaters: „Wahre Jugend ist eine Eigenschaft, die sich nur mit den Jahren erwerben lässt.“ Ja, Vefa war wahrlich jugendlich und Majalin liebte… vergötterte diese ihre Lehrerin, ihre Verbündete, ihre Schwester.
Selene. Das junge, feinfühlige Mädchen war eine der ersten Schwestern, die Majalin in ihrem neuen Leben kennengelernt hatte. Wie die Erwachte erfuhr war Selene ein Albino, eine Farblose, versehen mit Haar und Haut wie Schnee und rötlich schimmernden Augen. Selbstverständlich hatte das für die junge Blinde selbst keinerlei Bedeutung, doch erlernte sie durch den Umgang, den Sehende mit Selene pflegten, dass „Andere“ wie die Albino oder sie selbst mit ihren nebelverhangenen Augen oftmals härter und beharrlicher für Achtung und Akzeptanz kämpfen mussten. Selene war es auch, die Majalin zu Beginn ihrer Ausbildung immer wieder ermutigte, stützte, rettete und lehrte. Und dies nicht nur in den Belangen der Schwesternschaft, sondern auch in persönlicher Beziehung. Endlich konnte das Mädchen ihre Blindheit akzeptieren, mehr als das, sich selbst als jemand Besonderen betrachten. Durch Selenes Worte vermochte sie sich nach vielen Monden des bitteren Wartens von dem Schützen loszusagen, ihr Herz loszusagen von der verlorenen Hoffnung. Mit ihrem fröhlichen, flatternden, tanzenden Charakter entriss sie Majalin täglich mehr und mehr ihrer dumpfen Welt und zeigte… nein, teilte mit ihr neue, spannende und herzstärkende Pfade.
Hanna. Zunächst scheu und schüchtern, verunsichert und zerstreut trat die Jugendliche auf. Majalin fühlte sich bei ihrer ersten Begegnung sogleich an sich selbst erinnert, an ihre Ängste und Sorgen in der ersten Zeit auf Gerimor. Nicht selten äußerte Hanna so etwas wie: „Ich bin halt einfach plump und hässlich!“ Das war sie nicht, nicht für Majalin. Zauberhaft und sanft, elegant in ihren Worten, liebenswert tölpelhaft bisweilen, doch erfüllt von einem solch mitreißenden Strahlen, solch gefühlvoller Lebendigkeit, dass Majalin sich bisweilen fragen musste, mit welcher Blindheit die Menschen durch ihr Leben stolperten, diese Schönheit nicht zu erkennen, nicht von dem Leuchten, das sie umgab, entzündet zu werden. Sie selbst erkannte es, wurde entzündet, liebte sie schlicht. Hanna wurde ihr zu einem Zwilling in der Schwesternschaft, vom Herzen erwählt, vom Geist bestärkt. Unausgesprochen die Bindung zwischen ihnen, Worten waren überflüssig, wenn die Erde selbst das Band knüpft. Mit Hanna an ihrer Seite, das fühlte Majalin mit jugendlicher Gewissheit, konnte sie Berge versetzen, eines Tages gewiss auch wortwörtlich. Stets an deiner Seite, wenn du meinen Beistand brauchst, stets in deinem Rücken, wenn du meine Stütze benötigst, stets vor dir, wenn mein Schutz vonnöten ist, liebste kleine Schwester…
Cara. Ein schwebender Funken, leicht tanzt er durch die Welt, ungebändigt, ungeschliffen, doch bereit innezuhalten und eine Hand darzureichen für diejenigen, die in ihrem Herzen sind. Cara war bisweilen schusselig, ein wenig kopflos, doch auf eine durchweg charmante Art und Weise. Offen gegenüber der Welt, ihren Menschen, neugierig auf alles. Majalin schätzte ihre Gabe vieles mit verspielter Leichtigkeit zu nehmen, bewunderte ihre Art sich dem Leben so bewusst hinzugeben. Ja wahrlich, oftmals musste sie zurückgehalten werden, erinnert werden, nicht zu schnell vorwärts zu stürmen, sich ihren Gefühlen nicht zu sehr aufzuopfern. Doch trug sie auch eine weiche, mitfühlende und verletzliche Seite in sich, die sie mit ihren Schwestern offen teilte. Cara war einfühlend, liebevoll, immer an Majalin Seite, wenn sie spürte, dass ihr Beistand von Nöten war und schaffte es stets ein Lächeln auf ihre Lippen zu zeichnen mit ihrer bedingungslosen Wärme, mit ihrer lodernden Lebensfreude. Cara vereinte so konträre Charakterzüge in sich, dass deren Vereinigung nur als Kunstwerk bezeichnet werden konnte: temperamentvoll und sanft, hitzköpfig, stur und einfühlsam, ein echtes Kind des Feuers eben.
Vanya. Zurückhaltend und ruhig, feinfühlig und besinnend, so hatte Majalin diese ihre Schwester kennengelernt. Vanyas Charakter ließ die junge Blinde immer an die Schönheit des Winters denken; die heilige Stille, die sich über die Länder und durch die Auen zog, wenn der jungfräuliche Schnee den Boden einhüllt, der reine, klare Duft, der des Nachts durch die Baumwipfel streift und sie zum Erzittern bringt, das fühlende Bewusstsein, dass die Welt bedeckt ist, geschützt, beruhigt, friedlich wartend. Majalin schätzte Vanyas tröstliche Gabe zuzuhören und durch gezielte Fragen einen Pfad zu offenbaren, der zuvor so verworren und verdeckt gewesen war. Vanya erfüllte oftmals eine Reife, ja eher jugendliche Weisheit, die manchmal so schwerlich zu dem wahren Alter des Mädchens passen wollte. Nur ab und an schimmerte jenes Mädchen durch die Oberfläche, jenes zarte, helle Herz, wenn sie überfordert wurde, wenn sie verletzt war. Majalin kam nicht umhin sich selbst zu fragen, in welche Seelenfarben, in welch atemberaubenden Lichtern Vanya leuchten würde, wenn die schützende Decke geschmolzen war.
Ein heftiger Windstoß riss Majalin aus ihren Gedanken, von der Ferne vernahm sie das Geklapper von Geschirr aus dem Gemeinschaftshaus und ein Lächeln huschte über ihre Lippen. Alsbald würde der Duft nach frischem Kräutertee in ihre Nase steigen, sie würde den Ruf ihrer Schwester hören, sie würden gemeinsam frühstücken und sich unterhalten. Mit einem Schmunzeln bemerkte Majalin wie rasch sich die Gewohnheit in das Leben schlich, ungefragt, erst bemerkt, wenn sie bereits da war. Und wie willkommen diese in ihrem Herzen war. Gewohnheit und Heimat. Ja, zum ersten Mal seit langer Zeit konnte sie mit Überzeugung von einer Heimat sprechen, nicht die Steine, die Holzbalken, nicht das Herdfeuer oder die Schlafstatt. Die Heimat der Stimmen, des Verstehens, der Zuneigung, die Heimat des Vertrauens, ihrer Schwestern. Leise flüsterte sie gegen den auffrischenden Wind: „Heimat kann man nicht vererben. Sie ist in meinem Kopf. Und sie ist in meiner Seele.“
Verfasst: Samstag 7. Mai 2011, 17:31
von Majalin
Kapitel 13: Wolfsherz
Stimmen im Nebel, nur ein Hauch, ein Echo, Rufe: „Mein kleiner Stern, weine nicht. Jeder muss eines Tages diesen Weg gehen, es ist nicht das Ende, es ist nur ein neuer Pfad… immer bei dir sein, in deinem Herzen… Herzen…“ Ein entferntes Rauschen, dann schwellen die Rufe wieder: „Du bist meine Schwester, wir passen für immer und ewig aufeinander auf… lassen uns niemals nich’ im Stich. Du musst mich finden. Finde mich… mich…“ Majalin stöhnte leise, griff um sich nach den Stimmen, nach den Schemen, denen ihr Herz gehörte. „Ich habe mich in dich verliebt… verliebt.“, echote eine andere Stimme, versank wie die vorherigen in dem Nebel der Laute. „Mein Herz sagt mir es ist an der Zeit. Ich habe so viel verloren, ich sollte zu ihnen gehen…“, erklang eine nähere Stimme, gebrochen und müde. „NEIN! Ich entbehre dich nicht, niemals werde ich dich einfach gehen lassen ohne Kampf!“ Trotz wallte in Majalin auf, Wut und Entschlossenheit. „Ich vertraue dir, Maja. Du sollst deine Chance haben… Chance haben…“ Fahrig griff sie nach den Rufen, versuchte die zu fassen, die ihr schon so lange entglitten, die schon so lange verloren. Mutter, Vater… Alea… Radolf, Zoe, Norah. „In deinem Herzen… Herzen… - musst mich finden… finden… - mich in dich verliebt… verliebt…“ Es schien als wollten die Stimmen sie ärgern, sie verhöhnen. Verzweifelt wand sie sich in ihrer Dunkelheit, tastete nach Schatten, nach Illusionen, rief nach ihnen und verzweifelte.
Schweißgebadet fuhr Majalin hoch und fasste in das Schweigen. Nur sehr langsam konnte sie die Traumgebilde abschütteln, erst nach einiger Zeit das Zittern unterdrücken, das über ihre Haut huschte. Zahlreiche flatternde Herzschläge später nahm sie die Umgebung wieder bewusster wahr, hörte das ruhige Atmen ihrer Schwestern um sich herum, die Geräusche der Nacht. „Es war nur ein Traum, Maja, nur ein Traum“, redete sie sich selbst ein. Und trotzdem… ein klammes Gefühl blieb und umfasste ihr Herz mit kühlen Fingern.
Bedächtig schob sie die Decken von ihrem Körper, an Schlaf war nicht mehr zu denken. An diesem Abend war es soweit, sie würde ihre Chance erhalten, ihre einzige Chance den großen Bruder zu retten. Auf Zehenspitzen schlich sie sich aus dem Schlafzimmer und huschte die Stufen hinunter. Erst als ihr der angenehme, beruhigende Duft eines dampfenden Kräutertees in die Nase stieg, fühlte sie die Auswirkungen ihrer nächtlichen Heimsuchung etwas schwinden. Trotzdem konnte sie das vor Aufregung und Sorge pochende Herz nicht ganz zur Ruhe bringen, das leichte Zittern ihrer Hände nicht vollkommen unterdrücken. Wenn Du versagst, wird dies sein Schicksal besiegeln, er wird sterben… vergehen wie ein Echo im Wind.
Sie erinnerte sich wie sie nach seinen Händen gegriffen hatte, sie waren rau, groß, von Schwielen bedeckt, die Hände eines Kriegers, sie waren kalt… eisig. „Maja, mein Herz, es ist schwach. Ein Heiler sagte es mir, es befördert nicht mehr das Blut durch meine Adern, nicht mehr so wie es dies tun sollte.“ Sie erinnerte sich ihrer eigenen Ungläubigkeit. Ihr großer Bruder, ihr Fels in der Brandung, er war groß und stark, ein Kämpfer, ein Held, in ihrer Vorstellung unverwundbar und ewig. „Ich bin müde, so unendlich müde. Mein Herz sagt mir es ist an der Zeit. Ich habe so viel verloren, ich sollte zu ihnen gehen…“, erklang seine Stimme gebrochen und belegt. Wie eine Woge überspülte Majalin die Angst, die Panik und Tränen stiegen unvermittelt in ihre Augen. „Aber… du kannst mich nicht verlassen! Nicht du auch noch, du kannst… du darfst nicht gehen, ich brauche dich!“ Sie vernahm das traurige Lächeln in seiner Stimme, als er antwortete: „Du brauchst mich nicht, Maja. Du bist erwachsen geworden, du hast deine Bestimmung gefunden. Ich bin so stolz darauf, was aus dir geworden ist. Nein, du brauchst mich nicht mehr. Es gibt keine Heilung mehr für mich. Lass mich gehen…“ Die Heftigkeit ihrer eigenen Wut überraschte sie, als sie ausrief: „Mögen die Götter haben, wen sie schon von mir genommen! Aber nun, da ich die Wahl habe, werde ich keinen weiteren von mir reißen lassen, um den ich noch kämpfen kann!“ Ein mitfühlender Unterton lag in seinen Worten: „Maja, mein Liebstes, es gibt wenig, was du tun kannst… Dein Verlust wird nur größer sein, wenn du den Kampf verlierst.“ „NEIN! Ich entbehre dich nicht, niemals werde ich dich einfach gehen lassen ohne Kampf! Ich bin nicht geschlagen, ich bin nicht machtlos, ich lehne mich gegen die Götter, gegen die Welt, gegen das Schicksal, wenn es sein muss. Ich werde solange einstehen bis der letzte Atemzug deine Lippen verlässt, ich werde dich retten!“, rief sie entschlossen aus. Ihr Körper bebte vor Standhaftigkeit, unnachgiebig und leidenschaftlich. Und wenn sich die Abgründe aller Dämonen der Schöpfung vor ihr auftaten, sie würde sie durchschreiten, wenn die mächtigste Kälte den Himmel umklammerte, sie würde ihn mit einem winzigen Funken in Brand stecken, doch niemals würde sie dulden, dass er ihr genommen würde, genommen ohne Schlacht. Liebevoll umfasste er ihre zitternden Hände, als er mit sanfter Stimme flüsterte: „Ich vertraue dir, Maja. Wenn du dies so sehr begehrst, gewähre ich dir die Möglichkeit. Du sollst deine Chance haben…“
Tage vergingen. Mit ihren Schwestern durchwühlte sie die Bücher auf der Insel, suchte nach Hinweisen, nach Heilungen – vergeblich. Sie würde selbst ihren Weg finden müssen. Entsprach ihr Wunsch ihren Bruder zu retten überhaupt dem Gleichgewicht der Welt? Welchen Ausgleich konnte sie bieten? Ein Leben fordert ein Leben. Dies war die Antwort, die sogleich neue Fragen mit sich brachte: Welches Echo bestärkt eine schwindende Melodie? Und, stand es ihr überhaupt zu über Leben und Tod zu entscheiden? Würde sie die Kraft haben dieses Urteil zu fällen? Wer den Rechtsspruch fällt, muss auch das Schwert heben. Lange brütete sie über all den Fragen, über all den möglichen Antworten. Doch eine Tatsache blieb unumstößlich, ihre Zuneigung war stärker als alle Zweifel, als alle Zweifel es je sein würden. „So hebe ich das Schwert in Ehrfurcht.“, flüsterte sie in die Kälte der aufkommenden Nacht. Ihre Entscheidung war gefallen.
Der entscheidende Tag zog sich schier endlos hin. Noch vor dem Mittag hatte sie alles vorbereitet, doch unaufhörlich ging sie im Kopf alles wieder und wieder durch. Sie kannte bereits die Unruhe vor den Ritualen, die Appetitlosigkeit und pochenden Kopfschmerzen, doch zwang sie ihren Körper unter ihren Willen. Sie musste einen klaren Kopf bewahren! Am Nachmittag brach sie auf, um den bestellten, unbenutzten Silberdolch vom Schmied zu holen, wie es vereinbart war. Er war nicht da. Panik stieg in ihr auf und die Furcht drohte sie schon die Kontrolle verlieren zu lassen, als sie eine angenehm, brummelnde Stimme vernahm: „Tach, Kindchen.“ Ingosch! Unter Tränen berichtete Majalin ihm, dass sie dringend einen unbenutzten Dolch benötigte, dass ein Leben davon abhängen würde und der Priester des Bergvaters rettete sie, rettete das Vorhaben. Er schenkte ihr einen seiner letzten Meisterwerke, ein jungfräulicher Dolch geschmiedet aus Diamant. Majalin konnte ihre Dankbarkeit in Worten kaum ausdrücken, Ingosch jedoch schien sich einfach nur zu freuen, dass seine Arbeit und Güte in solch überschwänglicher Weise gewürdigt wurden. Eilig hastete die junge Blinde zurück zur Insel.
Gereinigt und in der Robe der Schwesternschaft gewandet, wartete Majalin an der Brücke auf ihren großen Bruder. Mit der eisigen Kälte der winterlichen Dämmerung war die Klarheit in ihren Geist gespült worden. Trotz des Schnees unter ihren bloßen Füßen fror sie nicht, die Eiskristalle, die sich mit der Zeit in ihren feuchten Haaren bildeten, nahm sie nicht wahr. Ihre Schwestern warteten am vorbereiteten Platz, der Wolf, dessen Leben heute ausgetauscht werden würde, ruhte im Kreis. Majalin hatte ihn betäubt, er sollte keine Schmerzen erdulden müssen. Ihr Bruder hatte ihr geschworen zu niemandem jemals über das zu sprechen, was sich in der heutigen Nacht ereignen würde. Eine Garantie für seine Worte gab es nicht, doch sie vertraute ihm. Ebenso wie er Majalin vertraute, er legte sein Leben in ihre Hände. Obgleich das Mädchen das Ritual genau geplant hatte, bangte sie ob der möglichen Folgen, sie konnte nicht absehen, was genau passieren würde. Dieses Wirken würde seine eigene Dynamik entwickeln, in den natürlichen Fluss des Lebens einzugreifen war mehr als kühn. Aber es war zu spät für Zweifel, sie hatte ihre Entscheidung getroffen. Und ihre Schwestern standen ihr bei, würden sie vor dem Abgrund bewahren, der ihr möglicherweise bevorstand.
Einige Zeit später vernahm sie die schweren, knirschenden Schritte des herannahenden Kriegers, an der Art wie sie verstummten konnte sie erkennen, dass er stockte, als er sie erblickte. Nur karge Worte wurden gewechselt, dann reichte sie ihm die unbenutzte Robe, die er tragen musste. Sie wartete auf ihn bis er sich umgezogen hatte. Er umfing sie mit seinen Armen und drückte sie sanft an sich. „Maja, ich vertraue dir. Aber wenn es zu gefährlich wird, lass mich gehen, bitte. Ich würde mir nie verzeihen, wenn auch dir etwas zustoßen würde.“, flüsterte er ihr zu, seiner Stimme konnte Majalin entnehmen, dass es ihm damit bitterernst war. „Alles wird gut werden!“, antwortete sie mit einer Überzeugung in der Stimme, die sie selbst nicht spürte. Gemeinsam gingen sie zum Kreis, ihre Schwestern warteten still. Stumm nahm sie ihren Platz in der Mitte ein, wies ihrem Bruder den seinen, auf der gegenüberliegenden Seite des betäubten Wolfes, und reichte ihm ein Mittel, das seinen Geist entrücken und die bevorstehenden Schmerzen erträglicher machen würde. Einige Male atmete sie tief durch, versuchte ihre Zweifel zu verdrängen und sendete ein letztes Bittgebet an die Götter, die Geister und all jene Mächte, die ihr wohl gesonnen waren. Majalin spürte wie die eisige Luft um sie herum zu flirren und flimmern begann, aufgeladen von dem Wirken ihrer Schwestern. Vertrauensvoll ließ sie sich tiefer ins Lied sinken, spürte die zuversichtliche Wärme und geschätzte Stärke der Elemente, die gerufen worden waren. Sogleich begann sie die Fäden zu fügen, verband die Melodie des Wolfes mit der ihres Bruders. Obgleich sich die beiden Melodien unterschieden, konnte man eine gewisse Verwandtschaft darin erkennen. Erst als das Band fest genug war, schlug sie den Dolch aus einem Leinentuch und wand sich dem ruhenden Wolf zu. Sanft strich sie dem Tier durch das Fell und sie konnte nicht verhindern, dass Tränen in ihren Augen aufstiegen und in den Schnee stürzten. In den letzten Tagen hatte sie sich mit dem Wolf angefreundet, er vertraute ihr und sie würde ihn opfern, sie fühlte sich wie eine Verräterin. Sie beugte sich über ihn und flüsterte ihm leise ins Ohr: „Verzeih mir, mein Freund. Ich werde dein Andenken auf ewig bewahren und ehren. Mein unvergänglicher Dank wird dich zurück in das Lied begleiten…“ Sie presste die Lippen aufeinander und unterdrückte ein Schluchzen, dann hob sie den Dolch mit beiden Händen über der den Kopf und rammte ihn mittig in den Brustkorb des Wolfes. Kein Laut drang von dem sterbenden Tier, doch vernahm Majalin sein schmerzliches Jaulen im Lied und spürte sein Leid in ihrem Herzen. „Verzeih mir… verzeih mir…“, wiederholte sie erstickt flüsternd, während sie seinen Brustkorb aufschnitt. Das warme Blut des Wolfes sickerte in den Schnee, als Majalin sich zu ihrem Bruder umwand. Er befand sich in einem dämmrigen Zustand, sein Atem ging flach, doch sie spürte, dass sein entrückter Blick auf ihr ruhte. „Vertrau mir…“, hauchte sie leise, während sie den Dolch ein zweites Mal über den Kopf hob. Als die von Wolfsblut getränkte Klinge in seinen Körper fuhr, raubte der eigene Schmerz dem Mädchen den Atem. Wie durch dichten Nebel vernahm sie seinen gepeinigten Schrei. Überrascht bemerkte sie, dass sie selbst schrie, als sie unvermittelt von seinen Gefühlen überschwemmt wurde, dem reißenden Schmerz, der tiefen Qual, den Zweifeln und Ängsten. Doch spürte sie in jenem Augenblick auch seine Zuneigung, sein Vertrauen, seine Stärke… Sie blickte in sein Innerstes, in sein Herz, in seine Seele und drohte sich schon in ihrer Schönheit zu verlieren, als ein Zupfen im Lied sie erinnerte. Doch noch konnte sie sich nicht abkehren, sie weidete sich an dem Schimmern und Strahlen. Der Wunsch sich dieser Vollkommenheit hinzugeben wurde beinahe übermächtig, dies war ihr Abgrund. Wenn sie sich nicht abwandte, würde sie nicht wieder zurückkehren können und doch war es ihr in diesem Augenblick gleich. Vefas Melodie war es, die sie zwang umzukehren und verhinderte, dass Majalins Geist verloren ging. Heftig keuchte das Mädchen, der Schmerz blieb. Reiß dich zusammen, Maja, verdammt noch mal!, schalt sie sich selbst. Mit einem Schnitt öffnete sie den Brustkorb ihres Bruders oberflächlich. Sein Atem ging nun sehr langsam, sein Geist war weit entfernt. Sie trennte das noch immer schwach schlagende Herz des Wolfes aus dessen Brustkorb und bettete es auf die geöffnete Wunde des sterbenden Kriegers. Geschickt griff sie nach den silbernen Fäden, die sie zuvor geknüpft hatte und zog sie dichter und dichter aneinander. Mithilfe ihrer Schwestern verwob sie die Melodien, verband sie so fest, dass sie aneinander wachsen würden mit der Zeit.
Einzig die Narben wie von Wolfkrallen würden ewig auf seiner Brust prangen, erinnern an die Qual, erinnern an das Opfer. Ein Herz für ein Herz, ein Leben für ein Leben.
Verfasst: Mittwoch 1. Juni 2011, 20:03
von Majalin
Kapitel 14: Mit Speck fängt man Mäuse, mit Liedern Katzen
Bravan erholte sich rasch. Sein Körper nahm die gute Veränderung verlangend auf und bald pulsierte das Blut wieder kräftig durch seine Adern. Majalin wich nur selten von seiner Seite, pflegte seine Verletzung, die sie selbst geschlagen hatte. Doch mehr als ihre Sorge band sie nun an ihn, sie konnte nicht vergessen, was sie in ihm erblickt hatte, gierte nach ihrem Abgrund. Noch immer hallte das Echo seiner Empfindungen durch ihren Körper, sie spürte seine Stärke, teilte seine Qual und streifte seine Seele. Es war Wohltat und Fluch zugleich, manchmal weidete sie sich in ihm und bisweilen vermochte sie nicht mehr zwischen seinem Gefühl und ihrem zu unterscheiden. Stetig schwankte sie zwischen Verlangen und Bitternis, sie war sehnsüchtig, unstillbar, süchtig. Wie sie ihn liebte, wie sie nach ihm, nach seiner Seele gierte. Von Zeit zu Zeit klärte sich ihr Geist, erläuterte ihr selbst, dass es nur die Nachwirkungen des Rituals seien, dass es kein echtes Begehr war, keine echte Liebe. Danach stürzte sie sich selbst nur tiefer in den Abgrund, auf der Jagd nach der Hingabe, auf der Suche nach jener Vollkommenheit des verlorenen Augenblicks.
Es war ein lebloser Abend, der Schnee bedeckte die Welt und hüllte sie in andächtiges Schweigen. Auf samtenen Pfoten schlich Majalin nach Bajard, sie hatte die Gestalt einer Katze angenommen, zu schwer wog die Last der Menschlichkeit, der eigenen Schwäche, auf ihren Schultern. Von der Ferne vernahm sie Lachen und folgte dem Geräusch, mehrere Menschen saßen in der Taverne beisammen. Sie unterhielten sich, scherzten, allzu menschlich, allzu verlockend. Vorsichtig streifte sie am Zaun entlang, hielt sich in den Schatten und sog gierig die weichen, fröhlichen Töne in sich auf. „Guten Abend, Schönheit.“, erklang dann eine angenehme, sanfte und vertrauensvolle Stimme, in ihre Richtung gewand. Erschreckt wich sie einige Schritte zurück. „Nein, keine Angst. Du musst dich nicht fürchten…“, sprach der Mann beruhigend. Irgendetwas lag in seiner Intonation oder in seinen Worten, was Majalin daran hinderte zu fliehen. Stattdessen setzte sich die Katze einige Schritt von dem Tisch entfernt in den Schnee.
Etwa zwei Stundenläufe später lag sie zusammengerollt auf dem Schoß des Barden, die Mitte der Nacht war schon unlängst überschritten. Seine Begleiter waren bereits vor einiger Zeit aufgebrochen, trotzdem sprach er zu ihr, zu einer kleinen, streunenden Katze. Weniger seine Worte, als vielmehr die Güte und Linderung in seiner Stimme gewährten ihr Rast und ließen sie zur Ruhe kommen. Stetig strich er ihr über Kopf und Nacken, redete gedämpft mit ihr und erstmals seit dem Ritual fühlte sie sich nicht von ihrer Gier beherrscht. Mehr und mehr vertiefte sie sich in das Wesen ihrer Gestalt, doch war sie gewarnt. Sie wusste, sie würde sich bald wieder in einen Menschen verwandeln müssen, sonst lief sie Gefahr sich selbst in dem Tier zu verlieren. Nur noch ein klein bisschen länger… Mittlerweile sprach er nicht mehr, er sang ihr ein Lied. Ein Lied von Mäusen. Mmmh, Mäuse… Nein, Maja, reiß dich zusammen! Langsam setzte sie sich auf, er beugte sich etwas zu ihr und strich der Katze über die Seite. „Ungewöhnliche Augen hast du, Schönheit. Weit wie der Himmel an nebligen Tagen…“ Majalin blinzelte. „Fast als könntest du mich verstehen, hm?“ Abermals strich er ihr über die Seite und für einen kurzen, wankelmütigen Augenblick war sie versucht, sich einfach wieder auf seinem Schoß zusammenzurollen. Widerstrebend sprang sie von seinen Beinen in den Schnee. „Ja, du hast Recht, es ist schon spät.“, sprach er sanft, an der Tonlage seiner Stimme konnte sie erkennen, dass er lächelte. Stumm starrte sie zu ihm auf und verabschiedete sich wortlos: Mögen deine Pfade sicher sein, Tylendel, mein unwissender Retter. Er beugte sich zu ihr herab und strich ihr ein letztes Mal zwischen den Ohren entlang. „Hoffentlich kreuzen sich unsere Pfade bald wieder. Pass auf dich auf, Nebelauge.“ Ehe sie erneut ihre Schwäche in sich aufsteigen fühlen konnte, huschte sie auch schon davon und sprang mit großen Sätzen aus dem Dorf. Erst auf der Sumpfinsel hielt sie atemlos inne und wandelte ihre Form, doch kostete es sie einiges an Anstrengung und Kraft. Besser sie begegnete ihm nicht wieder, ihre Augen würden sie verraten. Nebelaugen.
Tage vergingen, ein, zwei Wochenläufe eilten vorbei. Majalin spürte wie die Sucht mehr und mehr verebbte, dennoch wurde sie von ihr immer wieder eingeholt. Es kam ihr vor, als fliehe sie atemlos, doch folge ihr ihre Schwäche mit langen Schritten und immerzu wenn ihr Schatten auf sie fiel, war sie unfähig sich zu regen und sie ergab sich ihr gefällig und ausgehungert. Wieder das Verlangen, wieder die Hingabe, die Gier, ehe sie sich selbst wieder aus dem Schatten wand und rannte… Bravan selbst mied sie, so gut es ihr möglich war, er musste nicht davon erfahren. Und sie lernte länger zu rennen, ausdauernder die Schatten zu umgehen, doch war sie noch unfähig sich aufzulehnen und dagegen anzukämpfen.
Noch immer lag der Schnee dicht auf der Welt, doch die Wintersonnenwende war vorbei und die Tage wurden wieder länger. Cara und Majalin saßen zusammen in der Schiffskombüse, es war warm, stickig sogar, denn viele Menschen hatten an diesem Abend den Weg in die Taverne gefunden. Viele Stimmen klangen um Majalin herum und es fiel ihr schwer sich auf die Worte ihrer Schwester zu konzentrieren. „Ich hol uns noch einen Wein, warte kurz, Maja.“, teilte ihr Cara mit, während sie schon aufsprang und Majalin vernahm ihre verklingenden Schritte in Richtung der Theke. Einige Zeit verstrich, zwischendurch hörte sie das fröhliche, ausgelassene Lachen ihrer Schwester durch den Dunst der Geräusche, offenbar hatte sie jemanden getroffen, einen Mann wie es klang. „Cara…“, rief sie nach ihr, doch wurde das Wort auf dem Weg verschluckt. Leise seufzte sie, abermals wurde die Tür geöffnet und weitere Menschen strömten ins Warme. Begrüßungen wurden laut, schließlich schwellten sie wieder ab zu einem unterschwelligen Stimmengewirr. Wiederum verstrich ein wenig Zeit. „Cara… Mein Wein!“, rief Majalin erneut, etwas verzweifelter diesmal, der ganze Lärm überforderte sie. Als für sie keine wahrnehmbare Reaktion erfolgte, drückte sie sich hoch. In jenem Augenblick erschall neuerlich Caras fröhliches Lachen und das blinde Mädchen steuerte leichtfertig darauf zu. Sie stolperte, strauchelte, sie fiel. Arme hielten sie. „Huch! Alles in Ordnung, Fräulein?“, erklang eine angenehme, sanfte Stimme, sie kannte sie. Erschreckt fuhr sie hoch und starrte mit weit aufgerissenen, stumpfen Augen in Tylendels Gesicht. Sie spürte wie er zauderte. Nein, nein! Du verrätst dich! Eilig senkte sie den Kopf. „Es geht mir gut, ich danke Euch.“, nuschelte sie hastig. Er schien gerade erst zu bemerken, dass er sie immer noch im Arm hielt, denn verlegen trat er einen Schritt zurück. „Entschuldigt…“, murmelte er etwas befangen. Eine peinliche Stille umfing sie, schließlich räusperte er sich: „Tylendel Vogelsang, mein Name, Barde und Geschichtenerzähler. Und mit wem habe ich das Vergnügen?“ „Majalin.“, antwortete sie gedämpft, ihr Gesicht war noch immer zu Boden gesenkt. Ob er mich erkannt hat? Nein, warum sollte er? Es sind nur die Augen, nichts sonst… Nur die Augen.
Wenig später saßen sie zusammen am Tisch und unterhielten sich. Er berichtete ihr von seiner Heimat, von seiner Berufung, von seinen Reisen. Sie selbst sprach nur wenig, hörte lieber zu. Es war wieder seine Stimme, die sie beruhigte. Im Laufe des Abends wurde es ruhiger in der Schiffskombüse, erst als sie allein waren bemerkte es Majalin. „Ich sollte gehen.“, beschloss sie kurzerhand. „Ihr habt Recht. Es ist schon spät.“ Für einen kurzen Moment durchströmte Majalin die Enttäuschung, dass er sie nicht bat zu bleiben. Bist du verrückt, Maja? Je länger du bleibst, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er dich doch noch erkennt. Lauf! In aller Form und Höflichkeit verabschiedeten sie sich. „Ich hoffe sehr Euch bald einmal wieder zu treffen, schönes Fräulein.“, fügte er freundlich an, der Unterton in seiner Stimme hoffnungsvoll und ernsthaft. Unwillkürlich huschte ein Lächeln über ihre Züge: „Das hoffe ich auch, Tylendel. Bis bald.“ Dann wand sie sich zum Gehen und hätte sich selbst schon wieder ohrfeigen können für ihre arglosen Worte. Denkst du eigentlich überhaupt noch nach, du dumme Sumpfdohle? Was hast du nur zur Zeit mit den Kerlen? Reiß dich mal wieder zusammen, werd‘ endlich erwachsen!
Es half alles nichts. Von diesem Abend an begegnete Majalin Tylendel regelmäßig. Sie vereinbarten es nicht, sie liefen sich einfach immer wieder über den Weg. Sie tranken Wein, sie unterhielten sich. Zwischen ihnen wuchs eine freundschaftliche Verbindung, eine stille Zuneigung und Vertrautheit. Bisweilen fragte Majalin sich, ob es nicht mehr war als das, eine Antwort blieb sie sich schuldig. Und auch Tylendel gab ihr keine, kein Anzeichen. Lass es ruhen, Maja. Sei mit dem zufrieden, was du hast. Es ist mehr als du dir je erträumen konntest! Doch ein schaler Nachgeschmack blieb, eine verborgene Enttäuschung.
Verfasst: Montag 27. Juni 2011, 21:17
von Majalin
Kapitel 15: Von Spielen, Ogern und der Zerrissenheit
Der Winter gab nicht nach, unnachgiebig krallte er sich in die Zeit. Die kühle Heiligkeit hatte sich gewandelt zu jener starren, frostigen Unerbittlichkeit, welche die Lande und ihre Bewohner in hemmender Betäubung hielt. Trotzdem war in diesem Jahr so vieles anders: Die Wälder waren bevölkert von den Wesen der Tiefe, fremde, sonderbare Kreaturen, gefährlich, giftig, tödlich. Majalin wusste, dass sie nicht grundlos die Lande in Beschlag nahmen, dass sie selbst auf der Flucht waren, selbst bedroht waren. Doch sie trieben die Tiere der Wälder und Auen vor sich her, entrissen ihnen ihre Lebensgrundlage, genauso wie sie ihnen selbst genommen worden war. In den Tiefen der Meere schwelte die Glut, welche der Schatten geweckt hatte. Die ersten Vorboten hatte der Herbst gebracht, die ersten Erkenntnisse der Frost, die erste Begegnung die letzten gefallenen Blätter. Seit vielen Monden nun schon mühte sich die Schwesternschaft Licht ins Dunkel zu bringen, das aus allen Fugen geratene Gleichgewicht wiederherzustellen. Erfolge oder Fortschritte gab es kaum zu verzeichnen, trotzdem mühten sich die Schwestern ab, meist unbemerkt und unerkannt. Es war aufreibend, es zehrte an Majalins Kräften…
In Gedanken versunken schlenderte sie nach Bajard, den üblichen Jagdorten der Meereswesen wich sie gekonnt aus. Majalin war erschöpft und durcheinander. Sie hatte mit ihren Schwestern über ihre verworrene Gefühlswelt gesprochen. Ihre Sucht war deutlich abgeklungen, doch ein Echo wollte nicht weichen, hielt sie beharrlich in seinem Griff. Waren es überhaupt noch die Nachwirkungen? Oder war es wahrhaftige Empfindung? Und dann war da noch der Barde. Er schmeichelte ihr, gab ihr das Gefühl besonders zu sein, als Mensch, als Frau. Und dann? Nichts. Ob er die Worte nur benutzte, um sie zu verwirren? Wollte er sie nur umgarnen, weil er es konnte, weil es zum guten Ton für einen Barden gehörte? Heftig schüttelte sie den Kopf. Sie verbot sich darüber nachzugrübeln, es würde ohnehin zu nichts führen.
Sie betrat die Schiffskombüse, er war da. Wie hätte es auch anders sein können? Das Schicksal verhöhnte sie! Er begrüßte sie wie immer mit einem warmen Lächeln in der Stimme: „Guten Abend, Nebelauge. Welch’ wohlwollender Wind hat dich heute Abend hierher gelenkt, dass ich deine charmante Gesellschaft genießen darf?“ Langsam folgte sie seiner Stimme zum hinteren Tisch: „Offenbar ein Wind, der etwas überheblich ist.“ Sie hörte wie er irritiert den Kopf zur Seite neigte. „Entschuldige, vergiss es.“, fügte sie dann mit einer wegwerfenden Handbewegung an. Er fragte nicht nach, ihr war es nur Recht. Sie verbrachten den Abend miteinander, es war wie immer zwischen ihnen, unterhaltsam, vertraut, spielerisch. Wie sie dieses Spiel verpönte, wie sie es genoss! Sie verstand einfach die Spielregeln nicht… Ob es überhaupt Regeln gab?
Während sie widerwillig abermals darüber nachdachte, flog die Tür zur Kombüse auf, eilige Schritte führten in die Mitte des Raumes. „Ein Oger! Hier in Bajard, die Krieger werden kaum mit ihm fertig und es gibt einige Verletzte…“, erklang Charlies gehetzte Stimme. Sogleich war Majalin auf den Beinen. „Maja, das ist zu gefährlich.“, versuchte Tylendel mit eindringlicher Stimme. Sie hörte ihm gar nicht richtig zu, sammelte ihren Stab und ihre Heilertasche auf. Wenn es Verletzte gab, musste sie helfen! Während sie Charlie zur Tür folgte, vernahm sie wie er sich ebenso erhob und leise seufzte: „Warte wenigstens, dann kann ich auf dich aufpassen!“ Sie hatten nur wenige Schritte aus der Taverne in Richtung Dorfmitte getan, als bereits das ohrenbetäubende Gebrüll des verwundeten Wesens an ihre Ohren drang. Waffengeklirr, dumpfe Aufpralle, das Scharren von Füßen auf dem gefrorenen Boden und Rufe. Offenbar waren bereits zahlreiche Personen von dem Gelärm aufgeschreckt worden und hatten ihre Häuser zu nachtschlafender Zeit verlassen. Tylendel hielt sich dicht vor Majalin, er beschrieb ihr hastig die Situation: Mehrere Krieger hatten das mächtige Ungeheuer umringt und versuchten es zu Boden zu bringen, immer wieder wurde einer von ihnen von den kräftigen Armen des Ogers beiseite geschleudert und landete mit einem Ächzen oder Schrei im Dreck, wenn er denn überhaupt noch einen Laut geben konnte zu dem Zeitpunkt. Majalin wollte schon näher heran, doch diesmal hielt Tylendel sie unnachgiebig zurück. „Nein, Maja, das hier ist schon viel zu dicht! Du kannst ihnen sowieso nicht helfen, solang…“, er brach ab. „Bei der leuchtenden Freystatt! Was macht denn das Kind hier?“, rief er ungläubig, wand sich aber nochmals zu dem blinden Mädchen um und wiederholte eindringlich: „Bleib hier stehen, bitte. Ich bin sofort wieder da!“ Ergeben nickte sie. Er eilte davon und Majalin blieb zurück, sie lauschte konzentriert dem Kampfeslärm und ging einige Schritte nach hinten, um nicht möglicherweise doch noch unfreiwillig ins Geschehen eingebunden zu werden. Bereits kurz darauf war ein dröhnendes Brüllen zu hören und der gewaltige Körper des Ogers sackte zusammen, für einige Augenblicke schwollen alle Geräusche ab. Angestrengtes Keuchen der Krieger, ein leises Brummen, ein schmatzender Laut, als eine Klinge aus dem Körper der Bestie gezogen wurde, schwere Stiefel, die über den Weg kratzten, leises Getuschel und ein schmerzvolles Stöhnen. Unerwartet ertönte ein markerschütternder, gequälter Schrei. Ungläubige Rufe wurden laut, als das Wesen sich wieder hochstemmte. Abermals wich Majalin etwas zurück, die Ausdauer des Ogers war unglaublich! Doch diesmal wollte er nicht kämpfen, er war in Begriff zu fliehen. Schwerfällige, zunächst langsame Schritte, schneller werdend, lauter! Das Ungeheuer kam gradlinig auf sie zu, sie wich zurück, sie hörte Rufe. Der widerliche Gestank des Ogers stieg ihr in die Nase, gemischt mit Blut und Eisen. Dann ein Aufprall, der ihr alle Luft aus der Lunge presste, ein Knacken. Vage spürte sie wie sie durch die Luft geschleudert wurde, ein heißer Schmerz am Kopf, ein leises Knirschen und Dröhnen. Jemand schrie bestürzt ihren Namen, dann samtene Geräuschlosigkeit.
Zunächst nur sehr leise, wie ein betäubtes Echo drangen Laute an ihr Ohr. Es klang wie ein entferntes Froschkonzert an einem lauen Sommerabend. Mit der Schnelligkeit eines Pfeils jedoch schwoll der Lärm um sie herum an und mit den Geräuschen kehrte das Dröhnen in ihrem Kopf zurück und der scheußliche Schmerz. Sie stöhnte. „Maja…“, vernahm sie dicht über sich, fast gleichzeitig hörte sie eine zweite Stimme: „Majalin, geht es?“ Fest presste sie ihre Lider zusammen, sie kannte beide Sprecher nur zu gut – Tylendel und Bravan. Hach, heute bewiesen die Götter aber wirklich Ironie! Sie hätte gleichzeitig seufzen und lachen mögen ob der Konstellation, vielleicht gar nicht so schlecht, dass der Schmerz sie an beidem hinderte. Stattdessen ächzte sie leise und schlug flatternd die Augen wieder auf. Sie lag immer noch am Boden, obwohl ihr Oberkörper gehalten wurde. „Maja, den Göttern sei Dank…“, hörte sie Bravans Stimme und seine Hand streifte leicht über ihre Wange. Nur leicht wand sie den Kopf, was mit lodernder Qual bestraft wurde. Es war Tylendel, der sie hielt, stellte sie fest, Bravan kniete irgendwo auf der anderen Seite. Wäre immerhin ein angenehmer Tod gewesen. „Ich muss zu den anderen Verletzten, kümmere dich bitte um sie. Ich komm gleich wieder.“, wies Bravan Tylendel an, der scheinbar nur nickte. Er sprang auf und schwere Schritte entfernten sich. Majalin versuchte sich etwas aufzurichten, sogleich sank sie jedoch wieder zurück. Nach und nach kehrte ihr klarer Verstand zurück, sie betastete den eigenen Oberbauch. Unschwer zu erkennen, dass einige Rippen gebrochen waren. Sei’s drum, offenbar hatten sie keine lebenswichtigen Organe beschädigt. „Majalin, was brauchst du? Wie kann ich dir helfen?“, in Tylendels Stimme klang tiefe Sorge und… Schuldbewusstsein… Zerknirschung? Sie versuchte zu sprechen, doch zunächst entrang sich ihrer Kehle nur ein Ächzen. „Mei… meine Tasche…“, krächzte sie dann. Er bewegte sich etwas, sie hörte ein schleifendes Geräusch. „Da drin ist eine… kleine Phiole mit…“ – Denk nach, Mädchen, denk nach! – „…einer dunkelroten, eingedickten Flüssigkeit. Gib mir davon…“ – Drei Tropfen bei schweren Prellungen. Vier Tropfen bei offenen, aber nicht gefährlichen Wunden. Fünf Tropfen bei… – „… sieben Tropfen.“ Er tat wie geheißen und bereits kurz darauf breitete sich in ihrem Kopf und ihren Gliedern eine watteähnliche Taubheit aus. Der Schmerz wurde zurückgedrängt und ließ nur einen leeren Raum in ihrem Körper zurück. „Ich muss mich um die Verletzten kümmern!“, verkündete sie dann großspurig, noch immer nicht recht fähig aufzustehen. Dafür würde sie ihr Körper später büßen lassen, das wusste sie. Aber sie war die einzige anwesende Heilerin, sie hatte keine Wahl. Er versuchte gar nicht es ihr auszureden, er wusste wohl es wäre nicht von Erfolg gekrönt. Stattdessen sagte er leise: „Ich trage dich.“ Sanft hob er sie in seine Arme und brachte sie zu den Verwundeten.
Erst in später Nacht waren die schlimmsten Wunden und Knochenbrüche versorgt. Bravan verbot ihr weiterzuarbeiten, er verband ihre Platzwunde am Hinterkopf. Sie fühlte sich schwummerig, als hätte sie zuviel Apfelwein in sich hineingeschüttet, und über alle Maßen geschwächt. Immerhin hatte ihr Zustand den Vorteil, dass sie nicht mehr grübelte, eigentlich konnte sie kaum mehr wirklich denken. Eine wahre Erleichterung! Tylendel trug sie zur Freien Herberge und bettete sie dort auf den Teppich vor dem offenen Feuer. „Danke, dass du mich den ganzen Abend getragen hast. Das hättest du nicht tun müssen… Es tut mir leid.“, meinte sie leise zu ihm. Sanft strich er ihr über die Schulter und antwortete nach einiger Zeit mit einem vernehmlichen Lächeln in der Stimme: „Nein, hätte ich nicht müssen. Aber endlich durfte ich einmal. Und es gibt nichts, was dir leid tun müsste, Nebelauge. Ich würde dich auch bis ans Ende der Welt tragen…“ Da war es wieder! Ach, sei doch verflucht, grässliche Welt! Garstiges Spiel… „Ruh dich jetzt aus, ich pass auf dich auf und sing dir was vor.“ Nur am Rande ihres Bewusstseins nahm sie seine Worte noch wahr und murmelte leise: „Aber kein Mäuselied…“ Tylendel lachte nur gedämpft, er hatte es ohnehin längst geahnt.
Wenige Tage verabschiedete sich Tylendel, er wollte zurück in seine Heimat und endlich seine Bardenlehre abschließen. Den zusätzlichen Grund erfuhr Majalin erst sehr viel später. Bravan ging auf Wanderschaft, er sollte nie zurückkehren.
- Tue nie etwas halb, sonst verlierst du mehr, als du je wieder einholen kannst. Verfluchtes Spiel…
Verfasst: Dienstag 20. September 2011, 19:04
von Majalin Mareaux
Kapitel 16: Eisbruch
Der Mond Eisbruch ohne den Bruch des Eises. Es war ohnehin viel zu warm und Majalin war nur einer der Wassertropfen, die von den Dächern perlten und mit einem ungehörten „Plitsch“ zu Boden fielen. Kamen ihre Worte überhaupt an? Immer und immer wieder nacherzählt, alte Gedanken, neue Ideen, würde die Welt überhaupt befreit werden können aus dem Griff der Tiefsee? Würde der Geist jemals beruhigt werden? Hörte ihr überhaupt jemand zu? Manchmal fühlte sie sich als stände sie inmitten einer Gesellschaft und schreie aus Leibeskräften, aber keiner wand auch nur den Kopf zu ihr hin. Schmerzlich, erschöpfend. Sie war müde, müde der Gespräche, müde des Trotts, müde dieser Welt. Nur ihre Unnachgiebigkeit hinderte sie sich hinzulegen und zu schlafen, der Starrsinn, ihr eigener, zähneknirschender Widerstand. Sie versuchte sich ins Gedächtnis zu rufen, wofür. Es war ihre Aufgabe – das Gleichgewicht. Keiner würde davon Notiz nehmen, keiner würde sich darum scheren. Unsichtbar… welch Ironie! War sie selbst schon in ihre eigene Welt der Schwärze hinabgerutscht? Sie fühlte sich verblassen, obgleich sie nach Außen wohl niemals stärker gewirkt hatte. Stark, unnachgiebig, kämpferisch. Müde, fallend, verblassend.
„Jedenfalls… steht für mich fest, das war das erste und letzte Mal, dass ich mich auf derartiges eingelassen habe. Das war wirklich Lehre genug fürs Leben.“, erklärte Lucien Mareaux. Die Verbitterung und Härte in seiner Stimme war förmlich mit Händen zu greifen. Majalin wandte den Kopf zu ihm hin, sie kannte ihn nur flüchtig, zumeist war es bei einem schlichten Gruß verblieben. „Nun, das verstehe ich. Aber sag niemals nie. Es braucht bestimmt nur eine lange, lange Zeit.“, meinte sie daraufhin ruhig und ernst. Na, ob das eine Aufheiterung für ihn war, dessen Leben gerade erst eine so grausame Wendung genommen hatte? Lucien dreht sich ihr zu, spürbar kippte seine Stimmung, als er feixend erwiderte: „So? Und… wann heiraten wir?“ Majalin musste lachen, endlich mal ein bisschen Zerstreuung von den ganzen Überlegungen und Verantwortungen. „Das dauert bestimmt die eben erwähnte lange, lange Zeit.“ Mit einem Schmunzeln in der Stimme meldete sich wieder Kjaskar Kronos zu Wort: „Und empfindest du das als belastend oder eher nicht, dass das noch so lange auf sich warten lässt?“ „Sehr.“, antwortete Lucien mit einem Schmunzeln und mit einem Seitenblick zu Majalin hin, fügte er an: „Ich schätze nur, die Ewigkeit ist nicht lang genug, was?“ „Die Ewigkeit zu warten?“ „Mhm, die lange Zeit. Ich schätze die Ewigkeit ist nicht lang genug um die Zeit zu überbrücken, die du meintest, mh?“ Erneut huschte ein Lächeln über ihre Züge, ehe sie erwiderte: „Also, ich wollte eigentlich sagen, dass die Länge der Zeit ganz von deinem Verhalten abhängt, mein Schatz.“ Großspurig und mit einem sonderbaren Ernst in der Stimme verkündete Lucien daraufhin: „Dann… werde ich mich bemühen, Tag um Tag, um die Zeit zu verkürzen!“ Majalin erhob sich. Jeder Stundenlauf der Untätigkeit, jede Ablenkung, gleich wie reizend sie sein mochte, erinnerte sie nur wieder an ihre Pflichten und Aufgaben. Wie von selbst kamen ihr trotzdem noch Worte über die Lippen, scherzend, ein wenig spielerisch vielleicht: „Ich harre voller Vorfreude.“ Als sie sich auf den Weg wandte, rief er ihr hinterher: „Ich mag Herausforderungen!“ Während die junge Blinde ihre Schritte aus Bajard lenkte, dachte sie mit einem Schmunzeln über diese befremdliche Unterhaltung nach. Albernheiten, Scherze, Lachen. Man sagte, die Menschen bräuchten sie, sie würden das Leben süßen. War es alles nur ein Scherz? War da nicht eine Ernsthaftigkeit in seiner Stimme gewesen? Eilig verbot sie sich ihre Gedanken weiter in diese Richtung zu lenken. Sei nicht dumm, Mädchen! Knüpf nicht wieder an einer Stelle an, an welcher du gerade erst zurückgelassen wurdest! Lass es einfach, wisch all das fort aus dir! Besinne dich auf deine Pflichten, dann machst wenigstens einmal etwas Sinnvolles… Kurz schloss sie ihre Augen und atmete durch, das Schmunzeln war verblasst. Dann setzte sie ihren Weg fort.
Die Tage krochen dahin, die Gespräche wurde nur immer mehr. Ihre Schwestern gaben Majalin die Kraft und Zuversicht, dass ihr gemeinsames Handeln nicht sinnlos war. In ihren Herzen glühte die Hoffnung, veranlasste sie nicht aufzugeben, einzustehen für den Einklang und für das aus den Fugen geratene Gleichgewicht zu kämpfen. Die Schwestern waren zu den Khaz-Aduir gereist und hatten die reinsten Kristalle erwählt, damit sie in alle Himmelsrichtungen geschickt werden konnten. Jeder von ihnen fand den Ort seiner Wahl, bei allen Völkern und Parteien und harrte dort der Klänge, Gebete und Gesänge seiner Bestimmung. Die Unterhaltungen mit den unterschiedlichen Seiten wurden immer riskanter ohne Gefahr zu laufen, ihre Geheimnisse der Welt zu offenbaren. Das Schicksal der Schwesternschaft, die stetig dazwischen stand und bedroht war, zerrieben zu werden, zermalmt zwischen den Steinen des großen Rades. Und einzig die Schwestern blieben Majalin, einzig ihre Liebe zu ihnen und ihre Hoffnung für strahlende Tage, für Nächte erfüllt mit fröhlichen Stimmen, für einen Augenblick des vollkommenen Glücks. Sie klammerte sich an diesen Glauben und gelegentlich erschien es ihr nicht einmal mehr so fern, doch dann griff sie nur mehr in die Leere. Alles Knacken und Knirschen der beschädigten Schöpfung kehrte zurück und sie erhob sich, um wieder und wieder gegen die Windmühlen anzutreten.
Und als wäre all dies noch nicht genug, gab es andere Begegnungen und Gespräche, die Majalins Geist beschäftigten. Die Götter bewiesen ein weiteres Mal ihren Sinn für Humor und sorgten dafür, dass Lucien und sie sich öfter begegneten. Er begleitete Lilian Weilnau, einer jungen Liedwirkerin aus Adoran, die auf ihre Fragen zu den Kristallen Antwort erbat. Nachdem sie gegangen war, versorgte Majalin seine Verletzung. Lucien schien nicht müde zu werden, sie mit Worten und Aussagen anzupieken, aber sie verbot sich ausdrücklich auch nur im Ansatz in Gedanken darauf einzugehen. Als Entlohnung für ihre Mühen lud er sie auf einen Apfelwein in der Taverne ein und im Nachhinein fragte sich Majalin wie er es nur geschafft hatte, dass sie ihm so vieles über sich erzählt hatte, dass sie sich schon wieder auf dieses Spiel eingelassen hatte, das sie nicht verstand, dass sie sich ihm irgendwie nahe fühlte und verstanden. Sie hätte sich selbst ohrfeigen mögen, als sie auseinander gingen. Du hast wirklich keine Willenstärke, dummes Mädchen! Es muss dir nur ein Kerl die Hand anbieten und du fasst danach ohne Gedanken, ohne Scheu! Hast du noch nichts gelernt in all der Zeit? Sie gehen, alle gehen, aber du bleibst, allein! Es schmolzen all diese Ängste und Zweifel dahin wie Schneeflocken in den Flammen einer Fackel, als sie am nächsten Tag zu den Thyren reisten. Majalin mochte seine Gesellschaft, seine Art gewisse Themen schonungsloser anzusprechen, sein Lachen. Glaubte er denn, sie bemerke nicht seine Nachdenklichkeit, seine gedankenverlorenen Äußerungen? War es nur Interesse an ihrem Wissen oder ihrer Art als Blinde zu agieren? Oder beschäftigte ihn etwas anderes? Seine vergangene Liebe, seine Sorge um die Welt? Majalin konnte es nicht greifen und verbot sich wieder und wieder darüber nachzudenken. Selbst am nächsten Abend, als sie sein Gesicht befühlte und sie eine lange Unterhaltung führten über Vertrauen, Partnerschaft und Zuneigung, verblieb alles unverfänglich. „Wir tun uns alle - jeder für sich - schwer gerade mit dieserlei Gefühlen aus Angst enttäuscht zu werden, verletzt zu werden und vergessen dabei auch gern, dass es an sich die schönen Seiten daran sind, die uns im Grunde danach sehnen lassen. Dass es eben nicht die Enttäuschung und ähnliches ist, was uns dann begegnet, wenn wir doch mal den Mut finden, dazu zu stehen, was wir so fühlen.“, hatte er leise gesagt und sie wusste, dass er Recht hatte. Und obgleich Majalin so mancher Ausspruch, so manche Berührung mit einem angenehmen Schauer erfüllte, begann sich der unausweichliche Gedanke nach einer engen, aber schlichten, Freundschaft zu Lucien in ihr festzusetzen. Sie nahm wahr wie er sie bisweilen betrachtete, wie er mit ihr sprach, aufrichtig und offen und dennoch schien dies alles zu sein. Unverfänglich, ehrlich und freundschaftlich. Für diese Erkenntnis erntete sie einerseits Ruhe für ihren Geist, andererseits einen befremdlichen Schwermut.
Es war der Abend, als Cara und Majalin von einem langen Gespräch mit dem Camvaethol der Eledhrim und seinem Volk geistig erschöpft in Bajard nach ein wenig Zerstreuung suchten. Fündig wurden sie in der Taverne bei Apfelwein und Schnaps und einem bereits ziemlich angetrunkenen Lucien. Er schimpfte wie ein Rohrspatz und zeterte über einen Brief seiner Verflossenen, über Karawyns Überfürsorglichkeit und Zickereien, über Vanyas Heilsorge und trank immer mehr und mehr. Majalin seufzte leise. Sie hatte ja schon eine Ahnung von Luciens Wespennest bekommen, sie sollte froh sein, dass sie nicht über die Maßen an ihn gebunden war. Ein flüchtiger Stich. Die berauschenden Getränke endlich spülten die Sorgen, Planungen und Ängste aus ihrem Kopf. Oja, es war ein ausgelassener, trunkener Abend in guter Gesellschaft, eine Nacht erfüllt mit fröhlichen Stimmen und sie versank nach und nach im Nebel des Rausches. Der Kopf sprang erst viel zu spät wieder an, mit Lucien saß sie in seinem Haus auf dem Rand seines Bettes. „Mir wäre es lieber, du bliebest hier, nicht nur der Wunden wegen.“, meinte er recht hastig und verstummte dann jäh. Sie kniff ein Auge zusammen. Wie genau war sie hierher gekommen? Er hatte ihr angeboten hier zu schlafen, nein, Diego hatte es vorgeschlagen und Lucien hatte das Angebot nicht aberkannt. Nebel, Worte, Erzittern, Nebel. War es etwa doch mehr als nur Freundschaft? Wenn sie doch nur einen einzigen klaren Gedanken fassen könnte… Er drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange wie schon bei ihren letzten Verabschiedungen. „Wir… sollten schlafen, mh? Morgen ist auch noch ein Tag und vielleicht willst du mir ja auch ohne den ganzen Rausch noch von dir erzählen.“, meinte er dann wieder ruhiger und erhob sich, um in Richtung seiner Schlafstätte vor dem Kamin zu schlendern. Dies war neuerlich jener Augenblick, in welchem sie in die Leere griff – der Glaube flatterte davon. Ergebung. Sie nickte und rutschte auf das Bett. „Ich mein, selbst wenn du nicht so redselig bist… Du erzählst immer etwas, auch wenn du es gar nicht so bewusst tust wie im Moment.“, vernahm sie seine Stimme etwas entfernt. Müde und leer antwortete sie: „Glaub mir, der Moment ist nicht besonders bewusst…“ „Soll ich ihn dir bewusst machen?“ Majalin hob den Kopf langsam an, kurz darauf vernahm sie das Geraschel von seinen Decken und seine Schritte, dann nahm er wieder auf der Bettkante Platz. Sie zog die Augenbrauen etwas zusammen, sie sollte ihn wieder wegschicken, aber kein Wort wollte ihr über die Lippen kommen. Sie spürte seinen Blick auf sich ruhen. Schüttle mit dem Kopf! Sie nickte. Schick ihn weg! Er beugte sich zu ihr und legte seine Lippen auf ihre. - Ach, sei doch still!