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Böse Mädchen weinen nicht

Verfasst: Sonntag 6. Februar 2011, 19:15
von Danielle Lassart
Würde ihr irgendwann ein wenig Ruhe zuteilwerden, oder würde ihr Leben weiterhin eine Kapriole nach der anderen schlagen? Vermutlich letzteres und dafür gab es verschiedenste Gründe.

Einer der triftigsten war und würde der Orden bleiben. Lag es an der ureigenen Struktur, die ihre Gemeinschaft – wenn man es so nennen konnte – seit jeher geprägt hatte oder das Wesen Danielles? Wie dem auch sei, es hatte nicht lange gedauert, bis die junge Frau in Wesen und Charakter gebrochen war. Ihr ohnehin nicht stark ausgeprägtes Selbstbewusstsein war unter den Anstrengungen der Magistra und der Elegida zerbröckelt wie ein ausgetrocknetes Blatt.
Das Verhältnis und ihre Einstellung zur Ordensleitung hatte sich durch den Einsatz eines Magister zwar merklich verändert, aber dennoch blieb der Orden was er war. Ein Ort der Kälte und der klaren Strukturen. Daran konnten das offene Gespräch welches sie, sowohl mit Cecile wie auch mit Milyen, geführt hatte nichts geändert.
Die Kälte hatte ihr Wesen bis auf die Grundstruktur hinweggefegt und nun war sie sich selbst überlassen mit der Aufgabe, sich selbst neu zu erschaffen. Anleitung und Unterstützung, ja das hätte sie sicher gut gebrauchen können. So wechselhaft und unstet die junge Frau noch immer war. Wie ein Fluss glitt ihr Leben vor sich hin und könnte gelenkt und verändert werden, so es denn jemand gefiel sich damit zu beschäftigen.

In Wahrheit stellte sich das Leben unter den Arkorithern jedoch anders dar. Weder war die Ordensburg zu einer Heimat geworden, noch die Brüder und Schwestern im Geiste etwas das auch nur annähernd einer Familie gleich kamen. Diese stille Hoffnung Danielles hatte sich nicht erfüllt und mutete mittlerweile von vornherein utopisch an. Jeder köchelte sein eigenes Süppchen, war darauf bedacht nicht mehr von sich zu offenbaren als es der Lehrbetrieb erforderte. Noch immer war sie eine Fremde unter Fremden und würde es immer bleiben. Einzig die untrennbare Verbindung mit dem Orden schien das zu sein, was man gemeinsam hatte.
Sicher, der Orden schulte sie weiterhin in der Liedkunde, was sie auch begierig aufsog, darüber hinaus war Danielle aber sich selbst überlassen. Dennoch war ihr Bewusst, dass der Orden ihr Leben jeder Zeit verändern könnte, wenn es für nötig erachtet wurde. Ihre Position verbot es einfach, mehr zu fordern oder zu verlangen. Was man ihr an Formung angedeihen ließ nahm Danielle entgegen und ansonsten vertraute sie darauf, dass die höheren Ränge des Ordens eingreifen würden, wenn ihre Entwicklung eine falsche Richtung nahm.

Im Moment aber, konnte die junge Frau die Leichtigkeit des Seins in vollen Zügen genießen. Oder war sie es, die einfach vor etwas flüchtete, sich dem Orden entzog? Seit Wochen hatte sie keinen Fuß mehr auf die Insel gesetzt und wenn da nicht immer eine mahnende Stimme im Hinterkopf wäre, hätte sie ihre Verpflichtung fast vergessen.
Ja das Leben hatte wie immer Höhe und Tiefen zu bieten. Die Tiefe, für die zwei Männer verantwortlich gewesen waren, lag mittlerweile hinter ihr. Doch auch weiterhin blieb das Leben ein Wechselbad der Gefühle. Mehr oder weniger Bewusst waren dafür die verschiedensten Personen verantwortlich. Tessa, Anveena, Aram, die Nachtigall und so weiter. Die Namen und Gesichter zogen vor ihrem inneren Auge vorbei. Sie musste zugeben, dass all jene dafür sorgten, dass das die Höhen aktuell überwiegten und ihr Leben gewann durch sie neue Impulse.

Die Nachtigall hatte ihr einen Floh ins Ohr gesetzt und Anveena hatte diesen noch genährt. Ihre Neugier wiederum, ließ sie daran festhalten. Wo immer es wissen zu erlangen, Dinge zu erleben gab, konnte Danielle nicht einfach ablassen. Schon gar nicht wenn es ihr derart unbekannt war, zugleich aber auch ungemein verlockend.
Nicht gänzlich unschuldig daran war Tessa, der sie so viel Vertrauen entgegenbrachte und von der sie solches auch zurückerhielt. Sie war nicht einfach zu beschreiben, zumindest in Danielles Augen war die Brünette wie die Flammen eines Lagerfeuers, ständigen Veränderungen unterworfen. Wann immer sie aufeinandertrafen war nicht klar ob sich ein entspanntes, zuweilen irrwitziges Gespräch ergab oder ob eine der beiden wie ein getroffenes Tier das Weite suchte.

All diese Gedanken durchströmten den kleinen Kopf, während sie sich entkleidete. Die Ordenskleidung hatte sie schon aus dem Versteck geholt und legte sie nun an. Es war wirklich an der Zeit das es wieder Wärmer wurde oder ihre Beherrschung der Schatten weitreichender. Sonst würde das umziehen vor dem magischen Transport zur Ordensburg ihr sicher noch eine Erkältung oder schlimmeres einbringen.
Natürlich war die tiefschwarze Kleidung kalt, sie hatte ja in einem Versteck im freien auf ihre Rückkehr gewartet. Dennoch schien es, als würde die Kälte nicht nur von der Temperatur stammen sondern hätte noch eine andere Ursache. Oder bildete sie sich das nur ein wie die Stimmen, für die es laut der Elegida keine Erklärung gab? Denn die Wahrscheinlichkeit, dass irgendein Liedwirker sich die Mühe machte, sie über die Schattenkleidung zu beeinflussen war doch sehr gering. Wobei das eine schmeichelhaftere Begründung war, als das sie langsam Wahnsinnig wurde. Die Zeit würde es zeigen, wie so vieles andere und wie so häufig. Es galt lediglich Geduld zu haben und die losen Fäden, die ihr das Schicksal in die Hände gelegt hatte, nicht abermals entgleiten zu lassen.

Verfasst: Montag 7. Februar 2011, 18:10
von Tessa Inia Fayol
Was mach ich bloß?

Ein leiser Schauer durchfährt mich als die frische Brise vom Meer her landeinwärts bläst und ich drehe den Kopf etwas damit mir die Haare nicht ins Gesicht geweht werden. Dabei wandert mein Blick über das raue Wasser hin zu den Baumkronen die sich stets in Bewegung befinden. Im leben gibt es keinen Stillstand. Den gibt es erst im Tod und dem will ich dann bitte so lange wie möglich aus dem Weg gehen. Reicht wenn er mich in ein paar Jahrzehnten kennenlernt.

Ein leises Lachen formt sich in mir und ich höre es ohne einen Ton von mir zu geben. Der Wind erinnert mich ein wenig an Danielle und unsere ersten Treffen. Ich hätt' sie mehrmals erwürgt wenn sie nich' was bei mir gut gehabt hätte. Wie kann ein Mensch alleine nur so wenig Einfühlungsvermögen haben und Menschen mit der Nase voran in die eigenen Fettnäpfe stoßen? Unsicherheit kann Menschen viel Unfug anstellen lassen. Obwohl ich mir immernoch nicht ganz sicher bin was sie dazu bringt. Es kann nicht nur ich allein der Grund dafür sein. Das wäre doch sehr verwirrend.

Ich drehe mich und betrachte die freie Fläche vor mir. Das wird teuer...

Ich ziehe die Arme eng um den Körper und höre mich leise Seufzen. Bislang hab' ich es sie noch nicht so recht eindeutig fragen wollen. Mal eine unbestimmte wenig verpflichtende Frage hier, mal eine Andeutung da und sie scheint dem ganzen ja nichtmal abgeneigt. Aber könnten wir wirklich einen gemeinsamen Hausstand haben? Ich meine wenn nicht mit ihr, mit wem sollte ich's dann hinkriegen. Sogesehen.. vielleicht sollte ich sie wirklich mal darauf ansprechen. So ganz konkret... mit Planung.. und Verpflichtung.

Sie wird mir schon nicht den Kopf abreißen... denke ich.

Verfasst: Freitag 25. Februar 2011, 21:39
von Danielle Lassart
„Willst du wirklich etwas so Dummes tun Danielle? Ist es die Antwort auf die Frage wert?“ Die Worte habe ich laut ausgesprochen ohne mir bewusst zu machen, dass ich mitten in der Ordensburg stehe. Doch nichts als die trostlose Schwärze des Gebäudes und die leblose Stille haben sie gehört. Schnell verdränge ich den Gedanken, bevor er zu konkret wird und zu lange im Bewusstsein verweilte.
Ich will nicht, dass die Ordensleitung zufällig darauf stößt und mich davon abhält. Je länger sich meine Gedanken darum drehen, umso dichter wird das Netz in dem sich die Aufmerksamkeit der Herrinnen über das schwarze Buch verfangen kann. Dabei ist mir klar, dass nichts in meinem Leben ein Geheimnis bleibt. Ein anderer Gedanke muss her. Meine grünen Augen fallen auf den Kamin im Aufenthaltsraum, verfangen sich im Spiel der Flammen. Licht und Schatten wechseln sich an den Wänden ab. Ein vortreffliches Bild für mein Leben.

Wie bei einem wilden Galopp durch eine schlafende Stadt kommt es mir. Die alles umhüllende Schwärze wird zeitweilig von einem Lichtschein unterbrochen. Eine Laterne am Straßenrand, ein Gardist mit Fackel oder ein erleuchtetes Fenster.

Die Unterweisungen in der Liedkunde – Licht, der Orden – Schatten.

Die Stille kehrt unaufhaltbar zurück, ergreift Besitz von den Räumen, als wäre es ihre Heimstatt. Ratlos stehe ich in der Halle der Ordensburg und betrachte den Rücken der Statue. Die Leere meiner Hände ist unangenehm, so dass sich die Finger der ausladenenden Ärmel meines Kleides bemächtigen. Sie nesteln daran herum, zerknüllen den schattenhaften Stoff.

Auf der schwarzen Treppe hinter mir liegt das Schreiben für die Maestra. Fein säuberlich stehen dort aufgegliedert die jeweils gültigen Kleiderordnungen zum bestimmten Anlässen, unterteilt nach den Rängen des Ordens und getrennt nach Geschlechtern.
Für einen Moment überlege ich, ob ich die Strafarbeit doch in Ihre Gemächer bringen soll, wie gefordert. Doch ich entscheide mich dagegen. Am Ende störe ich sie bei irgendetwas und wenn Milyen einen Grund für eine weitere Strafe finden will, dann findet sie ihn. Im Grunde gebe ich ihr Recht. Das Kleid in das ich mich gehüllt habe, ist wirklich unangemessen für den Unterricht, zudem unpraktisch.

Will ich mich fragen warum ich gerade diesen Schnitt gewählt habe, statt der zahlreichen anderen Möglichkeiten die mein Kleiderschrank bietet? Nein ich will nicht und dennoch rasen meine Gedanken los wie ein Pfeil, der von der gespannten Sehne schnellt. Sofort schwirren mir Erinnerungen durch den Kopf. Von wem habe ich es gekauft, wo bereits gesehen und wem geschenkt. Segen und Fluch zugleich sind mir diese zügellosen Gedankenblitze, die mich in der Magie voranbringen und im Leben behindern.
Es fällt mir leicht Zusammenhänge zwischen Applikationen, verschiedenen Schulen und ihren Auswirkungen im Lied zu konstruieren und zu begreifen. Gleichzeitig bin ich in Gesprächen gedanklich einen Schritt weiter, denke an Konsequenzen oder Eindrücken die meine Taten und Worte hervorrufen könnten. Ich wiege ab und bin nicht ich.
Aber wer bin ich?

Ohne es zu beabsichtigen heben sich meine Mundwinkel, nehme ich wahr wie sich mein Blickfeld minimal verkleinert als die Wangen Platz machen für ein zerbrechliches Schmunzeln. Jene Zeilen aus einem Liedtext die ich gelesen habe und die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen veranlassen mich dazu.

„Du machst auf kalt und hart doch du bist weich und zart.“
Ich umrunde die Statue und meine Schritte hallen unerträglich laut von den Wänden wider. In diesem Augenblick fühle ich mich wie ein Eindringling, der den Frieden dieses Ortes stört. Ein seltsames Bild, die Heimstatt der Arkorither in Verbindung mit Frieden. Der Anblick der Statue ist mir vertraut, jedes Detail bekannt. Was würdest du wohl von mir denken Korow.

Das Leben einer Arkoritherin – Schatten.

Was gebe ich nicht für eine hervorragende Arkoritherin ab. Die Weihe im Tempel fällt mir als eines der zahllosen Beispiele ein, in denen ich mir eingestehen muss, dass ich meinen Weg noch weitergehen muss. Mir schnürt sich die Kehle zu als sich das Bild vor mein inneres Auge schiebt, wie der Gefangene in den Ketten hängt und das Blut aus seinem Hals hervorquillt. Wo meine Ordensgeschwister keine Miene verziehen oder sich gar daran ergötzen, zucke ich zusammen und halte den Atem an.
Andererseits wird mich Niemand, der mich außerhalb der Insel erlebt, für eine der einst gefürchteten Schwarzmagierinnen halten.

Mein Leben Außerhalb des Ordens – Licht und Schatten.

„Du bist so nonchalant, geziert und arrogant.“
All das kann man über meine Person hören, wenn die richtigen Personen gefragt werden. Die anfängliche Distanz, das Bollwerk aus Höflichkeit dient stets dem Selbstschutz. Wer mir unbekannt ist, muss Geduld haben um hinter die Fassade zu blicken. Solange ich nicht weiß wen ich vor mir habe, halte ich mich zurück. In diesen Momenten bin ich das Kind meines Vaters, des Dorflehrers, das anständig knickst und sich zusammenreißt.
Fasse ich Vertrauen, kann ich anders sein. Gelöst, albern und ausgelassen. Oh wie liebe ich diese Momente und wie dankbar bin ich den Menschen, mit denen ich sie teile. Das Summen der Gedanken, das ich mir wie einen großen Bienenschwarm vorstelle, hört auch dann nicht auf. Sie treiben dann vollkommen andere Blüten, die mir den Ruf eingebracht haben, zuweilen verwirrt zu sein oder andere zu verwirren. Manche Gedankensprünge kann ich mir selbst nicht erklären. Glücklicherweise sorgt es meistens für Heiterkeit und nicht für weniger positive Reaktion.

Wie war ich an diesen Punkt gelangt? Achja, Vertrauen. Damit gehe ich zu leichtfertig um, noch immer. Ein Relikt meiner Erziehung in einem temorgläubigen Haushalt. Nicht jeder Mensch führt böses im Schilde und diese Einstellung habe ich noch nicht abgelegt. Leider bestätigt sich gerade wieder, dass es ein Fehler ist Vertrauen zu haben und daran Hoffnungen zu knüpfen.

Der gedankliche Ritt auf meinem treuen Ross führt mich zu den Randvierteln der Stadt. Die Abschnitte mit Schatten werden länger.

Meine Gefühlswelt – Schatten.

„Böse Mädchen weinen nicht, verzweifeln nicht, sie tun alles für dich.“

Ich will glauben, dass der Text hier irrt, nicht wie über mich geschrieben scheint. Schneller hebt sich meine Brust unter den beschleunigten Atemzügen. Beständiges Blinzeln gegen die sich sammelnde Feuchtigkeit in meinen Augen. Mein Wille stemmt sich gegen diesen Gefühlsausbruch. Meine Hände klammern sich haltsuchend in den Stoff der Ärmel.
Nicht weinen aus Selbstmitleid! Lenke es um, sei stark, akzeptiere die Wahrheit, nur tu irgendetwas!
Von der innerlichen Unruhe ergriffen eile ich die Treppe hinab. Pures Glück lässt mich nicht auf den Saum des Kleides treten und stürzen. Mit ausgreifenden Schritten steuere ich den Schlafraum an. Verharren bedeutet freie Bahn für die Tränen. Die schwingt auf, einige weitere Schritte und ich stehe vor dem Schreibtisch. Eine Sackgasse. Verflucht! Etwas auf dem Tisch zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Ein großes Stück Pergament.

Hass!

Dröhnt es wie Donnerhall in meinem Schädel. Ein starkes Gefühl und ebenso treffend.

Nein dieses Mal ist es nicht der Hass auf die Elegida, den ich eine Zeit lang so gepflegt habe. Er hielt mich über Wasser, gab mir etwas woran ich mich klammern konnte. Mittlerweile respektiere ich sie, als Elegida und als Mensch. Sie könnte mir sogar ein Vorbild sein, wenn sich nicht immer noch etwas in mir dagegen sträuben würde. Soweit ich weiß ist Cecile die Einzige im Orden die es geschafft hat, trotz allem die Liebe zu finden. Ausgerechnet die Elegida, der ich es anfänglich am wenigstens zugetraut hätte und dennoch …
Warum kann ich nicht sein wie sie?

Die Stadt liegt hinter mir und auch der Mond hat sich hinter dichten Wolken versteckt. Licht erhellt meinen Weg nur noch wenn ich an einem der wenigen Gehöfte vorbeikomme. Bebende Flanken und der eingängige Geruch von Schweiß, lassen mich die Anstrengungen meines Reittieres erkennen. Unsere Reise ist noch nicht zu Ende, halte noch ein wenig durch. Würde ich jetzt einem echten Pferd zuflüstern. Währenddessen bereite ich mich darauf vor, dass mein Weg bald in völliger Dunkelheit liegen wird.

Mein Leben, die ewige Baustelle – wird verschlungen von den Schatten.

Zu viele Fragen, die alle dieselbe Antwort haben.
Warum bin ich nicht wie sie? – Weil du eben du bist. Schwach.
Warum fühle ich mich verloren, mitten unter Menschen? – Weil du eben du bist. Ein schwieriger Mensch.
Wieso lässt sich niemand auf dich ein, ohne mindestens eine weitere Option? – Weil du eben du bist. Zu schüchtern, zu zurückhaltend.
Warum scheint jeder Plan den ich fasse zu scheitern? Weil du eben du bist. Zu viel Angst vor einem Risiko.

Jede Antwort hämmert in meinem Kopf wie Donnerhall. Gedankenbild und Realität verschwimmen und der Hufschlag nimmt die dumpfen Schläge auf. Ich ertrage es nicht länger. Presse die Hände auf die Ohren, versuche die Antworten auszusperren. Es gelingt mir nicht. Unerbitterlich drehen sich die Gedanken um mich. Ich bin der Grund dafür! Ich und immer wieder ich.
Das Pferd strauchelt, die Vorderhufe knicken ein. Unvermittelt wie die Erkenntnis stürze ich nach vorne. Die kalte Lehne des Stuhles bohrt sich in meine Magengrube. Ein Würgereiz bricht über mich herein. Meine Hände stützen sich auf dem Tisch ab, verhindern dass ich weiter falle. Blond gefärbte Haare rauben mir die Sicht. Wie sie bin ich eben da, wo Ihnen die Struktur fehlt, fehlt mir etwas Stabilisierendes.

Dem Brechreiz gebe ich nicht nach, doch mein Blut wird weiter so kraftvoll durch meinen Körper gepumpt, das ich es hören kann. Dann werde ich mir dem Gefühl in meinen Fingern wieder gewahr. Für einen Moment muss ich Lächeln als ich mich an das Pergament erinnern, vergesse den Selbsthass. Ein Entwurf den ich gezeichnet habe, für ein Haus. Mein Leben ist eine einzige Baustelle und auch diese werde ich nie vollenden.
Das Knistern des Pergamentes nehme ich ungerührt zur Kenntnis. Während ich einen Ball forme, gestehe ich es mir ein. Wieder ist meine Hoffnung enttäuscht, sie hat eine andere, bessere Option gewählt. Verübeln kann ich es ihr nicht. Ein Teppich und ein langwieriger Kampf mit ungewissem Ausgang. Warum sollte mich jemand lieben, wenn ich selbst es nicht kann.

Beiläufig spüre ich den Stich der kalten Nadel, die sich in das Innerste meiner Gefühlswelt bohrt. Es gibt nur einen Weg den ich jetzt beschreiten kann. Wenn ich wissen will, ob es falsch war meine Seele an den Orden zu binden, statt eines einfachen Neins, dann bleibt mir keine Wahl.

Mein Körper richtet sich auf und mit Ihm mein gedankliches Ross. Einen Weg müssen wir noch beschreiten und an seinem Ende erwartet uns Licht oder Schatten. Ich vermag es nicht zu sagen. Was ich weiß ist, ich brauche diese Antwort!

Verfasst: Mittwoch 16. März 2011, 19:04
von Danielle Lassart
Habe ich etwas vergessen? Nein, ich denke nicht. Wenn es schon einen Vorteil hat, das meine Gedanken kaum stillstehen, dann diesen. Ich plane vieles mit ein, um eben nichts zu vergessen.

Es ist nicht schwer, dieses Bündel das ich mir auf den Rücken schnalle. Eigentlich zu leicht, um jene Reise auf normalem Wege zu bestreiten. Doch genau jenes werde ich nicht tun. Erst jetzt, kurz vor der Ausführung erlaube ich mir den Gedanken daran. Ein kurzes Gefühl der Zufriedenheit gestatte ich mir, weder die Maestra noch die Elegida haben offensichtlich Kenntnis von meinem Plan erlangt.

Zweifellos setze ich mich dem Risiko aus, nach meiner Rückkehr einen Tadel oder schlimmeres zu erhalten. Sie werden es verstehen, nicht billigen, aber verstehen. Verstehen das ich diese Bestätigung brauche. Ich brauche sie um meinen Weg fortzusetzen, um mich endgültig mit der Entscheidung abzufinden die ich an jenem verhängnisvollen Abend traf. Der Abend der mich zur Arkoritherin machte.
Noch immer gehen mir die Worte der Elegida nicht aus dem Kopf. Cecile meinte zu erkennen, dass ich bereue zu sein, was ich nun bin. Eine Frau wie sie, die reinste Form einer Schwarzmagierin die ich mir vorstellen kann, hat scheinbar nie Zweifel über den gewählten Pfad. Sie ist die Perfektion und ich die Schülerin die danach trachtet, noch immer.

Wie immer ist es furchterregend Still in den schwarzen Hallen, während ich meine Schritte auf das Dach lenke. Der Stab in meiner Hand, die Schatten welche mich umhüllen und die Kälte die dieser Ort auszustrahlen scheint sind mir vertraut, ängstigen mich nicht mehr. Es ist ein Teil meines Lebens geworden, doch längst nicht die Heimat die ich mir ersehne.

Sehnsucht. Der Magister hatte vermutlich recht mit seiner Einschätzung was mich betraf. Das Wasser war eindeutig das Element welches mein Wesen am maßgeblichsten Beeinflusste. Angst, Verzweiflung, Sehnsucht, Hoffnung, Fantasie und Ruhelosigkeit. Mehr als es Wut und Leidenschaft des Feuers tun oder gar Ruhe und Ausdauer der Erde. Selbst die Luft mit ihren Attributen wie Klarheit und Verstand prägen mich nicht annähernd so stark.
Cecile verstand meine Menschlichkeit, die Gedanken und Fragen welche ich mir stellte, die nicht allein meinem Alter geschuldet waren. In vielen Dingen ist sie das was ich zu sein anstrebe. Sie hat ein Heim, einen Mann und ist ein gefestigter Charakter. Nicht so sprunghaft in ihren Launen und ebenfalls nicht getrieben von ihren allzu normalen Wünschen.

Auf dem Dach angekommen atme ich tief durch. Die Reinheit und Klarheit der Luft ist etwas das ich an der Insel zu schätzen weiß. Kein Kuhmist, keine Exkremente auf den Straßen oder Gerüche von Essen. Nur die Luft gemischt mit dem salzigen Geschmack des Meeres. Der Geschmack von Freiheit und einer schier unendlichen Freiheit.
Altvertraut erstreckt sich das Pentakel zu meinen Füßen. Seinen Zweck kenne ich, die Bedeutung jedes einzelnen Zacken und des Kreises der sie umschließt. Für mein Vorhaben brauche ich sie nicht, dennoch erscheint es mir richtig und passend. Es ist einfach ein Gefühl.

Gefühle. Wenn ich jemals von den Studiosi gefragt werde was das wichtigste ist, das es zu lernen gilt, dann ist es seine Gefühle zu beherrschen. Etwas an dem ich noch immer arbeite und als Lehrgeld zahle ich Enttäuschung und Schmerzen.
Das Bild eines blonden, ansehnlichen Mannes kommt mir in den Sinn. Einen den ich bereits aufgegeben hatte, auf den ich mich wieder einlassen wollte. Yannick. Ich glaube seinen Worten, dass er selbst nicht weiß was er fühlt, dass er Angst hat. Angst jemanden zu verletzen und zuletzt auch selbst verletzt zu werden. Ängste sind mir wohlvertraut und nicht nur deshalb gab ich ihm den Rat die andere zu wählen. Diese Seele von Mensch, eine im Leben stehende Frau. Sie hat etwas vorzuweisen, sie ist jemand und das obwohl sie kaum älter sein kann als ich. Wenn ich es vermag, dann will ich sie beide nicht verletzen. Wobei ..
Welche Chancen hätte ich schon im Vergleich zu ihr? Mir fallen dutzende Dinge ein die sie zur besseren Option machen. Doch ich kaufe es mir selbst nicht ab. Im Grunde ist es das alte Lied, die einzige Meisterschaft die ich für mich beanspruchen kann bricht sich wieder Bahn.
Angst. Ich habe die Angst und den Zweifel, dass ich einen Kampf um ihn gewinnen könnte. Bedenken das dieser Jäger sich durch mich wird zähmen lassen. Ein Raubtier vergisst seinen Jagdtrieb nicht von heute auf morgen. Was wenn ich sein Herz erobere und seinen Ansprüchen dann nicht genüge? Kann ich damit umgehen das Abenteuer zu seinem Leben gehören, selbst dann noch weiterhin gehören könnten? Dieser Kuss, wie eine ertrinkende habe ich mich daran geklammert, an ihn geklammert. Ein schöner Moment, wenn da nicht diese Fragen wären. Bin ich überhaupt ehrlich gegenüber ihm und schlimmer noch, gegenüber mir selbst? Oder ist er einfach der nächste in den ich meine übersteigerten Erwartungen projiziere, an denen jeder scheitern muss?

Ach es ist ein Graus, immer diese Zweifel, diese Ängste und diese Schwäche. Ich bin kein Niemand, nicht wertlos und auch nicht schwach. Allein die Ordenskleidung nötigt manchen Respekt ab, die Applikationen meines Grades beherrsche ich im Schlaf und ich nage nicht am Hungertuch. Warum dann diese wiederkehrenden Gedanken, wie bei einem Mühlrad dreht sich alles, doch es geht nicht voran.
Bei Alatar, ich trage keinen Titel und habe keinen Namen mit Gewicht, aber es gibt Menschen die mich mögen und schließlich bin ansehnlich, wie der Durchschnitt eben. Noch nicht vollends zur Frau gereift, doch das wird noch. Warum sollte es da draußen nicht jemand geben, der mich akzeptieren kann wie ich bin, mit allen nervenden und liebenswürdigen Macken?

Wärmende Strahlen der Sonne treffen mein Gesicht als ich hinaustrete, lassen mich Blinzeln. Es ist an der Zeit zu beginnen. Wie es meinen Eltern wohl ergangen ist? Wie viele der Kinder die mit mir aufwuchsen noch in unserem Dorf leben, ein einfaches Leben führen, die Wege ihre Eltern eingeschlagen haben? Mit Sicherheit der größte Teil und damit die Bestätigung die ich mir erhoffe. Das es richtig war vor Jahren diesen eintönigen Trott zu verlassen hinein in eine ungewisse Zukunft. In ein Leben mit dem Lied und einem Leben im Spiel zwischen Schatten und Licht, das Leben einer Arkoritherin eben. Nicht jeder Tag verheißt Sonnenschein, es ist aber auch nicht jeder Tag geprägt von Schwärze.

Ein letzter, tiefer Atemzug und dann stimme ich mich ein auf mein Vorhaben. Auf die Applicatio die ich in der Theorie bis ins kleinste studiert habe. Die Struktur die ich nur aus der Erinnerung kenne und noch nie selbst versucht habe.
Wie immer spüre ich die Strukturen des Liedes jetzt deutlicher, die Wahrnehmung legt sich über die Eindrücke die mir Augen, Ohren und sonstige Sinne vermitteln. Es ist kein sanfter Eingriff, es hat nichts Bittendes oder Suchendes. Ich weiß was ich will und diesen Willen zwinge ich den Klängen um mich herum auf. Herrlich ist dieses Gefühl der Macht, wie sich alles fügt, die Energie zu mir strömt um sich meinen Weisungen zu fügen. Ein erbauender Moment, nichts wiederspricht mir, ich gebiete darüber. Eluives Werk versucht das Ungleichgewicht zu beheben, an meiner Kraft scheitert es.
Meinen Geist schicke ich auf die Reise, sobald alles vorbereitet ist für das was folgen soll. Ein Ort der Stille mitten im Lied ist es, was ich suche. Der Grundton der immer vorhanden Luft und der Erde kann ich leicht verdrängen. Größer ist die Herausforderung bei unerwarteten Klängen. Ein einzelner Vogel der sich auf die Insel verirrt hat und da. Ist da nicht noch eine komplexe Struktur. Egal, ich muss es ohnehin ausblenden, mich auf die Stille konzentrieren.

Weiter und weiter wandert mein Geist auf seinen astralen Pfaden, stöbert und sucht. Macht kehrt wenn ich auf einem Irrweg bin. Dann endlich finde ich es, den Ort, die Zwischensphäre. Einer der Schritte die mich von meiner alten Heimat trennt. Es ist nicht mehr viel was mich davon trennt. Nun gilt es nur noch das Portal zu öffnen.
Eine morgendliche Brise fegt über das Dach, nichts was mich ablenken könnte. Jene Einflüsse habe ich gelernt zu verdrängen. Die Klänge formen sich unter meinem Einfluss zu dem Portal. Lediglich eine Handbewegung die den Schleier zwischen den Sphären durchtrennt und es ist getan. Ich hebe meine Hand und … was?
Etwas Kaltes bewegt sich an meinem Hals. Ich bin verwirrt. Kämpfe um die entscheiden Konzentration, sie nicht zu verlieren. Dann fällt mir ein was es ist. Die Kette! Jenes Schmuckstück dessen Perlen wie Rosenblüten gearbeitet sind. Sonst lege ich sie immer ab, bevor ich den Übergang zur Insel antrete. Heute habe ich es bei all den Gedanken vergessen. Erinnerungen schäumen auf und mit ihnen Gefühle, drohen fortzuspülen was ich im Lied konstruiert habe.
Nein, nicht jetzt. Verbissen kämpfe ich gegen die Auflösung an, halte die Form zusammen und führe die Bewegung aus.

Einen Wimpernschlag lang passiert nichts. Dann scheint die Welt in sich zusammenzustürzen. Tonlose Dunkelheit umfängt mich, kein rauschen der Wellen und brechen an den Klippen. Keine Meeresbriese und kein Sonnenstrahl. Ich nehme nichts wahr und doch weiß ich das etwas nicht so ist wie es sein sollte.
Bei den bisherigen Reisen, die ich mit Ordensmitgliedern gemacht habe, fühlte es sich anders an. Wenn auch gedämpft, wie durch Watte hindurch, habe ich meinen Körper gespürt. Jetzt ist da nichts. Wenn ich aber die Reise nicht wie geplant nicht angetreten habe, was ist dann passiert? Wo bin ich und liege ich nun lang ausgestreckt auf dem Dach?

Jetzt nur nicht in Panik verfallen Danielle! Einfacher gesagt als getan dumme Gans, trägt die Arkoritherin in mir bei. Sehr hilfreich, wirklich. Von vorne. Das Portal hat offensichtlich nicht funktioniert. Dennnoch ist mein Geist noch auf der astralen Reise. Ganz so wie bei einer Herbeirufung. Nichts Dramatisches! Ich muss nur … scheiße.
Ein Wort das ich sonst vermeide, jetzt passt es aber, denn ich stecke vermutlich tief drin. Bei einer ordentlichen und vor allem geplanten Herbeirufung sucht man sich einen Anker bevor man beginnt. Etwas das ich natürlich nicht bedacht und gemacht habe, war die angedachte Applicatio eine gänzlich andere. Oder habe ich …

„Endlich!“ grollt es hinter mir. Nein über mir. Eigentlich überall. Ich drehe und wende mich doch sehe ich nichts.
„Dafür das uns hast warten lassen …“
„… werden wir dich noch mehr leiden lassen.“


Oh nein, diese Stimme sie sind mir vertraut. So vertraut, dass sich mir der Magen umzudrehen scheint. Jenes nerviges Flüstern für das ich keine Erklärung habe. Dann schiebt sicher er .. nein, sie .. oder besser es in meine Wahrnehmung und ich erstarre.

Verfasst: Mittwoch 16. März 2011, 19:41
von Tarja Thyrmon
Abgesehen von den einfachen Menschen existierten diese einen Menschen, die eine besondere Gabe hatten. Die irgendwie durch eine höhere Macht oder schlichtweg nur durch das Schicksal dazu auserwählt wurden, ein anderes Leben einzuschlagen. Sie stießen aus der Menge hervor durch ungewöhnliche Eigenschaften. Besondere Stärken und Schwächen zeichneten diese Menschen aus.

Und dann gab es uns. Jeder glaubte, dass wir alle leichenblass waren und spindeldürr. Zerbrechlich und kränklich. Viele glaubten, der Tod bewohnte unsere Rippen und Kra'thor selbst hatte uns das Herz in zwei Teile zerfetzt und irgendwo zerstreut, wo wir es nicht mehr finden konnten. Narbenübersäht musste bestimmt unser Antlitz sein, gaben wir uns doch schlichtweg nur dem Kampf und dem Tod hin. Wir trieben unsere Forschungen und Studien mit aller Gewalt voran und nutzten dafür jeden Menschen, auch wenn er noch so klein und unschuldig war, für grauenvolle, blutrünstige Experimente.

Ich lächelte schwach und sah förmlich durch die schwarze steinerne Wand hindurch. Als kleines Mädchen hatte ich mir alles genommen. All die schönen Gedanken, all die Illusionen von einem liebreizenden Leben fernab jeglicher Furcht und Sorge war als kleines Kind zerbrochen wie eine Fensterscheibe. Und dann erwachte ich. Nein, damit meine ich nicht, dass ich meine magischen Fähigkeiten entdeckte. Das war schon längst geschehen. Ich spreche davon, dass ich zu dem wurde, was ich jetzt bin. Ein Raubtier. Welches größere Wunden zu schlagen vermochte als man sich im puren Geiste nur vorstellen mochte. Welches ihre Opfer verstümmelte. Seelisch. Mein Glück war verloren. Unwiederbringlich verloren. Zerfetzt, in Stücke gerissen. Aber war ich selbst dafür verantwortlich? Nein. Mein Handeln unterlag selten meiner Kontrolle. Es war wie schwarz und weiß, wie Tag und Nacht. Mein Wesen hatte sich verändert. Zu etwas verändert, was sich nur schwer kontrollieren ließ.

Ein Winter konnte kalt sein, eiskalt. Aber die unerträgliche Hitze und die Müdigkeit machte mir noch viel mehr zu schaffen, als die bittere Kälte. Ich war froh, als es vorbei war. Eingekerkert im eigenen Schlafgemach verharrte ich, bewegte mich kaum. Ich wollte nicht der Gefahr laufen, dass mein Körper unter der Last des spontanen Sommereinbruchs zerbersten wollte. Der Abend zuvor war schon nicht nach meinem Plan verlaufen, so hatte ich einfach die Augen geschlossen, weil mich diese Müdigkeit übermannt hatte.

Die Wirbelknochen im Nacken knackten, als dieser bewegt wurde. Ich fühlte mich wie versteinert und dennoch durchströmte das Leben meinen Körper, als wäre ich eben erst frisch geboren worden. Die Euphorie über die Ausflüge und die zarten Küsse auf wunden Lippen war größtenteils verflogen und ich konnte meine Gedanken wieder dem wichtigeren Teil in meinem Leben widmen.

Es war ja nicht so, als wäre sie nicht von mir gewarnt worden. Es hätte mir klar sein müssen, dass sie an ihre Grenzen geht und ihr eigenes Leben riskiert. Ich wusste nicht, ob ich gutheißen sollte, was sie tat. Immerhin versuchte sie, ihren Geist weiter zu schulen. Aber im Moment schwirrte sie verloren in einer Sphäre herum auf der Suche nach dem Nichtraum. Es schien, als habe sie die Kontrolle verloren, dabei sah es anfangs doch so vielversprechend aus. Ich musste mich innerlich zügeln, dass ich sie nicht eigenhändig durch einen einfachen Zauber eliminierte. Ich wollte ihr die Chance geben, uns nicht weiter zu enttäuschen. Ich wollte ihr die kleine Möglichkeit einräumen, selbst aus dieser Misere zu gelangen. Um ihr dann eigenhändig zu zeigen, was es bedeutete, einmal durch das Reich Kra'thors zu reisen. Ich hatte immer wieder nachsehen mit der zierlichen blonden jungen Frau gehabt. Hatte Verständnis für ihren zwanghaften Drang nach Liebe und Aufmerksamkeit gezeigt und zusätzlich hatte ich ihr auch noch versucht zu helfen. Was war der Dank dafür? Diese maßlose Enttäuschung, weil sie ungeduldig und naiv war. Naiv!

Ich hatte mir sogar die Mühe gemacht, den leblosen Körper zu besuchen. Man könnte meinen sie wäre tot. Oder würde tief und fest schlafen. Zumindest würde ihr Körper nicht spüren, wenn ihr Schmerz zugefügt wurde. Diesen Teil würde ich mir auch aufheben. Diesen Teil durfte Danielle bei vollem Bewusstsein genießen. Ich atmete tief ein. Ich würde sie beobachten. Jede Sekunde. Danielle würde sich noch wünschen, sie wäre nie wieder aufgewacht.

Verfasst: Donnerstag 17. März 2011, 22:16
von Danielle Lassart
Was soll das alles? Was tue ich hier? Ich begreife es nicht. Mögliche Fehler bei der Ausführung einer Applikation sind mir vertraut, aber hiermit weiß ich nichts anzufangen. Es muss auch hierfür einen Ausweg geben.

Die Gestalt die ich erblicke löst unhaltbar das Bedürfnis aus mich übergeben zu müssen, was mangels Körper aber erfolglos bleibt. Dabei wünsche ich mir gerade wirklich dem Drang nachgeben zu können, um so etwas Erleichterung zu verspüren.
Ein menschlicher, männlicher Körper steht nun vor mir. Er ist groß gewachsen, kräftig gebaut und platinblonde locken fallen bis auf die Schultern. Unnatürlich gelbe Augen richten ihren Blick auf mich, dazu fehlten Ihnen auch die Iris. Was die Situation noch unangenehmer macht, es sind gleich vier Augen die mich forschend Mustern, bis in meine Gedanken vorzudringen scheinen. Selbst die zwei Köpfe verblassten neben einer anderen Tatsache, die meine Ekel in ungeahntem Maße anspricht. Die Haut, sie ist einfach nicht existent.
Muskeln, Organe und Knochen präsentieren sich mir gänzlich ungeschützt. Dennoch bin ich gebannt von diesem Anblick, wie Schrecken oder Unglück immer den Blick auf sich ziehen. Andererseits, wo sollte ich auch sonst hinsehen, es nichts um mich herum. Wie kann ich eigentlich etwas sehen ohne jegliche Lichtquelle?

„Fragen, Fragen nichts als Fragen!“ Gibt der linke Kopf entnervt kund.
„Antworten solltest du suchen junge Arkoritherin.“
„Das wäre klüger und würde dich weiterbringen.“
„Wir werden dir Antworten geben Niala.“
„Auf all deine Fragen.“
„Du wirst es fühlen ..“
„Du wirst es schmecken ..“
„Du wirst es sehen ..“
„was dich erwartet hätte ..“
„wären deine Entscheidungen anders ausgefallen.“
„Nur eine kleine Änderung und wir beginnen ..“
„.. wo es begann.“


Längst habe ich vergessen auf das Lied zu achten, lasse mich fesseln von dem Zwiegespräch der beiden Köpfe, ihren Verheißungen. Antworten auf all meine Fragen, ein Angebot das ich nicht abschlagen kann. Wenn ich es aber recht bedenke .. dieses Wesen ist zweifelsfrei ein Dämon und seine Antworten werden mir vermutlich nicht gefallen. Ich versuche mich wappnen für die Lügen und die Beeinflussungen die jetzt kommen werden. Gedanken und Bilder darüber, wie mein Leben hätte verlaufen können habe ich selbst im Kopf. Das Vorhandene versuche ich zu pervertieren so weit ich kann, aber wird das reichen für das was mir bevorsteht?

Ein hämisches Grinsen legt sich auf die Lippen der hautlosen Schädel. Wirklich irritierend wenn die Lippen fehlen und nur die Bewegung der Muskeln Anhaltspunkte darüber geben wie die Mimik sich verändern könnte. Interessant ist das die jeweils außen liegenden Mundwinkel angehoben wurden, wie bei einem Schwanenpaar das nahezu identisch nebeneinander über die Wasseroberfläche gleitet. Gerade will ich mich zu Ordnung rufen, Schwäne mit Dämonen zu vergleichen ist selbst für meine wirren Gedankengänge etwas viel, da verändert sich die Umgebung.

Nur wenige Augenblicke bedarf es und ich erkenne die Schemenhafte Umgebung des Raumes, der sich plötzlich um mich herum erstreckt. Das Arbeitszimmer meines Vaters, die mit Büchern gefüllten Regale, der penibel geordnete Schreibtisch und der einfache Stuhl mit der hohen Lehne. Wie oft bin ich heimlich hier gewesen, wenn Vater für eine Lehrstunde nicht im Haus war. Doch heute ist er hier, sitzt auf seinem Stuhl und ist in ein Pergament vertieft. Vermutlich eine Hausarbeit die er kontrolliert, irgendein kleingeistiger Erguss eines Schülers, das Pergament nicht wert auf dem er geschrieben steht. Eingehend betrachte ich sein Gesicht. Er sieht älter aus, älter als es die fünf Jahre hätte bewirken sollen. Das Haar ist vollends ergraut, die Falten sind tiefer und er wirkt noch abwesender als ich ihn in Erinnerung habe. Schon als Kind habe ich immer den Eindruck gehabt, er würde über etwas nachgrübeln das ihn nicht loslässt. Irgendetwas in seiner Vergangenheit über das er nie gesprochen hat.
Ich strecke die linke Hand aus, will ihm durch das zurückgehende Haar streichen. Dann stocke ich, ich sollte keine Hand haben. Die astrale Reise ist körperlos und ein Körpergefühl höchstens noch unterbewusst vorhanden. Nicht umsonst werden die entsprechenden Applikationen nur in größtmöglicher Sicherheit ausgeführt. Dann ist es also mehr als eine gescheiterte Astralpforte, oder gar etwas gänzlich anderes?

Bevor ich den Gedanken weiterführen kann klopft es an der Tür. „Das essen ist fertig Herr.“ Definitiv war das nicht die Stimme meiner Mutter, sie ist jünger, weniger schrill. Wenn sie aber nicht hier ist, wo ist sie dann.
„Bist du wirklich so einfältig?“
„Ist sie, das wissen wir doch.“
„Also weg von dem ehrenwerten Dorflehrer und seiner Haushälterin.“

Warum der linke Kopf das letzte Wort so merkwürdig betont, ist mir schleierhaft. Wieder ändert sich das Bild. Wir werden umschlossen von einem hohen Kuppelbau. Der sanfte Klang eines Chors dringt an meine Ohren. Natürlich, wenn sie nicht mehr bei meinem Vater lebt, wo sollte Mutter auch sonst sein. Ein Kloster. Ihr Hang zur Kirche war noch während meiner Kindheit immer stärker geworden. Sie hatte meine Ablehnung gespürt, dass ich ihrem einfältigen Wesen nichts abgewinnen konnte. Mit Temora und ihren Geboten hatte sie es nur schlimmer gemacht.

„Da siehst du welchen Nutzen du hast.“
„Deine Eltern haben sich getrennt ..“
„Du hast sie auseinandergebracht ..“
„Dein Werk und noch dazu hat es mehr Wirkung gehabt als du glaubst.“
„Deine Freundinnen wurden ständig beobachtet.“
„Die Burschen haben sich davon nicht abhalten lassen.“
„Einer wurde erschlagen als er erwischt wurde.“
„Ein anderer wird nie wieder gehen können.“
„Da man dich nicht fand hat man sich eigene Geschichten ausgedacht.“
„Von Kra’thor mit Haut und Haar verschlungen.“
„Durch Waldgeister verführt und weggelockt.“
„Am häufigsten ist die Version mit der Dämonenpaktiererin, die versteckt unter ihnen lebt.“
„So dass jeder Frau misstraut wird.“
„Der Glaube ist so schwach wie nie.“
„Der Priester ohne Hilfe überfordert.“

Meine Gedanken sind überfordert, ich versuche die Offenbarungen zu verarbeiten. Bilder schwirren durch meinen Kopf. Möglich sind all diese Entwicklungen. Das Dorf war schon immer sehr erfinderisch wenn es darum ging den Glauben den eigenen Bedürfnissen anzupassen. Von einer Einheit konnte ohnehin keine Rede sein. Jeder schien dazu gezogen in dieser Ansammlung von Verirrten.
Der Dämon wanderte in Form eines zweiköpfigen Höllenhundes ruhig um mich herum. Geduldig ließ er mich über das gesehene und gesagt nachdenken. Irgendwann hatte ich meine Meinung gefasst, es war möglich aber egal.
„Ah endlich fertig.“
„Dann können wir mit den interessanten Dingen fortfahren.“


Was jetzt folgte war schlimmer als ich es mir erdacht hatte. Beängstigender als das Schicksal meiner Eltern und der Dämon ließ nie einen Zweifel daran aufkommen wer für die Folgen zu verantworten hatten. Ich erlebte zu welchen Ergebnissen andere Entscheidungen in bestimmten Situationen geführt hätten. Mal war ich zur Magistra aufgestiegen, immer noch mit Yadran liiert und hatte ihn dann aus Eifersucht getötet. Wurde dann selbst niedergestreckt von der heimlichen Affäre die er im Orden in der Zukunft Unterhalten hätte, weil ich nicht fähig war ihm zu geben wonach er verlangte.
Ein Nein zum Orden hat mich auf die Straße zurückgebracht, mich gezwungen die niedersten Arbeiten anzunehmen. Schließlich bin ich in den Armen eines Säufers geflohen, der mich eines Abends erwürgt, als ich es wage mich ihm zu verweigern.
Jede Entscheidung die ihre Zweifel bis heute in meinen Gedanken verankert hat, wurde abgearbeitet. Selbst wenn es anfangs noch wie ein Traum wirkte, so wurde es früher oder später zu einem Desaster. Kam ich nicht dabei um, so wurde es doch ein Desaster das in Bitterkeit und der Erkenntnis mündete, dass mein bisheriger Weg akzeptabel war.
Da bildete auch Yannick keine Ausnahme. Zu Beginn hatte die Szene eine gewisse Verzückung in mir hervorgerufen. Ich lag in seinen Armen, spürte seinen leidenschaftlichen, fordernden Kuss. Eine Hochzeit und ich in froher Erwartung, in einem Traum von einem Kleid. Dann das Kind auf dem Arm, mitten in der Nacht und er ist nicht da. Ich spürte in dem Moment den nagenden Zweifel, das in Frage stellen meines eigenen Wertes.

“Genug!“ Schreie ich hinaus, lege die Hände vor die Augen, doch sie spenden keine Dunkelheit. Seine Gestalt kann ich noch immer sehen. Er hat nun die Form eines Gargoyles angenommen, dessen Körper von Beulen übersät ist. Aus einigen quillt Eiter hervor, der Geruch weckt meine Übelkeit.
Trotzallem bin ich von mir selbst überrascht. Unter anderen Umständen wären es nun Tränen die meine Wangen gezeichnet hätten. Nun beiße ich die Zähne aufeinander, das meine Wangenmuskeln unter der Belastung schmerzen.
“Was wollt ihr von mir?“
„Wir werden dich begleiten ..“
„.. und dir helfen stark zu sein ..“
„.. nicht mehr so naiv und so ..“
„.. grauenerregend schüchtern.“
„Jetzt bring uns zurück ..“
„.. es gibt viel zu tun.“


Ich bin zu perplex um ein Wiederwort zu geben, die gute Schule der Arkorither. Mächtigeren wird gehorcht. Doch ist dieser Dämon überhaupt mächtiger. Und wie soll ich zurückkehren?
Und wieder zeigt er mir, dass meine Gedanken kein Geheimnis für ihn sind. Eine Erinnerung flackert auf, ein kaltes Gefühl am Hals, während meine Augen geschlossen sind. Die Lider geben meine grünen Augen wieder frei, ich drehe den Kopf und sehe in das lächelnde Gesicht Tessas. Wir sind in der Taverne in Rahal. Natürlich erinnere ich mich daran. Als nächstes habe ich meine Hand gehoben und die Kette berührt. Die Kette!

Das Bild verschwindet ohne großen Effekt, so schnell wie es gekommen ist. Mir wird das Lied wieder bewusst, der Dämon ist verschwunden. Es gibt nur eines was ich in diesem Moment will, hier weg, weg bevor es noch schlimmer wird. Meine Konzentration liegt auf der Kette, meinem Anker. Vor meinem inneren Auge habe ich ihr Bild, meine Finger scheinen die kalten Perlen zu spüren, in meiner Nase liegt der Geruch nach Rosen. Spürbare Anstrengung kostet mich diese letzte Konzentration.

Und dann öffne ich die Augen, sehe die Kerze des Pentakels. Spüre die wärmenden Sonnenstrahlen auf mir, den kalten Boden unter mir. Zwischen meinen Schläfen ruht ein stechender Schmerz, den ich immer verspüre wenn sich meine Konzentrationsfähigkeit dem Ende zuneigt. Ich bin zurück, doch was bedeutet das Ganze?

Verfasst: Sonntag 27. März 2011, 18:17
von Danielle Lassart
Was hat sich geändert? Diese Frage stelle ich mir gelegentlich und bislang habe ich keine Antwort darauf gefunden. Zumindest keine die mich vollends befriedigt hat. Noch immer begehe ich Fehler und scheine geradezu nach Bestrafung zu betteln. Dabei versuche ich nur, alle Erwartungen die in mich gesetzt werden zu erfüllen.

„Ich gehe vorwärts ..“
„ .. entwickle mich weiter .. „
„ .. brauche nur noch etwas mehr .. „
„ .. Geduld.“

Geduld. Die der Elegida ist ausgeschöpft, überstrapaziert. Ich kann es ihr nicht verdenken. Wenn nur ein Teil der Worte Wahrheit beinhaltet hat die sie zu mir sagte, dann halte ich weiterhin nur Enttäuschung bereit. Ansonsten entspreche ich den Anforderungen die an alle Ordensmitglieder gestellt werden, nichts was mich herausstechen lässt. Bin ich was sie sagte, wie eine Blume die gehegt und gepflegt werden will?
Ich hasse diese Züge meines Wesens, hasse es zu enttäuschen und hasse die Enttäuschung die ich selbst dabei empfinde.

„Hass ist ein gutes Gefühl ..“
„ .. ich werde stärker dadurch ..“
„ .. habe die Kraft Dinge zu verändern .. „
„ .. oder die Veränderung einzuleiten.“

Veränderungen werde ich vornehmen müssen. Mit dem Verlust meines Ranges gehen Freiheiten und Rechte verloren. Zwar hat die Ordensleitung Auswirkungen dargelegt, aber ich gehe darüber hinaus. Einen weiteren Grund kann ich ihnen nicht liefern.
Die Cecile schien sich persönlich angegriffen zu fühlen durch meinen Leichtsinn, die Art wie ich mich habe treiben lassen. Ihre Härte ist im Orden nur zu bekannt, doch dieses Mal war es anders. Es ging nicht nur um den Orden, es ging um sie und mich. Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass sie mich als ihre Lieblingsschülerin betrachtet, welche Gründe sollte ich ihr dafür auch geliefert haben. Meine vergangenen Fehler sind mir eine Lehre und doch begehe ich immer wieder neu.
Ich begehre nicht auf, halte mich an die Kleiderordnung und stelle die Ordensleitung nicht in Frage. Bei der Audienz, oder besser, der Verurteilung habe ich mich beherrscht. Keine Ausflüchte, keine Erklärungen und kein Widerwort. Fragen die gestellt wurden habe ich beantwortet, nicht mehr. Die Arkoritherin in mir gewinnt die Oberhand. Stück für Stück verdamme ich das Mädchen, die junge Frau, oder was immer andere in der Person Danielle Lassart sehen, in die Bedeutungslosigkeit.
Der Orden ist mein Lebensinhalt, das Einzige was konstant bleibt in meinem Leben. Hier weiß jeder wie ich bin. Ich bin nicht perfekt und meine Fehler sind kein Geheimnis. Auch ohne die Verbindung die uns allen gemein ist, wissen sie um mich. Um geschätzt zu werden bin ich noch zu unbedeutend, zu schwankend in dem wie ich mich zeige, zeigen kann. Etwas Aufschub wird mir noch gewährt, ein letztes Ultimatum. Ich darf mir nicht sicher sein, dass der Kuss der Seelenpeitsche nur vervielfältigt wird wenn ich erneut versage. Die Sicherheit ist vorbei, der Kredit verspielt.

Es gibt nur einen logischen Schluss, ein Schritt der mir schwer und leicht fällt zugleich. Die Rückkehr in den Schoß des Ordens. Ich kann nur über mich selbst den Kopf schütteln. Anfangs sehnte ich mich in die Freiheit, heute begrüße ich das Gefühl das mir die kalten Mauern geben.
„Hier kann ich mich konzentrieren ..“
„ .. vertiefen was mich ausmacht, .. „
„ .. Stärke erlangen .. „
„ .. und die nächsten Schritte tun. „

Es fehlt nur noch ein Schritt und ich habe die Voraussetzung für die Prüfung erfüllt. Ich darf nicht scheitern, will nicht scheitern! Nicht jetzt, so kurz vor dem Ziel. Nicht nachdem ich mich immer wieder aufgerafft habe. Nicht nachdem mir die Elegida mehrfach die Hand gereicht hat, mir kleine Stücke offenbart hat von dem was sie ist, was der Orden ist. Scheitern ist keine Option! Ich will beweisen das ich nicht beliebig bin, dass Alatars Gabe kein Zufall war, das ich ein brauchbares Mitglied sein kann. Ich will diese Macht!
„Die Macht die mich heraushebt ..“
„ mich abhebt von normalen Menschen. „
„Die Legitmation und Anspruch ist .. „
„ .. das man zu mir aufsieht ..“
„ .. mich entweder fürchtet .. „
„ .. oder verehrt.“



Der Vortrag ist meine nächste Aufgabe. Kampf und Magie, die Auswirkungen aufeinander und Vor- beziehungsweise Nachteile die damit einhergehen. Mein Körper schreit täglich über die Anstrengungen die ich ihm abverlange. Er gewöhnt sich nur langsam an die neuen Aufgaben die ich ihm zuteile. Lange Läufe bin ich nicht gewohnt, ein Reittier herbeizurufen ist bequemer und weniger anstrengend. Es scheint mir auch passender für eine Arkoritherin, sich tragen zu lassen von einem Wesen das meinem Willen unterworfen wird, als mich mit Banalitäten wie laufen zu beschäftigen. Meine Zeit ist zu kostbar, um sie mit Dingen zu verschwenden die ich einfacher haben kann.
Heute Abend wird mein Schwertarm wieder aufbegehren, versuchen den Dienst zu verweigern wenn ich das Nachtmahl zu mir nehme. Er wird sich meinem Willen beugen. Ich verliere schon zuviel Zeit durch die Einschränkung meiner linken Hand.
Es brennt nicht mehr so stark wenn Schweißperlen auf die Wunden treffen, welche die Seelenpeitsche in das Fleisch gebrannt hat. Mittlerweile kann ich die Finger wieder anwinkeln. Nicht ohne Schmerzen, aber sie sind kein Vergleich zu dem Gefühl das mir die Berührung beschert hat.

Ein Trainingsunfall .. oder?
Aufmerksam verfolge ich die Bewegung meines Kontrahenten. Celcias Vercont heißt er. Seinen Ordensnamen habe ich schon wieder vergessen. Ein Studiosus der sich für einen Übungskampf angeboten hat. Entweder ist ihm nicht bekannt das ich ihm nichts befehlen oder von ihm fordern kann, oder er ist intelligent genug um mir dennoch zu helfen. Sobald es der Ordensleitung beliebt, stehe ich wieder über ihm. Er weiß es und kann sich ausmalen, dass er die Rechnung präsentiert bekommt, wenn es soweit ist.
Kleine Staubwölkchen steifen auf wenn er die Position seiner Füße verändert. Er ist ein besserer Kämpfer als ich, das erkenne ich neidlos an. Genauso wie ich, ist er kein Krieger, sein Körper ist nicht so trainiert wie er es sein könnte.
„Dennoch ist er ansehnlich .. „
„ .. hat einen strammen Hintern.“

Was mir durchaus auffällt. Mein Fokus liegt aber nicht darauf. Ich brauche kein neues Ziel für übersteigerte Hoffnungen, Wünsche die sich nicht erfüllen werden. Für solche Dinge ist erst wieder Raum wenn die Belange des Ordens erfüllt sind. Gerade drohe ich mich in den Augen meines Gegenübers und meinen Begehrlichkeiten zu verlieren, da setzt er an.
Das kleine Schild wird vor den Körper geführt. Celcias verlagert sein Gewicht, macht zwei tänzelnde Schritte vorwärts und führt das Schwert zu einem Stich nach vorne.
Meinen eigenen Schild kann ich kaum gebrauchen. Aus der linken Hand tropft gelegentlich etwas Blut, wo die Wunde wieder aufgerissen ist. So weiche ich nur aus, leite das Schwert mit dem Schild an mir vorbei.
In meinen Augenwinkeln sehe ich seinen Körper an mir vorbeigleiten. Er gerät ins Stolpern als mein Schwerknauf ihn im Rücken trifft. Im Reflex rudert er mit den Armen, versucht das Gleichgewicht zurückzuerlangen.
Eine Berührung an meiner Kehrseite lässt meinen Kopf herumfliegen. Sein Handrücken war es der mich streifte. Ich kaufe ihm nicht ab, dass es ein Versehen war. Wird er also doch frech gegenüber der Ranglosen? Sein schelmisches Grinsen treibt meinen Herzschlag empor. Ich sehe schon die üblichen Bilder vor den Augen, wie meine Gedanken eine Zukunft in den schönsten Farben zeichnen. Nein! Es ist mein Körper. Ich gebiete darüber ..
„ .. fordere Berührungen .. „
„ .. oder lade dazu ein.“

Ein stechender Schmerz durchzuckt meinen Kopf. Plötzlich fühle ich mich wieder, als wäre ich zurück in der schwarzen Leere der astralen Reise. Gefühllos, körperllos. Wie ein Passagier verfolge ich das tänzeln umeinander, das er und ich ausführen. Diesmal starte ich, oder mein Körper den Angriff. Den Schlag nach seinem Kopf pariert er mit seinem Schild. Nachsetzen, das Schwert nach links weiter führen um wieder Schwung zu holen. Ein Ausfallschritt und der Schlag auf Höhe der Hüfte, auch diesen pariert er. Die Körper treffen aufeinander, die rechten Schultern liegen aneinander.
Gedämpft wie durch einen Schleier spüre ich die Berührung. Spüre seinen stoßweisen Atem als wir so beieinanderstehen. Merkwürdig erscheint mir der Eindruck als sich meine Augenbrauen keck empor lupfen, ein verheißungsvoller Blick. Gerade noch sehe ich die Verwirrung in seinen Augen, als mein Körper sich in eine Rechtsdrehung verabschiedet. Die schnelle Bewegung lässt meinen Zopf den Rücken verlassen, er schleudert hinauf. Blonde Haare streifen über die Wange Celcias. In meiner Hand hat sich das Schwert gedreht, die Klinge zeigt nun nach hinten.
Ein tiefer Atemzug und ich bin wieder her über meine Sinne, meinen Körper. Mein Herz pulsiert im schnellen Takt. Erst das leise Röcheln und der Zug an meiner Hand führen meine grünen Augen über die Schulter zurück. Dort sackt mein Ordensbruder gerade nach vorne, zerrt mit seinem Körper an meinem Schwert das seinen Rücken durchdrungen hat. Sauber ist es durch den schmalen Spalt geglitten den die Rippen gewähren. Der Winkel des Eintritts gibt mir keinen Anlass zu der Hoffnung, dass ich sein Herz verfehlt habe.

Eigentlich sollte ich erstaunt sein, diesen Hieb geführt zu haben. Ich bin noch dabei meinen Körper so kräftig und geschmeidig werden zu lassen, dass ich eine halbwegs ernstzunehmende Gefahr darstelle. Vielleicht bedauern, ein Moment des Schocks. Davon verspüre ich nichts. Meine Gedanken sind bereits bei anderen Dingen. Ich benötige einen neuen Trainingspartner und der Körper muss entsorgt werden. Die Ordensleitung sollte ich ebenfalls informieren.
„Er hat einen Fehler gemacht .. „
„War unachtsam .. „
„ .. und wurde bestraft.“
„Meine Ziele dulden keinen Aufschub.„
„Wenn das alles erledigt ist .. „

.. werde ich in die Herberge zurückkehren und meine Sachen packen. Der Orden ist meine Heimat, war es schon immer, ich habe es nur nicht erkannt.

Eine Sache hat sich doch verändert. Die quälenden Stimmen in meinem Kopf sind verstummt, es gibt keine Einflüsterungen mehr. Ich schreibe es meinem gedanklichen Chaos zu, dass mein Kopf daraus einen Dämon formte. Nur eine weitere Ausflucht um das Scheitern bei der Erschaffung einer astralen Pforte zu rechtfertigen. So drehen sich meine Gedanken um die bevorstehenden Dinge, während meine Schritte mich vom Trainingsplatz wegführen. Der Sand unter Celcias Körper färbt sich rot, sein Blut tropft noch von meiner Klinge und ich denke an die Bibliothek. Heute Abend werde ich damit beginnen müssen den Staub dort zu entfernen, so wie es der Adeptus mir aufgetragen hat.