Von Nachtschwärmern, süßen Liebesäpfeln und viel Trara
Verfasst: Montag 18. Oktober 2010, 17:28
Was machst du hier eigentlich, Lucien? Das ist doch fürchterlich unter deiner Würde, mal ganz ehrlich. Jetzt sitzt du hier schon eine Stunde am Wasser, hoffst nebenbei, dass das Beben ein Ende hat, starrst die Schaumkrönchen nieder und fragst dich zum tausendsten Mal, was du da eigentlich machst. Hättest halt nicht ja sagen sollen!
Andererseits, wieso hätte ich nicht ja sagen sollen? Es versprach ein paar leicht verdiente Münzen und wer wusste schon, was sonst noch für Möglichkeiten!
Leuchtende Kinderaugen, strahlende Gesichter, Begeisterung.
Das, was mir selbst am meisten in Erinnerung geblieben war von dem Nachtmarkt war der laute Ruf aus der vordersten Reihe: „10 Kamele! Starrt mein Eigentum gefälligst nicht an!“
Ich musste noch immer lachen, auch wenn es gleichzeitig ein flaues Gefühl in meiner Magengegend hinterließ.
Aber vielleicht sollte ich von Beginn an erzählen:
Es waren gerade mal einige Tage vergangen, als ich das Nachtvolk überhaupt kennen gelernt hatte – oder vielmehr einen guten Teil von ihnen. Da ich nun mal ein durchaus geselliger Mensch bin, habe ich mich nach wenigen gewechselten Worten von zwei jungen Leuten mitschleppen lassen. Es sollte zu einer gemeinsamen der beiden Freundin gehen, die überdies Schneiderin war und – so war wohl die Meinung des jungen Fräuleins – es würde mir sicher nicht schaden mitzukommen.
Zugegeben: Die Klamotten, die ich am Leibe trug, hatten schon mal bessere Tage gesehen, viel bessere Tage sogar. Also schloss ich mich den beiden, die sich als Mica und Will vorgestellt hatten, an.
Etwas, woran ich mich wohl oder übel gewöhnen musste, war die Tatsache, dass meine Haare verdammt viel Aufmerksamkeit auf sich zogen. Irgendwelche Adeligen, irgendwelche Magier, oder weiß der Donner wer oder was nicht noch alles, schienen das Vorrecht auf weißes Haar gepachtet zu haben. Ich wurde gelöchert und befragt, ja, regelrecht ausgequetscht, ob das normal sei, ob ich dazu gehöre, ob ich dies oder jenes. Ich verstand es bis jetzt noch nicht so wirklich, muss ich gestehen. Jedenfalls sagte ich dazu stets: Nein, bin ich nicht!
Das, was sonst die Aufmerksamkeit auf sich zog, übersahen sie allesamt hingegen völlig (mit einer Ausnahme vielleicht). Immerhin sah ich sie alle aus einem grünen und einem hellbraunen Auge heraus an und wunderte mich noch, wie wenig verbreitet der Aberglaube hier sein musste, dass solche, wie ich, ein Wechselbalg des Feenvolkes sein sollte.
Es ergab sich aus der Not eine Tugend machen zu können.
Bei der besagten Freundin und noch einer weiteren davon angekommen, gab es zunächst einmal gutes Zeug zu essen, was meinen Magen sehr erfreute – mich natürlich umso mehr – und man unterhielt sich. Es gesellten sich nach und nach so einige Gestalten dazu, und je genauer ich hinsah, je genauer ich hinhörte und mich unterhielt, desto mehr gewann ich den Eindruck, dass sie samt und sonders zu jenem Volk gehörten, dass die gutbürgerlichen Leute zu dem zwielichtigen Pack zählten.
Da ich weder gutbürgerlich war, noch sonderlich viel von irgendwelchen an den Haaren herbeigezogenen Moralvorstellungen hielt, kam mir die Gesellschaft hier gerade recht und ich fühlte mich pudelwohl.
Während der Seemann (zweifellos ein Pirat) und die Seebärin (eine Piratin) gerade einen Münztrick vorführten, bekam ich noch mit, wie Will den Trickser fragte, ob er ihm das Messerwerfen beibringen könnte, da dieser kurz zuvor etwas über das so genannte Sklavenroulette erzählt hatte. Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, was es für Folgen haben könnte, bot ich ihm an, das Werfen beizubringen, dann müsste er wenigstens nicht mit dem Schiff über das halbe Meer segeln, denn er wurde davon – laut eigener Aussage! – seekrank.
Keine Ahnung, was mich so freigiebig stimmte, vielleicht die ganze Situation, mein allgemeines Wohlbefinden (und ich fühlte mich gerade in diesen Momenten pudelwohl, das muss ich zugeben), oder aber auch einfach eine verquere Laune, die ich dann und wann schon mal hatte.
Was darauf folgte, überraschte mich so sehr, dass ich einfach bejahte. Es war die Frage, ob ich damit nicht auftreten wollte. So fand ich meinen Weg zum Nachtvolk. So erfuhr ich von dem Nachtmarkt, der in Kürze zum ersten Mal seinen Vorhang heben sollte.
Es war zur vierten Stunde am Nachmittag, als ich mich zusammen mit meiner vorabendlichen Bekanntschaft Neyla auf den Weg machte zu jenem Platz, an dem der Nachtmarkt das erste Mal gastierte. Bei allen Höllen, die es geben mochte. Ich war noch nie so aufgeregt gewesen in meinem Leben.
Dass ich die Nacht so gut geschlafen hatte, lag allein daran, dass ich genug Schnaps gesoffen hatte und der mich von jetzt auf gleich ins Land der Träume geprügelt hatte.
Nicht nur, dass die Vorstellung unmittelbar bevorstand, auf dem Weg aus Bajard raus, stolperten wir auch noch unversehen in einen Drachen hinein – mehr oder minder zumindest. Da mochte Neyla noch so behaupten, dass der doch harmlos gewesen wäre, ich sah das mal völlig anders! Es gab keine harmlosen Drachen, Punkt.
Einerlei, wir kamen mit dem Leben und nahezu unbehelligt davon, der Schreck ließ aber nur langsam nach. Erst, als wir uns allesamt in dieses närrische Kostüm quälten, vergaß ich den Vorfall zunächst einmal gründlich. Ich hatte mit einer ganz anderen Art von Nervosität zu kämpfen: Lampenfieber. Zugleich kam ich mir so unsäglich albern vor und musste mir immer wieder einreden, dass es doch an sich genau so sein sollte.
Wie die Zeit so schnell vergehen konnte, bis der Vorhang aufging und alle ihre Plätze gefunden hatten; wie ich den Emir und seinen (garantiert!) gesamten Hofstaat zu dem seinen gebracht hatte (Mutig! Aber wenigstens verstand ich mich auf die nötigen Umgangsformen, auch wenn ich mir nicht sicher war, ob die hiesigen auch bei den Menekanern galten), im Nachhinein hätte ich es nicht mehr beschreiben können – konnte es noch immer nicht.
Irgendwann stand ich da, vorne auf der Bühne, krächzte den Refrain des ersten Liedes so leise als möglich mit. Peinlich genug, dass es mir nicht erspart blieb, beim letzten Lied die zwei Zeilen von der letzten Strophe zu trällern. Ich konnte einfach nicht singen, da konnte man tun und lassen, was man wollte.
Der Gedanke war schnell beiseite geschoben, die Bühne wieder verlassen und geräumt für Yannick „Sternenfänger“. Da ich bei den allgemeinen Proben nicht dabei gewesen war und nur eiligst ins Bühnenprogramm als Zugabe eingeschoben wurde, wusste ich selbst nicht, wie die Vorstellung verlaufen oder gar gestaltet werden würde und verfolgte das Ganze mit großer Neugier und Interesse.

Zwischendurch zog ich durch die Reihen, bespaßte die Kinder, manchmal auch die Erwachsenen hier und dort, aber eher noch zurückhaltend – meiner selbst nicht sicher, auch wenn ich es mir äußerlich durch nichts anmerken ließ.
Yannick leitete durch das Programm so traumwandlerisch wie seiltänzerisch, ein wahrer Charmeur und Herzensbrecher, rief Mond für Mond und Stern für Stern, ein jeder brachte seine Darbietung da, aber den Vogel schoss Karawyn ab. Zumindest, was meine persönliche Sicht der Dinge betraf. Tayron hing der Sabberfaden buchstäblich vom Mundwinkel herunter und auch andere waren kurz davor sichtlich enge Hosen zu bekommen. Darüber hinaus wurden plötzlich fleißig Gebote abgegeben zur Haremserweiterung aus der Ecke der Menekaner.
So amüsant das für diejenigen war, die mit den Sitten dieses Volks nicht so sehr vertraut waren, so hinterließ es bei mir – selbst bei der eigenen geringfügigen Vertrautheit damit – dennoch auch ein flaues Gefühl in der Magengegend. Denn was mochte sein, wenn dieser Mann auf die Idee kam noch einmal anzureisen und sein Recht einzufordern sein angeblich neu erworbenes Eigentum mitzunehmen? Ein verdammt dickes Problem – und wenn ich ehrlich war, zu dick für mich als solches.
Tja, und dann? Dann kam das Abschlusslied. Meine Nervosität wuchs ins unerträgliche, auch wenn ich es irgendwie zuwege brachte nach außen hin völlig selbstsicher aufzutreten. Die zwei Liedzeilen waren die reinste Katastrophe, mehr gekrächzt, als gesungen, aber immerhin nicht schief – ich bin die lebende Konkurrenz jeder Nebelkrähe, muss man wissen.
Und so gern ich mir auch jemanden aus dem Publikum ausgesucht hätte, Mica nahm mir diese Entscheidung ab, indem sie mir Malyna zur Seite stellte, das arme Ding.
Oh, sie hatte Angst, auch wenn sie es gut zu verbergen wusste, solange die Vorstellung lief. Da mir schon die Möglichkeit fehlte ein Opfer im Publikum zu suchen, beschloss ich es anderweitig mit einzubeziehen, ich ließ sie zwei Ziele wählen, wobei ich beim zweiten eher nachhalf, dem Jammern einiger Frauen zum Trotz. Malyna überstand das Ganze unversehrt, das Kostüm nicht ganz – ein bisschen Schwund ist halt immer.
Als ich es hinter mich gebracht hatte, ging ich zu ihr rüber, und just in dem Moment bekam ich sowohl zu sehen, als auch zu spüren, wie groß die Angst gewesen sein musste, denn ihre Knie gaben nach und sie fand sich schneller auf dem Bühnenboden lieber, als ihr wahrscheinlich lieb war. Dankbar nahm ich die neue Aufgabe entgegen, denn das große Zittern setze in meinen Händen ein, als hätte irgendwer eine bestimmte Saite geschlagen, um mir klar zu machen, dass es allmählich Zeit war der Aufregung nachzugeben, die mich umspannt hielt, wie ein Kokon die Raupe.
Der absolute Höhepunkt aber war, welchen Eindruck wir hinterlassen hatten, denn dem Auftritt folgte auf dem Fuße eine Einladung eine Aufführung in Adoran zu geben. Die Gräfin selbst hatte den Weg hergefunden – und mir wäre die Einladung fast entgangen, hätte Tayron mich nicht gestichelt und getriezt eine Blume für die Gräfin hervorzuzaubern, nachdem er den Trick bei Malyna mitverfolgt hatte.
Für sie sollte es eine kleine nette Entschädigung für die ausgestandenen Ängste sein, ein klein wenig Freude nach ganz viel Grusligkeit. Das Bier allerdings lockte mich noch mehr und ich steuerte direkt auf besagte Dame zu, die gerade mit Will sprach, über… über irgendwas bestimmt! Aber ich weiß es nicht, ich habe es nicht mitbekommen. Einerlei, ich räusperte mich, wies höflich darauf hin, dass sie etwas im Haar hätte und zauberte eine hübsche Blüte hervor – Frauen stehen auf Blumen, muss man wissen, nein sie fliegen förmlich drauf, besonders auf ihren Duft und die Zartheit – und hielt sie ihr entgegen, was sie mir mit einem Lächeln dankte. Bier gewonnen, Frau am Lächeln, das Leben konnte so schön sein!
Ich durfte Tayron nur niemals verraten, wer mich eigentlich auf diese blöde Idee gebracht hatte mit Blumen um mich zu werfen: Niemand anders als er selbst, der Blumenheld.
Jedenfalls hörte ich dann von der Einladung, die die Gräfin aussprach und ich stand dabei, lauschte angeregt – und gleichzeitig fragte ich mich, welcher Kerl so göttererbärmlich dämlich war, und dieser Frau nachstellte.
Nein, nicht dass sie nicht hübsch war. Sie sah sogar verdammt gut aus – dummerweise schien sie das auch genau zu wissen. Nicht, dass sie nicht unglaublich sympathisch und charmant wirkte – zumindest bis ihre Begleitung sich wohl etwas in den „Vorschlägen“ vergriff, da brach dann die Eiszeit aus.
Verdammt will ich sein, ich weiß, wer es versuchen könnte – nein, ich nicht! So dumm bin ich wahrlich nicht! Ich beliebe nicht so mit dem Feuer zu spielen. Das ist mir doch etwas zu heiß, das muss mal gesagt sein. Aber ich werde den Bemitleidenswerten auch nicht mit Namen erwähnen. Wer weiß, manche Männer brauchen genau eine solche Frau und keine andere, um glücklich zu werden. Es soll ja auch Masochisten unter unseresgleichen geben.![Bild]()
Andererseits, wieso hätte ich nicht ja sagen sollen? Es versprach ein paar leicht verdiente Münzen und wer wusste schon, was sonst noch für Möglichkeiten!
Leuchtende Kinderaugen, strahlende Gesichter, Begeisterung.
Das, was mir selbst am meisten in Erinnerung geblieben war von dem Nachtmarkt war der laute Ruf aus der vordersten Reihe: „10 Kamele! Starrt mein Eigentum gefälligst nicht an!“
Ich musste noch immer lachen, auch wenn es gleichzeitig ein flaues Gefühl in meiner Magengegend hinterließ.
Aber vielleicht sollte ich von Beginn an erzählen:
Es waren gerade mal einige Tage vergangen, als ich das Nachtvolk überhaupt kennen gelernt hatte – oder vielmehr einen guten Teil von ihnen. Da ich nun mal ein durchaus geselliger Mensch bin, habe ich mich nach wenigen gewechselten Worten von zwei jungen Leuten mitschleppen lassen. Es sollte zu einer gemeinsamen der beiden Freundin gehen, die überdies Schneiderin war und – so war wohl die Meinung des jungen Fräuleins – es würde mir sicher nicht schaden mitzukommen.
Zugegeben: Die Klamotten, die ich am Leibe trug, hatten schon mal bessere Tage gesehen, viel bessere Tage sogar. Also schloss ich mich den beiden, die sich als Mica und Will vorgestellt hatten, an.
Etwas, woran ich mich wohl oder übel gewöhnen musste, war die Tatsache, dass meine Haare verdammt viel Aufmerksamkeit auf sich zogen. Irgendwelche Adeligen, irgendwelche Magier, oder weiß der Donner wer oder was nicht noch alles, schienen das Vorrecht auf weißes Haar gepachtet zu haben. Ich wurde gelöchert und befragt, ja, regelrecht ausgequetscht, ob das normal sei, ob ich dazu gehöre, ob ich dies oder jenes. Ich verstand es bis jetzt noch nicht so wirklich, muss ich gestehen. Jedenfalls sagte ich dazu stets: Nein, bin ich nicht!
Das, was sonst die Aufmerksamkeit auf sich zog, übersahen sie allesamt hingegen völlig (mit einer Ausnahme vielleicht). Immerhin sah ich sie alle aus einem grünen und einem hellbraunen Auge heraus an und wunderte mich noch, wie wenig verbreitet der Aberglaube hier sein musste, dass solche, wie ich, ein Wechselbalg des Feenvolkes sein sollte.
Es ergab sich aus der Not eine Tugend machen zu können.
Bei der besagten Freundin und noch einer weiteren davon angekommen, gab es zunächst einmal gutes Zeug zu essen, was meinen Magen sehr erfreute – mich natürlich umso mehr – und man unterhielt sich. Es gesellten sich nach und nach so einige Gestalten dazu, und je genauer ich hinsah, je genauer ich hinhörte und mich unterhielt, desto mehr gewann ich den Eindruck, dass sie samt und sonders zu jenem Volk gehörten, dass die gutbürgerlichen Leute zu dem zwielichtigen Pack zählten.
Da ich weder gutbürgerlich war, noch sonderlich viel von irgendwelchen an den Haaren herbeigezogenen Moralvorstellungen hielt, kam mir die Gesellschaft hier gerade recht und ich fühlte mich pudelwohl.
Während der Seemann (zweifellos ein Pirat) und die Seebärin (eine Piratin) gerade einen Münztrick vorführten, bekam ich noch mit, wie Will den Trickser fragte, ob er ihm das Messerwerfen beibringen könnte, da dieser kurz zuvor etwas über das so genannte Sklavenroulette erzählt hatte. Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, was es für Folgen haben könnte, bot ich ihm an, das Werfen beizubringen, dann müsste er wenigstens nicht mit dem Schiff über das halbe Meer segeln, denn er wurde davon – laut eigener Aussage! – seekrank.
Keine Ahnung, was mich so freigiebig stimmte, vielleicht die ganze Situation, mein allgemeines Wohlbefinden (und ich fühlte mich gerade in diesen Momenten pudelwohl, das muss ich zugeben), oder aber auch einfach eine verquere Laune, die ich dann und wann schon mal hatte.
Was darauf folgte, überraschte mich so sehr, dass ich einfach bejahte. Es war die Frage, ob ich damit nicht auftreten wollte. So fand ich meinen Weg zum Nachtvolk. So erfuhr ich von dem Nachtmarkt, der in Kürze zum ersten Mal seinen Vorhang heben sollte.
Es war zur vierten Stunde am Nachmittag, als ich mich zusammen mit meiner vorabendlichen Bekanntschaft Neyla auf den Weg machte zu jenem Platz, an dem der Nachtmarkt das erste Mal gastierte. Bei allen Höllen, die es geben mochte. Ich war noch nie so aufgeregt gewesen in meinem Leben.
Dass ich die Nacht so gut geschlafen hatte, lag allein daran, dass ich genug Schnaps gesoffen hatte und der mich von jetzt auf gleich ins Land der Träume geprügelt hatte.
Nicht nur, dass die Vorstellung unmittelbar bevorstand, auf dem Weg aus Bajard raus, stolperten wir auch noch unversehen in einen Drachen hinein – mehr oder minder zumindest. Da mochte Neyla noch so behaupten, dass der doch harmlos gewesen wäre, ich sah das mal völlig anders! Es gab keine harmlosen Drachen, Punkt.
Einerlei, wir kamen mit dem Leben und nahezu unbehelligt davon, der Schreck ließ aber nur langsam nach. Erst, als wir uns allesamt in dieses närrische Kostüm quälten, vergaß ich den Vorfall zunächst einmal gründlich. Ich hatte mit einer ganz anderen Art von Nervosität zu kämpfen: Lampenfieber. Zugleich kam ich mir so unsäglich albern vor und musste mir immer wieder einreden, dass es doch an sich genau so sein sollte.
Wie die Zeit so schnell vergehen konnte, bis der Vorhang aufging und alle ihre Plätze gefunden hatten; wie ich den Emir und seinen (garantiert!) gesamten Hofstaat zu dem seinen gebracht hatte (Mutig! Aber wenigstens verstand ich mich auf die nötigen Umgangsformen, auch wenn ich mir nicht sicher war, ob die hiesigen auch bei den Menekanern galten), im Nachhinein hätte ich es nicht mehr beschreiben können – konnte es noch immer nicht.
Irgendwann stand ich da, vorne auf der Bühne, krächzte den Refrain des ersten Liedes so leise als möglich mit. Peinlich genug, dass es mir nicht erspart blieb, beim letzten Lied die zwei Zeilen von der letzten Strophe zu trällern. Ich konnte einfach nicht singen, da konnte man tun und lassen, was man wollte.
Der Gedanke war schnell beiseite geschoben, die Bühne wieder verlassen und geräumt für Yannick „Sternenfänger“. Da ich bei den allgemeinen Proben nicht dabei gewesen war und nur eiligst ins Bühnenprogramm als Zugabe eingeschoben wurde, wusste ich selbst nicht, wie die Vorstellung verlaufen oder gar gestaltet werden würde und verfolgte das Ganze mit großer Neugier und Interesse.

Zwischendurch zog ich durch die Reihen, bespaßte die Kinder, manchmal auch die Erwachsenen hier und dort, aber eher noch zurückhaltend – meiner selbst nicht sicher, auch wenn ich es mir äußerlich durch nichts anmerken ließ.
Yannick leitete durch das Programm so traumwandlerisch wie seiltänzerisch, ein wahrer Charmeur und Herzensbrecher, rief Mond für Mond und Stern für Stern, ein jeder brachte seine Darbietung da, aber den Vogel schoss Karawyn ab. Zumindest, was meine persönliche Sicht der Dinge betraf. Tayron hing der Sabberfaden buchstäblich vom Mundwinkel herunter und auch andere waren kurz davor sichtlich enge Hosen zu bekommen. Darüber hinaus wurden plötzlich fleißig Gebote abgegeben zur Haremserweiterung aus der Ecke der Menekaner.
So amüsant das für diejenigen war, die mit den Sitten dieses Volks nicht so sehr vertraut waren, so hinterließ es bei mir – selbst bei der eigenen geringfügigen Vertrautheit damit – dennoch auch ein flaues Gefühl in der Magengegend. Denn was mochte sein, wenn dieser Mann auf die Idee kam noch einmal anzureisen und sein Recht einzufordern sein angeblich neu erworbenes Eigentum mitzunehmen? Ein verdammt dickes Problem – und wenn ich ehrlich war, zu dick für mich als solches.
Tja, und dann? Dann kam das Abschlusslied. Meine Nervosität wuchs ins unerträgliche, auch wenn ich es irgendwie zuwege brachte nach außen hin völlig selbstsicher aufzutreten. Die zwei Liedzeilen waren die reinste Katastrophe, mehr gekrächzt, als gesungen, aber immerhin nicht schief – ich bin die lebende Konkurrenz jeder Nebelkrähe, muss man wissen.
Und so gern ich mir auch jemanden aus dem Publikum ausgesucht hätte, Mica nahm mir diese Entscheidung ab, indem sie mir Malyna zur Seite stellte, das arme Ding.
Oh, sie hatte Angst, auch wenn sie es gut zu verbergen wusste, solange die Vorstellung lief. Da mir schon die Möglichkeit fehlte ein Opfer im Publikum zu suchen, beschloss ich es anderweitig mit einzubeziehen, ich ließ sie zwei Ziele wählen, wobei ich beim zweiten eher nachhalf, dem Jammern einiger Frauen zum Trotz. Malyna überstand das Ganze unversehrt, das Kostüm nicht ganz – ein bisschen Schwund ist halt immer.
Als ich es hinter mich gebracht hatte, ging ich zu ihr rüber, und just in dem Moment bekam ich sowohl zu sehen, als auch zu spüren, wie groß die Angst gewesen sein musste, denn ihre Knie gaben nach und sie fand sich schneller auf dem Bühnenboden lieber, als ihr wahrscheinlich lieb war. Dankbar nahm ich die neue Aufgabe entgegen, denn das große Zittern setze in meinen Händen ein, als hätte irgendwer eine bestimmte Saite geschlagen, um mir klar zu machen, dass es allmählich Zeit war der Aufregung nachzugeben, die mich umspannt hielt, wie ein Kokon die Raupe.
Der absolute Höhepunkt aber war, welchen Eindruck wir hinterlassen hatten, denn dem Auftritt folgte auf dem Fuße eine Einladung eine Aufführung in Adoran zu geben. Die Gräfin selbst hatte den Weg hergefunden – und mir wäre die Einladung fast entgangen, hätte Tayron mich nicht gestichelt und getriezt eine Blume für die Gräfin hervorzuzaubern, nachdem er den Trick bei Malyna mitverfolgt hatte.
Für sie sollte es eine kleine nette Entschädigung für die ausgestandenen Ängste sein, ein klein wenig Freude nach ganz viel Grusligkeit. Das Bier allerdings lockte mich noch mehr und ich steuerte direkt auf besagte Dame zu, die gerade mit Will sprach, über… über irgendwas bestimmt! Aber ich weiß es nicht, ich habe es nicht mitbekommen. Einerlei, ich räusperte mich, wies höflich darauf hin, dass sie etwas im Haar hätte und zauberte eine hübsche Blüte hervor – Frauen stehen auf Blumen, muss man wissen, nein sie fliegen förmlich drauf, besonders auf ihren Duft und die Zartheit – und hielt sie ihr entgegen, was sie mir mit einem Lächeln dankte. Bier gewonnen, Frau am Lächeln, das Leben konnte so schön sein!
Ich durfte Tayron nur niemals verraten, wer mich eigentlich auf diese blöde Idee gebracht hatte mit Blumen um mich zu werfen: Niemand anders als er selbst, der Blumenheld.
Jedenfalls hörte ich dann von der Einladung, die die Gräfin aussprach und ich stand dabei, lauschte angeregt – und gleichzeitig fragte ich mich, welcher Kerl so göttererbärmlich dämlich war, und dieser Frau nachstellte.
Nein, nicht dass sie nicht hübsch war. Sie sah sogar verdammt gut aus – dummerweise schien sie das auch genau zu wissen. Nicht, dass sie nicht unglaublich sympathisch und charmant wirkte – zumindest bis ihre Begleitung sich wohl etwas in den „Vorschlägen“ vergriff, da brach dann die Eiszeit aus.
Verdammt will ich sein, ich weiß, wer es versuchen könnte – nein, ich nicht! So dumm bin ich wahrlich nicht! Ich beliebe nicht so mit dem Feuer zu spielen. Das ist mir doch etwas zu heiß, das muss mal gesagt sein. Aber ich werde den Bemitleidenswerten auch nicht mit Namen erwähnen. Wer weiß, manche Männer brauchen genau eine solche Frau und keine andere, um glücklich zu werden. Es soll ja auch Masochisten unter unseresgleichen geben.