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Unter der Gürtellinie

Verfasst: Sonntag 27. Februar 2011, 22:15
von Darna von Hohenfels
Fassungslos glitt ihr Blick wieder und wieder über die Zeilen:

Gesetzt am 15. Hartung 254

Unter dem strahlenden Banner des Hauses derer vom Eirensee
sei seiner Erlaucht Adrian von Hohenfels mein Gruß entsandt!

Euer Erlaucht, stets sei euch bewusst gewesen, in welch Weise unsere Häuser zueinander stehen. Und so will ich euch in eben jener wohl bekannten Freundschaft unser Häuser, meine neuesten Erkenntnisse nicht vorenthalten.

Übersetzung: Ich weiß, dass wir Feinde sind, du weißt es auch. Und jetzt weiß ich was, was du nicht weißt, häh häh.

Beinah bin ich, wissend um eure stets so aufrechte Person, geneigt zu glauben, dass euch die gesammelten Erkenntnisse, welche ich mit euch zu teilen bereit bin, euch bis heute nicht erreichten.
Ihr werdet erkennen, dass man euch bisher gesichertes Wohlwollen entziehen könnte, sollte euer Mitwissen um diese Belange erkannt werden.

Übersetzung: Und vielleicht kann ich dir noch tiefer einen reinwürgen, indem ich genug Leute davon überzeuge, du hättest es auch noch gewusst, was ich rausgefunden hab.

Es sei euch versichert, dass ich willens bin, euer Vorgehen in dieser so bedauerlichen Angelegenheit, zunächst zu erwarten. Es sei euch jedoch weiterhin zur Kenntnis gegeben, dass dieses Erwarten eurer Schritte nur das gebührliche erscheinende Verstreichen von Zeit beinhalten wird.
Ich lass dir ein bißchen Zeit, darauf zu reagieren. Aber nur ein bißchen.

Unter Einsatz meines euch wohlbekannten Charmes und unter Zusicherung einer wohlfeileren Zukunft, Sprich: Ich hab ein paar Leute bestochen... gelangte ich zu Erkenntnissen, welche mir seitens dereinst eurem Elternhaus zugetanen Gesinde benannt wurden. Hierbei sei euch zur Kenntnis gegeben, dass ich von eurem wahren Elternhause spreche. In keiner Weise von jenem, welches ihr behauptet, dass es das eure sei.
Ja, du hast richtig gelesen. Ich behaupte hier gerade, du kämst aus einer anderen Familie; und um das zu behaupten, habe ich irgendwelche angeblichen ehemaligen Bediensteten gekauft.

So mag ich mit der freudigen Mitteilung beginnen, dass es euch nicht länger nötig sei, um eine Schwester zu trauern, besitzet ihr sie nicht, noch habt ihr sie je besessen. Beglaubigt versichert und in Schriftform gebracht, liegen mir die Aussagen oben erwähnter Bediensteter eures einstigen Elternhauses vor, welche besagen, dass es sich in eurer Person um den erstgeborenen Sohn des verräterischen und zum heutigen Tage nicht mehr geführten Grafenhauses derer von Akazienburg handelt.
Jetzt nochmal schön kauen und schlucken: Du kannst es dir schenken, um Anara trauern zu wollen, denn du bist nicht Bruder unserer verstorbenen Königin. Du bist das Kind einer aus den Adelslisten gebannten Grafenfamilie mit einem blöden Namen. Der Sohn eines Verräters.

Gewiss sei euch in diversen Akten erkenntlich in welcher Weise euer Herr Vater wider das hohe Königshaus handelte und mit seiner Hinrichtung entlohnt wurde. Du kannst das sogar nachlesen, was dein geköpfter Vater alles verbrochen hat, das kann jeder nachlesen, steht überall. So sei es euch zum Glücke beschieden, dass seine dem Königshause treuer ergebene Gattin, ob Erkenntnis dieser Fakten, zu euer Niederkunft ebenso verstarb, Und du kannst froh sein, dass deine Mutter, die ein klein wenig besser war als ihr Mann, bei deiner Geburt vor Schreck darüber ebenso krepierte wie jener erstgeborene Sohn, welchen ihr euren Vetter hättet nennen dürfen, recht zeitnah im Kindbette sein Leben dar hergab. Währenddessen starb aber auch ein erstgeborener Sohn der Hohenfelsens, der sonst ein entfernter Verwandter von dir gewesen wäre. Gnade und Sorge um euer Wohlergehen, ließ ein Vorgehen anheim kommen, welches in manchen Kreisen gewiss als Betrug erachtet würde. Doch schwieg man sich bis zum heutigen Tage aus.
Mit irgendwelchem scheiß Mitgefühl haben sie uns alle betrogen. Aber jetzt hab ich diesen Kram ans Licht gezerrt.

Euch sei gewährt die euch als nötig erachteten Nachforschungen zu führen, welche ich sowohl zu unterstützen bereit bin, als auch gewiss mit einem aufmerksamen Auge verfolgen werde, auf dass sie in keiner Weise die nötige Dauer überschreite.
Du kannst natürlich versuchen, selber Nachforschungen anzustellen, aber die werde ich begleiten und überwachen, damit du ja nichts herausfinden kannst, was ich nicht verfälschen würde, und viel Zeit lass ich dir natürlich auch nicht.

Weiterhin gehe ich davon aus, dass eure Einsicht gegeben sei, dass euer Verbleib in gewissen, dem Königshaus nahe stehenden höchsten Ämtern, meines besonderen Wohlwollens in Verbindung steht. Die ist schon klar, dass du nur Kronratsmitglied und Vormund der Prinzen bist, weil ICH dir das erlaube? Hierüber hinaus erwarte ich die spürbare Erkenntnis eures Hauses, dass es künftig von Nöten sei, die Ziele unser beiden Häuser in Einklang zu bringen.
Sprich: Du tanzt zukünftig nach MEINER Pfeife und tust, was ICH will. Und dass du das tust, will ich auch merken.


Möge es euer Herz nicht schweren, dass euer Blut dem hohen Königshause weniger nahe steht, als ihr es bis heute kundtut. Ich bohr hier nur noch mal ein bißchen in der Wunde, während ich mir einen feixe, dass du kleine Kakerlake nicht mehr mit dem Königshaus verwandt bist.
Gewiss werden eure Leistungen am Reich schwerer wiegen, als jene eures Vaters. Das ist jetzt Ironie, klar. Sohn eines Verräters, gnihihi. Selbst dann, so man in Bedauern entscheiden müsste, dass eure künftigen Ämter weniger bedeutsam wären. Ich werde dafür sorgen, dass du abserviert irgendwo unten herumkrauchen kannst, wo ich mit dir nichts mehr zu tun haben muss.

In Verbundenheit Ja ja, die üblichen Floskeln, du kennst es ja.
seine herzogliche Hoheit

Theobald Zirius Archimbar vom Eirensee



Fassungslos glitt ihr Blick wieder und wieder über die Zeilen.
"Das ist eine offene Erpressung und billigste Intrige, was erdreistet dieser Mistkerl sich?", brachte sie es endlich in Worte und sah Adrian an. Das war jetzt ein schlechter Witz, oder?
"Ich denke, das bedarf nicht wirklich einer Antwort..."
Wenn Adrian in dieser Weise ernst war, wie er es gerade war, dann war gewaltig was nicht in Ordnung und es fügte ihrem Herzen eine weitere von vielen Narben zu. Eirensee war für Adrian das, was Gernot von Kelterburg für sie gewesen war, und sie ertrug es nicht, ihn so leiden zu sehen. Götter, wann gab dieser Mann Ruhe?
Er war der Drahtzieher oder zu Zeiten des alten Herzogs von Schwarzwasser der Mann in der zweiten Reihe gewesen, wenn es darum ging, Adrian zu demontieren und in den Dreck zu stoßen. So vieles, was Adrian gerade politisch zu schaffen gemacht und persönlich verletzt hatte, war nicht zu beweisen gewesen - aber meistens konnte man dann diese beiden Namen dahinter vermuten. Auch sie selber hatte schon darunter gelitten, als man sie in den Staub treten wollte, um neben Rafael eine von Adrians Stützen wegbrechen zu lassen.
Die Ermordung Eileens.
Die Beendung von Adrians Truchsess-Regentschaft zugunsten des Kronrates.
Adrians Absetzung als Graf von Varuna.
Der Auflösung der Grafschaft Hohenfels hatte Theobald sicher auch jubilierend zugestimmt.

Und jetzt sollte er nicht mal mehr mit dem eingeheirateten Zweig der Königsfamilie verwandt sein. Damit nicht Onkel der Prinzen, was mit Sicherheit dem Zweck diente, ihn von Ador und Isidor künftig fern zu halten. Ohne diese private Position wäre er auch nur irgend ein Graf, eine Mitgliedschaft im Kronrat hinfällig.
"Dein ganzes Lebenswerk, alles wofür du gekämpft hast, tritt er in den Staub."
Sie sah Adrian mit diesem Gedanken an und musste die Tränen zurück halten, den bitteren Geschmack von der Zunge bannen. Nein, so nicht!
"Du brichst jetzt nicht überstürzt auf, um... ich weiß nicht was zu tun. Aber das hier...", sie wedelte leicht mit der Schriftrolle, "sollte endlich sein letzter Fehler gewesen sein."
"Was schlägst du bitte vor, hier verharren während er sich die Hände reibt und dieses Spiel weiter nach seinen Regeln bereitet?"
"Nein, hier so lange wie eben nötig noch bleiben, um die Fäden zu ziehen, die du selber hier in der Hand hälst."
"Ich muss zu Ador und Isidor! Wer weiss was er den beiden schon einflüstert."
"Musst du, ja", nickte sie ernst. Ihr wurde schlecht bei dem Gedanken, welchem Gift die Prinzen ausgesetzt waren. "Aber wenn du jetzt einfach so in die Hauptstadt aufbrichst, stehst du ziemlich alleine da. Und du läufst in eine vorbereitete Falle."
"Das.. werden wir noch sehen."

Ihr fiel ja ein Stein vom Herzen, dass er so kampflustig schien, trotzdem machte er ihr gerade Angst. "Adrian, setz dich...", bat sie ihn zum wiederholten Mal, "und erklär mir, was du vor hast."
"Ich will dir helfen, verdammt."
"Der Kronrat sabbert nicht geschlossen an seinen Zehenspitzen...", erwiderte er gefährlich leiser, bevor er ungehaltener wurde: "Mir ist nicht nach Setzen!"
"Nein, aber er würde dir das nicht schreiben, wenn er nichts in der Hand hätte." Sie sah nochmal auf das Papier. "Ich fass es nicht, der schreibt da offen von Bestechung."
"Was ihm hoffentlich das Genick bricht.. oder mehr", nickte Adrian. "Er schreibt nicht im Namen des Kronrats - möglicherweise weiss der noch nicht mal hiervon, das wäre meine Hoffnung."
"Ich fürchte, da sind Eirensees Wege weit kürzer als deine." Manchmal verfluchte sie es, dass sie nicht in der Hauptstadt und auf Drachenfels waren. Und das lag an ihr. An ihr und dem Schwert, das sie zu beschützen geschworen hatte. Adrian hielt seit dem Verlust seiner Heimat, dem Verlust seines angestammten Lehens eigentlich nichts mehr hier. Dass er blieb, war ihre schuld. Es war das erste Mal, dass ihr dieser Umstand wirklich leid tat.

"Meine Wege werden kaum kürzer je länger ich warte", beharrte er.
"Nein, aber deswegen solltest du dir hier noch etwas Rückendeckung organisieren. Das Ganze ist doch eine Finte, um dich noch weiter von Ador weg zu kriegen. Davon sollten Rafael und Thelor erfahren, sie sind Kronritter."
"Denkst du das wüsste ich nicht? Es ist doch offensichtlich.
Sie zu verständigen, kannst du gern übernehmen während ich meine Abreise vorbereite. Ich werde nicht warten.. ich werde ihm nicht noch mehr Zeit geben für seine Einflüsterungen in Adors und Isidors Ohren oder wessen auch immer." Wieder wurde er leiser, grollig, mit der Wut eines Menschen, der das letzte verteidigte, was ihm geblieben war: "Ich lasse mir nicht meine Familie nehmen."

"Wie viel weißt du über diese Akazienburgs?" Sie holte sich etwas zu schreiben und fertigte eine Abschrift von Eirensees Brief - sie würde sie brauchen.
"Meine Tante - Mutters Schwester - hat in diese Familie eingeheiratet. So wie Mutter in die Blutlinie derer von Hohenfels. Mehr vermag ich auch nicht zu sagen. Alles, was ich weiss ist, dass es eine verstorbene Linie ist,
über die niemand sprechen wollte, also .. fragte ich nicht. Und heute kann ich es nicht mehr."
"Bestechung, Erpressung eines Kronratsmitgliedes... Jeder mit einem Funken Wissen über die Interna weiß, dass eure Politik weiter nicht auseinander gehen könnte - da muss ihm so eine Darlegung seiner Widerwärtigkeit doch endlich mal das Genick brechen!", begann sie sich zu ereifern, während sie weiter Zeile um Zeile kopierte.
"Wenn ich etwas dazu beitragen kann, werde ich es."
"Was wollen der Kronrat und Ador in ihren Reihen haben, solches Intrigantenpack?"
"Mag der Kronrat.. mag Ador entscheiden.. dieses Spiel wird er nicht allein spielen." Adrians Ton war sinnierender geworden, während er näher an die Schlafstatt der Zwillinge trat, diese eingehend musterte.
"Leben noch Bedienstete deiner Familie, die bezeugen könnten, dass du der leibliche Sohn bist? Irgend etwas, was du ihm da entgegen setzen kannst? Der kann doch nicht dahergelaufene Leute nehmen und dir so eine schamlose Unterstellung unterjubeln!", ging Darna weitere Möglichkeiten durch.
Adrian schüttelte stumm den Kopf und meinte: "Ich muss die Fakten prüfen. In der Hauptstadt. Ich nehme an, dort wird wer immer ihm als Zeuge zur Seite steht, anwesend sein."
"Fantastisch, und was willst du mit dem machen? Ihm sagen: 'Du lügst doch!' - 'Neeeiiin, ich schwör's!' ?"
"Aufrecht stehen oder ebenso sterben, wir werden es sehen", erklang es neben ihr nur ruhig als Antwort. Sie schnaufte. "Das ist mein Text!"
"Du willst mir nicht ernsthaft erzählen, da in offene Messer laufen zu wollen."
"Nein will ich nicht.. Ich habe auf der Reise Zeit nachzusinnen, wie ich das Messer aus seiner Hand nehme und für mich nutze."
Sie presste die Lippen zusammen und schrieb eilig, doch sauber und Wort für Wort den Brief ab. "Ich hasse das...", murmelte sie leise, "Ich will mit."

Damit trat sie eine weitere Diskussion los. Adrian beharrte darauf, sie hier wissen zu wollen, in Sicherheit, und vor allem bei den Kindern. In Gedanken sah sie sich derweil in ihrer Rüstung mit Adrian in den Saal treten und Eirensee in Grund und Boden stampfen, die Kleinen derweil in der sicheren Obhut von Savea und Shaya.
Gleichzeitig heulte sie innerlich in dem Wissen auf, dass sie nicht weg durfte, bevor für das Schwert nicht alles geregelt und irgendwo etwas Luft war.

Sie musste mit ihrer Eminenz reden. Es konnte nicht angehen, dass jemand in so einer hohen Machtposition wie Eirensee ein solches Charakterschwein sein konnte, und die Kirche stünde dem ohnmächtig gegenüber. Trennung von Reich und Kirche hin oder her.
Thelor. Rafael. Calamdor von Auenfels. Im Kopf ging sie mögliche Verbündete durch und ihr graute es bei dem Gedanken, welche Verbindungen der Herzog haben würde, der weit häufiger vor Ort war.
"Ich habe mit an Adrians Stuhl gesägt, und das einfach nur, weil ich hier bin. Und nicht dort."
Sie presste die Kiefer zusammen, während Gerimor gedanklich einen wütenden Tritt erhielt.

Verfasst: Montag 28. Februar 2011, 18:34
von Darna von Hohenfels
Sie ließ sich in den Sessel fallen und legte den Kopf weit in den Nacken, verschränkte die Hände dahinter. Es war keine wirklich erleichterte Geste, eher wirkte der Blick Richtung Zimmerdecke hilfesuchend.
"Ich hoffe, von mir behaupten zu dürfen, dass ich nicht oft einfach so um etwas bitte, Eure Eminenz. Und niemals würde ich bitten um etwas, das Euch oder gar der Kirche schaden würde.
Aber diesmal bitte ich Euch um Hilfe. Weil ich muss. Ich sehe bislang zwei einzelne Schachfiguren auf dem Brett in einer Partie gegen Eirensee.
Und so ist alles, um was ich Euch bitte, dass Ihr Eure Möglichkeiten überdenkt, Eure und die der Kirche."


Wieder und wieder klangen Erinnerungen an das Gespräch in ihren Gedanken nach, während sie sich weiter mit der Situation befasste, Möglichkeiten auslotete, sich über die miese Art des Herzogs aufregte, sich um Adrian und die Prinzen sorgte, Tagträumen nachhing, in denen sie Theobald den Schädel spalten durfte. Und wieder und wieder auch vor den Unmöglichkeiten stand, sich einsam fühlte und seufzte, weil so wenig machbar schien.

Eirensee vor dem königlichen Gericht wegen Hochverrates anklagen...
Die Idee war nicht von ihr gekommen und sie schreckte instinktiv immer wieder davor zurück, wie andere dieses Wort leichtfertig zu verwenden schienen.
"Die Anklage lautet Erpressung eines Kronratsmitgliedes", versuchte sie vorsichtig zu revidieren. Was schlimm genug war. Und gleichzeitig keimte ein Funken Hoffnung auf: "Und wenn diese Vorwürfe widerlegt werden können, Erpressung eines Mitgliedes der königlichen Familie."
"Also Hochverrat", wiederholte Svea ungerührt.
Hrm. Und hatte recht.
Allerdings sah Darna irgendwie schwarz, was diese mögliche Entkräftung anging. Das vorzubereiten und alle angebliche Beweislast auf seine Seite zu ziehen, dafür hatte Eirensee alle Zeit der Welt gehabt. Aber wie konnte das sein?

Wie konnte es angehen, dass der Stammbaum einer angesehenen Familie einfach so durch das Kaufen einiger Bediensteter und die Behauptung eines Herzogs angezweifelt werden könnte? Wäre dem so, dann müssten alle hochrangigen Adligen um die Verbrieftheit ihrer Herkunft fürchten, wenn es einem mächtigen Konkurrenten so gefiel.
Das konnte, durfte gar nicht funktionieren!
Jedes Abstammungsrecht stünde auf tönernen Füßen. "Die wissen manchmal gar nicht, wie sie sich durch ihre Schandtaten selber untergraben", schüttelte Darna den Kopf. Aber was, wenn es doch nicht aus der Luft gezogen, sondern irgendwas an den Vorwürfen dran war? Wieder Kopfschütteln. Sie versuchte sich auszumalen, wie ihr der Boden derartig unter den Füßen weggezogen würde. Die Vorstellung, der Stammbaum aus Silber, von den Zwergen gefertigt, der in ihrem Hauptraum aushing, würde einfach... nicht mehr stimmen.
Es drehte ihr den Magen um und wütend presste sie die Lippen zusammen.

Wie konnte - und wie durfte - man sich wehren? Es war nicht ganz einfach gewesen, Svea aufzuzeigen, wo die eigentlichen Haken lagen. Es war schwer gewesen, zu vermitteln, dass es hier nicht nur einfach um eine Privatfehde zwischen Adeligen ging, die die Kirche nur mässig zu interessieren brauchte. Dass sie hier nicht nur saß, weil eine Gattin sich darüber empörte, dass Ihr Gemahl so angegangen wurde.
"Würde ich Eirensee zum Duell fordern, so wäre es einfach nur der Zorn eines gekränkten Eheweibes, nicht wahr, Eminenz? Nicht der einer Paladina, die seine Mittel von Betrug und Erpressung verdammt.
Was, wenn ich ihn im Namen der Kirche fordern dürfte, eben aus diesen letzteren Gründen? Oder irgend jemand sonst? Wie gebietet man diesem Kerl Einhalt?"
Das Naheliegendste war der Rat gewesen, Adors Krönung abzuwarten und den Herzog dann abzusägen.
"Dies wird Eirensee ebenso bewusst sein, Eure Eminenz, und genau deswegen mache ich mir solche immensen Sorgen, dass er wie schon sein Vater und seine Mutter Opfer eines gewaltsamen Todes werden soll."

Der Rat, vorsichtig und nicht durchschaubar zu sein, gute Wünsche...
war das alles? Sie sah sich, wie all die Jahre zuvor schon, als es um Adrians Regentschaft und Varuna gegangen war, Veitstänze aufführen, die niemanden wirklich interessierten. Man stimmte ihrer Meinung zu, aber keiner tat was. Es drohte ihr mitten in Sveas Büro Tränen der Wut in die Augen zu treiben.
"Die Kirche ist kein Instrument politischer Ränke, Paladina."
"Nein, das soll sie auch nicht sein, aber soll sie nicht Richtschnur und Lehrer der Tugenden für das Reich sein, wenn es in der Politik mehr und mehr die Untugenden sind, die zum Erfolg führen? Soll die Kirche ohnmächtig daneben stehen, wenn solch ein intriganter Mistkerl Primus inter pares des Kronrates ist?
Nichts zu tun, käme einer bajarder "neutralen" Untätigkeit gleich, und wäre diese "Was sollen wir denn tun?"-Mentalität ein Wesen aus Fleisch und Blut, es hätte meinen Fehdehandschuh vor den Füßen!"
Fast war sie damit zu weit gegangen. Die Greifenhains standen nicht in dem Ruf, Freunde Eirensees zu sein und Svea begann das Ganze als persönlichen Vorwurf zu betrachten.

Aber was blieb ihr schon über? Mit ein paar guten Wünschen und allgemeinen Ratschlägen hier raus gehen? Damit war sie keinen Schritt weiter. Es war dennoch einzig Sveas höhere Position, die sie nicht zornig und frustriert das Zimmer verlassen ließ.
Göttinnocheins, da standen Eirensees Niederträchtigkeiten schwarz auf weiß, was wollte sie denn noch?!
"Ich glaube Euch, dass dieses Schriftstück von Eirensee ist, Ihr seid Paladina und würdet nicht lügen. Doch das mag nicht jeder Adelige so sehen. Und womöglich würfe Euch der Herzog Verleumdung vor."
"Amüsant... ich dachte, mit meinen wirren Gedankengängen, Adrian vor genau dieser Möglichkeit zu warnen, wäre ich alleine", erwiderte sie bemüht ruhig, "Aber in was für einem Reich leben wir, Eure Eminenz, wenn dem Wort einer Paladin durch einen Adeligen nicht mehr geglaubt wird? Ich dachte, mir Lügen vorwerfen lassen zu müssen, bräuchte ich nur von Fräulein Selene zu fürchten."
"In einem Reich, in dem leider allzu oft Hinterlist und Täuschung regieren", führte Svea seufzend in blumigen Worten aus. Innerlich erscholl in Darna ein triumphierendes "Ja!" - endlich hatte sie Svea dort bei dem Punkt, über den sie sich selber so aufregte und wollte nicht glauben, dass die Hohepriesterin vor so etwas einfach kapitulieren und es hinnehmen würde. Denn so sollte es aber nicht sein, verdammt noch eins!

"Und was ist das für ein Reich, wenn aber die Kirche der ritterlichen Göttin ohnmächtig daneben stehen soll? Was soll das für eine angeblich oberste Kirche sein? Ist Temora etwa nur schöngeredete Schutzgöttin und hochgelobt, solange sie nicht unbequem wird?"
Sveas Züge verhärteten sich und endlich glaubte Darna den ersehnten Kampfeswillen in ihrem Blick zu sehen. Gleichzeitig gab sie in leisen Worten nur eine Ahnung auf weitere Abgründe: Sie war weit davon entfernt, eigenmächtig für die Kirche entscheiden zu können und auch im Kirchenrat der Hauptstadt saßen Leute, deren Motivationen in Frage gestellt werden mochten.
"Doch ich werde meinen alten Mentor anschreiben und sehen, was getan werden kann. Ich werde nicht einer Kirche dienen, die die Werte nicht auch vertritt, für die ich lebe."

"Diese Geschehnisse werden weite Kreise ziehen, Paladina... Temora steh uns allen bei."

Darnas Blick gegen die Zimmerdecke währte lange. Wie hatte es alles so weit kommen können? Würde es irgendwas gebracht haben, oder standen sie letztlich doch nur wieder wie kleine Männchen Veitstänze aufführend in der Gegend, während die Listigen sich die Hände rieben?
"Ich habe diesen Krieg nicht gewollt, Eminenz... Aber wer ihn will, soll ihn haben."
"Nein, ich habe diesen Krieg nicht gewollt." Sie schloß langsam die Augen und kniff sie leicht zusammen. "Ja... Temora steh uns bei."

Verfasst: Donnerstag 3. März 2011, 18:16
von Darna von Hohenfels
Abschied von Gerimor

Leise nur erklangen die Worte zu dem von silbrigem Glanz umspielten mächtigen Stamm, zu den Wurzeln, die die Erde hielten, zu der Krone, die so vielem Schirm und Schutz war. Worte, die Zweifel enthielten und die niemand anders hören oder auch nur zu spüren bekommen sollte:
"Ich möchte Adrian folgen und hoffe, das Richtige zu tun, Herrin...
Ich hoffe... die Prioritäten richtig zu setzen, was wahrlich nicht leicht ist. Es fiele so leicht, hier zu bleiben - und auch wieder nicht. Ich schwöre, ich will rechtzeitig wieder hier sein, um meinem Dienst, meinem Eid an deiner Waffe nachzukommen, der mich bindet, nichts soll mich davon abhalten. Doch die Tage bis zu diesem... gehören meinem Gemahl, und selbst dort, wo er ist, will ich dir dienen, deine Lehre unter die Menschen tragen dort, wo sie fehlt. Ich erbitte deinen Segen, und dass du uns allen beistehen mögest, hier wie dort."
Nie hatte sie Gerimor mit so gemischten Gefühlen verlassen, vor allem war sie nie so dankbar darum gewesen, von hier weg zu kommen.

Ja, natürlich. In den letzten Wochen und Monaten hatte es mehr als einmal den Eindruck gemacht, die Welt würde untergehen, und so fiel es mehr als leicht, sich an dieses Land und die Menschen gebunden zu fühlen. Ihre Kinder waren hier und es war ein bitterer Schritt, sie zurück zu lassen, auch wenn sie sie in keinen besseren Händen sonst hätte wissen können. Am heftigsten aber nagte die Sorge, dass die Ereignisse sich überstürzen mochten und es sie plötzlicher in der Krypta brauchen würde als zu erwarten stand.

Sich überstürzende Ereignisse... sie kam nicht umhin, innerlich zu schnauben. Niemals hatte sie sich so oft wie seit Beginn der Probleme um den Vulkangeist fragen müssen, ob sie eigentlich nur von Trotteln und faulem, arroganten und ignorantem Pack umgeben war.
Immernoch wollte sie es kaum fassen, dass man allen Ernstes die Rahaler an der Bekämpfung des Übels beteiligte. Dann diese entsetzliche Naivität, das vom Geist geforderte Opfer tatsächlich zusammenbringen zu wollen. Wenn sie dann an das dumme selbstherrliche Geschwätz der Tiefländer dachte, Kanubio mittendrin, der es von allen noch am besten hätte wissen müssen, über den angeblichen "Geiz" der "Städter", kochte ihr noch jetzt die Wut hoch.

Die Kristalle, die mit Schlafmagie verzaubert werden sollten, schienen teils seit Monaten in Umlauf, dafür schien aber so gut wie niemand den Überblick behalten zu haben, wer überhaupt denn nun alles einen hatte!
Der fehlende Informationsfluss generell war unglaublich. Der Academia, gerade Rilas, hatte sie zuletzt noch geschrieben, was mit den Muscheln los war, und dann kam mehrere Wochen! später eine von ihm beauftragte Scolarin an und wollte die Muscheln einer Erstuntersuchung unterziehen und wusste absolut nichts. Nicht einmal, ob die Academia selber einen Kristall hatte. Ravenor hatte sie wie ein brüskierter Bürokratengeck noch angeschrieben, sich mit der Angelegenheit nicht an Scolaren zu wenden, und dann führte Scolar Rilas offenbar irgendwelche Untersuchungen und schickte eine noch ahnungslosere Scolarin, als er selber war.
Die Verzauberung der Kristalle zog sich schlimmer als eine Verabschiedung unter Adeligen in die Länge. Inos, der sich hauptverantwortlich um den Kristall des Konzils kümmern sollte, ließ ihr auch noch auf Nachfrage ausrichten, er "kümmere sich nicht mit ganzem Einsatz darum" - auch nur einen Barden für ein Schlaflied zu finden, schien sich als Ding der Unmöglichkeit zu erweisen, bis dann auf einmal jemand bei der Verzauberung ein Schlaflied trällerte, der nicht einmal mit besonderer Gabe dafür gesegnet war. Überhaupt war aus der bis dahin geplanten Verzauberung in letzter Sekunde eine seltsame Massenveranstaltung geworden, aufgrund der Aussage einer bis dahin ihnen unbekannten Hexe, die plötzlich Informationen ins Spiel brachte, die sie nach Monaten zum allerersten Mal hörten. Um dem ganzen noch die Krone aufzusetzen, waren diese Informationen auch noch ausgerechnet bei den Hochelfen verschollen gegangen, oder sie waren alle einer dreisten Lüge aufgesessen.
Selene, die erst mehr Fäden in der Hand gehalten hatte, als es Darna recht gewesen wäre, hatte derweil nichts Besseres zu tun, als sie der Lüge zu bezichtigen und herumzuweinen, Darna würde Familie und Freunde gegen sie hetzen. "Wenn Gerede aus zweiter Hand schon dazu führen würde, dass sich Freunde von dir gegen dich wenden, solltest du über die Qualität deiner Freunde mal nachdenken." Sie schüttelte den Kopf. "Wieso erwartest du eigentlich erwachsenes Verhalten von der, die hat die Zwanzig doch vermutlich nicht mal überschritten."
Sie wischte sich übers Gesicht.

Überhaupt war auch das Ausmaß an Uneigenständigkeit erschreckend gewesen. Wochen- ach was, monatelang waren an Städten und sämtlichen Ufern die toten Delphine liegen geblieben, ohne dass es irgendwen geschert hätte.
Vermutlich wären bis heute auch die wilden Waldtiere in Adoran frei herumgelaufen, hätten Savea und Shaya mit Hilfe von Niowe sie nicht alle in die Gatter östlich der Stadt getrieben. Zwei Schützen und eine Kriegerin - von all den Bauern, die in und um die Stadt herum lebten, kein Finger gekrümmt.
Die Herrin der Stadt, Gräfin von Dornwald, bewies während der Zeit das, was seit einigen Monaten mehr und mehr offensichtlich wurde: Absolut nichts schien sie von den Geschehnissen mitzubekommen, wenn das Haus von Hohenfels ihr die Erklärung der Vorgänge nicht auf einem Silbertablett überreichte. Statt mehr als einem blumig floskelhaften Danke durften sie sich von Mariella aber pikiertes Gehabe bieten lassen, als nach dem Auftauchen eines Knochendämons und weiteren Erdbeben ihre Leute gerüstet in die Stadt kamen, um auszukundschaften, ob nach Berchgard nun auch Adoran von Monstern geflutet wurde.
"Keine akute Bedrohung..." - zum wiederholten Male entfuhr Darna dazu nur ein ungläubig frustriertes Schnauben. "Der Knochendämon hätte dir DEINE Haustür mal verbiegen sollen, dann hätte ich sehen mögen, wie akut du die Bedrohung plötzlich gefunden hättest, Fräulein Gräfin."
Und nach diesem Gipfel der Ignoranz war der Antrag auf Rüstrecht auch noch abgelehnt worden. Nicht durch den Grafenrat, in dem das Haus Hohenfels zwei von drei Stimmen auf seiner Seite gehabt hätte, nein... durch eine Entscheidung des Herzogs, nachdem Mariella sich bei ihm wohl ausgeweint hatte. Damit war schon bei der ersten Entscheidung, die der Grafenrat überhaupt hätte treffen können und sollen, die Instanz ad absurdum geführt worden und Mariella hatte sich selbst mit entmachtet. Es sei denn, es war ihre Absicht, Konrad auch häufiger um den Finger wickeln zu können... Dann wären Rafael und Thelor die Trottel, den ihnen zugestandenen Einfluß derartig für nichtig erklären zu lassen.
Kopfschütteln. Nichts als kopfschütteln.
Also durften sie sich noch weiter von diesem schlechten Witz namens Leibwächterschulung zum Narren machen lassen, und sich vom Oberst für blöd hinstellen lassen. Beim Abschluß der Schulung schon nicht die Lizenzen dabei zu haben, zu versichern, dass das Regiment sich schriftlich melden würde, wenn sie bereit lägen, und dann nach schon wieder geraumer Zeit zu schreiben, wann man sie denn wohl endlich abhole weil sie seit sonstwann bereit lägen, war der Gipfel der Frechheit und der letzte Tropfen ins Fass, mit dem Friedolin Darnas Achtung verlor. "Verarschen kann ich mich alleine", dachte sie bitter. Was war aus Ragwyn bloß geworden?
Seit er zusammen mit Mariella die Vogelfreien offensichtlich protegiert hatte, dass er sogar Ira das Wort abschnitt, als sie ihm im Detail den Aufbau der Gilde und deren Unterschlupf erklären wollte, war es langsam aber stetig bergab gegangen.
"Seit Adoran existiert, reißen wir uns für die Stadt und das Land von hier bis Berchgard den Allerwertesten auf, sobald irgendwas los ist, und zum Dank dafür werden wir mit einem Wischiwaschi-Paragraphen abgespeist, als könnten wir ein "Eurem Gesuch wurde so etwa sinngemäß stattgegeben" nicht von einem "Abgelehnt" unterscheiden. Für wie blöd haltet ihr uns eigentlich?"

In zwei Lehen war nach Hilfe gerufen worden, um die Muscheln einzusammeln - sage und schreibe drei Leute hatten geholfen, und davon war einer aus Bajard. Und de Lore... der mit seinen Bemühungen mehr Ärger verursacht als geholfen hatte.
Dazu noch diese unglaubliche Arroganz der menekanischen Priesterin, die ihr schriftlich ein sinngemäßes: "Schön, dass ihr auch endlich mal auf Sachen kommt, die wir schon lange wissen - aber teilt uns doch mal bitte mit, was man mit den Muscheln macht." Kopfschütteln. Und immernoch hatte Svea sich nicht darüber geäußert, wie mit dieser Priesterin weiter verfahren werden sollte.
Inzwischen war es Darna auch egal. Über die Angelegenheiten, die sie im Kloster ärgerten, allem voran Lucas Diebstahl des Buches, der Kriegserklärung des Alkas, dem tagelanges sich die Beine in den Bauch stehen folgte, obwohl sie mit diesem ganzen Mist nicht einmal etwas zu tun hatten haben wollen, wollte sie nicht auch noch nachdenken.
"Es tut mir leid Herrin, aber... ich glaube, wenn die Welt untergeht, dann aus genügend Gründen, mit denen hier einiges verbockt, ignoriert, verschlampt und in die Irre geleitet wurde. Und mit Sicherheit haben wir auch einiges an Fehlern gemacht, aber so viel, wie hier vergeigt wurde, kann man gar nicht wieder gerade biegen. Wenn die Götter sich gruselnd von uns abwenden, kann ich das irgendwo verst..." - sie riß sich im letzten Moment gedanklich zurück und presste die Zähne aufeinander, dass sie knirschten.
"Gütige, ich verbittere hier noch völlig.
Und als wär das nicht genug, kommt dann noch Eirensee. Dreckskerl, mistiger, Zecke, Widerling..."


Gut, dass man unter dem Helm ihr Gesicht nicht sah, als sie in Berchgard ein Schiff bestieg und sich nicht einmal umdrehte, als es ablegte.

Komm in den Ring!

Verfasst: Sonntag 13. März 2011, 06:08
von Adrian von Hohenfels
Die Mannschaft des Schiffes, welches ihn zur Hauptstadt brachte, konnte sehr wohl seine Unruhe spüren. Nein er stand nicht im Weg, aber er stand auch niemals still, solang der Schlaf nicht doch einmal sein Recht forderte. Aber selbst dann schien es keine Ruhe zu geben und finstere Träume verdarben die Nacht. In den wachen Stunden lief er ständig auf und ab, sei es an Deck, oder eben in der ihm überlassenen Kapitänsunterkunft. Hin und wieder richtete sich sein Blick sinnierend gen Horizont. Beinah wäre ihm jetzt so mancher Kampf recht. Er blieb ihm verwehrt. Der Kampfring würde wohl erst in der Hauptstadt bereitstehen. Es blieb noch abzuwarten, wer als Sieger wieder hinausstieg.

Ein ums andere Mal ging er im Geiste die Worte des Schreibens durch, er kannte ihn längst in jedem Wortlaut auswendig, so oft hatte er die Zeilen derweil überflogen. War auch nur ein Körnchen Wahrheit darin, würde es Eirensee einen Sieg bescherren, der Ador selbst in Gefahr brachte. Soviel Tücke und Hinterlist, er kam sich vor als wäre dies alles ein Lehrstück des Letharenpacks, von Eirensee mochte beinah deren Musterschüler sein.

Er musste mit allem rechnen, gar dass dieser Mann abstritt, wirklich Verfasser dieses Briefes zu sein. Dann würde er ihm dies nicht einmal zur letzten Tat machen können. Wohin ging die Welt, wenn ein Lebenswerk, dass auf Aufrichtigkeit aufgebaut war, mit einem einzigen Hieb in Trümmer geraten konnte?

Man konnte ihn manches mal beobachten, wie er schlicht eine Kette besah, als würde in deren Gliedern alle Stärke der Welt liegen. Vermutlich lag sie es, zumindestens seine Stärke fand er im Besinnen auf die Werte, an die sie erinnerte. Solches Vorgehen mochten manches Lebensbild erschüttern. Nein, Eirensee würde ihn nicht zerbrechen. Es ging hier nicht um ihn, er war nebensächlich. Selbst für diesen Herzog, das war mehr als deutlich.

Es ging nur um eine einzige Person, war immer nur um ihn gegangen: Ador! Er war noch jung, alle Ausbildung vermochte Lebenserfahrung nicht zu ersetzen. Und die Welt hielt soviele Fallstricke für einen angehenden jungen König bereit. Wie viel leichter würde er sich hierin verstricken, nahm man ihm all den Halt, der ihm stets zur Seite stand. Ein bissiger Zug bildete sich um seine Mundwinkel. Nein er war nicht der einzige Halt, den Ador hatte, wenngleich sie sich aus der familiären Nähe begründet, stets einander wichtig waren.

Ich gebe alles dich zu besiegen, Eirensee! Alles, doch meine Ehre bekommst du nicht! Am Ende stehe oder falle ich, doch niemals werde ich dieses Spiel betreiben, auf deinen Pfaden. Dieser Kampf wird aufzeigen, was in dieser Welt mehr Bestand hat. Temora gib, dass Ehre in diesem Leben noch Wert besitzen kann.

Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als der erste Offizier an ihn heran trat, um ihn auf die nahende Küste aufmerksam zu machen. Die Hauptstadt war nah... bald würde das Ringen um Wahrheit und die Zukunft also beginnen. Er bebte innerlich. War er auch bereit Eirensee all dessen Schmutz von der Zunge zu waschen, die nahe Zukunft würde nicht leicht werden. Eirensee hatte genug Zeit gehabt sich vorzubereiten, aber hierin war er nicht der einzige. Der Ring stand offen, der Kampf war nah.

Verfasst: Dienstag 12. April 2011, 18:30
von Adrian von Hohenfels
Aus dem Ring geworfen... So konnte man es wohl in kurzen Worten zusammenfassen. Die Beweise waren gesichtet, durch ihn selbst, inzwischen auch durch den Kronrat. Sie waren schlüssig und es lag eine Wahrheit darin, die durch nichts mehr umzuwerfen war, Eirensee's Triumph war perfekt. Sollte er beinah jetzt noch dankbar sein, dass man ihm nicht gerichtlich vorwarf, ein Hochverräter zu sein, der das Reich seit seiner Geburt getäuscht hatte? Er hatte all dies nicht gewusst, es riss ihm noch immer den Boden unter den Füßen fort. Aus dem Kronrat entlassen, er habe sich künftig dem Prinzenpaar fern zu halten. Knappe Worte, nach all den Jahren.

Nein er sprach nicht viele Worte. „Es ist vorbei, verlassen wir diese Stadt bald möglich, mögen jetzt andere, unter Temoras Weisung, die Prinzen schützen... ein langes Leben den beiden.“ Was mehr gab es noch zu sagen. Darna mochte es ahnen, er würde sich zurückziehen aus so vielem, was ihm lieb und wertvoll war... Wollte er Gerimor noch wiedersehen? Eigentlich lag ihm nicht wirklich daran. Ein Erbe, das nie das seine war und inzwischen ohnehin verloren, Freunde die möglicherweise zwar zu ihm standen, aber wollte er dieses falsche Leben, dieses geschenkte Leben, das ihm eigentlich nie gehörte, weiterführen? In diesem Augenblick wollte er von all dem nichts mehr sehen oder hören. Er musste nachdenken, es gab letztlich nur einen Ort, der wirklich genug Ruhe hierfür versprach... Elbenau. Darna und er waren sich hierin schnell einig, ein Brief würde seinen Weg finden.

Verfasst: Samstag 23. April 2011, 15:31
von Darna von Hohenfels
Nein, es gab nichts mehr zu sagen, sie folgte ihm still. Alles, was sie an tröstenden oder aufbauenden Worten noch hätte sagen können, war bereits gesagt oder hätte wie makaberes Gewäsch geklungen, das sie sich nicht einmal selbst geglaubt hätte.

Aber die Gedanken schwiegen nicht. Was sie in den letzten Tagen erlebt hatte, war eine Verhöhnung all dessen, wofür sie als Adelige und als Teil eines lichten Reiches zu existieren gedacht hatte.
"Da standen sie...
Jene, die die Führung dieser unserer Welt darstellen sollen, und man stellt fest, dass wir ihnen eigentlich egal sind. Die behaupten, zu einem 'höheren Wohl' zu handeln und sich zum willfährigen Werkzeug einer egoistisch durchtriebenen Intrige machen. Was haben wir ihnen je getan?

Aber was wir getan haben, ist egal geworden. Weit weg und gern mit dem Strom der Zeit Richtung Vergessen treiben gelassen. Es ginge hier ja um anderes...
Erinnerst du dich an die Zeit, als ich nach Gerimor kam, Adrian? Es waren einige deiner ersten Worte zu mir: 'Ihr werdet nach Taten bemessen werden, nicht nach Eurem Namen'. Ist es vermessen, zu glauben, wir hätten genug getan und schuften dabei ja noch immer, das würde reichen? Es scheint nicht wert genug, überhaupt bleiben zu dürfen, wer man ist. Nein, es war nicht genug, was dir weg genommen wurde, die letzten, die deine Familie waren, wurden ausnahmsweise nicht getötet, sie werden dir auf viel perfidere Weise weggerissen.
Und in den Kreisen des Adels stehen wir gefühlt nun da wie Personen, die sich unbefugt Zutritt verschufen... Gernot würde jubeln.

Dort, wo alles entschieden wurde, waren sie, die Leute die angeblich hinter dir stünden. Was für Honig sie dir, uns, ums Maul geschmiert haben... dein Einsatz sei außerordentlich gewesen, jederzeit seist du verantwortungsbewusst mit allem umgegangen... und bringen in der Debatte dann irgendwelche unsinnigen, nicht umsetzbaren Vorschläge, vermutlich um ihre Hände in Unschuld waschen zu können, sie hätten ja alles versucht und wollten vermitteln. Götter, wird mir schlecht. Ist das tatsächlich noch bloß gut meinende Naivität, oder ist das schon blanke Verlogenheit? Egal was, selbst bei jenen ist es vor allem schon so erschreckend viel Gleichgültigkeit...
Wir gehören nicht mehr dazu.
Ich würde es... auch gar nicht mehr wollen."


Sie konnte sich ein herzensschweres Seufzen nicht verbeißen. Zum Glück hatte Adrian nicht wieder mit dem Unsinn angefangen, dass sie ihn nun wohl nicht mehr wollen würde, wer würde schon mit jemandem solcher Herkunft verheiratet sein wollen - darum ging es ja gar nicht.
Es tat so elendig weh, wie fern die Tage waren, in denen ein Calamdor von Auenfels sich nach wenigen Eindrücken von ihnen ohne Wenn und Aber auf ihre Seite gestellt hatte, einfach weil er spürte, dass sie für die Ideale standen, für die auch er streiten wollte. Des alten Herzog vom Werlentals Worte: 'Wollte man Treue definieren, man bräuchte eure Namen bloß daneben schreiben, nicht?' Wie entsetzlich weit schien die Zeit, in der sie sich innerlich jubelnd einem Lehnsherrn Adrian von Hohenfels angeschlossen hatte, weil es ein Herrscher war, von dem sie trotz menschlicher Fehler dabei so uneingeschränkt glauben durfte, dass er sich für 'das Gute' einsetzte.
Es hatte nicht gereicht. Es war alles egal. Sie wusste nicht, warum, aber Adrian war es zum Schluss ja nicht ein mal mehr wert gewesen, von Konrad eine Antwort zu erhalten, wenn er um eine Audienz bat. Sie wusste nicht, warum, aber bei der Führung des Landes siegten am Ende die Angst vor unsichtbaren und ersponnenen Gefahren und sowas wie politisches Kalkül.
Was sollten sie hier noch.

Sie hätte in Tränen ausbrechen mögen. Beide hatten sie sich Mühe gegeben, den äußeren Anschein zu wahren, doch ihre Mutter und sogar ihr Vater erschraken mehr oder weniger still, als sie sie sahen.
"Hoheit..." Sie knirschten beide mit den Zähnen, als die vertraute Anrede arglos ausgesprochen wurde.
"Götter, was soll das erst werden, kehrten wir nach Gerimor zurück? Heillose Verwirrung, oder jedem dürfen wir diese Schande, diese Erniedrigung auch noch selber erklären... Und vor wenigen Wochen noch halt ich selber am Konzil des Phönix Unterricht und erklär lang und breit die Verwandtschaftsverhältnisse, warum nur Adrian die Anrede zusteht und das auch noch ausnahmsweise... Jetzt kannst du erklären, dass das eigentlich nie stimmte." Sie ächzte, als sie in den Fluren des Hauses alleine schon wieder über alles nachdachte. "Sie können uns ja helfen, indem sie es öffentlich aushängen..." - bitterschwärzeste Ironie. "Ich will nicht zurück. Ist das zu viel Stolz, wenn ich sage, ich ertrage das nicht? 'Wahrheit tut weh, hm?' Himmel, das nimmt... alles den Anstrich der Welt an, wie sie der Panther wohl haben will. Ich kann nicht mehr. Es sind der Hammerschläge zu viel."

Sie sah sich um, wo sie gedankenverloren eigentlich gelandet war und erschrak, als sie keine sechs Schritt vor sich den an die Wand gemalten Stammbaum des Hauses erahnte. Wie unter äußerem Zwang gegen einen inneren Widerwillen näherte sie sich. Drehte sich langsam zu dem so liebevoll verästelten Gebilde, das ihrer aller Wurzeln verbildlichte. Auch nicht anders als die anderen Zweige und doch mit leisem Stolz waren die Verbindungen zu Adrian hinzugefügt worden, Bruder der in die Königsfamilie eingeheirateten Anara. Eingeheiratet. "Und weil sie nur eingeheiratet ist, wären, selbst wenn eine Ehe mit einem angeblichen Meritor existent gewesen wäre, jegliche Thronansprüche lächerlich, 'königliches Blut' sind Ador und Isidor als Segenus' Söhne!" - entschiedene, strikte Erklärungen, die sie jederzeit Unwissenden gerne gegeben hatte, und jetzt hatten Vertreter der Führung mitgeholfen, Adrian aus seiner Position zu befördern, weil sie irgendwelche Ansprüche in der Erbfolge fürchteten... wie absurd.
Ein Hieb in den Rücken. Innerlich aufgewühlt atmete sie aus, starrte auf den Stammbaum, merkte nicht, wie sich Schritte leise näherten, erst, als eine Hand sich als stummer Beistand an ihre Schulter legte.

Sie drehte den Kopf und sah in Veltins Gesicht. Tränen stiegen ihr in die Augen, ohne dass sie etwas dagegen hätten tun können. "Dein Bruder... Stell dir mal vor, das wär plötzlich Lüge. Du wärest geliebt worden, so wie du bist, und es wäre trotzdem fremd und irgendwie Lüge, weil es alles nicht stimmt. Du wärst nicht Kind deiner Eltern.
Götter, Adrian, es tut mir so leid!"


Und über diesem Stammbaum stand wie eh und je der Leitspruch ihres Hauses, das Lebensgefühl derer von Elbenau, alles wonach sie strebten und was sie wollten:

'Adel' kommt von 'edel'.

Es gab eine Person, die dieses widerlegte und stattdessen ein 'Adel' kommt von 'Ekel' nahelegte. Es gab mehrere wie ihn, doch dieser eine hatte all das angestoßen, aus Motiven, die sie seit jeher nicht wirklich nachvollziehen konnte und auch nicht wollte; doch ausgerechnet dieser unterschrieb im Namen des Adels und es wurde gebilligt.
"Du bist ein widerlicher erbärmlicher Krüppel, was Menschlichkeit angeht", verschuf sich ihre Abscheu gedanklich Luft, "Ein kleiner mieser Dreckskerl, der nichts als Ellenbogen kennt... und widerwärtigerweise ist es auch noch Erfolg, der dir recht gibt.
Ja, lach nur."

Bebend ballte sie die Fäuste, aber es änderte ja nichts.