Mo, die Maus
Verfasst: Montag 21. Juni 2010, 19:18
Eins
Ruhig beobachteten die dunkelbraunen Augen das kleine Geschöpf, welches einige Schritt entfernt still auf einem Baumstumpf saß und seinerseits den Blick in die Ferne gleiten ließ, wo tief im Tal, scheinbar am Fuße der Berge, die Sonne sich mit den letzten blutroten Strahlen verabschiedete. Eine ganze Weile hatte er nun schon so ihren Rücken betrachtet, die schmalen Schultern, die sich mit jedem Atemzug sanft hoben und wieder senkten, die wirren, honigblonden Locken, an welchen der Wind spielerisch zupfte.
Ohne den Blick recht von ihr zu lösen, murmelte der junge Mann mit den den dunklen Augen seinem Nachbarn, ein älterer, bärig anmutender Herr, nachdenklich entgegen:
„Sie wirkt insbesondere abwesend... ich mag nicht daran denken, was auf dieser jungen Seele lastet.“
Der Angesprochene folgte dem Blick, ehe sich seine Züge mit leichter Sorge verdunkelten und er den zotteligen Kopf brummelnd schüttelte.
„Werden Sie auch nicht, junger Herr, das Mäuschen quiekt zwar im Schlaf, geplagt von Träumen aber sie spricht nicht.“
„Nie?“ Erstaunt hoben sich die Brauen über den braunen Augen.
„Nein, sie ist vermutlich stumm, Herr... aber auch das wird nicht lange Eure Sorge sein.“
„Wie... wie meint ihr das? Ist sie... krank?“
„Achwas!“ Das Kopfschütteln des Alten ließ den jungen Mann aufatmen. „Nein, das nicht, doch die Maus da bleibt nicht gern lange an ein und demselben Ort.“ Mit einem matten Seufzen unterbrach er kurz seine Erläuterung und setzte auch danach eher vorsichtig ein. „Sie... sie kam vor zwei Mondläufen zu uns und ich weiß, dass sie vorher einige Zeit beim Küster und seiner Frau im Tal gewohnt hat... auch nur drei, vier Mondläufe. Sie haben sie beim Klauen erwischt. Hat sie hier auch schon versucht und ist dabei nicht gerade ungeschickt.“ Er schmunzelte schwach. „Mag stumm sein, taub ist sie aber nicht – diebisch wie eine Maus eben.“
„Ah,“, der junge Mann nickte leicht, „daher der Name. Sie erinnert mich sehr an eine Ausreißerin, die mir ans Herz gewachsen ist.“ Kurz schwiegen beide, doch gerade als die Stille zu betreten werden wollte, sprach er den Alten wieder an.
„Hat sie denn einen Namen, also einen 'richtigen' Namen, nicht nur diesen Maus-Titel.“
„Hmmm..“, bestätigte der alte Bär, „man nennt sie Mo.“
***
„Mo?!“ Der Ruf klang gleichermaßen süßlich und doch fordernd. „Komm schon, du bist zu groß für ein Versteckspiel. Das ist nur was für Hosenmätzchen... Mo?!“
Das Kind, wohl kaum sechs Jahre alt, duckte sich noch weiter ins Unterholz und dankte still den wild wuchernden Brennnesseln, welche ihr zwar mit feinen Härchen ins Gesicht stachen, doch ihn davon abhielten, sich dem Versteck recht zu nähern.
„Mo?! Nun komm verdammt nochmal raus! Ich möchte zurück Nachhause und hab wegen dir schon genug Zeit vertrödelt....“ Seine Geduld war stets nicht die Beste gewesen.
„VERDAMMT, MO... SCHAU DAS ZU HERKOMMST!“ Sein Brüllen ließ sie selbst hier noch zittern und nach diesem Ausbruch, der sein wahres Gesicht gezeigt hatte, wurde seine Stimme wieder süßer und schmeichelnd. „Na komm, meine liebe Kleine... Papa wird dir auch nichts tun, ja?“ Doch sie wusste es besser...
Der Grund warum sie hier saß, war die blutende Lippe, die knallrote Wange und die Platzwunde an den Brauen, welche sie sich 'eingefangen' hatte, als er ihr die Zaunlatte in das Gesicht geschlagen hatte. Er hatte vorher schon mürrisch bemängelt, dass sie ihm keine gute Hilfe bei der Arbeit war und er den Zaun rascher fertig bekommen musste – immerhin zahlte man ihm bald einen ganzen Gulden für diesen Auftrag und der nächste wartete schon.
Sie sollte später noch oft darüber grübeln, ob sie es nicht hätte schneller merken und seinen Schlägen ausweichen oder sie gar hätte vermeiden können. Bitter schmeckte bei all dem der Gedanke, dass es vielleicht an ihr läge. Die Stiefmutter hatte er nur einmal verprügelt und das war, als sie versucht hatte sich auf Mos Seite zu schlagen und zwischen sie und seine Fäuste gesprungen war. Yuli, ihre kleine Halbschwester hingegen, bekam die wärmsten Worte, die liebevollsten Zärtlichkeiten und nie auch nur ein tadelndes Wort. Ja, sie liebte er und sie, Mo, war einfach im Weg... schon immer gewesen.
Seine Rufe waren seit Stunden verklungen und mit ihnen der letzte Rest Sonnenlicht. Aufgescheucht von der stärker werdenden Bodenkälte erhob sich das Mädchen und begann durch das Unterholz zu stolpern. Wohin wusste sie nicht – nur weit fort von ihm.
Ruhig beobachteten die dunkelbraunen Augen das kleine Geschöpf, welches einige Schritt entfernt still auf einem Baumstumpf saß und seinerseits den Blick in die Ferne gleiten ließ, wo tief im Tal, scheinbar am Fuße der Berge, die Sonne sich mit den letzten blutroten Strahlen verabschiedete. Eine ganze Weile hatte er nun schon so ihren Rücken betrachtet, die schmalen Schultern, die sich mit jedem Atemzug sanft hoben und wieder senkten, die wirren, honigblonden Locken, an welchen der Wind spielerisch zupfte.
Ohne den Blick recht von ihr zu lösen, murmelte der junge Mann mit den den dunklen Augen seinem Nachbarn, ein älterer, bärig anmutender Herr, nachdenklich entgegen:
„Sie wirkt insbesondere abwesend... ich mag nicht daran denken, was auf dieser jungen Seele lastet.“
Der Angesprochene folgte dem Blick, ehe sich seine Züge mit leichter Sorge verdunkelten und er den zotteligen Kopf brummelnd schüttelte.
„Werden Sie auch nicht, junger Herr, das Mäuschen quiekt zwar im Schlaf, geplagt von Träumen aber sie spricht nicht.“
„Nie?“ Erstaunt hoben sich die Brauen über den braunen Augen.
„Nein, sie ist vermutlich stumm, Herr... aber auch das wird nicht lange Eure Sorge sein.“
„Wie... wie meint ihr das? Ist sie... krank?“
„Achwas!“ Das Kopfschütteln des Alten ließ den jungen Mann aufatmen. „Nein, das nicht, doch die Maus da bleibt nicht gern lange an ein und demselben Ort.“ Mit einem matten Seufzen unterbrach er kurz seine Erläuterung und setzte auch danach eher vorsichtig ein. „Sie... sie kam vor zwei Mondläufen zu uns und ich weiß, dass sie vorher einige Zeit beim Küster und seiner Frau im Tal gewohnt hat... auch nur drei, vier Mondläufe. Sie haben sie beim Klauen erwischt. Hat sie hier auch schon versucht und ist dabei nicht gerade ungeschickt.“ Er schmunzelte schwach. „Mag stumm sein, taub ist sie aber nicht – diebisch wie eine Maus eben.“
„Ah,“, der junge Mann nickte leicht, „daher der Name. Sie erinnert mich sehr an eine Ausreißerin, die mir ans Herz gewachsen ist.“ Kurz schwiegen beide, doch gerade als die Stille zu betreten werden wollte, sprach er den Alten wieder an.
„Hat sie denn einen Namen, also einen 'richtigen' Namen, nicht nur diesen Maus-Titel.“
„Hmmm..“, bestätigte der alte Bär, „man nennt sie Mo.“
***
„Mo?!“ Der Ruf klang gleichermaßen süßlich und doch fordernd. „Komm schon, du bist zu groß für ein Versteckspiel. Das ist nur was für Hosenmätzchen... Mo?!“
Das Kind, wohl kaum sechs Jahre alt, duckte sich noch weiter ins Unterholz und dankte still den wild wuchernden Brennnesseln, welche ihr zwar mit feinen Härchen ins Gesicht stachen, doch ihn davon abhielten, sich dem Versteck recht zu nähern.
„Mo?! Nun komm verdammt nochmal raus! Ich möchte zurück Nachhause und hab wegen dir schon genug Zeit vertrödelt....“ Seine Geduld war stets nicht die Beste gewesen.
„VERDAMMT, MO... SCHAU DAS ZU HERKOMMST!“ Sein Brüllen ließ sie selbst hier noch zittern und nach diesem Ausbruch, der sein wahres Gesicht gezeigt hatte, wurde seine Stimme wieder süßer und schmeichelnd. „Na komm, meine liebe Kleine... Papa wird dir auch nichts tun, ja?“ Doch sie wusste es besser...
Der Grund warum sie hier saß, war die blutende Lippe, die knallrote Wange und die Platzwunde an den Brauen, welche sie sich 'eingefangen' hatte, als er ihr die Zaunlatte in das Gesicht geschlagen hatte. Er hatte vorher schon mürrisch bemängelt, dass sie ihm keine gute Hilfe bei der Arbeit war und er den Zaun rascher fertig bekommen musste – immerhin zahlte man ihm bald einen ganzen Gulden für diesen Auftrag und der nächste wartete schon.
Sie sollte später noch oft darüber grübeln, ob sie es nicht hätte schneller merken und seinen Schlägen ausweichen oder sie gar hätte vermeiden können. Bitter schmeckte bei all dem der Gedanke, dass es vielleicht an ihr läge. Die Stiefmutter hatte er nur einmal verprügelt und das war, als sie versucht hatte sich auf Mos Seite zu schlagen und zwischen sie und seine Fäuste gesprungen war. Yuli, ihre kleine Halbschwester hingegen, bekam die wärmsten Worte, die liebevollsten Zärtlichkeiten und nie auch nur ein tadelndes Wort. Ja, sie liebte er und sie, Mo, war einfach im Weg... schon immer gewesen.
Seine Rufe waren seit Stunden verklungen und mit ihnen der letzte Rest Sonnenlicht. Aufgescheucht von der stärker werdenden Bodenkälte erhob sich das Mädchen und begann durch das Unterholz zu stolpern. Wohin wusste sie nicht – nur weit fort von ihm.