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Von singenden Krähen und stehlenden Füchsen

Verfasst: Mittwoch 20. Oktober 2010, 21:16
von Kara O´Corva
   Wir schreiben das Frühjahr 255. Man denke sich ein kleines Bergdorf, in der Graschaft Krähenau. Im reinen Idyll schläft ein Falke am Kirchturm, die Feldmäuse nutzen die Gelegenheit, sich an den Rüben zu sättigen.
   Ja, so gefiel es dem alten Jefson. Nun gut, die Mäuse waren ein Ärgernis, aber es war alles schön ruhig. Ausnahmsweise... Die ältere Tochter vom alten O‘Corva... Sie hatte an den Bälgern gute Arbeit geleistet, sie wagten sich nun schon seit fast vier Tagen nicht mehr zum Radau machen auf die Dorfstraße... Obwohl... Tana hatte das Dorf kurz danach verlassen, was hatte sie wohl gemacht, dass auch Kara nicht hervorkommt?

   Vier Tage vorher. Es regnete sanft. Jefson genoss das prasseln des Regens auf dem Vordach, schaukelte sich langsam auf seinem Wippstuhl dem wohlverdienten Mittagsschlaf entgegen. PLATSCH! Er zuckte zusammen und sprang auf. Ach verdammt, das wars um den Schlaf... „Die Krähe ist verliebt!“ tönte es, neunmundig, hinterm Haus hervor. Einige Jungen, sie nannten sich, so erinnerte sich Jefson wage, die „Wildfüchse“, standen im Halbkreis um ein Mädchen ihren Alters, mit hämischem Blick. „Ausgerechnet den Hans hast‘ dir ausgesucht! Ist‘s doch ein dummer Kerl, kennt kaum die Hände auseinander!“ Das Mädchen sprang aus dem Schlamm auf, offenbar geübt darin. Sie seufzte. Ja, die Jungs fühlten sich überlegen. Ja, sie hatte gerade im Schlamm gelegen. Aber was sollte das mit Hans? Nur weil sie ihm etwas vorgesungen hatte? Innerlich kochte sie, doch nach außen... Wenn sie nun wieder als erste zuhaut - ihre Schwester würde sie... Sie zitterte kurz bei dem Gedanken, für die Jungs Anlass genug zu einer Runde „Verliebt, verlobt, verheiratet“. Einer von ihnen, Karl, so etwas wie der Anführer, schlenderte auf sie zu.

   Jefson stand an der Hausecke und schüttelte den Kopf. Nein, lieber raushalten, harmlose Kinderei, sollen die Eltern sie nachher schimpfen oder so... oder wahrscheinlich kriegen sie davon nichts mit... Egal. Erstmal... Mittagsnickerchen.

   Eva, ich habe ihn doch mit Eva gesehen, dachte das Mädchen. Er hat ihr doch reichlich verliebt nachgeschaut. Heimlich. Glaube nicht, dass er gemerkt hat, dass ihn wer sieht. Hat ziemlich eifersüchtig ausgesehen, als sie mit Hans geredet hat. Laut sagte sie, gespielt betroffen: „Was wär denn so schlimm daran?“ Die Jungs stutzten sichtlich - Zustimmung erwarteten sie nun absolut nicht. „Und außerdem, Michel hat ja auch seine Eva!“ Karl wurde schlagartig kreide bleich - seine Jungs merkten davon nichts, alle lachten einfach nur über die Behauptung, auch Michel - bis er Karl auf sich zu stürmen sah.

   Zehn Minuten später stand Jefson vor den Trümmern seines Wippstuhls und blickte leer in die Ferne, eine Strebe der Rückenlehne in der Hand. „KREUZ ALATAR VERFLIXT NOCHEINMAL!“ schrie er den Himmlischen entgegen und warf das Holzstück zu Boden. Tana hob es auf. „Sieh, was deine Schwester hier angerichtet hat!“ Tana drehte es in der Hand und betrachtete es abwesend. „Ich meine, ich will ja nicht unfair sein, ohne Eltern habt ihrs sicher nicht leicht und so und alle sind bereit euch ein wenig unter die Arme zu greifen, aber... aber... MEIN WIPPSTUHL VERDAMMT UND ...“
   „Hat sie sich mitgeprügelt?“
   „... ZUGENÄHT! ... Was?“ Jefson stutzte. Er regte sich doch gerade so schön auf, also warum... ?
   „Ich glaube, sie ist den Jungs hinterhergegangen, nachdem sie vorbeigezogen waren.“
   „Was hat sie dann angerichtet?“
   „Provoziert hat sie sie!“
   Tana seufzte. Wenn der Alte mal sauer war... Sie waren schließlich in keiner Lage sich im Dorf unbeliebt zu machen, jedenfalls nicht mehr als alle Kinder in Kara‘s Alter abseits der eigenen Eltern sowieso großteils waren. Eigentlich wäre etwas mehr Beliebtheit als jetzt sogar gut. Freundlicher sagte sie „Ich schau mal nach den Jungs ehe mehr passiert“ und ging weiter.

   Abseits im Wald ging die Rauferei weiter. Karl versuchte immer wieder auf Michel einzuschlagen, die anderen versuchten ihn davon abzuhalten. Kara sah zu. Und lächelte. Als dann Michel es schaffte Karl eine zu verpassen - er taumelte auf sie zu - ach wie gut die Gelegenheit! Sie holte aus - PLATSCH. Nun lag er im Schlamm und die Fuchs-Jungs starrten sie verschreckt an - Gewonnen! Sie hob die siegreiche Faust und - KLONK! - plötzlich wurde es dunkel.

   Tana stand, die Holzstrebe in der Hand, über ihrer bewusstlosen Schwester. „Ich denke wir müssen... reden, Jungs.“

   Kara erwachte, aber es war dunkel - bis auf einen Lichtschimmer der auf ein Stück Holz fiel. Und auf Tanas lächelndes Gesicht. Es war ein beunruhigendes Lächeln.
   „Kara, du hast ein ganz schönes Chaos ausgelöst.“
   „Ich habe nur...“
   „Wieder einmal.“
   „Ja, Schwester.“
   Tana legte den Holzprügel zur Seite. Kara wollte aufstehen und stieß sich den Kopf dabei an den Stahlstreben des Käfigs.
   „Und ich gehe jetzt und schaue, ob ich jemanden finde, der dir etwas sinnvolles beizubringen bereit ist, Strafen halten dich ja scheinbar nicht von den Prügeleien fern.“

   Vier Tage später. Jefson schwelgte gerade in gemeinen Träumen davon, wie Tana ihre Schwester wohl gebändigt haben mochte, als eben erstere die Dorfstraße entlang kam. Nun, da ist sie ja, dachte er sich und rief ihr lächelnd zu „Schön hast du die Wildfänge hingekriegt, nicht mal deine Schwester hat Radau gemacht!“ Tana lächelte. Es wirkte irgendwie beunruhigend. „Da bin ich mir sicher“, sagte sie. Und was bei Temora machte sie mit einer alatarverdammten schrottreif wirkenden Laute?

   * * *

   „Nein, nein, nein, das klingt ganz falsch!“
   Kara seufzte.
   „Und hör endlich auf, auf Kritik mit Unmutslauten zu reagieren, so wird das nichts! Gibt mir die Harfe, ich zeigs dir noch mal.“
   Der alte Mann nahm ihr die Laute aus der Hand, setzte sich hin und spielte die fragliche Liedstelle an. Bei ihm klang sie viel zarter, fand Kara. Nun... Nicht dass es sichtlich anders ausgesehen hatte bei ihm, als er sie spielte.
   „Feingefühl sag ich dir! Der Harfe musst du mehr Feingefühl entgegenbringen! Himmel, spiel einen Psalm auf diese Art, und die Götter zürnen dir!“

   Am Abend saß Kara wie so oft auf den Dach der Waldhütte und spielte auf ihrer Laute. Na, eigentlich war der Tag dann doch noch ganz erfolgreich, auch wenn der Meister Ulrich von ihrer Variante des Psalms wenig gehalten und ihr deshalb das Abendessen gestrichen hatte. Andererseits hatte er zugestanden, dass, vom Text abgesehen, das Lied gut gespielt war.

   * * *

   Von Zeit zu Zeit schickte Meister Ulrich Kara ins Dorf um Besorgungen zu machen. Brot, Milch, Gemüse... Ihre Schwester nutzte diese Gelegenheiten um sich nach ihren Fortschritten zu erkundigen. Was stand noch auf der Liste? In der Linken die Goldmünzen, in der Rechten die Liste versuchte Kara konzentriert die krakelige Handschrift des Meisters zu entziffern, als sie plötzlich ein Stoß von hinten traf und ihr Liste und Münzen entglitten. Sie selbst landete am Boden. Karl beugte sich triumphierend über sie, seine Bande, an der Zahl inzwischen ein bisschen geschrumpft, stand hinter ihm im Halbkreis. Er hielt die Goldmünzen in der Hand.
   „Was sagt wohl der ‚Meister‘, wenn die Schülerin ohne Einkauf zurückkommt?“
   Kara richtete sich auf und ging weiter. Nicht reizen lassen... Tana wäre sauer. Karl schlenderte hinterher.
   „Willst du‘s dir gar nicht wieder holen?“
   Nur ruhig bleiben. Kara begann gedämpft, doch noch hörbar zu singen.

   „Karl der kleine, böse Wicht,
   gestand es seiner Eva nicht“

   „Ach komm schon, willst du mich mit der alten Geschichte aufziehen?“, fragte Karl hämisch. Jungs in ihrem alter galten doch immer gern als ‚echte Männer‘, oder?

   „hätt er‘s doch getan, so glaube ich,
   hätt‘s nichts gebracht, sie will doch kein Viech.“

   „Ja, ich bin ein Stier, gelt?“, sagte Karl spöttisch aber etwas nervös. Ihm gefiel das nicht, Kara war viel zu gelassen.

   „Ist‘s nicht so schlimm, wenn du furzt und rülpst,
   du dir ‚Männlickeit‘ übersstülpst,“

   „Hey ich tu doch gar nicht...“

   „Und doch machtest ins Bett noch im achten Jahr,
   Jungs, seid ihr euch seiner Schwächen gewahr?“

   Einige der Fuchsjungs kicherten. Karl wurde rot.

   „Karl‘s schlimmstes Gebrechen ist dann doch famos,
   der Welt kleinsten hat er in der Hos‘!“

   „SCHNAPPT SIE!“, brüllte Karl und stürmte auf sie los, etwas unwillig der Rest der Bande hinterher. Kara rannte der Bande lachend voran durch das Dorf und wiederholte immer wieder ihr neues Schmählied. Karl lief und weinte.

   * * *

   „Und sie singen das Lied immer noch?“, erkundigte sich Meister Ulrich. Kara war gerade das dritte mal seit Karls Schmähung vom Einkauf zurückgekehrt. Im Dorf hatten offenbar die ehemaligen Mitglieder der Wildfüchse das Lied aufgeschnappt - wann immer Karl nun jemandem seines Alters über den Weg lief sang irgend jemand ein Stück aus dem Lied an. Ein fast gesummtes „Karl‘s schlimmstes Gebrechen“ hier, ein fröhliches „noch im achten Jahr“ dort. Die Jungs des Dorfes kosteten es aus. Karl hatte vielen von ihnen das Leben schwer gemacht.
   „Ja, Meister. Scheint ihnen Spaß zu machen.“
   „Da hast du ja was angerichtet.“ Ulrich lachte herzlich. „Komm ich zeig dir etwas.“
   Ulrich zog ein Buch aus dem Regal, schob an der hinteren Wand des Regals an und bewegte so ein Holzbrett zur Seite. Er nahm ein Buch heraus und reichte es Kara. Offenbar ein altes Liederbuch. Sie schlug es auf, las einige Zeilen und legte es hoch rot zu Seite. Ulrich lachte und zündete sich seine Pfeife an. „Die weniger tavernentauglichen Lieder meiner eigenen Jugend. Hatte auch so Leute, mit denen ich im Streit war. Ich rate dir, dir solche Lieder aufzuschreiben, das sind nette Erinnerungen. Hier nimm!“ Er reichte ihr ein - noch - leeres Notenbuch.

   * * *

   In der Taverne spielte Kara das erste mal. Eine ungewohnte Situation. Der Lärm der Gäste, scheinbar keiner interessiert, wie sollte sie denn da singen? Ulrich saß am Rand der improvisierten Bühne und beobachtete sie. Tana bediente die Gäste.
   Sie hob die Stimme an zum Gesang. Sie probierte es mit einer Lobpreisung des Bieres und Weines, die ihr Ulrich beigebracht hatte.

   „Oh ihr guten, feiernden Leut,
   hebet die Krüge, leeret sie heut!
   Hopfen und Malz, flüssiges Gold
   heute is uns das Glücke hold!“

   „Lobet und preiset der Götter Werk,
   sie seien für ihre Güte geehrt,
   lobet und preiset der Götter Werk,
   die uns heut‘ diesen Tranke gewehrt!“

   „Hinab damit, ein neues Bier,
   seis drum, wir nehmen gleich vier!
   Das flüssige Brot, s‘ist sicher gesund
   macht uns unsere Laune rund!“

   Es war ein wenig deprimierend. Es schien wirklich keiner zuzuhören. Nicht einmal Tana, die war vom Wirt anscheinend um etwas geschickt worden.

   „Lobet und preiset der Götter Werk,
   sie seien für ihre Güte geehrt,
   lobet und preiset der Götter Werk,
   die uns heut‘ diesen Tranke gewehrt!“

   „Hör doch auf, du Krähe, hört ja eh keiner dein Gekrächze.“ Karl stand vor der Bühne und grinste hämisch.

   „Her mit dem Wein, die gute Magd
   ob er wohl mehr zu trinken vermag?
   Seis drum, immer her! Wein niemals genug
   trinkt aus den Becher, trinkt aus den Krug!“

   Er hatte, wenigstens in gewisser Hinsicht, scheinbar recht und das ärgerte Kara.

   „Lobet und preiset der Götter Werk,
   sie seien für ihre Güte geehrt,
   lobet und preiset der Götter Werk,
   die uns heut‘ diesen Tranke gewehrt!“

   Verbale Demütigung reichte ihm wohl nicht. Sie stand auf, nahm ihren Wasserkrug und schleuderte ihn nach Karl. Dieser wich aus, der Krug traf einen anderen, der sich darauf hin umdrehte und, stock besoffen, versuchte seinen Krug zu werfen. Er flog in die völlig falsche Richtung.

   Fünfzehn Minuten später waren einige Tische zerstrümmert, ein Weinfass geborsten und einige Dorfbewohner verletzt. Kara saß neben dem bewusstlosen Karl auf dem Boden und keuchte.
   „Was hast du mit meinem Arbeitsplatz aufgeführt?“ Tana stand in der Tür. Sie lächelte, doch es wirkte gezwungen. Ihr Lid zuckte nervös. Kara erbleichte. Ulrich gab Kara nachher eine Woche frei vom Unterricht, um wieder auf die Beine zu kommen.

   * * *

   „... und danach liest du dieses Buch hier.“ Meister Ulrich reichte Kara ein weiteres Buch. Verdammt, wie konnte sich ein Barde, der nie eine höhere Karriere erreicht hatte, all diese Bücher leisten. Sie begann zu lesen. Interpretationen des Bruderkrieges, verfasst von Grenir Luthenspehl.

   „Eluive sang, und Singen schuf
   Gestein ward ... ... ... Ruf
   Klang ... ... und Hoehlentiefen
   Fluesse und Seen, als die Klaenge dann schliefen“

   Ein Buch, es beinhaltete eine historische Abhandlung des Bruderkrieges und der Schöpfung der Welt, auch ein Lied davon - doch war vieles unleserlich geworden. Weiter hinten konnte sie entziffern:

   „Er pflanzte die Saat in Paia, die Schoene,
   als Teufelswerk man sie bald verhoehnte
   Getares war hilflos vor ihrem Glanz
   doch die Leiden der Traenen banden ihn ganz“

   „Meister, was ist mit dem Buch passiert? Es ist doch kaum mehr lesbar...“ Ulrich zuckte mit den Schultern.
   „Versuch doch es zu rekonstruieren. Eine gute Übung.“
   „Und was könnte dies heißen?“

   „Hass trieb die ..., ... ... einander
   im Kampf um der ... fast ganz auseinander
   Getar' oder ..., es war keinem klar
   und so eine Zeit von Kampf, doch auch Hoffnung es war“

   „In jener Zeit, von Krieg und Leid
   ... die ... entsteh'n
   die heute noch, ... ... Hass nur teils befreit
   in ... ... immer noch ... geh'n“

   Ulricht blätterte ein wenig. „Das dürfte die Einleitung des Hauptteils über den Bruderkrieg sein. Der gesäte Hass hat damals die Menschen gegeneinander in den Kampf getrieben. Ach, am besten erzähl ich dir alles, von der Entstehung der Welt an, was ich so gehört hab, da könnt‘ dir die Rekonstruktion glatt gelingen.“ Wohl eher Neudichtung, dachte sich Kara und Ulrich begann Kara in aller Länge zu erzählen.

   * * *

   Der alte Jefson humpelte, wie so oft zu vor, den drei verbliebenen Wildfüchsen hinterher.
   „Elende Missgeburten, gebt das wieder her!“
   Doch die Jungs waren schon um die nächste Ecke. Ach das Alter... Früher hätte er sie doch leicht eingeholt. Jefson hustete ob der Anstrengung.
   „Was ist es diesmal?“, fragte Tana, gerade vom Markt zurückkehrend. Sie reichte Jefson den Apfel, den er bestellt hatte. „Mein Schwert haben sie geschnappt, ist ein Andenken an meine Zeit in der Garde!“, so erwiederte er prustend. Er biss, bitteren Gesichts, in das Obst.
   „Ich kümmere mich nachher darum“, erwiderte Tana ruhig und wandte sich wieder ab. Jefson hustete wieder. Dann stärker. Dann fiel er um. Klonk.
   Tana ließ den Korb fallen und rannte zu ihm.

   * * *

   „Oh Temora, heil‘ge Tochter Eluives,
   erinner dich, was in ihm du einst schufst,“

   Die Trauergäste hatten sich rund um Jefson‘s Sarg aufgestellt. Die meisten sahen eigentlich nicht angemessen traurig aus, fand Kara.

   „Treu diente er nach deiner hohen Lehr,
   war seiner Heimat ergebene Wehr,“

   Nun, sie hatte, seit sie gestern mit Ulrich angekommen war, gehört, dass er die letzten Jahre etwas schwierig gewesen sein soll. Andererseits... Wenn man bedachte, was sie, in Zusammenspiel mit den Fuchsjungs so aufgeführt hatte, war er eigentlich relativ geduldig gewesen.

   „Erinner dich, was er einst gab,“

   Man hatte es offenbar Tana angehängt, ihm ein bisschen unter die Arme zu greifen. Sie hatte es dann auch übernommen, obwohl sie ja nicht mehr so abhängig vom Wohlwollen der Dorfgemeinschaft gewesen war, wie damals als halbes Kind.

   „verlasse ihn nicht am Weg ins Grab,
   gib ihm Geleit, Schutz vor Krathors Verrat!“

   Sein Schwert hatte Tana ja eigentlich gefunden. Es wurde mit ihm beerdigt, wie er es sich gewünscht hatte. In Erinnerung an einstigen Ruhm. Aber zur Überraschung aller war es wohl nichts weiter als ein billiges Schwert, das Garde-Emblem gerade gut genug gefälscht, von der Ferne für echt gehalten zu werden. Nichts was an einsige Dienste für das Reich erinnern würde. War gar seine Zeit bei der Garde ein eitler Trug? Der Sarg wurde hinabgelassen. Zeit für den Abschluss des Liedes.

   „Oh ihr Gläub‘gen hier am Grab,
   preiset Temora, Geleit sie gab,
   auf ihres Dieners letztem Pfad!“

   „Doch mahnet euch, gedenket ihm
   sonst Krathor könnt verfluchen ihn.“

   Nachdem die Harfe verklungen war, blieb Kara noch eine Weile am Grab sitzen. Meister Ulrich rauchte bereits zufrieden seine Pfeife vor den Toren. So waren sie und Tana dann die letzten, die den Friedhof verließen.

   * * *

   Nach der Zehrung war es bereits spät Abends und so kam Kara dazu, das erste mal seit langem wieder in ihrem alten Zuhause zu schlafen. Nun, soweit die Theorie. Meister Ulrich hatte bei der Zehrung Bier getrunken, daher schnarchte er laut. Zum Glück trank er sonst nur selten etwas - er selbst mochte den alten Leuten im Dorf als recht trinkfest in Erinnerung geblieben sein, bevor er sich in sein Waldhaus zurückzog, doch das änderte nichts daran, dass sein Alkoholkonsum Kara jedes mal einen Kater verursachte. Tana schien es ja nicht sehr zu stören. Also schnappte sich Kara die alte Laute und ging in den nahen Wald um zu üben. Außerdem sollte sie ja ohne dies die nächsten Tage zumindest ein gutes Lied selbst gedichtet ihrem Meister vortragen, so hatte er verlangt. Ob das Begräbnis wohl ein Grund für Aufschub war? Wohl eher nicht.
   Alsbald hatte sie einen guten Platz gefunden. Die Laute legte sie ab, eine Melodie hatte sie sich ja schon überlegt. Nur der Text... Nach einer viertel Stunde unergiebigem Nachdenkens griff sie zur Laute um, zur Ablenkung, ihr erstes eigenes Lied wieder zu singen.

   „Oh Mond, silber Mond, bitte wache dort oben,
   dass Schlaf, ruhiger Schlaf, unser‘n Tag beend‘t
   Sterne, ihr Sterne, von den Göttern erhoben,
   leiht uns euren Blick, die ihr am Himmel dort hängt!“

   Meister Ulrich hatte damals herzlich gelacht, so war es schwierig gewesen es weiter vorzutragen.

   „Hoch oben, dort droben, uns‘re Seelen soll‘n schweben,
   im Schlaf, tiefen Schlaf, die weite Welt doch erleben,
   so klein, winzig klein, würd die Welt uns erscheinen,
   wenn Äther und Geist sich vereinen,“

   Ein fünfzehn jähriges Mädchen konnte man gut beleidigen, indem man ihr Lied nach nur einer Strophe als „niedliches Kinderlied“ bezeichnete, aber sie war doch stolz darauf.

   „Wie weit, endlos weit, sollten Probleme dann rücken,
   im Traum, reinen Traum, sei die Seele befreit,
   dass Schlaf, guter Schlaf, uns dann könne verzücken,
   wenn die Seele alleine dem Traumreich geweiht.“

   Sie hatte sich ja ihren Teil dabei gedacht, aber natürlich - die erste Strophe klang etwas leicht, oh bei Eluive, wie schlimm! Es hatte einige Versuche gebraucht, bis Meister Ulrich sich das Lied lang genug angehört hatte, um diese Einschätzung zu teilen.
   Kara hielt inne. Tatsächlich erschien ein ruhiger Traum recht verlockend nach des Meisters Gesäge. Inzwischen schlief er vermutlich auch schon besser, also packte Kara ihre Notizen zusammen und machte sich auf den Rückweg durch den Wald und war auch bald am dem Dorf zugewandten Ende.
   „Ha, die glauben jetzt alle, der Alte hätte ihnen was vorgegaukelt!“
   Kara sprang schnell hinter einen Busch, auf die der Stimme abgewandten Seite. Karl und die beiden anderen verbliebenen „Wildfüchse“ standen an einem dicken Baum. Er hickte sich hin und schob etwas in den Dachsbau zwischen den Wurzeln des Baumes.
   „Das Ding bringt uns außerdem sicher ein paar Goldstücke ein.“
   Die beiden anderen sahen sich gegenseitig resigniert an. „Ja Karl.“ „Du bist der Boss Karl.“ „Aber sind wir dann nicht... Diebe... Karl?“
   „Und wenn schon! Geld, das ist was zählt! So läuft die Welt heute! Und der alte Dussel hat es sowieso verdient!“ Karl richtete sich auf und ging in Richtung Dorf los, die beiden anderen trottetem ihm hinterher.
   Als Kara den Bau später untersuchte, fand sie darin ein Emblem der Garde.

   * * *

   Es war Tanas Idee gewesen, aber Ulrich war begeistert davon. Seitens Tana war es wohl als Böswiligkeit einzustufen: Kara sollte diesen Abend in der Taverne zum Tanz spielen. Und zwischen drin ihr neues Lied vortragen - ohne vorangehende Kontrolle des Meisters, dem Lob und Spott des Publikums direkt ausgesetzt. Eine musikalische Feuertaufe quasi.
   Der Abend lief gut. Kara schlug das Tamburin und der Meister spielte die Flöte in der schwungvollen Melodie des Tanzes. Die Dorfleute tanzten ausgelassen, auch Karl und seine Jungs mischten mit. Nach zwei Stunden unterbrach dann Ulrich sein Spiel, stand auf und verkündete:
   „Höret, höret! Seit 6 Jahren nun unterrichte ich den Wildfang... Ich meine natürlich Kara hier.“
   Die Leute lachten. So witzig fand Kara das eigentlich gar nicht.
   „Vielfach schon hat sie vorgespielt hier im Dorfe, doch heute will ich sie erfahren lassen, was es heißt, als eigenständiger Barde zu spielen. Erstmals soll sie heute ein Lied vortragen, selber geschrieben, ohne dass ich vorher es kontrolliert - und korrigiert - habe. Urteilt selbst, wie es um ihre Begabung steht!“
   Offenbar amüsierte des Meisters Ansprache die Leute. Oder die Vorstellung das wilde Mädchen von damals als Künstlerin präsentiert zu bekommen. Ärgerlich... Den Ruf aus Kindertagen wurde man so schwer los. Nun, ihr heutiges Lied würde wohl nicht viel dazu beitragen.
   „Die Krähe singt frei? Das kann ja was werden!“, tönte Karls spöttische Stimme aus einer Ecke des Raumes. Soll er nur, dachte sich Kara und begann zu singen.

   „Oh ihr Leute, horcht zu gut,
   Ich will euch erzählen hier
   ein Leben voll Ehr, voll stolzem Mut,
   am Ende doch Schmach durch Gier.“

   „Ein Leben war dies, voll Mut und Stolz
   doch endete er im toten Holz.“

   „Ein junger Mann, ganz voll Elan,
   geboren hoch am Berg
   durchquerte bald den weiten Wald
   und ging in der Stadt ans Werk“

   „In langen Tagen brachte er zu
   seine Zeit auf den Straßen
   gabs Ärger, so war er dort im Nu
   den Schuld‘gen schnell zu fassen.“

   „Ein Leben war dies, voll Mut und Stolz
   doch endete er im toten Holz.“

   „Einst diente er der Stadt als Wall,
   bewachte ihren Frieden lang,
   doch brachte ihn das Alter zu Fall
   als es seine Kräfte verschlang“

   „Im Tot wollte er sein seiner Taten geehrt,
   doch schien es dann vermessen.
   Es blieb ihm diese Ehr‘ verwehrt,
   hatte keinen Beweis mehr besessen.“

   Einige Leute im Publikum schienen schon zu verstehen worum es ging. Sie rümpften etwas die Nase. Vermutlich war es ihnen nur unangenehm, dass das Thema breitgetreten wurde, nach Anteilnahme sah es nicht aus.

   „Ein Leben war dies, voll Mut und Stolz
   doch endete er im toten Holz.“

   Die Wiederholung dieses Textes schien sie jetzt zu verwirren, an dieser Stelle im Lied. Aber gut, immerhin hörten sie jetzt alle aufmerksam zu.

   „Gestohlen wurde sein gutes Schwert,
   vertauscht mit billigem Tand.
   von der alten Eiche beschwert
   harrt es stumm des Fuchses Hand.“

   Sie konnte sehen wie Karl bleich wurde. Die beiden anderen Füchse wichen langsam zur Tür zurück. Dem Minenspiel der Dorfleute nach schienen auch von Ihnen manche schon zu verstehen.

   „Oh welch‘ Schmach, hast du ihm gebracht?
   Stahlst ihm die Ehre aus seinem Gemach!
   Karl, was dachtest du dir,
   wie groß war die Gier?“

   Kara stoppt die Laute abrubt, zerriss den Fluss des Liedes. „Für wie viel, sagtest du gleich, willst du es verkaufen?“ Karl war nun kreidebleich.
   „Du wagst es meinen Sohn zu verleumdnen!“, schrie der Bürgermeister. Oh. Ja. Ganz vergessen, der war ja Karls Vater... Und offenbar schon ordentlich angeheitert.
   Jemand nahm Karl an der Schulter. „Komm Junge." HICK. „Rück es rau...“ KLONK.

   * * *

   Am nächsten Tag stand Kara an Jefsons Grab. Das echte Schwert steckte neben dem Grabstein gleichberechtigt in der Erde. Wieder ein Vorschlag von Tana. Ulrich hatte sich beeindruckt gezeigt, aber die schlechte Wahl des Zeitpunktes bemängelt - die Leute hätten noch nicht betrunken sein dürfen.
   Es fing damit an, dass der Bürgermeister seinen Krug nach dem Mann warf, der seinen Sohn an der Schulter genommen hatte. Eins führte zum anderen, bald prügelte jeder auf jeden ein. Alkohol... Tana stellte sich neben sie.
   „Du hast Karl niedergeschlagen.“
   Kara zuckte mit den Schultern.
   „Mit deiner Laute."
   Kara verzog das Gesicht. „Hab mich mitreißen lassen - sie hats überlebt."
   „Die Schlägerei hat im Dorf ganz schön Unruhe verursacht; Ich denke sie wollen dich hier wohl eine Weile nicht mehr singen hören. Ulrich hat mit dir schon geredet?“
   Kara seufzte resigniert.
   „Du meinst, darüber, dass Barden wissen sollten, wann sie besser auf Wanderschaft gehen sollten?“
   Tana nickte.