Unter der Gürtellinie
Verfasst: Sonntag 27. Februar 2011, 22:15
Fassungslos glitt ihr Blick wieder und wieder über die Zeilen:
Gesetzt am 15. Hartung 254
Unter dem strahlenden Banner des Hauses derer vom Eirensee
sei seiner Erlaucht Adrian von Hohenfels mein Gruß entsandt!
Euer Erlaucht, stets sei euch bewusst gewesen, in welch Weise unsere Häuser zueinander stehen. Und so will ich euch in eben jener wohl bekannten Freundschaft unser Häuser, meine neuesten Erkenntnisse nicht vorenthalten.
Übersetzung: Ich weiß, dass wir Feinde sind, du weißt es auch. Und jetzt weiß ich was, was du nicht weißt, häh häh.
Beinah bin ich, wissend um eure stets so aufrechte Person, geneigt zu glauben, dass euch die gesammelten Erkenntnisse, welche ich mit euch zu teilen bereit bin, euch bis heute nicht erreichten.
Ihr werdet erkennen, dass man euch bisher gesichertes Wohlwollen entziehen könnte, sollte euer Mitwissen um diese Belange erkannt werden.
Übersetzung: Und vielleicht kann ich dir noch tiefer einen reinwürgen, indem ich genug Leute davon überzeuge, du hättest es auch noch gewusst, was ich rausgefunden hab.
Es sei euch versichert, dass ich willens bin, euer Vorgehen in dieser so bedauerlichen Angelegenheit, zunächst zu erwarten. Es sei euch jedoch weiterhin zur Kenntnis gegeben, dass dieses Erwarten eurer Schritte nur das gebührliche erscheinende Verstreichen von Zeit beinhalten wird.
Ich lass dir ein bißchen Zeit, darauf zu reagieren. Aber nur ein bißchen.
Unter Einsatz meines euch wohlbekannten Charmes und unter Zusicherung einer wohlfeileren Zukunft, Sprich: Ich hab ein paar Leute bestochen... gelangte ich zu Erkenntnissen, welche mir seitens dereinst eurem Elternhaus zugetanen Gesinde benannt wurden. Hierbei sei euch zur Kenntnis gegeben, dass ich von eurem wahren Elternhause spreche. In keiner Weise von jenem, welches ihr behauptet, dass es das eure sei.
Ja, du hast richtig gelesen. Ich behaupte hier gerade, du kämst aus einer anderen Familie; und um das zu behaupten, habe ich irgendwelche angeblichen ehemaligen Bediensteten gekauft.
So mag ich mit der freudigen Mitteilung beginnen, dass es euch nicht länger nötig sei, um eine Schwester zu trauern, besitzet ihr sie nicht, noch habt ihr sie je besessen. Beglaubigt versichert und in Schriftform gebracht, liegen mir die Aussagen oben erwähnter Bediensteter eures einstigen Elternhauses vor, welche besagen, dass es sich in eurer Person um den erstgeborenen Sohn des verräterischen und zum heutigen Tage nicht mehr geführten Grafenhauses derer von Akazienburg handelt.
Jetzt nochmal schön kauen und schlucken: Du kannst es dir schenken, um Anara trauern zu wollen, denn du bist nicht Bruder unserer verstorbenen Königin. Du bist das Kind einer aus den Adelslisten gebannten Grafenfamilie mit einem blöden Namen. Der Sohn eines Verräters.
Gewiss sei euch in diversen Akten erkenntlich in welcher Weise euer Herr Vater wider das hohe Königshaus handelte und mit seiner Hinrichtung entlohnt wurde. Du kannst das sogar nachlesen, was dein geköpfter Vater alles verbrochen hat, das kann jeder nachlesen, steht überall. So sei es euch zum Glücke beschieden, dass seine dem Königshause treuer ergebene Gattin, ob Erkenntnis dieser Fakten, zu euer Niederkunft ebenso verstarb, Und du kannst froh sein, dass deine Mutter, die ein klein wenig besser war als ihr Mann, bei deiner Geburt vor Schreck darüber ebenso krepierte wie jener erstgeborene Sohn, welchen ihr euren Vetter hättet nennen dürfen, recht zeitnah im Kindbette sein Leben dar hergab. Währenddessen starb aber auch ein erstgeborener Sohn der Hohenfelsens, der sonst ein entfernter Verwandter von dir gewesen wäre. Gnade und Sorge um euer Wohlergehen, ließ ein Vorgehen anheim kommen, welches in manchen Kreisen gewiss als Betrug erachtet würde. Doch schwieg man sich bis zum heutigen Tage aus.
Mit irgendwelchem scheiß Mitgefühl haben sie uns alle betrogen. Aber jetzt hab ich diesen Kram ans Licht gezerrt.
Euch sei gewährt die euch als nötig erachteten Nachforschungen zu führen, welche ich sowohl zu unterstützen bereit bin, als auch gewiss mit einem aufmerksamen Auge verfolgen werde, auf dass sie in keiner Weise die nötige Dauer überschreite.
Du kannst natürlich versuchen, selber Nachforschungen anzustellen, aber die werde ich begleiten und überwachen, damit du ja nichts herausfinden kannst, was ich nicht verfälschen würde, und viel Zeit lass ich dir natürlich auch nicht.
Weiterhin gehe ich davon aus, dass eure Einsicht gegeben sei, dass euer Verbleib in gewissen, dem Königshaus nahe stehenden höchsten Ämtern, meines besonderen Wohlwollens in Verbindung steht. Die ist schon klar, dass du nur Kronratsmitglied und Vormund der Prinzen bist, weil ICH dir das erlaube? Hierüber hinaus erwarte ich die spürbare Erkenntnis eures Hauses, dass es künftig von Nöten sei, die Ziele unser beiden Häuser in Einklang zu bringen.
Sprich: Du tanzt zukünftig nach MEINER Pfeife und tust, was ICH will. Und dass du das tust, will ich auch merken.
Möge es euer Herz nicht schweren, dass euer Blut dem hohen Königshause weniger nahe steht, als ihr es bis heute kundtut. Ich bohr hier nur noch mal ein bißchen in der Wunde, während ich mir einen feixe, dass du kleine Kakerlake nicht mehr mit dem Königshaus verwandt bist.
Gewiss werden eure Leistungen am Reich schwerer wiegen, als jene eures Vaters. Das ist jetzt Ironie, klar. Sohn eines Verräters, gnihihi. Selbst dann, so man in Bedauern entscheiden müsste, dass eure künftigen Ämter weniger bedeutsam wären. Ich werde dafür sorgen, dass du abserviert irgendwo unten herumkrauchen kannst, wo ich mit dir nichts mehr zu tun haben muss.
In Verbundenheit Ja ja, die üblichen Floskeln, du kennst es ja.
seine herzogliche Hoheit

Fassungslos glitt ihr Blick wieder und wieder über die Zeilen.
"Das ist eine offene Erpressung und billigste Intrige, was erdreistet dieser Mistkerl sich?", brachte sie es endlich in Worte und sah Adrian an. Das war jetzt ein schlechter Witz, oder?
"Ich denke, das bedarf nicht wirklich einer Antwort..."
Wenn Adrian in dieser Weise ernst war, wie er es gerade war, dann war gewaltig was nicht in Ordnung und es fügte ihrem Herzen eine weitere von vielen Narben zu. Eirensee war für Adrian das, was Gernot von Kelterburg für sie gewesen war, und sie ertrug es nicht, ihn so leiden zu sehen. Götter, wann gab dieser Mann Ruhe?
Er war der Drahtzieher oder zu Zeiten des alten Herzogs von Schwarzwasser der Mann in der zweiten Reihe gewesen, wenn es darum ging, Adrian zu demontieren und in den Dreck zu stoßen. So vieles, was Adrian gerade politisch zu schaffen gemacht und persönlich verletzt hatte, war nicht zu beweisen gewesen - aber meistens konnte man dann diese beiden Namen dahinter vermuten. Auch sie selber hatte schon darunter gelitten, als man sie in den Staub treten wollte, um neben Rafael eine von Adrians Stützen wegbrechen zu lassen.
Die Ermordung Eileens.
Die Beendung von Adrians Truchsess-Regentschaft zugunsten des Kronrates.
Adrians Absetzung als Graf von Varuna.
Der Auflösung der Grafschaft Hohenfels hatte Theobald sicher auch jubilierend zugestimmt.
Und jetzt sollte er nicht mal mehr mit dem eingeheirateten Zweig der Königsfamilie verwandt sein. Damit nicht Onkel der Prinzen, was mit Sicherheit dem Zweck diente, ihn von Ador und Isidor künftig fern zu halten. Ohne diese private Position wäre er auch nur irgend ein Graf, eine Mitgliedschaft im Kronrat hinfällig.
"Dein ganzes Lebenswerk, alles wofür du gekämpft hast, tritt er in den Staub."
Sie sah Adrian mit diesem Gedanken an und musste die Tränen zurück halten, den bitteren Geschmack von der Zunge bannen. Nein, so nicht!
"Du brichst jetzt nicht überstürzt auf, um... ich weiß nicht was zu tun. Aber das hier...", sie wedelte leicht mit der Schriftrolle, "sollte endlich sein letzter Fehler gewesen sein."
"Was schlägst du bitte vor, hier verharren während er sich die Hände reibt und dieses Spiel weiter nach seinen Regeln bereitet?"
"Nein, hier so lange wie eben nötig noch bleiben, um die Fäden zu ziehen, die du selber hier in der Hand hälst."
"Ich muss zu Ador und Isidor! Wer weiss was er den beiden schon einflüstert."
"Musst du, ja", nickte sie ernst. Ihr wurde schlecht bei dem Gedanken, welchem Gift die Prinzen ausgesetzt waren. "Aber wenn du jetzt einfach so in die Hauptstadt aufbrichst, stehst du ziemlich alleine da. Und du läufst in eine vorbereitete Falle."
"Das.. werden wir noch sehen."
Ihr fiel ja ein Stein vom Herzen, dass er so kampflustig schien, trotzdem machte er ihr gerade Angst. "Adrian, setz dich...", bat sie ihn zum wiederholten Mal, "und erklär mir, was du vor hast."
"Ich will dir helfen, verdammt."
"Der Kronrat sabbert nicht geschlossen an seinen Zehenspitzen...", erwiderte er gefährlich leiser, bevor er ungehaltener wurde: "Mir ist nicht nach Setzen!"
"Nein, aber er würde dir das nicht schreiben, wenn er nichts in der Hand hätte." Sie sah nochmal auf das Papier. "Ich fass es nicht, der schreibt da offen von Bestechung."
"Was ihm hoffentlich das Genick bricht.. oder mehr", nickte Adrian. "Er schreibt nicht im Namen des Kronrats - möglicherweise weiss der noch nicht mal hiervon, das wäre meine Hoffnung."
"Ich fürchte, da sind Eirensees Wege weit kürzer als deine." Manchmal verfluchte sie es, dass sie nicht in der Hauptstadt und auf Drachenfels waren. Und das lag an ihr. An ihr und dem Schwert, das sie zu beschützen geschworen hatte. Adrian hielt seit dem Verlust seiner Heimat, dem Verlust seines angestammten Lehens eigentlich nichts mehr hier. Dass er blieb, war ihre schuld. Es war das erste Mal, dass ihr dieser Umstand wirklich leid tat.
"Meine Wege werden kaum kürzer je länger ich warte", beharrte er.
"Nein, aber deswegen solltest du dir hier noch etwas Rückendeckung organisieren. Das Ganze ist doch eine Finte, um dich noch weiter von Ador weg zu kriegen. Davon sollten Rafael und Thelor erfahren, sie sind Kronritter."
"Denkst du das wüsste ich nicht? Es ist doch offensichtlich.
Sie zu verständigen, kannst du gern übernehmen während ich meine Abreise vorbereite. Ich werde nicht warten.. ich werde ihm nicht noch mehr Zeit geben für seine Einflüsterungen in Adors und Isidors Ohren oder wessen auch immer." Wieder wurde er leiser, grollig, mit der Wut eines Menschen, der das letzte verteidigte, was ihm geblieben war: "Ich lasse mir nicht meine Familie nehmen."
"Wie viel weißt du über diese Akazienburgs?" Sie holte sich etwas zu schreiben und fertigte eine Abschrift von Eirensees Brief - sie würde sie brauchen.
"Meine Tante - Mutters Schwester - hat in diese Familie eingeheiratet. So wie Mutter in die Blutlinie derer von Hohenfels. Mehr vermag ich auch nicht zu sagen. Alles, was ich weiss ist, dass es eine verstorbene Linie ist,
über die niemand sprechen wollte, also .. fragte ich nicht. Und heute kann ich es nicht mehr."
"Bestechung, Erpressung eines Kronratsmitgliedes... Jeder mit einem Funken Wissen über die Interna weiß, dass eure Politik weiter nicht auseinander gehen könnte - da muss ihm so eine Darlegung seiner Widerwärtigkeit doch endlich mal das Genick brechen!", begann sie sich zu ereifern, während sie weiter Zeile um Zeile kopierte.
"Wenn ich etwas dazu beitragen kann, werde ich es."
"Was wollen der Kronrat und Ador in ihren Reihen haben, solches Intrigantenpack?"
"Mag der Kronrat.. mag Ador entscheiden.. dieses Spiel wird er nicht allein spielen." Adrians Ton war sinnierender geworden, während er näher an die Schlafstatt der Zwillinge trat, diese eingehend musterte.
"Leben noch Bedienstete deiner Familie, die bezeugen könnten, dass du der leibliche Sohn bist? Irgend etwas, was du ihm da entgegen setzen kannst? Der kann doch nicht dahergelaufene Leute nehmen und dir so eine schamlose Unterstellung unterjubeln!", ging Darna weitere Möglichkeiten durch.
Adrian schüttelte stumm den Kopf und meinte: "Ich muss die Fakten prüfen. In der Hauptstadt. Ich nehme an, dort wird wer immer ihm als Zeuge zur Seite steht, anwesend sein."
"Fantastisch, und was willst du mit dem machen? Ihm sagen: 'Du lügst doch!' - 'Neeeiiin, ich schwör's!' ?"
"Aufrecht stehen oder ebenso sterben, wir werden es sehen", erklang es neben ihr nur ruhig als Antwort. Sie schnaufte. "Das ist mein Text!"
"Du willst mir nicht ernsthaft erzählen, da in offene Messer laufen zu wollen."
"Nein will ich nicht.. Ich habe auf der Reise Zeit nachzusinnen, wie ich das Messer aus seiner Hand nehme und für mich nutze."
Sie presste die Lippen zusammen und schrieb eilig, doch sauber und Wort für Wort den Brief ab. "Ich hasse das...", murmelte sie leise, "Ich will mit."
Damit trat sie eine weitere Diskussion los. Adrian beharrte darauf, sie hier wissen zu wollen, in Sicherheit, und vor allem bei den Kindern. In Gedanken sah sie sich derweil in ihrer Rüstung mit Adrian in den Saal treten und Eirensee in Grund und Boden stampfen, die Kleinen derweil in der sicheren Obhut von Savea und Shaya.
Gleichzeitig heulte sie innerlich in dem Wissen auf, dass sie nicht weg durfte, bevor für das Schwert nicht alles geregelt und irgendwo etwas Luft war.
Sie musste mit ihrer Eminenz reden. Es konnte nicht angehen, dass jemand in so einer hohen Machtposition wie Eirensee ein solches Charakterschwein sein konnte, und die Kirche stünde dem ohnmächtig gegenüber. Trennung von Reich und Kirche hin oder her.
Thelor. Rafael. Calamdor von Auenfels. Im Kopf ging sie mögliche Verbündete durch und ihr graute es bei dem Gedanken, welche Verbindungen der Herzog haben würde, der weit häufiger vor Ort war.
"Ich habe mit an Adrians Stuhl gesägt, und das einfach nur, weil ich hier bin. Und nicht dort."
Sie presste die Kiefer zusammen, während Gerimor gedanklich einen wütenden Tritt erhielt.
Gesetzt am 15. Hartung 254
Unter dem strahlenden Banner des Hauses derer vom Eirensee
sei seiner Erlaucht Adrian von Hohenfels mein Gruß entsandt!
Euer Erlaucht, stets sei euch bewusst gewesen, in welch Weise unsere Häuser zueinander stehen. Und so will ich euch in eben jener wohl bekannten Freundschaft unser Häuser, meine neuesten Erkenntnisse nicht vorenthalten.
Übersetzung: Ich weiß, dass wir Feinde sind, du weißt es auch. Und jetzt weiß ich was, was du nicht weißt, häh häh.
Beinah bin ich, wissend um eure stets so aufrechte Person, geneigt zu glauben, dass euch die gesammelten Erkenntnisse, welche ich mit euch zu teilen bereit bin, euch bis heute nicht erreichten.
Ihr werdet erkennen, dass man euch bisher gesichertes Wohlwollen entziehen könnte, sollte euer Mitwissen um diese Belange erkannt werden.
Übersetzung: Und vielleicht kann ich dir noch tiefer einen reinwürgen, indem ich genug Leute davon überzeuge, du hättest es auch noch gewusst, was ich rausgefunden hab.
Es sei euch versichert, dass ich willens bin, euer Vorgehen in dieser so bedauerlichen Angelegenheit, zunächst zu erwarten. Es sei euch jedoch weiterhin zur Kenntnis gegeben, dass dieses Erwarten eurer Schritte nur das gebührliche erscheinende Verstreichen von Zeit beinhalten wird.
Ich lass dir ein bißchen Zeit, darauf zu reagieren. Aber nur ein bißchen.
Unter Einsatz meines euch wohlbekannten Charmes und unter Zusicherung einer wohlfeileren Zukunft, Sprich: Ich hab ein paar Leute bestochen... gelangte ich zu Erkenntnissen, welche mir seitens dereinst eurem Elternhaus zugetanen Gesinde benannt wurden. Hierbei sei euch zur Kenntnis gegeben, dass ich von eurem wahren Elternhause spreche. In keiner Weise von jenem, welches ihr behauptet, dass es das eure sei.
Ja, du hast richtig gelesen. Ich behaupte hier gerade, du kämst aus einer anderen Familie; und um das zu behaupten, habe ich irgendwelche angeblichen ehemaligen Bediensteten gekauft.
So mag ich mit der freudigen Mitteilung beginnen, dass es euch nicht länger nötig sei, um eine Schwester zu trauern, besitzet ihr sie nicht, noch habt ihr sie je besessen. Beglaubigt versichert und in Schriftform gebracht, liegen mir die Aussagen oben erwähnter Bediensteter eures einstigen Elternhauses vor, welche besagen, dass es sich in eurer Person um den erstgeborenen Sohn des verräterischen und zum heutigen Tage nicht mehr geführten Grafenhauses derer von Akazienburg handelt.
Jetzt nochmal schön kauen und schlucken: Du kannst es dir schenken, um Anara trauern zu wollen, denn du bist nicht Bruder unserer verstorbenen Königin. Du bist das Kind einer aus den Adelslisten gebannten Grafenfamilie mit einem blöden Namen. Der Sohn eines Verräters.
Gewiss sei euch in diversen Akten erkenntlich in welcher Weise euer Herr Vater wider das hohe Königshaus handelte und mit seiner Hinrichtung entlohnt wurde. Du kannst das sogar nachlesen, was dein geköpfter Vater alles verbrochen hat, das kann jeder nachlesen, steht überall. So sei es euch zum Glücke beschieden, dass seine dem Königshause treuer ergebene Gattin, ob Erkenntnis dieser Fakten, zu euer Niederkunft ebenso verstarb, Und du kannst froh sein, dass deine Mutter, die ein klein wenig besser war als ihr Mann, bei deiner Geburt vor Schreck darüber ebenso krepierte wie jener erstgeborene Sohn, welchen ihr euren Vetter hättet nennen dürfen, recht zeitnah im Kindbette sein Leben dar hergab. Währenddessen starb aber auch ein erstgeborener Sohn der Hohenfelsens, der sonst ein entfernter Verwandter von dir gewesen wäre. Gnade und Sorge um euer Wohlergehen, ließ ein Vorgehen anheim kommen, welches in manchen Kreisen gewiss als Betrug erachtet würde. Doch schwieg man sich bis zum heutigen Tage aus.
Mit irgendwelchem scheiß Mitgefühl haben sie uns alle betrogen. Aber jetzt hab ich diesen Kram ans Licht gezerrt.
Euch sei gewährt die euch als nötig erachteten Nachforschungen zu führen, welche ich sowohl zu unterstützen bereit bin, als auch gewiss mit einem aufmerksamen Auge verfolgen werde, auf dass sie in keiner Weise die nötige Dauer überschreite.
Du kannst natürlich versuchen, selber Nachforschungen anzustellen, aber die werde ich begleiten und überwachen, damit du ja nichts herausfinden kannst, was ich nicht verfälschen würde, und viel Zeit lass ich dir natürlich auch nicht.
Weiterhin gehe ich davon aus, dass eure Einsicht gegeben sei, dass euer Verbleib in gewissen, dem Königshaus nahe stehenden höchsten Ämtern, meines besonderen Wohlwollens in Verbindung steht. Die ist schon klar, dass du nur Kronratsmitglied und Vormund der Prinzen bist, weil ICH dir das erlaube? Hierüber hinaus erwarte ich die spürbare Erkenntnis eures Hauses, dass es künftig von Nöten sei, die Ziele unser beiden Häuser in Einklang zu bringen.
Sprich: Du tanzt zukünftig nach MEINER Pfeife und tust, was ICH will. Und dass du das tust, will ich auch merken.
Möge es euer Herz nicht schweren, dass euer Blut dem hohen Königshause weniger nahe steht, als ihr es bis heute kundtut. Ich bohr hier nur noch mal ein bißchen in der Wunde, während ich mir einen feixe, dass du kleine Kakerlake nicht mehr mit dem Königshaus verwandt bist.
Gewiss werden eure Leistungen am Reich schwerer wiegen, als jene eures Vaters. Das ist jetzt Ironie, klar. Sohn eines Verräters, gnihihi. Selbst dann, so man in Bedauern entscheiden müsste, dass eure künftigen Ämter weniger bedeutsam wären. Ich werde dafür sorgen, dass du abserviert irgendwo unten herumkrauchen kannst, wo ich mit dir nichts mehr zu tun haben muss.
In Verbundenheit Ja ja, die üblichen Floskeln, du kennst es ja.
seine herzogliche Hoheit
Fassungslos glitt ihr Blick wieder und wieder über die Zeilen.
"Das ist eine offene Erpressung und billigste Intrige, was erdreistet dieser Mistkerl sich?", brachte sie es endlich in Worte und sah Adrian an. Das war jetzt ein schlechter Witz, oder?
"Ich denke, das bedarf nicht wirklich einer Antwort..."
Wenn Adrian in dieser Weise ernst war, wie er es gerade war, dann war gewaltig was nicht in Ordnung und es fügte ihrem Herzen eine weitere von vielen Narben zu. Eirensee war für Adrian das, was Gernot von Kelterburg für sie gewesen war, und sie ertrug es nicht, ihn so leiden zu sehen. Götter, wann gab dieser Mann Ruhe?
Er war der Drahtzieher oder zu Zeiten des alten Herzogs von Schwarzwasser der Mann in der zweiten Reihe gewesen, wenn es darum ging, Adrian zu demontieren und in den Dreck zu stoßen. So vieles, was Adrian gerade politisch zu schaffen gemacht und persönlich verletzt hatte, war nicht zu beweisen gewesen - aber meistens konnte man dann diese beiden Namen dahinter vermuten. Auch sie selber hatte schon darunter gelitten, als man sie in den Staub treten wollte, um neben Rafael eine von Adrians Stützen wegbrechen zu lassen.
Die Ermordung Eileens.
Die Beendung von Adrians Truchsess-Regentschaft zugunsten des Kronrates.
Adrians Absetzung als Graf von Varuna.
Der Auflösung der Grafschaft Hohenfels hatte Theobald sicher auch jubilierend zugestimmt.
Und jetzt sollte er nicht mal mehr mit dem eingeheirateten Zweig der Königsfamilie verwandt sein. Damit nicht Onkel der Prinzen, was mit Sicherheit dem Zweck diente, ihn von Ador und Isidor künftig fern zu halten. Ohne diese private Position wäre er auch nur irgend ein Graf, eine Mitgliedschaft im Kronrat hinfällig.
"Dein ganzes Lebenswerk, alles wofür du gekämpft hast, tritt er in den Staub."
Sie sah Adrian mit diesem Gedanken an und musste die Tränen zurück halten, den bitteren Geschmack von der Zunge bannen. Nein, so nicht!
"Du brichst jetzt nicht überstürzt auf, um... ich weiß nicht was zu tun. Aber das hier...", sie wedelte leicht mit der Schriftrolle, "sollte endlich sein letzter Fehler gewesen sein."
"Was schlägst du bitte vor, hier verharren während er sich die Hände reibt und dieses Spiel weiter nach seinen Regeln bereitet?"
"Nein, hier so lange wie eben nötig noch bleiben, um die Fäden zu ziehen, die du selber hier in der Hand hälst."
"Ich muss zu Ador und Isidor! Wer weiss was er den beiden schon einflüstert."
"Musst du, ja", nickte sie ernst. Ihr wurde schlecht bei dem Gedanken, welchem Gift die Prinzen ausgesetzt waren. "Aber wenn du jetzt einfach so in die Hauptstadt aufbrichst, stehst du ziemlich alleine da. Und du läufst in eine vorbereitete Falle."
"Das.. werden wir noch sehen."
Ihr fiel ja ein Stein vom Herzen, dass er so kampflustig schien, trotzdem machte er ihr gerade Angst. "Adrian, setz dich...", bat sie ihn zum wiederholten Mal, "und erklär mir, was du vor hast."
"Ich will dir helfen, verdammt."
"Der Kronrat sabbert nicht geschlossen an seinen Zehenspitzen...", erwiderte er gefährlich leiser, bevor er ungehaltener wurde: "Mir ist nicht nach Setzen!"
"Nein, aber er würde dir das nicht schreiben, wenn er nichts in der Hand hätte." Sie sah nochmal auf das Papier. "Ich fass es nicht, der schreibt da offen von Bestechung."
"Was ihm hoffentlich das Genick bricht.. oder mehr", nickte Adrian. "Er schreibt nicht im Namen des Kronrats - möglicherweise weiss der noch nicht mal hiervon, das wäre meine Hoffnung."
"Ich fürchte, da sind Eirensees Wege weit kürzer als deine." Manchmal verfluchte sie es, dass sie nicht in der Hauptstadt und auf Drachenfels waren. Und das lag an ihr. An ihr und dem Schwert, das sie zu beschützen geschworen hatte. Adrian hielt seit dem Verlust seiner Heimat, dem Verlust seines angestammten Lehens eigentlich nichts mehr hier. Dass er blieb, war ihre schuld. Es war das erste Mal, dass ihr dieser Umstand wirklich leid tat.
"Meine Wege werden kaum kürzer je länger ich warte", beharrte er.
"Nein, aber deswegen solltest du dir hier noch etwas Rückendeckung organisieren. Das Ganze ist doch eine Finte, um dich noch weiter von Ador weg zu kriegen. Davon sollten Rafael und Thelor erfahren, sie sind Kronritter."
"Denkst du das wüsste ich nicht? Es ist doch offensichtlich.
Sie zu verständigen, kannst du gern übernehmen während ich meine Abreise vorbereite. Ich werde nicht warten.. ich werde ihm nicht noch mehr Zeit geben für seine Einflüsterungen in Adors und Isidors Ohren oder wessen auch immer." Wieder wurde er leiser, grollig, mit der Wut eines Menschen, der das letzte verteidigte, was ihm geblieben war: "Ich lasse mir nicht meine Familie nehmen."
"Wie viel weißt du über diese Akazienburgs?" Sie holte sich etwas zu schreiben und fertigte eine Abschrift von Eirensees Brief - sie würde sie brauchen.
"Meine Tante - Mutters Schwester - hat in diese Familie eingeheiratet. So wie Mutter in die Blutlinie derer von Hohenfels. Mehr vermag ich auch nicht zu sagen. Alles, was ich weiss ist, dass es eine verstorbene Linie ist,
über die niemand sprechen wollte, also .. fragte ich nicht. Und heute kann ich es nicht mehr."
"Bestechung, Erpressung eines Kronratsmitgliedes... Jeder mit einem Funken Wissen über die Interna weiß, dass eure Politik weiter nicht auseinander gehen könnte - da muss ihm so eine Darlegung seiner Widerwärtigkeit doch endlich mal das Genick brechen!", begann sie sich zu ereifern, während sie weiter Zeile um Zeile kopierte.
"Wenn ich etwas dazu beitragen kann, werde ich es."
"Was wollen der Kronrat und Ador in ihren Reihen haben, solches Intrigantenpack?"
"Mag der Kronrat.. mag Ador entscheiden.. dieses Spiel wird er nicht allein spielen." Adrians Ton war sinnierender geworden, während er näher an die Schlafstatt der Zwillinge trat, diese eingehend musterte.
"Leben noch Bedienstete deiner Familie, die bezeugen könnten, dass du der leibliche Sohn bist? Irgend etwas, was du ihm da entgegen setzen kannst? Der kann doch nicht dahergelaufene Leute nehmen und dir so eine schamlose Unterstellung unterjubeln!", ging Darna weitere Möglichkeiten durch.
Adrian schüttelte stumm den Kopf und meinte: "Ich muss die Fakten prüfen. In der Hauptstadt. Ich nehme an, dort wird wer immer ihm als Zeuge zur Seite steht, anwesend sein."
"Fantastisch, und was willst du mit dem machen? Ihm sagen: 'Du lügst doch!' - 'Neeeiiin, ich schwör's!' ?"
"Aufrecht stehen oder ebenso sterben, wir werden es sehen", erklang es neben ihr nur ruhig als Antwort. Sie schnaufte. "Das ist mein Text!"
"Du willst mir nicht ernsthaft erzählen, da in offene Messer laufen zu wollen."
"Nein will ich nicht.. Ich habe auf der Reise Zeit nachzusinnen, wie ich das Messer aus seiner Hand nehme und für mich nutze."
Sie presste die Lippen zusammen und schrieb eilig, doch sauber und Wort für Wort den Brief ab. "Ich hasse das...", murmelte sie leise, "Ich will mit."
Damit trat sie eine weitere Diskussion los. Adrian beharrte darauf, sie hier wissen zu wollen, in Sicherheit, und vor allem bei den Kindern. In Gedanken sah sie sich derweil in ihrer Rüstung mit Adrian in den Saal treten und Eirensee in Grund und Boden stampfen, die Kleinen derweil in der sicheren Obhut von Savea und Shaya.
Gleichzeitig heulte sie innerlich in dem Wissen auf, dass sie nicht weg durfte, bevor für das Schwert nicht alles geregelt und irgendwo etwas Luft war.
Sie musste mit ihrer Eminenz reden. Es konnte nicht angehen, dass jemand in so einer hohen Machtposition wie Eirensee ein solches Charakterschwein sein konnte, und die Kirche stünde dem ohnmächtig gegenüber. Trennung von Reich und Kirche hin oder her.
Thelor. Rafael. Calamdor von Auenfels. Im Kopf ging sie mögliche Verbündete durch und ihr graute es bei dem Gedanken, welche Verbindungen der Herzog haben würde, der weit häufiger vor Ort war.
"Ich habe mit an Adrians Stuhl gesägt, und das einfach nur, weil ich hier bin. Und nicht dort."
Sie presste die Kiefer zusammen, während Gerimor gedanklich einen wütenden Tritt erhielt.