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Am Rande des Wahnsinns.
Verfasst: Donnerstag 16. September 2010, 15:42
von Delilah Janaan Masari
Die Ankunft
Am Liebsten würde sich Delilah von diesem unbequemen Kamelrücken herabfallen lassen, einfach im heißen Wüstensand liegen bleiben und nicht wieder aufstehen. Dann hätte dieses elende Schaukeln, das immerwährende Auf und Ab, endlich ein Ende! Sie weiß schon gar nicht mehr wie es ist, die Füße auf festem Boden stehen zu haben und ihr Hintern fühlt sich seit geraumer Zeit nur noch taub an.
Dort vorne, Menek’Ur Stadt!“
Die Stimme des Karawanenführers donnert über die staubigen Dünen, Delilah hat schon nicht mehr daran geglaubt diesen Ruf jemals vernehmen zu dürfen. Sie hebt den müden Blick und tatsächlich, in einigen hundert Metern Entfernung recken sich die starken Mauern der Hauptstadt empor. Erhaben blicken sie auf jeden herab, der sich ihnen nähert und die Menekanerin schrumpft augenblicklich auf die gefühlte Größe einer Wüstenmaus herab. Als sie dann wenige Minuten später auch schon unter dem mächtigen Torbogen in die Stadt hinein reiten, schwappt eine Welle aus purem Leben über die junge Frau hinweg. Ein Sturm aus ständigem Gemurmel, fröhlichem Lachen und Kinderplärren fegt um Mauern prächtiger Häuser, eine Vielzahl von Gerüchen weht ihre Nase hinauf. Zimt, ja, ganz sicher, oh, und Kakteensuppe! Überall, wo sie hinschaut, Menekaner: Frauen mit ihren Kindern, Händler und Handwerker, Soldaten, die die Wege patrouillieren. Ein solch’ reges Treiben ist Delilah aus ihrem kleinen Heimatdorf nicht gewohnt und nach dem Rückzug aus dem Leben in den letzten Jahren gleich dreimal nicht. Zu dem fast kindlichen Staunen der ersten Augenblicke mischt sich deswegen auch schnell ein dunkles Unbehagen, welches sie veranlasst ihren Leinenmantel enger um sich zu schlingen.
„Wir sind am Ziel, Wüstenblume. Unsere Aufgabe ist hiermit erfüllt“.
Der Karawanenführer schaut zu ihr herauf und bietet seine Hand an um ihr beim Abstieg vom Kamelrücken behilflich zu sein. Kaum berühren ihre Füße den festen Steinboden, knicken die schlackernden Knie auch schon ein. Ihre Knochen und Muskeln haben sich so sehr in der sitzenden Position versteift, dass sie des Stehens in den ersten Momenten nicht mehr mächtig sind. Delilah findet Halt an einer Hausmauer und muss einige Male tief atmen, ehe sie sich gefestigt fühlt. Die Händler und Krieger aus der Karawane ziehen weiter, sich nach der Erfüllung ihrer Aufgabe sich nicht mehr weiter um die junge Frau kümmernd. Die Bezahlung für ihre Dienste wurde bereits von ihrem Vater erledigt, so dass es wahrlich nichts mehr weiter zu besprechen gibt.
„Menek’Ur Stadt“, seufzt sie zu sich selbst und muss einige Male husten. Dann unternimmt sie die ersten Schritte in das neu auferlegte Leben hinein, unsicher, alleine und orientierungslos.
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Verfasst: Freitag 17. September 2010, 11:14
von Delilah Janaan Masari
Das Wiedersehen
Delilah verschwendet nicht viel Zeit nachdem sich die Kerle der Handelskarawane aus dem Staub gemacht haben, und fragt sich bei den wachhabenden Soldaten nach ihrem Bruder Fareed durch. Und tatsächlich, die erste Erkundung ist auch gleich ein Erfolg, dem jungen Mann aus dem Hause Yazir ist der Name ein Begriff. Er beschreibt ihr den Weg zu seinem Haus und bietet ihr sogar seine Begleitung an, welche sie aber mit fuchtelnden Händen abblockt.
Einige Zeit später aber schon wünscht sie sich anders entschieden zu haben, denn weit und breit ist von dem gesuchten Haus nicht zu sehen. Immer wieder durchläuft sie die kleinen Gassen und Strassen, vor und zurück, rechts und links, im Kreis und wieder zurück. Sie spürt die Verzweiflung in sich aufsteigen, wie sie nach ihrem Hals greift und diesen langsam aber sicher zudrückt. Vielleicht soll sie ihn nicht finden, vielleicht will auch er sie nicht bei sich haben?! Dunkle Gedanken sind schnell im Kommen, doch widerspenstig im Verschwinden. Ein Kopfschütteln, der Versuch diese Eingebung abzuschütteln. Und dann, als sie sich gerade entkräftet auf einem Mauervorsprung niederlassen will, kommt er um die Ecke gelaufen. Noch ehe er wirklich realisiert hat, wen er da vor sich hat, fliegt sie ihm auch schon in die Arme und drückt sich an ihn.
„Delilah?! Bei Eluive, was machst Du hier? Wie bist Du hierher gekommen?!“, entlädt sich eine Salve aus Fragen über die junge Menekanerin und keine davon kann sie ordentlich beantworten. Aus ihrem Mund dringt undeutliches Gebrabbel von einer Handelskarawane, der Wüste, den Eltern und letztlich geht dann alles in einem lauten Aufschluchzen unter. Fareed schüttelt nur irritiert mit dem Kopf, den Sinn in ihrem Stammeln sucht er wohl vergebens. Also belässt er es vorerst dabei und nimmt seine kleine Schwester erst einmal mit zu sich nach Hause, wo er dafür sorgt, dass sie sich frisch machen und sich saubere Kleidung anlegen kann – was nach dieser langen Reise auch dringend notwendig ist!
Und wie sie dann neu eingekleidet und ohne Verhüllung vor ihm steht, schlägt sich Fareed bestürzt die Hände vors Gesicht. Als er vor etlichen Monaten sein Heimatdorf verlassen hatte, stand es bereits nicht gut um Delilah, doch was er nun zu sehen und hören bekommt, damit hat er auf keinen Fall gerechnet. Sie starrt ihm aus tief in den Höhlen liegenden Augen entgegen, dunkle Ringe um die Lider wollen den Blick abfangen. Das pechschwarze Haar hängt strähnig herab und rahmt das viel zu bleiche und eingefallene Gesicht ein. Kein Anzeichen mehr des satten Honiggoldes, welches früher auf ihrer Haut schimmerte, keine lebensfrohen geröteten Wangen mehr. Aus dem von spröden Lippen eingefassten Mund krächzt ein trockener Husten.
Schnell eilt er zu ihr, drückt sie an sich und hält sie fest. „Was ist mit Dir geschehen?“, raunt er in ihr Haar und küsst es. Unter seiner festen Umarmung nestelt sie einen Brief aus der Hosentasche, den sie ihm dann unter die Nase schiebt. Ein Siegel aus grünlichem Wachs verschließt das Schreiben, will verhindern, dass Delilah die Zeilen liest, die nicht für ihre Augen bestimmt sind – auch wenn es darin ausschließlich um ihre Person geht, dessen ist sie sich ganz sicher. Während Fareed mit dem Brechen des Siegels und dem Lesen der väterlichen Worte beschäftigt ist, fällt sie in ihre seit den letzten Jahren typische Haltung: Sie schlingt ihre Arme um sich, hält sich eigens fest.
„Sie haben mich nicht mehr ertragen, nicht wahr?“, schwappt es von ihren Lippen, als er die Hand mit dem Brief absenkt. In ihren Augenwinkeln steht das Wasser bis zum Rande, doch sie hält sich zurück. Schnell bestreitet der Bruder ihre Annahme, vehement besteht er darauf, dass der Grund in der besseren Hilfestellung in der Hauptstadt besteht, doch Delilah schüttelt immer wieder den Kopf. Sie weiß es besser!
„Nein, sie wollen mich nicht mehr bei sich haben!“, schluchzt sie und lässt den Tränen nun freien Lauf über ihr Gesicht. Fareed zieht sie schnell wieder an sich, will sie so feste drücken, dass ihr das vermeintlich dumme Geschwätz nicht mehr über die Lippen kommt.
„Würde Mutter Dich ihren Ring tragen lassen, wenn sie Dich verstoßen hätte? Hm, Delilah?!“, faucht er ihr fast schon ins Ohr und erntet daraufhin mehrere verzweifelte Faustschläge an die Brust und in die Seiten. Die Schläge eines entkräfteten Mädchens, er erträgt sie ohne auch nur einmal mit der Wimper zu zucken. Erst, als sie sich daran macht den silbernen Ring vom Finger zu reißen, rührt er sich wieder, legt seine Hände um die Ihren und drückt zu. „Lass das!“, will diese Geste sagen und der durchaus schmerzhafte Druck hat seine Wirkung, sie lässt von ihrem Vorhaben ab. Auch ihre Worte, dass Mutter ja nur vergessen habe den Ring wieder zurückzufordern, verstummen augenblicklich.
„Du solltest Dich ein wenig ausruhen“, entscheidet er dann und schiebt sie mit sanfter Gewalt in sein spärlich eingerichtetes Schlafzimmer. Delilah verzichtet auf Widerspruch, sie weiß, dass es keinen Zweck hat. Also krabbelt sie auf das große Bett und drückt sich in die Kissen, während sich Fareed am Fußende hinsetzt.
„Schlaf, Delilah“, flüstert er und streicht über ihre Beine, „ich bleibe bei Dir“.
Zwar schließt sie die Augen, doch den Schlaf hält sie krampfhaft von sich fern. An diesem ersten Abend in der neuen Stadt, der neuen Heimat, will sie den Kampf gewinnen.
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Verfasst: Samstag 18. September 2010, 16:39
von Delilah Janaan Masari
Ein Traum wird wahr
„Weißt Du, was ich vom Fenster oben gesehen habe?“
„Nein, Delilah. Was hast Du denn gesehen?“
Es ist der nächste Morgen und die Geschwister sitzen an einem kleinen Brunnen, der sich direkt neben dem Wohnhaus befindet. Delilah hat ihre Fingerspitzen in das warme Wasser getaucht und schnippt kleine Wassertropfen umher.
„Blau, ich habe so unendlich viel Blau gesehen. Es ist das Meer, nicht wahr? Fareed, zeigst Du mir das Meer?“
Der Säbelschwinger streicht ihr liebevoll über den Rücken und nickt. Wenige Minuten später schon treten sie Hand in Hand unter dem Torbogen durch, der den Weg zum Hafen ebnet. Warme, aber trotzdem erfrischende Seeluft weht ihnen um die Nasenspitzen und zupft fordernd an der Kleidung, während der Kreischen der zahlreichen Möwen ihren Wortwechsel ausschmückt. Der Geruch von Salz und frisch gefangenem Fisch begleitet ihre Schritte sandigen und zugleich felsigen Strand hinab. Sanft aber dennoch kraftvoll branden die Wellen heran und umspülen ihre Füße. Die Strahlen der Morgensonne spiegeln sich in Form von abertausenden Diamanten auf der aufgewühlten Wasseroberfläche.
„Ooooooh“, staunt Delilah, die Begeisterung eines kleinen Mädchens zur Schau tragend, welches sich das erste Mal dem gewaltigen Ozean gegenüber sieht. „Das ist …“, setzt sie an, schüttelt dann aber den Kopf, nicht die richtigen Worte findend. Stattdessen schält sie die Hand aus dem Griff des Bruders und bevor dieser sich versieht, stürmt sie mitten in die kühlen Wellen hinein. Jauchzend und quietschend springt sie in die Gischt, wühlt das Wasser mit den Händen auf, dass sie in einem Regen aus unendlich vielen kleinen Tropfen untergeht. Ihre Füße graben sich in den schweren Sand, heben ihn auf und lassen ihn davon spülen. So viele Geschichten hat sie vom großen weiten Meer gehört und nun, endlich, steht sie mitten in ihm, verschmilzt mit ihm.
„Delilah?“, dringt es dann plötzlich aus dem Hintergrund und Fareed winkt sie zu sich, „kommst Du zu mir, ich möchte Dir jemanden vorstellen!“. Erstaunt schüttelt sie den Kopf, sie war wohl so sehr in ihr Spiel vertieft, dass das Gespräch ihres Bruders mit einem unbekannten Menekaner vollkommen an ihr vorbeigegangen ist. Dann nickt sie artig, stapft aus den Wellen heraus und arbeitet sich den Strand hinauf.
„Das ist Yamaal aus dem Hause der Ifrey“, raunt ihr Fareed entgegen und der Vorgestellte schenkt ihr ein angedeutetes Kopfneigen. Scheu erwidert sie dieses und auf einen strengen Blick des Bruders hin, erklärt sie schnell ihr Auftreten, während sich unter ihr bereits eine kleine Wasserpfütze gebildet hat. „Ich, … ich sehe das Meer zum ersten Mal“.
Sie erntet ein verständnisvolles Nicken, doch der Blick, er spricht Bände, weiß Delilah. Kritisches Mustern hinter versteckter Freundlichkeit. Schnell schlingt sie die Arme um den Oberkörper und wiegt sich selbst seicht hin und her. Einige Augenblicke später sieht sie sich in ihrer Ahnung bestätigt, Fareed hat geplaudert!
„Yamaal kann Dir vielleicht helfen, Delilah. Du müsstest ihm von Dir erzählen, von Deinen Erlebnissen und Gefühlen“, will er sie animieren und erntet darauf die gegenteilige Reaktion! Ein heftiges Kopfschütteln, das mehr als verdeutlicht, dass das Sprechen mit einem Fremden unter keinen Umständen in Frage kommt!
“Ich denke, sie ist noch nicht bereit dazu. Wir sollten auch nichts übereilen“, stellt Yamaal daraufhin einsichtig fest und überlässt die junge Menekanerin nach einigen Worten an Fareed auch der Obhut von eben jenem.
„Ach Delilah, es ist mir leid. Es war nicht meine Absicht Dich zu überrumpeln“, flüstert Fareed betrübt und nimmt seine Schwester in die Arme. Nach einigem Streicheln über die Arme und weiteren beruhigenden Worten, schiebt er sie etwas von sich weg und dreht sie ein Stückchen herum, so dass sie wieder auf den Strand blicken kann. Mit dem Finger zeigt er auf einen kleinen munteren Vogel, der sich gerade mit großem Appetit über eine herabgefallene Dattel hermacht. Mit einem frechen Piepsen bedeckt das kleine Ding seine Beobachter, lässt sich in seinem Mahl ansonsten aber in keinster Weise stören. Delilah gleitet in die Hocke herab um sich das Tier genauer zu betrachten: Inzwischen ist die Dattel vollends vertilgt und zwischen den Sandkörnern wird nach Nachtisch Ausschau gehalten.
Die Welt um mich zerfällt. Die Stadtmauern, der Hafen mit seinen Handelsschiffen, die Palmen, sie zerbröseln wie ein Sandkuchen, der zuvor mühevoll aus kleinen Kinderhänden gebacken wurde. Ich blicke an mir herab und erkenne das blutrote dünne Kleid auf meiner Haut und augenblicklich verfällt mein Herzschlag in ein eifriges Galopp. Als ich wieder aufschaue, befinde ich mich an einem bekannten Ort – kein Licht und kein Schatten, eine karge farblose Felsenlandschaft um mich herum. Doch etwas fehlt, ich spüre es. Vielmehr, ich spüre es nicht! Mein kleines Ich ist nicht anwesend, hat sich aus meiner Wahrnehmung zurückgezogen. Dafür sind zwei andere Gestalten an ihre Stelle getreten, in scheinbar unendlicher Ferne flimmern ihre Silhouetten und ich dichte ihnen die Persönlichkeit meines Bruders und Yamaals an.
Ich möchte zu ihnen und setze meine nackten Füße in Bewegung, gleite über spiegelglattes Gestein. Auf meinem Weg werde ich von einem Hauch eisiger Kälte eingeholt und ein schwarzer Nebel rauscht an mir vorbei. Undeutlich erkenne ich, was wirklich hinter diesem Dunst steckt, es grinst mir höhnisch entgegen: Die Fratze, die einst Jagd auf mich machte. Diesmal bin allerdings nicht ich das Ziel, denn sie entfernt sich immer weiter von mir. Doch nein, nein, nicht Fareed! Ich heule auf, als sie ihn mit Haut und Haar verschlingt.
Plötzlich wieder dieses Licht, dieses weiche strahlende Etwas, das mich umfängt. Fühlte es sich beim letzten Male an wie die liebevolle Umarmung einer Mutter, verbrennt es mir diesmal fast die Haut, so heiß ist es! Jedoch lässt mich etwas von diesem Schmerz abkommen, lenkt meine Aufmerksamkeit ab. Es ist Yamaal, der in ein ähnliches Licht gehüllt ist. Nein, das ist nicht wahr, er hält es in den Händen, wiegt es, formt es und feuert es dann dem Nebel entgegen. Was folgt ist eine krachende Explosion reiner Helligkeit, die meine Augen Feuer fangen lässt. Ich heule vor Schmerz, fühle wie meine Augäpfel langsam in ihren Höhlen verglühen und dahin schmelzen. Ich schreie, so laut ich nur kann …
Kreischend schlägt Delilah um sich, während der kleine Vogel aufgeregt auf und ab springt. Zwischen ihnen ist irgendetwas aus dem Sand gewachsen, entstanden, geformt worden. Sie erkennt es nicht, kann es nicht erkennen, ist noch immer versunken in der grellen Lichtflut. Lediglich der Geruch von frisch gebackenem Brot schleicht sich in ihr Bewusstsein und kitzelt dort noch ein wenig mehr von der aufgekochten Panik heraus.
Es ist wieder geschehen und es hat sich seinen Weg aus den Träumen in die Wirklichkeit gesucht. Und so gibt es im Moment nur eines für Delilah zu tun: Laufen, so schnell sie kann!
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Verfasst: Samstag 18. September 2010, 18:07
von Yaamal
Nach einem kurzen Gespräch bemerkte Yaamal schon daß er so nicht weiterkommen würde, so verabschiedet er sich von den beiden um jedoch nach einigen Schritten die Gestalt zu wandeln. Sein Körper schrumpfte, Federn spriessen ihm am ganzen Körper, aus seinen Armen formten sich kleine Flügel und so flatterte er wieder zurück zu der Stelle, wo er eben Fareed und seine Schwester verlassen hatte. Er setzte sich auf eine der Palmen, zwitscherte ein Lied um auf sich aufmerksam zu machen und landete dann auf dem Boden, wo er zunächst versuchte den Eindruck zu erwecken als wäre er ein harmloser kleiner Vogel, der einige Samenkörner aufpickt.. Ganz arglos schaute sie zu dem Vogel und ahnte wohl nichts böses, als plötzlich ihr Magen knurrte. Ein wenig gedankenlos griff Yaamal sogleich ins Lied ein, veränderte die Liedstruktur der Umgebung um so aus den Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft etwas nahrhaftes zu erschaffen. Doch kaum hatte er damit begannen, da begann Delilah panisch zu schreien und lief weg. Zurück blieb ein nachdenklicher Yaamal, der nach einer Weile wieder seine ursprüngliche Gestalt annahm und zur Akademie Leviathan ging.
Dort legte er sogleich eine neue Akte mit dem Namen Delilah Janaan Masari an, die er nach und nach jeweils nach Begegnungen mit ihr erweiterte.
Ist noch nicht Schülerin der Akademie. Doch scheint es so als hätte sie die Gabe. Doch hat sie große Angst davor, in einem Brief an Fareed stand etwas von verschiedenen Zwischenfällen. Sie selbst wirkt zum einem teilweise recht kindlich, zum andrem sehr verängstigt und bezeichnet die Gabe als ein Fluch de rauf ihr lastet. Ich versuchte ihr Vertrauen zu erlangen, doch das ist mir bisher nicht gelungen.
Er würde sich bemühen ihr Vertrauen zu erlangen und dann würde man weitersehen, nahm er sich vor. Doch schon die nächste Begegnung wurde zum Fiasko, er war bei Nazeeya, als Bruder und Schwester vorbeikamen, kurz zuvor hatte er mit Nazeeya schon über sie gesprochen, doch mit Nazeeya's Vorgehensweise war er ganz und gar nicht einverstanden. Als sie Delilah festhielt und zwang ihr in die Augen zu schauen, reagierte diese panisch. So würde man nie ihr Vertrauen erlangen, seufzte er leise. .doch war Nazeeya Priesterin Eluives, er konnte nicht eingreifen.. Das Gerede von einem schwarzen Dschinn, hielt er allerdings für Unsinn, jedoch mochte lediglich seine Miene dies verrraten haben.
Verfasst: Donnerstag 23. September 2010, 09:14
von Nazeeya Rafa Masari
Die Teetasse ruhig in der Hand halten sah sie hinaus in die Nacht.
Die Sterne über der Wüste hatten etwas Beruhigendes. Fest schlang sie die Decke um sich herum und zog die Beine an, damit sie den Kopf auf jene legen konnte.
Was war nur genau passiert, sie wurde einfach nicht schlau aus den Veränderungen die um sie herum geschahen. Seitdem diese Natifah aufgetaucht war, war alles anders. Yaamal war komisch und förmlich davon besessen Delilahs Vertrauen zu gewinnen, damit er sie ausbilden konnte. War aber mit seinem Wissen eigentlich schon am Ende.
Fareed, der Mann der ihre Sonne war oder vielleicht noch ist, hatte sich so verändert, dass sie Seiten an ihm sah, die sie erschrecken ließen. Natürlich war die Familie wichtig und von überaus hoher Bedeutung, vor allem als Geschwister. Aber war sie daher für ihn Garnichts mehr wert? War dieser Brief nur eine Masche gewesen um sie dazu zu bewegen irgendwie seine Schwester wieder auf den richtigen Pfad zu bringen? War er so verlogen und konnte sie ausnutzen? Sie wusste es nicht…
Und das sie es nicht wusste, dass machte ihr Angst. Und vor allem hatte sie es geschockt, wie wenig er sie als Priesterin achtete, ihr Wort achtete und als Wink sah. Er hatte ihre Ehre mit Füßen getreten, sie vor einer Haremsdame und vor Yaamal bloß gestellt bis auf die Haut. Indem er sie der Unbarmherzigkeit bezichtigte. Es war nicht das Maßregeln einer Natifah gewesen, sondern wirklich ein Schnitt bis auf ihre Ehre hinab. Und dies war etwas, was sie ganz und gar nicht mit sich machen ließ. Sie war schon immer von der äußeren Schale der Ehre besessen und nun als Priesterin war es noch wichtiger geworden als zuvor. Daher war es so schwer zu verstehen, wieso der Mann der behauptete er liebe sie, ihr so etwas antut.
Und dies alles nur, weil sie von einem Mädchen… denn auch wenn sie beinahe so alt war wie sie selbst, war Delilah eindeutig noch ein Mädchen, ein Kind, verlangte, dass man die Prekaliq in ihr akzeptierte und ihr vertraute? War dies zu viel verlangt, wenn sie von Delilah selbst aus ihrem Mund hören wollte, dass sie geholfen bekommen möchte von ihr?
Immerhin hatte sie auch mit dem Emir dann reden können, aber zu ihr konnte sie kein Wort sagen? Es war unverständlich, irgendwie unreal.
Vielleicht war es einfach auch alles nur eine Scharade ihr gegenüber, um ihren Bruder nur für sich zu haben? Nein so schlecht dürfte sie über ein Kind des Wüstenvolkes nicht denken. Immerhin war sie als Hüterin der Kinder Eluives auserwählt worden.
Sie nippte erneut an ihrem langsam kälter werdenden Tee und schaute in die dunkle Wüste hinaus, die nur von den Sternen und dem Mond erhellt wird.
Natürlich war die Geschichte von dem Elternhaus in Brand sehr schockierend und auch wirklich verstörend für ein junges Mädchen. Aber dies könnte nicht der alleinige Auslöser für solches Verhalten sein. Jeder wird und hat in seinem Leben schreckliches Erlebt. Sie selbst hatte als Heilerin schon vieles gesehen was anderen geschehen ist aber auch ihr selbst war bisher nicht viel gutes im Leben geschehen, aber dennoch hielt sie den Kopf hoch und versteckte sich nicht hinter einer schweigenden Fassade aus Angst und Selbsthass.
Wie sagte sie immer so schön, das Leben ist wie eine Straße gepflastert mit Kakteen. Manche haben große Stacheln, die sich tief ins Fleisch bohren, andere haben nur kleine oder gar keine Stacheln. Wenn man auf denen mit den langen Stacheln stehen bleibt und vor Schmerz die Kraft verliert noch einen Schritt zu gehen, wird man auf kurz oder lang an den Wunden sterben. Und auf den Besten Weg dorthin war gerade Delilah. Auch wenn alle in ihrem Umfeld sie dazu Bewegen wollten weiter zu laufen und ihr Bruder sie sogar tragen würde, sie bewegt sich kein Stück.
Aber vielleicht würde der Emir nun alles richten.
Jedoch war klar, ihre Sonne würde so schnell nicht mehr aufgehen, so blieb ihr nur die Nacht.
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Verfasst: Donnerstag 23. September 2010, 16:09
von Nazeeya Rafa Masari
Der Tag war doch angebrochen, auch wenn es nur eine weltliche Veränderung gewesen war. In ihr drin war immer noch tiefste Nacht. Und sie machte sich Vorwürfe jemals einen Mann wieder näher an sie heran gelassen zu haben als es für sie gut war.
Der Emir hatte recht gehabt, es war nicht gut für sie. Sie war dazu bestimmt einen anderen Weg einzuleiten, einen Weg der zwar von Freunden und Familie gesäumt war, aber nie von einem Mann der mit ihr eine eigene kleine Familie gründen würde.
Diese Erkenntnis war hart, aber sie müsste sich jener stellen, sonst würde sie daran zerschellen wie ein Schiff an scharfen Klippen. Fareed hatte ihr so tief in die Seele sehen dürfen, war jeden Abend bis seine Schwester kam in ihrer Wohnung gewesen. Sie hatten ihre Gedanken ausgetauscht und miteinander nach Lösungen für Probleme gesucht.
Und nun war alles vorbei, eine bittere Erkenntnis, doch müsste sie nur ihr Wissen wieder hervorholen wie es war eine einsame Natifah zu sein.
Es würde ihr sicher gelingen, sie stand schon oft vor der Einsamkeit und auch diesmal würde sie durch das Tal der Einsamkeit hindurch gehen und wenn es ein ewiges wäre.
Dennoch machte sie sich Gedanken um Yaamal und den Erhabenen, war dieses Mädchen wirklich in der Lage gefährlich zu werden, so gefährlich wie sie es bei der ersten Begegnung mit ihr gespürt hatte? War Delilah in der Lage ungezügelt die Magie Eluives freizusetzten, andere und sich selbst zu verletzten? Eben aus dem Grund, dass ihr Angst und ihr Selbsthass sie dazu übermannen würde?
Diese Frage machte ihr Sorgen, lag ihr das Wohl des jungen Emirs so sehr am Herzen, vielleicht sogar mehr am Herzen, wie ihr eigenes Leben und auch das Wohl von Yaamal war ihr wichtig. Er war einer der wenigen Familienmitglieder mit denen sie sich gerne unterhielt.
Sie würde mit dem Erhabenen über ihre Sorgen reden müssen, damit er jemanden zu seinem Schutz mit sich nahm, vielleicht nicht unbedingt Yaamal oder sie, aber jemand der in der Lage war die Gefahr zu entdecken und auch zu vereiteln, seine eigene Schwester vielleicht, sie war Magiekundig soweit Nazeeya wusste.
Keine schlechte Idee, sie rieb sich über die Nase und schaute hinab auf das gerade geschnittene Gemüse für ihr Mittagessen. Alleine essen… wie war sie nur auf so eine Idee gekommen sich für sich selbst Essen zu kochen, aber nun musste sie das auch zu Ende bringen, die Nahrungsmittel waren zu schade zum wegwerfen.
Verfasst: Dienstag 28. September 2010, 15:54
von Delilah Janaan Masari
Des Fiaskos Auftakt
Delilah kauert am unteren Treppenabsatz eines Marktstandes, inmitten des Basarplatzes von Menek’Ur Stadt. Halb hinter einer großen schweren Vorratskiste versteckt, schluchzt sie leise vor sich hin, das Gesicht in den eigenen Händen vergraben. Die blanke Panik, die sie vor einigen Stunden zur Flucht vom Strand getrieben hat, ist inzwischen zwar verebbt, doch an ihrer Statt ist dunkle Verzweiflung aufgekeimt. Die junge Menekanerin kann die Ereignisse, die sich am Ufer des Meeres zugetragen haben, nicht einordnen und schon gar nicht verstehen. Doch das Wissen, dass ihre Träume sie nun auch schon am helllichten Tag heimsuchen können, macht ihr Angst – noch mehr, als bisher sowieso schon.
„Delilah? Delilah, wo bist Du denn bloß?“, dringt es plötzlich an ihr Ohr, es ist die Stimme ihres Bruders Fareed. Sie schwimmt vor Sorge und augenblicklich schlägt das schlechte Gewissen auf die Menekanerin ein, so sehr, dass sie sich erschrickt und der Vorratskiste einen ungewollten Tritt verpasst. Durch dieses Geräusch aufmerksam geworden, dauert es nicht mehr lange bis Fareed sie aufspürt.
„Bei Eluive, da bist Du ja! Ich suche Dich seit einer halben Ewigkeit! Du kannst doch nicht einfach davon laufen“, stürmt er auf sie los, mit ernster Miene geht er vor ihr in die Hocke. Er will schon wieder für weitere Worte Luft holen, zu einer Standpauke ansetzen, da blickt er in ihre vom Weinen verquollenen Augen. Er atmet einmal aus und schweigt nun doch, möchte sie stattdessen in die Arme nehmen. Doch Delilah wehrt diesen Versuch mit wildem Händefuchteln ab und rutscht eine Treppenstufe höher, mehr Abstand zwischen sich und ihren Bruder bringend.
„Nicht näher kommen, bitte“, fleht sie leise unter ihrer Verhüllung und schüttelt den Kopf.
„Aber ich bin es doch, Fareed“.
„Ja, aber ….“, lautes Schluchzen unterbricht den Satz und Delilah muss einige Male tief Luft holen, was ihr einen heftigen Hustenanfall beschert.
„Ich mache mir Sorgen um Dich“, unternimmt der Menekaner einen weiteren Versuch sich seiner Schwester zu nähern, wird aber von vehement abwehrenden Händen zurückgehalten.
„Und ich mache mir Sorgen um Dich, Fareed! Um alle, die um mich herum sind“, krächzt es unter dem Husten hervor, quält sich die raue Kehle hinauf und wird mit einer solchen Heftigkeit ausgespuckt, dass es selbst Delilah für einen Moment verdutzt dreinschauen lässt, ehe sie sich wieder dem Zittern ihres Brustkorbes ergeben muss.
„Mir passiert schon nicht. Ich bin doch Dein großer Bruder“, wiegelt Fareed die Bedenken des Mädchens ab, wird aber barsch unterbrochen. „Was, wenn Du plötzlich in Flammen stehst? Wenn Du lichterloh brennst? Ich bin dann schuld daran! Heute ist es wieder passiert, auch wenn es kein Feuer war. Ich weiß nicht was passiert, wieso und warum!“.
Platsch, platsch! Verwirrt blickt Delilah zu ihrem Bruder auf, der einen Tonkrug nach dem anderen aus den Vorratsregalen nimmt und sich den wässrigen Inhalt über den Kopf schüttet.
„Komm, schnell zum Meer, solange ich noch nass bin!“, ruft er und sprintet los, ohne sich noch einmal nach seiner Schwester umzusehen. Seine Rechnung, so er eine aufgestellt hat, geht auf, denn sie folgt ihm, rennt ihm nach, so schnell wie ihre Füße sie tragen. Selbst das Beben ihrer Lungenflügel, die sich unter der Anstrengung aufbäumen, kann sie nicht aufhalten. Entsprechend keuchend und stöhnend kommt sie am Ziel an, muss einige Augenblicke in die Hocke gehen und sich mit dem Armen auf dem sandigen Boden abstützen um wieder zu ausreichend Luft zu kommen. Fareed selbst steht bis zu den Hüften im Meerwasser und winkt ihr zu. „Siehst Du, mir kann nichts passieren, hier kann ich Deine Flammen löschen!“.
„Und willst Du nun ewig hier im Ozean sitzen? Solange, bis Dir noch Schwimmhäute wachsen?“, sieht sich Delilah nun sogar zu einer Frotzelei in der Lage und nähert sich dem Wasser, bis die seichten Wellen auch ihre Füße umspülen. Die Arme hat sie vor der Brust verschränkt.
„Nein, ich möchte mit Dir reden, ohne dass Du Angst um mich haben musst. Ich werde nicht in Flammen aufgehen. Delilah, Du bist nicht krank und Du bist auch kein Monster. Ich habe mit einer Priesterin gesprochen ….“.
„Wie viele Priester haben schon an meinem Bett gesessen, Fareed? Du weißt es doch selbst. Und trotzdem stand unser Elternhaus in Flammen. Wie viele Gebete habe ich zu Eluive geschickt, dass sie mich erlösen soll. Und nichts ist geschehen. Sie hat mich fallen lassen, Fareed. Eluive möchte mich nicht!“
„So ein Blödsinn, Delilah! Sie hat Dich nicht verlassen, im Gegenteil, sie hat Dir etwas geschenkt, eine Gabe!“. Wütend schlägt Fareed mit den Fäusten auf die Wasseroberfläche, so dass die Tropfen zu allen Seiten fliegen.
„Die Gabe meine Familie umzubringen? Was soll das für eine Gabe sein, mh?!“, kontert Delilah nicht weniger wütend, die Füße in den sandigen Untergrund bohrend. In ihrem Inneren tobt es, Verzweiflung ringt mit aufkeimender Raserei.
„Du kannst sie nur noch nicht kontrollieren. Glaubst Du etwa, ich konnte das Schwert von Anfang an perfekt führen? Auch ich habe meine Freunde bei den Übungen verletzt!“.
„Aber Du wirst nicht seit Jahren von Träumen verfolgt, Fareed. Solche, die Dich lehren Dich vor dem Einschlafen zu fürchten, so dass Du Dich zwanghaft wach hälst! Weil Du die Bilder nicht sehen willst, sie nicht ertragen kannst, sie Dir das Herz herausreißen! Sie sorgen dafür, dass die Welt an Dir vorbeizieht, während Du nicht mehr weißt wo oben und unten, was richtig und falsch ist!“. Delilah’s Stimme steigert sich in ein verzweifeltes Kreischen, während sie ihr Elend aus sich herausbrüllt. Ihre Knie geben nach, sie sinkt in das kühle Nass des Meeres hinab und schlägt sie Hände vor dem Gesicht zusammen. Ihr gesamter Körper bebt, das verletzliche Mädchen kommt wieder hervor. Fareed robbt zu ihr heran, zieht sie an sich und wiegt sie hin und her, während ihm selbst die Tränen über die Wangen laufen.
„Ich habe Angst. Vor mir selbst, was aus mir wird. Ich möchte niemandem wehtun!“.
„Ich werde Dir helfen, wir alle werden Dir helfen. Die Heiler der Stadt, die Magier des Emirs und die Priesterinnen des Tempels. Ich werde sie alle holen ….“.
„… damit sie mich verlassen wie all’ die anderen zuvor?! Erst reden sie mit mir, dann flößen sie mir widerliches Gebräu ein und dann lassen sie mich doch fallen, weil sie merken, dass sich nichts geändert hat. Heiler, Priester, alle waren sie da und alle sind sie wieder gegangen!“.
Heftig schüttelt Fareed den Kopf. „Das werden sie nicht, ich verspreche es Dir. Eine der Priesterinnen ist meine Wüstenblume. Sie wird Dich bestimmt nicht fallen lassen, das weiß ich ganz sicher“.
„Dann wird sie an mir verzweifeln, weil sie mich nicht verlassen darf“, protestiert Delilah, sich an die Brust ihres Bruders drückend. Die heran brechenden Wellen spritzen ihr immer wieder Wasser ins Gesicht, doch sie bemerkt es kaum. „Was habe ich denn getan, dass es mich trifft? Warum kann ich nicht aufwachsen wie alle anderen Mädchen auch? Was habe ich denn verbrochen?!“.
„Nichts“, flüstert Fareed, küsst ihre nasse Stirn und streicht über ihren Rücken, „Du hast nichts verbrochen. Und jetzt komm’, gehen wir zu meiner Wüstenblume. Ich werde Dir zeigen, dass ich Recht habe“.
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Verfasst: Mittwoch 29. September 2010, 09:17
von Delilah Janaan Masari
Des Fiaskos Lauf
Beide ziehen eine Spur aus kleinen Pfützen hinter sich her, als sie ihren Weg durch Menek’Ur Stadt bestreiten. Zwar wärmt die frühe Abendsonne sie in einem solchen Maß, dass sie in ihrer triefnassen Kleidung nicht frieren müssen, doch für das Trocknen des Stoffes fehlt ihr bereits die Kraft. Fareed führt seine Schwester bis ganz in den Süden der Stadt, zum Heim seiner Wüstenblume, Nazeeya Rafa aus dem Hause der Ifrey.
„Hier sind wir auch schon. Das ist ihr Heim. Sie ist eine gute Priesterin, Du wirst sehen“, möchte Fareed ihr Mut zu sprechen, schenkt ihr noch ein aufmunterndes Kopfnicken und klopft dann an der Eingangstüre. Es vergehen einige Augenblicke, ehe diese dann geöffnet wird und der Blick auf eine junge Menekanerin, kaum älter als Delilah selbst, freigegeben wird. Die Freude über den Besuch steht der Hausbesitzerin im Blick geschrieben, auch wenn dies wohl mehr Fareed denn Delilah’s Anwesenheit zu verdanken ist. Sogleich wird das Geschwisterpaar freundlich hereingebeten und ihnen die Möglichkeit zum Wechseln der Kleidung geboten.
Frisch zurecht gemacht und vor allem wieder in trockenen Tüchern finden sich dann alle am Esstisch zusammen, auch Yamaal ist anwesend.
„Und, wen haben wir denn nun hier?“, lenkt Nazeeya ihre Aufmerksamkeit auf Delilah und betrachtet sie neugierig aus ihren karamellfarbenen Augen. Noch ehe Delilah auf die Frage reagieren kann, übernimmt ihr Bruder das Ruder.
„Eigentlich habe ich sie gefragt, aber es ist schön, dass Du Deine Pflichten als Bruder ernst nimmst“, tadelt die Priesterin das Vermitteln. Ein seichtes Kopfschütteln von Seiten Fareed’s. „Nazeeya, bitte. Sie hat es im Moment nicht leicht“.
„Vor mir muss es niemand schwer haben. Ich sehe vielen bis auf den Grund ihrer Seele, wenn ich das nur möchte“, verschwindet die anfängliche Wärme aus Nazeeya’s Augen und wird durch Strenge ersetzt. Delilah zuckt innerlich zusammen, greift fester um Fareed’s Hand, die sie die ganze Zeit über bereits gehalten hat.
„Das Kleid, das Du mir gegeben hast, es ist sehr schön. Vielen Dank“, stammelt sie hervor, gänzlich aus der eigentlichen Thematik ausbrechend. Doch dieser eiserne Blick zwingt sie regelrecht dazu den Mund aufzumachen und etwas von sich zu geben, passend oder nicht. Nazeeya wiegelt den Dank mit Händefuchteln ab und fordert dann die Gäste auf sich von dem reichlich gedeckten Tisch zu bedienen. Frische heiße Kakteensuppe und knuspriges Bananenbrot sind im Angebot und gerne greifen sie alle zu. Selbst Delilah, die sich ob des köstlichen Duftes daran erinnert fühlt wie lange sie schon nichts mehr gegessen hat. Ratz fatz, ist die Suppenschüssel leer. Die Frage nach Nachschlag bejaht sie mit einem stummen Kopfnicken, so dass Nazeeya sich in die Küche begibt und mit einer aufgefüllten Schüssel wiederkehrt. „Mein Bruder hatte nach solchen Dingen auch immer so einen Hunger“.
Es dauert einige Augenblicke bis sich Delilah der Bedeutung dieser Worte gewahr wird. Anspannung sucht ihre Muskeln heim, der Rücken streckt sich kerzengerade durch. „Nach solchen Dingen?“.
„Ah, Du hast es also doch wahrgenommen. Na, nachdem was mit Dir passiert ist. Yamaal hat mir erzählt, dass Du Eluive hören kannst.“
Hätte Delilah noch den Suppenlöffel in der Hand, wäre er nun klirrend zu Boden gefallen. Ihre Augen weiten sich und rücken verschreckt zu Yamaal hinüber, der daraufhin betreten die Augenlider senkt. Sie blickt weiter zu Fareed, der daraufhin ihre Hand fest drückt. Sie spürt die blanke Angst in sich aufsteigen, wie sie ihr langsam aber sicher die Luft abschnürt. Mit angestrengtem Heben und Senken des Brustkorbes will sie dem entgegenarbeiten, dabei immer wieder den Kopf schüttelnd.
„Ganz ruhig, Delilah. Wir möchten Dir Deine Angst nehmen. Auch wenn Du jetzt noch anderer Meinung bist, es ist ein großes Geschenk das Lied der Göttin zu hören“, möchte Yamaal beruhigend auf die Menekanerin einreden, während ein herrisches Zungenschnalzen durch den Raum bricht. Fast schon gebieterisch hebt Nazeeya die Hand und kommt um den Tisch herum, lässt sich hinter Delilah nieder und legt ihre Arme um die herum, will sie in einen festen Griff nehmen.
„Ich? Eluive hören? Ich kann sie nicht hören, sie hat mich verlassen! Nein, nein, nein!“, schüttelt sie sich aus der plötzlichen Umarmung frei, die ihr noch mal mehr den Atem zu rauben scheint. Hektisch krabbelt sie einige Kissen weiter, möchte sich in Sicherheit bringen und sich eigens halten, keine fremden Hände an sich spüren. Doch Nazeeya lässt nicht ab, folgt ihr, streckt die Hände erneut nach ihr aus und bekommt zuerst einen Arm zu fassen und legt sich dann um ihren Kopf. Delilah setzt sich zur Wehr, will den hartnäckigen Knebel abschütteln, wirft den Kopf wild von links nach rechts in der Hoffnung ihren Körper wieder für sich gewinnen zu können.
„Schau mir in die Augen, Wüstenblume, schau mir in die Augen!“, raunt Nazeeya, während Yamaal aus dem Hintergrund noch einmal betont, dass sie ihr alle nur helfen wollen.
„Sie wollten mir alle helfen und alle haben sie mich fallen lassen“, jault Delilah unter dem nicht ablassen wollenden Griff der Priesterin, als sie plötzlich eine unerwartete Wärme an ihren Schläfen verspürt, während feine Sandkörner von dort zu Boden rieseln.
„Konzentriere Dich auf das Gefühl meiner Hände und Yamaal, sei einmal ruhig!“, befielt Nazeeya herrisch dem Magier hinter sich, der weiterhin beruhigend auf Delilah einredet.
„Das ist keine Gabe, meine Familie in Brand zu setzen kann keine Gabe sein!“, brodelt es gequält aus Delilah’s Mund, die seltsame Hitze an und in ihrem Kopf treibt ihr die Panik in sämtliche Poren. Die Nasenflügel blähen sich auf in dem Versuch Luft in die Lungen zu befördern, doch sie danken es ihr mit einem röchelnden Husten, der ihr die Tränen in die tief in den Höhlen liegenden Augen treibt.
„Komm zu mir Delilah, komm dorthin wo es warm ist!“. Die Finger der Priesterin massieren ihre Schläfen, pressen sich in ihre Haut, drücken die Hitze mit Nachdruck in ihren Körper. Die karamellfarbenen Augen haben sie scheinbar gnadenlos ins Visier genommen, fixieren sie, ohne auch nur einen Millimeter von ihr abzurücken, nehmen sie gänzlich gefangen.
„Neeeeein, lass’ mich los“, kommt es lang gezogen aus Delilah’s Mund und sie windet sich weiter in dem unangenehmen Griff, hin und her, doch sie ist chancenlos. Dann wenigstens, endlich, nimmt Nazeeya den Blick von ihr, befreit sie von dem Bohren in geheime Tiefen. Stattdessen öffnet sie den Mund, schiebt ihr ihren heißen Atem entgegen. Sandkörner prallen auf Delilah’s Wangen und irgendwo, weit entfernt, nimmt sie einen dumpfen Klang wahr. Ein Lachen?! Ja, ganz sicher, es ist das Lachen aus ihren Träumen! Es verhöhnt sie, verspottet sie. Noch einmal platscht ein protestierendes „Neeeein“ von ihren Lippen, doch es verklingt im aufkeimenden Anflug von Schwäche. Delilah spürt, wie die Kraft ihren Körper verlässt und eine bleierne Müdigkeit Einzug erhält.
Dann, schlagartig, lässt die Priesterin von ihr ab, als habe sie sich an einer heißen Kartoffel die Finger verbrannt. Verdutzt über diese plötzlich wieder gewonnene Freiheit, nutzt Delilah erst nach einigen Augenblicke die Gelegenheit beim Schopfe und bringt sich in sichere Distanz zu Nazeeya, damit diese ja nicht wieder nach ihr Greifen kann. Doch diese scheint kein Interesse mehr daran zu haben die Menekanerin in ihren Armen gefangen zu halten, stattdessen lässt sie ihre Stimme durch den Raum donnern:
„Du wirst Dein Haus oder das Deiner Familie nicht mehr verlassen! Solange bis Dein Geist geöffnet ist und wir die Mächte kontrollieren können!“.
Delilah vernimmt die Worte, irgendwo am Rande ihres Bewusstseins. Sie spürt auch die sanfte Umarmung ihres Bruders, dann bricht sie unter einem langen schrillen Schrei in sich zusammen. Schwärze, wohltuende kühle und stille Schwärze.
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Verfasst: Donnerstag 30. September 2010, 21:08
von Delilah Janaan Masari
Kleine Verschnaufpause
Am nächsten Tag sitzt Delilah schon in den frühen Morgenstunden auf der kleinen Terrasse vor dem Haus. Umschlungen von ihren eigenen Armen und einer dünnen Baumwolldecke, liegt ihr Blick weit in der Ferne, dem Sonnenaufgang entgegen fiebernd. Und obwohl das morgendliche Farbenspiel die Welt in satte Töne taucht, bleibt ihre eigene Welt grau und düster. Die Erinnerungen an den Vorabend sind verschwommen, viele Worte und Aussagen sind ihr entfallen, sind in der Bewusstlosigkeit verloren gegangen. Doch das Gefühl in die Ecke gedrängt zu werden, gar die Luft geraubt zu bekommen, dieses Gefühl ist ihr erhalten geblieben. Sie ist eine gute Priesterin, hatte Fareed zu ihr gesagt. Delilah schüttelt den Kopf und fasst sich an den Hals, als wolle sie eine unsichtbare würgende Hand wegschieben. Sie fühlt sich aber nicht gut an. Gestern nicht und heute auch nicht.
„Guten Morgen, kleine Wüstenblume. Wie geht es Dir?“, ertönt leise Fareed’s Stimme im Hintergrund und sanft legt sich seine Hand auf ihre Schulter, streichelt sie liebevoll.
„Ich weiß es nicht“, zuckt Delilah mit den Schultern und lehnt ihren Kopf an seine Brust, nachdem er sich neben sie gesetzt hat. Schweigend starren sie eine Weile vor sich hin, keiner von ihnen hat das Bedürfnis das Desaster des gestrigen Abends anzusprechen.
„Möchtest Du den Ort sehen an dem unser Emir vor kurzen gekrönt wurde?“, bricht Fareed irgendwann die Stille und blickt sie aufmunternd an.
„Du warst bei seiner Krönung dabei?“
„Ich durfte ihn sogar aus dem Palast hinaus geleiten“, erzählt er und blickt in große bewundernde Augen. „Na komm’, ich führe Dich hin!“.
Gemeinsam machen sie sich also auf den Weg zum Tempel der Stadt, nur wenige Menekaner kreuzen ihren Gang, so dass sie zügig vorankommen. Unter den aufmerksamen Blicken der Wachen entledigt sich das Geschwisterpaar ihrer Schuhe bevor sie die Stufen zum heiligen Haus hinaufsteigen.
„Ooooooooh“, staunt Delilah nicht schlecht, als die gesamte Pracht des Tempels auf sie niedergeht. Mehrmals dreht sie sich im Kreise um alles wahrnehmen zu können. Seidene Vorhänge flattern sanft vor bodentiefen Fenstern und verhindern neugierige Blicke von außen. Große Kissen aus weichem Samt und mit feinen Stickereien bilden mehrere Sitzreihen und laden zum Niederlassen ein, handgeknüpfte Teppiche geleiten den Weg. Goldener Wandschmuck ziert die kräftigen und hohen Mauern und frische Blumen verströmen einen süßlichen Duft.
„Ich habe den Eingang bewacht, damit die Zeremonie ungestört ablaufen kann“, erzählt Fareed mit Stolz in der Stimme, während Delilah sich noch den vielen neuen Eindrücken hingibt. Auf ihre Nachfrage muss er ganz genau zeigen, wo der Emir gesessen hat und welche Gäste anwesend waren.
„Wie ist er denn, unser Emir?“
„Er ist noch sehr jung. Jünger als Du, Delilah. Aber wenn Du Dir gleich Deine Sandalen wieder anziehst, werde ich Dich ihm vorstellen. Er erwartet uns nämlich in seinem Palast!“.
„Du möchtest mich ihm vorstellen? Aber … wird er mich überhaupt kennen lernen wollen?“
„Delilah, natürlich. Du bist eine Tochter der Masari, ein Kind der Wüste. Selbstverständlich möchte er Dich kennen lernen, Du bist Teil seines Volkes. Also, auf geht’s!“.
„Ich hörte, liebe Delilah, Du bist erst vor kurzem in der Stadt angekommen? Ich hoffe, ihre Größe und der Trubel hat Dich nicht verschreckt?“, begrüßt Rashad Ameer, der Emir aus dem Hause Omar die junge Menekanerin und bittet sie an seinen Tisch. Seine Stimme klingt weich und sanft und legt sich wie beruhigender Balsam auf Delilah’s aufgeregt klopfendes Herz. Sie kann es noch gar nicht glauben, dass sie ihm tatsächlich gegenüber sitzt, ihm, dem König! Sie erinnert sich daran, wie sie als junges Mädchen mit anderen Kindern gekichert und gegackert hat bei der Vorstellung eines Tages dem Emir im Harem zu dienen. Damals hätte sie sich nicht zu träumen gewagt ihm wirklich einmal leibhaftig zu begegnen.
„Delilah, sieh’ ihn bitte an“, flüstert Fareed ihr zu und drückt aufmunternd ihre Hand. Schüchtern, als stehe ihr dieser Blick eigentlich gar nicht zu, hebt sie die Lider und schielt vorsichtig zum anderen Tischende.
„Sie ist um einiges größer als mein Heimatdorf“, raunt sie und muss sich leise räuspern, als ihr die Stimme im Halse stecken bleibt. Aus den Augenwinkeln erkennt sie ein zustimmendes Nicken von Seiten Rashad’s.
„Und was hat Dir bisher am Besten gefallen?“
„Das Meer“, antwortet Delilah prompt und hebt den Blick nun so weit, dass sie dem Emir entgegen blicken kann. Der Gedanke an das ewige Rauschen der Wellen beflügelt sie, treibt ihr begeistertes Funkeln in die Augen.
„Oh ja. Hast Du schon einmal eine Muschel genommen und an Dein Ohr gehalten?“, will der junge König dann wissen und als er ein Kopfschütteln erntet, fährt er fort. „Wenn man nicht gerade einen Krebs darin, der einen ins Ohr zwickt, dann kann man darin etwas hören ….“.
Eine kleine Pause, in der niemand etwas sagt. Eine Unterbrechung, die Delilah’s Neugierde herausfordert, sie lockt. Und tatsächlich, sie folgt dieser kleinen Versuchung.
„Was kann man denn darin hören?“
Rashad neigt sich ein wenig nach vorne, in ihre Richtung und in verschwörerischer Manier murmelt er ihr dann zu: „Man kann die Wellen hören, wie sie sich an den Strand schieben“.
„Wirklich?“, flüstert Delilah zurück, „dann kann ich das Meer immer bei mir haben?“.
Rashad nickt daraufhin und für einen Moment treffen sich ihre Blicke. Klares Blau schwappt Delilah entgegen und umspült sie wie die Wellen ihre Füße am Strand. Und ehe sich Delilah darin verlieren kann, rückt er sich wieder zurück in eine aufrechte Sitzposition und entzieht damit seinen Blick ihrem Sichtfeld. Auch Delilah strafft schnell ihre Schultern durch und lenkt ihre Aufmerksamkeit auf ihren Bruder Fareed zurück, der sich neben ihr bedeckt hält.
„Wir werden Dir eine solche Muschel besorgen“, verspricht er und drückt ihre Hand.
Inzwischen hat sich auch Safiya zu ihnen gesellt und einige Gläser mit frischem Wasser mitgebracht. Während sich Fareed und Rashad gerne daran bedienen und in ein typisches Männergespräch verfallen, hat sich Delilah daran gemacht die Franzen an dem Kissen zu zählen, welches zu ihren Füßen liegt.
„Wenn Du möchtest, kann Dir die ehrenwerte Esra den Palastgarten zeigen, liebe Delilah. Dann musst Du Dich nicht langweilen“, schlägt Rashad plötzlich vor und jagt Delilah damit einen gehörigen Schrecken ein. Keinesfalls will sie den Eindruck vermitteln sich in Gegenwart des Emirs zu langweilen und schüttelt deshalb heftig den Kopf. „Ich, es tut mir leid, Eure Worte, nein, sie langweilen …“, stammelt sie, möchte ihr missverstandenes Verhalten erklären und verhaspelt sich vor lauter Erschrockenheit in einen Hustenanfall.
„Ein wunderbares Angebot, mein Emir, aber ich denke es ist noch etwas früh. Sie ist noch sehr ängstlich gegenüber anderen Menekanern“, schreitet Fareed erklärend ein, dabei beruhigend Delilah’s Hand streichelnd.
„Du brauchst hier keine Angst haben, Delilah. Das Schlimmste, was Dir hier passieren kann ist, dass Du von den vielen Leckereien hier dick wirst!“, witzelt Rashad daraufhin in dem Versuch den Schrecken wieder von ihr wegzunehmen. Er hebt die Hand kurz an und erhebt sich, verschwindet für einige Augenblicke aus dem Raum.
„Ich hätte Dir gerne den Garten gezeigt. Es ist ein wunderschöner Ort. Der ja aber nicht wegläuft“, füllt Safiya die Abwesenheit Rashad’s aus und blickt dabei hinüber zu Delilah. In ihren Worten liegen weder Tadel noch Drängen, ganz im Gegenteil, er spricht eine freundliche Einladung aus, die über diesen Tag hinaus besteht. Delilah neigt seicht den Kopf in ihre Richtung, schickt auf diese Art einen stummen Dank an die Esra. Nicht nur für die Einladung, sondern vielmehr auch für die Geduld.
Mit einem kleinen Päckchen in der Hand kehrt dann Rashad auch schon wieder zurück zu seinen Gästen. Dieses reicht er an Delilah weiter, begleitet von einem aufmunternden Nicken.
„Nimm’ es ruhig mit. Es wird Dir sicher schmecken!“.
Die Augen der kleinen Menekanerin sind groß und ihre Stimme hat sich irgendwo in den Tiefen ihrer Kehle versteckt, so dass ihr nur ein tiefes Kopfneigen als Dankeschön für dieses Präsent bleibt, während ihr Herz regelrecht Purzelbäume schlägt.
Und diese Purzelbäume turnen auch dann noch, als Fareed sie längst schon wieder nach Hause gebracht hat.
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Verfasst: Mittwoch 6. Oktober 2010, 14:57
von Delilah Janaan Masari
Klarheit
„Wir machen eine kleine Reise“, sagt Fareed geheimnisvoll vorher, führt seine Schwester über die hölzernen Planken des Hafens und hilft ihr beim Herabsteigen der schmalen Stufen in den dicken Schiffsbauch hinein. Trotz der zahlreichen bettelnden Blicke lässt er sich nicht dazu erweichen das Ziel dieses Ausflugs preiszugeben.
„Hier, schau. Du kannst während der Fahrt die Fische beobachten“, will er Delilah von ihrer Neugierde ablenken und führt sie zu einem runden mit dickem Glas ausgefüllten Fenster, das direkten Blick ins Wasser bietet. Sein Manöver gelingt mühelos, augenblicklich ist sie begeistert von diesem Platz, der sie in die Weiten des Ozeans hinausschauen lässt. Und sie verlässt ihn auch erst wieder, als das Schiff an seinem Ziel angelegt hat – also einige Stunden später! Bevor sie allerdings den schützenden Schiffsbauch verlassen, kramt Fareed zwei dicke Wollmäntel aus seinem mitgeführten Rucksack. Einen legt er sich selbst um, den anderen reicht er seiner Schwester herüber. „Du wirst gleich sehen, wofür Du ihn brauchst!“.
In der Tat, als Fareed dann die Luke zum Deck öffnet, pfeift sofort ein frischer Wind hinab und wirbelt um Delilah herum. „Huu, das ist aber kühl!“, stellt sie fest und muss ihren Turban halten, damit er ihr nicht davon geweht wird.
„Wir haben einen langen Weg vor uns. Du solltest Deine Sandalen gegen warme feste Stiefel tauschen“, rät Fareed ihr und zieht besagtes Schuhwerk aus seinem Rucksack, wo im Gegenzug die Riemensandalen verstaut werden. Und dann geht es los, hinab von Deck und rauf auf das unbekannte Land!
Sie durchqueren zunächst ein kleines Dorf, welches kaum mehr als aus zwei handvoll Hütten besteht. Keine Seele begegnet ihnen auf ihrem Gang, so dass sie es schnell hinter sich lassen können. Eine weitläufige Fläche aus sattem Grün tut sich vor ihnen auf, schwingt sich über sanfte Hügel und will doch nicht enden. Delilah kennt grünes Gras aus den Oasen, den seltenen Kostbarkeiten der Wüste. Doch soviel Grün auf einmal, das ist ihr noch nicht untergekommen. Sie sinkt in die Hocke hinab, taucht die nackten Hände in die zahlreichen Halme, streicht über sie hinweg. So weich, so frisch und so voller Leben!
„Das ist wunderschön, Fareed!“
„Ich zeige Dir noch viel Schöneres! Komm’, wir dürfen nicht trödeln“. Er greift nach der Hand seiner Schwester und zieht sie zu sich auf. Während sie sich an der saftigen Graslandschaft nicht satt sehen kann und immer wieder den Kopf dreht und wendet, führt Fareed sie mit sich. Ein oder zwei Stunden sind sie so unterwegs und mit jedem Meter, den sie vorankommen, wird es kühler. Inzwischen ist Delilah mehr als dankbar um die gefütterten Stiefeln, die sie zu Beginn nur widerwillig um ihre Füße herum geduldet hat. Und auch der wollene Mantel erweist ihr einen guten Dienst, eng zieht sie ihn um sich, die umgreifende Kälte abwehrend. Zusätzlich wird sie von Fareed’s Umarmung gewärmt.
„Schließ’ Deine Augen, Delilah!“
„Was?!“
„Mach’ die Augen zu. Vertraue mir“, nickt Fareed ihr aufmunternd zu und hält dann sicherheitshalber noch seine Hand über ihr Gesicht, schließlich hat sie als Kind schon immer gern gemogelt! Vorsichtig führt er sie weiter, Schritt um Schritt. Delilah merkt, wie sich die Beschaffenheit des Untergrunds langsam aber sicher verändert. Aus festem Boden wird ein weicher, tief sinkt sie mit ihren Stiefeln hinein und ein seltsames Knirschen begleitet ihre Bewegungen. „Fareed, wohin führst Du mich?“, meckert sie unsicher unter seinem Griff und versucht zwischen seinen Fingern hindurchzulinsen.
„Nun kannst Du schauen“, nimmt er dann auch schon die Hand beiseite und Delilah öffnet die Augen. Schnell aber schließt sie sie wieder, so sehr ist sie von der ungewohnten Helligkeit, die ihr da entgegen schlägt, geblendet. Sogar ein paar Tränen quellen aus den Augenwinkeln hervor, die sie aber zügig beiseite wischt. Sie wagt einen neuen Versuch, erst mit einem Auge, dann mit beiden.
„Ooooooooh!“, staunt sie unter ihrer Verhüllung, sieht einmal zu Fareed und dann wieder in die neue Welt vor sich. Erneut fällt sie auf die Knie herab und lässt ihre Hände auf Erkundungstour gehen, taucht sie in das hinein, was sich ihr bietet. Es ist nass, es ist bitterkalt und doch weich wie Watte. „Ist das Schnee, Fareed? Das ist Schnee, oder?“. Noch während er nickt, wirbelt sie einige Flocken auf, so dass sie sanft auf sie herab regnen. Dann formt sie einen kleinen festen weißen Ball und wirft ihn in Richtung ihres Bruders.
„He, Du freches Ding!“, murrt er überrascht, als das Geschoss ihn an der Schulter streift. Sofort formt er selbst eine Kugel und wirft sie nach Delilah. Bald balgen sich die beiden Geschwister quietschend im Schnee, rollen hin und her, seifen sich gegenseitig mit dem kalten Nass ein. Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, zwei kleine Kinder vergnügen sich hier.
Und wie sie dann nebeneinander im endlosen Weiß liegen, erschöpft keuchend und nach Luft ringend, verspürt Delilah eine lange nicht mehr wahrgenommene Klarheit in ihren Gedanken. Sie gräbt die Hände tief in den Schnee unter sich, zerdrückt ihn zwischen den Fingern und lässt die Wassertropfen die Haut entlang rinnen. Obwohl die Temperaturen bitterlich kalt sind, ist Delilah von einer angenehmen innerlichen Wärme erfüllt. Hier, am Ende der Welt, fern ab von dem was sich Heimat nennt, tut sich etwas in ihren Gedanken auf, an was sie schon lange den Glauben verloren hat: Die Erkenntnis, dass ihr Weg keine Sackgasse sein muss. Hier im hohen Norden, wo der eisige Wind nackte Haut gefrieren lässt, keimt ein stiller Entschluss in ihr auf.
Danke Fuachtero!
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Verfasst: Sonntag 10. Oktober 2010, 12:25
von Delilah Janaan Masari
Der Rückschlag
Es ist Mittagszeit auf Menek’Ur, der orange Feuerball steht hoch am wolkenlosen Himmel und schickt seine fast schon unerträgliche Hitze hinab auf die Hauptstadt. Die Straßen sind leer, die meisten Menekaner haben sich in die schützende Kühle ihrer Häuser zurückgezogen. Delilah hingegen hat ihren Platz unter einem kleinen Pavillon direkt am Meer gefunden, etwas abseits der Akademie. Seit ihrem Ausflug nach Fuachtero sind einige Tage vergangen, doch an ihrem Entschluss hat sich nichts geändert.
„Delilah, wie geht es Dir?“, fragt Yamaal, der mit doch recht zügigen Schritten auf den Pavillon zukommt und sich dann erleichtert im Schatten niederlässt. Sein Blick ruht besorgt auf der jungen Menekanerin, die mit angezogenen Beinen einer kleinen Bank hockt und das Kinn auf den Knien abgelegt hat. Und doch wirkt sie in ihrer Haltung einen Deut entspannter. Nicht viel, vielleicht ein Quäntchen.
„Ich habe geschlafen“, erhält er prompt eine Antwort, eine Lüge feinster Art. Doch sie ist Zugang zu seiner Hilfe, sie ist Bedingung für seine Aufmerksamkeit. Als Delilah ihn direkt nach ihrer Rückkehr von der Schneeinsel aufgesucht hatte, erteilte er ihr die Auflage zuerst einen Heilkundigen aufzusuchen, der ihr zu Kräften verhelfen konnte. Um sicher zu gehen, dass sie nicht auf halbem Weg kehrt machte, hatte er sie selbst zu Khairy begleitet, dem Heiler aus dem Hause Yazir. Von ihm hatte Delilah zwei Phiolen erhalten, die ihr ruhigen Schlaf und damit Kraft bescheren sollten. Sie hatte nie einen Tropfen davon genommen.
„Keine schlimmen Träume diesmal?“, harkt er nach und erntet das Kopfschütteln, das er sich erwünscht. Immerhin entspricht es diesmal der Wahrheit. Wer nicht schläft, der kann auch nicht träumen. Meistens. Und so geht er nahtlos zu dem über, was er ihr versprochen hat: Ihr zu helfen. „Irgendwie scheinst Du das Lied wahrzunehmen, Delilah. Wenngleich ich seine Ausprägung in Deinem Falle noch nicht recht verstehe“.
„Ich verstehe es selbst nicht. Ich weiß nicht, was mit mir passiert“.
„Kannst Du mir erklären, was Du dabei empfindest? Was in Dir vorgeht?“.
Delilah atmet tief ein, sie muss sich zusammenreißen, um nicht einfach davon zu laufen. Dieser Entschluss, er bedeutet, dass sie sich Yamaal gegenüber öffnen muss, gleich wie schwer es ihr fällt. Langsam und stockend erzählt sie ihm von ihren Träumen, von der anderen Welt. Und dass sie inzwischen nicht mehr nur nachts im Schlaf von ihr Besitz ergreifen, sondern auch schon am Tag. Sie lässt ihn von der Hitze wissen, die sie zu verbrennen droht. Und all’ diese Erinnerungen treiben ihr wieder einmal die Tränen in die Augen, die sich unverhalten ihren Weg über die Wangen bahnen.
„Sch sch, schon gut Delilah“, will er sie beruhigen, als sie ihren Bericht beendet, sieht gleichzeitig aber ratlos drein. „Ich habe noch nie davon gehört, dass sich das Lied in einer solchen Form äußert. Delilah, ich möchte etwas ausprobieren, ich möchte ganz vorsichtig in das Lied eingreifen …“
Und damit wieder die Hitze herauf beschwören, beendet Delilah seinen Satz in Gedanken. Heftig schüttelt sie den Kopf, nein, nicht wieder diese Schmerzen! „Nein, nein, bitte nicht“.
„Ruhig, Delilah, ich werde es doch nicht tun, schh“, rudert Yamaal daraufhin zurück, „lass uns anders heran gehen. Versuche tief in Dich hinein zu horchen. Versuche, ob Du die Melodie der Mutter wahrnehmen kannst, nun da das Lied in völliger Ruhe ist“.
Delilah sieht hinüber zu Yamaal, blickt in seine Augen und erkennt die Ratlosigkeit in ihnen, die mit dem Willen ihr zu helfen um die Vormacht kämpft. Gleichzeitig eröffnet sie ihm damit ihr eigenes Duell, nämlich das zwischen ihrem Entschluss und der klebrigen, anhänglichen Angst.
„Versuch es Delilah, bitte. Schließe Deine Augen und horche auf meine Worte“.
Und so legen sich die Augenlider über den Blick, tauchen ihre Sicht in Dunkelheit. Delilah muss sich an dem Stoff ihrer Kleidung fest halten, eine Verbindung zu der Welt erhalten, die sie aus ihrem Blickfeld ausgeblendet hat. Sie spürt das Herz bis zum Halse schlagen, den Drang einfach aufzuspringen und fort zu laufen.
„Horche in Dich selbst hinein, Delilah. Beachte nicht das Rauschen der Wellen, nicht das Kreischen der Möwen, nicht das Keckern der Delphine. Konzentriere Dich auf Dich selbst und auf Dein Inneres. Dort wirst Du etwas finden, Delilah, dessen bin ich mir sicher, eine leise sanfte Melodie. Höre genau hin, konzentriere Dich“.
Ich bin wieder da.
Die reale Welt um mich herum zerfällt, zerbröselt langsam und gibt ihr Gesicht auf, um der lichtlosen Farblosigkeit meiner Träume die Vorherrschaft zu überlassen. Ich trage wie gewohnt mein dünnes blutrotes Kleid, mein ureigenes Gewand in dieser Sphäre, von der ich selbst nicht weiß, wo genau sie sich befindet. Um mich herum herrscht Stille in ihrer reinsten Form, ich vernehme nichts mehr von dem, was bis eben noch meine Ohren erfüllt hat. Auch Yamaal’s Stimme ist verebbt, wenngleich ich ihn entfernt erkennen kann. Er sitzt auf einem der vielen Felsen und hält einen Ball aus glühendem Licht in den Händen. Einfach so, ohne sich daran zu verbrennen. Es wirkt sogar so, als gefalle es ihm.
Ich blicke auf meine eigenen Hände und erkenne dort ebenfalls dieses Licht. Doch es ist nur ein Flämmchen, welches hin und her zuckt, droht zu zerfallen. Eine kleine Weile betrachte ich es einfach, versuche es zu fühlen und will mich schon darüber freuen, dass es nicht die berstende Hitze ausstrahlt, die mich das letzte Mal fast verkohlt hat. Doch dann, ein Krachen in meinen Ohren. So laut, dass ich das Flämmchen verwerfe, um meine Hände an meinen Kopf zu pressen. Doch es nutzt nichts. Ein Poltern, ein Dröhnen, es zerrt an meinem Trommelfell, will es zerreißen. Ich erkenne es wieder, als es sich in ein höhnisches Lachen verwandelt, das Besitz von meinem ganzen Körper ergreift. Es lässt mich zittern unter seinem Spott, ich winde mich unter seiner Verachtung. Immer mehr schwillt es an, wird lauter und lauter, will mich in Stücke fetzen …
Delilah reißt die Augen auf, will ihre Lungen unter einem tiefen Atemzug füllen und ergibt sich in einen röchelnden Husten. Der Schweiß auf ihrer Stirn fließt die Haut entlang und vermischt sich mit heißen Tränen, die aus den Augenwinkeln quellen.
„Delilah, ganz ruhig“, redet Yamaal auf die verschreckte Menekanerin ein, die dazu übergegangen ist auf ihrem Platz hin und her zu wippen. „Was ist geschehen, was hast Du wahrgenommen?“.
„Das Lachen aus meinen Träumen, es war da. Es hat mich verspottet, mich verhöhnt. Da war keine Melodie, Yamaal, da war nur dieses eklige Lachen!“. Delilah vergräbt ihr Gesicht zwischen den Händen, lautes und hemmungsloses Schluchzen fällt über sie her.
„Ich weiß nicht, was ich machen soll, Delilah. Ich verstehe nicht, was vor sich geht“.
„Aber wer versteht es denn dann?“, bricht es jaulend aus der Menekanerin heraus, ihren Blick fast anklagend gegen den Magier schickend. Er hatte ihr doch versprochen zu helfen, hatte ihre Hoffnung geschürt! Und nun?! Er blickt sie ratlos an, hebt die Schultern auf ihre Frage. Delilah hätte es wissen müssen, viel zu oft hat sich dieses Schauspiel in den letzten Jahren wiederholt – alle haben sie sie fallen lassen!
„Ich wusste es doch. Auch Du lässt mich im Stich!“. Sie springt von ihrem Platz auf, gibt dem nach, was schon die ganze Zeit immer wieder an ihr genagt und sie gelockt hat. Sie läuft davon, so schnell ihre Füße sie tragen. Yamaal’s Rufe nimmt sie nicht mehr wahr – für sie gibt es nur noch Verzweiflung, die ewige und einzig treue Freundin.
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Verfasst: Dienstag 12. Oktober 2010, 20:34
von Delilah Janaan Masari
Des Fiaskos Nachspiel
Nachdem ihre Füße durch das lange Herumirren in der großen Stadt endlich müde geworden sind, ist Delilah nach Hause zurückgekehrt und sitzt nun auf den Treppenstufen vor dem kleinen Familienanwesen. Den Blick aus den vom vielen Weinen verquollenen Augen ist in die Ferne gerichtet, irgendwo hin ohne etwas Bestimmtes zu fixieren. Neben ihr sitzt Fareed, sie umarmend. Er wartet geduldig darauf, dass sie ihm den Grund für ihre geröteten Augen verrät, doch dazu soll es nicht kommen – nicht jetzt.
„Oh, die Familie Masari“, dringt eine bekannte Stimme in die geschwisterliche Stille ein, zerreißt sie gnadenlos. Delilah’s innere Alarmglocken läuten aufgeregt, sie kennt diesen Klang, er lässt einen Schauer über ihren Körper fahren. Ohne aufzusehen weiß sie, dass Nazeeya vor ihnen steht und doch hebt sie den Blick, nur um sich gleich darauf zu wünschen es doch nicht getan zu haben. Eisige Kälte, versteckt hinter nüchterner Sachlichkeit schlägt ihr entgegen, keine Regung ist im Gesicht der jungen Priesterin zu erkennen, nichts zeichnet sich unter dem Schleier ab.
„Nazeeya“, erwidert Fareed liebevoll, sichtlich angetan davon seine Wüstenblume zu sehen, ganz gleich des Vorfalls, der sich zwischen ihr und seiner Schwester ereignet hat. „Ich freue mich Dich zu sehen. Ich möchte Dich um etwas bitten“.
„Gern, Fareed. Um was denn?“, harkt Nazeeya nach. Noch immer keine Wärme in ihrer Stimme. Delilah spürt ihren Blick auf sich, inzwischen hat sie den eigenen wieder gesenkt. Nazeeya soll nicht ihre verquollenen Augen sehen, nicht sie.
„Würdest Du Dir einmal Delilah genauer ansehen? Zwar hat sie von Khairy aus dem Hause der Yazir einen Trunk zum Schlafen erhalten, doch ihr Körper ist noch immer sehr geschwächt. Und ich möchte nicht die Hände eines Mannes an ihr wissen, wenn sie untersucht wird. Du hast das Handwerk der Heilkunde doch erlernt, ich vertraue Dir“.
Delilah zuckt innerlich zusammen. Nazeeya, sie untersuchen?! Doch sie widerspricht ihrem Bruder nicht, nimmt sein Anliegen stumm hin und hält den Blick weiter auf den Boden gerichtet. Niemand soll sehen, dass ihr dieser Vorschlag das Herz bis zum Halse schlagen lässt.
“Es liegt nicht an Dir Fareed, ob Du mir Vertrauen schenkst. Du, Delilah, Du musst mir vertrauen! Ansonsten muss ich Euch an Fari’ah aus dem Hause der Bashir verweisen“, kommt es schneidend aus dem Mund der Priesterin, ein Peitschenhieb direkt aufs nackte Fleisch.
„Schick’ uns doch nicht fort, Nazeeya“, will Fareed einlenken, wird aber von der Priesterin unterbrochen. „Ich behandele niemanden, der mir nicht vertraut, Fareed! Also, Delilah, ich erwarte eine Antwort von Dir. Ansonsten muss ich Dich zu Fari’ah schicken!“.
Gleichwohl es in ihrem Inneren tobt, kann sich Delilah zu keiner Reaktion hindurch ringen. Wie kann sie Nazeeya vertrauen, nach dem was geschehen ist? Wie kann sie jemandem vertrauen, der es einfordert, einfach so?
„Nazeeya, was ist mit Dir? Wie kannst Du eine solche Entscheidung von meiner Schwester verlangen? Jetzt, zu diesem Zeitpunk? Was ist das für ein Ultimatum?“. Fareed erhebt sich und will einen Schritt auf Nazeeya zu machen, dabei den Kopf fragend schüttelnd.
„Du übertreibst, Fareed“, dringt es warnend aus dem priesterlichen Mund.
„Nein, ich übertreibe nicht. Ich bin erschrocken über das, was ich sehen und hören muss!“
„Wenn dem so ist, werde ich wieder gehen. Ich verlange von jedem Kind unter der Sonne Menek’Ur’s, dass es mir Vertrauen schenkt, egal ob es um eine Behandlung geht oder um die Religion! Und wer mir dies nicht entgegen bringt, den kann und werde ich nicht behandeln“.
„Du kannst kein Vertrauen verlangen!“, schüttelt Fareed den Kopf und wendet sich Delilah zu, die nach wie vor auf der Treppe kauert. Er greift nach ihrer Hand und zieht sie sanft, aber bestimmt, nach oben. „Komm, wir gehen. Sie möchte uns nicht helfen. Yamaal, begleitest Du uns?“, geht die Frage an den Magier, der sich nahezu unbemerkt dazu gesellt hat. Delilah für ihren Teil hat es nicht wahrgenommen und so drückt sie sich ein Stückchen enger an ihren Bruder – die Erinnerung an die Mittagsstunden flammt auf. Yamaal begegnet der Bitte mit einem Nicken und die drei machen sich auf den Weg, Nazeeya hinter sich lassend.
Ihr Ziel ist die Oase, ein Ort um wieder zur Ruhe zu kommen, wie Fareed es nun für angebracht hält. Doch sie sollen es nicht erreichen, denn der Erhabene selbst kreuzt ihren Weg. Und nachdem Yamaal diesen auf den neusten Stand der Dinge gebracht hat, führt ihr aller Weg schnurstracks in den Palast - auch der von Nazeeya, die hinzu gerufen wird.
„Nun, Fareed. Was bedrückt Dich und Dein Haus?“, eröffnet Rashad die nicht ganz freiwillige Runde. Zu Füßen seines Throns kniet eine junge Haremsdame, die immer wieder verliebte Blicke zu ihm auf sendet.
„Ich bin nur ein einfacher Säbelschwinger, mein König und es ereignen sich Dinge, von denen ich nichts verstehe, die ich nicht begreifen kann. Ich bin um das Wohl Aller bemüht, doch es gleitet mir aus den Händen! Meine Schwester ist gefangen in ihrer eigenen Angst und niemand scheint in der Lage ihr diese zu nehmen! Im Gegenteil, es scheint, als wird es immer schlimmer! Ich weiß nicht, was ich tun soll, Erhabener!“. Ratlos wirft Fareed die Hände in die Luft, auch von ihm hat die Verzweiflung Besitz ergriffen.
„Yamaal, Du bist ein erfahrener Mann im Umgang mit den Künsten, weißt Du einen Rat?“, wendet sich Rashad dann an den Magier, der daraufhin die Schultern anhebt. „Ich muss gestehen, dass ich mir sehr unsicher bin. Bei unserer ersten Begegnung lief sie schreiend davon, als in das Lied eingegriffen wurde. Doch glaube ich, dass die Gabe in ihr zu finden ist. Es spricht so vieles dafür. Sie suchte mich vor einigen Tagen von sich aus auf, erbat meine Hilfe. Und heute Morgen wollte ich ihr diese Hilfe zuteil werden lassen, wollte sie in das Lied hinein horchen lassen. Doch alles, was sie vernehmen konnte, war ein scheußliches Lachen, wie sie sagte und lief panisch davon. Ich kann nicht einschätzen womit ich es zu tun habe“.
Ein dankendes Nicken in Yamaal’s Richtung, dann lenkt Rashad seine Aufmerksamkeit auf Delilah. „Möchtest Du etwas dazu sagen, liebe Delilah?“.
Sie blickt auf, erkennt ein erneutes Mal die Tiefen seiner blauen Augen. Die Farbe des Ozeans, ihr Ort der Sicherheit. Und sie nickt, kommt einen Schritt nach vorn.
„Ich habe Angst. Vor mir selbst. Vor dem, was in mir ist und mich immer wieder überfällt. Ich versinke darin, sehe keinen Weg heraus. Ich zerstöre meine Familie, bringe sie in Gefahr und selbst er, Yamaal, weiß nichts mit mir anzufangen. Reiht sich ein unter die Heiler und Priester, die mich aufgegeben haben“, flüstert sie leise, unfähig die Stimme zu ihrem vollen Klang zu erheben.
„Ich kann Dein Problem nachvollziehen, Delilah. Und ich werde es zu meinem eigenen machen, nichts unversucht lassen es zu lösen. Dazu möchte ich Dir eine kleine Geschichte erzählen“. Und der junge König des Wüstenreiches erzählt vom Tod seines Vaters, seinem Unfall am heiligen Berg. Der Berg, der zu seinem Feindbild wurde, weil er ihm den Vater genommen hat. „Ich mag den Ort nicht, der mir meinen Vater aus den Händen gerissen hat. Doch ich wäre ein schlechter König, würde ich den Berg, der unserem Volk alles bedeutet, auf Ewig meiden. Du hast Angst vor Deiner Gabe, Delilah, doch glaube mir, dass sie für Dich und Dein Volk Gutes bewirken kann. Nur musst Du Dich ihr stellen“.
Eine kleine Pause, in der sich ein Mantel der Stille über den Thronsaal legt. Keiner der Anwesenden verliert auch nur ein Wort, lediglich im Nicken des Kopfes, in der Zustimmung zu Rashad’s Worten, da sind sie sich alle einig. Bis auf die junge verwirrte Menekanerin.
„Delilah, würdest Du mit mir allein ein Gespräch führen? Ohne Deinen Bruder?“, fragt Rashad dann und als ein Bejahen zur Antwort erhält, bittet er die anderen Menekaner aus dem Thronsaal. Ein letzter Blick von Nazeeya, der Delilah wieder einen Schauer über den Rücken jagt. Ein letzter Blick von Fareed, in dem Ratlosigkeit und Wut schimmern. Und ein Seufzen von Yamaal, ehe er sich abwendet.
„Was hast Du erlebt in der letzten Zeit, was Dein Herz erfreut hat? Hast Du das Meer noch einmal besucht?“, fragt Rashad dann, als sie nur noch zu dritt im großen Thronsaal sind.
„Ja, ich habe es noch einmal gesehen. Ich habe darin gestanden und ich habe eine Muschel gefunden, die ich mir ans Ohr gehalten habe. Ich konnte das Wellenrauschen darin hören, so wie Ihr es gesagt habt“.
„Du fühlst Dich wohl am Strand, wenn die Wellen heran rauschen und die Füße umspülen, nicht wahr? Ich denke, ich werde Dich und Yamaal einmal zur Küste begleiten. Gemeinsam werden wir noch einmal versuchen dem Lied zu lauschen. Zwar verstehe ich nichts von der Magie, aber wenn Du wieder dieses grausliche Lachen hörst, dann tauchst Du ein in das Tosen des Meeres und wischst es beiseite. Hm, was meinst Du? Möchtest Du es probieren, mit mir gemeinsam?“.
Auch wenn es als Frage auftritt, es ist keine. Seine Worte sind die des Erhabenen, sie sind Aufforderung und keine Bitte. Sie werden ausgesprochen um befolgt zu werden. Diese Erkenntnis macht selbst vor Delilah’s durcheinander geratenem Geist nicht halt. Er reicht ihr seine Hand und er erwartet, dass sie sie annimmt. Und so ist es wenig verwunderlich, dass sie nickt. Dabei erhascht sie einen kurzen Blick auf seine Augen, den kleinen Ozean. Ihr Hort der Sicherheit. Er weiß, was gut für sie ist, ganz bestimmt.
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Verfasst: Donnerstag 14. Oktober 2010, 17:44
von Delilah Janaan Masari
Sturz in den Abgrund
Es ist früher Abend auf der Wüsteninsel. Am wolkenlosen Himmel glüht die Sonne in sattem Orange und macht sich nur langsam bereit zum Horizont herab zu sinken. Noch spendet sie ausreichende Wärme, die Kälte der Nacht ist weit entfernt. Irgendwo, abseits vom Trubel der Hauptstadt, steht eine kleine Gruppe von Menekanern an der flach abfallenden Küste. Sanft branden die Wellen ans sandige Ufer.
„Ich werde die ganze Zeit bei euch sein und ein Auge auf euch haben“, spricht der junge Rashad aufmunternd gen Delilah. Diese wendet sich daraufhin zu Yamaal, der bereits mit den nackten Füßen im Wasser steht und auch von ihm erntet sie ein bestätigendes Kopfneigen. So gesellt sie sich dann zu ihm und gemeinsam waten sie ins kühle Nass hinein bis es ihnen hoch zur Hüfte reicht. Delilah fühlt die weichen aber bestimmten Bewegungen der Wellen, bewegt sich mit ihnen. Ihr Herz pocht aufgeregt, sie zittert am gesamten Körper. Aus ihrem Blick sprudelt die blanke Angst, doch sie gibt sich alle Mühe sich zusammen zu reißen. Sie muss es tun, hier und jetzt!
„Wir sind bei Dir, Delilah. Wir geben auf Dich Acht“, muntert auch Yamaal sie auf und greift nach ihren Händen, umfasst sie und streichelt sie kurz. Dann taucht er sie unter Wasser, lässt die Gischt darüber gleiten. „Ich werde noch einmal versuchen Dich in Dein Inneres zu führen. Ich werde die ganze Zeit Deine Hand halten, ich werde bei Dir sein. Schließe nun Deine Augen und folge meiner Stimme. Höre nur auf meine Stimme!“
Delilah nimmt einen tiefen Atemzug. Nicht nur, um Luft in die Lungen zu befördern, sondern auch um den Mut, den Yamaal ausstrahlt, in sich aufzunehmen. Es ist ihre letzte Chance. Langsam legen sich die Augenlider über den Blick. Bis zur letzten Sekunde betrachtet sie die Welt um sich herum, das Hellblau des weiten Himmels, das feurige Rot der Sonne und ihr Glitzern auf dem endlosen Türkis des Meeres. Und dann .. Schwärze und Dunkelheit.
„Konzentriere Dich auf Dich selbst, Delilah. Blende alle Geräusche aus, das Kreischen der Möwen, das Keckern der Delphine und das Rauschen der Wellen. Gehe tief in Dich hinein und lausche. Lausche gründlich und geduldig“, spricht Yamaal monoton, angenehm und tief legt sich seine Stimme fast schon hypnotisch in Delilah’s Gehör. Ihr Kopf wippt im Takt seiner Worte, während sie versucht ihnen Folge zu leisten. Sie hat Angst vor dem, was sie in ihrem eigenen Inneren finden wird. Große Angst vor dem, was sie dort erahnt. Doch sie hält nicht inne, sie geht weiter, Schritt um Schritt. Aber ihre Konzentration ist zerbrechlich wie Glas, der eigene galoppierende Herzschlag eine Ablenkung.
„Ich finde nichts“, flüstert sie leise.
„Gib nicht auf. Mach’ weiter, Delilah, horche tief in Dich hinein. Blende alles andere aus, alle Geräusche, alle Gedanken. Du bist sicher bei uns. Mach’ Dich auf die Suche!“
Und wieder folgt sie seinen Worten, bewegt sich zurück ins eigene Innere, weiter und weiter, während die Wellen sie weich hin und her wiegen und gleichzeitig Yamaal’s Griff sie hält.
Meine geliebte gehasste Welt, hier bin ich wieder.
Ich blicke hinein in die endlose Weite des farblosen Daseins, erkenne weit entfernt zwei Gestalten, gebe ihnen die Identität von Yamaal und Rashad. Es fühlt sich gut an zu wissen und zu sehen, dass sie da sind, doch meine Aufmerksamkeit darf nicht ihnen gelten. Ich bin auf der Suche nach etwas Anderem. Ich bewege mich auf glattem Gestein, meine nackten Sohlen vernehmen weder Kälte noch Wärme. Mein dünnes blutrotes Kleid bewegt sich im Takt meiner Bewegung, mit den Fingerspitzen streife ich zahlreiche große und kleine Felsen, die meinen Weg säumen. Wohin soll nur gehen, wo ist der richtige Weg?
Ich muss mir nicht länger Gedanken darum machen, denn ich werde überwältigt von dem donnernden Lachen, das ich so sehr gefürchtet habe. Es kommt mit einer solchen Wucht über mich, dass es mich von den Füßen reißt und ich die Hände reflexartig an den Kopf presse. Unter ihnen spüre ich eine warme Nässe. Blut! Mein Kopf, er schmerzt, er wird zusammen gedrückt und steht kurz vor dem Zerplatzen. Es schwirrt, es surrt, es hämmert und ich kann keinen klaren Gedanken fassen, habe die Kontrolle über meinen Körper verloren. Und ich spüre den Hohn, den Spott und die Verachtung. Die Schwäche.
Delilah reißt die Augen auf, heiße Tränen ergießen sich aus ihnen und hektisch bewegt sich ihr Brustkorb auf und ab. Ihr Herz droht zu zerspringen, während sich ihr Hals mehr und mehr zuschnürt. Ein röchelndes Husten quillt gerade noch aus den Tiefen der Lunge hinauf. Sie fühlt sich elend, hundeelend.
„Schh, Delilah, schon gut. Du hast es gut gemacht, aber wir werden jetzt nicht aufgeben“, spricht Yamaal mit ruhiger Stimme und winkt einmal gen Strand. Dort hat sich inzwischen eine weitere Menekanerin eingefunden, die nun zu ihnen ins Wasser steigt. „Du hast wieder das Lachen gehört?“, harkt er bei Delilah unterdessen nach und bekommt seine Vermutung mit einem Kopfnicken bestätigt. „Hat das Lachen denn eine bestimmte Stimme, eine, die Du kennst?“.
„Ich kenne sie aus meinen Träumen. Sie war da, als ich das Feuer ….“, setzt sie an und bricht unter heftigem Kopfschütteln ab. Nicht diese Erinnerung, nicht hier und jetzt.
Ein Nicken von Yamaal, dann sieht er wieder zur Seite und lenkt die neue Menekanerin zu sich heran. „Komm’ zu uns Shaymaa. Keine Sorge Delilah, sie wird Dir helfen, sie wird Dich stützen.“
„Darf ich mich Dir nähern? Ich möchte Dir gerne eine Hilfe sein“, fragt Shaymaa leise und lässt Delilah in ihren Blick eindringen. Delilah blickt hinüber zu Yamaal und letztlich über die Schulter zu Rashad, der vom Ufer aus alles beobachtet. Von beiden Seiten erntet sie Zustimmung und so bejaht sie die Frage.
Und während ihre Hände weiterhin in denen Yamaal’s liegen, umfasst Shaymaa sie nun von hinten an der Hüfte, drückt sich leicht an ihren Rücken. Auf Geheiß des Magiers schließt Delilah erneut ihre Augen und lässt sich wieder zurückführen zu dem Ort, vor dem sie schon so oft versucht hatte zu fliehen und der sie immer wieder heimgesucht hat.
Zurück.
Ich muss nicht lange auf die Rückkehr des Lachens warten, auf seine Art vorfreudig nimmt es mich in Empfang. Es wirbelt um mich herum und jagt mir heiße und kalte Schauer über den Rücken. Es zerrt an meinem dünnen Kleid, es rupft an meinem strähnigen Haar. Und es donnert, poltert, geifert und grollt.
Nein, diesmal nicht, Du widerliches Ding! Diesmal lasse ich mich nicht von Dir verdrängen, diesmal stelle ich mich Dir! Ich gehe hinab in die Hocke, drücke meine Sohlen fest auf den Boden unter mir und kralle meine Finger hinein in den geschliffenen Stein. Ich sammle alle Kräfte, die ich auftreiben kann, aus allen Fasern meines Körpers ziehe ich sie, bündele sie tief in mir. Nein, nein, nein, brülle ich dem Lachen immer wieder entgegen, zwischendurch beiße ich die Zähne zusammen, so fest, dass ich meine Knochen bersten hören kann. Aufgestachelt durch diesen Widerstand fährt das höhnische Jaulen zu Hochform auf, peitscht mich, fetzt mir die Haut herab und zieht an meinem Trommelfell. Ich schwimme in purer Verachtung, spüre tausend Krallen an mir, die mich mit Verzweiflung und Angst infizieren wollen.
Irgendwo in weiter Ferne sehe ich mein kleines Ich, dieses kleine zerbrechliche Wesen. Es schreit, es heult und es windet sich unter den Qualen, die es wie ich erleiden muss. Mein Herz blutet bei diesem Anblick, doch ich darf nicht aufgeben. Wir dürfen nicht aufgeben. Ich stöhne, als die kleine Delilah in tausend Teile zerspringt und die Splitter sich tief in mein Fleisch graben. Nicht mehr lange und das Gleiche geschieht mit mir, das weiß ich.
Das Lachen, es dringt tief in mich ein, quetscht sich durch alle Poren hindurch um mich von Innen auszufüllen. Nein, nein, nein! Ich schicke einen gellenden Schrei heraus, als das Lachen mich fast komplett eingenommen hat, ich werde geschüttelt von einer nicht enden wollenden Salve aus Pein und Schmerz. Ich will nicht aufgeben, aber ich spüre, wie ich mehr und mehr in die Knie gezwungen werde. Triumphierend höhnt das Lachen, weiß mich schon in seinen giftigen Händen, rechnet mit meiner Aufgabe.
Ich bin rasend vor Schmerz und doch nehme ich noch einmal all meinen Willen zusammen, all meine Kräfte. In meinem tiefen Inneren beginnen sie zu leuchten, hell und erhaben. Ich kenne dieses Licht, habe es in meinen eigenen Händen und in denen Yamaal’s gesehen. Diesmal verbrennt es mich nicht, diesmal wärmt es mich und steht mir bei. Es wächst und wächst, drängt die Schwärze des Lachens zurück, hilft mir bei der Zurückeroberung meines Ichs, zwingt es aus mir heraus. Ich spüre, wie mir beigestanden wird, wie auch Yamaal und Shaymaa ihr Licht schicken, so dass es sich mit dem Meinen vereinen kann.
Ich gehe unter in der Explosion reinen Lichtes, in einem Regen aus glühenden Funken. Ich selber bin das Licht und versprühe kleine abertausende Blitze. Das Lachen, es ist verstummt, ich habe es zerfetzt wie es mich zerfetzen wollte. Ich habe es zerstört.
Da, eine Melodie. Ganz leise nur, ganz dünn. Ich horche genauer hin, kann die zarten Töne vernehmen. Sie erinnern mich an die liebevolle Stimme meiner Mutter, wenn sie mich früher in den Schlaf gesungen hat.
Und ich höre sie wispern: Du bist frei, Delilah!
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