„Herr Tarendis!“ die Stimme war eine Mischung aus geleckter Hinterlist und falscher Höflichkeit, doch der ältere Mann drehte sich um und schenkte seinem ankommenden Gesprächspartner ein ganz natürlich-falsches Lächeln, ehe er eine kurze Verbeugung andeutete.
„Lord Adrenea, was für eine Ehre sie auf dieser kleinen Feierlichkeit begrüßen zu dürfen. Ich war eigentlich davon ausgegangen, dass ihr zu beschäftigt gewesen wäret um ihr beizuwohnen.“ der Ältere der beiden lächelte mit dem nötigen Respekt, er wusste wie man sich einem Adeligen gegenüber zu verhalten hatte, selbst wenn dieser fast zwei Jahrzehnte jünger war als man selbst.
„Oh Herr Tarendis … wie könnte ich? Allein der Gedanke bei den Feierlichkeiten zu eurer Abreise zu fehlen, würde mir das Herz bluten lassen.“ erwiderte der Jüngere und ließ ein humorloses Lachen los. „Vor allem wenn es um so eine wichtige reise geht, nicht wahr? Ich hörte dass man sich überlegt eurer Familie vielleicht nach alledem eine Edelung zukommen zu lassen …?“
„Gerüchte, mein werter Lord, ihr wisst ja wie so etwas ist. Ich würde mich freuen, doch solange ich es vom König selbst nicht erfahre, werde ich wohl nicht zu träumen wagen. Lieber konzentriere ich mich auf die anstehende Handelsreise.“
„Ah, ja. Die Reise, ihr werdet sie zum ersten mal nicht alleine antreten, nicht wahr? Der junge Leonard wird euch also endlich begleiten?“
Der Ältere hob einen Moment eine Braue, ehe er in einem Anflug väterlichen Stolzes die Mundwinkel anhob. „Ja, Leonard ist nun alt genug um mich auf meinen Reisen in die Welt zu begleiten. Er ist zwar noch sehr jung, aber früh übt sich und seine Ausbildung zu einem guten und knallharten Händler kann nicht früh genug beginnen.“
Der jüngere Lord nickte ein wenig und legte den Kopf einen Moment schief. „Tatsächlich, ein Prachtbursche der Junge. Ich denke aus ihm wird einmal ein guter Erbe …. was beruhigend ist wenn man bedenkt dass er euer einziges Kind ist, nicht?“ und mit einem verschmitzten Grinsen klopfte er dem Älteren auf die Schulter. Dieser ließ sich nicht aus der Fassung bringen und lächelte nun seinerseits stolz.
„Ja, Leonard wird einmal ein großer und einflussreicher Mann. Er wird mich beerben und der Stolz der Familie Tarendis werden.“
Stolz …
Stolz …
Stolz …
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Leonard blinzelte, für einen Moment war er sich nicht ganz sicher, wie lange er in seinen Erinnerungen versunken ins Leere gestarrt hatte. Er atmete einmal tief durch und griff mit einer Hand nach seinem gefüllten Weinkrug, ehe die andere die Schreibfeder hob und an ein Stück Pergament ansetzte. Seine Augen waren zusammengekniffen, wirkten nachdenklich und fast verzweifelt, ehe er ansetzte und zu schreiben begann, nur um dann erneut etwas durchzustreichen. Erneut setze er an, aber auch diesmal wurde gekritzelt … letztendlich hatte er es geschafft … oder auch nicht? Er starrte auf das Pergament.
Wie oft hatte er diesen Brief nun angefangen und zerknüllt? Er wusste es nicht.
Wie lange schon schob er ihn vor sich her, unvollendet? Er wusste es nicht.
Wieso quälte er sich überhaupt mit diesen Zeilen? Auch das wusste er nicht.
Frustriert zerknüllte er das Papier und warf es in den Kamin der Stadtstube, deren oberes Zimmer er zum Schreiben aufgesucht hatte. Die Flammen verzehrten das trockene Pergament binnen Sekunden und ein kurzes Zischen ertönte. Er hatte es wieder nicht getan, einmal mehr hatte er nicht die Worte finden können, er, ein Barde der Lieder über Wildfremde sang und ganze Epen schreiben konnte. Doch einen Brief an diese beiden Menschen zu schreiben überforderte all seine Kraft. Natürlich gab es zwischendrin immer wieder Momente, in denen er genügend Worte zusammengehabt hätte, doch dann kam jener eine Tag ins ein Gedächtnis zurück, jener eine Tag.
Er war fortgerannt damals, er war vor seiner „Pflicht“ davon gerannt, wie sein Vater zu werden, ein reicher Händler den man sicher irgendwann edeln oder gar adeln würde. Ein Mann der genaue Pläne darüber gehabt hatte, was Leonard lernen sollte und was nicht, nichts unübliches normalerweise aber Leonard war fortgerannt. Jahre war er weg gewesen, hatte sich einer truppe von Gauklern und Barden angeschlossen und mit ihnen das Land durchwandert. Und dann, sechs Jahre nach dieser Flucht war er zurückgekehrt … zurück nach Hause und er konnte heute nicht einmal wirklich sagen, wieso er das getan hatte. Was heute davon übrig geblieben war, waren nur Fetzen, aber sie reichten aus.
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„Du wagst es hierher zurück zu kommen?! Nach alledem was du deiner Mutter und vor allem MIR angetan hast?!“
„Vater, ich habe getan was ich damals für besser hielt … ich weiß dass du nicht gerade glücklich warst aber ich habe einiges gelernt, gesehen, ich könnte ...“
„SCHWEIG!“ diese donnernde Stimme, die Stimme eines Fremden „DU bist nicht mein Sohn, ich habe keinen Sohn mehr! Mein Sohn sollte heute hier sein, an meiner Seite und ein einflussreicher Mann werden! Er sollte längst verheiratet sein und ein „von“ im Namen tragen, all dies sollte mein Sohn sein. Und was steht da vor mir? Ein Mann mit löchrigen Stiefeln, einem Instrument und einem Lumpenrucksack?! Was hast du erreicht, Leonard? Was, außer dafür zu sorgen dass unsere Familie belächelt wurde und man heute nur noch sagt, dass der Zweig der Familie Tarendis ausgestorben sein wird?! Ich sage es dir: Nichts hast du erreicht. Ein verdammter Träumer bist du, der nicht nachdenkt, sich nicht um das Leben anderer schert!“
„Nicht um andere schert? Du hast mir vorschreiben wollen was aus mir wird, du wolltest doch dass ich so werde wie du Vater … du ...“ doch weiter kam er nicht. Er wäre dem Schlag nicht einmal ausgewichen wenn er gekonnt hätte, und der gellende Schmerz der sich in seinem Körper ausbreitete, war heute noch eine Art Phantomschmerz wenn er sah wie man jemanden mit der Faust ins Gesicht schlug. Der alte Herr Tarendis stand über ihm und funkelte ihn an.
„Nie wieder wirst du Lump mich Vater nennen. Tarendis ist auch nicht mehr dein Name! Wage es nicht ihn zu nutzen! Und noch weniger wage es, Nachkommen in diese Welt zu setzen. Unser Familienname soll mit mir sterben und nicht mit irgendwelchen Missgeburten, die ein Schandfleck wie DU in die Welt setzt!“
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Fetzen. Und doch wusste er, dass er auf diese Worte nichts mehr erwidert hatte. Er war gegangen, er wusste nun, was sie von ihm hielten. Er hatte sie enttäuscht, er war nicht das, was sie gewollt hatten. Er lehnte sich zurück und strich sich durch das Gesicht, ehe er Schritte vernahm. Sein Blick glitt zur Seite und Hunfrid, der Wirt lugte in den Raum.
„Noch ein Krug Wein, Herr Tarendis?“
„Ja Hunfrid, habt dank … ich hole ihn gleich.“
Tarendis. Wieso nutzte er diesen Namen? Vielleicht weil es sein Name war, trotz allem was sein Vater sagte. Der Name Tarendis stand seit Dekaden für Wohlstand und Handel … und heute? Er war sich sicher, dass seine Eltern noch am Leben waren, er war sicher dass sie immer noch verbittert waren und sie würden ihn immer noch hassen. Hass. Genau das war es gewesen, was er in den Augen seines Vaters gesehen hatte; nicht mehr als bitteren Hass. Und wieder keimte die gleiche Frage in ihm auf, die er sich immer selbst stellte.
„Wirst DU eines Tages Erben haben, oder wird der gute Name mit einem Schandfleck wie dir sterben?“
Und jedesmal erwiderte er nichts darauf, sondern nahm nur einen tiefen Schluck von dem, was er gerade zu trinken hatte. Leonard Tarendis … Barde, Spielmann, Musikant … Schande der Familie.