Schöne neue Welt - die reinste Katastrophe
Verfasst: Donnerstag 7. Oktober 2010, 18:12
Da war sie nun.
Der Trubel in der Taverne zog unbeachtet an ihr vorbei, während sie auf einem Stuhl in der hintersten Ecke saß, den Becher Weinschorle vor sich auf dem Tisch. Die Sandalen lagen unter dem Stuhl, die Füße hatte sie hochgezogen und den Rock stramm über die Knie gezogen. Die Arme hielten den Stoff fest, so dass jeder noch so anzügliche Blick keinerlei Befriedigung fand. Nicht, dass sie hier viele davon erntete, was für sie schon ungewohnt genug war.
Gerade mal den dritten Tag befand sie sich nun in Adoran und die Ereignisse hatten sich mehr als überschlagen. Für eine Zigeunerin, die nur unter dem einfachen Volk unterwegs gewesen war – und mit einer nicht gerade rühmlichen Vergangenheit – war diese Stadt, ja, gerade diese hier, etwas völlig anderes, als sie kannte und je kennen gelernt hatte.
Zu allererst war da Valentin.
Viel Schein, wenig Sein, trotz allem jemand, mit einem gewissen Ehrgefühl, auf die man sich getrost verlassen konnte. Gewiss nicht dieser Art Ehre, von dem die Mehrheit der Bewohner dieser Stadt sonst so sprach. Trotzdem. Ihm hatte sie es zu verdanken, dass sie wenigstens ein Dach über den Kopf hatte, wenngleich auch nur vorübergehend. Vermutlich machte er dieses Spielchen nicht lange mit und war dankbar, wenn er seine Ruhe vor ihr zurück hatte. Wie oft sie ihm den Gefallen noch abschwatzen konnte, wusste sie nicht. Und wohin dann, auch nicht.
Die Zelle, die der Rekrut so freundlich angeboten hatte, gewiss nicht. Wer wusste schon, ob er die Türe wirklich davon offen ließe? Und einem Kerl trauen, der schon solch sonderbare Angebote aussprach, lag außerhalb des gesunden Menschenverstandes.
Natürlich, unfreundlich war er nicht gewesen, aber das wollte nichts heißen. Männer waren eben Männer. Männer wollten nur zu oft nur das eine, und wenn sie sich auf solche Sachen einließ, dann nach ihren Spielregeln.
Dann war da noch der Elvre.
Sie hatte keine Ahnung, was sie von diesem Kerl halten sollte. Einerseits schien er ihr nicht über den Weg zu trauen – und wenn dann nur so weit, wie man einen Oger schmeißen konnte (also zugegebenermaßen nicht sehr weit, bis gar nicht). Berechtigt, musste sie sich eingestehen, und eigentlich ärgerte sie das alleine nicht einmal so sehr. Die Begleitumstände, die das mit sich brachte, hingegen schon.
Zwar ging das Fräulein mit der Laute davon aus, dass er sie durchaus mochte, aber so recht wollte die Zigeunerin das noch nicht glauben.
Oh ja, die Dame mit der Laute. Wie war ihr Name noch gleich? An ihren Vornamen konnte sie sich erinnern. Mayra lautete er, glaubte sie. So war das eben beim fahrenden Volk. Da stellte man sich mit Vornamen vor, so wie sie es selbst auch hielt, und der wurde sich auch gemerkt.
Etwas von ihr über die Menschen, die in dieser Stadt lebten, war ein Ding der Unmöglichkeit. Aber sie verstand es gut andere zum Plaudern zu bringen. Fast wäre es ihr sogar gelungen, dass Chandra mehr verraten hätte, als sie eigentlich wollte. Eine einfache Frau. Mit Sicherheit war sie alles andere als das, was man allgemein hin unter einer einfachen Frau verstand. Es war also angeraten etwas vorsichtiger und leiser aufzutreten – nur etwas, damit es nicht allzu auffällig war.
Und dann? Ja, dann war da Smeralda, diese elende alte Schnapsdrossel. Sie hatte am zweiten Tag für verdammt viel Aufregung gesorgt. Erst wollte sie Münzen haben, dann wollte sie Schnaps haben, dann nannte sie die Zigeunerin Eera (wer auch immer diese Frau gewesen sein mochte, sie ruhte wohl am Grund des Meeres als Aschehäufchen, als das Schiff auf dem die beiden Frauen unterwegs waren, abgebrannt und abgesoffen war), und ihre Helferin (also Chandras) noch viel schlimmer: Josef.
Nach langem hin und her, hatten sie die Trunkenboldin zum Heilerhaus geschafft, mit der freundlichen Hilfe des Herrn Arthur, der eine erstaunliche Engelsgeduld und Höflichkeit am Leibe trug, dass es Chandra schaudern wollte – andererseits fand sie es aber auch sehr bemerkenswert und erstaunlich.
Über Smeralda hatte sie nun auch Arihbeth kennen gelernt. Eine sehr nette und überaus hilfsbereite junge Frau, wie Chandra fand. Ihr hatte sie die neue Kleidung zu verdanken, mit der sie auch vor die Tore der hohen Herrschaften treten konnte. Also waren sie gemeinsam dorthin gegangen, Chandra ihre Botschaft abgegeben und einen Blick auf den Herr Katuri werfen können. Nicht, dass es zu diesem Zeitpunkt für sie von großem Interesse gewesen wäre, das ergab sich erst später im Gespräch mit der Lautenspielerin.
Den restlichen Tag verbrachten die beiden Frauen damit, sich um die völlig betrunkene und verwirrte alte Frau zu kümmern. Woher sie die Selbstlosigkeit in dieser Zeit nahm, hätte die Zigeunerin nicht zu sagen gewusst. Irgendwann verließ sie sogar die Geduld, aber das bekam nur Smeralda zu spüren – kurzweilig.
Tja, und schließlich war da noch Luca.
Sein Zossen hatte einen viel zu gesegneten Appetit, der Bursche die Augen definitiv auf alles andere gerichtet, als Augenhöhe (vermutlich wusste er nicht einmal, das ihre grün waren), und war dennoch jemand, den sie auf Anhieb mochte.
Vielleicht lag das an dem sehr einfachen Wesen, dass er zeigte, vielleicht auch an der Hilfsbereitschaft, die er gezeigt hatte. Vielleicht auch daran, dass es ihr ungemein schmeichelte, wie er ihr gegenübertrat. Verdammt viele vielleicht, dachte sie bei sich.
Sie mochte dieses Grinsen und die Unbedarftheit, die er bisweilen an den Tag legte, auch wenn er ziemlich naiv zu sein schien in dem einen oder anderen Belang. Aber was machte das schon? Jetzt hatte er ja sie, die ein Auge darauf haben würde, dass ihn niemand über den Tisch zöge bei seiner Taverne, die er bald eröffnen würde (sich selbst nahm sie freilich dabei raus, aber dem Valentin müsste sie schon böse auf die Finger schauen, oh ja!).
Jetzt allerdings saß sie hier in der Schenke, die sich etwas weiter nördlich auf der gleichen Straße befand, wo auch die Schatzkammer bald sein sollte, Lucas Taverne eben, und machte sich Gedanken.
Am gestrigen Abend hatte sie den Aufruhr mitbekommen. Irgendwas stimmte in Berchgard nicht. Später hörte sie eine Frau nach Lu rufen. Sicher, Lu… das konnte sonst wer sein. Luisella, Luitgard oder Luitgardis.. oder eben Luca.
Seither fand sie keine Ruhe mehr – und das nicht nur, weil sie ihre Arbeit davonschwimmen sah, sondern weil sie sich – wenn sie ehrlich zu sich selber war (und das kam selten genug vor!) – tatsächlich sorgte. Was, wenn dem jungen Soldaten irgendwas zugestoßen war? (Irgendwie konnte sie diese Tatsache noch immer nicht so recht glauben, aber was nutzte es? Die Sorge war trotzdem da, ganz und gar hartnäckig und nervtötend.)
Bestimmt schon zwanzig Mal war sie den Weg zwischen der zukünftigen Schatzkammer und dieser Schenke, in der sie nun saß, hin und hergelaufen. Aber sie hatte weder etwas gehört, noch etwas gesehen, noch fand sie Ruhe. Ständig versuchte sie sich einzureden, dass sie eine elende Schwarzmalerin wäre, die noch an ihrem Pessimismus erstickte.
Im Stillen schwor sie sich die Schulbank zu drücken, um lesen und schreiben zu lernen, um die Etikette zu lernen, um sonst was zu lernen, damit sie dem Rotzlöffel keine Schande machte in seiner Schenke, wenn er nur heil geblieben war; ja, schwor es sogar sämtlichen Göttern, die ihr so einfielen (und die es interessieren könnte - es konnte ja nicht schaden!).
„Du bist wirklich nicht ganz richtig im Kopf, Chandra“, murmelte sie ganz leise zu sich selbst. „Bist bis jetzt nicht verhungert, wirst es auch in Zukunft nicht.“
Der Trubel in der Taverne zog unbeachtet an ihr vorbei, während sie auf einem Stuhl in der hintersten Ecke saß, den Becher Weinschorle vor sich auf dem Tisch. Die Sandalen lagen unter dem Stuhl, die Füße hatte sie hochgezogen und den Rock stramm über die Knie gezogen. Die Arme hielten den Stoff fest, so dass jeder noch so anzügliche Blick keinerlei Befriedigung fand. Nicht, dass sie hier viele davon erntete, was für sie schon ungewohnt genug war.
Gerade mal den dritten Tag befand sie sich nun in Adoran und die Ereignisse hatten sich mehr als überschlagen. Für eine Zigeunerin, die nur unter dem einfachen Volk unterwegs gewesen war – und mit einer nicht gerade rühmlichen Vergangenheit – war diese Stadt, ja, gerade diese hier, etwas völlig anderes, als sie kannte und je kennen gelernt hatte.
Zu allererst war da Valentin.
Viel Schein, wenig Sein, trotz allem jemand, mit einem gewissen Ehrgefühl, auf die man sich getrost verlassen konnte. Gewiss nicht dieser Art Ehre, von dem die Mehrheit der Bewohner dieser Stadt sonst so sprach. Trotzdem. Ihm hatte sie es zu verdanken, dass sie wenigstens ein Dach über den Kopf hatte, wenngleich auch nur vorübergehend. Vermutlich machte er dieses Spielchen nicht lange mit und war dankbar, wenn er seine Ruhe vor ihr zurück hatte. Wie oft sie ihm den Gefallen noch abschwatzen konnte, wusste sie nicht. Und wohin dann, auch nicht.
Die Zelle, die der Rekrut so freundlich angeboten hatte, gewiss nicht. Wer wusste schon, ob er die Türe wirklich davon offen ließe? Und einem Kerl trauen, der schon solch sonderbare Angebote aussprach, lag außerhalb des gesunden Menschenverstandes.
Natürlich, unfreundlich war er nicht gewesen, aber das wollte nichts heißen. Männer waren eben Männer. Männer wollten nur zu oft nur das eine, und wenn sie sich auf solche Sachen einließ, dann nach ihren Spielregeln.
Dann war da noch der Elvre.
Sie hatte keine Ahnung, was sie von diesem Kerl halten sollte. Einerseits schien er ihr nicht über den Weg zu trauen – und wenn dann nur so weit, wie man einen Oger schmeißen konnte (also zugegebenermaßen nicht sehr weit, bis gar nicht). Berechtigt, musste sie sich eingestehen, und eigentlich ärgerte sie das alleine nicht einmal so sehr. Die Begleitumstände, die das mit sich brachte, hingegen schon.
Zwar ging das Fräulein mit der Laute davon aus, dass er sie durchaus mochte, aber so recht wollte die Zigeunerin das noch nicht glauben.
Oh ja, die Dame mit der Laute. Wie war ihr Name noch gleich? An ihren Vornamen konnte sie sich erinnern. Mayra lautete er, glaubte sie. So war das eben beim fahrenden Volk. Da stellte man sich mit Vornamen vor, so wie sie es selbst auch hielt, und der wurde sich auch gemerkt.
Etwas von ihr über die Menschen, die in dieser Stadt lebten, war ein Ding der Unmöglichkeit. Aber sie verstand es gut andere zum Plaudern zu bringen. Fast wäre es ihr sogar gelungen, dass Chandra mehr verraten hätte, als sie eigentlich wollte. Eine einfache Frau. Mit Sicherheit war sie alles andere als das, was man allgemein hin unter einer einfachen Frau verstand. Es war also angeraten etwas vorsichtiger und leiser aufzutreten – nur etwas, damit es nicht allzu auffällig war.
Und dann? Ja, dann war da Smeralda, diese elende alte Schnapsdrossel. Sie hatte am zweiten Tag für verdammt viel Aufregung gesorgt. Erst wollte sie Münzen haben, dann wollte sie Schnaps haben, dann nannte sie die Zigeunerin Eera (wer auch immer diese Frau gewesen sein mochte, sie ruhte wohl am Grund des Meeres als Aschehäufchen, als das Schiff auf dem die beiden Frauen unterwegs waren, abgebrannt und abgesoffen war), und ihre Helferin (also Chandras) noch viel schlimmer: Josef.
Nach langem hin und her, hatten sie die Trunkenboldin zum Heilerhaus geschafft, mit der freundlichen Hilfe des Herrn Arthur, der eine erstaunliche Engelsgeduld und Höflichkeit am Leibe trug, dass es Chandra schaudern wollte – andererseits fand sie es aber auch sehr bemerkenswert und erstaunlich.
Über Smeralda hatte sie nun auch Arihbeth kennen gelernt. Eine sehr nette und überaus hilfsbereite junge Frau, wie Chandra fand. Ihr hatte sie die neue Kleidung zu verdanken, mit der sie auch vor die Tore der hohen Herrschaften treten konnte. Also waren sie gemeinsam dorthin gegangen, Chandra ihre Botschaft abgegeben und einen Blick auf den Herr Katuri werfen können. Nicht, dass es zu diesem Zeitpunkt für sie von großem Interesse gewesen wäre, das ergab sich erst später im Gespräch mit der Lautenspielerin.
Den restlichen Tag verbrachten die beiden Frauen damit, sich um die völlig betrunkene und verwirrte alte Frau zu kümmern. Woher sie die Selbstlosigkeit in dieser Zeit nahm, hätte die Zigeunerin nicht zu sagen gewusst. Irgendwann verließ sie sogar die Geduld, aber das bekam nur Smeralda zu spüren – kurzweilig.
Tja, und schließlich war da noch Luca.
Sein Zossen hatte einen viel zu gesegneten Appetit, der Bursche die Augen definitiv auf alles andere gerichtet, als Augenhöhe (vermutlich wusste er nicht einmal, das ihre grün waren), und war dennoch jemand, den sie auf Anhieb mochte.
Vielleicht lag das an dem sehr einfachen Wesen, dass er zeigte, vielleicht auch an der Hilfsbereitschaft, die er gezeigt hatte. Vielleicht auch daran, dass es ihr ungemein schmeichelte, wie er ihr gegenübertrat. Verdammt viele vielleicht, dachte sie bei sich.
Sie mochte dieses Grinsen und die Unbedarftheit, die er bisweilen an den Tag legte, auch wenn er ziemlich naiv zu sein schien in dem einen oder anderen Belang. Aber was machte das schon? Jetzt hatte er ja sie, die ein Auge darauf haben würde, dass ihn niemand über den Tisch zöge bei seiner Taverne, die er bald eröffnen würde (sich selbst nahm sie freilich dabei raus, aber dem Valentin müsste sie schon böse auf die Finger schauen, oh ja!).
Jetzt allerdings saß sie hier in der Schenke, die sich etwas weiter nördlich auf der gleichen Straße befand, wo auch die Schatzkammer bald sein sollte, Lucas Taverne eben, und machte sich Gedanken.
Am gestrigen Abend hatte sie den Aufruhr mitbekommen. Irgendwas stimmte in Berchgard nicht. Später hörte sie eine Frau nach Lu rufen. Sicher, Lu… das konnte sonst wer sein. Luisella, Luitgard oder Luitgardis.. oder eben Luca.
Seither fand sie keine Ruhe mehr – und das nicht nur, weil sie ihre Arbeit davonschwimmen sah, sondern weil sie sich – wenn sie ehrlich zu sich selber war (und das kam selten genug vor!) – tatsächlich sorgte. Was, wenn dem jungen Soldaten irgendwas zugestoßen war? (Irgendwie konnte sie diese Tatsache noch immer nicht so recht glauben, aber was nutzte es? Die Sorge war trotzdem da, ganz und gar hartnäckig und nervtötend.)
Bestimmt schon zwanzig Mal war sie den Weg zwischen der zukünftigen Schatzkammer und dieser Schenke, in der sie nun saß, hin und hergelaufen. Aber sie hatte weder etwas gehört, noch etwas gesehen, noch fand sie Ruhe. Ständig versuchte sie sich einzureden, dass sie eine elende Schwarzmalerin wäre, die noch an ihrem Pessimismus erstickte.
Im Stillen schwor sie sich die Schulbank zu drücken, um lesen und schreiben zu lernen, um die Etikette zu lernen, um sonst was zu lernen, damit sie dem Rotzlöffel keine Schande machte in seiner Schenke, wenn er nur heil geblieben war; ja, schwor es sogar sämtlichen Göttern, die ihr so einfielen (und die es interessieren könnte - es konnte ja nicht schaden!).
„Du bist wirklich nicht ganz richtig im Kopf, Chandra“, murmelte sie ganz leise zu sich selbst. „Bist bis jetzt nicht verhungert, wirst es auch in Zukunft nicht.“