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Zu glauben ist schwer, nicht zu glauben ist unmöglich

Verfasst: Donnerstag 18. November 2010, 20:46
von Aleanes Vallardt
Es ist lange her, dass ich geweihten Boden betreten habe und mir nicht nur wie ein Kind am Geschäft mit den Zuckerstangen die Nase an den Fenstern platt drückte. Vielleicht ist es sogar das erste Mal, dass ich wahrhaft begreife, was ein Ort wie dieser bedeutet - jetzt da ich zurückgekehrt bin.

Dass meine Beine taub werden, während ich vor dem Altar knie, wird mir erst bewusst als ich mich erhebe - nicht jetzt, nicht hier. Wo ich bei keinem von beidem benennen könnte, was diese Worte im Moment überhaupt bedeuten. Um ein Zeichen habe ich gebeten, statt dessen rauschen Augenblicke vorbei, Erinnerungen die sich aus irgend welchen Gründen eingebrannt haben, mal banal und nicht länger dauernd als der Flügelschlag eines Nachtsängers, mal nehmen sie mich tatsächlich mit auf eine Reise, die ich schon einmal gemacht habe und strecken Minuten zu Stunden, fast zu einem halben Leben weit.

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Auch wenn ich Wucht in den Schlag gelegt hatte, als die Klinge auf Widerstand trifft, schmilzt jegliche Initiative meinerseits wie Schnee in der Sonne und der Stahl ritzt die Haut nur. Ich verharre, mit aufgerissenen Augen und vor Überraschung jäh auflachend - doch nicht lange währt das Gefühl des Triumphs. Noch während ich meinem Vater die Hand reiche um ihm , gefriert mein
Innerstes zu Eis.

Ich habe ihn geschlagen, zum ersten Mal. Besiegt in einem Kräftemessen, in dem er mir Jahre überlegen ist an Erfahrung und Finesse. Ich sehe ihn an, wie er lächelnd den marginalen Schnitt berührt und begreife: Er wird alt.Und das bedeutet, er wird mich einst verlassen. Jeder wird mich verlassen, den ich liebe. Für ein paar haltlose Sekunden weiß ich nicht, wie ich mit dieser Erkenntnis weiterleben soll - dann entscheidet irgendetwas in mir, dass ich Mensch genug bin um zu verdrängen und ich schüttle nur den Kopf, als er mich fragend ansieht. Lächle ebenfalls. Zu einem Spiel, das ich nicht gewinnen kann.

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Noch immer, nach all der Zeit kann ich das Brennen fühlen - es gibt viele Arten von Schmerz, aber Feuer ist anders. Es frisst sich in Dein Innerstes, es zerwühlt Dich, wie ein Dämon einen Besessenen. Ich schwitzte, ich zitterte, einige Lidschläge lang gab es nichts in meinem Geist als den Wunsch, meine Hand zurück zu ziehen. Doch ich tat es nicht. Irgendwie gelang es mir meine Augen zu öffnen und da war sie. Sie.

"Dies ist keine Prüfung Deiner Demut, Deines Glaubens. Vielmehr ist es eine Prüfung Deiner Selbst - Deines Wesens. Wer ist es, der wünscht mein Diener zu werden unter all den Vielen? Ist er stark genug, alles zu erdulden, was ich ihm auferlegen werde?"

Ihre Stimme ist ruhig und klar und ebenso befehlsgewohnt und streng wie immer und ich weiß, dass sie nur in Stellvertretung für etwas ganz Anderes, weitaus höheres spricht - doch als sie anblicke, während sie weiterhin die Worte rezitiert, die ich aus anderer Warte schon hörte, klingen sie wie Wasser. Der Schmerz erlischt augenblicklich und durch die von den Flammen aufsteigende Hitze verzerrt, füllt sie mein Sichtfeld aus.

"Wirst Du mir fürderhin folgen, aus freien Stücken?" Steht am Ende zur Frage aus.
Das werde ich, das werde ich immer. Seitdem ich Dich das erste Mal sah warst Du es, die meinem Herzen seinen Weg diktierte. Und genau jetzt sollte ich meine Hand zurückziehen und das hier beenden. Gehen, weit weg. Es ist falsch, es sind die falschen Motive die mich binden. Auch wenn ehrenhafte Absichten mich her brachten

Ich bleibe, zwinge meine Finger die sich krampfhaft zusammenballen dazu sich zu öffnen und nach dem Ring zu greifen, der in der Glut liegt.

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„Herrin, warum ich? Warum hast Du nicht Thaida oder Vingard gewählt? Sie sind mir mit dem Schwerte vielleicht nicht überlegen, jedoch in so vielen anderen Belangen.“

Dieses Lächeln, hart wie Stahl, sanft wie die Morgenröte. Ein Teil von mir wünscht sich, dass es tatsächlich mir gehört, der Rest fürchtet sich davor.
„Aleanes ... ich habe Dich ausgewählt nicht weil Du der beste Recke bist. Sondern weil Du mehr Fragen als Antworten in Deinem Herzen trägst. Weil Du immer suchen wirst, immer zweifeln und Dich doch entschlossen hast, zu glauben. Nicht blind, nicht ohne diese Entscheidung immer wieder zu überprüfen. Ich habe Dich gewählt, weil Du wahrhaft menschlich bist und das Geschenk des Freien Willens für Dich eine Bürde darstellt - Du nach Idealen strebst, obschon Du sie für schier unerreichbar hältst. All das zeichnet Dich mehr aus als stummer Gehorsam oder einfacher Mut es je könnten.“

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An dem Morgen, an dem sie uns schließlich zu den Waffen rief, war meine Herrin schöner als je zuvor. Niemals in der nicht eben kurzen Zeit, in der ich ihr diente, hatte sie ihre Rüste angelegt - jetzt umfing der metallene Panzer sie wie eine Schicht aus Wintersonne. In der Linken trug sie die Ordensklinge Siirtharsil und der Wellenschliff des Schwertes ließ es im gelbgoldenen Licht des anbrechenden Tages organisch wirken, als hielte sie einen Streif aus Feuer mit ihrer bloßen Hand
gefangen. Natürlich war sie mit ihrem feuerroten Haar und den scharf geschnittenen Zügen, der ausgeprägten Adlernase und den geschwungenen Brauen immer schon von herber, menschlicher Schönheit. Doch in dem Moment, als ich aus dem Ordenshaus trat und mein Blick auf sie fiel war sie weit mehr als eine Frau in würdevollem Ornat. Erstmals wurde mir annähernd klar, was es heißen muss, an ihrer Stelle zu stehen.

"In Dir muss brennen, was Du in Anderen entzünden willst." Hatte sie einst zu mir gesagt und auch wenn ich ihr immer mit festem Willen und aus eigener Entscheidung gefolgt war - jetzt erst brannte ich. Es schmerzte regelrecht, sie anzusehen. An diesem Morgen, an dem sie uns auf ihrem Schimmel voran ritt, hätte jeder von uns alles für sie getan. Für ein Fanal des Lichts gegen die Finsternis.

Als sie starb - nicht einmal Stunden später - verlor ich mehr als meine Herrin, der ich Treue und Schutz gelobt hatte. Mehr als die Führerin meines Ordens und mehr als die erste Frau, die ich je liebte. Ich verlor die Gewissheit, dass das Licht jedwede Finsternis erhellen kann und ewiglich strahlen wird.
Ich verlor mich selbst und ich bin seitdem auf der Suche nach mir. Nach etwas, dass diese Leere füllen kann. Ein Teil von mir sagt, ich darf nicht zweifeln - muss sicher sein und darauf vertrauen, dass die Lichtbringerin uns allen den einzig wahren Weg weisen wird, ganz gleich was auch geschieht. Doch dann sehe ich erneut meine Herrin im vom ersten Schnee bekränzten Moos in ihrem eigenen Blut liegen und ich suche den Sinn, den Grund und das Ziel.

Bedeutet das, ich habe aufgehört wahrhaft zu glauben? Oder habe ich gerade erst angefangen?

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Der wilde Reigen von Stimmen, Gesichtern und Orten hört erst auf, als das Diesseits Tribut fordert und auf dem steinernen Gang hinter mir Schritte laut werden. Erst? Nein, viel zu früh. Der größere Teil von mir wünscht sich, in die Vergangenheit zurück kehren zu können - Dinge zum besseren zu wenden... Doch erhebe ich mich um zu sehen, wer mir immerhin die Illusion darauf verwehrt.