Das Wesen der Dinge
Verfasst: Sonntag 4. Dezember 2005, 15:48
Die Luft war kühl und es roch nach Winter. Der Wald lag still, grau in grau vor ihnen und stellte sich auf die lange Zeit der Ruhe ein.
Dunst verschleierte die Konturen der Baumstämme im Halbdunkeln und eigentlich hätten sie sich schon längst auf den langen Rückweg machen sollen bevor die Nacht gänzlichst hereinbrach.
Aber es gab noch etwas zu tun, unbestimmt, einer Ahnung gleich. Sie waren noch nicht fertig, egal was es sein sollte. So verharrten sie, als würden sie es beide merken, und gaben sich hier in unwirklichen Zwielicht dem Gespräch hin.
„Siehst du häufig die Tiere des Waldes ?“ fragte Cyrion den Kopf etwas wendend um sie besser ansehen zu können. „Ja ...“ gab sie in ihren ruhigen Art von sich , den Blick weiter in die Ferne gerichtet, grade so als wolle sie sich von allem überraschen lassen, was nun folgen würde, die Sinne hellwach, bereit jeder Eingebung zu folgen.
„.... Ja ich sehe sie häufig. Sie haben keine Angst. Ich denke sie merken, ob man ihnen nachstellen will, ob man ihnen fremd ist, anders im Denken. Sie haben es nicht verlernt, es ist einfach für sie.“
Er legte den Arm um Solveigh immer noch dieses zufriedene Lächeln auf den Lippen.
„Und sie wissen auch wenn man ihnen nachstellt um selbst zu leben, kein Reh zürnt einem Wolf. Es gehört einfach dazu.“
„Ja ... sie haben es wesentlich einfacher als die Menschen mit ihrer Art.“ , gab Cyrion zu.
„Sie sind zufrieden, nehmen es einfach hin weil es dazu gehört“, fuhr sie fort. „Genau so wie es nichts zur Sache tut, wann sie , wann wir sterben werden, es hat keine Bedeutung.“
Cyrion dachte kurz nach und sagte dann etwas, was vielleicht typisch war für das Denken eines Kriegers. „Sterben ... das einzige was man tun kann, ist nur sein Bestes geben ... ist der andere besser , ... , dann soll es wohl so sein.“
In Ihren Augen war ein wissendes Grinsen zu sehen. Das war es also weswegen sie noch hier saßen, und sie fühlte, dass das Gespräch eine tiefgreifende Wendung nehmen würde.
„Man kann sogar an einer einfachen Krankheit sterben Cyrion Sha’Ar, ganz ohne Heldentum.“
„Heldentum ...“ ,nachdenklich fuhr er sich über das Kinn, „ich weis nicht wie das mit dem Heldentum ist, man kann sein bestes geben, aber zum Held erkoren wird man von anderen.“
„Aber du denkst direkt an das kämpfen, wenn man vom Tod redet“ Überrascht blickte er Solveigh an.
„In einer Welt wo es Waffen gibt, die einem einen Vorteil geben, die ein anderer vielleicht nicht hat, ist es leicht, so zu denken. Waffen werden geschaffen, nicht um sich zu verteidigen, sondern um zu töten Solveigh. Tiere haben so etwas nicht. Für sie ist es einfach der Stärkere und in der Welt eines Kriegers eben der bessere mit seiner Waffe.“
Sein Blick war klar und die Stimme machte deutlich, dass er dahinter stand was er sagte.
„Nur ein Krieger, der gut kämpfen kann, wird alt. Oder auch der, der weis, wie er sich von Kämpfen fernhält. Selten stirbt ein Krieger an einer Krankheit oder auch nur am Alter. Es sind die Verletzungen im Kampf – weniger jene, die einem ... durch einen Unfall zustoßen. In diesem Wissen wird ein Krieger aufgezogen. Selten hat man die Muße, über andere Todesarten nachzudenken.“
„Es gibt ein Leben jenseits des Kampfes Cyr“. Er antwortete mit einem Nicken, wohl wissend was sie meinte und doch stellte sie ihre Aussage direkt in Frage. „Gibt es das ?“ . „Das gibt es.“ Erklang seine warme stimme etwas sonor.
„Manch ein Krieger ist froh, wenn er ausspannen kann, wenn er weis , dass er nicht das Schwert an der Seite tragen muss. Im Leben eines Kriegers gibt es auch Zeiten, in denen er sich der schönen Dinge besinnt. ... Es muss sie geben, sonst ist sein Leben öde und leer, und er ist nichts weiteres als eine Waffe die denken kann.“
Obwohl er auch nun wieder vom Kampf gesprochen hatte, freute sich Solveigh, dass er ihr so offen gegenüber war.
„Ich will, dass du dich geborgen fühlst“ sagte sie zu ihm, „und dir keine Sorgen machst, schon gar nicht um mich.“
Ihre Worte zauberten ein weiteres Lächeln auf sein Züge, musste er doch denken, dass dies eigentlich Dinge waren, die er zu ihr sagen sollte, wo er das Schwert hatte und sich sicher in der Beschützerrolle sah. „Ich werde daran denken, wenn ich bei dir bin.“
„Ich meine das ernst Cyrion, das Leben, es ist noch viel schöner als du vielleicht denken magst.“, „Wenn man den richtigen Blick dafür hat, sicher“ ergänzte er lakonisch.
„Nein ...“ lächelnd schüttelte sie den Kopf. „Dann wäre es nur für jene, die alle naiv nennen würden der richtige Blick, die verschrobenen Sonderlinge, die tatsächlich meinen nicht hinter jedem Busch würde die Gefahr lauern, die nicht in ständiger Angst leben und sich ihr eigenes Gefängnis bauen. Aber es ist für alle da !“
Mit einer ausschweifenden Bewegung, schloss sie den ganzen umliegenden Wald ein der sie still umgab.
„So habe ich das nie betrachtet.“ gab er leise zu. „Manchmal blicke ich des nachts zum Sternenhimmel hoch und habe das Gefühl, dass ich nie etwas prachtvolleres gesehen habe. Einfach , ja , aber prachtvoll. Hast du nie erlebt mit dir selbst in völliger Ruhe zu sein? Als wärest du der ruhende Pol, während alles um dich herum lebt?“
Cyrion blickte sie bei diesen Worten so flehentlich an, dass sie ihn blos verstehen möge, und doch wusste er nicht wie groß die offenen Türen waren, die er einrannte.
„Man hat das Gefühl die Zeit stünde still und alles ist so ... einfach!“ Ihm schien kein besseres Wort einzufallen.
„Es ist ein Gefühl was dich beschleicht, ich weis nicht wie ich es sagen soll, ein Gefühl als wäre man mit allem eins und doch nur der geringste Teil davon. Als sei man ein glücklicher Beobachter ... alles in einem ... diese Momente sind selten aber ... ich behalte sie in Erinnerung. Man sieht klar ... klarer als sonst.“
Da saß er nun dieser wunderbare Mann, dieser einfühlsame Krieger, und gab solche Worte von sich, rang sie von der Seele ab um zu beschreiben was er den ein oder anderen Moment gekostet hatte. Und sie fühlte sich unsagbar zu ihm hingezogen.
„Um es dir anschauen zu können, wie es ist, musst du erst sehen, dass es nichts anderes ist Cyrion. Nicht viel anders.“ Ihre Stimme wurde leiser „ .... sooo fein ....“. „Anders als was ?“ „Als die anderen Dinge, jedes für sich , kaum ein Unterschied.“
Sie musterte ihn.
„Denkst du viel wenn du solche Momente hast, solche besonderen Momente ?“ Leicht zögerte er mit der Antwort „ Nein ... überhaupt nicht.“
„Was wäre wenn ich dir sagte, dass du nicht Teil davon bist ?“ ,wobei sie das ‚du’ deutlich betonte. „wenn ich dir sagte, dass du nicht einmal bist, so wie du es dir vorstellst ?“
Es gibt eigentlich nie im Leben den richtigen Moment, Dinge zu sagen, für die man für verrückt erklärt wird. Falten zeigten sich auf Cyrions Stirn und allein der Umstand, dass sie selten etwas unüberlegtes sagte, hielt ihn davon ab loszulachen. Er nahm sie ernst und er hatte schwer zu tragen an diesen seltsamen Worten.
„Das ich nicht bin ? Du .. du meinst sicher entrückt, wie der Beobachter eben, also gewissermaßen daneben stehend ?“
Das würde Geduld erfordern. „Nicht entrückt ,“ sagte sie zu ihm „eher ... gelöst.“
Cyrion blickte sie ratlos an und die Sprache selbst würde ein großes Hindernis.
„Meine Worte tun sich schwer dir klar zumachen, was ich meine. Menschen haben kaum Worte dafür, weil es nicht Teil ihres Denkens ist nicht zu sein. Dabei ist es nichts was schlimm ist, aber alle sehen es so. Du warst vor deiner Geburt nicht. Du bist jetzt nicht und du wirst nicht nach deinem Tod bleiben, noch wiederkehren.“
Ruhig erklangen ihre Worte und sie fühlte wie er ihr entglitt.
„Tut mir leid Solveigh, ich kann mit dem nicht-sein nicht viel anfangen, .. wohl aber damit, dass alles eins ist, so wie ich mich jener Momente erinnere, wo ich es so gesehen habe.“
Oh nein, nicht so, Solveigh war absolut gewillt ihm nahe zubringen was sie meinte. Wenn er es nicht verstand dann ....
Entschieden schüttelte sie kurzerhand den Kopf.
„Wenn Du sagst, alles ist eins, dann siehst du Dich ! Dich neben mir, neben den Bäumen, den Steinen, den Tieren, auf dem Laub auf dem du sitzt. Aber Du siehst immer noch Dich !“
Durchatmen.
„Wenn ich sage, alles ist eins, dann sehe ich Eines und ich sehe die feinen Unterschiede in ihm. Ich sehe die Träume, die Erinnerungen, die Pläne, die aus dem Einen all die feinen Nuancen hervorholen, wie in einem ausgefeilten, lebendigen Bild.“
„Also nicht das.. feste , das körperliche ...“ Versuchte er es mit eigenen Worten zu fassen, so dass es für ihn einen Sinn ergab. „... sondern das rein geistige ?“
„Da gibt es keinen Unterschied, überhaupt keinen !“
Frustration keimte auf wo er nicht einfach verstehen konnte, was sie fühlte.
„Hm ... keinen Unterschied. Du meinst .. dann ist das körperliche nur nicht wichtig ?“
Cyrion legte seinen Umhang um sie beide und sie rutschten noch etwas enger zusammen. Es war mittlerweile empfindlich kalt geworden.
„Es ist die Summe all deiner Ideen von dir, die du zu haben scheinst. Alles was dich ausmacht, die Erinnerungen in dir. Deine Empfindungen. Du hast deine eigenen jetzt , sowie es jene von dir überall gibt.“
Solveighs Lippen formten sich zu einem Strich, und sie ahnte wie sehr er daran kauen musste, wie sehr sich mühen musste ihr folgen zu können. Und Stolz zeigte sich in ihren Augen, dass er es überhaupt versuchte.
Resignierend schaute er sie an. „Du hast recht, Menschen denken über so was nicht viel nach, und haben wenige Worte dafür, wenn überhaupt. Ich weis nicht ob ich es richtig verstanden habe, ich kann es nur hoffen, aber mein Gefühl sagt mir dass ich weit davon weg bin.“
So nicht ! Ein Bild ! Sie brauchte ein Bild ! Irgendwas womit sie ihm klar machen konnte wie die Dinge waren !
„Stell dir einen Welt vor ohne Ideen, ohne einen Plan einen Traum der ihr sagt wie sie sein soll, eine leere Welt, nichts was irgendwie wäre, nicht einmal Boden, Wasser oder Luft.“
„Hm , Eluive, ... ihre Idee erschuf diese Welt, zumindest habe ich es so verstanden , als ich diese Dinge gelehrt wurde“, sagte er leise und sie quittierte es mit einem Lächeln,
„Ja , aber schließe die Augen und stell dir vor was ich Dir erzähle.“
„Denk an eine Wasseroberfläche, auf der du nichts siehst. Es könnte alles darin sein, weil sie alles ist, aber da ist nichts. Sie ist ganz flach, wie ein Spiegel und unendlich klar.
Nimm einen Finger und tauche ihn in das Wasser. Stell dir vor das Wasser wäre zäh, und wollte nicht fließen, doch dein Finger kann es bewegen weil du die Macht dazu hast.
Wenn du das Wasser herunterdrückst, dann hebt es sich um deinen Finger herum an, als entstünde ein Wall, weil es weg will.
Du hast ein Loch mit einem Berg darum gemacht. Und doch ist nicht mehr da, als es vorher war. Das gleiche Wasser, das gleiche Nichts aus dem du etwas gemacht hast. Du hast nichts herbeigezaubert, nur Form gegeben , eine Idee ...“
„Ich glaube das ist mir ein wenig zu hoch ... tut mir leid.“ ,regte sich der Mann an ihrer Seite und regelrechter Ärger stieg in ihr hoch.
Soo nicht ! Sie würde es ihm klar machen und wenn es das letzte war was sie tat. Sie würde nicht aufgeben.
Solveigh blickte sich um und fand im letzten Licht der Dämmerung was sie suchte. Sie sprang auf und ging zu einem flachen Laubhaufen.
„Das Wasser will weg .. ich versteh nicht, warum es weg will ... und ein Loch mit einem Berg drum .. also ... ist der Berg sinnbildlich für meine Hand oder .... “ ,stammelte er.
„Du sollst es nicht verstehen ... du sollst es tun ! Es dir vorstellen !“ ,herrschte sie ihn ungehalten an.
„Es tut mir leid aber ...“ , kam noch hilflos und erschrocken von ihrem Gefühlsausbruch, als sie vehement auf das Laub deutete.
„Hier ! Das ist flach ! Siehst du das ?“ ... Er nickte, und sie kniete sich vor das Laub gewillt es ihm ganz einfach zu machen. Sie erhob die Faust und hieb in das Laub, dass es nur so hoch wirbelte, um anschließend gleichmäßig verteilt neben der Stelle liegen zu bleiben und einen kleinen Kraterwall zu bilden.
„Siehst du das ?“ Abermals nickte er. „Und du meintest eben das selbe mit Wasser ? Und .. ohne dass die Welle direkt wegfließt ?“ , „Ja das meinte ich.“ Atmete sie durch, einen funken Hoffnung hegend. „Das kann ich mir vorstellen.“ , gab er zuversichtlich kund und Solveigh ging zurück zu ihm unter den warmen Mantel.
„Stell dir nun vor das machst du daneben noch einmal, wie zwei eingefrorene Wellen. Nichts hinzugefügt, nur die Form gegeben , die Idee in das Wasser gelegt , und nun ...“ ,sie schnippte kurz mit den Fingern, „... fliessen sie, breiten sich aus, sie wandern, leben, und sind immer noch die gleichen.
Die Wellen werden flacher, weiter, die Kreise größer, aber immer noch ist es die gleiche Idee, die gleiche Form.
Bis sich beide irgendwann in der Mitte treffen, sich die Ränder berühren durchdringen.
Und nun passiert etwas an diesen Stellen was du nicht geschaffen hast, neue Muster, wunderbare Symetrien, Ideen die vorher nicht da waren, weil die Wellen ... leben.“
Ruhig musterte sie ihn, gab ihm Zeit bis sich das Bild gesetzt hatte.
„Also , was genau lebt nun ? Die Wellen, das Wasser , oder die Ideen ?“ ,fragte er vorsichtig, als habe er angst, dass sie wieder loswettere.
„Das Wasser in dieser Vorstellung ist alles“, fuhr sie nun ruhiger fort. „In ihm sind die Ideen die Formen, die in Bewegung sind, die leben und aus sich heraus neue schaffen. Immer schöner, immer feiner. Werden gebrochen, durchdringen sich immer mehr.
Sie sehen sich , berühren sich , reden mit einander.“
Sie fasste nach seiner Hand und hoffte er würde die Parallelen zwischen dem Bild und der Wirklichkeit, wie sie sie sahen, erkennen.
„Das Wasser .. gut ... und weil die Idee da ist, formt sich das Wasser selbst wieder zu einem Hügelkamm ?“ fragte er wissbegierig weiter.
Sie hatte es geschafft, er akzeptierte das Bild, hatte nicht aufgegeben und in diesem Moment wusste sie , dass sie es ihm erklären können würde. Dass sie ihn nicht verlieren würde wie die anderen, weil sie schon so weit gegangen war.
„Es muss sich nicht neu formen, die Idee ist nie weggewesen, die Welle ist auf der Reise. Sie wird immer schwächer aber sie wird nie vergehen. Wie ein Echo, dass immer leiser wird und die Weiten durchschreitet.“
Verstehend nickte er leicht und sanft streichelte er über ihre Hand. „Also ... hat das Wasser nur einen Schubs in die richtige Richtung bekommen ... es ist eine Saat gesät um neuen Ideen einen Anstoß zu geben.“
Solveigh strahlte ihn an. „Wir sind nur Stellen wo Wellen in einander laufen. Cyrion Sha’Ar.“
“Hm , … Wellen und Erinnerungen … Ideen … dann haben Ideen und unsere Erinnerungen an sie, uns zudem gemacht, was wir sind. Wie ist es mit den Ideen , die nie umgesetzt wurden ? Sie sind noch da, aber sie haben zu keinem Ergebnis geführt, ... auch wenn die Idee noch da ist, und vielleicht auch noch umgesetzt werden könnte ?“
„Ich rede nicht von deinen oder meinen Ideen Cyr, .. ich rede vom Sein an sich.“ ,und sie untermalte ihre Worte mit einer ausschweifenden Handbewegung.
„Alles was du siehst oder sehen könntest, wenn du die ganze Schöpfung erblicktest, sind alle Ideen, die es bis zu diesem Moment gibt, da ist keine, die nicht umgesetzt wäre. Das Sein ist der Spiegel aller Ideen und was nicht ist, ist nicht.“
„Wenn ich das recht verstehe, ... gibt es gar kein ‚auf das eigene Sein reduziert’ ... sonder nur das eine Sein, weil das eigene Sein eine Erfindung, eine Einbildung der Menschen ist ?“ ,versuchte er den Gedanken zu folgen und sie spürte anhand seins Händedrucks und seiner Gefühle wie aufgeregt er war.
„Überall wo Ideen wie Wellen zusammenlaufen und das Wasser besonders hoch schwappt ist dieser kleine Haufen Wasser die Summe all dieser Ideen, das was dort existiert, wie der Stein dort, der Baum hinter uns oder wie wir beide für den Moment in dem wir sind, bis der Wasserberg zusammenbricht und all seine Erfahrungen an das Meer abgibt, die er in der kurzen Zeit gesammelt hat, bis er wieder auseinander läuft in diesen vielen Wellen, mit all diesen Erfahrungen um anderen Wellen zu ermöglichen sie zu nutzen für ihren eigenen Moment.“
Selig schaute sie ihn an. Es war ein großer Moment und er würde nicht begreifen können wie glücklich sie war.
„So ist denn der Mensch ... wie eine von diesen vielen Wellen auf dem Meer ..“ ,murmelte er sinnierend.
„In unserem Sinnbild, ja .. und es kommt der Wahrheit näher als du denkst.“
„Dann versteh ich auch warum, wenn wir vergehen, wenn die Welle zusammenbricht, nichts mehr bleibt außer den Erinnerungen.“
„Es war nie wirklich mehr da Cyr, nur für den Moment, wo sich die wellen aus allen Richtungen durchdrangen um danach einfach weiter und wieder auseinander zulaufen“
Cyrion hob den Kopf und schaute auf den mittlerweile fast dunklen Nachthimmel und lies die Gedanken sacken, diese für ihn vollkommen neue Vorstellung.
„Was ist mit Jenen die wir vergessen ? Was ist mit meinen Vorfahren, über die ich nichts mehr weiss ? Mit jenen vor Raven Sha’Ar? Oder jenen angeheirateten Familienmitgliedern, die nicht wichtig genug waren, dass meine eltern mir von ihnen erzählten ? Sterben ihre Ideen ? Ihre Erinnerung ist für mich tot, ich weiß manchmal nicht, wer da alles lebte, andere mögen sich an sie erinnern, aber meistens ist es doch so, dass einige Generationen nach einem sich niemand mehr an sie erinnert, nichtmal vom Stammbaum her.“
In seiner Stimme konnte man hören , dass er fest mit einer Antwort rechnete, so als habe er sich damit abgefunden, dass praktisch immer eine Antwort kam, die ihn weiterführte , wenn er nur fragte.
„Es hat nichts mit dem Erbe zu tun, weil das nicht wichtig ist, nicht hierfür. Es sind auch nicht die Ideen in deinem Kopf gemeint, nicht deine eigenen Erinnerungen, sondern - die Idee der Welt von Dir - !
Dein Kopf , deine Ideen darin, ist das was darüberliegt, was dich blind macht zu sehen wovon ich rede.
Du hast selbst gesagt, dass wenn du dich –Eins fühlst- mit der Welt , du in diesem Moment nicht denkst Cyrion. An diesen Schatz kommt nur, wer sein Denken zurückstellen und sich fallen lassen kann.“
„Du sagst, die Ideen der Welt , die sie von mir hat ... und du sagst diese Ideen vergehen nie ... also ist es auch nicht schlimm, wenn ich mich mancher meiner Vorfahren nicht erinnere, die Welt hat immer noch einen Idee von ihnen, eine die bleibt.“
„Dein Verstand muss nicht alles fassen, nicht alles wissen was war, weil es dich umgibt, weil du es fühlen kannst, wenn du willst, die einen mehr die anderen weniger. Es ist alles da, die Welt erinnert sich.
Es umgibt uns , in jedem Moment, mit all seinen Echos, und wenn man still sein kann,“ ,sagte Solveigh andächtig, „dann kann man es fühlen , ... die Ewigkeit ... und alle was darin gesammelt ist.“
Er blickt aus seinen blauen Augen zu ihr und sie wusste, dass er es wirklich verstanden und dass es einen Bedeutung für ihn hatte, Tragweite auch für ihn als Krieger und folgerichtig fragte er.
„Dieses Wissen gibt einem die Möglichkeit, zu wissen, dass der Kampf völlig unnötig ist, sei es unnötig zu kämpfen oder gar sich nur zu wehren. Denn stirbt man, vergeht man nicht wirklich... die Welt weiß von einem und wird es immer wissen. warum also überhaupt das Schwert ziehen Solveigh...?“
„Weil ... es ... immer ... noch ... weh ... tut !“ sagte sie zu ihm. „Wir alle haben eine Aufgabe, und die Welt währe nicht so schön, wenn alles in ihr dazu neigen würde sich aufzugeben, sich umzubringen. Wir bringen sie weiter und erhalten sie, für unseren Moment.“
Dicht schmiegte sie sich an ihn, und sie verfielen beide in nachdenkliches Schweigen.
Dann rieselte der erste Schnee des Jahres auf sie hernieder. Es war geschafft, alles würde sich nun zur Ruhe legen können.
Mutters Schöpfung deren Teil sie waren wie eine vergängliche Geschichte, und die beiden Gestalten unter ihrem Umhang die einfach nur den Moment genossen.
***
Geschichten die die Wellen schreiben
Etwas aus Nichts zu schaffen, kommt dem schlagen von Wellen gleich,
so man vorher nur die Oberfläche sah.
Das Wasser war immer da, und mit ihm Alles was nun zu Tage tritt.
Und doch ist es erst das Auf und Ab welches es bewusst macht.
So wie alles im Wasser ist und alles aus dem Wasser kommt,
fallen die Wellen zurück wie sie emporsteigen,
vermischt sich was bewusst war mit den Weiten des Meeres,
geht nie verloren was gewesen ist.
Seht denn die Welt auf der Ihr wandelt und seid gewiss,
ihr seht nur Wellen für den Moment in dem sie sind,
wie auch Ihr nur Teil dieses Ozeans seid.
Ein Etwas aus dem Nichts, welchem sich die Welt bewusst ward.
Das Wissen der Welt, Gewohnheiten ihrer Schöpfung,
Bilder wie Ideen, Erinnerungen an Vergangenes,
liegen verborgen in den Tiefen, gut bewahrt
und warten darauf nach oben gespühlt zu werden.
So gedenke deiner Träume, studiere die Zufälle,
verfolge deine Ideen und fühle was dich umgibt.
Wenn du Augen und Ohren schließt und dennoch lauschst,
wirst du spüren was unter der Oberfläche liegt.
Die Welt ist in stetem Wandel und ihre Seele drängt danach.
Geschichten die die Wellen schreiben sind Wege denen man folgen kann.
Still klingen sie im Rauschen der Gezeiten
und schlagen Etwas aus Nichts.
Dunst verschleierte die Konturen der Baumstämme im Halbdunkeln und eigentlich hätten sie sich schon längst auf den langen Rückweg machen sollen bevor die Nacht gänzlichst hereinbrach.
Aber es gab noch etwas zu tun, unbestimmt, einer Ahnung gleich. Sie waren noch nicht fertig, egal was es sein sollte. So verharrten sie, als würden sie es beide merken, und gaben sich hier in unwirklichen Zwielicht dem Gespräch hin.
„Siehst du häufig die Tiere des Waldes ?“ fragte Cyrion den Kopf etwas wendend um sie besser ansehen zu können. „Ja ...“ gab sie in ihren ruhigen Art von sich , den Blick weiter in die Ferne gerichtet, grade so als wolle sie sich von allem überraschen lassen, was nun folgen würde, die Sinne hellwach, bereit jeder Eingebung zu folgen.
„.... Ja ich sehe sie häufig. Sie haben keine Angst. Ich denke sie merken, ob man ihnen nachstellen will, ob man ihnen fremd ist, anders im Denken. Sie haben es nicht verlernt, es ist einfach für sie.“
Er legte den Arm um Solveigh immer noch dieses zufriedene Lächeln auf den Lippen.
„Und sie wissen auch wenn man ihnen nachstellt um selbst zu leben, kein Reh zürnt einem Wolf. Es gehört einfach dazu.“
„Ja ... sie haben es wesentlich einfacher als die Menschen mit ihrer Art.“ , gab Cyrion zu.
„Sie sind zufrieden, nehmen es einfach hin weil es dazu gehört“, fuhr sie fort. „Genau so wie es nichts zur Sache tut, wann sie , wann wir sterben werden, es hat keine Bedeutung.“
Cyrion dachte kurz nach und sagte dann etwas, was vielleicht typisch war für das Denken eines Kriegers. „Sterben ... das einzige was man tun kann, ist nur sein Bestes geben ... ist der andere besser , ... , dann soll es wohl so sein.“
In Ihren Augen war ein wissendes Grinsen zu sehen. Das war es also weswegen sie noch hier saßen, und sie fühlte, dass das Gespräch eine tiefgreifende Wendung nehmen würde.
„Man kann sogar an einer einfachen Krankheit sterben Cyrion Sha’Ar, ganz ohne Heldentum.“
„Heldentum ...“ ,nachdenklich fuhr er sich über das Kinn, „ich weis nicht wie das mit dem Heldentum ist, man kann sein bestes geben, aber zum Held erkoren wird man von anderen.“
„Aber du denkst direkt an das kämpfen, wenn man vom Tod redet“ Überrascht blickte er Solveigh an.
„In einer Welt wo es Waffen gibt, die einem einen Vorteil geben, die ein anderer vielleicht nicht hat, ist es leicht, so zu denken. Waffen werden geschaffen, nicht um sich zu verteidigen, sondern um zu töten Solveigh. Tiere haben so etwas nicht. Für sie ist es einfach der Stärkere und in der Welt eines Kriegers eben der bessere mit seiner Waffe.“
Sein Blick war klar und die Stimme machte deutlich, dass er dahinter stand was er sagte.
„Nur ein Krieger, der gut kämpfen kann, wird alt. Oder auch der, der weis, wie er sich von Kämpfen fernhält. Selten stirbt ein Krieger an einer Krankheit oder auch nur am Alter. Es sind die Verletzungen im Kampf – weniger jene, die einem ... durch einen Unfall zustoßen. In diesem Wissen wird ein Krieger aufgezogen. Selten hat man die Muße, über andere Todesarten nachzudenken.“
„Es gibt ein Leben jenseits des Kampfes Cyr“. Er antwortete mit einem Nicken, wohl wissend was sie meinte und doch stellte sie ihre Aussage direkt in Frage. „Gibt es das ?“ . „Das gibt es.“ Erklang seine warme stimme etwas sonor.
„Manch ein Krieger ist froh, wenn er ausspannen kann, wenn er weis , dass er nicht das Schwert an der Seite tragen muss. Im Leben eines Kriegers gibt es auch Zeiten, in denen er sich der schönen Dinge besinnt. ... Es muss sie geben, sonst ist sein Leben öde und leer, und er ist nichts weiteres als eine Waffe die denken kann.“
Obwohl er auch nun wieder vom Kampf gesprochen hatte, freute sich Solveigh, dass er ihr so offen gegenüber war.
„Ich will, dass du dich geborgen fühlst“ sagte sie zu ihm, „und dir keine Sorgen machst, schon gar nicht um mich.“
Ihre Worte zauberten ein weiteres Lächeln auf sein Züge, musste er doch denken, dass dies eigentlich Dinge waren, die er zu ihr sagen sollte, wo er das Schwert hatte und sich sicher in der Beschützerrolle sah. „Ich werde daran denken, wenn ich bei dir bin.“
„Ich meine das ernst Cyrion, das Leben, es ist noch viel schöner als du vielleicht denken magst.“, „Wenn man den richtigen Blick dafür hat, sicher“ ergänzte er lakonisch.
„Nein ...“ lächelnd schüttelte sie den Kopf. „Dann wäre es nur für jene, die alle naiv nennen würden der richtige Blick, die verschrobenen Sonderlinge, die tatsächlich meinen nicht hinter jedem Busch würde die Gefahr lauern, die nicht in ständiger Angst leben und sich ihr eigenes Gefängnis bauen. Aber es ist für alle da !“
Mit einer ausschweifenden Bewegung, schloss sie den ganzen umliegenden Wald ein der sie still umgab.
„So habe ich das nie betrachtet.“ gab er leise zu. „Manchmal blicke ich des nachts zum Sternenhimmel hoch und habe das Gefühl, dass ich nie etwas prachtvolleres gesehen habe. Einfach , ja , aber prachtvoll. Hast du nie erlebt mit dir selbst in völliger Ruhe zu sein? Als wärest du der ruhende Pol, während alles um dich herum lebt?“
Cyrion blickte sie bei diesen Worten so flehentlich an, dass sie ihn blos verstehen möge, und doch wusste er nicht wie groß die offenen Türen waren, die er einrannte.
„Man hat das Gefühl die Zeit stünde still und alles ist so ... einfach!“ Ihm schien kein besseres Wort einzufallen.
„Es ist ein Gefühl was dich beschleicht, ich weis nicht wie ich es sagen soll, ein Gefühl als wäre man mit allem eins und doch nur der geringste Teil davon. Als sei man ein glücklicher Beobachter ... alles in einem ... diese Momente sind selten aber ... ich behalte sie in Erinnerung. Man sieht klar ... klarer als sonst.“
Da saß er nun dieser wunderbare Mann, dieser einfühlsame Krieger, und gab solche Worte von sich, rang sie von der Seele ab um zu beschreiben was er den ein oder anderen Moment gekostet hatte. Und sie fühlte sich unsagbar zu ihm hingezogen.
„Um es dir anschauen zu können, wie es ist, musst du erst sehen, dass es nichts anderes ist Cyrion. Nicht viel anders.“ Ihre Stimme wurde leiser „ .... sooo fein ....“. „Anders als was ?“ „Als die anderen Dinge, jedes für sich , kaum ein Unterschied.“
Sie musterte ihn.
„Denkst du viel wenn du solche Momente hast, solche besonderen Momente ?“ Leicht zögerte er mit der Antwort „ Nein ... überhaupt nicht.“
„Was wäre wenn ich dir sagte, dass du nicht Teil davon bist ?“ ,wobei sie das ‚du’ deutlich betonte. „wenn ich dir sagte, dass du nicht einmal bist, so wie du es dir vorstellst ?“
Es gibt eigentlich nie im Leben den richtigen Moment, Dinge zu sagen, für die man für verrückt erklärt wird. Falten zeigten sich auf Cyrions Stirn und allein der Umstand, dass sie selten etwas unüberlegtes sagte, hielt ihn davon ab loszulachen. Er nahm sie ernst und er hatte schwer zu tragen an diesen seltsamen Worten.
„Das ich nicht bin ? Du .. du meinst sicher entrückt, wie der Beobachter eben, also gewissermaßen daneben stehend ?“
Das würde Geduld erfordern. „Nicht entrückt ,“ sagte sie zu ihm „eher ... gelöst.“
Cyrion blickte sie ratlos an und die Sprache selbst würde ein großes Hindernis.
„Meine Worte tun sich schwer dir klar zumachen, was ich meine. Menschen haben kaum Worte dafür, weil es nicht Teil ihres Denkens ist nicht zu sein. Dabei ist es nichts was schlimm ist, aber alle sehen es so. Du warst vor deiner Geburt nicht. Du bist jetzt nicht und du wirst nicht nach deinem Tod bleiben, noch wiederkehren.“
Ruhig erklangen ihre Worte und sie fühlte wie er ihr entglitt.
„Tut mir leid Solveigh, ich kann mit dem nicht-sein nicht viel anfangen, .. wohl aber damit, dass alles eins ist, so wie ich mich jener Momente erinnere, wo ich es so gesehen habe.“
Oh nein, nicht so, Solveigh war absolut gewillt ihm nahe zubringen was sie meinte. Wenn er es nicht verstand dann ....
Entschieden schüttelte sie kurzerhand den Kopf.
„Wenn Du sagst, alles ist eins, dann siehst du Dich ! Dich neben mir, neben den Bäumen, den Steinen, den Tieren, auf dem Laub auf dem du sitzt. Aber Du siehst immer noch Dich !“
Durchatmen.
„Wenn ich sage, alles ist eins, dann sehe ich Eines und ich sehe die feinen Unterschiede in ihm. Ich sehe die Träume, die Erinnerungen, die Pläne, die aus dem Einen all die feinen Nuancen hervorholen, wie in einem ausgefeilten, lebendigen Bild.“
„Also nicht das.. feste , das körperliche ...“ Versuchte er es mit eigenen Worten zu fassen, so dass es für ihn einen Sinn ergab. „... sondern das rein geistige ?“
„Da gibt es keinen Unterschied, überhaupt keinen !“
Frustration keimte auf wo er nicht einfach verstehen konnte, was sie fühlte.
„Hm ... keinen Unterschied. Du meinst .. dann ist das körperliche nur nicht wichtig ?“
Cyrion legte seinen Umhang um sie beide und sie rutschten noch etwas enger zusammen. Es war mittlerweile empfindlich kalt geworden.
„Es ist die Summe all deiner Ideen von dir, die du zu haben scheinst. Alles was dich ausmacht, die Erinnerungen in dir. Deine Empfindungen. Du hast deine eigenen jetzt , sowie es jene von dir überall gibt.“
Solveighs Lippen formten sich zu einem Strich, und sie ahnte wie sehr er daran kauen musste, wie sehr sich mühen musste ihr folgen zu können. Und Stolz zeigte sich in ihren Augen, dass er es überhaupt versuchte.
Resignierend schaute er sie an. „Du hast recht, Menschen denken über so was nicht viel nach, und haben wenige Worte dafür, wenn überhaupt. Ich weis nicht ob ich es richtig verstanden habe, ich kann es nur hoffen, aber mein Gefühl sagt mir dass ich weit davon weg bin.“
So nicht ! Ein Bild ! Sie brauchte ein Bild ! Irgendwas womit sie ihm klar machen konnte wie die Dinge waren !
„Stell dir einen Welt vor ohne Ideen, ohne einen Plan einen Traum der ihr sagt wie sie sein soll, eine leere Welt, nichts was irgendwie wäre, nicht einmal Boden, Wasser oder Luft.“
„Hm , Eluive, ... ihre Idee erschuf diese Welt, zumindest habe ich es so verstanden , als ich diese Dinge gelehrt wurde“, sagte er leise und sie quittierte es mit einem Lächeln,
„Ja , aber schließe die Augen und stell dir vor was ich Dir erzähle.“
„Denk an eine Wasseroberfläche, auf der du nichts siehst. Es könnte alles darin sein, weil sie alles ist, aber da ist nichts. Sie ist ganz flach, wie ein Spiegel und unendlich klar.
Nimm einen Finger und tauche ihn in das Wasser. Stell dir vor das Wasser wäre zäh, und wollte nicht fließen, doch dein Finger kann es bewegen weil du die Macht dazu hast.
Wenn du das Wasser herunterdrückst, dann hebt es sich um deinen Finger herum an, als entstünde ein Wall, weil es weg will.
Du hast ein Loch mit einem Berg darum gemacht. Und doch ist nicht mehr da, als es vorher war. Das gleiche Wasser, das gleiche Nichts aus dem du etwas gemacht hast. Du hast nichts herbeigezaubert, nur Form gegeben , eine Idee ...“
„Ich glaube das ist mir ein wenig zu hoch ... tut mir leid.“ ,regte sich der Mann an ihrer Seite und regelrechter Ärger stieg in ihr hoch.
Soo nicht ! Sie würde es ihm klar machen und wenn es das letzte war was sie tat. Sie würde nicht aufgeben.
Solveigh blickte sich um und fand im letzten Licht der Dämmerung was sie suchte. Sie sprang auf und ging zu einem flachen Laubhaufen.
„Das Wasser will weg .. ich versteh nicht, warum es weg will ... und ein Loch mit einem Berg drum .. also ... ist der Berg sinnbildlich für meine Hand oder .... “ ,stammelte er.
„Du sollst es nicht verstehen ... du sollst es tun ! Es dir vorstellen !“ ,herrschte sie ihn ungehalten an.
„Es tut mir leid aber ...“ , kam noch hilflos und erschrocken von ihrem Gefühlsausbruch, als sie vehement auf das Laub deutete.
„Hier ! Das ist flach ! Siehst du das ?“ ... Er nickte, und sie kniete sich vor das Laub gewillt es ihm ganz einfach zu machen. Sie erhob die Faust und hieb in das Laub, dass es nur so hoch wirbelte, um anschließend gleichmäßig verteilt neben der Stelle liegen zu bleiben und einen kleinen Kraterwall zu bilden.
„Siehst du das ?“ Abermals nickte er. „Und du meintest eben das selbe mit Wasser ? Und .. ohne dass die Welle direkt wegfließt ?“ , „Ja das meinte ich.“ Atmete sie durch, einen funken Hoffnung hegend. „Das kann ich mir vorstellen.“ , gab er zuversichtlich kund und Solveigh ging zurück zu ihm unter den warmen Mantel.
„Stell dir nun vor das machst du daneben noch einmal, wie zwei eingefrorene Wellen. Nichts hinzugefügt, nur die Form gegeben , die Idee in das Wasser gelegt , und nun ...“ ,sie schnippte kurz mit den Fingern, „... fliessen sie, breiten sich aus, sie wandern, leben, und sind immer noch die gleichen.
Die Wellen werden flacher, weiter, die Kreise größer, aber immer noch ist es die gleiche Idee, die gleiche Form.
Bis sich beide irgendwann in der Mitte treffen, sich die Ränder berühren durchdringen.
Und nun passiert etwas an diesen Stellen was du nicht geschaffen hast, neue Muster, wunderbare Symetrien, Ideen die vorher nicht da waren, weil die Wellen ... leben.“
Ruhig musterte sie ihn, gab ihm Zeit bis sich das Bild gesetzt hatte.
„Also , was genau lebt nun ? Die Wellen, das Wasser , oder die Ideen ?“ ,fragte er vorsichtig, als habe er angst, dass sie wieder loswettere.
„Das Wasser in dieser Vorstellung ist alles“, fuhr sie nun ruhiger fort. „In ihm sind die Ideen die Formen, die in Bewegung sind, die leben und aus sich heraus neue schaffen. Immer schöner, immer feiner. Werden gebrochen, durchdringen sich immer mehr.
Sie sehen sich , berühren sich , reden mit einander.“
Sie fasste nach seiner Hand und hoffte er würde die Parallelen zwischen dem Bild und der Wirklichkeit, wie sie sie sahen, erkennen.
„Das Wasser .. gut ... und weil die Idee da ist, formt sich das Wasser selbst wieder zu einem Hügelkamm ?“ fragte er wissbegierig weiter.
Sie hatte es geschafft, er akzeptierte das Bild, hatte nicht aufgegeben und in diesem Moment wusste sie , dass sie es ihm erklären können würde. Dass sie ihn nicht verlieren würde wie die anderen, weil sie schon so weit gegangen war.
„Es muss sich nicht neu formen, die Idee ist nie weggewesen, die Welle ist auf der Reise. Sie wird immer schwächer aber sie wird nie vergehen. Wie ein Echo, dass immer leiser wird und die Weiten durchschreitet.“
Verstehend nickte er leicht und sanft streichelte er über ihre Hand. „Also ... hat das Wasser nur einen Schubs in die richtige Richtung bekommen ... es ist eine Saat gesät um neuen Ideen einen Anstoß zu geben.“
Solveigh strahlte ihn an. „Wir sind nur Stellen wo Wellen in einander laufen. Cyrion Sha’Ar.“
“Hm , … Wellen und Erinnerungen … Ideen … dann haben Ideen und unsere Erinnerungen an sie, uns zudem gemacht, was wir sind. Wie ist es mit den Ideen , die nie umgesetzt wurden ? Sie sind noch da, aber sie haben zu keinem Ergebnis geführt, ... auch wenn die Idee noch da ist, und vielleicht auch noch umgesetzt werden könnte ?“
„Ich rede nicht von deinen oder meinen Ideen Cyr, .. ich rede vom Sein an sich.“ ,und sie untermalte ihre Worte mit einer ausschweifenden Handbewegung.
„Alles was du siehst oder sehen könntest, wenn du die ganze Schöpfung erblicktest, sind alle Ideen, die es bis zu diesem Moment gibt, da ist keine, die nicht umgesetzt wäre. Das Sein ist der Spiegel aller Ideen und was nicht ist, ist nicht.“
„Wenn ich das recht verstehe, ... gibt es gar kein ‚auf das eigene Sein reduziert’ ... sonder nur das eine Sein, weil das eigene Sein eine Erfindung, eine Einbildung der Menschen ist ?“ ,versuchte er den Gedanken zu folgen und sie spürte anhand seins Händedrucks und seiner Gefühle wie aufgeregt er war.
„Überall wo Ideen wie Wellen zusammenlaufen und das Wasser besonders hoch schwappt ist dieser kleine Haufen Wasser die Summe all dieser Ideen, das was dort existiert, wie der Stein dort, der Baum hinter uns oder wie wir beide für den Moment in dem wir sind, bis der Wasserberg zusammenbricht und all seine Erfahrungen an das Meer abgibt, die er in der kurzen Zeit gesammelt hat, bis er wieder auseinander läuft in diesen vielen Wellen, mit all diesen Erfahrungen um anderen Wellen zu ermöglichen sie zu nutzen für ihren eigenen Moment.“
Selig schaute sie ihn an. Es war ein großer Moment und er würde nicht begreifen können wie glücklich sie war.
„So ist denn der Mensch ... wie eine von diesen vielen Wellen auf dem Meer ..“ ,murmelte er sinnierend.
„In unserem Sinnbild, ja .. und es kommt der Wahrheit näher als du denkst.“
„Dann versteh ich auch warum, wenn wir vergehen, wenn die Welle zusammenbricht, nichts mehr bleibt außer den Erinnerungen.“
„Es war nie wirklich mehr da Cyr, nur für den Moment, wo sich die wellen aus allen Richtungen durchdrangen um danach einfach weiter und wieder auseinander zulaufen“
Cyrion hob den Kopf und schaute auf den mittlerweile fast dunklen Nachthimmel und lies die Gedanken sacken, diese für ihn vollkommen neue Vorstellung.
„Was ist mit Jenen die wir vergessen ? Was ist mit meinen Vorfahren, über die ich nichts mehr weiss ? Mit jenen vor Raven Sha’Ar? Oder jenen angeheirateten Familienmitgliedern, die nicht wichtig genug waren, dass meine eltern mir von ihnen erzählten ? Sterben ihre Ideen ? Ihre Erinnerung ist für mich tot, ich weiß manchmal nicht, wer da alles lebte, andere mögen sich an sie erinnern, aber meistens ist es doch so, dass einige Generationen nach einem sich niemand mehr an sie erinnert, nichtmal vom Stammbaum her.“
In seiner Stimme konnte man hören , dass er fest mit einer Antwort rechnete, so als habe er sich damit abgefunden, dass praktisch immer eine Antwort kam, die ihn weiterführte , wenn er nur fragte.
„Es hat nichts mit dem Erbe zu tun, weil das nicht wichtig ist, nicht hierfür. Es sind auch nicht die Ideen in deinem Kopf gemeint, nicht deine eigenen Erinnerungen, sondern - die Idee der Welt von Dir - !
Dein Kopf , deine Ideen darin, ist das was darüberliegt, was dich blind macht zu sehen wovon ich rede.
Du hast selbst gesagt, dass wenn du dich –Eins fühlst- mit der Welt , du in diesem Moment nicht denkst Cyrion. An diesen Schatz kommt nur, wer sein Denken zurückstellen und sich fallen lassen kann.“
„Du sagst, die Ideen der Welt , die sie von mir hat ... und du sagst diese Ideen vergehen nie ... also ist es auch nicht schlimm, wenn ich mich mancher meiner Vorfahren nicht erinnere, die Welt hat immer noch einen Idee von ihnen, eine die bleibt.“
„Dein Verstand muss nicht alles fassen, nicht alles wissen was war, weil es dich umgibt, weil du es fühlen kannst, wenn du willst, die einen mehr die anderen weniger. Es ist alles da, die Welt erinnert sich.
Es umgibt uns , in jedem Moment, mit all seinen Echos, und wenn man still sein kann,“ ,sagte Solveigh andächtig, „dann kann man es fühlen , ... die Ewigkeit ... und alle was darin gesammelt ist.“
Er blickt aus seinen blauen Augen zu ihr und sie wusste, dass er es wirklich verstanden und dass es einen Bedeutung für ihn hatte, Tragweite auch für ihn als Krieger und folgerichtig fragte er.
„Dieses Wissen gibt einem die Möglichkeit, zu wissen, dass der Kampf völlig unnötig ist, sei es unnötig zu kämpfen oder gar sich nur zu wehren. Denn stirbt man, vergeht man nicht wirklich... die Welt weiß von einem und wird es immer wissen. warum also überhaupt das Schwert ziehen Solveigh...?“
„Weil ... es ... immer ... noch ... weh ... tut !“ sagte sie zu ihm. „Wir alle haben eine Aufgabe, und die Welt währe nicht so schön, wenn alles in ihr dazu neigen würde sich aufzugeben, sich umzubringen. Wir bringen sie weiter und erhalten sie, für unseren Moment.“
Dicht schmiegte sie sich an ihn, und sie verfielen beide in nachdenkliches Schweigen.
Dann rieselte der erste Schnee des Jahres auf sie hernieder. Es war geschafft, alles würde sich nun zur Ruhe legen können.
Mutters Schöpfung deren Teil sie waren wie eine vergängliche Geschichte, und die beiden Gestalten unter ihrem Umhang die einfach nur den Moment genossen.
***
Geschichten die die Wellen schreiben
Etwas aus Nichts zu schaffen, kommt dem schlagen von Wellen gleich,
so man vorher nur die Oberfläche sah.
Das Wasser war immer da, und mit ihm Alles was nun zu Tage tritt.
Und doch ist es erst das Auf und Ab welches es bewusst macht.
So wie alles im Wasser ist und alles aus dem Wasser kommt,
fallen die Wellen zurück wie sie emporsteigen,
vermischt sich was bewusst war mit den Weiten des Meeres,
geht nie verloren was gewesen ist.
Seht denn die Welt auf der Ihr wandelt und seid gewiss,
ihr seht nur Wellen für den Moment in dem sie sind,
wie auch Ihr nur Teil dieses Ozeans seid.
Ein Etwas aus dem Nichts, welchem sich die Welt bewusst ward.
Das Wissen der Welt, Gewohnheiten ihrer Schöpfung,
Bilder wie Ideen, Erinnerungen an Vergangenes,
liegen verborgen in den Tiefen, gut bewahrt
und warten darauf nach oben gespühlt zu werden.
So gedenke deiner Träume, studiere die Zufälle,
verfolge deine Ideen und fühle was dich umgibt.
Wenn du Augen und Ohren schließt und dennoch lauschst,
wirst du spüren was unter der Oberfläche liegt.
Die Welt ist in stetem Wandel und ihre Seele drängt danach.
Geschichten die die Wellen schreiben sind Wege denen man folgen kann.
Still klingen sie im Rauschen der Gezeiten
und schlagen Etwas aus Nichts.