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Windwellen in Kornblumenfeldern
Verfasst: Freitag 7. Januar 2011, 22:29
von Sirsha Larunen
07. Hartung 254
An euch, die ihr mir lieb und stets nah seid,
es ist nicht recht mit Worten zu beschreiben, was mir heute wiederfahren ist und dennoch will ich es versuchen, wenngleich ihr in meinen Gedanken und in meinem Herzen lebt und somit keinerlei schriftliche Erklärungen nötig hättet, doch will ich es für mich selber begreifen und verstehen, welch schönes Wunder das Schicksal am heutigen Tag lächelnd in der Hinterhand hielt. Ich habe es dankbar angenommen und werde es nicht mehr weggeben.
Mutter,
du hast dich geirrt. Das Blut deiner Familie rauscht nicht nur noch in mir und ich bin nicht die letzte Lebende aus dem Haus der Nemetons von Skog. Maelienydd ist nur noch eine Ruine und die Bestätigung, dass Onkel Lavrans und Tante Edmee an jenem Tag, als alles vom Feuer verschlungen worden ist, starben, ist mir nun gegeben und dies aus dem Munde derer, die mir jahrelang wie eine Schwester war und welche wir beide beweint und betrautert haben: Llynya.
Sie lebt, meine liebste Base lebt.
Oh, du hast sicher gefühlt, wie mein Herz schlug, als ich ihre liebe Stimme hörte, in die Augen starrte, welche mir mit einem einzigen Blick früher Anteil an ihrer Welt gewährten und die Schlange der Nemetons, die wir beide mit Stolz tragen, in ihrem Gesicht sah. Es war als hätte man mir nach langem Suchen endlich die Türe zum 'Nachhause' aufgemacht.
Vater,
denk dir nur: Llynya hat einen Hof nun und hütet ihn zusammen mit einer anderen Bäuerin ganz alleine. Tüchtig ist sie, was? Deine eigene Tochter wirkt dagegen wohl derzeit eher wie ein Fähnlein im Winde. Ich sehne mich nach einer bestimmten Richtung, doch zerrte es mich hin und her, wehte mich von einer Küste zur Anderen, ohne dass ich eine Lehre zuende bringen konnte. Doch diesmal - da bin ich mir ganz sicher - diesmal kann es nicht schief gehen, denn das Schicksal hat doch die Fäden gezogen und mein und Llynyas Band wieder verknüpft.
Ja, ich bin davon überzeugt:
Ich werde Magd an ihrem Hof und lerne, für euch, für mich und keiner kann's mir nehmen!
Wohl war es ihr Glück, dass sie so in Gedanken versunken noch lange auf die unebenen Seiten des schlecht geschöpften Papiers starrte und so nicht bemerkt hatte, wie sie sich nach und nach mit dem Kohlestift die Unterlippe, Stirn und auch die Nasenspitze beschmiert hatte.
Doch konnte man es dem jungen Ding nur schwerlich verdenken, hatte sie doch in den letzten Stunden damit zu tun gehabt ihre totgeglaubte Base in die Arme zu schließen, deren erschütternden Bericht zu verarbeiten, mit großen Augen dann noch den endlos weiten und großen Hof zu bestaunen und zuletzt nicht völlig durchzudrehen, als Llynya ihr freimütig den unausgesprochenen Wunsch erfüllte und das freimütige Angebot machte, ihr nicht nur eine Stelle an ihrem Hof zu geben, sondern auch offerierte Sirsha als Magd zu unterweisen.
"Meine Magd..." hatte sie die nur wenig Jüngere genannt und damit das Herz der jungen Frau, welches in der Kälte des letzten Winters und nach dem Tod der Mutter eisiger, bitter und etwas biestig geworden war, mit unglaublicher Wärme geflutet.
Doch war sie kein Mensch von Rührseligkeiten und so hatte Sirsha zwar gestrahlt, gejauchzt, doch die dankbaren Tränen rollten erst jetzt über die Wangen, als sie auf dem einfachen, doch so bequemen Bett saß, welches Llynya ihr bezogen und hergerichtet hatte und auf die kleine, windschiefe Schrift blickte, die ihre eigenen Gedanken widerspiegelte.
Leise schniefend wischte sie sich hastig über das bleiche Gesicht und unterdrückte einen Fluch, als die hässliche Salztränen-Kohle-Flüssigkeit nun an den Fingerspitzen klebte, nur um sich ein dünnes, schiefes Lächeln zu gestatten - hatte Llynya ihr nicht ein heißes Bad angeboten? Nun zumindest war es recht, dass sie sich wusch, entspannte und die Gedanken ein weiteres Mal auf ihre kreisende Reise schickte.
Verfasst: Dienstag 25. Januar 2011, 02:46
von Llynya Nemeton
~ Den ohne Wurzeln wird der Wind davontragen. ~
Ach, es waren die herrlichsten Sommer auf dem Gehöft Maelienydd auf der kleinen Insel Skog. Wenn die Gerste golden im milden Wind wogte und die Grillen die Nächte hindurch zirpten, wenn die Erdbeeren am süßesten schmeckten und die samtene Dunkelheit der lauen Abende leise untermalt wurde von den Gesprächen und dem Lachen der Erwachsenen… Welch’ eine Fülle, das Leben schien so leicht und gefällig zu sein!
Es war ein schöner Morgen im vorgerückten Sommer des Jahres 244. Die Sonne schien, aber es hatte nachts stark geregnet, die Bäche sprühten und sangen von allen Höhen herab, und die Nebelfetzen trieben an den Berghängen entlang. Doch über den Hängen stiegen weiße Gutwetterwolken in die blaue Luft empor, und Lavrans, Llynyas Vater, der Gehöftsbesitzer, und seine Männer redeten davon, dass es heute wohl einen heißen Tag geben würde, wenn die Sonne höher stiege. Edmee kämmte Llynyas langes schwarzes Haar und band es in einen Zopf, küsste dann ihre Tochter auf die Wange, und Llynya sprang zu ihrem Vater hinunter in den Hof. Lavrans verteilte an seine Männer die Aufgaben des Tages. Llynya hatte alle diese Leute ihres Vaters gern; sie waren redlich und freundlich zu ihr und ab und an erzählten sie ihr Geschichten oder steckten ihr Leckereien zu. Sie winkte ihnen, als diese in Richtung der Felder verschwanden.
Heute war ein besonderer Tag, denn die Schwester ihres Vaters, Leleadh Larunen, hatte ihren Besuch angekündigt. Wie jedes Jahr im Sommer würden ihre Tante und deren Tochter Sirsha einige Wochenläufe auf Maelienydd verbringen. Llynya freute sich schon sehr auf ihre drei Jahre jüngere Base, mit ihr konnte man einfach die besten Abenteuer erleben. Letztes Jahr hatten sie im nahen Wald die Trollhöhle erkundet; bewaffnet mit Fackeln und Sonnenkraut, was ja bekanntlich vor Trollen schützt, waren sie hinabgestiegen. Trolle waren ihnen – den Göttern sei Dank – zwar nicht begegnet, doch waren sie in unbekannte, aufregende und abenteuerliche Tiefen gewandert. Für dieses Jahr hatte Llynya bereits ein neues Erkundungsziel ausgesucht: die verfallene Hütte im Tannenwald. Den Geschichten der Mägde zufolge hörte man des Nachts abscheuliches Geschrei von dort und sehe Schatten und Schemen zwischen den Bäumen. Llynya hatte schon zwei Amulette aus Rittermuscheln, Bernsteinen und Salbei gegen die Geister gebastelt. Was Sirsha und sie alles entdecken würden? Bestimmt würde es gefährlich werden… Eine aufregende Stimmung erfasste Llynya, als endlich eine kleine Staubwolke am Tor die Ankunft der Gäste ankündigte. Freudig eilte sie ihnen entgegen.
Diese Wochen wurden einige der spannendsten und schönsten in Llynyas jungem Leben. Einige Geheimnisse lüfteten sie und gingen Mysterien auf den Grund, doch keiner der Erwachsenen erfuhr von der rätselhaften und spannenden Welt der beiden Mädchen. Schließlich hatten sie Stillschweigen geschworen und gehalten. Ein Sommer, der nach Erdbeeren schmeckte, nach Lachen, ein Sommer voller kindlichen Übermutes beseelt von der Sicherheit schwesterlicher Schwüre, ein Sommer mit Sirsha. Der letzte unbeschwerte Sommer - danach nur Dunkelheit und Vergessen…
Llynya schüttelte leicht den Kopf, um die dunklen Erinnerungen an die Zeit danach zu verdrängen. Jetzt war wichtig, denn Sirsha hatte sie gefunden. Vielen Meilen entfernt von ihrer beider Heimat, viele Jahre später. War es Zufall? Schicksal? Waren es die guten Geister ihrer Eltern, die Sirsha und Llynya wieder zusammengeführt hatten? Gerne wollte die junge Frau das glauben, als sie ihre Base beobachtete wie diese einige Hühner über der Lichterwinder Hof jagte. Unwillkürlich fuhr Llynyas Zeigefinger über die tätowierte Schlange, die sich über ihre Stirn auf die Nasenwurzel wand – das Zeichen ihrer beider Familie, der Familie Nemeton. Ein leises Lachen entwand sich ihrer Kehle, als der Gockel Sirsha mit einem geschickten Manöver erneut entkam. Für einen kurzen Augenblick schien es ihr als schmecke sie Erdbeeren auf ihrer Zunge…