Seite 1 von 1

Uns ist in alten maeren...

Verfasst: Dienstag 18. Januar 2011, 19:38
von Viridian
1. Der Elfenwald

Es war einmal, vor langer, langer Zeit, da lebte ein Bauer mit seiner Frau und seinen zwei Kindern. Der Mann war fromm und gut, aber auch bitter arm und jeden Tag musste er schwer arbeiten, um das tägliche Brot für seine Familie kaufen zu können. Dann kam ein Jahr, in welchem es die Götter noch schlechter mit ihm meinten, als zuvor. Im Frühjahr starb die Kuh beim Kalben, im Sommer brach der Pflug und im Herbst machte Frost die Ernte zunichte. Als der Winter kam, hatte der Bauer kein Geld, um Brennholz zu kaufen. Und der Wald gehörte einem bösen Herzog, der es seinen Untertanen verbot, dort Holz zu sammeln, ohne dafür zu bezahlen. Da blieb dem Bauern keine Wahl, und er sagte zu seinen Kindern: „Ihr müsst in den Wald gehen und Holz sammeln, denn sonst wird dieser Winter unser letzter sein. Doch geht nicht in den Wald des Herzogs, denn seine Jäger werden euch finden und in den Kerker werfen. Geht in den Wald der Elfen, aber gebt Acht, dass ihr nur totes Holz vom Boden sammelt und die Bäume nicht verletzt, dann wird euch nichts geschehen.“ Die Kinder waren fromm und gut und gingen in den Wald der Elfen, um dort Holz zu sammeln. Den ganzen Tag stand der Bauer am Fenster und wartete bangend auf die Rückkehr seiner Kinder, doch als der Abend hereinbrach, waren sie noch immer nicht zurück. Da ging der Bauer selbst hinaus in die Nacht, um nach seinen Kindern zu suchen. Am Rand seiner Felder schließlich kam ihm sein Sohn entgegen, das Haar zerzaust, die Jacke zerrissen und die Augen schreckgeweitet. In der Bauernstube erzählte der Junge, was ihm und seinem Schwesterchen widerfahren war. Zwei Stunden hatten die Kinder Holz gesammelt und ihre Körbe waren voll, sodass sie eben wieder nach Hause gehen wollten. Da stand mit einem Mal eine Gestalt vor ihnen, ganz in weiße Felle gehüllt, die ihnen den Weg versperrte. Sie deutete mit der Hand auf die vollen Körbe und sagte etwas in einer Sprache, welche die Kinder nicht verstanden. Dann ging er auf sie zu und die Kinder bekamen Angst und liefen davon, so schnell sie konnten. Die vollen Körbe ließen sie achtlos stehen. Als der Junge sich umsah, war er alleine im Wald, von dem Fremden und seiner Schwester war weit und breit nichts zu sehen. Er rief nach ihr, doch niemand antwortete. Stunde um Stunde verging, während er durch den Wald irrte und nach ihr suchte, bis er beim Einbruch der Nacht wie von Zauberhand den Waldesrand erreichte und nach Hause lief.
Die Eltern weinten bitter, als sie die Worte ihres Sohnes vernahmen, denn im Herzen wussten sie, dass sie ihr Töchterchen nie wiedersehen würden. Auch konnte es sie nicht trösten, dass von jenem Tage an den ganzen Winter lang jeden Morgen ein Korb voll trockener Äste und Zweige vor ihrer Türe stand. Darum achtet darauf, dass ihr nie einen Elfenwald betretet, denn womöglich werdet ihr ihn nie mehr verlassen können.

Verfasst: Freitag 21. Januar 2011, 00:31
von Viridian
... wunders vil geseit...

2. Das Mädchen und der Nordstern

In jener Zeit, als das Geschlecht der Menschen noch jung war, lebte ein armer Mann, der hatte drei Töchter.
Die älteste Tochter war schön wie die strahlende Sonne, deren heißer Schein den Tag erhellt und so war es nicht überraschend, dass sie bald einen guten Mann fand, der sie von Herzen liebte und mit ihr glücklich in seinem großen Haus lebte.
Die mittlere Tochter war schön wie der volle Mond, dessen kühler Schein die Nacht erhellt und so war es nicht überraschend, dass auch sie alsbald einen guten Mann fand, der sie von Herzen liebte und mit ihr glücklich in seinem großen Haus lebte.
Die jüngste Tochter aber war als Kind vom Wickeltisch gefallen und hatte seither einen Buckel. Wenngleich ihr Antlitz schön war wie der Nordstern, der von allen Sternen der Nacht am hellsten strahlt, so gab es dennoch keinen Mann, der sie hätte zur Frau nehmen wollen.
Da wurde die Tochter sehr traurig und weinte drei Tage und drei Nächte lang.
In der dritten Nacht erhörte der Nordstern ihr Klagen.
Und der Nordstern sprach zu ihr:
„Weine nicht länger, mein Kind. Ist dir auch im Leben kein Mann geneigt, so wisse, dass du am Ende deiner Tage aufsteigen sollst zu den Sternen und dort an meiner Seite, als meine Frau leben wirst. Und du wirst leuchten, so hell, wie ich leuchte und gemeinsam werden wir den nächtlichen Himmel überstrahlen.
Dies aber kann nur sein, wenn du dem Willen der Mutter Eluive folgst, die alles Leben auf Erden schuf und jedem Geschöpf seine Aufgabe zuwies.
Und deine Aufgabe sei es, deinen Vater zu pflegen, bis er dereinst heimkehrt zur Mutter.
Doch wisse, solltest du deine Pflicht auch nur ein einziges Mal versäumen, so werden wir nimmermehr zusammen sein können.“
Da trocknete das Mädchen seine Tränen und pflegte fortan tagein, tagaus den Vater, wie der Nordstern es sie geheißen hatte.
Die Jahre zogen ins Land, sieben mal sieben.
Da war der Vater ein Greis und lag krank danieder und die Tochter war alt und gebrechlich, doch noch immer pflegte sie den greisen Vater tagein, tagaus.
Eines Abends aber, nach einem langen, mühsamen Tag, sah die Tochter ihr Antlitz im Spiegel und da erschrak sie sehr. Alt war sie geworden, ihr einst so schönes Gesicht verwelkt wie eine abgerissene Rose.
Da umfing Zweifel ihren Geist.
Würde der Nordstern sich nach all der Zeit seiner Worte erinnern?
Würde der Nordstern sie nach all der Zeit, da sie nun alt war, noch wollen?
Waren all die Jahre des Wartens, all die Jahre des Hoffens am Ende vergebens?
In ihren Zweifeln gefangen, verließ sie einen Tag lang ihre Kammer nicht.
Doch letztlich obsiegte ihre Hoffnung und als der Morgen graute, verließ sie ihre Kammer um ihren Vater weiter zu pflegen, bis zu dem Tag da er heimkehren würde zur Mutter.
Doch wie erschrak sie, als sie in des greisen Vaters Kammer trat und sah, dass er gestorben war, derweil sie in ihrer Kammer gesessen hatte und voll Zweifel gewesen war!
Da weinte sie bittere Tränen und vor Kummer brach ihr das Herz.
Da sprach der Nordstern zu ihr, und seine Stimme war voll Trauer:
„Mein liebes Kind, sieben mal sieben Jahre wartete ich voll Hoffnung auf dich. Jede Nacht strahlte ich so hell ich konnte, um dich zu erfreuen. Bald schon wären wir vereint gewesen. Doch der böse Zweifel schlich sich in dein Herz und ließ dich deine Aufgabe vergessen.
Und so dürfen wir nach dem Spruch der Götter nimmer beieinander sein!“
Und vor Kummer verdunkelte der Nordstern sein Antlitz.
Das sah der Sternenvater, Horteras, und er sprach zum Nordstern:
„Was bedrückt dich, mein lieber Sohn?“
Da klagte der Nordstern seinem Vater sein Leid.
Und da hatte Horteras Erbarmen mit den beiden.
Und Horteras sprach zu Eluive und bat sie, dem Mädchen seinen Fehler zu verzeihen.
Und Eluive erbarmte sich und gab das Mädchen, das in Ihren Schoß zurückgekehrt war, frei und ließ es aufsteigen zu den Sternen, schön und leuchtend.
Das sah Alatar und wurde sehr zornig über das Glück der beiden.
Und Alatars Zorn war so gewaltig, dass er den Himmel selbst erzittern ließ als er schrie:
„Nimmermehr sollt ihr beisammen sein!“
Da wurden die beiden einander gewaltsam entrissen, kaum dass sie einander endlich gefunden hatten.
Groß war Alatars wütende Tat, doch auch er konnte den Willen seiner Mutter nicht gänzlich brechen.
Und so könnt ihr es noch heute sehen, wenn ihr zum Himmel blickt:
Ein Jahr lang leuchtet der Nordstern alleine am Himmel, in der Nacht aber, wenn das alte Jahr sich neigt und ein neues beginnt, leuchtet neben ihm ein zweiter, ebenso heller Stern.
Das ist die Zeit, wenn die beiden vereint sein dürfen.

Verfasst: Samstag 29. Januar 2011, 01:16
von Viridian
... von helden lobebaeren...

3. Der Krieger und sein Gefolge

In den Tagen unsrer Vorväter lebte ein Krieger, der hatte sich Temoras Gunst erworben.
Darum hatte die Göttin ihn mit Harnisch und Waffen, die sie von Cirmias erhalten hatte, beschenkt.
Eines Wintertags kamen er und seine treuen Gefährten, die ihn ob seiner Frömmigkeit in höchstem Maße achteten, in ein Bergdorf, das lag so hoch, dass man von dort auf die Wolken herabblicken konnte und dem Himmel näher war als der Erde.
Der Krieger hieß seine Gefährten rasten, da sie müde und hungrig waren.
Er sprach zu ihnen:
„Meine lieben Freunde.
Ich sehe, dass ihr müde seid und hungrig, darum will ich, dass ihr hier im Dorf rastet.
Ich aber will auf die Gipfel der Berge gehen, um dort Temoras Worten zu lauschen, wie wir in der kommenden Schlacht in ihrem Namen obsiegen sollen.
Den Harnisch aber und die Waffen will ich in eurer Obhut lassen, hier oben, wo keine wilden Tiere leben, wären sie mir eher Last als Hilfe.
Euch bitte ich, hier auf meine Rückkehr zu warten.
Wenn ich wiederkehre von den Gipfeln der Berge, wollen wir gemeinsam in die Schlacht ziehen zu Ehren Temoras und wenn es Ihr Wille ist uns einreihen in die Schar der Besten, die Sie an Ihre Seite zu rufen pflegt.“
So sprach er und verließ seine Freunde, um auf den Gipfeln der Berge Temoras Worten zu lauschen.
Doch weh, im Geiste schon bei Temora verweilend, trat er fehl und stürzte in eine tiefe Schlucht, wo er tot und mit zerschmetterten Gliedern liegenblieb.
Das sah Alatar und er ließ die Felsen erzittern sodass sie über dem Toten einstürzten auf dass sie ihn vor dem Auge der Menschen wie der Götter verbergen sollten und er nimmermehr an die Seite Temoras treten könne!

Derweil vergingen die Tage, und die treuen Gefährten warteten weiter auf die Rückkehr des Kriegers.
Die Woche neigte sich, und als der Krieger noch immer nicht kam, da sprachen sie zueinander:
„Wir wollen hier auf unseren Freund warten. Er sagte, er wird kommen und er wird kommen. Doch er trug uns auf, den Harnisch und die Waffen zu hüten und so wollen wir sie pflegen bis zu dem Tag, da er wiederkommt.“
Die Monate neigten sich, und als der Krieger noch immer nicht kam, da sprachen sie zueinander:
„Lange schon ist der Freund uns fern. Doch er wird wiederkehren, wie er es versprach. Bis dahin wollen wir für ihn beten zu Temora und die Waffen pflegen, wie er es uns hieß.“
Und die Jahre neigten sich, und die Jünger wurden alt.
Ihre Ohren wurden taub und ihre Augen trübe und sie fingen an, zu vergessen.
Jeden Tag gingen sie an den Ort, wo sie die Waffen aufbewahrten, reinigten sie und sprachen Worte des Gebets dabei.
Doch sie hatten vergessen, warum sie es taten und so wurden die Waffen mit der Zeit stumpf und die Gebete hallten hohl über die Berge. Doch da sie alt geworden waren und taub und ihre Augen trübe, hörten sie es nicht und sahen es nicht.

Endlich nach vielen, vielen Jahren, wurde Temora gewahr, dass einer, der Ihr treu war, nicht mehr das Wort an Sie richtete. Und Sie begann nach ihm zu suchen, denn keinen vergisst Sie je, der ihre Gunst einmal erworben. Und Sie nutzte die Gabe und da SAH Sie ihn mit zerschmetterten Knochen liegend unter den Steinen. Und Sie kam selbst heran und befreite den Krieger und richtete seine Knochen und sprach:
„Lange musstest du warten, mein treuer Knappe, doch nun ist es an der Zeit. Dein Leben lang warst du mir treu und wenngleich du auch nicht auf dem Schlachtfeld starbst, so will ich dich aufnehmen in die Schar der Besten, die an meiner Seite sind.“
Und der Krieger sprach:
„Göttin, erbarme Dich auch meiner treuen Gefährten. Im Dorf harren sie geduldig meiner Rückkehr. Nimm auch sie an Deine Seite!“
Und die Göttin sprach:
„So magst du selbst sie an meine Seite führen. Geh in das Dorf, lass sie dir den Harnisch geben und die Waffen und führe sie sodann zu mir.“
Da war der Krieger sehr froh und sogleich begab er sich ins Dorf, wo seine treuen Gefährten seiner harrten.
Und als er sie traf, da sprach er sie an:
„Meine Freunde, lang musstet ihr warten, doch nun bin ich wieder zurückgekehrt. Gebt mir den Harnisch und die Waffen und ich will euch an die Seite Temoras führen!“
Doch weh, sie erkannten und nicht, denn ihre Ohren waren taub geworden und die Augen trübe in den Jahren und sie sprachen zu ihm:
„Wir kennen dich nicht! Sieh dich an!
Ein Krieger gab uns die Waffen, von hohem Wuchs, mit edlem Gesicht und blond wallendem Haar.
Du aber gehst gebeugt, dein Gesicht ist voller Runzeln, dein Haar ist schlohweiß. Du kannst nicht der Richtige sein!“
Da wurde er sehr traurig und er trat vor Temora und fragte sie, was er tun könnte.
Die Göttin aber sprach zu ihm:
,,Nichts gibt es, was du für sie noch zu tun vermagst, mein treuer Knappe.
Sieh, ihr Feuer ist erloschen, ihre Ohren sind taub und die Augen trübe geworden.
Jeden Tag reinigen sie die Waffen und sprechen fromme Worte, doch ihre Herzen haben den Grund dafür lang vergessen. Sie werden auch weiter so leben bis zu dem Tag ihres Todes. Ihre Seelen werden wieder eingehen in das LIED, doch sie werden nicht an meiner Seite sein.
Denn wisse, nicht das Sprechen frommer Worte ist es, das den Weg an meine Seite ebnet und nicht das Verrichten frommer Werke. Nur in wessen Herzen das Feuer wahrer Leidenschaft lodert vermag dereinst an meiner Seite zu stehen.“

Verfasst: Montag 21. Februar 2011, 00:40
von Viridian
... von grôzer arebeit...

4. Die drei Brüder und der Berg

Es waren einmal drei Brüder, die wohnten in einem Dorf am Fuße des höchsten Berges.
Seit jeher träumten sie davon, einmal den Gipfel des Bergs zu erklimmen und von dort aus die ganze Pracht der Schöpfung Eluives zu bewundern, was zuvor noch keiner vermocht hatte.
Viele Jahre lang bereiteten sie sich auf das große Wagnis vor und endlich hielten sie die Zeit für reif.
So ließen die drei ihr Dorf hinter sich und begannen, jeder mit Decken, Zelt und Proviant versehen, den Aufstieg.
Alle drei waren guten Mutes und bereits nach einigen Tagen hatten sie fast ein Drittel des Wegs zurückgelegt.
Da gerieten sie eines Nachts in einen schrecklichen Sturm. Der Wind heulte so gewaltig, dass er ihre Zelte mit sich riss.
Am nächsten Morgen hielten die drei Brüder Rat.
Der Älteste sprach:
„Wir haben die Grenze des Waldes erreicht, der uns den Blick auf die Schöpfung Eluives verwehrte. Der Sturm nahm uns die Zelte, sodass wir fortan nächtlicher Winde eisigen Griff erdulden müssen.
Schaut euch um, da liegt unser Dorf, dort die große Stadt mit den zahllosen Türmen und fahnenbehangenen Mauern und da, seht den Fluss, als Bach beginnt er, auf seiner Reise zum mächtigen Strom anschwellend und endlich, seht ihr es, geht er ein ins Meer, das sich dort erstreckt, so weit das Auge reicht.
Ich habe mehr gesehen, als ich zu träumen wagte.
Ich bin des Steigens müde und weiß nicht, ob ich noch die Kraft hätte, hinabzusteigen, kletterte ich weiter.
Ich kehre also um in unser Dorf, meine Reise ist hier zu Ende.
Wollt ihr mich nicht begleiten?“
Doch die beiden anderen Brüder schüttelten die Köpfe, denn sie wollten nicht eher umkehren, bis sie nicht den Gipfel des Berges erreicht und von dort die ganze Pracht der Schöpfung Eluives bewundert hätten.
So nahmen sie voneinander Abschied und die beiden jüngeren gaben ihrem Bruder die besten Grüße an die Eltern und Freunde mit auf den Weg.
Der Weg der beiden wurde beschwerlicher und die Nächte rauer als zuvor. Sie aber setzten wacker immer einen Fuß vor den anderen und nach drei Tagen erreichten sie die die Grenze des ewigen Schnees. Da aber hatten sie eben den letzten Bissen Proviant verzehrt.
Da sprach der mittlere Bruder zum Jüngsten:
„Wir haben die Grenze des ewigen Schnees erreicht, sieh nur, welcher Blick auf die Schöpfung Eluives uns sich von hier aus bietet!
Schau dich um, das ganze Land breitet sich unter uns aus, von Nord nach Süd, von Ost nach West, alle Küsten sehen wir! Die Wälder dunkles Grün vor dem hellen Grün der Wiesen und dem Braun der frisch bestellten Äcker.
Ich habe mehr gesehen, als ich je zu träumen wagte.
Unser Proviant ist erschöpft, der Abstieg wird mühsam, doch ohne Proviant weiterzuklettern, das ist unmöglich!
Ich kehre also um in unser Dorf, meine Reise ist hier zu Ende.
Willst du mich nicht begleiten?“
Doch der jüngste Bruder schüttelte den Kopf, denn er wollte nicht eher umkehren, bis er nicht den Gipfel des Berges, den er ab und zu über den Wolken erspähen konnte, erreicht und von dort die ganze Pracht der Schöpfung Eluives bewundert hätte.
So nahm der mittlere Bruder schweren Herzens Abschied und der Jüngste gab ihm seine innigsten Grüße an die Eltern und die Freunde mit auf den Weg.
Im ewigen Schnee war das Vorankommen eine Qual. Hunger und Kälte nagten an dem jüngsten Bruder, doch er setzte weiter wacker einen Fuß vor den anderen. Den Blick stets zum Gipfel des Berges gerichtet, stieg er weiter. Seine Glieder wurden ihm taub, das Gepäck schwer.
Am Morgen des ersten Tages ließ er den Ranzen mit dem Kochgeschirr zurück, er würde nicht mehr essen.
Am Morgen des zweiten Tages ließ er die Decken zurück, er würde nicht mehr schlafen.
Am Morgen des Dritten Tages erreichte er den Gipfel des Berges und da fielen alle Müdigkeit, Hunger und Kälte von ihm ab.
Und er sah vom Gipfel des Berges auf die ganze Pracht der Schöpfung Eluives. Er sah die Wolken unter sich und darunter Länder, Flüsse, Meere. Er sah die Länder hinter den Meeren, das Land des Sonnenaufgangs, das Land des Sonnenuntergangs, das Land der Sonnenkinder, das Land der Schneemenschen und über sich den Himmel Horteras’ und alle Gestirne, die Seine Kinder sind.
Da weinte der Mann, aber es waren Tränen des Glücks.
Und dann starb er.
Und Eluive nahm seine Seele bei sich auf und freute sich an seiner Freude.
Sein toter Leib aber steht noch heute unverändert auf dem Gipfel des Berges und schaut auf die ganze Pracht der Schöpfung Eluives.

Verfasst: Montag 25. April 2011, 21:59
von Viridian
... von fröuden, hôchgezîten...

5. Der Festtag

In einem kleinen Dorf, weitab der großen Straßen, lebten die Menschen von ihrer Hände Arbeit. Großen Reichtum kannten sie zwar nur aus den Geschichten, aber sie waren zufrieden mit dem, was sie hatten. Auf dem Feld wuchs der Weizen, in dem Wald jagten sie Wildschweine und im Fluss angelten sie Fische. Jeden Morgen beteten sie zu Eluive, dass die Mutter Tiere und Pflanzen wachsen lassen möge. Am Mittag beteten sie zu Temora, dass die Sehende alles Unheil von ihrem Dorf fernhalten möge. Jeden Abend beteten sie zu Horteras, dass der Sternenvater über ihren Schlaf wachen möge.
Da das Dorf so abgelegen war, kamen auch nur einmal im Jahr Spielleute, immer zur Zeit der Sommersonnwende und wenn sie kamen, wurden ausgelassene Feste gefeiert. Die Leute aßen und tranken, sangen und lachten, oft bis der neue Tag anbrach. In diese Zeit pflegte man auch Hochzeiten und andere Freudenfeste zu legen. Kurz, es war die schönste Zeit des Jahres.
Viele Jahre lang hielt man es so, aber in einem Jahr kam es anders.
Bereits der Beginn des Jahres ließ Böses erahnen, denn später Frost machte die erste Ernte zum großen Teil zunichte.
In ihrer Not flehten die Menschen zur Mutter Eluive, aber da war die Ernte schon verloren.
Nach dem Frühling machten Gerüchte von streunenden Ogern die Runde. Die Menschen ängstigten sich sehr, hatten sie doch keine Waffen, sich gegen die Bestien zu wehren. Sie getrauten sich kaum, ihre Häuser zu verlassen und mussten mit ansehen, wie auf den Feldern das Unkraut wucherte und die Sommerernte ebenfalls zu vernichten drohte.
In ihrer Not flehten die Menschen zur Tochter Temora, aber als die Nachricht kam, die Oger seien erlegt worden, war bereits der größte Teil der Sommerernte verloren.
Und so kam die Zeit der Spielleute, doch kamen diese nicht.
Und in der Nacht vor der Sommersonnwende schlug ein Blitz in die Scheune, die sie als Festhalle nutzten und all die Speisen und Getränke dort verbrannten.
Am nächsten Morgen gab es viel Wehklagen unter den Leuten.
Sie alle hatten sich auf das Fest gefreut, doch nun gab es keine Spielleute, keine Speisen und der Winter würde hart werden.
Da trat Dajela vor, die Verlobte von Hergan, die heute heiraten wollten und sie sprach:
„Der Frost nahm uns die Ernte.
Das Feuer nahm uns Speis und Trank.
Es werden keine Spielleute kommen, für uns zu musizieren und zu singen.
Ich aber sage euch: Hergan und ich werden heute heiraten. Dieser Tag wird unser
Schönster sein, ob mit oder ohne Musik, mit oder ohne Speis und Trank. Der Winter mag hart werden, jetzt aber ist Sommer. Und darum lasst uns feiern! Lasst uns fröhlich sein, jetzt erst recht!“
Da traten einige vor, die wollten Wildschweine jagen.
Andere erklärten sich bereit, bunte Lampions zu machen.
Wieder andere stellten aus ihren Vorräten Wein und Bier zur Verfügung.
Als der Abend kam, waren auf dem Dorfplatz lange Tafeln aufgestellt. Ein Wildschwein drehte sich am großen Spieß und auch wenn es keine Instrumente gab, erschallte vielstimmiger Gesang zum nächtlichen Himmel.
Um Mitternacht bildeten alle einen großen Kreis um Dajela und Hergan, die Hände klatschten im Takt und alle sangen ein Tanzlied, derweil die frisch Vermählten auf der festgestampften Erde tanzten, bis der Morgen anbrach.
Das alles erfuhr Eluive und sie freute sich sehr über die Freude ihrer Kinder.
Nach dem Fest arbeiteten die Menschen mit aller Kraft auf den Feldern und jeden Tag priesen sie Eluive und Temora und Horteras.
Der Winter kam und es war ein strenger Winter, doch mit der Erinnerung des vergangenen Festes im Herzen überstanden die Leute auch ihn.
Und als der Frühling kam, da spross an der Stelle, wo die abgebrannte Scheune stand, ein Apfelbaum, und noch im selben Herbst war der Stamm dick und mächtig, die Krone weit und prächtig und voller roter Äpfel.
Und so steht noch heute der Apfelbaum in jenem Dorf und erinnert an das Fest. Und jedes Jahr zur Sommersonnwende bilden die Dorfbewohner einen Kreis um den Baum. Dann verstummen alle Instrumente, man fasst sich bei den Händen und singend tanzen alle im großen Kreis.

Verfasst: Sonntag 29. Mai 2011, 01:09
von Viridian
... von weinen und von klagen...

6. Das Ende einer Stadt

Wolkengrauverhüllt der morgendliche Himmel. Aschegeruch, vom Ostwind herangetragen – unheilvoller Bote.
Tiefes Schweigen des nebelverschleierten Waldes – Grabesstille geradezu.
Ahnen nicht die Tiere weit besser als wir nahendes Unglück?
Wir werden ausharren, aber warum?
Weil wir Soldaten sind.
Weil wir noch Hoffnung haben.
Weil wir zu feige sind zur Flucht.
Dass der Tag kommen würde, wussten wir, seit der Schatten der Bestie zum ersten Mal auf die Mauern fiel.
Viele Bürger sind seither geflohen, gaben lieber Heim als Leben.
Nur wir harren aus, ein kleiner Haufen ohne Prozess zum Tode Verurteilter.
Aber noch haben wir Hoffnung.
Noch haben wir Mauern.
In stiller Aschewolkenluft unsichtbar, doch weithin hörbar der schwefel-ledrige Flügelschlag.
Bald wird die Bestie aus den Wolken stoßen, gleich einem Raubvogel über seiner Beute.
Wenn sie nur auch heute nur nach einigen drohenden Kreisen wieder abzöge!
Dieses Mal aber bleiben alle stummen Stoßgebete ungehört.

Feuriger Atem verbrannte Fahnen, Dächer, Männer.
Da gab der sich lichtende Nebel den Blick frei auf das Heer, das sich im Schutz des Waldes genähert hatte. Schwarz-Rot neben Schwarz-Blau, durchmengt mit allem nur erdenklichen wild gemischten Söldnervolk.
Unter Kryndlagors Atem und dem Donner der Geschosse barsten die Mauern.
Und die Hoffnung starb.
Und so fiel Varuna.

Als die Truppen aus Berchgard zu Hilfe kamen, war die Stadt bereits gefallen.
Sie kämpften vor der brennenden Stadt.
Sie konnten nichts mehr retten.


*Bericht eines Invaliden, von einem Barden in den Tavernen erzählt*

Ist es nicht erstaunlich, an welche scheinbar unbedeutenden Einzelheiten man sich gelegentlich zu erinnern vermag? Etwa jener Eiszapfen, eigentlich nicht weiter beachtlich, wenn man davon absieht, dass er der einzige war, der noch am Dachrand hing, nachdem seine Gefährten von Passanten, womöglich spielenden Kindern oder der auch im Winter nicht zu leugnenden Kraft der Sonne von seiner Seite gerissen worden waren.
Nicht die imposante Brücke, nicht die im Wind wehenden Wimpel, nicht der Wassergraben, nicht die funkelnden Harnische, nein dieser Eiszapfen blieb mir am deutlichsten in Erinnerung.
Der Eiszapfen ist lange geschmolzen, das Dach, an dem er hing, eingestürzt. Wimpel flattern dort keine mehr und von der Brücke sind nur noch rauchgeschwärzte Ruinen übrig. Ihren Zweck hat sie in zweifacher Hinsicht verloren, denn der Graben über den sie führte ist versiegt, die Stadt in die sie führte vernichtet. Und wenn man dort noch einen Harnisch findet, so ist er fleckig, zerbeult, durchlöchert.

*Gedanken von einem, der da war*

Verfasst: Samstag 6. August 2011, 21:36
von Viridian
... von küener recken strîten..

7. Das Falkenturnier

Wohl weit über die Grenzen des Landes hinaus kennt man das Falkenschrei-Fest.
Ihr runzelt die Stirn fragenden Blickes, geschätzter Freund? Dann lasst mich Euch über das Fest erzählen und vor allem über jenes bemerkenswerte Ereignis, durch welches es zu solcher Bekanntheit gelangte.
Das Falkenschrei-Fest wird seit über einhundert Jahren in Hadmannsfurten, der Hauptstadt der Grafschaft Immenhag in der ersten Woche des Ashatar gefeiert. Man gedenkt damit jener wundersamen Rettung der Stadt vor einem heimtückischen Angriff durch den für seine ebenso eiskalten wie effizienten Taktiken berüchtigten Schwarzen General Arman Udarag. Jener ließ einst die Stadt von seinen Spionen unterwandern. Diese meuchelten in den frühen Morgenstunden des 4. Ashatar 146 sämtliche am Salztor stationierten Gardisten und wollten durch dieses die in nahen Wäldern verborgene Streitmacht einlassen. Der Plan schien auch zu gelingen und die Truppen Udarags waren unbemerkt bis auf weniger als eine Meile an das Tor herangekommen. Da stiegen von sämtlichen Türmen und Dächern der Stadt die Falken auf, zogen ihre Kreise über der Stadt und schrieen. Von dem ungewohnten Geräusch aufgeschreckt, gelang es den Bewohnern der Stadt zwar nicht mehr, den Angriff auf die Stadt abzuwenden, doch wurden sie auch nicht im Schlafe überrascht. So konnten sie erbitterten Widerstand leisten und als sich der Tag neigte, waren die Angreifer unter großen Verlusten auf beiden Seiten geschlagen.
Seitdem ziert der Falke das Stadtwappen Immenhags und seitdem findet jedes Jahr das Falkenschrei-Fest statt. Der Höhepunkt des zweiwöchigen Festes stellt dabei das Falkenturnier dar, welches stets in der zweiten Woche, jeden Tag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang bestritten wird. Der Sieger des Turniers erhält den Ehrentitel Falkenritter und sofern es sich um ein Kind der Stadt handelt auch für ein Jahr das Amt des Kommandeurs der Stadtwache. Von nah und fern streben tapfere Männer und Frauen herbei, um im temoragefälligen Turnier ihre Kräfte zu messen und den weithin gerühmten Titel zu erringen.

Nun wisst Ihr, was das Falkenschrei-Fest ist, mein geschätzter Freund. Die eigentliche Geschichte, die ich Euch erzählen will, handelt von jenem legendären neunundzwanzigsten Fest im Jahre 175. Zu jener Zeit lebten in Immenhag Leander und Fintan, Freunde seit Kindestagen, Sprösslinge adeligen Geblüts und vortreffliche Fechter mit Schwert und Lanze. Gemeinsam hatten sie manches Abenteuer erlebt. Beide hatten sie schon am Falkenturnier gefochten und sich mit ihrer Tapferkeit den Respekt der großen Helden und Sieger verdient.
Auch dieses Jahr wollten sie wieder antreten und hatten sich mit Eifer in der Kampfeskunst geübt. Es gehörte zu den Gepflogenheiten des Festes, dass die Teilnehmer des Falkenturniers sich in den ersten Tagen dem Publikum vorstellten und mit allerlei Unterhaltung dessen Wohlwollen erringen sollten. Einige taten dies, indem sie selbst oder von ihnen beauftragte Barden von ihren Abenteuern berichteten, andere durch Beweise ihrer Kraft oder ihres Mutes in vielfältiger Weise.
Am Turniertag herrschte reges Treiben. Menschen drängten sich, um den Wettkampf zu beobachten, über ihnen wehten die Wappen unzähliger Wagemutiger im Wind. Die Spielleute und Gaukler unterhielten das Volk, derweil die Ritter sich rüsteten. Es galt, den Gegner binnen drei Runden aus dem Sattel zu heben oder die eigene Lanze an dessen Schild zu brechen. Sollten danach beide Ritter noch im Sattel sitzen und gleich viele Lanzen gebrochen haben, würde ein Schwertkampf auf das Erste Blut entscheiden. Mehr als hundert Ritter waren es, die Graf Begadin die Ehre erwiesen, Männer und Frauen von größtem Ruhm und weithin bekanntem Mut.
Leander und Fintan, die beiden treuen Freunde, die einander abwechselnd als Schildknappen dienten, gewannen Kampf um Kampf. Und so kam es, dass am Ende nur noch die beiden übrig waren und der Sieg zwischen ihnen ausgefochten werden sollte.
Vor dem Kampf traten die beiden in der Mitte des Feldes aufeinander zu und reichten sich die Hände. Sie schworen einander auf ihre Freundschaft, dem andern einen guten Kampf zu bieten und mit allen Kräften zu kämpfen. Keiner von ihnen sollte dem anderen den Sieg schenken, allein Temora sollte darüber entscheiden.
Dreimal ritten sie gegeneinander an und dreimal zerbrachen sie ihre Lanzen am Schild des anderen. So stiegen sie von ihren Pferden und zogen die Schwerter. Da sie aber beide ebenbürtig waren und keiner dem anderen den Sieg schenkte, fochten sie noch, als die Nacht hereinbrach. Sie fochten weiter im Schein unzähliger Fackeln und umringt von tausend in Bewunderung ausharrender Zuschauer. Obgleich sie vollendet kämpften und auch nach Stunden noch voller Kraft schienen, gelang es keinem, den anderen zu treffen.
Als der Himmel sich wiederum erhellte, schrie vom höchsten Turm der Stadt ein Falke. Und in dem Moment fanden die Schwerter der beiden ihr Ziel. Mit solcher Kraft waren die Stöße geführt, dass sie trotz der Rüstungen tödliche Wunden schlugen. Die beiden Freunde blieben einander gegenüber stehen, während das Leben aus ihnen wich, sahen einander in die Augen und lächelten.
Man sagt, ihre Seelen seien sodann in Temoras Hallen aufgestiegen.
Und der Graf verlieh ihnen beiden den Titel des Falkenritters und sie wurden im Tempel der Temora beigesetzt.
Und noch heute wird am letzten Tag des Falkenschrei-Fests vor Sonnenaufgang in Gedenken an die Freunde zu Temora gebetet. Und wenn zum Ende, bei Aufgang der Sonne, alle in der Kirche schweigen, kann man den Schrei eines Falken hören.

Verfasst: Samstag 6. August 2011, 21:37
von Viridian
... [mohtet] ir nû wunders hoeren sagen.

(OOC: Damit endet mein kleiner Geschichten-Zyklus. Ich hoffe, wer es gelesen hat, hatte dabei so viel Spaß wie ich beim Schreiben!)