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Armes Häschen bist du krank... die Grippegräfin
Verfasst: Samstag 24. Juli 2010, 13:51
von Ravea Silbermann
Mit Sorge wackelte die rundliche Haushälterin durch das stilvolle Schlafgemach und war doch dabei unglaublich behutsam und leise. Dann und wann, wenn ein schläfriges und entkräftetes Seufzen die Still im abgedunkelten Raum durchschnitt, drehte die alte Dame recht rasch den Kopf und blickte in Richtung Himmelbett, in welchem eine schlanke, zarte Gestalt lag. Beinahe verloren wirkte sie so inmitten all der Decken und Kissen. Das Gesicht jener jungen, schlafenden Frau erinnerte, so im Traume verloren, eher an ein gequältes Kind als an eine Gräfin... ja Gräfin.
Mariella hatte eben nicht auf sie gehört, sich eben keinen Deut um sich selber geschert und in all den Aufregungen um Verhaftungen, Gerichtsterminen, Bürgeranträge und dergleichen auch ihre Gesundheit ganz vergessen. Den Schnupfen hatte sie schon seit Wochen mit sich gezogen und selbst als dieser, statt besser zu werden, nach und nach auch noch eine kehlige Heiserkeit mit sich brachte, war Ravea, ihre alte Haushälterin, längst auf die Barrikaden gegangen.
So hatte sie mit der hohen Dame geschimpft und gezetert, wie mit einem jungen, unvernünftigen Mädchen, hatte emsig Teesorten ausprobiert, den Honigvorrat geschröpft und ein gefühltes Meer an Suppe gekocht.
Leider nur war besagte Gräfin stets auch eine gute Schauspielerin und hatte, um wohl ihr gesamtes Umfeld nicht in tiefste Sorge zu stürzen, ihnen allen ein tapferes Lächeln geschenkt, vorgegeben, dass sie sich schon so viel besser fühlen würde und eilig verschwiegen, dass sie längst auch noch Fieber zu ihren Symptomen zählen musste.
Wie groß war da der Schreck und die Not, als Ravea mitten in der Nacht von einem lauten Gepolter aus den Gemächern der Gräfin geweckt wurde. Tiia überholte sie noch im Sauseschritt, als sie schnaufend die Treppen erklomm. Doch statt dem mutmaßlichen Räuber im Zimmer, lag die Gräfin jappsend auf dem Teppich und murmelte - störrisch wie eh und je - dass sie nur ausgerutscht wäre. Doch man brauchte keinen Arzt um zu erkennen, dass ihre Bewegungen fahrig und das Gesicht kreidebleich, doch voller glitzernder Schweißperlen, war.
"Kein Arzt, ich komme schon wieder auf die Beine!"
Drohung und Anordnung zugleich...
Seitdem saßen sie da. Tiia der verzweifelt versuchte die liegengelassene Schreibarbeit irgendwie zu erledigen, Ravea, die Betten aufschüttelte, Tees köchelte und sich nun um beide "Mädchen im Hause" - Mariella und Ariah - Sorgen machte und... nunja, nicht zuletzt ein schwerst besorgter, junger Herr Oberst.
Wohin sollte das nur führen, was tun, wenn die Gräfin ja doch all die bekannten Ärzte und Heiler der Stadt freundlich aber bestimmt wieder fortsenden würde?
Ein Ächzen erklang wimmernd vom Bette und rasch eilte die dickliche Alte, um die kalten Wickel um Mariellas Stirn und Nacken auszuwechseln.
"Mei arms Madla..." , murmelte Ravea ergriffen und erstarrte dann aber.
Wie ein Lichtstrahl, der sich durch die zugezogenen Vorhänge stahl, war ihr blitzend und rasch eine Idee, nein eine wahre Erleuchtung gekommen und jene hatte einen Namen:
Anora Silbermann
Mit einem Stoßgebet zur Lichten und der Mutter dankte Ravea wieder einmal dafür, dass man ihr solch wunderbare Kinder und eben auch Enkel geschenkt hatte...
Verfasst: Samstag 24. Juli 2010, 14:31
von Tiia Elvre
Auf eine Tasse Tee hatte er sich in die Küche gesellt, wo er nun auf einem der Stühle saß, an die Wand gelehnt, die Augen geschlossen. Das feine Aroma einer der unzähligen Geheimmisschungen Raveas verband sich mit der Süße des Honigs und perlte über die Zunge und die Kehle hinab.
„Ehrlich, Fräulein Ravea, ich hätte nicht geglaubt, dass sie sogar auf Euch nicht hört, was ihr Schnüpflein angeht. Und so wird daraus eine ganz erlauchte Grippe. Verpetzt mich nicht, aber: Stures, unvernünftiges Ding!“
Ein weiterer Schluck Tee folgte dem ersten und zielsicher griff eine Hand nach der anderen Spezialität der Haushälterin aus. Ihren formidablen, dem Ruf des Hauses in nichts nachstehenden Nussecken.
„Dabei war es die letzten Tage eigentlich noch relativ ruhig gewesen. Sieht man einmal von den Vorgängen um diesen unverschämten Piraten Amarth ab. In Ruhe hätte sie sich auskurieren können. Aber nein, man könnte ja etwas versäumen. Und ausgerechnet jetzt, kaum dass es sie vollends erwischt hat, kommt wieder eine Anfrage nach der anderen rein.“
Die Augen öffnend, den Blick auf Ravea lenkend hob er den kleinen Stapel an Briefen, Bittstellungen, Anträgen und Aktennotizen an, den er kurz zuvor im Rathaus abgeholt hatte. Ein Schmunzeln legte sich auf des Sekretärs Lippen und der Schalk flackerte deutlich sichtbar in seinen grauen Augen auf.
„Werdet Ihr Euch wohl ebenso rührend um mich kümmern, wenn ich, aschfahl und eingefallen, das letzte Talglicht entzünde, um mühsam noch den letzten Brief zu entziffern?“
Mit einem Zwinkern gedachte er noch, den wahren Hintergrund seiner Frage zu unterstreichen. Sich erhebend schob er frecherweise einen großen Teil der frischen Nussecken auf einen Teller, um ihn, zusammen mit den Schriftstücken fortzutragen.
„Nur eine Notration, Fräulein Ravea. Nur eine Notration.“
Verfasst: Montag 26. Juli 2010, 18:33
von Ravea Silbermann
Gut... es war nicht sooo schwer gewesen, Anora aus dem Haus zu locken, denn obwohl es nun schon mitten in der Nacht war, hatte jene noch alle Hände voll damit zu tun gehabt, die neuen Möbel hin und her zu rücken und eine gewaltige Menge an Kisten, Körben und Truhen treppauf, treppab zu schleppen. Natürlich war die junge Frau da mehr als dankbar, dass ihre alte Großmutter ihr blinzelnd und zwinkernd eine Überraschung an der frischen Luft versprach.
Doch dann war es schwieriger geworden, denn wie beginnt man so ein reichlich komisches Thema und bringt eine junge, aufstrebende Heilerin dazu, des Nachts in die Gemächer der Gräfin einzusteigen... nunja "einsteigen" nicht ganz, war doch zumindest Tiia darüber informiert, der hinter dem Berg an Pergament- und Schöpfpapierbriefen, -rollen, -depeschen, -Plakaten und so weiter in der Schreiberstube zu ersticken drohte und sich nun einmal wieder wohl am besten in die nervlich und gesundheitlich geplagte Gräfin hineinversetzen konnte.
Der gute Junge hatte sogar angeboten, den Heilerbesuch, sollte denn die hohe Dame doch dahinter kommen, auf seine Kappe zu nehmen - Hauptsache ja, sie würde genesen, doch musste man, um so weit nachgrübeln zu können, erst einmal den Berg zum Propheten bringen... und jener reichlich schlanke, anmutige "Hügel" schlenderte eine geraume Weile noch sehr artig neben Ravea her.
Als sie allerdings die Brücke zum Adelsviertel überqueren wollte, merkte Ravea, wie ihre Enkelin recht abrupt inne hielt und sich erstaunt umsah.
"Oma?", die Worte waren wegen der späten Stunde beinahe geflüstert, "bist du dir sicher, dass du nicht gerade aus alter Gewohnheit den Weg zur Arbeit gehst... oder was wollen wir im Viertel der hohen Herrschaften mitten in der Nacht."
Da half kein Zaudern, kein Ablenken und schon dreimal kein Ignorieren. Anora hatte den selben Dickkopf wie ihre Großmutter und jene stand seufzend Rede und Antwort. Langsam begann sie von der schrecklich kranken Gräfin, deren Fieber nicht sinken wolle und senkte den Blick rasch, als das anfängliche Mitgefühl in den Augen der geliebten Enkelin an der Stelle, an welcher der verschwörerische Plan der gräflichen Hausangestellten begann, purer Verwirrung wich.
Dennoch brummelte sie ihre Geschichte zuende und schloss seufzend mit den Worten:
"... und sou müssdest hold nei in dey Stubn und donn mid mir und dem Herrn Elvre gönz leis dey Trepp'n nauf zum Schlofg'maach. Dou is scho ois zurecht gemochd und mir hom aah Kräuterle und Salb'n g'holt oba I woas hold niid wos I neh'm soll für dey Gräfin und dou brauch'n mir dii."
Schuldbewusst hob sie die wässrig blauen Augen und blinzelte erstaunt, als Anora ihr so frech und amüsiert entgegen grinste, als habe man ihr den Schalk mitten ins Herz gepflanzt.
"Na dann... mal auf, Oma. Lassen wir diesen Herrn Elvre nicht warten!"
Leise summend schlenderte Anora voran, gefolgt von einer glückseeligen Großmutter, die wieder einmal dankbar um derart feine Enkel und auch wagemutige "Kollegen" war.
Nun musste nur noch Mariella genesen und ihnen danach nicht den Kopf abbeissen...
Verfasst: Mittwoch 28. Juli 2010, 16:29
von Anora Silbermann
Der schelmische Blick ihrer Großmutter hätte eigentlich als Erklärung reichen müssen. So kannte sie ihre Oma schon damals und auch bis heute hatte sie sich in diesem Punkt nicht geändert. Schabernack. Ravea ging oft die eigentümlichsten Wege, um ihren Willen durchzusetzen und etwas zu erreichen. Diesesmal war es ihr Ziel, die Gräfin heimlich aufzusuchen, da sie eine Behandlung verschmähte, und Anora die einzige unsichtbare Hoffnung war die Gräfin alsbald wieder gesund zu sehen. Natürlich hatte Anora sich die Begegnung mit dem Haushalt der Gräfin und auch mit ihr selbst ganz anders vorgestellt. Herr Elvre. Er stand bereits wartend vor dem Hause als Ravea und Anora mitten in der Nacht eintrafen.
Flüsternd wurde die junge Heilerin in das Schlafgemach der Gräfin geführt worden und auch der erste Blick auf die kranke Vogtin brachte rasche Erkenntnis. Das Fieber musste wahrhaft hoch sein, die dunkle Haarpracht Mariella's klebte ihr bereits an der feuchten Stirn und auch der Atem war wärmer als üblich, als sich Anora näher beugte um die schlafende Mariella ersteinmal nur anzusehen. Noch bevor Anora eine Hand fühlend auf ihre feuchte Stirn legen konnte, öffnete die Gräfin die Augen blinzelnd und sah die junge Heilerin an. 'Oh Fräulein Ravea .. ihr bringt den Tee oder?' Anora blinzelte schweigend in ihre Richtung als die Gräfin sie fragend ansah und schliesslich weiter meinte: 'Ihr seht heute recht jung und frisch aus .. so ganz ungewohnt.' Anora schmunzelte schweigend und als die Gräfin erschöpft und für einen kurzen Moment die Augen schloss, schob sie rasch ihre Großmutter ans Bett, damit sie ihr antworten konnte.
Während ihre Oma mit der Gräfin sprach, und ihr die Stirn mit einem Tuch abtupfte, bereitete Anora ein Tuch mit einer anderen Tinktur vor. Sie würde die Gräfin wieder einschlafen lassen, und sie konnte sie behandeln, ohne das sie viel mitbekäme. Sie flüsterte leise Erklärungen zu Herrn Elvre hin, der all ihre Bewegungen wohl aufmerksam zu beäugen schien. Normalerweise war es auch nicht Anora's Art heimlich Patienten aufzusuchen, sie zu behandeln und wieder unterzutauchen, als sei sie nie Vorort gewesen. Aber manche Menschen bedurften zu ihrem eigenen Wohl einer spezielleren Behandlung und den Schabernack ihrer Großmutter machte Anora allzugerne mit. Sie lächelt beruhigend in die Richtung von Herrn Elvre und trat dann wieder an das Bett heran. Die Gräfin hatte vor Fieber und Erschöpfung die Augen bereits wieder geschlossen, so hatte Anora es leicht, ihr das hauchdünne Tuch über Mund und Nase zu legen, das die Vogtin im Dämmerschlaf halten sollte.
Anora wartete einen Moment die Wirkung ab, und griff derweil zu ihrer Medizintasche, die sie fast immer bei sich trug, um das Hörröhrchen, Medizin, Tücher und Salben hervorzukramen. Herr Elvre drehte sich diesesmal freiwillig herum als die junge Heilerin begann Mariella abzuhorchen und zu untersuchen. Das Fieber war fast schon besorgniserregend hoch und die Geräusche der Atemwege glichen einem Konzertspiel. Die Behandlung hätte schon vor Tagen erfolgen sollen und sie nickte ihrer Großmutter mit den Worten, das diese nächtliche Aktion das einzig Richtige sei, zu.
Wadenwickel wurden verordnet, und fiebersenkende Medizin bereitgestellt. Auch die hauchdünnen Tücher wurden auf den Nachttisch gelegt. Darauf sollte man in den kommenden Tagen, eines der Tinkturen geben, und sie auf dem Gesicht der Gräfin platzieren. Die Duftstoffe der Tinktur würde sie somit einatmen können und das Atmen fiele ihr bald leichter. Auch eine Salbe für den Brustkorb gab sie dazu, die sie gleich selbst auftrug, damit sie bereits über Nacht wirken konnte. In zwei bis drei Tagen sollte bereits eine auffallende Besserung eingetreten und das Fieber gänzlich verschwunden sein. Sie erklärte alles ihrer Großmutter Ravea und Herrn Elvre genauer, nachdem sie das Zimmer wieder verlassen hatten.
Anora empfand es ein wenig unangenehm noch weiter zu so später Stunde in dem Hause zu verweilen und verabschiedete sich rasch. Sie hoffte die nächste Begegnung mit der Gräfin würde weniger heimlich, und bei Tageslicht stattfinden. Mariella hatte sie angesehen, und für ihre Großmutter gehalten. Die Hoffnung keimte in Anora auf, das Mariella sich bei der nächsten Begegnung nicht plötzlich erinnert fühlte. Daran, das in dieser Nacht Anora und nicht Ravea vor ihrem Bette stand.
Verfasst: Sonntag 1. August 2010, 17:13
von Friedolin von Tannhoeh
Er saß wie oft noch spaet in der Nacht an seinem Schreibtisch, Wachschichten einteilen, als die Botschaft des graeflichen Zusammenbruchs ihn erreichte. Er machte sich so rasch es ging auf ins Dornwaldsche Anwesen - vielleicht etwas zu rasch, denn der Gardist der gerade im Flur entlang ging meinte noch zu ihm. ob er denn nicht die Kerze loeschen wolle oder sein Buero absperren. Nachdem er es irgendwie geschafft hatte den Gardisten schon im Hinausgehen innerhalb von einer halben Minute voellig ungerechtfertigt aber dafuer umso eindrucksvoller zusammenzustauchen, eilte der Oberst in voller Montur - abgesehen von dem Barett, welches noch immer seinen Schreibtisch zierte - durch die Gassen Adorans.
Angekommen im Hause polterte er die Treppe hinauf und ohne groß nachzudenken in das ohnehin geoeffnete und durch die Anwesenheit Raveas und Tiias ohnehin belebte Schlafgemach der Graefin. Zwischenzeitlich versuchte die Gesichtsfarbe des Ritters wohl mit jener der Graefin zu konkurrieren, was aber bei dem erbaermlichen gesundheitlichen Zustand aller Besorgnis zum Trotz wohl nicht gelingen konnte. Irgendwie schaffte er es auch in seinem fahrigen Zustand und zwischen all den ueberfluessigen und von Nervositaet gepraegten Bewegungen sich mit der ein oder anderen Handlangertaetigkeit nuetzlich zu machen, obgleich die anderen Anwesenden nach dem gefuehlten 1000. gedrehten Kreis sich sichtlich genervt zeigten. Er verbrachte wohl so gute 2 Stunden im graeflichen Zimmer, ehe er schließlich einsah, dass seine Anwesenheit nur Mariellas Ruhe nur abtraeglich war, waehrend sich der Nutzen doch arg in Grenzen hielt.
Eine schlaflose Nacht im Gaestezimmer spaeter, bemuehte er sich redlich, jedenfalls seine Amtsgeschaefte halbwegs reibungsfrei zu erledigen, den Schein der Ruhe und Normalitaet aufrecht zu erhalten, ertappte sich aber immer wieder, wie er in Abwesenheit von anderen seinen Schreibtisch umrundete, nicht geplant sondern automatisch, wie in Trance. Wie gerne wuerde er Mariella helfen, wie schoen waere es, wenn die Krankheit ein Feind mit Koerper waere, den er mit dem Schwert durchbohren koennte, immer und immer wieder, aber diese Machtlosigkeit! Es machte ihm zu schaffen, der Offizier fuehlte sich wie ein kleines Kind. Schließlich hielt er es nicht mehr aus, er brauchte Bewegung, musste dieses Gefuehl der Hilflosigkeit ablegen, diesen klammernden Griff um seinen Verstand und so begab er sich in die Wildnis, in die gefaehrlicheren Gebiete der Lande, wie in Trance zerschlug er all diese Wesen die sich ihm in den Weg stellten - teilweise unbewusst doch durch die innere Wut und all jene erlernten Bewegungsablaeufe mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit. Er wuerde sich spaeter dessen bewusst werden, dass er die Grippe in der Tat auf seine Gegner projeziert hatte, dass ihn die blinde Wut geleitetet hatte - Eigenschaften, die er eher einem Anhaenger des Brudermoerders andichten wuerde.
Diesen Abend verbrachte er noch eine gute Weile auf einem Stuhl an ihrem Bett. Irgendwann ueberkamen ihn Zweifel an der Schicklichkeit dieses Verhaltens, seine Unruhe bauschte diese Gedanken ins Unendliche auf, welcher sich dann noch mit Skepsis mischte, ob es dem geliebten Wesen recht waere, dass er sie so sah - zumal er sich ueber ihre Gefuehle nicht einmal im Klaren war, irgendwie blieb das all die letzte Zeit doch sehr im vagen. Er beschloss also die Zeit vor ihrem Zimmer auf dem Stuhl Wache zu schieben, der Ort an dem er die folgenden Tage jede freie Minute verbringen wuerde, in der in nicht Unruhe quer durch die Gegend trieb, der Ort an dem er den wenigen Schlaf fand - ausser jene zwei Naechte, in denen er vor Erschoepfung an seinem Schreibtisch einschlief. So bekam er auch jene Verschwoerung innerhalb des Haushaltes nicht mit, musste sich nicht damit beschaeftigen, ob dies die richtige Entscheidung war, obwohl sich diese Frage wohl nur oberflaechlich abspielen wuerde, waehrend der Entschluss laengst gefasst waere.
Schließlich verging die Zeit der Krankheit doch, aber selbst als sich bei der Graefin Besserung einstellte wich die Unruhe nicht von dem Oberst, solange sie noch geschwaecht darnieder lag. Einige Wochen spaeter wuerde er sich nur noch schemenhaft an diese schwere Zeit erinnern, nur zwei Erinnerungen wuerden sich ihm bis ins letzte Detail erhalten: der Anblick, als er die Frau, die sein Leben bestimmte das erste Mal in diesem jammervollen Zustand erblickte und dieser ewige Wunsch als er vor ihrem Zimmer wartete. Dieser Wunsch, die Tuere aufzureissen und ihre Hand zu halten, ihre Haut zu spueren und ihr die Kraft zu spenden, die er letztlich nicht aufzubringen vermochte.
Verfasst: Sonntag 1. August 2010, 19:47
von Tiia Elvre
Schwere Gewissensbisse plagten den Sekretär Ihrer Erlaucht. Nicht nur, weil er sich in nicht gerade geringem Maße an einer Verschwörung gegen die -wenngleich dummen- gräflichen Wünsche beteiligt und sichergestellt hatte, dass schließlich doch noch eine Heilerin den Weg an ihr Krankenbett fand. Im Grunde wog das weniger schwer, ließ sich recht einfach mit seinem Gewissen vereinbaren.
Deutlich schwerer lag ihm auf der Brust, dass er sich kurz darauf dazu hatte hinreißen lassen ihrem -ebenso dummen- anderen Wunsch nachzugeben, den sie formuliert hatte, kaum dass sie der ärgsten Phase ihrer Erkrankung entschlüpft und das erste mal wieder bei wirklich klarem Verstand war.
„Ich werde...in meinem Sessel sitzen und die Briefe selber lesen...mit oder ohne Eure Hilfe!“
Die erlauchten Worte hallten ein ums andere Mal in seiner Erinnerung wider. Sie hatte es nur der Abwesenheit Raveas, Anoras und Friedolins und der Gutmütigkeit Tiias zu verdanken, dass er sich auf einen Brief -den er ihr vorlas- und den nahen Sessel oben am extra dafür befeuerten Kamin, begleitet von einer Decke und einer heißen Hühnerbrühe, einließ.
Die wenigen Schritte waren der Gräfin sichtlich schwer gefallen. Immer wieder unterbrach der Husten das sanfte, leise und heisere Stimmchen. Immer wieder trat der Schweiß auf Stirn und Glieder, Beweis dafür, dass das Fieber den Kampf noch nicht vollends verloren gegeben hatte.
So dauerte ihr erster Ausflug kaum länger als einige Augenblicke und endete, zurück in ihrer Bettstatt, mit ihren Worten
„Morgen bin ich wieder auf dem Damm!“ und Tiias Versprechen, dass er ihr morgen zwei Amtsbriefe vorlesen würde, wenn ihr Zustand das zulässt.
Schließlich sah er aber eine gewisse Verpflichtung noch jemand anderem gegenüber - dem verzweifelten, fast liebeskranken Obristen. So ward nach einem Boten geläutet, dem aufs allerdeutlichste eingeschärft wurde, diese Nachricht unverzüglich und persönlich an Oberst von Tannhoeh zu überbringen, selbst wenn sich dieser gerade in einer Schlacht vor den Toren Rahals befände:
- „Friedolin,
sie hat heute ihre ersten Schritte getan. Es war anstrengend, nun schläft sie wieder. Aber es scheint bergauf zu gehen.
Gruß,

So endete dann -wieder einmal- ein ganz normaler Tag im Hause Dornwald.
Verfasst: Montag 2. August 2010, 22:54
von Ira Lisarias
Ira wankt schwer beladen durch die Stadt, gut gehüllt in die Dienstkleidung mit direktem Kurs auf das Anwesen der Gräfin. In einiger Distanz wird nochmals die Lieferung überprüft, die Kleidung gerichtet bevor sie am Anwesen ankommt. ''Na immerhin keine Pestbeflaggung'' meint sie noch leise brabbelnd bevor sie einige finale Schritte unternimmt und die Glocke läutet um einige Objekte abzugeben. Darunter sind:
Ein Brief
Ein Schokoladenkuchen
Ein Strauß oranger und purpurner Hoffnungsblumen und seperat einiges an getrocknetem Thymian.
Der Brief ist recht kurz gehalten, bekundet das Beileid um die Erkrankung sowie aufrichtige Wünsche der Besserung und der Zuversicht die Gräfin bald wieder gesund und munter auf den Beinen zu sehen so wie das Angebot auf weitere Hilfe, sofern es erwünscht ist.
Unterzeichnet ist alles im Namen von Grafen von Tiefenberg.
Verfasst: Dienstag 3. August 2010, 16:49
von Mariella von Dornwald
Fest in gleich mehrere Decken gewickelt saß sie am Kamin und ließ ihr Gesicht von der Wärme berühren. Obwohl draußen der Sommer sich seinem Höhepunkt näherte, glühten in der oberen Etage der gräflichen Residenz immer ein paar Kohlen. Wie lange dieser Zustand schon anhielt, vermochte Mariella nicht zu sagen.
Ihre Getreuen hatten diese Entscheidung wohl schon vor Tagen getroffen. Eigenmächtig. Zum Wohl ihrer Herrin. Sie hatten die Vorhänge in ihrer Schlafkammer zugezogen und sperrten das Tageslicht aus, sobald sie es ohne Protest ihrer Gräfin vermochten. Das war nicht weiter schwer, sie brauchten nur zu warten, bis der ausgemergelte Körper sich mit tiefem Schlaf die Ruhe holte, die er brauchte. Der Haushalt von Dornwald sorgte dafür, dass die widerspenstige Adelige bekam, was sie benötigte – ob sie wollte oder nicht.
Ihre Finger waren fest um ein Tüchlein geschlossen, von dem konstant ein Duft ausging und ihre angegriffene Lunge beruhigen sollte. Kam ein Hustenanfall – und diese waren nicht gerade selten – verschafften die ätherischen Öle auf dem feinen Stoff ihr Linderung. Irgendwann jedenfalls.
Von unten drangen gedämpfte Geräusche zu ihr hinauf. Klänge, die das alltägliche Leben des Haushaltes widerspiegelten. Mittlerweile hatte sie eingesehen, dass es noch eine Weile dauern würde, bis sie wieder vollständig daran teilhaben konnte. Die mühsam erkämpften Momente, in denen man sie aus ihrem Gemach oder gar aus dem oberen Trakt kommen ließ, strengten sie an. Jeder Schritt war mühevoll, ein wahrer Kraftakt. Und doch - so spürte sie, dass sie lebte. Auch wenn es ärgsten Protest nach sich gezogen hatte, hatte sie sich die Freiheit genommen, ein paar kurze Besuche zu empfangen. Tiia hatte immer wieder versucht, sie davon abzuhalten, hatte er doch nicht verstanden, dass sie diese Gespräche brauchte. Die Wände in ihrem Zimmer schienen sie zu erdrücken, Mariella war nicht dafür gemacht, in Kammern zu sitzen und den Tag an sich vorbeistreichen zu lassen. Sie musste das Leben spüren, brauchte den Austausch mit Menschen. Die Momente der Muße, die sich nahm, in denen sie mit sich alleine war, konnten mit dem hier nicht verglichen werden. Wenn sie sich zurückzog, dann weil sie es wollte und nicht, weil es eine Krankheit wie hier diktierte. Diese kleinen Gespräche, sei es mit Gästen oder mit ihren Vertrauten - sie gaben ihr neue Energie. Energie, die dann im Schlaf in Kraft umgewandelt wurden. Doch sie versuchte erst gar nicht, das zu erklären. Man hätte es sowieso als einen der schwächeren Versuche ihrer Erlaucht gewertet, ihren Willen zu bekommen.
Natürlich wusste sie, dass es brenzlig gewesen war. Das abebbende Feuer, das noch immer in ihren Gliedern brannte, ließ daran keinen Zweifel aufkommen. Also gut. Es war wohl doch kein kleiner Schnupfen gewesen. Vermutlich auch ein wenig mehr, als eine leichte Grippe. Noch immer verfolgten sie die Bilder, die das Fieber ihr geschickt hatte. Wenn Mariella sich den Trubel so ansah, den man hier um ihre kleine Unpässlichkeit... sie korrigierte den Gedanken dann ehrlicherweise doch... also gut – um die Krankheit machte, die sie aus der Bahn geworfen hatte, war sie ganz froh darum, dass niemand davon Zeuge werden konnte.
Es widerstrebte ihr, trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass sich immer wieder Ausrisse in ihren Geist schlichen. Mariella, wie sie vor dem brennenden Varuna stand. Wie sie von gleich mehreren daran gehindert wurde, die Stadt zu betreten. Männer zerrten an ihr, überwältigten sie, zwangen sie zurück. Wie sehr sie ihre körperliche Unterlegenheit in diesem Moment verwünschte. Plötzlich war sie in dem Wald, der Adoran umgab, ein altbekanntes Gesicht vor ihr... eine Stimme, die durch ihren Kopf hallte „Die Göttin hat dich für mich bestimmt...“ und das Gesicht das sich veränderte, zu einer furchteinflößenden Maske wurde, sie zurückschrecken ließ. Er folgte ihr, sie stolperte.... und fiel und fiel und fiel... die Klippe war hoch über dem Meer. Die Welt flog an ihr vorbei, der Magen krampfte sich zusammen. Das Meer unter ihr tobte, schwarze Wellen schlugen schäumend gegen die aufragenden Felsen, die immer näher und näher kamen...
An dieser Stelle war ihr Geist jedes Mal gnädig gewesen. Hatte Ihr neue Bilder geschickt oder den Traum einfach abreißen lassen. Schemenhaft erinnerte sie sich an wechselnde Gesichter, die mit sanften Stimmen auf sie einsprachen, ihr die Stirn kühlten, ihre Lippen mit einem feuchten Tuch benetzten, ihr heiße Suppe einflößten. Genauso schemenhaft erinnerte sie sich an das wohlige Gefühl der Geborgenheit, das diese Pflege zurückließ. Und an die weichen Bilder, die das Fieber ihr schenkte, wenn es nicht lichterloh in ihrem Körper brannte. An Blumenwiesen, die einen kleinen, silbernen Bach säumten, der am Fuße des Wasserfalls entsprang. An die warme, vertraute Stimme des Mannes, die in ihren Ohren klang.
Doch wann immer sie sich umwandte, das Gesicht dazu betrachten wollte, endete der Traum. Zurück blieb der Schatten eines wohligen Gefühls, aber auch eine gewissen Traurigkeit. Mariella wusste, sie kannte diese Stimme, aber ihre Sinne spielten ihr einen Streich, denn im wachen Zustand wollte ihr nicht einfallen, zum wem sie gehörte. Vater? Arenvir? Oder doch....?
Leise Schritte auf der Treppe rissen sie aus ihren Gedanken. Obwohl oder vielleicht gerade, weil man sich im Haus so sehr um Stille bemühte, drangen die verbliebenen Geräusche deutlich an ihr Ohr. Sie brauchte nicht einmal aufsehen, um zu wissen, dass der Ritter des Hauses sich näherte. Es hatte etwas sehr rührendes an sich, als er mit dem Tablett neben ihrem Sessel auftauchte. Frischer Tee und ein Tellerchen mit gesüßtem Mus. Diese Geste war sinnbildlich für all das, was die ihren für sie getan hatten. Welche Sorge man um sie ausgestanden hatte. Ein Blick in die noch immer von Sorge gezeichneten Augen und sie wusste, wie sie es ausgleichen konnte. Ein wenig. Einen Hauch.
Als sie die Stimme erhob, klang sie noch immer wie eine Krähe im tiefsten Winter: „Sei so gut, schick Ravea die Heilerin holen. Ich glaube, ich sollte mich abhören lassen...“
Verfasst: Mittwoch 4. August 2010, 04:16
von Friedolin von Tannhoeh
Ausgerechnet jetzt? Ausgerechnet jetzt sollte er verreisen?
Er hatte ein flaues Gefuehl in der Magengegend. Jetzt von ihrer Seite weichen? Wer sollte auf sie aufpassen? Wer die Naechte vor ihrem Gemach Wache halten, jede Gefahr von ihr abhalten - die vermutlich nicht einmal bestand, jedenfalls nicht von aussen. Er seufzte tief auf... Er musste es einsehen, sein Hauptbeitrag bestand zur Zeit darin sich Sorgen zu machen und sein Gewissen zu beruhigen, die Hilflosigkeit zu bekaempfen. Was hatte er fuer Mariella denn getan, was ihr wirklich geholfen haette? Autsch...
Er steckte die Fingerspitze in den Mund. Hatte er sich eben wirklich geschnitten. Beim Polieren? Er ging zu einer Kiste und holte sich ein altes Laken, von dem er sich ein Stueck abriss und um den Finger wickelte. Dabei fiel sein Blick auf den Spiegel, der abgedeckt an der Wand lehnte. Nach der ersten schlaflosen Nacht hatte er ihn abgehaengt, um nicht zu sehen, wie er aussah, hatte sich sogar rasieren lassen. Sollte er? Er zoegerte einen Moment, ehe er das Tuch von dem Spiegel zog. Schrecklich - er sah schrecklich aus. Die Augenringe liessen sein Gesicht eingefallen wirken und das grau seiner Haut.. er konnte nur hoffen, dass ihr das nicht aufgefallen war. Er warf das Tuch wieder ueber den Spiegel.
So schrecklich er in diesen Tagen aussah, fast wie ein Zombie, umso komplizierter gestaltete sich das bei ihr. Sicher, die Krankheit hatte ihren Tribut gefordert. Aber sogar in den Tagen des hoechsten Fiebers sah man, dass man eine wunderschoene Frau vor sich hatte, verborgen von der Grippe, wie ein seidener Schleier der durchschimmern liess was sich dahinter verbarg. Oder hatten seine Gefuehle ihn nur genarrt? Nein, das musste doch jeder erkennen. Er schauderte leicht. Wann war dieses flaue Gefuehl eigentlich diesem warmen Gefuehl im Bauch gewichen? Er schuettelte die Frage ab, seine Gedanken wanderten wieder zu Mariella.
Sie war irgendwann wieder aufgewacht ... und, ja, jetzt musste er leicht schmunzeln, sie waren wieder aneinandergeraten. Sie waren irgendwie oft anderer Meinung. Dieser Dickkopf. Diese Sturheit. Dieser ausgepraegte Charakter. Bewundernswert. Er musste an ihren letzten Streit davor denken... am Wasserfall... Streit, ein Gestaendnis, Versoehnung... und auch dieses Mal. Man hatte sich in der Wolle und am Ende, war er der strahlende Ritter gewesen... Er musste leicht laecheln. Am Ende hatte er sie die Treppe hinaufgetragen, weil sie schwach gewesen war. Die Hitze die von ihrem Koerper ausging, die leichte Feuchtigkeit die der Fieberschweiss hinterlassen halte, Zeichen der Krankheit und doch ging so etwas.... er suchte im Gedanken nach dem passenden Wort .. wohliges von ihr aus... waere er nicht so erschoepft gewesen, er haette sie am liebsten nicht mehr losgelassen. Aber er war zu muede gewesen, er war auch jetzt so muede.
Er hielt das Schwert gegen die Kerze, es glaenzte makellos. Ihm war gar nicht aufgefallen, dass er seine Arbeit weiter gemacht hatte. Nun musste er nur noch packen. Aber erst nach einer kurzen Pause. Gleich wuerde er weitermachen, gleich. Die Kueche, ja in der Kueche.......
Die Erschoepfung hatte ihren Tribut gefordert, der Oberst traeumte, er traeumte diesen schoenen Traum... er traeumte und morgen wuerde er das erste Schiff verpassen, er wuerde erst das zweite nehmen, er wuerde sich verspaeten und er wuerde noch immer uebermuedet sein... aber all das zaehlte nicht, denn er hatte diesen Traum
Verfasst: Samstag 7. August 2010, 22:26
von Alexander van Bernau
Es war einer seiner zahlreichen Besuche im Hause Dragenfurt. Keine Besonderheit eigentlich. Aber dieser war irgendwie nicht so wie üblich, galt er doch diesmal offiziell nicht der Gräfin. Das er noch unüblicher als einfach nur unüblich werden sollte, das lag bis dahin nicht in Alexanders ermessen.
Natürlich hatte er sich bei Tiia, dem im Übrigen auch dieser Besuch galt, immer über den Gesundheitszustand ihrer Erlaucht auf dem laufenden gehalten. Der junge Knappe war auch einer der wenigen, der sich wohl weniger Sorgen um Gesundheitszustand der ebenso jungen Gräfin machte, als das er eine Art von Mitleid empfand.
Warum sollte er sich auch Sorgen? Mariella von Dornwald, dahingerafft von einer einfachen Erkrankung? Eine unwahrscheinliche Nachricht, vermochte diese Frau es doch, allein durch ihren schiren Willen, das Gebirge westlich von Adoran um einige Meter zu verschieben. Allein der durchdringende Blick, wenn sie der Ehrgeiz packt, hätte dafür ausgereicht. Sich einer Krankheit hingeben, das war sicher keine Option für sie.
Wie recht er damit haben sollte, das erahnte er nicht.
So war es schließlich auch wieder der blonde Schreiberling, der Alexander die Tür öffnete. Etwas perplex war dieser dann aber doch, als er erfuhr, dass Alexander ihn aufsuchte. Eigentlich war Tiia schon dabei auszuholen, um detailreich darzulegen, warum Alexander nicht zu ihrer Erlaucht vorgelassen werden könnte. Diesem Wortgeplänkel war man also erfolgreich aus dem Weg gegangen.
Nachdem der Umhang an der üblichen Stelle platziert und der übliche Platz eingenommen war, folgte der unübliche Ablauf.
Der Schwert und der Federschwinger schienen mit der Zeit doch soetwas wie Freunde geworden zu sein. Der nicht ganz so ernst gemeinte Hohn und Spott für den anderen, der noch aus den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft stammte, schien sich ebenfalls zu halten. Während man einen guten Wein zu sich nahm, philosophierte und den Abend verstreichen ließ, herrschte nur einige wenige Meter höher geschäftiges Treiben.
Tiia`s fledermausartigem Gehör schien dies auch nicht zu entgehen, machte er sich doch, entschuldigender Weise, auf den Weg in die obere Etage.
Der Zurückgelassene, alleine im großen Saal sitzend, vernahm nur schwer, was dort oben vor sich ging. Immer wieder streifte der Blick durch den Raum, blieb bei dem ein oder anderen Utensil hängen und wurde zunehmend nachdenklicher.
Sollte er vielleicht einmal hochgehen und nach dem Rechten sehen?
Aber Tiia würde sicher Bescheid sagen, wenn etwas Ernstes vorgefallen sein sollte. Oder würde er zugunsten seiner Herrin schweigen?
Mit diesen Gedanken verstrichen auch die ewigen Minuten und das Weinglas hatte auch schon einen erheblichen Teil seiner Füllung eingebüßt.
Das verlorene Dasein des Alexander Bernau sollte doch nun relativ plötzlich ein Ende finden. Eine dürre, junge Gestalt fand sich im Durchgang zum Saal. Namentlich war sie dem Knappen als Ariah bekannt. Ihr Zustand war wohl alles andere als gut. Dem Aussehen nach zu urteilen war sie von einer Herde Kühe überrannt worden und anschließend noch einen Berg heruntergerollt.
So war ihr erstes Unterfangen auch, sich einen Stuhl zu suchen und den Kopf auf dem Tisch davor zu platzieren.
Etwas überfordert mit diesem Auftritt machte Alexander einige Schritte auf sie zu und erkundigte sich nach ihrem Wohlergehen. Wie für Damen dieses Hauses üblich, entgegnete diese natürlich auch, dass alles in bester Ordnung wäre.
Noch vollends mit dem Mädchen beschäftigt, folgte auch schon der nächste Paukenschlag. Wobei es sicher kein Paukenschlag gewesen wäre, hätte der junge Knappe dem geräderten Geschöpf, welches gerade halb auf dem Stuhl zusammengesackt war, nicht soviel Aufmerksamkeit gewidmet.
Doch nun stand sie schon im Raum. Mehr oder weniger. Es war die geräderte, von ihrer Krankheit gezeichneten und dennoch, nicht viel weniger als sonst, hinreissende Gräfin.
Kurz hielt er inne, dann folgte aber doch der übliche Gruß, gepaart mit der üblichen Verneigung.
Auch Ariah raffte sich auf und wahrte die Etikette, wie für die Damen dieses Hauses üblich. Dann verschwand diese aber auch kurz darauf in ihrem Kämmerlein.
Geführt von Tiia nahm die Kranke ihren üblichen Platz am Tischende ein, wünschte aber einen nicht ganz so üblichen Tee zu sich zu nehmen.
Alexander nahm sich ausgiebig Zeit, um die Züge zu mustern.
Man sah ihr die Krankheit natürlich an. Bei wem ist das schon nicht so.
Man sah ihr an, was die durchgemacht haben musste.
Man sah ihr auch an, dass sie bei weitem noch nicht wieder gesund war.
Aber sie war da.
Es fand sich auch rasch der Ansatz für ein Gespräch, bei dem Mariella ihre Teetasse wie den heiligen Gral höchstselbst zu umklammern schien.
Es war auch fast wie üblich, wären da nicht diese Hustenanfälle gewesen.
Und es fehlte noch etwas. Etwas, das diesen Abend soviel unüblicher machte als sonstige Abende. Es schien für einen kurzen Moment so, als würde vor ihm die ihm fast unbekannte Mariella sitzen. Sie schien vergessen zu haben ihre Maske, die der Gräfin von Dornwald, aufgesetzt zu haben. Und darüber war Alexander sichtlich glücklich.
Man sollte nun natürlich nicht meinen, dass Mariella und die Gräfin zwei gänzlich unterschiedliche Menschen wären. Aber die einfache Mariella war eben ein bischen mehr Mensch, und ein bischen weniger die unerschütterliche Gräfin. Und eben diese Seite bekam Alexander nicht allzu oft zu Gesicht.
Auch dieses mal sollte es nur kurzes Gastspiel sein.
Die Krankheit forderte ihren Tribut.
Alexander fasste den Entschluss zu gehen. Das tat er eigentlich sehr selten von sich aus, wenn er Gast in diesem Hause war.
Aber die junge Frau, wer immer sie in diesem Moment auch war, brauchte ihre Ruhe.
Nur schwer kam ihr sonst so wundervolles Lächeln zum Vorschein. Ein Umstand, der dem Knappen nicht entgangen war.
War es doch sonst so ansteckend.
Wenn der, normalerweise so offenkundige, Sonnenschein mit seinem übliche Lächeln den Raum betrat, dann lächelte er mit.
Heute litt er nur mit ihr.
Aber Sorgen, die müsste er sich nicht machen.
Warum sollte er sich auch Sorgen?
Sie gab ihm Stärke, als er nicht stark war.
Sie gab ihm Hoffnung, als alle Hoffnung verloren war.
Sie öffnete ihm Augen, als er nicht sehen konnte.
Sie ist die Sonne, lässt ihn scheinen.
Oder mehr wie die Sterne, die nachts funkeln.
Sie ist der Mond, der in seinem Herzen glüht.
Sie ist sein Tag, seine Nacht.
Morgen kann sie die ganze Welt verändern...
Verfasst: Sonntag 8. August 2010, 14:01
von Mariella von Dornwald
Langsam, Schritt für Schritt fand sie in das Leben zurück. Sie hatte vergessen, wie anstrengend es sein konnte, sich das Haar zu machen. Wie mühsam es bisweilen war, ein Kleid überzustreifen. Was für einen Berg eine Treppe darstellen konnte. In den letzten Tagen war ihr schmerzlich bewusst geworden, wie hilfreich die kleinen Gesten ihrer Zofe gewesen waren und wie ungelegen ihr überstürzter Aufbruch jetzt kam. Doch die Zeit des Müßiggangs war vorbei.
Viel zu lange war sie untätig gewesen, hatte erst danieder gelegen und später in Sesseln gesessen, die möglichst nicht weit weg waren. Und über all dem wachten die sie immer umgebenden Augen ihres Haushaltes. Es schien als hätten sie sich verschworen, abgestimmt, damit auch ja immer jemand darauf achtete, dass sie, die eigentliche Herrin im Haus, ja nicht das Szepter wieder in die Hand nahm. Vermutlich war es genauso wirklich gewesen.
Doch dann kam die Rettung von ganz ungeahnter Seite. Ausgerechnet die Heilerin, die wohl alle der Seite der Verschwörer zugerechnet hatten, sprach das Urteil, das die Ordnung wieder herstellte. Sie war auf dem Wege der Besserung, frische Luft sei zuträglich, die werte Gräfin dürfe und solle ihre Kammer verlassen. Lediglich ein wenig Schonung hatte sie ihr noch aufgetragen. Wenn es nur das war...
Also würde sie von den Feierlichkeiten heute am Abend direkt den Heimweg ansteuern und nicht wie üblich noch ein wenig die Nachtruhe für Büroarbeiten nutzen. Außerdem hatte sie nicht vor, schon vor den ersten Terminen den Aktenberg zu verkleinern. Mariella schwamm schon zu lange im Haifischbecken, um nicht zu erkennen, wann ein taktischer Rückzug auf Zeit angebracht war. Immerhin hatte sie besagter Heilerin nun zugestanden, zum Wohle ihrer Gesundheit sich hin und wieder auch mal durchzusetzen.
Als ein Windhauch über den Balkon strich, zog sie die wollende Decke etwas fester um den von der Krankheit noch geschwächten Körper. Ihr Blick glitt über Adoran, das allmählich erwachte und den grauen Schatten der Morgendämmerung abschüttelte. Mittlerweile hatte die Stadt sich zu einem Kessel Buntes entwickelt, in dem das Leben pulsierte. Handwerker, Wirte, Händler aus nah und fern belebten die Straßen, auf denen die Mannen des Regiments für Ruhe und Ordnung suchten oder Ritter und Adelsvolk flanierten. Mittlerweile erinnerte es sie sehr an Vesten, Herz der geliebten Heimat.
Sie war die letzte der drei Dragenfurt, die dem Reich hier im Geburtsland des künftigen Königs gedient hatten. Ihre Geschwister waren schon lange wieder zurück in die Furt gegangen, nur Mariella war geblieben. Sie erwartete Friedolin in den nächsten Tagen von dort zurück. Hoffentlich brachte er Nachricht von der Familie mit. Wie es Mutter wohl ging, jetzt, wo sie beinahe alle Kinder wieder beisammen hatte? Ob Constance wohl wieder ein paar der Tränke gegen Mariellas Seekrankheit mitgab? Und Silvan - Mariella hoffte, dass ihr Bruder endlich den Sprung zum Arcomagus geschafft hatte.
Wieder wanderte ihr Blick die Straße vor dem Haus entlang, doch es war noch zu früh. Der Ritter würde frühestens in den Abendstunden zurück sein. Er war nicht begeistert, als sie ihm eröffnete, dass er nach Dragenfurt reisen musste, um die Nachricht, die für ihren Bruder bestimmt war, zu überbringen. Nur widerwillig hatte er eingesehen, dass die Informationen zu heikel waren und Mariella sie nur jemandem in die Hände legen konnte, dem sie blind vertraute. Silvan kannte Friedolin, so dass sichergestellt war, dass auch er Vertrauen in die Echtheit der Zeilen hatte. Dennoch, es hatte einiges an Überzeugungskraft gebraucht. Beide wussten warum und wenn Friedolin nicht bald eine Mütze voll Schlaf bekam, würde jeder andere ebenfalls erkennen, dass die Sorge des Ritters um seine Gräfin ungewöhnlich ausgeprägt war. Nicht zuletzt dieser Anblick hatte sie bewogen, es langsam angehen zu lassen. So sehr er auch bemüht war, seine graue Gesichtsfarbe und die Schatten unter den Augen als Ergebnis von nächtelanger Arbeit darzustellen – Mariella kannte ihn besser. Im Laufe der Zeit waren sie sich vertraut genug geworden, dass sie die kleinen Zeichen zu deuten wusste. Er hatte an dem Abend, als sie sich das erste Mal wieder unter Menschen begab, sogar vergessen, kleine Giftpfeile gegen Alexander zu schießen. Bernau war an diesem Abend ebenfalls zugegen gewesen und nur dem Zufall war es zu verdanken, dass die beiden Männer sich nicht begegnet waren. Sie wäre da einfach noch nicht in der Lage gewesen, die beiden davon abzuhalten, sich mit verbalen Wurfdolchen zu duellieren.
Seit sie zurückdenken konnte, waren die beiden sich nicht grün gewesen. Zuerst war es wegen der Allianz gewesen, mittlerweile hatte sich das Schlachtfeld verschoben. Friedolin war nicht willens zu sehen, dass der aufgeblähte, stets von sich selbst überzeugte Alexander, allmählich eine kleine Wandlung vollzog. Zumindest in Mariellas Anwesenheit schlug er nun leisere Töne an, zeigte sich bemüht, nahm Veränderungen im Umfeld wahr. Die junge Gräfin sah das durchaus, hütete sich aber davor, es auszusprechen. Weder vor Friedolin, noch vor Alexander, allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Manchmal, hin und wieder, auch wenn es eigentlich nicht ihrem Wesen entsprach, erinnerte sie sich an eine „Weisheit“, die ein Onkel ihr als kleines Mädchen mit auf den Weg gegeben hatte: Manche Dinge erledigen sich durch Liegenlassen. Vielleicht gelang es auch hier. Womöglich löste sich dieses Problem, wenn sie die Dinge noch ein wenig laufen ließ. Ein anderer Weg fiel ihr im Moment sowieso nicht ein.
Wie lange saß sie hier schon? Der Becher Tee in ihrer Hand war noch nicht leer, als konnte es nicht so lang gewesen sein. Ein Schluck, das Gebräu war noch halbwegs warm. Gut, dann würde sie sich nicht gleich den nächsten tadelnden Blick einfangen.
Ravea vergaß nie, wer und wo sie war, aber sie hatte andere Wege, ihren Unmut zu äußern, wenn sie Mariellas Genesung in Gefahr sah. Kurz huschte ein kleines Lächeln über das Gesicht, das langsam aber sicher wieder die Hautfarbe annahm, die einer jungen Gräfin schmeichelte und die Gedanken waren wieder bei jenem Abend, als die Heilerin das Urteil verkündete.
An diesem Abend war es Mariella gelungen, ihre Haushälterin vor Glück strahlen zu lassen. Mehr, als es ihr jemals geglückt war. Mehr, als sie es jemals erwartet hatte. Alles in allem war dieser Abend ein purer Erfolg. Sie durfte wieder ihr Leben aufnehmen. Sie hatte den Haushalt um einen wichtigen Faktor erweitert. Sie hatte jemanden gewonnen, der sie unterstützen würde, dem Volk zu Adoran Schutz zu bieten. Sie hatte ein Stück Familie vereint. Und alles mit einem einzigen Schritt.
Intuitiv hatte Mariella gespürt, dass diese junge Frau mehr war als die üblichen Kräutermischer. Sie beherrschte ihr Handwerk, das war unübersehbar. Doch dies durften viele Heiler von sich behaupten. Diese junge Frau hatte mehr. Sie verstand es, angemessen und respektvoll aufzutreten, im entscheidenden Augenblick aber eine natürliche Autorität an den Tag zu legen, ohne dabei jemals den Stand ihres Gegenübers aus den Augen zu verlieren. Am Ende des Abends war sie die Leibärztin ihrer Erlaucht von Dornwald, mit all den daraus resultierenden Konsequenzen. Alle schienen aus anderen Gründen damit zufrieden, nur Friedolin musste sie noch nahe bringen, dass sie ohne große Überprüfung einen sensiblen Posten vergeben hatte. Dennoch war die junge Gräfin sich sicher, dass der Kopf ihres Sicherheitsstabes keine Einwände haben würde, trug sie doch die beste Reputation in ihrem Namen: Anora Silbermann, Enkelin der treuen Ravea.
Verfasst: Montag 9. August 2010, 15:48
von Tiia Elvre
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