Eine Sommernacht in Adoran
Verfasst: Montag 12. Juli 2010, 17:37
Spät abends kehrte Viridian ins Regimentsgebäude von Adoran zurück. Obwohl die Sonne längst untergegangen war, hielt die Hitze des Tages sich noch mit Hartnäckigkeit. Dennoch hatte er keine Eile damit, aus der Dienstrüstung zu kommen. Wie es im vergangenen halben Jahr seine Gewohnheit geworden war, warf er zunächst einen Blick auf den Dienstplan, der diesmal jedoch nicht mit Neuigkeiten aufwartete. Nach dem obligatorischen Austausch belangloser Floskeln mit einigen Kameraden schließlich machte er sich daran, die Rüstung abzulegen.
Anschließend wurden die einzelnen Teile gewissenhaft gereinigt und ordentlich in seiner Kiste verstaut. Anfangs hatte er nicht verstanden, warum man ihm ausgerechnet eine Rüstung aus einer Pyrian - Silberlegierung gegeben hatte, doch nun war er froh darum. Sicher, auch das mit Pyrianplättchen besetzte Untergewand, das er seit Jahren im Sommer unter der Rüstung trug war dazu geeignet, die schlimmste Hitze zu mildern, dennoch reichte die geringe Menge des feuer- und hitzeabsorbierenden Metalls bei diesem Wetter kaum noch aus. Hätte er damit den ganzen Nachmittag durch die Straßen erst Berchgards und dann Adorans patrouillieren müssen, würde seine Zunge jetzt wie bei einem Hund bis zum Boden aus dem Mund baumeln!
Wenigstens hatte die Hitze den Vorteil, dass sie scheinbar auch die Verbrecher von ihren Untaten abhielt, sodass der Dienst selbst sehr ruhig verlaufen war. Ruhig… ruhig war es auch auf dem Friedhof von Berchgard gewesen, wo in den Kronen alter Bäume die Vögel sangen und im Schatten ebendieser Bäume Grab an Grab sich reihte. Und in einem dieser Gräber lag ein Mädchen und weil er dieses Mädchen gekannt hatte, kam er gelegentlich an ihr Grab um dort der Toten zu gedenken. Gewiss, sie war kein Soldat gewesen, aber in der kurzen Zeit, in der er sie kannte, wurde er an so viele Dinge erinnert, die er für immer verloren glaubte, dass er gar nicht anders konnte, als auch sie in sein Gedenken mit einzuschließen.
Eigentlich brauchte er keinen bestimmten Ort, um der Toten zu gedenken, aber seltsamer Weise fiel es ihm auf Friedhöfen immer leichter, sie sich wieder ins Gedächtnis zu rufen, ihre Stimmen, Gesichter, die kleinen Gesten und anderen Besonderheiten derer, die er gut kannte. Bei denen, die er nicht gekannt hatte, versuchte er sich wenigstens die Gesichter ins Gedächtnis zu rufen, den Ausdruck, wenn sie erkannten, dass sie sterben würden, weil da eine Klinge in ihrem Leib steckte. Vorher gab es kaum Gelegenheit, da galt die Aufmerksamkeit eher ihren Waffen, der Umgebung. Aber in diesen einen Moment, wenn es entschieden war, wer gehen und wer bleiben würde, da schaute er ihnen in die Augen…
Viridian runzelte die Stirn. Was lag da in seiner Truhe? Aus seinen Gedanken gerissen, betrachtete er den Brief. Kein Siegel des Hohenfelser Regiments. Den würde er gleich in Ruhe lesen, zu Hause. Fürs Erste in die Gürteltasche damit.
„Und, was schreibt deine Verehrerin?“
Ike, natürlich. Der selbsternannte größte Spaßvogel des Regiments.
„Ich habe den Brief noch nicht gelesen, Kamerad. Also hat ihn eine Frau abgegeben?“
„He, wir haben Dienstschluss, du musst nicht mehr so förmlich sein. Eine Frau… nah, so würde ich das nicht gerade nennen, eher ein Mädchen… war nicht viel dran, wenn du verstehst. Und, hast du etwas mit der? Ich wusste ja gar nicht, dass du auf…“
„Ist Euch die Hitze zu Kopf gestiegen, Kamerad? Jedenfalls, mit dieser Beschreibung kann ich nicht viel anfangen.“
„Dich bringt wirklich nichts aus der Ruhe oder? Na, wie auch immer, gönnen wir uns noch ein Feierabendbier in der Stadtstube?“
„Heute nicht, danke.“
„Ah, musst deinem Liebchen schreiben, wie? He, he, schau mich nicht so an, ich nehme es ja zurück! Also gut, dann bis morgen. Temora mit dir.“
Kopfschüttelnd schaute Viridian Ike hinterher. Es war ihm zwar immer schwer gefallen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, aber dieser Kerl zählte definitiv zu den merkwürdigeren Zeitgenossen. Ein Mädchen hatte also den Brief abgegeben, wahrscheinlich eh nur eine Botin. Nun, zu Hause würde er den Brief ja lesen und dann würde sich schon aufklären, was es damit auf sich hatte.
Vom Meer wehte eine frische Brise durch die Straßen und schaffte ein klein wenig Linderung in der noch immer warmen Nacht. Er vertrieb die stickige Luft aus der Wohnung, wo Viridian bei einem kargen Abendmahl saß. Danach entrollte er den Brief und las ihn sich nachdenklich durch.
In Gedanken ließ er den Nachmittag noch einmal Revue passieren.
Das Goldene Lamm, letzte Rast vor dem Gedenken und dem anschließenden Dienst.
Im Garten zwei Gäste, ein Angure, den er aus Adoran zu kennen meinte und ein Mädchen, dem er zu diesem Zeitpunkt gar keine Beachtung geschenkt hatte.
Linnet am Ausschank, die ihm ein Bier brachte.
Endlich wieder einmal einen Blick in das Buch mit den Gedichten werfen. Erinnerungen, beim Ersten die Eisenwart, beim Zweiten Jasmin von Duran… richtig, da war dieser Fehler gewesen, den er eigentlich nicht hatte korrigieren wollen. Aber aufschreiben sollte er die Änderung, nur für den Fall.
Dann einen Schweinebraten.
Gerade den ersten Bissen probiert, als am Nebentisch der Name fällt.
Alea.
Das Zuhören, während dieses Mädchen von einer Freundin namens Alea erzählt.
Die wachsende Gewissheit, dass es wirklich die Alea ist, deren Grab er heute aufsuchen wollte. Die starb, während er auf Reisen war, auf der Suche, wie immer, wenn er konnte.
Die Geschichte von ihrem Tod, diesmal nicht aus dritter Hand sondern von einer, die dabei gewesen ist. Einzelheiten, von denen er nichts wusste. Die das Bild seiner Erinnerung an sie ergänzten, erweiterten, ausschmückten.
Sein Entschluss, zum Dank dafür ihre Rechnung zu übernehmen.
Aber sie würde sicher fragen, warum ein Fremder sie einlädt. Und dann?
Er hatte keinerlei Interesse, irgendeiner Fremden etwas über seine Gefühle zu erzählen.
Sie würde sich wundern, gut, sie würde sich freuen, auch gut, sie würde die Sache vergessen, sehr gut.
Jetzt, als er den Brief las, erkannte er seinen Irrtum. Sie hatte die Sache also nicht auf sich beruhen lassen. Und natürlich hatte sie nur Linnet fragen müssen. Mit großer Wahrscheinlichkeit hatte sie Linnet gefragt, oder der Angure, dieser… Domarr war ein ernst zu nehmender Zuhörer, wenn er sich an Viridians Gespräch mit dem Zwergenschmied erinnern konnte. Nur so konnte sie wissen, dass man ihn über das Hohenfelser Regiment würde erreichen können.
Und hier schrieb sie, sie wolle ihre Schuld bei ihm begleichen, diese Sanna Kolmar. Zum Glück hatte sie ihn in dem Brief nicht um eine Antwort gebeten und sowieso keinen Ort genannt, an den man eine solche schicken könnte. Das würde er zumindest als Ausrede verwenden und sich dumm stellen, sollte die Frage aufkommen, warum er eine Antwort nicht einfach beim Lamm hinterlassen hätte. Es gab also weiterhin die Möglichkeit, einfach abzuwarten, bis sie die Angelegenheit vergessen hätte. Ein Verzicht auf weitere Besuche im Lamm die nächsten Wochen sollte sein Übriges tun, dann würde er auch gleich etwaigen Nachfragen von Linnet oder anderen entgehen.
Er tippte mit dem linken Zeigefinger auf den Tisch, um sich selbst aus seinen Gedanken zu reißen. Bei dem Geräusch musste er unwillkürlich lächeln. So hatte er sich jedes Mal den Rhythmus zurechtgelegt, wenn er sich an ein neues Gedicht wagte. In Feynhag hatte er ein Buch über die Dichtkunst gelesen, in welchem stand, dass der Rhythmus so etwas wie den Rahmen eines Gedichts bildet und daher zuerst überlegt sein sollte. Bereits durch ihn konnte man so viel ausdrücken. Er ließ seinen Finger tippen und überlegte.
Lass mich erzählen die Geschichte
Aus fernem, fremden Königreich
Von Königs Tochter – ach! – der Schönen.
So blau die Augen, Haut so weich,
Das Haar wie Gold im Sonnenlichte.
Es kamen viele edle Knaben
Aus bestem Haus, von nah, von fern.
Mit Kostbarkeiten zu verwöhnen
Die Schöne die sie annahm gern,
Doch Mann wollte sie keinen haben!
Ob Ritter, Sänger, Königssohn
Kein einziger errang die Gunst
Von ihr zum Mann erwählt zu werden.
Es bräuchte wohl die Schwarze Kunst
Sang bald das Volk der Freier Hohn.
Jedoch als Jahr um Jahr sich neigte
Die Schar der Werber wurd’ gering
Denn alles geht dahin auf Erden.
So auch der Jugend Glanz verging.
Des Alterns Antlitz nun sich zeigte.
Am Ende saß sie ganz allein,
Das Haar schlohweiß, die Augen blind,
Bei einer Kerze trübem Schein.
Und dachte an ein Königskind
Mit Lippen wie der Wein so rot
Sie weinte und dann war sie tot.
Er ließ die Tinte in das Pergament einziehen. Seine rechte Hand zitterte ein wenig.
Am Boden lagen ein paar zerknüllte Pergamente, auf denen er zuvor mit Kohlestift Notizen gemacht hatte. Aus dem Adelsviertel schallte die Glocke des Temoratempels über die nächtliche Stadt, zwei volle, tiefe Töne. Zwei Stunden, die Zeit war unbemerkt an ihm vorbeigerieselt.
Warum hatte er dieses Gedicht geschrieben? Es war fast wie damals, als er auf Burg Eisenwart zum ersten Mal in seinem Leben selbst versucht hatte, eines jener Werke zu erschaffen, die er bisher nur aus Büchern kannte. Etwas schien sich damals seiner bemächtigt zu haben, ein Verlangen, eine Sehnsucht, etwas, das er nicht in Worte fassen konnte.
Und heute war es wiedergekehrt.
Es konnte doch nichts mit dem Mädchen zu tun haben. Oder etwa doch?
Sollte er am Ende doch versuchen, sie zu treffen?
Ehe er seine Gedanken weiterspinnen konnte, übermannte ihn der Schlaf.
Anschließend wurden die einzelnen Teile gewissenhaft gereinigt und ordentlich in seiner Kiste verstaut. Anfangs hatte er nicht verstanden, warum man ihm ausgerechnet eine Rüstung aus einer Pyrian - Silberlegierung gegeben hatte, doch nun war er froh darum. Sicher, auch das mit Pyrianplättchen besetzte Untergewand, das er seit Jahren im Sommer unter der Rüstung trug war dazu geeignet, die schlimmste Hitze zu mildern, dennoch reichte die geringe Menge des feuer- und hitzeabsorbierenden Metalls bei diesem Wetter kaum noch aus. Hätte er damit den ganzen Nachmittag durch die Straßen erst Berchgards und dann Adorans patrouillieren müssen, würde seine Zunge jetzt wie bei einem Hund bis zum Boden aus dem Mund baumeln!
Wenigstens hatte die Hitze den Vorteil, dass sie scheinbar auch die Verbrecher von ihren Untaten abhielt, sodass der Dienst selbst sehr ruhig verlaufen war. Ruhig… ruhig war es auch auf dem Friedhof von Berchgard gewesen, wo in den Kronen alter Bäume die Vögel sangen und im Schatten ebendieser Bäume Grab an Grab sich reihte. Und in einem dieser Gräber lag ein Mädchen und weil er dieses Mädchen gekannt hatte, kam er gelegentlich an ihr Grab um dort der Toten zu gedenken. Gewiss, sie war kein Soldat gewesen, aber in der kurzen Zeit, in der er sie kannte, wurde er an so viele Dinge erinnert, die er für immer verloren glaubte, dass er gar nicht anders konnte, als auch sie in sein Gedenken mit einzuschließen.
Eigentlich brauchte er keinen bestimmten Ort, um der Toten zu gedenken, aber seltsamer Weise fiel es ihm auf Friedhöfen immer leichter, sie sich wieder ins Gedächtnis zu rufen, ihre Stimmen, Gesichter, die kleinen Gesten und anderen Besonderheiten derer, die er gut kannte. Bei denen, die er nicht gekannt hatte, versuchte er sich wenigstens die Gesichter ins Gedächtnis zu rufen, den Ausdruck, wenn sie erkannten, dass sie sterben würden, weil da eine Klinge in ihrem Leib steckte. Vorher gab es kaum Gelegenheit, da galt die Aufmerksamkeit eher ihren Waffen, der Umgebung. Aber in diesen einen Moment, wenn es entschieden war, wer gehen und wer bleiben würde, da schaute er ihnen in die Augen…
Viridian runzelte die Stirn. Was lag da in seiner Truhe? Aus seinen Gedanken gerissen, betrachtete er den Brief. Kein Siegel des Hohenfelser Regiments. Den würde er gleich in Ruhe lesen, zu Hause. Fürs Erste in die Gürteltasche damit.
„Und, was schreibt deine Verehrerin?“
Ike, natürlich. Der selbsternannte größte Spaßvogel des Regiments.
„Ich habe den Brief noch nicht gelesen, Kamerad. Also hat ihn eine Frau abgegeben?“
„He, wir haben Dienstschluss, du musst nicht mehr so förmlich sein. Eine Frau… nah, so würde ich das nicht gerade nennen, eher ein Mädchen… war nicht viel dran, wenn du verstehst. Und, hast du etwas mit der? Ich wusste ja gar nicht, dass du auf…“
„Ist Euch die Hitze zu Kopf gestiegen, Kamerad? Jedenfalls, mit dieser Beschreibung kann ich nicht viel anfangen.“
„Dich bringt wirklich nichts aus der Ruhe oder? Na, wie auch immer, gönnen wir uns noch ein Feierabendbier in der Stadtstube?“
„Heute nicht, danke.“
„Ah, musst deinem Liebchen schreiben, wie? He, he, schau mich nicht so an, ich nehme es ja zurück! Also gut, dann bis morgen. Temora mit dir.“
Kopfschüttelnd schaute Viridian Ike hinterher. Es war ihm zwar immer schwer gefallen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, aber dieser Kerl zählte definitiv zu den merkwürdigeren Zeitgenossen. Ein Mädchen hatte also den Brief abgegeben, wahrscheinlich eh nur eine Botin. Nun, zu Hause würde er den Brief ja lesen und dann würde sich schon aufklären, was es damit auf sich hatte.
Vom Meer wehte eine frische Brise durch die Straßen und schaffte ein klein wenig Linderung in der noch immer warmen Nacht. Er vertrieb die stickige Luft aus der Wohnung, wo Viridian bei einem kargen Abendmahl saß. Danach entrollte er den Brief und las ihn sich nachdenklich durch.
In Gedanken ließ er den Nachmittag noch einmal Revue passieren.
Das Goldene Lamm, letzte Rast vor dem Gedenken und dem anschließenden Dienst.
Im Garten zwei Gäste, ein Angure, den er aus Adoran zu kennen meinte und ein Mädchen, dem er zu diesem Zeitpunkt gar keine Beachtung geschenkt hatte.
Linnet am Ausschank, die ihm ein Bier brachte.
Endlich wieder einmal einen Blick in das Buch mit den Gedichten werfen. Erinnerungen, beim Ersten die Eisenwart, beim Zweiten Jasmin von Duran… richtig, da war dieser Fehler gewesen, den er eigentlich nicht hatte korrigieren wollen. Aber aufschreiben sollte er die Änderung, nur für den Fall.
Dann einen Schweinebraten.
Gerade den ersten Bissen probiert, als am Nebentisch der Name fällt.
Alea.
Das Zuhören, während dieses Mädchen von einer Freundin namens Alea erzählt.
Die wachsende Gewissheit, dass es wirklich die Alea ist, deren Grab er heute aufsuchen wollte. Die starb, während er auf Reisen war, auf der Suche, wie immer, wenn er konnte.
Die Geschichte von ihrem Tod, diesmal nicht aus dritter Hand sondern von einer, die dabei gewesen ist. Einzelheiten, von denen er nichts wusste. Die das Bild seiner Erinnerung an sie ergänzten, erweiterten, ausschmückten.
Sein Entschluss, zum Dank dafür ihre Rechnung zu übernehmen.
Aber sie würde sicher fragen, warum ein Fremder sie einlädt. Und dann?
Er hatte keinerlei Interesse, irgendeiner Fremden etwas über seine Gefühle zu erzählen.
Sie würde sich wundern, gut, sie würde sich freuen, auch gut, sie würde die Sache vergessen, sehr gut.
Jetzt, als er den Brief las, erkannte er seinen Irrtum. Sie hatte die Sache also nicht auf sich beruhen lassen. Und natürlich hatte sie nur Linnet fragen müssen. Mit großer Wahrscheinlichkeit hatte sie Linnet gefragt, oder der Angure, dieser… Domarr war ein ernst zu nehmender Zuhörer, wenn er sich an Viridians Gespräch mit dem Zwergenschmied erinnern konnte. Nur so konnte sie wissen, dass man ihn über das Hohenfelser Regiment würde erreichen können.
Und hier schrieb sie, sie wolle ihre Schuld bei ihm begleichen, diese Sanna Kolmar. Zum Glück hatte sie ihn in dem Brief nicht um eine Antwort gebeten und sowieso keinen Ort genannt, an den man eine solche schicken könnte. Das würde er zumindest als Ausrede verwenden und sich dumm stellen, sollte die Frage aufkommen, warum er eine Antwort nicht einfach beim Lamm hinterlassen hätte. Es gab also weiterhin die Möglichkeit, einfach abzuwarten, bis sie die Angelegenheit vergessen hätte. Ein Verzicht auf weitere Besuche im Lamm die nächsten Wochen sollte sein Übriges tun, dann würde er auch gleich etwaigen Nachfragen von Linnet oder anderen entgehen.
Er tippte mit dem linken Zeigefinger auf den Tisch, um sich selbst aus seinen Gedanken zu reißen. Bei dem Geräusch musste er unwillkürlich lächeln. So hatte er sich jedes Mal den Rhythmus zurechtgelegt, wenn er sich an ein neues Gedicht wagte. In Feynhag hatte er ein Buch über die Dichtkunst gelesen, in welchem stand, dass der Rhythmus so etwas wie den Rahmen eines Gedichts bildet und daher zuerst überlegt sein sollte. Bereits durch ihn konnte man so viel ausdrücken. Er ließ seinen Finger tippen und überlegte.
Lass mich erzählen die Geschichte
Aus fernem, fremden Königreich
Von Königs Tochter – ach! – der Schönen.
So blau die Augen, Haut so weich,
Das Haar wie Gold im Sonnenlichte.
Es kamen viele edle Knaben
Aus bestem Haus, von nah, von fern.
Mit Kostbarkeiten zu verwöhnen
Die Schöne die sie annahm gern,
Doch Mann wollte sie keinen haben!
Ob Ritter, Sänger, Königssohn
Kein einziger errang die Gunst
Von ihr zum Mann erwählt zu werden.
Es bräuchte wohl die Schwarze Kunst
Sang bald das Volk der Freier Hohn.
Jedoch als Jahr um Jahr sich neigte
Die Schar der Werber wurd’ gering
Denn alles geht dahin auf Erden.
So auch der Jugend Glanz verging.
Des Alterns Antlitz nun sich zeigte.
Am Ende saß sie ganz allein,
Das Haar schlohweiß, die Augen blind,
Bei einer Kerze trübem Schein.
Und dachte an ein Königskind
Mit Lippen wie der Wein so rot
Sie weinte und dann war sie tot.
Er ließ die Tinte in das Pergament einziehen. Seine rechte Hand zitterte ein wenig.
Am Boden lagen ein paar zerknüllte Pergamente, auf denen er zuvor mit Kohlestift Notizen gemacht hatte. Aus dem Adelsviertel schallte die Glocke des Temoratempels über die nächtliche Stadt, zwei volle, tiefe Töne. Zwei Stunden, die Zeit war unbemerkt an ihm vorbeigerieselt.
Warum hatte er dieses Gedicht geschrieben? Es war fast wie damals, als er auf Burg Eisenwart zum ersten Mal in seinem Leben selbst versucht hatte, eines jener Werke zu erschaffen, die er bisher nur aus Büchern kannte. Etwas schien sich damals seiner bemächtigt zu haben, ein Verlangen, eine Sehnsucht, etwas, das er nicht in Worte fassen konnte.
Und heute war es wiedergekehrt.
Es konnte doch nichts mit dem Mädchen zu tun haben. Oder etwa doch?
Sollte er am Ende doch versuchen, sie zu treffen?
Ehe er seine Gedanken weiterspinnen konnte, übermannte ihn der Schlaf.