Allerich und die wichtigen Dinge des Lebens.
Verfasst: Montag 15. November 2010, 19:52
Allerich und die Ankunft in Adoran.
Allerich saß auf den Fellen am Boden neben seinem Bett und kramte leiser in seiner Truhe, da Tjark heute bei ihm schlafen durfte, und er ihn nicht wecken wollte. Auf manche Habseeligkeiten in seiner Truhe war er sehr stolz und immer wenn er nicht schlafen konnte, oder traurig war, setzte er sich vor seine Truhe, und besah sich all seine Sachen. So auch in der letzten Nacht. Er sah immer wieder die Monster und die sterbenden Wachleute die gefressen wurden, wenn er die Augen zumachte, also beschloß er sie solange aufzuhalten, wie er konnte. Und was half da am Besten? Genau, Ablenkung. Das hatte er schon gelernt.
Sein Augenmerk fiel auf das große Buch, das ihm der Ritter Sir Alessandro geschenkt hatte. Es war am Buchrücken schon ein wenig kaputt, weil Allerich es wütend durch sein Zimmer geschleudert hatte, kurz nach dem er es geschenkt bekam. Seine Gedanken sollte er dort hinein schreiben, erklärte ihm der Ritter und erzählte ihm weiterhin, das dieses Buch etwas ganz besonderes sei. Für Allerich sah es aus wie ein ganz normales Buch, nur etwas größer und die leeren Seiten darin, fand er weniger interessant. Er hatte sich dennoch ordentlich und artig für das Geschenk bedankt und auch als er später wütend auf den Ritter war und es ihm am liebsten zurückgegeben hätte, hatte er das Buch noch immer in seiner Truhe. Aber Sir Alessandro hatte sich ja auch entschuldigt und so konnte er das Buch doch auch weiterhin behalten. Jetzt hatte Allerich das Buch in der Hand und überlegte was er denn hineinschreiben könnte. Er hatte dem Ritter gesagt, wenn er etwas ins Buch hineinschreibem würde, könne es ja doch irgendwann einer lesen, vielleicht wäre es nicht so gut, zu schreiben was man dachte. Denn einmal gesagt oder geschrieben konnte man es nicht mehr zurücknehmen, auch das hatte Allerich bereits gelernt.
So leise wie möglich, erhob Allerich sich von den Fellen, nahm Federkiel, Kohlestifte und das Buch mit und setzte sich an den Tisch neben dem Fenster, so konnte er, so dachte er es sich, sich gleichzeitig ablenken und aufpassen, dass keine weiteren Monster in seine Nähe kamen. Eigentlich hatte er noch soviel anderes zutun. Er wollte die Zwerge zeichnen, und seiner Mutter und seinem Vater schreiben. Seinen Großeltern sollte er auch schreiben. Und dann war da noch das Konzept für das Fest in Adoran. Doch all das war im Moment keine Ablenkung. Er dachte an seine Mutter, und dass sie vielleicht schon auf dem Weg wäre nach Adoran um ihn zu besuchen und was sie alles nicht wusste. Auch Allerich musste schon in kurzer Zeit, und er war gerade erst ein paar Mondläufe in Adoran, sovieles lernen und erleben, also beschloss er alle gelernten Dinge in das Buch zu schreiben und alles was wichtig war, für das Leben allein in der Fremde und in Adoran und auf Gerimor, für immer festzuhalten. Er klappte das Buch auf und nahm sich vor alles aufzuschreiben, damit er es nicht vergaß und auch seiner Mutter später ausführlich erklären konnte.
Als erstes dachte er an seinen zehnten Geburtstag und der Nachricht am Vortag, und den traurigen Blick seiner Mutter, der ihm Angst machte. Seine Eltern und Großeltern hatten beschlossen ihn nach Adoran zu seinter Tante zu schicken und er sollte dort alles über das Leben lernen. Er verstand nicht recht, wieso er das nicht auch daheim konnte. Allerich hatte versucht mit seiner Mutter eine Lösung zu finden, und sie hatte ihm gesagt wie lieb sie ihn hatte, aber an der Entscheidung des Vaters und des Großvaters nichts hatte ändern können. Sie nahm Allerich das Versprechen ab, immer ihr lieber Junge zu bleiben, weiterhin fleissig zu lernen und alle stolz auf sich zu machen. Sie würde ihn sobald wie möglich besuchen und es würde alles gut werden. Die letzten Worte wiederholte sie so oft, das Allerich an ihnen zu zweifeln begann. Ohne seine Mutter irgendwohin zu reisen, auch wenn es Verwandte waren, hatte im Angst gemacht. Er versuchte damals seiner Mutter zu erklären, dass er auf alle Geschenke in diesem Jahr verzichten würde, wenn er doch nur daheim bleiben dürfte. Doch seine Mutter konnte nur versuchen ihn zu trösten. An der Entscheidung der Familienoberhäupter hatte sie nichts zu rütteln, so sehr sie und ihr Sohn es sich auch gewünscht hatten. Sein Geburtstag ging seiner Ansicht nach viel zu schnell vorüber, und es war nicht so ein freudiger Tag gewesen wie sonst all die Jahre.
Der Reiseantritt war am gleichen Tag wie sein Geburtstag und die Reise hatte über vier Wochenläufe gedauert. Und in der ersten Woche hatte Allerich sich richtig krank gefühlt und sich mehrfach übergeben müssen. Er wäre am liebsten gleich wieder heimgefahren, und das teilte er den anderen auch ständig mit. Er war noch nie krank gewesen, ohne dass seine Mutter ihn liebevoll gesundpflegen konnte. Überhaupt war er noch nie ohne seine Mutter irgendwo gewesen. Gunnhold Brynn, der Knappe seines Vaters hatte ihn auf die lange Reise begleitet und ihm immer gut zugeredet und gesagt, dass alles gut werden würde, er müsse nur dafür beten und daran glauben. Die Fischer und Seefahrtleute, machten sich lustig über Allerich, der noch nie einen einzigen Fisch gefangen hatte und der sich zu Anfang stur stellte, wenn sie ihn fragten, ob er es denn nicht mal versuchen möchte. In der zweiten Woche auf dem Schiff, begann Allerich die Reise Spaß zu machen und er sah den Fischern und Seefahrtleuten bei ihrer Arbeit zu. Zumindest musste er kein Fleisch essen, auch wenn Gunnhold und ein paar andere ihn davon immer überzeugen wollten. Am Ende der Reise hatte er sich auch getraut einen Fisch zu fangen, aber töten wollte er ihn nicht. Irgendwie tat er ihm leid, auch wenn er Fisch, im Gegensatz zu Fleisch, aß. Seinen eigenen gefangenen Fisch wollte er seiner Tante mitbringen, schliesslich wartete sie auf ihn und er hatte kein Geschenk für sie dabei. Später machten sich auch nicht mehr allzuviele über Allerich lustig, schliesslich hat er ja auch gefischt und sogar einen ganz großen Fisch an der Angel gehabt. Einer der Seeleute tötete den Fisch für Allerich und packte ihm jenen sorgfältig ein.
Als Gunnhold und Allerich dann in Adoran ankamen, dachte Allerich bei sich, das ein Fisch als Geschenk vielleicht nicht ausreichen würde, auch wenn er selbst gefangen worden war. Also machten sie sich auf in die Tavernen und Läden um Gebäck und Blumen zu finden. Doch ihre Suche blieb ergebnislos. Es war zu spät am Abend, das meiste war schon ausverkauft, und weiter wollten sie nicht die Geschäfte absuchen, denn Allerich war müde und aufgeregt zugleich, und lange herumlaufen konnte er noch nie leiden.
Gunnhold schlug dann vor, gleich zum Anwesen zu gehen, doch Allerich war mulmig zumute. Was würde ihn erwarten, und würden sie sich freuen, konnten sie ihn leiden oder würden sie sich lustig machen? Gab es dort auch jemanden der so nett war wie seine Mutter oder Lena? - Er hoffte zumindest Gunnhold würde eine Weile bleiben und versuchte ihn zu überreden, das Schiff am nächsten Morgen noch nicht zu nehmen. Er könnte doch auch etwas länger bleiben oder ihn einfach wieder mit zurück nehmen. Doch all seine Überredungskünste waren erfolglos. Bei seiner Mutter klappte das besser. Gunnhold lachte nur und sprach dem Jungen wieder gut zu, erklärte das alles gut werden würde, dann läutete er auch schon an dem großen Tor des Anwesens.
Allerich überlegte eine Weile, was er da auf der Reise alles gelernt hatte, und was er unbedingt festhalten müsse, in diesem besonderem Buch und für das wichtige Leben, und so notierte er als erstes:
Wenn jemand traurig guckt, wird man weggeschickt.
Väter haben mehr zu sagen als Mütter. Mütter müssen auf die Väter hören.
Geschenke für Geburtstage sind nicht immer gute Sachen.
Lange Schiffsreisen machen krank. Man wird auch gesund wenn die Mutter nicht dabei ist, es dauert nur länger.
Wenn man nicht krank ist, kann es auf einem Schiff toll sein.
Ein Knappe eines Ritters wird auch krank auf einem Schiff, sogar mehrfach.
Man kann auch selbstgefangenen Fisch essen ohne ihn selbst zu töten. Töten kann man ihn auch lassen.
Sie machen sich lustig wenn Du keinen Fisch fängst und Du kein Fleisch isst.
Alles wird gut.
Danach legte er den Federkiel wieder beiseite, besah sich seine Sätze und dachte über die erste Begegnung mit seiner Tante und den anderen Bewohnern des Anwesens nach. Den ersten Blick seiner Tante hatte er immer noch nicht vergessen,wie sie ihn entgeistert, und mit diesen großen Narben im Gesicht ansah. Sie wirkte mit diesem Blick sehr böse und sie hatte nicht die geringste Ahnung von dem Besuch ihres Neffen. Kurz keimte an diesem ersten Abend Hoffnung in Allerich auf, dass er wieder heim konnte, an die Seeluft war er ja noch gewohnt. Doch Gunnhold schob ihn direkt vor seine Tante und er sollte sie begrüßen. Er begrüßte sie, so wie Mutter es ihm beigebracht hatte, naja fast. Seine Tante starrte ihn mit diesem bösen Blick einfach eine Weile lang weiter an, und er dachte, er hatte etwas falsch gemacht und fragte gleich nach, ob die Anrede 'Tante Darna' nicht richtig sei. Sie brauchte noch eine Weile, bis sie ihn bemüht freundlich begrüßen konnte. So richtig verstand Allerich nicht, wieso sie ihn so ansah und warum sie erst nichts sagte. Und sie erklärte, dass der erste Brief von Elbenau bei ihr nicht angekommen sei, sie von seinem Besuch nichts wusste und erst als Gunnhold ihr den Brief von Veltin, dem Vater Allerich's und Bruder Darna's reichte, begann sie langsam zu verstehen. Der nächste Anblick war auch nicht so schön. Blitz der große Hund. Er bellte und sah bedrohlich und riesig aus. Allerich blieb weiterhin in Gunnholds Nähe und eigentlich wäre er am liebsten gleich wieder umgedreht und gegangen. Doch Gunnhold schob ihn weiter ins Haus und sie setzten sich an einen großen Tisch.
Allerich hatte zwei Briefe bei sich. Einen von seinem Vater, den er seiner Tante geben sollte und einen von seiner Mutter den er einer Magd oder dem Koch des Hauses geben sollte. Von dem Brief seiner Mutter wusste auch Knappe Gunnhold bis zu dem Abend des Eintreffens der beiden nichts. Aber Allerich dachte, er fragt besser nach, wer denn Magd oder Koch sei, dann wüsste er zumindest wem er den Brief geben könnte. Die Antwort war allerdings nicht so erfreulich. Er sollte beide Briefe gleich an Tante Darna abgeben, oder einen an Hoheit Onkel Adrian. Allerich's Mutter hatte ihm genau gesagt wem er welchen Brief geben sollte und er hatte ihr versprochen, das genau so zu machen. Aber er sollte hier in Adoran auch auf seine Tante und seinen Onkel hören und sie wollten den Brief von seiner Mutter ebenfalls sehen. Eine Zwickmühle. Er kannte das Wort und dessen Bedeutung und er überlegte wie er da wieder heraus kam. Nach einer Weile des Nachdenkens beschloss Allerich, den Brief einfach vor sich abzulegen. So hatte er ihn niemandem direkt gegeben, aber zumindest abgegeben. Irgendwie hatte er somit doch auf alle artig gehört. Adrian las den Brief seiner Mutter dann sogar allein in der Bibliothek und nicht bei seiner Tante, so wie seine Mutter es wollte. Er beobachtete auch seine Tante, dessen Gesichtszüge sich stetig veränderten, beim Lesen des Briefes, seines Vaters. Er hatte beide Briefe selbst nicht gelesen, weil er es versprochen hatte, und Versprechen hielt er ein.
Seine anfängliche Hoffnung am nächsten Morgen mit Gunnhold wieder auf dem Schiff zu sein um die Heimreise anzutreten verflüchtigte sich rasch, als seine Tante versprach, der Bitte ihres Bruders nachzukommen. Er verstand nicht wieso alle etwas taten, das keinen glücklich machte. Seine Mutter war traurig, er war traurig, seine Tante und sein Onkel schienen nicht begeistert zu sein und warum sollte er bleiben. Selbst die Mägde und Köche waren nicht da und seine Tante musste selbst Essen machen für ihn, wenn das seine Mutter gesehen hätte... Alle Überredungsversuche an Gunnhold, ihn wieder mit heim zunehmen, blieben fruchtlos. Da half kein Betteln und kein Flehen. Gunnhold blieb eisern. Hoheit Onkel Adrian erklärte ihm, das er ihn mit Hoheit anzusprechen habe, um seinen Benimm nicht zu schmälern. Allerich empfand es als eigenartig seinen Onkel so zu nennen, aber vielleicht machten das hier alle so und dann musst er sich daran auch halten.
Hoheit Onkel Adrian's Interesse war groß, als es darum ging was Allerich schon alles gelernt hatte und welchen Unterricht er bisher hatte, sollte er ihm genauer ausführen. Allerich war müde und erklärte alles nur ein wenig und als seine Tante den Tisch gedeckt hatte, und alle ohne ein Tischgebet anfingen zu essen, war ihm bereits klar, das hier alles anders war als daheim. Hoheit Onkel Adrian wollte ihm gleich am ersten Abend einer Laufübung unterziehen oder .. was er auch immer damit meinte. Allerich bekam etwas Angst und lenkte das Gespräch wieder auf die schmutzige Kleidung um. Als es dann später auch um die Kleidung und viele andere Themen ging, bemerkte er die ersten spitzen Bemerkungen, die auch in den nächsten Tagen immer häufiger wurden. Und er merkte das hier vieles anders und unbekannt war, ja selbst die Verhaltensweisen, und das was man durfte oder nicht durfte hier ganz anders gehandhabt wurde. Auch die Fragen die ihm gestellt wurden oder die er stellte, wurden nicht immer gut aufgenommen.
Doch die Gespräche an dem Abend seiner Ankunft wurden jäh unterbrochen, als erst die Türglocke ertönte und dann kurz darauf der Ruf seiner Tante von den Toren zum Haus zu vernehmen war, das Piraten am Anwesen seien. Von ihnen hatte er bisher nur gehört, noch nie einen gesehen, höchstens mal in einem Buch. Alles wurde hektisch und Hoheit Onkel Adrian, der ihm vorher noch von den Gefahren dieses Landes erzählte, sagte ihm, er solle sich von den Fenstern fernhalten und sich am besten verstecken und still sein. Allerich versteckte sich in der ersten Nacht unter dem Bett seiner Tante und hatte sich fest gewünscht ganz schnell wieder daheim und bei seiner Mutter sein zu dürfen und in seinem eigenem Zimmer und seinem eigenem Bett. Bei den bittenden Gebeten an Temora schlief er allerdings rasch und erschöpft ein und bekam gar nicht mehr mit, was mit den Piraten dann wirklich geschehen war.
Allerich sah wieder auf das Buch auf dem Tisch vor sich und notierte ein paar Sätze die ihm für das Leben hier wichtig erschienen und von den Dingen, die er an diesem ersten Tag im Anwesen gelernt hatte, festgehalten werden mussten:
Obwohl es alle traurig macht, machen Leute Sachen, die man nicht will.
Ein Knappe eines Ritters handelt so ähnlich wie sein Ritter und lässt sich nicht so gut zu Sachen überreden.
Großen Hunden geht man besser erst einmal aus dem Weg.
Verwandte werden mit dem Titel angesprochen, anfangs und vor wichtigen Leuten.
Piraten sind böse. Aber wenn sie kommen muss man keine Übungen machen.
Man wird auch an Orte geschickt die gefährlich sind, aber da gibt es gute Verstecke.
Speisen die Verwandte kochen, schmecken auch.
Allerich bemerkte wie das Denken über all die wichtigen Sachen des Lebens ihn müde machte. Es lenkte auch nicht allzu gut ab. Noch einmal sah er aus dem Fenster und lauschte an der Tür. Die anderen konnten auch nicht schlafen und sprachen wohl noch lange über die Geschehnisse. Er selbst legte sich wieder in sein Bett und sah rüber zu Tjark.
Sein Freund Tjark schlief etwas unruhig und sein Hund, der zum Glück nicht von den Monstern gefressen wurde, lag still schlafend zwischen den beiden Betten auf seinem Fell. Er würde noch weiter schreiben, in das besondere Buch, das nahm er sich fest vor. Er konnte dann die wichtigen Sachen immer nachlesen oder seiner Mutter oder wem anderen erklären, wenn jemand neu hier in Adoran war. Und er hatte viel gelernt, doch nun wollte er auch ein bisschen schlafen. Vorher bedankte er sich nocheinmal bei Temora, und betete dafür, dass es weiterhin allen gut ging, das Tjark und er selbst besser schlafen konnte und weder er noch sein Hund oder sonst jemand den er gern hatte, von den Monstern gefressen werden sollte.
Allerich saß auf den Fellen am Boden neben seinem Bett und kramte leiser in seiner Truhe, da Tjark heute bei ihm schlafen durfte, und er ihn nicht wecken wollte. Auf manche Habseeligkeiten in seiner Truhe war er sehr stolz und immer wenn er nicht schlafen konnte, oder traurig war, setzte er sich vor seine Truhe, und besah sich all seine Sachen. So auch in der letzten Nacht. Er sah immer wieder die Monster und die sterbenden Wachleute die gefressen wurden, wenn er die Augen zumachte, also beschloß er sie solange aufzuhalten, wie er konnte. Und was half da am Besten? Genau, Ablenkung. Das hatte er schon gelernt.
Sein Augenmerk fiel auf das große Buch, das ihm der Ritter Sir Alessandro geschenkt hatte. Es war am Buchrücken schon ein wenig kaputt, weil Allerich es wütend durch sein Zimmer geschleudert hatte, kurz nach dem er es geschenkt bekam. Seine Gedanken sollte er dort hinein schreiben, erklärte ihm der Ritter und erzählte ihm weiterhin, das dieses Buch etwas ganz besonderes sei. Für Allerich sah es aus wie ein ganz normales Buch, nur etwas größer und die leeren Seiten darin, fand er weniger interessant. Er hatte sich dennoch ordentlich und artig für das Geschenk bedankt und auch als er später wütend auf den Ritter war und es ihm am liebsten zurückgegeben hätte, hatte er das Buch noch immer in seiner Truhe. Aber Sir Alessandro hatte sich ja auch entschuldigt und so konnte er das Buch doch auch weiterhin behalten. Jetzt hatte Allerich das Buch in der Hand und überlegte was er denn hineinschreiben könnte. Er hatte dem Ritter gesagt, wenn er etwas ins Buch hineinschreibem würde, könne es ja doch irgendwann einer lesen, vielleicht wäre es nicht so gut, zu schreiben was man dachte. Denn einmal gesagt oder geschrieben konnte man es nicht mehr zurücknehmen, auch das hatte Allerich bereits gelernt.
So leise wie möglich, erhob Allerich sich von den Fellen, nahm Federkiel, Kohlestifte und das Buch mit und setzte sich an den Tisch neben dem Fenster, so konnte er, so dachte er es sich, sich gleichzeitig ablenken und aufpassen, dass keine weiteren Monster in seine Nähe kamen. Eigentlich hatte er noch soviel anderes zutun. Er wollte die Zwerge zeichnen, und seiner Mutter und seinem Vater schreiben. Seinen Großeltern sollte er auch schreiben. Und dann war da noch das Konzept für das Fest in Adoran. Doch all das war im Moment keine Ablenkung. Er dachte an seine Mutter, und dass sie vielleicht schon auf dem Weg wäre nach Adoran um ihn zu besuchen und was sie alles nicht wusste. Auch Allerich musste schon in kurzer Zeit, und er war gerade erst ein paar Mondläufe in Adoran, sovieles lernen und erleben, also beschloss er alle gelernten Dinge in das Buch zu schreiben und alles was wichtig war, für das Leben allein in der Fremde und in Adoran und auf Gerimor, für immer festzuhalten. Er klappte das Buch auf und nahm sich vor alles aufzuschreiben, damit er es nicht vergaß und auch seiner Mutter später ausführlich erklären konnte.
Als erstes dachte er an seinen zehnten Geburtstag und der Nachricht am Vortag, und den traurigen Blick seiner Mutter, der ihm Angst machte. Seine Eltern und Großeltern hatten beschlossen ihn nach Adoran zu seinter Tante zu schicken und er sollte dort alles über das Leben lernen. Er verstand nicht recht, wieso er das nicht auch daheim konnte. Allerich hatte versucht mit seiner Mutter eine Lösung zu finden, und sie hatte ihm gesagt wie lieb sie ihn hatte, aber an der Entscheidung des Vaters und des Großvaters nichts hatte ändern können. Sie nahm Allerich das Versprechen ab, immer ihr lieber Junge zu bleiben, weiterhin fleissig zu lernen und alle stolz auf sich zu machen. Sie würde ihn sobald wie möglich besuchen und es würde alles gut werden. Die letzten Worte wiederholte sie so oft, das Allerich an ihnen zu zweifeln begann. Ohne seine Mutter irgendwohin zu reisen, auch wenn es Verwandte waren, hatte im Angst gemacht. Er versuchte damals seiner Mutter zu erklären, dass er auf alle Geschenke in diesem Jahr verzichten würde, wenn er doch nur daheim bleiben dürfte. Doch seine Mutter konnte nur versuchen ihn zu trösten. An der Entscheidung der Familienoberhäupter hatte sie nichts zu rütteln, so sehr sie und ihr Sohn es sich auch gewünscht hatten. Sein Geburtstag ging seiner Ansicht nach viel zu schnell vorüber, und es war nicht so ein freudiger Tag gewesen wie sonst all die Jahre.
Der Reiseantritt war am gleichen Tag wie sein Geburtstag und die Reise hatte über vier Wochenläufe gedauert. Und in der ersten Woche hatte Allerich sich richtig krank gefühlt und sich mehrfach übergeben müssen. Er wäre am liebsten gleich wieder heimgefahren, und das teilte er den anderen auch ständig mit. Er war noch nie krank gewesen, ohne dass seine Mutter ihn liebevoll gesundpflegen konnte. Überhaupt war er noch nie ohne seine Mutter irgendwo gewesen. Gunnhold Brynn, der Knappe seines Vaters hatte ihn auf die lange Reise begleitet und ihm immer gut zugeredet und gesagt, dass alles gut werden würde, er müsse nur dafür beten und daran glauben. Die Fischer und Seefahrtleute, machten sich lustig über Allerich, der noch nie einen einzigen Fisch gefangen hatte und der sich zu Anfang stur stellte, wenn sie ihn fragten, ob er es denn nicht mal versuchen möchte. In der zweiten Woche auf dem Schiff, begann Allerich die Reise Spaß zu machen und er sah den Fischern und Seefahrtleuten bei ihrer Arbeit zu. Zumindest musste er kein Fleisch essen, auch wenn Gunnhold und ein paar andere ihn davon immer überzeugen wollten. Am Ende der Reise hatte er sich auch getraut einen Fisch zu fangen, aber töten wollte er ihn nicht. Irgendwie tat er ihm leid, auch wenn er Fisch, im Gegensatz zu Fleisch, aß. Seinen eigenen gefangenen Fisch wollte er seiner Tante mitbringen, schliesslich wartete sie auf ihn und er hatte kein Geschenk für sie dabei. Später machten sich auch nicht mehr allzuviele über Allerich lustig, schliesslich hat er ja auch gefischt und sogar einen ganz großen Fisch an der Angel gehabt. Einer der Seeleute tötete den Fisch für Allerich und packte ihm jenen sorgfältig ein.
Als Gunnhold und Allerich dann in Adoran ankamen, dachte Allerich bei sich, das ein Fisch als Geschenk vielleicht nicht ausreichen würde, auch wenn er selbst gefangen worden war. Also machten sie sich auf in die Tavernen und Läden um Gebäck und Blumen zu finden. Doch ihre Suche blieb ergebnislos. Es war zu spät am Abend, das meiste war schon ausverkauft, und weiter wollten sie nicht die Geschäfte absuchen, denn Allerich war müde und aufgeregt zugleich, und lange herumlaufen konnte er noch nie leiden.
Gunnhold schlug dann vor, gleich zum Anwesen zu gehen, doch Allerich war mulmig zumute. Was würde ihn erwarten, und würden sie sich freuen, konnten sie ihn leiden oder würden sie sich lustig machen? Gab es dort auch jemanden der so nett war wie seine Mutter oder Lena? - Er hoffte zumindest Gunnhold würde eine Weile bleiben und versuchte ihn zu überreden, das Schiff am nächsten Morgen noch nicht zu nehmen. Er könnte doch auch etwas länger bleiben oder ihn einfach wieder mit zurück nehmen. Doch all seine Überredungskünste waren erfolglos. Bei seiner Mutter klappte das besser. Gunnhold lachte nur und sprach dem Jungen wieder gut zu, erklärte das alles gut werden würde, dann läutete er auch schon an dem großen Tor des Anwesens.
Allerich überlegte eine Weile, was er da auf der Reise alles gelernt hatte, und was er unbedingt festhalten müsse, in diesem besonderem Buch und für das wichtige Leben, und so notierte er als erstes:
Wenn jemand traurig guckt, wird man weggeschickt.
Väter haben mehr zu sagen als Mütter. Mütter müssen auf die Väter hören.
Geschenke für Geburtstage sind nicht immer gute Sachen.
Lange Schiffsreisen machen krank. Man wird auch gesund wenn die Mutter nicht dabei ist, es dauert nur länger.
Wenn man nicht krank ist, kann es auf einem Schiff toll sein.
Ein Knappe eines Ritters wird auch krank auf einem Schiff, sogar mehrfach.
Man kann auch selbstgefangenen Fisch essen ohne ihn selbst zu töten. Töten kann man ihn auch lassen.
Sie machen sich lustig wenn Du keinen Fisch fängst und Du kein Fleisch isst.
Alles wird gut.
Danach legte er den Federkiel wieder beiseite, besah sich seine Sätze und dachte über die erste Begegnung mit seiner Tante und den anderen Bewohnern des Anwesens nach. Den ersten Blick seiner Tante hatte er immer noch nicht vergessen,wie sie ihn entgeistert, und mit diesen großen Narben im Gesicht ansah. Sie wirkte mit diesem Blick sehr böse und sie hatte nicht die geringste Ahnung von dem Besuch ihres Neffen. Kurz keimte an diesem ersten Abend Hoffnung in Allerich auf, dass er wieder heim konnte, an die Seeluft war er ja noch gewohnt. Doch Gunnhold schob ihn direkt vor seine Tante und er sollte sie begrüßen. Er begrüßte sie, so wie Mutter es ihm beigebracht hatte, naja fast. Seine Tante starrte ihn mit diesem bösen Blick einfach eine Weile lang weiter an, und er dachte, er hatte etwas falsch gemacht und fragte gleich nach, ob die Anrede 'Tante Darna' nicht richtig sei. Sie brauchte noch eine Weile, bis sie ihn bemüht freundlich begrüßen konnte. So richtig verstand Allerich nicht, wieso sie ihn so ansah und warum sie erst nichts sagte. Und sie erklärte, dass der erste Brief von Elbenau bei ihr nicht angekommen sei, sie von seinem Besuch nichts wusste und erst als Gunnhold ihr den Brief von Veltin, dem Vater Allerich's und Bruder Darna's reichte, begann sie langsam zu verstehen. Der nächste Anblick war auch nicht so schön. Blitz der große Hund. Er bellte und sah bedrohlich und riesig aus. Allerich blieb weiterhin in Gunnholds Nähe und eigentlich wäre er am liebsten gleich wieder umgedreht und gegangen. Doch Gunnhold schob ihn weiter ins Haus und sie setzten sich an einen großen Tisch.
Allerich hatte zwei Briefe bei sich. Einen von seinem Vater, den er seiner Tante geben sollte und einen von seiner Mutter den er einer Magd oder dem Koch des Hauses geben sollte. Von dem Brief seiner Mutter wusste auch Knappe Gunnhold bis zu dem Abend des Eintreffens der beiden nichts. Aber Allerich dachte, er fragt besser nach, wer denn Magd oder Koch sei, dann wüsste er zumindest wem er den Brief geben könnte. Die Antwort war allerdings nicht so erfreulich. Er sollte beide Briefe gleich an Tante Darna abgeben, oder einen an Hoheit Onkel Adrian. Allerich's Mutter hatte ihm genau gesagt wem er welchen Brief geben sollte und er hatte ihr versprochen, das genau so zu machen. Aber er sollte hier in Adoran auch auf seine Tante und seinen Onkel hören und sie wollten den Brief von seiner Mutter ebenfalls sehen. Eine Zwickmühle. Er kannte das Wort und dessen Bedeutung und er überlegte wie er da wieder heraus kam. Nach einer Weile des Nachdenkens beschloss Allerich, den Brief einfach vor sich abzulegen. So hatte er ihn niemandem direkt gegeben, aber zumindest abgegeben. Irgendwie hatte er somit doch auf alle artig gehört. Adrian las den Brief seiner Mutter dann sogar allein in der Bibliothek und nicht bei seiner Tante, so wie seine Mutter es wollte. Er beobachtete auch seine Tante, dessen Gesichtszüge sich stetig veränderten, beim Lesen des Briefes, seines Vaters. Er hatte beide Briefe selbst nicht gelesen, weil er es versprochen hatte, und Versprechen hielt er ein.
Seine anfängliche Hoffnung am nächsten Morgen mit Gunnhold wieder auf dem Schiff zu sein um die Heimreise anzutreten verflüchtigte sich rasch, als seine Tante versprach, der Bitte ihres Bruders nachzukommen. Er verstand nicht wieso alle etwas taten, das keinen glücklich machte. Seine Mutter war traurig, er war traurig, seine Tante und sein Onkel schienen nicht begeistert zu sein und warum sollte er bleiben. Selbst die Mägde und Köche waren nicht da und seine Tante musste selbst Essen machen für ihn, wenn das seine Mutter gesehen hätte... Alle Überredungsversuche an Gunnhold, ihn wieder mit heim zunehmen, blieben fruchtlos. Da half kein Betteln und kein Flehen. Gunnhold blieb eisern. Hoheit Onkel Adrian erklärte ihm, das er ihn mit Hoheit anzusprechen habe, um seinen Benimm nicht zu schmälern. Allerich empfand es als eigenartig seinen Onkel so zu nennen, aber vielleicht machten das hier alle so und dann musst er sich daran auch halten.
Hoheit Onkel Adrian's Interesse war groß, als es darum ging was Allerich schon alles gelernt hatte und welchen Unterricht er bisher hatte, sollte er ihm genauer ausführen. Allerich war müde und erklärte alles nur ein wenig und als seine Tante den Tisch gedeckt hatte, und alle ohne ein Tischgebet anfingen zu essen, war ihm bereits klar, das hier alles anders war als daheim. Hoheit Onkel Adrian wollte ihm gleich am ersten Abend einer Laufübung unterziehen oder .. was er auch immer damit meinte. Allerich bekam etwas Angst und lenkte das Gespräch wieder auf die schmutzige Kleidung um. Als es dann später auch um die Kleidung und viele andere Themen ging, bemerkte er die ersten spitzen Bemerkungen, die auch in den nächsten Tagen immer häufiger wurden. Und er merkte das hier vieles anders und unbekannt war, ja selbst die Verhaltensweisen, und das was man durfte oder nicht durfte hier ganz anders gehandhabt wurde. Auch die Fragen die ihm gestellt wurden oder die er stellte, wurden nicht immer gut aufgenommen.
Doch die Gespräche an dem Abend seiner Ankunft wurden jäh unterbrochen, als erst die Türglocke ertönte und dann kurz darauf der Ruf seiner Tante von den Toren zum Haus zu vernehmen war, das Piraten am Anwesen seien. Von ihnen hatte er bisher nur gehört, noch nie einen gesehen, höchstens mal in einem Buch. Alles wurde hektisch und Hoheit Onkel Adrian, der ihm vorher noch von den Gefahren dieses Landes erzählte, sagte ihm, er solle sich von den Fenstern fernhalten und sich am besten verstecken und still sein. Allerich versteckte sich in der ersten Nacht unter dem Bett seiner Tante und hatte sich fest gewünscht ganz schnell wieder daheim und bei seiner Mutter sein zu dürfen und in seinem eigenem Zimmer und seinem eigenem Bett. Bei den bittenden Gebeten an Temora schlief er allerdings rasch und erschöpft ein und bekam gar nicht mehr mit, was mit den Piraten dann wirklich geschehen war.
Allerich sah wieder auf das Buch auf dem Tisch vor sich und notierte ein paar Sätze die ihm für das Leben hier wichtig erschienen und von den Dingen, die er an diesem ersten Tag im Anwesen gelernt hatte, festgehalten werden mussten:
Obwohl es alle traurig macht, machen Leute Sachen, die man nicht will.
Ein Knappe eines Ritters handelt so ähnlich wie sein Ritter und lässt sich nicht so gut zu Sachen überreden.
Großen Hunden geht man besser erst einmal aus dem Weg.
Verwandte werden mit dem Titel angesprochen, anfangs und vor wichtigen Leuten.
Piraten sind böse. Aber wenn sie kommen muss man keine Übungen machen.
Man wird auch an Orte geschickt die gefährlich sind, aber da gibt es gute Verstecke.
Speisen die Verwandte kochen, schmecken auch.
Allerich bemerkte wie das Denken über all die wichtigen Sachen des Lebens ihn müde machte. Es lenkte auch nicht allzu gut ab. Noch einmal sah er aus dem Fenster und lauschte an der Tür. Die anderen konnten auch nicht schlafen und sprachen wohl noch lange über die Geschehnisse. Er selbst legte sich wieder in sein Bett und sah rüber zu Tjark.
Sein Freund Tjark schlief etwas unruhig und sein Hund, der zum Glück nicht von den Monstern gefressen wurde, lag still schlafend zwischen den beiden Betten auf seinem Fell. Er würde noch weiter schreiben, in das besondere Buch, das nahm er sich fest vor. Er konnte dann die wichtigen Sachen immer nachlesen oder seiner Mutter oder wem anderen erklären, wenn jemand neu hier in Adoran war. Und er hatte viel gelernt, doch nun wollte er auch ein bisschen schlafen. Vorher bedankte er sich nocheinmal bei Temora, und betete dafür, dass es weiterhin allen gut ging, das Tjark und er selbst besser schlafen konnte und weder er noch sein Hund oder sonst jemand den er gern hatte, von den Monstern gefressen werden sollte.