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Das doppelte Lottchen

Verfasst: Samstag 5. Februar 2011, 21:15
von Tarja Thyrmon
Part I: Sieh dich um und du wirst sehen - mehr als dir lieb ist.

Es war einer der Tage, der sich normal anfühlen sollte und den ich genießen wollte. Manchmal gab es diese Momente, in denen auch ich mich nach einem normalen Leben sehnte und ich mich unerkannt unters Volk mischen wollte. Als ganz normale Frau ohne auch nur den Anschein zu erwecken, dass das, was ich wirklich war, gefährlich war. Fernab von jeglichen Verpflichtungen einen Fuß nach dem anderen zu setzen, die Welt aus ganz anderen Winkeln betrachten. Fernab von jeglichen Förmlichkeiten, Stöcken im Hintern, Verneigungen und Begrüßungsfloskeln, fernab von jeglichen bösen Gedanken, die sich sonst in meinem Kopf breitmachten. Auch ich wollte einmal eine junge Frau sein, die sich einfach frei bewegen konnte und wollte. Die ihren Sehnsüchten und ihrem Drang nach Freiheit nachgehen wollte. Die dem Fluch entkommen wollte, der tagtäglich auf einer hochrangigen Magierin lastete.

Ich war bereit, nach langer Zeit die Insel fernab jeglicher Zivilisation umhüllt von dichtestem Nebel zu verlassen. Ich war bereit, die Welt zu erkunden und den Tag anders beginnen zu lassen als sonst. Ich ging schwer davon aus, dass sich der Tag nicht als ganz befriedigend herausstellen könnte. Schon als ich die schützenden Wände der schwarzen Burg verlassen hatte, war mir klar, dass mir die Enttäuschung im Gesichte stehen würde. Wie so oft, wenn ich mich auf die Lauer legte und Ausschau nach neuen Opfern hielt, trug mich meine Jagd nach Bajard. Die Bewohner und Durchreisenden dort waren meist so töricht und dumm, dass sie auf ein unschuldiges, blondes junges Fräulein hereinfallen würden. Ein kurzer Spaziergang durch das Dorf und ein spontaner Besuch der Bank verrieten mir jedoch nur eines: Absolute Langeweile und nur schlecht gelaunte Passanten, die meine Wege kreuzten. Wenn ich nur könnte, dann würde ich die Erde beben und die Häuser in sich zusammenfallen lassen. Ich meine, ich könnte ja. Aber was würde es mir bringen? Und immerhin wollte ich meinen Tag heute anders verbringen als sonst. Ich hatte hier und jetzt kein Glück, um mich unter die Menge zu mischen. Wie auch, wenn keine Massen an Menschen vorhanden waren und die wenigen, die unterwegs waren, mit sich selbst beschäftigt waren? Also trug es mich für einen Moment wieder hinfort zu der Kutsche. Zögernd blieb ich vor jener stehen und überlegte ernsthaft, ob ich diesen glorreichen Tag schon wieder beenden sollte. Der Frust keimte in mir auf und ich war schon versucht, den nächsten Vorbeikommenden einfach auf der Stelle zu töten. Allerdings würde das so ungeplant nur wieder irgenwelchen Unmut auf sich ziehen. Also sollte ich wohl besser die Beine stillhalten und weiter auf die Pirsch gehen. Vielleicht würde sich ja doch noch lohnenswerte Beute in meinem Netz einfinden. Und siehe da, der Weg zurück nach Bajard eröffnete sich interessanter, als ich je gedacht hätte.

Sein Name war Krystan. Er hatte rötliches Haar, war ein deutliches Stück größer als ich und im Vergleich zu mir hatte er eher schlichte Kleidung an. Sein Haar war größtenteils verdeckt von einem Kopftuch und wenn ich ehrlich bin, ich hatte ihn mir nur kurz angesehen und war mit den Gedanken schon viel weiter. Er war es nicht, den ich als Beute haben wollte. „Temora zum Gruß“, hallte es in meinen Ohren, ich hatte seinen Blick verspürt, wie er mir nachgesehen hatte. Ich sollte die Haare öfters so hell tragen, allem Anschein nach trug diese Haarfarbe Früchte. Selbstverständlich sah ich über die Schulter zurück und grüßte ebenfalls höflich. Immerhin war ich heute nicht als das unterwegs, was ich sonst war. Keine schwarze Kleidung, keine Robe und kein Stab, der mich als das enttarnen sollte, was ich war. Ich war das liebe, nette, kleine Fräulein von nebenan. Herzensgut und fröhlich, höflich und zuvorkommend und immer für einen Plausch zu haben. Ob es ein Vorwand war, dass er mich nach meiner Kleidung und dem hochwertigen Material dieser fragte oder nicht, war mir im Grunde egal. Bei einem jedoch war ich mir sicher: Die Worte, die er sprach, zielten genau darauf ab, eine Frau um den Finger zu wickeln. Und heute, ja, genau heute war ich gewillt, diesen Köder erstmal zu fressen.

Am Anfang war es pure Distanz und vielleicht ein kleines bisschen Ergeiz, was mich antrieb. Ich wollte ihn ebenso um den Finger wickeln wie er mich. Er schien erfreut darüber zu sein, dass ich auf ihn eingegangen war. Im Grunde musste ich nun nur noch meine Fangarme auswerfen und die Beute in die Falle zerren. Aber man konnte sich kaum vorstellen, was für einen Tumult meine Gedanken veranstalteten. Wie konnte das sein? Ansonsten war mir doch vollkommen gleich, was andere Menschen von mir dachten. Mir war ganz gleich, ob jemand wusste, wer und was ich war. Aber jetzt? Bei jeder Frage überlegte ich, was ich am besten darauf anworten konnte, damit er nicht gleich Reißaus nahm. Es war selten, dass ich mich überhaupt damit befasste, jemandem Antworten zu geben, die denjenigen nicht sofort in die Flucht schlagen würden. Aber er? Er war es mir irgendwie wert ihn länger in meiner Nähe zu behalten. Heute war es vollkommen anders. Auf eine Art und Weise, die ich mir so gar nicht erklären konnte. Und dabei war es doch immer ich gewesen, die Andere für den eigenen Nutzen um den Finger wickelte. Ich zwang mich innerlich zur Ruhe und dazu, den Abend schlichtweg zu genießen.

Nachdem wir uns vor Bajard ein wenig unterhalten hatten, machten wir uns auf den Weg zurück nach Bajard. Mit einem geschickten Manöver brachte er mich dazu, ihn auf ein Glas Wein zu geleiten. Ich spürte, dass er seine Bedenken hatte, nochmal nach Bajard zu gehen, nachdem der Zwerg, der uns begegnet war, deutlich auf Krawall aus war und nur nach einer Pantherbrut suchte. Immerhin, so dachte ich, dachte er wohl, dass es nicht so schlau wäre, eine so zierliche Frau in Konflikte zu verwickeln. Er konnte ja auch nicht wissen, welch dunkles Geheimnis ich unter meiner Seele trug. Nichts desto trotz ließ ich mir jenes Ziel erstmal nicht nehmen, auch, wenn er mich dann sanft mit sich zog, als die Situation recht aussichtslos war, weil der ganze Eingang von Zwergen und Rabendienern blockiert war. Und so ersparten wir uns dieses Theater und ich mir die vorzeitige Entblößung meiner selbst. Er steuerte mit mir auf die Kutsche zu, meine Hand auf seinem Arm gebettet half er mir in die Kutsche, wie es eben ein Mann normalerweise auch tun sollte. Wir fuhren los und schon bald endete die Reise wieder, als wir am Wegekreuz angekommen waren. Ich war ehrlich erleichtert, dass wir nicht in einer der Städte gelandet waren. Am Wegekreuz selbst war ich nun schon lange Zeit nicht mehr gewesen. Es hatte sich nichts verändert und dennoch war es schön abgelegen und ruhig. Und in der hiesigen Taverne hatten wir bestimmt unsere Ruhe. Warum auch immer, aber ich verspürte wirkliche Freude daran, den Abend ein Stück weit mit ihm zu verbringen. Und das, obwohl er mir doch eigentlich gänzlich fremd war.

Irgendwann, nachdem wir eine Weile beisammen Saßen, Wein und Wasser tranken, miteinander sprachen und einige, für andere wohl eindeutige Blicke ausgetauscht hatten, uns die Aufmerksamkeit geschenkt hatten, schaltete ich meine Gedanken einfach aus. Es war schön, über diese Möglichkeiten zu verfügen, denn es machte manchmal so vieles einfacher. Ich wollte den Abend genießen wie eine ganz normale junge Frau anstatt mir den Kopf darüber zu zerbrechen, welche der Seelen ich erneut foltern sollte. Ich hatte auf einmal den Drang danach zu verspüren, wie sich ein junges Mädchen wohl fühlen würde, welches von einem Mann zum Essen ausgeführt wurde. Und es machte wirklich den Anschein, als würde all das klappen. Am Interessantesten war wohl die Tatsache, dass er mir selbst gar nicht so unähnlich war. Er erzählte mir Dinge, die von mir hätten stammen können und dann waren sie wieder da, die Gedanken, die ich zuvor ausgeschaltet hatte. Und irgendwie fing er an mir leid zu tun, wie er da saß und mich ansah, mir Komplimente nach und nach machte. Und im Grunde wusste ich doch, dass ich mich sehen lassen konnte, auch wenn ich es immer abstritt im Beisein von Männern. Und mir war klar, dass auch jetzt etwas in mir aufloderte, was mich zu diesem unschuldigen Mädchen werden ließ, nur um die Männer damit zu ködern. Einzig und allein, um immer wieder meinen puren Willen durchzusetzen und ihn auch zu bekommen. Er tat mir leid, weil ich wusste, dass es irgendwann zu einem bitterbösen Erwache kommen würde. Seine Begrüßung hallte wieder in meinen Ohren. Ohne zu wissen, wer und was ich war. Eine einfache Händlerin, die durch die Welten zog. So hatte ich mich vorgestellt und meine Tätigkeiten beschrieben. Dass ich ein heuchlerisches, mordendes und quälendes sowie selbstverliebtes und eiskaltes Biest war – das würde er mir nach diesem Abend mit Sicherheit nicht zutrauen. Dass ich das Böse in Form eines Menschens war, würde ihn vermutlich dazu verleiten lassen seine Beine in die Hand zu nehmen um schnellstens zu flüchten wie ein angeschossenes Reh. Aber genau das wollte irgendetwas in mir vermeiden. Die Neugier? Die Sucht nach dem Risiko? Aber wie konnte ich sicher sein, dass alles auch so kommen musste, wie ich es mir in meiner Phantasie ausmalte? Vielleicht war er tatsächlich auf einer anderen Ebene und in einer ganz anderen Art und Weise nützlich für mich. In einer Art und Weise, die ich bisher gänzlich außen vor gelassen hatte und weit von mir weg geschoben hatte.
Als ich mich auf den Weg nach Hause machte, dachte ich weiter nach. „Weswegen lässt du es zu, dass du dir überhaupt Gedanken machst, Tarja Thyrmon?“ Ich hörte dieses leise Flüstern in meinen Gedanken. „Ja, warum eigentlich.“, antwortete ich flüsternd in die Nacht hinein. Vielleicht, weil ich mich heute anders gefühlt hatte und weil ich den Abend genießen wollte und auch genießen konnte? Und weil ich zum ersten Mal ehrliches und aufrichtiges Interesse daran hatte, einen ordensfremden Menschen – nein, sogar einen ordensfremden Mann, wiederzusehen. Fernab meiner üblichen Leidenschaften, Boshaftigkeiten und Grausamkeiten.

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Aber wie lange konnte ich ihn von dem fernhalten, was ich tatsächlich war? Wie würde er reagieren, wenn er herausfinden würde, was mich umgibt? Ich schüttelte den Kopf. Es würde ein zweites Treffen geben. Vermutlich auch ein drittes und ein viertes. Und dann würde ich sehen, wer er wirklich war. Und ich würde sehen, ob es lohnenswert war, sich den Kopf über einen Mann zu zerbrechen, den ich durch Zufall vor Bajard kennengelernt hatte. Und dann konnte ich mich entscheiden, was zu tun war und wann die Wahrheit ans Licht treten konnte. Dann erst musste ich mir Gedanken darüber machen, wie lange ich diese Doppelrolle in meinem Leben dulden würde. Aber eines war mir klar...

„Krystan Niall, du spielst vermutlich mit deinem Leben. Und mit meinem ebenso.“

Verfasst: Sonntag 6. Februar 2011, 02:32
von Krystan Niall
Es gibt so bestimmte ereignislose Tage die im Alltagsallerei untergehen.. und es gibt Tage an denen man sich abends nicht mehr daran erinnern kann was mittags passiert ist. Heute war soein Tag der zweiten Kategorie. Zuallererst hatte ich die neue Ausrüstung, die mir Bjoern gefertigt hat ausprobiert. Und bei allem was man vielleicht so über die Tiefländer an Vorurteilen hört: Der Mann versteht sein Handwerk wirklich und darüber hinaus wird er mir immer sympathischer. Ich fühle mich wie ein Gott in dieser Rüstung, als könnte ich es mit der ganzen Welt.. naja.. Übermut tut selten gut im Kampf, also verbiete ich mir solch Größenwahn lieber. Ich fühle mich einfach gut darin.

Und scheinbar sehe ich zudem auch noch gut aus in der Rüstung. Das erwähnte zumindest Adrienne.. das junge Fräulein hatte ich schon Tage zuvor in der Handwerkerakademie zu Tirell kennengelernt und traf sie zufällig am Bootssteg in Bajard wieder. Ich sei ein Frauenheld hat man mir schon immer nachgesagt. Pah, nur weil ich mich bemühe freundlich zu sein?! Soll ich sie denn griesgrämig anfahren oder ignorieren? Es ist nunmal meine Art zu reden wie mir die Zunge gewachsen ist und der torkelnde Oger ist ja nun auch keine derart zwielichtige Lokalität, dass man dort nicht eine junge Dame auf einen Wein einladen könnte? Das Gespräch war wirklich angenehm, nur wegen meiner Arbeit muss ich mir dringend etwas einfallen lassen. Den Grafen will ich schließlich nicht jedem auf die Nase binden und wer mein Vater ist muss schonmal gleich gar niemand wissen. Reicht mir ja schon, dass die ganzen Hühner zu Hause scharf auf sein Gold sind.

Nachdem ich eine ganze Weile mit Adrienne dort geplaudert hatte gingen wir beide unserer Wege. Der meinige führte mich mehrmals an der Erntegans vorüber. Jedes mal an geschlossenen Türen vorbei.

...Liia...

Diese Gedanken lösen leises Unbehagen in mir aus. Die Erinnerung an das letzte Gespräch mit dieser jungen Frau die mich so bezaubert hatte. Ich hätte weiß Temora was getan wenn sie es verlangt hätte. Immerhin bin ich ja sogar ihrer Aufforderung gefolgt, zu gehen. Gleich nachdem ich ihr mein innerstes offenbart hatte. Vollkommen ohne den Schutz in den ich mich sonst so gerne hülle. Schließlich weiß sie ja auch nichts von meiner Familie, schließlich mochte sie mich doch wohl wegen meiner selbst?
Ich weiß, dass es keinerlei böser Wille, sondern allein ihre Unsicherheit war die diesen dolchartigen Schmerz vorantrieb in mein Innerstes und dort über mehrere Tage eine unangenehme Leere zurückließ, die ich nur allzu gerne während solcher angenehmen Gespräche wie jenem mit Adrienne vergaß.


So verlief dann auch der weitere Tag. nachdem ich eine Weile an der Gans gesessen hatte bin ich vor dem Regenschauer geflohen und in Bajard gelandet, wo mir eine junge Dame auffiel, die am marktstand einer Schneiderin stand. Ich spührte sofort den Drang, sie anzusprechen. Einzig ein Thema fehlte mir. Also lief ich vorüber und weiter zum Handwerkshaus wo ich sie das letzte mal verschwinden ließ. Die Tür war offen und innen alles leer, doch sie kam nicht und nachdem ich das Haus unten einmal ganz außen herum durchquert hatte verließ ich es wieder. Gerade hatte ich die ganze Idee aufgesteckt, da schlenderte die rothaarige an mir vorbei, zählte die Münzen ihrer Verkäufe und... ignorierte mich vollends. Wie frech!

Es war ein Bauchgefühl, das mir befahl den Stolz fallen zu lassen und mich wiederum zu drehen und die Schritte hinter ihr her zu lenken. Und ich habe gelernt, dass Offenheit den meisten zusagt. Also habe ich ihr ganz offen gestanden, dass sie mir aufgefallen war und ich sie in ein Gespräch verwickeln wollte. Mica - so ihr Name - war in der Tat eine Schneiderin. Aber sonderlich viel konnte ich nicht erfahren, hielt sie sich doch sehr bedeckt. Und obwohl sie stets das Gespräch vorantrieb, eine gewisse Neugierde zeigt, schien sie kein rechtes Interesse zeigen zu wollen. Bei Geschäftspartnern ist es hochgefährlich wenn ich sie nicht lesen kann, bei Frauen jedoch empfinde ich es als zutiefst anziehend. Eine Herausorderung und gewissermaßen auch ein Spiel mti dem Feuer, da ich ja nicht weiß was passiert.
Alles in allem aber ein recht angenehmes Gespräch. Ich fände es schön sie nochmal wieder zu sehen und sie mal auf ein Glas Wein einzuladen. Ich denke mit ihr kann man gut reden und sie scheint sich für den Klatsch vom Grafen zu interessieren. Sollte ich mir also mal vermerken wenn der mich nervt und ichw en brauche wo ich mich auslassen kann!

Tja und als ich dann schon auf dem Weg war, mich wiederum zur Gans zu begeben und mich mit den Fragen marterte warum ich mir das nun eigentlich antun und ihr wieder den Dolch in die Hand drücken wollte.. da tappste an mir diese unscheinbare junge Frau vorbei.

Tarja Thyrmon, du bist mir ein Rätsel.

Sie lässt mich einfach nicht los. Zuerst war es natürlich ihr hübsches Gesicht das mir auffiel. Es sind immer die Gesichtszüge auf die ich achte... diese Art der Ausstrahlung die einen Mann einfängt.. der Rest spielt keine Rolle.. steck eine hübsche Frau in ein hässliches Kleid, dann siehst du immernoch ihr bezauberndes Lächeln!

Die Kleidung war in der Tat außergewöhnlich und ichw ar von Anfang an aufmerksam. Sie konnte keinesfalls eine normale junge Frau sein. Zuallererst dachte ich sie sei eine Adelige, oder... schwer festzumachen. Dafür war sie eigentlich wieder zu leger gekleidet. Balronleder! Ich hatte es geahnt als ich es sah, aber das sie es mir auch noch so ganz unverblümt bestätigte.. Als Geschenk?! Niemals junge Dame!

Was auch immer sie wollte, ich weiß es nicht. Ob nun sie mich oder ich sie geködert hatte wir hatten einander in ein Gespräch verwickelt und bis jetzt weiß ich nicht wo ich sie einsortieren soll. Ist sie die reisende Händlerin für die sie sich ausgibt dann könnte der Kontakt nochmal nützlich werden, so wie jeder andere auch, den ich als Sohn meines Vaters, des Leiters des Handelshauses zu Valeran knüpfe. Dafür bin ich schließlich hier. Kontakte knüpfen. Aber ich glaub's ihr nicht. Ich will es ihr einfach nicht abkaufen, die unschuldige naive Händlerin die so hübsch und so gemieden ist von der Männerwelt.

Neugier ist eine starke Waffe. Eine Sucht der ich nur allzu leicht erliege und wenn sie diese Falle gestellt hat so bin ich ihr ganz gründlich hineingetappt. Jetzt drüber nachzudenken ist bar jeder Bedeutung, denn auch wenn ich es verstehe so verlangt mein Innerstes nach diesen Antworten und wird keine Ruhe geben. Wir werden uns mit Sicherheit wiedersehen und dann werde ich mehr von dir erfahren Tarja. Vielleicht kann ich ja auch schon bis dahin ein wenig mehr in Erfahrung bringen. Selbst wenn deine Geschichte stimmt so kann eine fahrende Händlerin mit so mächtigen Freunden die seltenstes Balronleder einfach so verschenken immernoch eine mächtige Partnerin sein, die viele neue Wege eröffnet.

Ich drehe mich im Bett auf die andere Seite und vernehme mein eigenes leises Knurren als ich mich schließlich doch wieder aufrichte und durch die Tür in den Flur des Gasthauses schlendere. Ein paar schritte später stehe ich draußen in der klaren Nacht und lehne den Hinterkopf an die Hauswand. Vor meinem inneren Auge sehe ich wieder Liia wie sie mich ansieht, so voller Zweifel und Misstrauen.. und Tarja der ich misstraue. Ein leises Seufzen entkommt meinen Lippen und ich wünsche mir für den Moment ein einfacher Minenarbeiter zu sein der das Silber aus den Minen schafft. Dick am besten... unbeachtet von den Frauen und ohne jeglichen Charme. Nein.. eigentlich nicht. Ich bin gerne Krystan Niall aber gerade mache ich mir das Leben selbst schwer und mir fällt nichts ein um es zu verhindern. Außer ein Wunder geschehe.. wieder muss ich an Liia denken bei diesem Gedanken und ein leises Auflachen entkommt meinen Lippen als ich unbewusst die Hände vor den Schritt halte. Ich hätt' dich wirklich mit voller Wucht zutreten lassen, tagelang regunglos am Boden gelegen und gelitten. Für den Kuss.. den einen Kuss und das Wissen das es dir genauso geht wie mir.

Wieder empfinde ich dieses unangenehm leere Gefühl, nur das diesmal niemand in meienr Nähe ist der mich davon ablenken könnte...

Verfasst: Sonntag 6. Februar 2011, 13:34
von Tarja Thyrmon
Part II: Verfluchtes Pech und verfolgende Gedanken

Was war für eine Frau wie mich die beste Lösung, um mich von all meinen wirren Gedanken zu befreien? Richtig. Man nehme einmal eine ganze Nacht lang vollkommenen Schlaf und dann den Drang, in tiefe Höhlen zu steigen, um den Kräften und Mächten ihren Lauf zu lassen. Und es war die pure Vorfreude, die mich schnell und rasch vorgehen ließ.

Um ehrlich zu sein fackelte ich nicht lange und setzte all die mir verfügbaren Mittelchen ein, um schnell viel Tod und Verderben zu verbreiten. Ich wollte rasch zu meinem Ziel, welches ich mir für diesen Tag gesetzt hatte. Den Dämon. Ich war mir bewusst, dass es jedes Mal wieder ein Kampf um den Tod bedeuten konnte, würde er mich im falschen Moment zu fassen bekommen. Aber ich liebte genau dieses Risiko. Im Vergleich zu dem, als was ich mich gestern ausgegeben hatte, war das jetzt das komplette Gegenteil. Ich war im jetzigen Moment keine nette Zeitgenossin. Ganz im Gegenteil: Eine falsche Bewegung, ein falsches Wort konnte mich so sehr in rage versetzen, dass es nur einen Moment dauerte, ehe sich in mir dieser kleine Schalter umlegte, welcher zufolge hatte, dass ich alles tot sehen wollte, was mir in die Quere kam. Ganz gleich, was es auch sein mag.

Ich stieg die morsche Leiter hinab in die tiefsten Gewölbe der Katakomben und mir drang der Geruch von Verwesung, Tod und Pest schon förmlich entgegen. Die schwarze Maske über meinen Zügen, meinen Lippen verhinderte wohl, dass ich an dem Gestank krepierte. Gerade was Gerüche anging war meine Nase sensibler als je zuvor. Aber umso weiter ich in die Höhle vorgestoßen war, desto gleichgültiger wurde mir jener Gestank, der sich mit dem lieblichen Geruch des Blutes meiner Opfer vermengte. Vermutlich hatte ich selbst auch mit allem gerechnet, nur nicht damit, dass ich einen Teil meiner Gedanken schon so bald wiedersehen würde. Und dazu noch in Begleitung.

Und das war wieder einer der Momente, in welchem ich zufrieden damit war, was ich war. Eine schwarzberobte, finstere Gestalt, deren Antlitz man so schnell nicht erkennen konnte. Durch die Maske verzerrte sich meine Stimme so, dass man sie nicht unbedingt erkennen musste. Schon gar nicht, wenn man offensichtlich nicht einen Gedanken an den vergangenen Abend und die Zweisamkeit in der Taverne verschwendete. Mit mir rechnete er hier zumindest nicht. Und das wiederum war mein Vorteil.

Ob es Faszination oder Angst in den Augen der jungen Dame hinter Krystan war, wollte ich in dem Moment gar nicht einschätzen. Ich hörte in mir nur eine kleine Stimme, diese übliche kleine Stimme, die mich immer beeinflussen wollte, die mir sagte, dass ich es hätte wissen sollen. Und genau diese Stimme war es auch, die mich erstarren ließ. Mein Körper fühlte sich schwer an, als wolle er sich gar nicht weiterbewegen. Meine Augen wollten nur starren und beobachten. Und über den weiteren Gedankengang wollte ich gar nicht weiter philosophieren. Auf einmal schien mir der drückende Gestank der Höhle ganz egal. Auf einmal war da etwas, was sich Vorsicht nannte. Vielleicht konnte ich mir doch nicht so sicher sein, wo ich mir doch zuvor recht sicher war. Aber auch hier war ich wieder eine verblüffend gute Schauspielerin. Und dennoch wurde mir eines klar: Entweder zog ich hier und jetzt einen Strich unter den vergangenen Abend oder es würde noch viel komplizierter werden, als es eh schon war. Ich kannte mich selbst zu gut. Ich war viel zu vorlaut und hatte einen viel zu großen Mund, als das ich mir einen Seitenhieb verkneifen konnte. Und dann würde er stutzig werden, woher ich das denn wissen konnte.

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Vielleicht sollte ich abwarten. Eine Nachricht, ein zufälliges Treffen. Und dann entscheiden. Oder würde ich besser fahren, wenn ich jegliches Leben wieder aussperren würde? Tarja Thyrmon, du bist das dümmste Geschöpf auf dieser Welt. Lauf, töte. Das ist deine Bestimmung. Nichts anderes wird dich dein weiteres Leben begleiten seitdem du dich für diesen Weg entschieden hast. Und so ließ ich die beiden passieren. Auch, wenn ich meinen Blick solange nicht von ihm nahm, wie er verschwunden war. So ging auch ich und verteilte die Qualen stärker denn je, dank dieser kleinen Stimme und dank all dem, was ein Leben außerhalb der schwarzen Burg so mit sich brachte.

Verfasst: Montag 7. Februar 2011, 17:46
von Krystan Niall
Sie ist tatsächlich gekommen. Ich höre mein eigenes leises Auflachen wenn ich an den Moment zurückdenke als ich sie da zwischen den Bäumen stehen sah und kurz einen Ruck ausließ, die Barriere aus dem Wasser der berchgarder Hafenzufahrt zu ziehen. Ich gab vor, sie nicht gesehen zu haben und machte weiter mit, legte mich nur umso mehr ins Zeug, obwohl meine Hände schon schmerzten und ich sicherlich am nächsten Tag elendige Brandblasen haben würde. Man hätte ja auch dran denken können, Handschuhe mitzunehmen - Vollidiot!

Die ganze Zeit über hat sie abgewartet bis wir endlich das Mistding aus dem Wasser hatten. Ich ließ mich erst gar nicht von den Seemänern oder dem Grafen vereinnahmen sondern suchte unter dem Vorwand, nun so absurd war's ja nun auch nicht, meiner schmerzenden Hände etwas Abstand. Ich konnte eigentlich in dem Moment kaum ein Zucken in den Armen vollbringen so sehr hatte mich diese Aktion erschöpft. Die Muskeln blieben übersäuert und angespannt, vielleicht solte ich doch mal wieder öfter trainieren gehen, he?

Eigentlich hatte ich vermutet sie sei wieder gegangen, da es eine Ewigkeit dauerte und so erschrak ich etwas als sie sich durch die sanfte Berührung an meinem Arm bemerkbar machte. Was folgte war ein Gespräch über belanglosen Kram.. wir versuchten wohl beide uns gegeneinander zu behaupten. Ihr schien es ganz und gar nicht zu behagen, dass ich eine zeit lang am letzten Treffen ihr voraus war. Und das versuchte sie unter allen Umständen wieder aufzuholen. Ich ließ ihr den Spaß nur zu gern, auch wenn der Seitenhieb in Gegenwart des Grafen einfach zu verlockend war, um ihn auszulassen.

Was folgte war ein angenehmer Abend mit vielen wenig bedeutenden Worten. Und doch.. wenn sie die richtigen Lippen verlassen, so sind auch belanglose Worte von größtem Interesse.

Verfasst: Montag 7. Februar 2011, 18:15
von Sarah Liia Elvirie
Ruhig ließ sie den Kochlöffel wieder und wieder in dem großen Kessel rühren. Schwappend bewegte sich die rötliche, dickflüssige Brühe immer und immer wieder gegen die Innenseite, um mit der nächsten Woge, Kräuter und Gewürze in sich aufnehmen zu können, zu verschlucken. Es war mit Sicherheit bereits nach zwölf Uhr Abends und die Herberge hatte seine Pforten für heute bereits geschlossen. Die verschiedenen Gäste hatten sich verabschiedet und genossen nun noch einen ruhigen Abend in Ihren gemieteten Zimmern. Vielleicht gaben sie sich einer guten Lektüre hin, oder genossen noch ein Glas Rotwein. Vielleicht aber, wurden sie ja auch von so vielen, aufdringlichen Gedanken bedrückt, dass es Ihnen schwer fiel die Augen zu schließen? Auch Ihre Augenlider wollten nicht geschlossen bleiben, weswegen sie nun hier stand. Hier in der Küche, alleine und lediglich umgeben von dem würzigen Aroma der Suppe. Schon seit Tagen quälten sie die Gedanken, die sich immer wieder um ein und das selbe Thema drehten: Männer.

Es war nicht so, als hätte sie sich jemals tatsächlich dafür interessiert. Nein, es war auch nicht so, als hätte sie bereits Erfahrungen diesbezüglich gesammelt. Nein. Stattdessen kannte sie lediglich Ihre Arbeit, die langen Gespräche mit Sebastian – Ihrem Bruder und besten Freund – , wie auch die verschiedenen Tagträume, denen sie sich immer mal wieder verstohlen hingab. Ein resignierender Atemzug und der Löffel vollführte erneut eine galante Umdrehung im Kochtopf. Es war lächerlich. Warum musste sie sich gerade jetzt Gedanken darüber machen? Nie hatte sie sich dafür interessiert, und jetzt, kaum bemühte sie sich, ein Leben auf eigenen Beinen zu bewerkstelligen, belästigten sie diese Gedanken. Nicht nur, dass sie am Tag Ihrer Anreise plump von einem Unbekannten geküsst wurde, nein, nun verfolgten sie des Nachts auch noch Träume von Küssen und …. erneut ein Seufzen. Rogan. Er war beinahe wie Sebastian. Liebevoll, besorgt und vermutlich würde er Ihr jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Doch er war nun einmal nicht Sebastian, sondern Ihr Arbeitgeber und noch dazu der Beginn allen Unheils. Träume, lange Gespräche, Annäherungen, Tränen und Streitereien. Was für ein Gefühlschaos! Erst verschwendete sie nie auch nur einen Gedanken daran und nun wurde sie regelrecht überrollt von einer Flut neuer Eindrücke. Lächerlich. Lächerlich und peinlich.

Als auch die letzten Kräuter aus Ihrer Hand in die Suppe herabgerieselt waren, setzte sie den Deckel auf den Topf und lehnte sich unter einem weiteren Seufzen zurück. Krystan. Sie wusste, dass sie Ihm nicht trauen konnte und doch brachte er sie immer und immer wieder zum Lachen. Er war nicht auf den Mund gefallen, umgarnte Frauen mit Komplimenten und … verflixt! Auch er verfolgte sie in Ihren Gedanken und raubte Ihr den Schlaf. Er kam um sie zu sehen, um mit Ihr zu sprechen, und sie zu …. küssen. Was bildete er sich überhaupt ein? Sebastian hätte Ihn mit Sicherheit sofort vor die Tür gesetzt. Ein Charmeur, der auch noch zugab, dass er dieses Spielchen mit nicht nur einer Frau trieb. Als würde sie auf seine Annäherung hereinfallen. Hielt er sie wirklich für so naiv? Ihre Augenlider senkten sich ein Stück, als die Einsicht sich regelrecht stürmisch in Ihrem Kopf ausbreitete: Natürlich tat er das. Sie war jung, unschuldig und so ahnungslos. Was hätte er sich sonst schon für ein besseres Opfer aussuchen können, um seine Spielchen zu treiben? Aber wäre es nur das, wäre das Problem nie derart intensiv geworden. Nein, es würde Ihr nicht einmal eine weitere schlaflose Nacht bereiten. Viel mehr war es die Tatsache, dass er es tatsächlich geschafft hatte. Er hatte es geschafft, dass sie immer wieder verstohlen aus dem Fenster spähte, immer wieder den Eingangsbereich im Blick hielt … sie wartete. Sie wartete auf Ihn und seine Worte, die etwas in Ihr immer wieder aufblühen ließen.

Männer. Ein Thema, das Ihr vor der Reise nach Gerimor ganz und gar nicht in den Sinn kam und sie nun, seit der Arbeit in der Erntegans, mit allen Eindrücken und Emotionen regelrecht zu erdrücken drohte.

Verfasst: Montag 7. Februar 2011, 19:01
von Tarja Thyrmon
Part III: Arkorither und ein ernstgemeintes Lächeln - DAS darf nicht sein.

Dass der Wahnsinn um mich trieb, das war mit Sicherheit jedem bewusst. Dass ich jedoch so wahnsinnig war und darüber nachdachte, tatsächlich nach Berchgard zu fahren, um nach ihm zu sehen – daran hätte wohl keiner gedacht. Ich hatte mittlerweile nicht einmal mehr das Interesse daran, meine Haare mittels Magie in ihre ursprünglich dunkle Mähne zu bringen. Warum auch nicht? Immer mal etwas Neues.

Und um mal ehrlich zu sein, genau dieses Neue um mich herum, in mir drin – es umgab mich ständig und überall und bei Krathor, es machte mich wahnsinnig. Es war schön, wenn man die Gabe besaß, alles um sich herum auszublenden, wenn es nötig war. Ich schätzte diese Gabe sehr. Vielmehr würde ich jetzt jedoch die Gabe schätzen, ignorieren zu können. Aber so wie viele Frauen fiel auch mir genau das schwer. Vielleicht sollte ich mich allen Ernstes fragen, wer wen in die Falle locken wollte und ob es überhaupt noch darum ging, irgendwen irgendwann in irgendeine Falle zu locken. Ich verschloss meine Augen und ersparte mir jeglichen Blick in das spiegelnde Wasser. Ich ignorierte mein Spiegelbild gänzlich. Wozu sollte ich es mir ansehen? Ich wusste genau, was ich sehen würde.

Irgendwann jedoch zwang ich mich dazu, die Augen wieder zu öffnen. Ich sah mich an. Ungewöhnlich helle blaue Augen, so beissend und durchdringend, dass es wohl schwer war, diese Augen zu ignorieren. Fein gezogene Brauen, lange Wimpern. Ich führte meine Hände zu meinen blassen Wangen, quetschte, drückte und stellte fest, dass die hohen Wangenknochen meinen Gesicht doch noch edle Züge vergönnten. Ein Traum. Ich lächelte mir selbst entgegen und schüttelte nur den Kopf. Das, was ich in dem Spiegelbild sah, war nicht ich. Wer auch immer es war – ich nicht. Zarte Färbung legte sich auf meine Wangen und die geschwungenen Lippen verzogen sich einmal mehr zu einer weiteren Fratze, was andere tatsächlich als ein Lachen betiteln würden. Und obwohl ich zum Teil angewidert war von dem, was ich sah, schien es mir auf einer anderen Art und Weise doch wieder zu gefallen. Ein kurzer Weg zum Kleiderschrank offenbarte mir eines der menekanischen Kleider, die den Körper schön umspielten und weibliche Kurven deutlich hervorheben konnten. Gedacht – getan. Ich hüllte meinen Körper in dieses Kleid und betrachtete das Gesamtpaket. Ich konnte mich sehen lassen. Soviel stand fest.

Nachdem ich fünfmal umgedreht war, die Kutsche wieder verlassen hatte und ich über mich selber fluchte, setzte ich ein sechstes Mal meinen Fuß in die Kutsche und ließ mich nach Berchgard bringen. Ich hätte es auch einfacher haben können und mich auf eine Sphärenreise begeben können. Aber man konnte ja nie wissen, wer sich wo aufhielt. Und derzeit musste ich Vorsicht walten lassen, um mein Geheimnis zu hüten wie meinen eigenen Augapfel.

Ich schlich mich also durch Berchgard in Richtung Norden, vorbei an der riesigen Gebirgskette. Mir fiel während dem Laufen auf, dass es nicht sonderlich geschickt war, ein Kleid zu tragen, wenn man sonst doch eher praktische Kleidung gewohnt war. Aber ein wenig angehoben wurde mir auch dieses Kleid nicht zum Verhängnis und ich kam sogar so gut voran, sodass ich nicht über den Saum des Kleides stolperte. Von Weitem schon hörte ich viele Stimmen und mir wurde bewusst, dass es nur noch wenige Schritte waren, ehe ich am Ziel angekommen war. Ich schlich mich durch die Bäume näher ran und beobachtete. Eigentlich beobachtete ich nicht viel, eigentlich war es nur Krystan, den ich betrachtete, vielmehr anstarrte. Mir wurde es selbst erstmal gar nicht bewusst, dass ich tatsächlich eine Weile an den Baum gelehnt dort stand und nur ihn ansah, wie er versuchte, das Seil in Bewegung zu versetzen. Die ersten Versuche scheiterten und entlockten mir ein müdes Schmunzeln. Es hätte so einfach sein können, aber dafür hätte ich meine Maskerade fallen lassen müssen. Magie konnte tatsächlich Wunder bewirken. Für einen kurzen Moment liebäugelte ich sogar damit, Magie walten zu lassen, um Krystan auf für ihn unerklärliche Weise mehr Kraft zu geben. Und selbst, wenn man nun denken könnte, dass ich dumm sei, ich war es nicht. Ich ließ den Rest um ihn herum – und leider auch ihn – leiden. Selbst, als er eine kurze Pause machte und ich mich näher zu ihm gesellte, hatte er nicht einen Moment, an dem er auch nur ein Wort mit mir wechseln konnte. Er war gut, wirklich. Aber ob ich ihm abkaufen sollte, dass er mich tatsächlich nicht gesehen hatte? Es war schon recht auffällig, dass er sich mehr anstrengte, seitdem ich mein vorheriges Versteck verlassen hatte. Und es trug Früchte. Sie schafften es, die Seile in Bewegung zu bekommen und als all die Arbeit erledigt war, stand er an einem Baum und ruhte sich aus.

Vermutlich hatte er nicht mehr damit gerechnet, dass ich noch immer dort stand. Hinter ihm angekommen legte ich meine kühlen Hände auf seine Arme, woraufhin er sich zu mir drehte und mir durchaus überrascht entgegen sah. Um seine blutigen Hände verbinden zu können, zerriss ich sogar mein Kleid und wickelte die Fetzen um seine Hände. Davon schien er nicht sonderlich angetan zu sein, immerhin bedauerte er das schöne Kleid. Nachdem ich ihn versorgt hatte bedankte er sich bei mir für mein Kommen. Wozu bedanken, dachte ich. Und musste tatsächlich lächeln. Erschreckenderweise war es kein gespieltes Lächeln, so wie es eigentlich von mir geplant war. Es war ein Lächeln, welches selbst mir etwas bedeutete. Tarja Thyrmon, du solltest die Notbremse ziehen, bevor alles zu spät ist.

Nachdem er sich von Rafael verabschiedet hatte und wir unsere Ruhe hatten, zog ich ihn mit mir. Ich hatte irgendwie das Bedürfnis, einen ruhigen Ort mit ihm aufzusuchen, an welchem wir einfach miteinander reden konnten. Und wenn es noch so belanglos war – es tat mir gut, in seiner Nähe zu sein. Und allein das war für mich die schlimmste Erkenntnis des Tages.

[img]http://fc05.deviantart.net/fs32/f/2008/190/9/b/Mystic_Waterfall_by_Celtic_blood.jpg[/img]

Verfasst: Freitag 11. Februar 2011, 21:54
von Tarja Thyrmon
Part IV: Das Spiel mit dem Feuer

„Schließ deine Augen schönes Kind ,
lausche Still , mein Lied beginnt.
Erzähle dir von einer Welt,
in der es dir an gar nichts fehlt.“


Prolog: Wenn Menschen von Chaos sprechen, verbinden sie damit Wut, Hass, Unsicherheit, Krieg, Leid und Tod. Die eigene Schwäche zeigte den Menschen schnell, wie wenig Zeit es benötigte, um in völligem Chaos zu versinken. Und wenn man erst einmal im Chaos versunken war fand man so schnell keinen Weg, der einen aus diesem Dilemma befreien konnte.

Ich regte mich. Spürte, dass ich atmete. Ich begann zu blinzeln, öffnete meine Augen und über mich wachte die tiefe Nacht und die verheisungsvolle Ruhe der schwarzen Burg. Ich spürte jeden Atemzug in meiner Lunge – wie sie sich vollsog und die kühle Luft wieder frei gab. Ich spürte meine Adern pochen und meinen Herzschlag rasen. Wenn man es so wollte: Ich war dem Wahnsinn verfallen. Nicht dem üblichen Wahnsinn, der eben so typisch war für eine Arkoritherin. NEIN! Es war die Hölle auf Erden, die ich gerade durchschritt.

Ich setzte die nackten Füße auf den kalten Steinboden. Ein Hauch von Nichts umhüllte meinen Körper, als ich zum Schreibtisch schritt. Schnell hüllte ich meinen Körper in diese eine Kleidung, die genauso schwarz war wie meine Seele.

„Hab keine Angst vertrau mir blind
wenn wir auf unsrer Reise sind
nehm ich dir den Schatten vom Gesicht
und trage dich ins warme Licht!“


Ich stand vor den schwersten aller Aufgaben, die mir je zuteil geworden waren. Wer hatte in letzter Zeit mein Leben schon begleitet? Schwarze Gestalten, Halunken und sonstiger Zeitvertreib. Aber alle hatten etwas gemeinsam: Ein dunkles Geheimnis. Aber jetzt?

- Jetzt war alles anders. Was hatte ich mir dabei nur gedacht?

Glaubte ich wirklich, dass alles gut werden könnte? Wie lange konnte ich das Kleid des netten Mädchens neben an noch tragen? Wie lange konnte ich die Maskerade noch aufrecht erhalten? Und wie lang würde es dauern, bis diese Stimme in mir überhand nahm und mir wieder einmal beweisen konnte, was ich wirklich war. Abschaum, ein Miststück, welches immer nur an sich selbst dachte.

Es war ein Spiel mit dem Feuer. Ich war mir nicht sicher, wer von uns beiden die Oberhand in diesem Meisterstück spielen sollte. Meine Beute unterlag mir meistens, war schwächer und von meiner Gestalt eingeschüchtert. Aber in diesem Fall war ich mal Jäger und mal Gejagte. Sollte ich etwa soweit sein, dass es mir gefiel? Ich war sogar schon so tief in Gedanken versunken, dass mir nicht einmal mehr aufgefallen war, dass mich meinen Füße immer weiter durch den Raum trugen. Vom Schreibtisch zum Bett, vom Bett zum Schrank, von dort durch den Torbogen und wieder zurück. Ganz gleich, was immer es auch war: Es war zum verrückt werden.

„Das Lied wird lauter , endet nie
Nur du hörst diese Melodie
Der Takt den nur dein Herz noch schlägt
Dich nun aus diesem Leben trägt.“


Ich setzte mich. Nachdem meine Füße langsam aufgegeben hatten sich gegen meine Gedanken zu sträuben, kam ich endlich zur Ruhe. Ob es ein Zufall war oder die pure Bestimmung diesem Erlebnis zuteil war ließ ich genauso im Raum stehen wie das beschriebene Pergament, welches vor mir lag. Ich wusste, wenn ich es jetzt abschicken würde, waren meine Tage gezählt. Dann war ich diejenige, die einen weiteren Schritt gegangen war. „Sei doch nicht so dumm, mein Kind!“
Ich kniff die Augen zusammen. Denn genau jetzt wollte ich auf sie verzichten – diese kleine, leise Stimme in meinen Gedanken. „Streck deine Finger nach ihm aus, verzehre dich nach ihm... locke ihn in die Falle und dann..“
Ich presste die Augen zusammen und ballte die Hände zu Fäusten. Nein! Ich wollte mich nicht von ihr leiten lassen, mich nicht von dem derzeitigen Weg abbringen lassen. Die wilden Haare und das charmante Lächeln hatten einen kleinen Teil von mir in Besitz genommen. Und diesen Besitz wollte ich wahren, wenigstens einen kleinen Teil davon.

„Schließ deine Augen schönes Kind
Lausche still , mein Lied beginnt!“


Ich betrachtete die blonden Haarsträhnen und wickelte sie um meinen Finger. Im nächsten Moment verfärbten sie sich in ihr natürliches Schwarz.

[img]http://fc08.deviantart.net/fs71/f/2010/058/5/5/557d705c369bf2db0ee138c2deb45117.jpg[/img]

Ich ließ von der Haarsträhne ab und schob das Pergament beiseite. Es würde noch eine Weile dauern, bis ich mich überwinden konnte, es auf die Reise zu seinem Besitzer zu schicken. Und im nächsten Moment war das Pergament weg. Spontanität war etwas Gutes.

„Ich möchte dich wiedersehen. T.“

Ich drehte mich um, sah aus dem Fenster über das offene Meer und spielte mit dem Nebel vor dem Fenster. „Geh Krystan. Lauf davon. Renne, so schnell du kannst.. du bringst dich in Gefahr.“. Ich presste die Lippen zusammen und atmete tief durch, nachdem die leisen Worte meine Lippen verlassen hatte. Und meine Gedanken vollendeten den Satz promt:

„... aber ich werde alles daran setzen, dass dir niemand etwas antun kann.“

Verfasst: Montag 14. Februar 2011, 09:07
von Tarja Thyrmon
Part V: Der Sinne beraubt.

„Du bist verrückt, Tarja Thyrmon. Komplett bescheuert. Wie kannst du nur...?“

Ich hatte ihn eigentlich anfangs gar nicht gesehen. Zumindest nicht so früh, wie er mir hätte auffallen können. Es war auch recht dumm von mir zu glauben, dass er mir erstmal nicht begegnen würde. Lustig an der Situation war, dass er genauso überrascht war wie ich, mich zu sehen. Mit mir hatte er hier nicht gerechnet – wieso auch? War nicht Bajard überhaupt der Grund dafür gewesen, dass wir uns überhaupt jemals begegnet waren? Vielleicht hätte ich das Dorf Wochen zuvor schon eliminieren sollen, dann würde ich nun nicht so in der Tinte stecken. Wie auch immer, das Dorf hatte noch Bestand und ich steckte nach wie vor in der Tinte, ein absoluter Interessenskonflikt, der nicht zu lösen war. Bevor er an mir vorbeiging, erhob ich meine Stimme. Obwohl er mich ansah, wurde ihm wohl erst bewusst, wer da stand, als er die Stimme einsortiert hatte. Ich hätte wohl mehrere tausende Goldstücke für seine Gedanken bezahlt, dafür, was in diesen vorging. Ich wusste, dass er ein absoluter Liebling bei den Frauen war und allein das machte ihn für mich nur noch gefährlicher. Ich liebte es, meiner Beute nachzujagen. Und es war verwunderlich, dass sich meine Laune sogleich erheiterte, als ich ihm allein gegenüberstand. Ja, Tarja, genau das ist auch der Punkt, weswegen du in dieser Zwickmühle steckst. Genau das ist der Grund, warum du dir einen guten Plan überlegen solltest. Wie sollst du das denn jemals irgendwem erklären? Wie sollte das überhaupt weitergehen? Ich resignierte vor meinen Gedanken, die mich ansonsten noch weiter in den Abgrund treiben wollten und es wohl gemerkt auch meistens schafften – gemeinsam mit dieser kleinen Stimme in meinen Gedanken.

Er warf mir Eifersucht vor, weil ich ihn gefragt hatte, wen er denn erwartet hatte. Ich wünschte in dem Moment, er könne mein inneres Lachen hören. Es war so amüsant – denn wäre ich tatsächlich eifersüchtig, würde er es unter seinen Füßen spüren. Tarja Thyrmon und überkochende Emotionen war kein leichtes Spiel mehr. Die unkontrollierte Zündelei mit den Elementen war lange vorüber. Mittlerweile bebte die Erde unter mir, wenn ich wirklich zu emotionsgeladen war. Aber bis es soweit war, dauerte es noch eine furchtbar lange Zeit. Nichts desto trotz amüsierte mich der Gedanke daran, dass es durchaus wen erwischen konnte.
Und da wir gerade schon beim Thema erwischen waren: Ich erwischte mich heute immer wieder dabei, wie ich die falschen Worte verwendete. Über meine Aussage, dass ich die Konkurrenz auslöschen musste, dachte er viel zu lange nach und es schien ihn nicht locker zu lassen. Es war aber auch eine viel zu köstliche Aussage. Ich meine, wieviele Handgriffe würden es tatsächlich sein, um Konkurrentinnen auszulöschen? Aber danach war mir nicht einmal. Aber immerhin: Er schien sich daran festzuklammern wie ein Ertrinkender an einem rettenden Strohhalm. Er tat mir schon irgendwie leid, wie er da im Dunkeln tappte. Aber was wusste ich schon von ihm? Ich wusste, dass er sich mit den falschen Menschen abgab und dass diese Tatsache noch zu unserem Verhängnis werden konnte. Aber sonst? Sonst wusste ich nicht viel von ihm.

Wie sehr mich diese ganze Sache um Krystan schon verwirrt hatte, wurde recht deutlich, als sich die Überempfindlichkeit eingeschlichen hatte. Sie war von jetzt auf gleich einfach gekommen und es war mir selbst schon fast peinlich, wie offensichtlich ich ins Messer gerannt war, nur, weil ich ihm eine Freude bereiten wollte. Wie konnte ich eine solch banale Spitze seinerseits nur ernst auffassen? Ich wünschte mir in diesem Moment wirklich, dass sich ein Loch in der Erde auftat und ich den Platz neben Eluive unterhalb des Meeresspiegels einnehmen konnte. Ja, auch wenn mir viel daran gelegen war, Eluive den Gar auszumachen, wenn da nicht die Sache mit dem Lied wäre, aber in dem Fall wäre mir fast alles recht gewesen. Selbst der Platz neben Eluive oder gerade dieser, weil mich dort mit sehr großer Sicherheit keiner vermuten würde.

Nachdem wir die Waffen niedergelegt hatten und uns zumindest bemühten, uns nicht gegenseitig zu pisacken, führte er mich auch an diesem Abend wieder zum Essen aus. Wobei der Vorschlag eher von mir kam, als von ihm. Ich wollte mich eigentlich revangieren für den Abend zuvor, aber wer hat nicht schon einmal den Versuch gestartet, einen Mann zum Essen auszuführen und das alles dann auch noch zu übernehmen? Ich bitte euch, so etwas schafft man vielleicht bei einem Laufburschen. Bei einem Mann wie Krystan, voller Charme und mit einem guten Ansehen – was war schlichtweg unmöglich. Er führte mich also zu einer Gaststätte mit dem Namen „Erntegans“. Die Absicht dahinterwar eine leichte: Er wollte mich tatsächlich zum Essen ausführen und mir zeitgleich das junge Mädchen vorstellen, an welchem er sich die Finger verbrannt hatte. Ich fand den Gedanken durchaus amüsant, ich konnte unterbewusst furchtbar deutlich meine Krallen ausfahren und zeigen, wer mir wirklich etwas bedeutete und dazu noch furchteinflößend nett sein. Der Sinn dahinter, mir sie vorzustellen, versteckte sich jedoch noch vor mir. Vielleicht wollte er mich testen, sehen, wie ich reagieren würde, wenn andere Frauen ihn umgarnen würden. Und wieder musste ich lächeln, innerlich. Wie dem auch sei: Der Abend hatte sich recht rasch erledigt, indem wir vor verschlossenen Türen standen. Ich konnte es mir natürlich nicht nehmen lassen, eine kleine Stichelei walten zu lassen, bevor wir beschlossen, doch zur Taverne am Wegekreuz zu reisen. Und wenn man mich so sah – und bei Alatar höchstpersönlich, ich war froh, dass mich keiner sah – konnte man kaum glauben, dass ich eine Schwarzmagierin war. Lachend, kitzelnd und neckend standen wir dort, bevor wir uns auf den Weg machten. Ich konnte wirklich froh sein, dass niemand hier gewesen war, um mich zu beobachten.

Die Taverne war – oh, welch Überraschung – leer und verlassen und wir hatten genügend Zeit, um miteinander zu reden. Er machte mir wieder Komplimente, gezielte Komplimente, bevor der Wein vom Wirten gebracht wurde. Ich spürte auch hier wieder, dass mir seine Anwesenheit gut tat. Ich empfand seine Nähe als angenehm, nicht als bedrohlich oder lästig. Ich konnte ihn stundenlang ansehen und egal, was er mir zu erzählen vermochte, ich hing an seinen Lippen. Wohl wahr, ich saß in der Falle. Aber ich wollte mehr von ihm wissen. Viel mehr. Ich kannte ihn, zumindest fühlte es sich so an. Das Gefühl alleine befriedigte mich jedoch nicht, ich wusste nicht wirklich viel von ihm und ich wollte mehr von ihm wissen. Und genau das ließ ich ihn auch wissen.
„Was möchtest du denn wissen?“

- Alles, sie wollte alles wissen.
Wer war er, was machte er gerne, welche Geheimnisse umgaben ihn und was erwartete er vom Leben. Am liebsten noch viel mehr, aber soweit waren sie noch lange nicht. „Ojemine, ich fühle mich ja wie beim Verhör auf der Wache. Du bist nicht zufällig im Nebenberuf Gardistin oder Hauptfrau einer Stadtwache?“
Ich musste lachen. Nein, das war ich nun wirklich nicht. Auch, wenn ich es trotzdem gewohnt war, mein Gegenüber zu löchern. Aber auch hier fiel auf, dass er selbst in seiner Antwort die Gelegenheit nicht ausließ, um ein Kompliment einzubauen. Und das war ihm auch bewusst.

Seine Worte jedoch, dass er ehrlich zu den Personen war, die ihm etwas bedeuteten, zwangen mich dazu, weiter darüber nachzudenken. Es war eine Zwickmühle. Er bedeutete mir tatsächlich etwas, aber die Wahrheit? Die konnte ich ihm noch nicht sagen. Oder wie hätte ich das anstellen sollen? „Du, Krystan, ich muss dir da etwas sagen. Ich bin nicht nur eine fahrende Händlerin, ich schnappe mir auch Seelen, kette sie an ein Schattenbuch. Ich bin eine Schwarzmagierin und eigentlich der Feind. Aber das ist alles gleichgültig, dir würde ich niemals etwas zuleide tun.“ Ein sehr guter Plan – nein. Diese Aussage musste noch warten, sehr lange warten. Aber ich wollte ihm die Möglichkeit geben, mich kennenzulernen. Auch, wenn das nicht einfach sein würde, aber er sollte diese Möglichkeit tatsächlich bekommen. Aber das konnte ich erst, wenn ich mir sicher sein konnte, dass ich ihm sogar mein Leben anvertrauen konnte. Ich erzählte ihm davon, dass ich gerne Bücher las und mich bildete. Und ich gerne beobachtete. Das war nicht gelogen, denn das tat ich tatsächlich gerne. Nur auf die Art und Weise, wie ich beobachtete, ging ich nicht näher ein. Ihm wurde jedoch recht schnell daraufhin klar, dass ich nicht nur die fahrende Händlerin war, als die ich mich ausgegeben hatte. Diese Sache könnte durchaus noch sehr interessant werden. Und sie würde mich einiges an Kraft kosten.
„Ich bin nicht ungeduldig und auch wenn es vielleicht naiv ist, so will ich dir in meinem tiefsten Inneren vertrauen und ignoriere alle Stimmen, die mich davor warnen.“ - Deine Stimmen sind gut, Krystan. Sie sollten dich vor mir warnen, nein. Sie sollten dich von mir fernhalten. Dich fesseln und knebeln, damit du nicht zu mir kommen kannst. Und das, obwohl ich nie vorhatte, dir zu schaden. Ganz im Gegenteil: Ich würde alles daran setzen, damit genau dir nichts passieren würde. Und ich selbst wusste ganz genau, was „alles“ bedeutete...

Nachdem wir uns dann, obwohl ich nach meinen letzten Worten gehen wollte, weiter unterhalten und geneckt hatten, gingen wir vor die Tür. Er wollte mich zum schreien bringen und ich war mir für einen Moment nicht sicher, ob er mich nicht vielleicht doch aus der Reserve locken wollte um mein Geheimnis zu lüften oder ob es sich um etwas harmloses handelte. Und wie sich recht schnell herausstellte - ich konnte mich noch nicht einmal umdrehen - er hatte es darauf abgesehen, mich zu kitzeln. Ich ließ es zu, obwohl ich Meisterin darin war, meine Gefühle zu unterdrücken oder sie im Griff zu haben. Aber ich tat ihm und vor allem auch mir den Gefallen und ging darauf ein. Ich konnte mich fallen lassen und das allein war ein gutes Zeichen. Und das wiederum war verdammt... schlecht.

Wenn man sich die Situation beider von außen betrachtet hatte, wie wir da standen, so hätte man sicherlich gleich sehen können, was in wenigen Lidschlägen passieren würde. Er hatte die Arme um meine Hüften gelegt und um ihn ansehen zu können, musste ich mich halb verrenken. Nichts desto trotz sah ich zur Seite hin, als er mich enger zu sich zog und mir leise ins Ohr flüsterte, dass ich doch besser brav sein sollte. Mit einem zarten Lächeln entgegnete ich, dass ich immer brav war. Auch das war nicht gelogen. Eigentlich war ich immer brav. Die Stille, die sich daraufhin entwickelte, kannte ich. Es war dieser Moment zwischen zwei Menschen, in denen sie anfingen, gedanklich miteinander zu kämpfen. Einer von beiden musste den ersten Schritt machen – und ich selbst konnte nicht. Selbst wenn ich wollte, ich konnte nicht. Also standen wir da, ich spürte seinen Atem und mir wurde bewusst, dass ich den Atem vor lauter Anspannung komplett vergessen hatte. Sie spürte das Streicheln an ihrer Seite. Nach einem kurzen, leisen Wortwechsel über den Sinn des Satzes „Wenn es am schönsten wird, sollte man gehen“, musste er aufgrund meiner Antwort leise auflachen und gab dann mit einem Murren zu, ein schlechter Aufreisser zu sein. Ich musste selbst lachen, denn gerade im Moment vermasselte er alles. Er gab mich daraufhin zögerlich frei und ich drehte mich zu ihm. Irgendetwas in mir brannte. Und ich kannte dieses Brennen. Ich kannte diese Sehnsucht und ich kannte diesen unabdingbaren Wunsch, der sich in mir breitmachte. Ich spürte, wie er mir unsicher über den Rücken streichelte. Ich konnte es ihm nicht verübeln, immerhin hatte er mir zuvor noch in einem Gespräch gestanden, dass er zuvor nie eine Frau an seiner Seite hatte. Er war ein gebranntes Kind und genau das spürte man nun deutlicher als je zuvor. Der sonst so kesse Krystan wurde leiser, schwieg fast und all der Mut, der sonst in seinen Worten stand, war ihnen gewichen. Und so drückte er mir einen Kuss auf die Stirn und irgendetwas in mir begann zu resignieren. Das konnte nicht alles gewesen sein. Niemals. Ich stand vor ihm, ich bewegte mich nicht und dennoch gab er mir nur einen Kuss auf die Stirn? Und alleine dafür, dass ich mich bei diesem Gedankengang und dem Wunsch nach mehr ertappt hatte, hätte ich mich ohrfeigen können. Rechts und links und rechts und links und noch einmal. „Ich darf das nicht tun, wonach mir gerade strebt. Das gehört sich nicht als Frau.“ Ich sah zu ihm empor. „Deswegen... sollte ich...“ und ich spürte, wie seine Lippen meine liebevoll berührten. Ich spürte, wie sich mein ganzer Körper versteifte und wie meine gute Seele und meine schlechte Seele innerlich einen Krieg führten. Ich wollte mehr und zeitgleich wollte ich all das unterbinden.

Ich spürte, wie sehr ich diesen Moment genießen wollte und ich spürte, wie sehr mich dieser Moment aus der Bahn warf. Meine Lippen kribbelten, sie wurden heiß und der liebliche Geschmack des Kusses haftete noch so viel länger auf ihnen und ich hatte keinerlei Möglichkeit mehr, es zu leugnen. Ich wollte mehr davon. Mehr, von diesem sanften Geschmack der Sehnsucht und der aufkeimenden Gefühle, die dieser ganzen eingebrockten Suppe noch viel mehr Tiefe gab. Viel zu schnell war der Kuss vorbei und ich war noch nicht wieder ganz auf dem Boden der Realität angekommen. „Ich.. uhm.“, doch er legte mir sanft seinen Zeigefinger auf die Lippen, so dass ich nicht einmal mehr etwas daraufhin sagen konnte. „Du bist die Erste, die ich … mit solchen Gefühlen küsse. Und ich freue mich sehr, dich bald wiederzusehen.“

Und was das Verrücktste an der ganzen Sache war, als wir uns gelöst hatten und jeder den Heimweg angetreten war. Ich freute mich ebenso auf ein baldiges Wiedersehen und irgendwas in mir begann wild zu hüpfen. Bis mir dann wieder klar wurde, wer ich überhaupt war.

„... wie kannst du dich nur darauf einlassen?“

"Besser du gehst, besser du läufst, besser du rennst so schnell du kannst. Und so weit, wie dich dein Atem tragen kann."

Man kann sich als Außenstehender kaum vorstellen, wie ich mit der Situation umgehe. Würde ich es nicht als absolut überflüssig und hirnrissig erachten, würde ich meine Gedanken auf Papier bringen und eine Art Tagebuch darüber schreiben, was mir gerade passiert. Als Lehrbuch für jeden nachfolgenden Arkorither. „Wie renne ich kopfüber und mit Anlauf in den tiefsten Abgrund?“ - Und hierfür am besten gleich die Fortgeschrittenen-Ausgabe. Es ist denkbar ungünstig, in welcher Situation ich stecke. Ich kenne dieses Spiel zwar, dieses zweite Gesicht zu tragen, aber ich weiß, dass es diesmal bei Weitem komplizierter wird. Findet er heraus, wer oder was ich bin, bin ich mir nicht einmal mehr sicher, ob er nicht doch davonlaufen würde. Und wenn er bleibt. Und alles entwickelt sich in eine Richtung, die so ganz und gar nicht geplant war, dann werden wir auf Lebzeiten ein Versteckspiel betreiben. Entweder voreinander oder miteinander gegen die Anderen.

Und dennoch gingen mir seine Worte nicht aus dem Kopf. Gefühle? Ich musste mich zusammenreissen, dass ich nicht wie eine wildgewordene Furie herumschrie. Musste mich zusammenreissen, mir nicht die Haare auszureissen und ich musste mich dazu zwingen, meine Gedanken auf irgendetwas anderes zu lenken. Und ich scheiterte. Und ich hatte es, zu scheitern.

Wie man es also dreht und wendet: Du bist dieses eine Mal über deine Grenzen hinausgeschossen, Tarja. Und jetzt versuch zu retten, was zu retten ist.

Verfasst: Mittwoch 16. Februar 2011, 10:16
von Tarja Thyrmon
Part VI: Frühling

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Manchmal waren es kleine Augenblicke, die einem im Leben glücklich machen konnten. Es bedarf selten viel, um das Herz eines Menschens höher schlagen und seine Stimme freudig sanft im stillen Klang der Bedeutung der Liebe schwingen zu lassen. Es benötigte nur einen Moment, einen stillen Moment in trister Zweisamkeit, um zwei Menschen zu zeigen, dass sie füreinander bestimmt waren. Und bei mir reichte ein Lächeln, ein Augenblick oder schlichtweg ein Gedanke an ihn, um mich zum strahlen zu bringen ...

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Dass es Frühling wurde, erkannte man an den unterschiedlichsten Stellen. Der Schnee begann zu tauen und tropfte von den Kuppeln der Burg, die wenigen Vögel die sich auf der Insel befanden, zwitscherten und der süssliche Duft von nassem Rasen und seichtem Reif machten sich in der Nase breit.

Ich hatte die Arme vor meinem dürren Körper verschlungen und der leichte Wind presste das dünne Kleidchen an meinen Körper und wirbelte die Haare wild durch mein Gesicht. Die Kerze auf dem Tisch war längst gelöscht und ich blickte einfach über die Brüstung hinab auf das Treiben des Meeres. So unendlich und weit und schön wie es war verbarg es auch genauso viele Geheimnisse. Meine Mundwinkel hebten sich schwach an und ich ging an der Brüstung entlang – barfuß. Es war noch viel zu früh, das Morgengrauen hatte gerade erst eingesetzt, als das mich jemand so in diesem Aufzug sehen konnte.

Gestern noch saß ich mit dem neuen Herrscher Rahals an einem Tisch. Er versprach große Dinge und ich freute mich einerseits darauf. Andererseits drehte sich irgendwas in meinem Magen herum. Ich hatte damit gerechnet, dass ich irgendwann in eine solche Situation kommen würde. Aber ich hatte insgeheim gehofft, dass es nicht so schnell passieren würde. Lange und intensiv durfte mich dies nicht beschäftigen, denn ich kannte die Antwort auf all meine Fragen, die sich durch meine Gedanken schlichen.

Es wäre tatsächlich einfacher, wäre er nicht irgendwie mein Feind. Ich hatte mich zwar mittlerweile damit abgefunden und auch schon einen guten Plan ausgeheckt, wie ich alles unter einen Hut bringen konnte. Aber hier und da hatte dieser Plan dann doch noch Lücken. Wichtig war nur eines: Mir war nach wie vor bewusst, wer ich war und wo mein Platz war. Für viele wären wohl ihre Leidenschaften wichtiger gewesen, für mich durfte nur eines am Wichtigsten sein: Der Orden.

Das bedeutete jedoch nicht, dass es daneben und vor allem danach noch Dinge gab, die folgen konnten und durften. Ich band mir die Haare zu einem Zopf zusammen und ging wieder ins Innere der Burg, um in einem der Badebereiche zu verschwinden. Die Tür war ruckzuck verriegelt und ich betrachtete mein eigenes Spiegelbild.

Wann war der Zeitpunkt angelangt, an dem ich ihm mein wirkliches Ich zeigen konnte? Andem ich mir sicher sein konnte, kein Risiko einzugehen? Wie sollte ich ihm all das um mich herum und was mit mir passiert war erklären? Sollte ich ihm überhaupt alles erklären oder gab es Dinge, die gar nicht wichtig waren? Ich griff in das kleine Kästchen unterhalb des Spiegels und drehte den Ring in meinen Fingern. Ich biss mir von innen auf die Mundwinkel und mein Blick senkte sich. Als Magistra hatte ich damals so sehnlichst den Wunsch gehabt, aus diesem Kreislauf auszubrechen. Jetzt war ich Elegida, höchstgelehrte Magnifizenz. Und ich hatte nicht mehr vor, aus meinem Kreislauf auszubrechen, denn ich war ich und wollte auch ich bleiben.

Manchmal kommt alles unverhofft. Und dann, wenn es in unser Leben tritt, fällt es uns schwer, damit umzugehen. Klare Linien zu ziehen.

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Und wieder dachte ich über seine Worte nach, dass ich die erste Frau war, die er mit solchen Gefühlen geküsst hatte. Ich spürte dieses Kribbeln wieder auf meinen Lippen und die Versteinerung, die sich durch meinen Körper zog. Ich wollte natürlich mehr davon. Und dennoch war es ein schönes Gefühl, wie sich langsam alles Schritt für Schritt weiter entwickelte. Ich hatte kein Interesse daran, mit ihm zu spielen. Schon als ich ihm das erste Mal begegnet war, wurde mir klar, dass ich über ihn wachen würde. Ich musste schmunzeln. 'Über ihn wachen' klang nun wirklich, als hätte er meinen Leibesschutz nötig. Aber wer konnte schon sagen, dass er eine mächtige Arkoritherin hinter sich stehen hatte und – was noch wichtiger war – nichts davon wusste?

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Ich seufzte leise und drückte meinen Kopf in das kalte Wasser des Waschbeckens. Ich blinzelte im Wasser kurz. Die Kälte schien meine Gedanken zu beruhigen und zu klären. Ich schloss sie erneut und riss dann panisch die Augen auf und schrie unter der Wasseroberfläche. Schnell tauchte ich aus dem Wasser wieder auf, keuchte und hustete. Nasse Haarsträhnen schlangen sich um mein Gesicht und meinen Hals. Ich blickte mir selbst in die Augen, die Lippen leicht geöffnet. Mein Oberkörper bebte und ich berührte mit meinen Fingerspitzen nur kurz meine spröden Lippen. Ich wusste, was alles passieren konnte und einige Bilder in meinem Kopf hatten mir genau dies gerade gezeigt. Schnell trugen mich meine Füße zur Tür, aus dem Bad und in meine eigenen Räumlichkeiten. Ich würde es schaffen. Garantiert. Und ich würde mir selbst beweisen, dass es funktionieren konnte.

„Und stirbt er einst, nimm ihn, zerteil in kleine Sterne ihn: Er wird des Himmels Antlitz so verschönen, daß alle Welt sich in die Nacht verliebt und niemand mehr der eitlen Sonne huldigt.“

[Romeo & Juliet]

Verfasst: Mittwoch 16. Februar 2011, 15:00
von Jana Layani Thyrmon
Es wurde wirklich Frühling, man sah es deutlich. Um die Burg herum wurde es wieder ‚grün, hell und fröhlich’. Unmut zeichnete sich im Gesicht der Maestra ab. Sie hasste den Frühling. Warum auch immer das so war, aber dieses Jahr schien es ganz besonders so zu sein. Denn, nicht nur um die Burg herum veränderte sich das Landschaftsbild. Nein, auch die Arkorither schienen ‚Frühlingsgefühle’ zu entwickeln. Eine dunkel gekleidet Gestalt, sie schien fast eins mit der Burg zu sein, trat früh morgens hinaus auf den Balkon ihrer Gemächer. Fröhlich zwitscherte ein Vöglein. Nicht lange. Wer genau beobachte, mit den Augen und den Sinnen, konnte die Schwingungen und Veränderungen im Lied wahrnehmen, welche qualvoll, chaotisch und nahezu gewaltsam manipuliert wurden. Kurz darauf sah man einen Vogel flammend von einem Baum stürzen. Und einen zweiten, einen dritten, noch einige. Auch das Quaken der Frösche hörte auf, ihnen blieb nichts anderes als an ihrem eigenen Schleim zu ersticken. Endlich herrschte wieder Stille um die Burg herum, zumindest für eine kurze Weile. Wenn man Jana jetzt ins Gesicht sah, konnte man meinen, dass sie das glücklich machen würde.

Jana wendete sich um und ging wieder zurück in ihre Gemächer. Sie setzte sich an den Schreibtisch und ließ ihre Gedanken kreisen. Alle Unterlagen, jeglicher Schriftverkehr usw. waren über den Winter aufgearbeitet worden. Ihr Schreibtisch war peinlichst sauber aufgeräumt. Da blieb ihr schon beinahe nichts anderes übrig, als das schwarze Buch zu rufen. Was sie in letzter Zeit häufiger tat, denn immerhin gab es dort interessante Neuigkeiten zu ‚lesen’. Ein marodes Lächeln legte sich auf ihr Gesicht während sie ihre Gedanken sortierte.
Tarja suchte sich also ein neues Aufgabengebiet und dabei lehnte sie sich doch ein gutes Stück weit hinaus. Die Zeit war gerade so passend, als die Bilder Tarjas im schwarzen Buch Form annahmen. Kaltes Wasser kann so erdrückend wirken. Ein abscheuliches Grinsen zierte Janas Gesicht, als sie sich grob des Liedes bediente und sich an ihr Werk machte um all das auf Tarja zu projizieren was ihr bevorstand. Es gab so viele grausame Möglichkeiten.

In Bruchteilen von Sekunden liefen die Bilder vor ihrem Auge ab, direkt in Tarjas Bewusstsein drängend. Geheimnisse sollten bewahrt werden. Rücksichtslos, einschärfend schienen die Worte gewählt, die unheilvolle Stimme in den Kopf der Elegida setzend.
‚Schade uns, schade dir und du weißt was geschehen wird. – Er wird leiden. Qualvoll, grauenvoll’
Was wäre, wenn er erfährt wer und was sie ist? Schwarze Mauern blitzten durch ihre Gedanken, rote Haare schienen für einen Moment an Deutlichkeit zu erlangen. Kurz darauf ertönten dunkle, schwere Schritte die durch die Folterkammer hallten. Abgetrennte Finger, blutgetränkte Laken. Flammen die etwaige Körper förmlich brennen ließen. Lucan. Ein Racheerfülltes Gesicht.

Ein mattes Lächeln umspielte Janas Mundwinkel als sie langsam zum Ende der einzelnen Sequenzen kam. Es hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Die verunsicherte Elegida würde nun wieder ein wachsameres Auge haben und sich hoffentlich weniger von ‚Frühlingsgefühlen’ leiten lassen.

Verfasst: Mittwoch 16. Februar 2011, 19:05
von Tarja Thyrmon
Part VII: Zuhause ist, wo... deine Pflicht wohnt.

Es war nicht schlimm, dass jegliches Frühlingserwecken mit einem Wisch ausgehaucht wurde. Es war normal, dass die Burg sich in Schweigen hüllte und die paar Lebewesen, die sich hierher verirrt hatten, hatten nicht ohne Grund den Weg in den direkten Tod gewählt.

Die beissende und beklemmende Stille jedoch machte mich nun wahnsinnig. Wahnsinnig mit den Bilder, die sich in meinem Kopf abgespielt hatten. Ich war töricht zu glauben, dass meine herzallerliebste Cousine von meinem Treiben nichts mitbekommen würde. Oder vielmehr: Ich hatte es in meiner Euphorie ausgeblendet. Stillschweigend nahm ich also hin, was meine Gedanken mir darbieten sollten. Zuckende Sequenzen, wie sie ihn quälten, sollten mich beunruhigen und mich einen Schritt zurückdrängen. Ich sah das Blut tropfen und die verzweifelten Blicke.

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Und ich versuchte, mich krampfhaft auf etwas anderes zu konzentrieren. Ich wusste, dass sie sich eigentlich dessen bewusst war, wer ich war und das es auch keinen Weg drum herum oder davon weg gab. Sie wusste, dass ich meine Pflichten nie vernachlässigen würde und mich auch nichts vom Orden trennen würde. Nachdem all die Stimmen und Gedanken vorübergezogen hatten, stand ich auf und schritt zum Fenster. Wohl wahr, der Frühling war so schnell gekommen, wie er wieder gegangen war. Aber ich würde Stärke beweisen. Und das würde mir auch dieses Mal wieder gelingen.

Verfasst: Dienstag 22. Februar 2011, 10:21
von Tarja Thyrmon
Part VIII: Vertrauen

Vertrauen ist das Gefühl, einem Menschen sogar dann glauben zu können, wenn man weiß, dass man an seiner Stelle lügen würde.

(Henry Louis Mencken)

Vielleicht kennt ihr das Gefühl, wenn man an etwas denkt und irgendetwas im Körper versprüht diese Wärme. Das Gefühl der Geborgenheit und Zuversicht. Und die Hoffnung, dass es doch noch ein Entkommen aus dem tristen Leben gab, gelegen in Nebel und schwarzer Nacht. Vielleicht kennt ihr auch die Gedankengänge, die an einem reissen. „Das ist in Ordnung, du weißt, dass all das so wird, wie du es dir vorstellst“, hörst du die eine Stimme sprechen. Und die andere? Sie versucht all das wieder zu zerstören. Aber irgendwann öffnest du deine Augen und hast einen Ausweg aus dieser Lage. Ja. Du weisst es ganz genau. Du spürst es, du fühlst es. Und du beginnst es zu leben.

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Ich hatte mich also dazu entschlossen, ihm ein Stück weit mehr von mir zu offenbaren. Nicht alles auf einmal, denn die Wahrheit konnte erschreckend sein und ich musste sein Herz ja nicht überstrapazieren. Mir war bewusst, dass ich damit locker mein Todesurteil unterschreiben würde, wenn er darüber mit den falschen Menschen sprechen würde. Aber aus irgendeinem fadenscheinigen Grund heraus vertraute ich ihm und vertraute vor allem darauf, dass er bald wissen würde, wem er all das, was zwischen uns war, in voller Breite anvertrauen konnte. Also atmete ich tief durch und übte meinen Text.

„Krystan, also.. ich muss dir da etwas sagen...“
Nein. Ich schüttelte den Kopf. Das war absolut der falsche Weg. Wie hörte sich das denn an? Als wolle ich ihm sagen, dass ich ihn heiraten wolle. Ich lachte. Na klar. Also von vorn. „Ich weiß nicht, womit ich beginnen soll...“ - vielleicht mit dem Anfang? Ich seufzte und ließ die Schultern resignierend hinabsinken. Was auch immer ich in meinem Kopf durchging, es hörte sich nicht nach einer 28jährigen Frau an, die mit beiden Beinen im Leben stand. Also entschloss ich mich dazu, meine Worte dem Schicksal zu überlassen.

Als ich vor der Kutsche stand und mir die Pferde betrachtete, passierten einige Menschen meine Wege. Unter anderem Danielle, die mich mit den blonden Haaren vermutlich gar nicht erkannt hatte. Ich seufzte. Allein die blonden Haare waren eine Lüge und ich sollte ihm vielleicht irgendwann mitteilen, dass sie pechschwarz waren, wenn ich nicht gerade in Ausgehuniform durch die Länder streichen wollte. Der Gedanke daran, dass er sich vielleicht nicht ernst genommen fühlen konnte, setzte mir tatsächlich zu. Ich wollte wirklich damit beginnen, ehrlich zu ihm zu sein.

Wie dem auch sei. Ich hatte nicht bemerkt, dass er schon eine Weile am Wegerand stand und mich betrachtete. Meine Gedanken waren vielleicht bei ihm und damit weit, weit weg von meiner eigentlichen Welt, in der ich sein sollte. Deswegen entdeckte ich ihn auch erst nach einer ganzen Weile. Und ich spürte sofort, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Obwohl er mich zärtlich anlächelte und ich allein bei dieser Tatsache alle negativen Gedanken vergessen konnte, sah ich, dass sein Abend vermutlich bisher nicht allzu toll verlaufen war. Er wirkte abgeschlagen, angespannt und nachdenklich. Eigentlich wollte ich mir noch ein wenig Zeit damit lassen, ihm mehr von mir zu erzählen. Allerdings machte es mir mehr aus als erwartet, dass er tatsächlich keine gute Laune hatte. Er hatte ihr gesagt, dass er sein Herz anderweitig vergeben hatte. Und sie schien an ihm wohl auch mehr Interesse gehabt zu haben als eine normale Bekannte zu sein. Wer konnte es ihr auch verübeln? Er war attraktiv, charmant und wusste genau, wie er die Damenwelt zu seinen Füßen hatte. Aber alles, was mir jetzt verblieb, war handeln. Und das schnell.

Ich war es gewohnt, irgendwen mit auf Sphärenreisen mitzunehmen. Allerdings stand es für mich nie zur Debatte, dass ich auf denjenigen wirklich aufpassen musste und wollte. Somit erschwerte sich dieses Unterfangen deutlich. Ich hätte ihm weiß Krathor was alles zeigen können, aber ich entschied mich für diesen Weg, denn damit konnte ich ihm zwar zeigen, was ich war, aber ich verriet noch nicht allzu viel. Und ich machte ihm damit auch nur geringfügig Angst - wenn überhaupt. Die Option, mich in irgendein Wesen mit Reißzähnen zu verwandeln hielt ich mir noch offen. Vermutlich für eine ganze Weile.

Nachdem er mir auf meine Frage hin gesagt hatte, dass er mir vertraute, bat ich ihn, die Augen zu schließen, um mich einfach nur zu umarmen. Er musste mir vertrauen, ansonsten würde all das gewaltig daneben gehen. Aber die Aufgabe stellte sich als sonderlich leicht heraus für ihn, was mir ein Schmunzeln entlockte. Er scheute sich jedoch auch nicht davor, seine Hände zuvor von den Handschuhen zu befreien, um meine Wange zu berühren.

Ich hatte mir schnell ein Ziel überlegen müssen und warum auch immer, ich hatte mir Fuachtero ausgesucht. Vielleicht, weil es kein üblicher Ort war und weil Menek'Ur denkbar ungünstig war. Außerdem war es mir lieber durch den Schnee zu stapfen als mir im Nachhinein die Sandkörner aus jeder Zehe zu puhlen. Zumindest wusste ich nun für die Zukunft, dass es ungünstig war, in solchen Momenten nur ein feines Kleid aus dünnen Stoffen zu tragen.

Von der mentalen Sphärenreise blieb ihm der Großteil verborgen. Früher hätte jede Ader meines Körpers wild pulsiert bei dem Ausmaß an Liedeinwirkung, mittlerweile war ich Meisterin im Umgang damit. Einzig allein der Temperaturunterschied war ihm aufgefallen, doch er hielt weiterhin die Augen geschlossen, bis ich ihm gestattete, diese wieder zu öffnen. Er schien mir tatsächlich zu vertrauen.

Nachdem er die Augen geöffnet hatte sah er sich um. "Magie?"

Ja, so konnte man es tatsächlich sagen. Es war Magie, die mich umgab. Die uns hierhin gebracht hatte. Ich bat ihn darum, erstmal nicht weiter nachzufragen und versprach ihm, dass ich ihm alles erklären würde - Stück für Stück. Weil er mir wichtig war. Weil ich ihm vertraute. Er schien sich damit abgefunden zu haben, dass ich anders war und es Dinge um mich herum gab, die ich ihm einfach nicht sofort sagen konnte. Ich hätte mir gewünscht, dass ich seine Gedanken lesen kann und nur einen Bruchteil dessen erfahren konnte, was er gedacht hatte, als er die Augen geöffnet hatte und an einem anderen Ort war.

Als er mich fragte, ob ich hier etwas vorhatte oder ob es reine Verdeutlichung war, antwortete ich. Ich wollte ihm nur zeigen, wozu ich fähig war. Einen Teil von mir offenbaren. Das wir nicht zurückreisen würden, damit hatte ich nicht wirklich gerechnet. Umso verblüffter war ich, als ich ihm die Option gab, dass wir hierbleiben konnten, ein leerstehendes Häuschen suchen und Feuerholz sammeln. Bei der Frage nach einer anderen Option konnte ich ihm nur anbieten, wieder zurück zu reisen. Aber er entschied sich für Fuachtero - obwohl meine Aussage gar nicht so ernst gemeint war. Doch er nahm sie viel ernster, als mir vielleicht lieb war ...

Nachdem wir viele Häuser angesehen hatten, Krystan die Situation ausgenutzt und mich geküsst hatte, entschieden wir uns für eine Variante mit offenem Dach und Feuerstelle. Immerhin würde uns diese zusätzlich wärmen. Die Situation an und für sich war so dermaßen romantisch, dass es ein lustiges Bild ergab. Eine meuchelnde Arkoritherin unter freiem Himmel mit einem Mann an ihrer Seite, der ihr Lidschlag für Lidschlag immer mehr zu bedeuten schien. Aber irgendwie fühlte ich mich sehr gut dabei.

Er suchte sich einen Platz unterhalb des kleinen Daches gegenüber der Feuerstelle und setzte sich an die Wand. Ich folgte seiner Einladung und nahm meinen Platz neben ihm ein. Letzendlich war es eine gute Idee gewesen, nach Fuachtero zu fahren. Immerhin hatten wir so beide einen guten Grund, uns gegenseitig warm zu halten. Ich saß in seinen Armen, besah mir die stille Nacht und das Feuer und ich schien für diesen einen Moment einfach glücklich zu sein. Auch, weil ich seine Worte noch immer im Kopf hatte, dass er ihr gesagt hatte, dass jemand anders sein Herz stibitzt hatte. Und dieser jemand war ich gewesen. Ich ganz allein. Und es machte mich wirklich, wirklich glücklich.

Manchmal gibt es Momente, in denen man nicht weiß, was richtig oder falsch ist. Aber es gibt dann diese Augenblicke, die einen unterbewusst wissen lassen, dass es nicht unbedingt der falsche Weg ist, den man wählt. Und als ich ihn mir so betrachtete, mit seinen roten, verstrubbelten Haaren, wie er seinen Kopf an meinen schmiegte und schlief, da wurde mir einmal mehr bewusst, dass ich zurückgekehrt war. Jetzt musste ich nur noch einen Weg finden, ihm alles irgendwie zu erzählen. Und ich konnte nur hoffen, dass er dann immer noch an meiner Seite blieb.

Würde man mich jetzt fragen, ob ich etwas anders machen würde, so würde ich den Kopf schütteln. Ich hatte mich mit alldem abgefunden, was passiert war. Denn irgendwie hatte alles immer seinen Sinn. Und auch dieses Kapitel meines Lebens würde einen Sinn für mich haben. Ob einen guten oder schlechten, das würde sich noch herausstellen. Wichtig war vorerst nur, dass ich nicht vergaß, wer ich war. Und ich sagen konnte, dass er mir tatsächlich immer wichtiger wurde.

Ich hatte angefangen mich damit abzufinden, dass ich mich nach seiner Nähe sehnte, seine Anwesenheit mir gut tat und seine Küsse auf meinen Lippen auch noch Stunden danach brannten. Sah ich in seine Augen, so vergaß ich, wer ich war und was mich umgab. Nahm er mich in den Arm, wurden meine Knie weich. Jede Berührung entfachte das Feuer in mir.