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Späte Vergeltung?

Verfasst: Dienstag 18. Mai 2010, 17:20
von Darna von Hohenfels
Welch Segen ist doch manchmal Unwissenheit. Unwissend, was sich diesen Tages noch für Nachrichten ergeben würden, weckte mich heute bloß ein seltsamer Tatendrang. Halb wach, noch halb schlafend, waren mir wieder Worte von Shalaryl durch den Kopf gegeistert, die mich nicht los ließen:
"Ah, die Zeichnung, die den anderen Fluch übertrug... ich konnte leider keine wirklich weiterhelfenden Dinge herausfinden, was ein Rückverfolgen oder Unschädlich machen angeht... Aber nachdem ich schon Kontakt mit dem Geist des Rabendieners hatte, kann ich zumindest sagen, dass der Fluch auch von ihm stammt - also dem, den wir kurzzeitig erwischt hatten."

GRR!
Über Stunden während der Nachtwache ging mir diese Tatsache nicht aus dem Kopf. Ich hatte richtig vermutet, er hatte das Bild nicht einem seiner "Glaubensbrüder" fortgenommen, er selber hatte auf die Zeichnung Shayas verzichtet, sie war uninteressant geworden. Dabei hatte dieser verdammte Fluch sie fast das Leben gekostet und uns alles abverlangt, das Geschehen aufzuhalten.
Und jetzt sollte er uns entwischt bleiben? Das Gesicht unbekannt, der Name nicht gewusst... entflohen, ungreifbar, obwohl wir Dinge von ihm hatten?
"Herrin, wir haben Beweise, und ich krieg diesen verdammten Mistkerl nicht! Keinerlei Strafe, als könne er tun und lassen, was er will, obwohl wir wissen, er ist schuldig! Das ist ungerecht!"

Pling! Plötzlich saß ich im Bett. Da war die Lösung! Wir hatten alles versucht, wir hatten wirklich alles versucht, aber wir waren am Ende unserer Möglichkeiten. "Wenn du alles versucht hast, was in deiner Menschenmacht steht und nichts hilft, so vermögen dir einzig noch die Götter zu helfen", hallte alte Lehre durch meine Erinnerung.
Gerechtigkeit.
Das war der Schlüssel.
Ich brauchte etwas von diesem mistigen Rabendiener, und ich brauchte die Hilfe der Göttin. Zügig kleidete ich mich an, um von ihrer Eminenz das Rapier des Übeltäters noch zu erbitten, bevor es geweiht und vernichtet würde wie gestern besprochen.

Verfasst: Dienstag 1. Juni 2010, 02:28
von Leah Katuri
„Dein kleiner Freund scheint wenig Erfolg dabei zu haben.. mir das zu bringen was ich will. Und so... fällt dein Wert für mich.“

Karten. Verflixte Karten. Waren sie wirklich ein Menschenleben wert? War es das wirklich wert, dafür jemanden einzubehalten und als Pfand, als Gegenstand zu benutzen? Für den Rabendiener anscheinend schon. Doch war es ihm nicht klar, war es ihm nicht eigentlich von Anfang an bewusst?
Er musste scheitern. Er war verurteilt zu einem Scheitern. Man ließe sich auf keinen Handel ein, schon gar nicht, wenn es um lächerliche Karten ging, die bereits seit einer Weile entweiht und gesegnet worden waren. Vielleicht sogar bereits zerstört. Ich wusste nicht um den Verbleib der Karten, seit man sie von mir fortgeschafft hatte. Die Kraft der Anziehung war auch noch nach der Nacht am Baum spürbar gewesen, sodass ich lieber die Distanz wählte und die Paladina in ihrer Handhabung mit den Dingen allein ließ. Ich wusste nur noch, dass die Sachen auch von Eminenz bereits begutachtet worden waren, sowie von Shala, der Elfe. Alles weitere entzog sich der weiteren Erkenntnis. Selbst wenn...Ich wurde nicht danach gefragt und wenn, würden sie keine Antwort bekommen.

Man beschränkte sich auch mehr darauf, seinem Ruf alle Ehre zu machen. Kein Wasser, kein Brot, kein Ausruhen und wenig Schlaf. Ich war die Wachen in den wenigen Ruhephasen am Kloster gewohnt, hatte die Rüstung fast schon als Alltagskleidungsstück akzeptiert. Vorteil jedoch an der frischen Nachtluft war, dass man sich bewegen konnte, mal setzen, mal die Position verändern konnte. Wie lange stand ich wohl fixiert an der Wand, fest und ohne den Raum einer Bewegung möglich? Ich wusste es nicht, war nur erleichtert, als das Gebilde um meine Gelenke herum sich auflöste und ich auf den Boden sank, um zitternd die Muskeln zu spüren, die lautstark rebellierten. Immernoch tobte der Kampf in meinem Körper um Kraft, um Stärke und dem Willen, durchzuhalten. Meine Worte mussten stets bei der Herrin bleiben. Gütige, ich durfte einfach nicht aufhören, weiter an ihr festzuhalten, sonst wäre die erste Preisgabe der Schwäche eingeläutet.

„Diesen Ort..hat das Licht..der Seerin nie erreicht, und wird es niemals tun..hier..bist du völlig...allein.

Ich spürte sie. Bei ihrem Licht und der Wärme, ich spürte die Lüge, während mein Körper weiter nach Erfrischung zehrte und rumorend verlangte, mich zu stärken. Mir war schwindelig, mein Magen zog sich zusammen, während ich wieder und wieder versuchte, klar zu bleiben, da zu sein und mich meinem Gegenüber zu stellen. Ich wollte nicht wortlos ihm das Feld räumen; er sollte spüren, dass man sich keineswegs eine leichte Beute eingefangen hatte. Erfolgreich verdrängte ich, dass er am Anfang Marbur erwähnt hatte. Mit keinem Ton hatte ich meine Neigung ihm gegenüber deutlich gemacht, sodass man davon ausgehen konnte im Notfall, dass es eine einseitige Zuneigung wäre. Ich konnte nur hoffen, dass sie ihn als Spielball sahen und nicht mehr.

Sie hatten mich. Das reichte.
Und sie wollten mich opfern.
Ich war nicht mehr wichtig für das eigentliche Ziel.
Nicht mehr relevant für den eigentlichen Plan.

Deswegen sollte die Rüstung weg, deswegen die ersten Versuche, mich damit zu erpressen, sie wegzulegen. Die Nähe Temoras musste distanziert werden, musste verringert werden. Ausgerechnet einer der Ihren hatte mir das klar gemacht. Eine Rabendienerin, die mich versorgte, mir Wasser gab und etwas zu essen. Wollte sie mein Vertrauen so für sich gewinnen, so hätte sie zumindest nur in diesem Moment meine Billigung bekommen. Ich sah zumindest eine Lücke, endlich jemand, der auf Fragen antwortete und etwas Licht in das Dunkle brachte.

Ich wusste, was sie vorhatten.
Wusste, dass es vielleicht die letzten Tage für mich sein könnten.
Meine Seele sollte nicht in seine Fänge geraten.
Es hieß, sich in seiner Position sicher denn je zu sein.

Ich würde einige Momente ausruhen, die Augen schliessen, um mit dem nächsten Erwachen wieder Worte des Gebetes zu suchen. Letztlich würde sich ein Weg finden, seinen Klauen zu entgehen...so...oder so.

Verfasst: Dienstag 1. Juni 2010, 11:32
von Drakhon Sokarth
Lege ein Menschenleben auf die Wage, und sage mir wieviel ist es Wert. Mal mehr mal weniger, doch was legt den Wert eines Lebens fest, ist das leben eines bauern weniger Wert als das eines Ritters, das Leben eines Ritters weniger als das eines Königs, natürlich würde man nun wahrscheinlich von den meisten Menschen hören, denn so ist es von den Göttern gewollt, so wurde es ihnen beigebracht.
Doch einige wenige sehen das anders, für sie ist jedes leben gleichwertig, jede Seele strahlt so hell wie die Andere und jede Seele eignet sich dafür, seinen Hunger zu lindern. Ihr Weg war einfach, so möchte man meinen. Sie unterlagen keinen Bestimmungen, keinen Pflichten keinen Geboten an die sie sich halten mussten, ihre Aufgabe war es dem Rabengott die Seelen der Menschen zu bringen, wie... überließ er ihnen, und so war die Vielfalt an Methoden einzigartig.
Anders war dies beiden Kindern der Seerin. Denn sie mussten die Saat des Panters im Zaum halten, sie mussten ihre Tugenden achten und der grad auf dem sie sich bewegten war schmal. Sie verdienten Anerkennung, sie verdienten es, dass ihr Glaube geprüft werden sollte. Wann würden sie zu Mitteln greifen, die Temora nicht mehr billigte, wann würden sie zu dem werden was sie so sehr verabscheuten, wann würden sie in den Spiegel sehen...und sich nicht mehr erkennen?

Leah, ein einfacher Mensch, zu unbedeutend ist ihr Leben für die Meisten, als dass man mit ihm Handeln könnte. Nur für einen Menschen so scheint es, ist ihr Leben mehr wert als das Eigene. Einem einzigen Menschen bedeutet sie so viel, dass er das Kostbarste was er besitzt opfern würde, um ihr Leben geschont zu wissen.

Selbstlosigkeit, Selbstlosigkeit allein aus dem Motiv der Liebe heraus, nicht aus Eitelkeit, nicht aus Hochmut nein, seine Beweggründe waren rein und unverfälscht. Hatte er so etwas überhaupt schon mal erlebt? Einen Menschen der nicht aus Zorn oder Eitelkeit herraus sein Leben für einen anderen riskiert, oder aus Trotz, jemand der sich selbstlos und ohne eine verwerfliche Absicht in die Klauen eines Rabendieners überantwortet hätte aus...Liebe?
Aber nein, er würde diesen Handel nicht schließen, er würde ihm die Chance geben zu beweisen, das die Saat des Panters auch in ihm steckt, dass auch er sich von den Tugenden Temoras entfernen kann, wie all die Anderen.
Leahs Schicksal war besiegelt, ihr einziger Nutzen lag nun noch darin den Hunger des Rabengottes zu stillen und so soll es geschehen. Marbur, jener für den ihr leben kostbarer ist als das Eigene, soll an diesem Wissen verzweifeln, er soll lernen zu hassen. Kein rechtschaffener Hass, keine gerechte Vergeltung, lediglich nackter, roher Zorn. Nahrung für die dunkle Saat die in ihm ruht, und ihn aus dem Lichtkegel Temoras lockt. Vielleicht ließe er ihm ihren Kopf zu kommen, sicherlich ein hübsches Präsent.
Er hatte bei diesem Spiel hoch gesetzt und verloren, das Relikt war unwiderruflich fort, seine Ausrüstung hatte er längst ersetzt und doch würde ihr Tot ihm nur eine geringe Genugtuung verschaffen.

Verfasst: Dienstag 1. Juni 2010, 20:57
von Marbur Mylin
„Und du darfst in dem Wissen weiterleben, dass ihre Seele keinen Frieden finden wird.“

Immer wieder hallten die Worte des Rabendieners in seinem Kopf wider. Er war ihm gefolgt, soweit ihn seine Füsse tragen konnten. Doch irgendwann verlor sich seine Spur in den weiten der Wälder. Er war verschwunden und für Marbur nicht auffindbar. Er war der Verzweiflung nahe, wusste nicht, was er zu tun hatte. Es war ihm bewusst, dass Leah sterben würde. Er zweifelte keinen Moment an den Worten des Rabendieners. Er sank auf die Knie nieder und legte den Kopf in den Nacken um zum Himmel hinauf zu blicken.
„Wo bist du nur Leah… Temora! Wo kann ich sie finden… warum muss ich dies alles ertragen?“
Er vergrub sein Gesicht in seinen Händen und schluchzte leise auf. Warum war sie nicht da, in dem Moment als er sie am meisten brauchte. Warum gab sie ihm kein Zeichen. Er bemerkte, wie sich in ihm etwas auszubreiten begann. Ein Gefühl, das er glaubte längst überkommen zu haben. Das er vor vielen Jahren bereits tief in sich verbannt hatte. Tränen liefen seine Wangen herunter. Tränen der Verzweiflung, des Zorns und Tränen des puren Hasses. Ein Hass, der sich gegen die Rabendiener richtete, gegen die Ungerechtigkeit dieser Welt. Mit zitternden Händen stützte er sich auf dem Boden ab, als der Wald vor seinen Augen zu verschwimmen begann. Schwarze Punkte tanzten vor seinen Augen herum und der Vorhang der Dunkelheit, der Abwesenheit des reinen Lichtes schloss sich langsam um ihn.


Wie aus weiter Entfernung hörte er eine Stimme. Nur zaghaft wurde sie immer lauter. Die Stimme kam ihm bekannt vor. Sanfte Worte drangen an seine Ohren heran. Die Worte eines Mädchens.
„Marbur. Marbur. Mama hat gesagt, dass du mit mir spielen sollst. Ich möchte…“
Bereits wurden die Worte wieder leiser, bis sie endgültig verklangen. Wer war dieses Mädchen? Warum fühlte er eine solche Wärme in seinem Herzen bei dem Klang dieser Stimme? Er versuchte die Augen zu öffnen, doch was er sah, war nur intensives Schwarz. Die reinste Abwesenheit von Licht.
„Marbur, Marbur!“
Wieder hörte er diese Stimme. Sie hatte sich aber verändert. Es klang nicht mehr nach einem Mädchen, sondern eher nach einer Frau. Wer war sie? Plötzlich erschien weit in der Ferne ein kleiner Lichtstrahl, nicht grösser als ein Punkt auf einem Blatt Papier. Doch wurde er immer grösser, bewegte sich auf ihn zu. Eine Frau, mit wehendem roten Haar bewegte sich auf ihn zu. Ein warmes Lächeln aufgesetzt und ihn mit grünen, strahlenden Augen betrachtend.
„Marbur, Marbur. Vergiss dein Versprechen nicht.“
Sie umarmte ihn, küsste seine Wange und lachte wieder leise. Sie vertrieb die Dunkelheit und aus der schwarzen Nacht wurde plötzlich wieder Tag. Die Kälte wich zurück und machte angenehmer, wohltuender Wärme Platz.


Marbur blinzelte und fand sich auf dem Boden liegend im Wald wider. Lelith. Schoss ihm der Gedanke durch den Kopf. Er hatte ihr versprochen zurück zu kehren. Er durfte nicht aufgeben und musste weitersuchen. Bis er Leah fand.
„Lelith. Ich danke dir liebste Schwester. Du hast mich wieder auf den Pfad geführt, den ich zu wandern geschworen habe. Nicht nur für mich, sondern auch für dich. Ich danke dir, du meine geliebte Schwester!“
Tief einatmend und neue Kraft gewinnend, setzte er seinen Weg fort durch den Wald. Er würde Leah auf jeden fall finden und sie lebend zurückbringen.

Verfasst: Donnerstag 3. Juni 2010, 19:34
von Darna von Hohenfels
Zeit, es war deutlich Zeit. Hofentlich auch die richtige... helles Tageslicht, ein nahezu wolkenfreier Himmel - und vor allem, Leah war zurück und würde dem Vorhaben ihren Anteil gleich mit hinzu steuern.

Auch wenn sie aus allem, was man ihnen bisher entgegen geworfen hatten, halbwegs heil raus gekommen waren, war die Zeit doch mehr als reif, daß es mehr geben sollte als nur Schicksalsschläge zu überstehen - es war Zeit, zurückzuschlagen. Doch anders, ganz anders...

Sie hatte alles dabei, als sie sich zu viert auf den Weg zum Schrein der Gerechtigkeit machten: eine winzige Phiole mit sieben Tropfen von dem Wasser, das den Baum des Lichtes speiste, unter Gebeten behutsamst entnommen. Ein sauberes Tuch. Shayas Zeichnung des Adlers, die einst gestohlen worden war. Und in ein Stück Stoff eingewickelt Drakhons Haarsträhne, die Rafael ihm abgenommen hatte.

Jeden, der dem Ritual beizuwohnen wünschte, befragte sie eingehend nach Gefühlen von Hass oder dem Wunsch nach Rache gegen die Rabendiener, selbst Leah. Nichts dergleichen sollte den reinen Wunsch nach Gerechtigkeit ins Dunkle pervertieren.
Ilbert hielt zwei Schritt vor dem Zugang zum Schrein Wache. Leah, Shaya und Darna erklommen bedacht die Stufen, Darna trat frontal vor den Schrein, Shaya verblieb an der linken Seite, Leah an der Rechten. Savea, die später dazustieß, hielt sich bewusst draußen am Rande, nur beobachtend, um die Gefahr ihrer eigenen Gefühle wissend, und doch mit allen guten Wünschen bei der Sache.


Der Ruf
Nachdem sie alle auf ihre Weise dem Schrein höflich ihren Respekt erwiesen hatten, legte Darna Tuch und Phiole vor dem Schrein griffbereit ab und ging mit rituellem Ernst auf ein Knie, Leah und Shaya der Geste folgend.
Auch wenn die Miene der Paladina ruhig und ernst wirkten, so waren ihre Hände doch kalt vor Aufregung. Niemals zuvor hatte sie derartiges gemacht und es war kein gewöhnlicher Weg, doch sie wusste nicht weiter, wie man diese sich ständig entziehende Natter sonst packen sollte. So, wie sie alle bislang stets dem Tod durch die Rabendiener entronnen waren, entkam auch dieser Packtierer ihnen immer wieder und doch war das Punkteverhältnis mehr als unausgewogen. Es war Zeit.

Sie griff nach dem Tuch und öffnete die Phiole, gab mit äußerster Behutsamkeit einen ersten Tropfen des heiligen Wassers auf das Tuch und legte es an die linke obere Ecke der Schreinplatte mit der goldenen Waage, begann sie rituell zu reinigen, indem sie mit sieben wischenden Bewegungen je von oben nach unten und zurück die ganze Platte einmal abdeckte, für jede Bahn einen neuen Tropfen auf das Tuch gebend und zu jeder Bahn ihren eigenen Gruß sprechend:
"Wir grüßen dich im Namen Brynns, Schwester im Geiste, mit der Hingabe, die Aufopferung gebietet.
Wir grüßen dich im Namen Fasamars, Bruder im Geiste, mit der Aufgeschlossenheit, die Geistigkeit gebietet.
Wir grüßen dich im Namen Alsamars, Bruder im Geiste, mit der Aufrichtigkeit, die Ehre gebietet.
Wir grüßen dich im Namen Amyras, Schwester im Geiste, mit der Liebe, die Mitgefühl gebietet.
Wir grüßen dich im Namen Boresals, Bruder im Geiste, mit dem Vertrauen, das Tapferkeit gebietet.
Wir grüßen dich im Namen Ilaras, Schwester im Geiste, mit der Bescheidenheit, die Demut gebietet."
Mit der letzten wischenden Bewegung kam sie an der rechten unteren Ecke der Schreinplatte an und gab ihrer Stimme noch etwas mehr Klang:

"Wir grüßen dich und treten bittend vor dich, Semborel, Sohn des Richters, heiliges Kind Temoras, Wächter der Gerechtigkeit!"
Verharren... viel zu lange Sekunden... nichts. Ein innerliches Schlucken, als nichts sich zu regen schien. Erwartete sie zu viel? Hörte man sie nicht, schlief der Ort zu tief, zu lange nicht mehr im spirituellen Sinne geweckt worden? Sie wusste, wie einsam es hier meistens war... - egal. Weitermachen.
Sie nahm das Tuch beiseite und legte die Hand vorsichtig knapp unter die Mitte der Waage, bedeutete Leah und Shaya nur mit Blicken, die Platte ebenso zu berühren. Langsam legten sich zwei weitere Hände auf den grün schimmernden Stein. Sie zog die Luft tief ein, als sie merkte, wie bei diesen Berührungen das eingelassene goldene Symbol der Gerechtigkeit im Licht glänzte und aufschimmerte, anders als es natürlich sein konnte.
So sehr ihr Herz einen Hüpfer tat und sie noch nervöser wurde, nahm auch die Ruhe weiter zu. In diesem Ort war noch Leben, und sie wurden gehört.

"Semborel, als Mittlerin für zwei gepeinigte Seelen, erflehe ich, daß du Gehör schenken mögest unserem Anliegen. Vor dich, Gerechtester, treten wir und bitten, Klage erheben zu dürfen gegen ein Kind der Menschheit, das in schwärzeste Dunkelheit fiel. Mit der Hoffnung, die die ritterliche Göttin den Menschen bewahrt, erflehen wir dein Urteil und werden uns ihm beugen, auf daß wir abkehren davon, Kläger, Richter und Vollstrecker zugleich sein zu wollen."
Sie zog das zweite Knie nach, daß sie auf beiden ruhte und senkte den Kopf, wieder folgten Leah und Shaya in stiller Übereinkunft.
"Höre unser Leid, um unsere Herzen zu prüfen und über das Maß der Schuld zu urteilen. Höre, was der Herrin Ritterin Leah dir und der Göttlichen zu klagen hat."


Leahs Klage
Sie nickte Leah leicht zu und diese hob nun die Stimme, von dem Blut, in das man sie geworfen hatte, gereinigt, ihrer Haare noch in struppig rücksichtslos geschnittener Weise beraubt wie einer Büßerin, die zum Schafott geführt werden sollte:
"Semborel, Bruder im Geiste, Bruder derer, der die Gerechtigkeit in sich trägt und in uns weiterleben lässt, höre dem, was geschah und lasse dein Urteil in jenem Maße sprechen, das der Herrin entspricht und sich nicht vom Wege ableitet.... Der, der sich im tiefsten Dunkel bewegt, der unrein sein Leben lebt, wie verwelktes Laub gleich die Erde mit Schmutz bezieht, hat eine Dienerin der Herrin mit sich gerissen, sie im ersten Sinne als Ware sehend, sie missbrauchend, um an ein Ziel zu kommen. Ein Handel... Letztlich den Wert gänzlich dazu stufend, um die Seele von der Herrin abzukapseln und sie Kra'thor in den Schlund schmeissen zu wollen. Eine Dienerin der Herrin sollte geopfert werden und wurde doch durch ihr Licht und ihre Fügung gerettet. So ist in meinem Sinne, nun anzuklagen und um gerechten Entscheid zu bitten, wie es auch eine andere Seele fordern möchte."

Während Leah sprach, konzentrierte sich Darna weiter, rief sich im Geiste möglichst bewusst die Zeit dieser Tage zurück, in denen sie selber wieder Herrin ihrer Sinne war, von Leahs Entführung wusste und doch nicht helfen konnte. Die Karten existierten noch, doch sie bargen mindestens die Macht, eine Plage wie die in Bajard auszulösen. Es war völlig undenkbar, sie gegen Leah auszuhändigen. Es brauchte ihre Eminenz, um sie ganz oder zu einem Teil zu entweihen, doch es brauchte alles zu lange. Eine Suche nach dem Unterschlupf zu gefährlich und sinnlos, Darna war überzeugt, daß mögliche Verstecke oder Heiligtümer nicht weniger gegen ein magisches Aufspüren abgeschirmt waren als Leth Axorn. Sie hatte warten müssen... tatenlos warten. Und mit jedem Tag die erdrückende Angst größer, daß es Leahs Tod bedeuten würde. Sie verbot sich jeden Wunsch nach Rache und doch war es eine Last, ein Gewicht ohne Gegengewicht in ihrer Seele. Wieder war es um das verdammte C gegangen.
Und es war längst nicht alles, was diesem Rabendiener anzulasten war. Sie wurden gehört, und ein unwillkürlich heftigerer Windzug vom Meer zerrte an ihren Umhängen. Es erinnerte sie an den Sturmwind in der Kirche bei Lehs Weihe, bei ihrem Kampf gegen den Letharen-Dämon.

Shayas Klage
Darna erhob selber wieder das Wort:
"Semborel, höre unser Leid, um unsere Herzen zu prüfen und über das Maß der Schuld zu urteilen: Vor mehr als Jahr und Tag begab es sich, daß Shaya Nyrloth, die du hier findest, in Frieden vor unserem Heim saß und in Bewunderung der Schönheit und Erhabenheit jener Wesen, einen jener Adler zeichnete, wie sie der Herrin heilig sind."
Sie griff mit der freien Hand in die Tasche und zog das gefaltete Blatt Papier heraus, auf dem Shayas Zeichnung eines Adlers war. In aller Liebe für's Detail gezeichnet saß das Tier auf einem Ast, die Flügel leicht gespreizt, wie dafür bereit, sich in die Luft zu schwingen. Wie ein Beweismittel vor den Richter gelegt wurde, so legte Darna das Papier auf die Schreinplatte, trotz allen Meerwindes darauf vertrauend, daß es nicht simpel davongeweht würde - und gewann ein weiteres Stück Selbstsicherheit, als sie Recht behielt. Mit rituellem Ernst führte sie ihre Anklage fort:

"Ein menschlicher Diener des Dämonen Kra'thors, wurde dieser Szenerie gewahr und Shaya gelobe, diesem Menschenkind zuvor nie ein Leid getan zu haben, daß er derart hätte vergelten sollen, was er geschehen ließ."
"Ich gelobe es", sprach Shaya leise, doch ernst zur Bestätigung.
"Diese ihre Zeichnung wurde ihren Händen entrissen und gestohlen und für finsteres Fluchwerk gebraucht. Die Ruhe ihres Schlafes wurde entweiht, ihre Seele ins tiefste gepeinigt durch Alpträume Last, ihr Verstand geknechtet unter der erdrückenden Macht der Bilder, ihr Körper gemartet durch den Mangel an Schlaf und die Illusionen von Feuer, Mord und Leid."
Wieder konzentrierte sie sich, erinnerte sich bewusst an die damaligen Tage, an die von Shaya mit Kohle an die Wände des Klosterzimmers gemalten Bilder, auf denen Shayas Freunde sich gegenseitig umbrachten, an entsetzlichen Verstümmelungen starben und lauter Flammen immer wieder die Szenerien dominierten.
Wärme breitete sich aus, ein Gefühl tröstlicher Nähe... als wolle die göttliche Macht selber das Leid beschwichtigen, trösten, und sie lauschte der inneren Ruhe.
"Semborel, wir erheben Klage, daß es die Absicht zum Mord war, die den Rabendiener trieb, gestaltet durch die Macht des aufbegehrenden Dämons, dem die Herrin befahl; denn Shaya wäre zugrunde gegangen, hätten nicht aller Wille und die Hilfe ihrer Familie, Freunde und hoher Priester der Göttermutter Eluive diesen Fluch so spät, wie es noch irgend sein durfte, gebrochen."
Auch dieser Zeit entsann sie sich, dann war es Zeit, zu belegen, warum sie der Herrin Hilfe selber erbaten.


Die Beweisführung
"Gerechtester, im Dienst an der Herrin streiten wir gegen jene, die das Wohl der Schöpfung und das Wohl des gesegneten Lebens auf Alathair bedrohen, und so sind die Diener des Raben unsere Feinde. In Feigheit verbergen sie sich in den Schatten. Sie verhüllen ihr Gesicht mit durch den Dämon pervertierter Melodie. Sie legen ehrlos ab ihre Namen, auf daß das Verfolgen ihrer Schandtaten schwerer falle."
Sie hob ihre Stimme, wieder lauter werdend:
"Doch höre und prüfe, gerechtestes Kind der Göttin, wir haben Beweise, wem die Schuld an diesem Unrecht anzulasten sei: In Überheblichkeit ließ sich einer der Ihren fangen und suchte sich mit Lügen unsere Gewogenheit für weiteres schändliches Werk zu erkaufen."
Alle Geräusche schienen zu verstummen... kein Rauschen des Meeres war mehr zu hören, kein Wind, kein Schreien der Möwen. Jedes Wort hallte klar und ungestört über den Schrein:
"Heuchelnd gab er vor, diese Zeichnung Shayas wäre nicht schon längst sein Besitz gewesen, doch als Zeichen guten Willens habe er sie zurück geben wollen, auf daß sie nicht weiter mißbraucht werde.
Gar eine von Eluive und Temora gesegnete Hüterin der Wälder suchte er mit seinen süßen Worten zu umgarnen. Doch sie, eure Dienerin, war es, die anhand der Kenntnis seiner Melodie und dem Untersuchen dieses Bildes zu bezeugen vermochte, daß er es war, der es für seinen Fluch an Shaya als Fokus benutzte.

Persönliche Habe dieses Rabendieners haben wir ihm abgenommen, als er in der Kirche des Klosters verhört wurde, und er drohte bei seiner leider gelingenden Flucht, er werde sie zurück haben wollen. Wenige Tage später, am 20. Eluviar diesen Jahres trug es sich zu, daß ein Rabendiener erneut es wagte, vor das Kloster der Herrin zu treten und eben diese Dinge zu fordern. Von Sir Rafael, der Herrin einst Paladin, wurde er niedergestreckt ob seines erneuten Verbrechens, dafür eine unschuldige Geisel zu nehmen. Wieder gelang dem Ketzer und Verbrecher die Flucht durch List und seines Dämons Gunst, doch zuvor nahm ihm Sire Rafael diese Strähne Haar ab, um die Möglichkeiten ahnend, einen Schuldigen damit zu strafen."
Sie holte das Stück Tuch hervor, in das Drakhons Haare eingewickelt waren und legte es neben die Zeichnung.

"Semborel, Kind des Richters, Gerechtester der Sieben, hiermit beteuern wir, daß diese Haarsträhne genau dem Rabendiener gehört, der den Fluch über Shaya Nyrloth legte, auch wenn wir um seinen Namen und sein wahres Antlitz bis heute nicht wissen!"
Wieder frischte der Wind auf, fegte um die Schreinplatte, hob beide Gegenstände leicht an, ohne sie fortzuwehen und ließ sie wieder sinken. Darna erlaubte sich ein tieferes Durchatmen, verbannte strikt alle heftigeren Gefühle aus ihrem Herzen - es war Zeit für den letzten Teil.


Die Bitte um Beistand
"Die Herrin Temora gebietet das eigene Bemühen der Menschen um ihr Wohl und ihr Auskommen miteinander. Und so haben wir gestritten wider diesem Verbrecher, doch er vermochte es, feige zu stehlen und seither ohne Strafe für seinen Fluch zu bleiben. Zwei Mal entwand er sich durch List den Händen seiner Feinde.
Selbst durch seine persönliche Habe war er für die Wächterin des Waldes Schalaril nicht zu verfolgen, und die Macht des Dämons schützt ihn vor unserem weltlichen Arm."
Sie zog nun ihr Schwert und legte es mit auf die Platte, ließ es sowohl auf der Zeichnung als auch auf der eingewickelten Haarsträhne zu liegen kommen.
"Semborel, Gerechtester, wir, die wir hier vor dir knien, nehmen Abstand davon, weiter über diesen Rabendiener Richter und Vollstrecker sein zu wollen und vertrauen sein und unser Schicksal in Hoffnung und Demut deinen heiligen Händen und dem Willen unser aller Göttin an. Wir bitten euch um Urteil. Und wir bitten euch um Strafe, so er schuldig sei, auf daß Gerechtigkeit wiederfahre und unsere Seelen hierin Frieden finden.
Temora, wir bitten dich!"


Die Reaktion
Ihre letzten Worte hallten laut über den Platz, vermischten sich mit dem wieder auflebenden Wind und den leiseren "Temora, wir bitten dich" von Leah, Shaya, Ilbert und Savea. Der Wind wuchs mit Mächtigkeit und sie beugte sich der Gewalt, harrte still an ihrem Platz aus, wissend daß der Zorn nicht ihr galt... instinktiv in Schreck schloß sie dann doch die Augen, als ihr plötzlich Hitze entgegen schlug und die Zeichnung sowie das Büschel Haare vom Wind empor gehoben in blauem Feuer unvermittelt verbrannten - die Asche schien einen Moment in der Luft zu schweben und wurde dann nach Westen hinfort getragen. Auch ihr Schwert glühte in dem blauen Feuer, blieb jedoch zurück.
Nur die Göttin würde nun wissen, was den Rabendiener ereilen mochte, doch sie alle, die hier gebetet hatten, hörten ein leises Säuseln des Windes, das Worte formte:

"Gerechtigkeit ist der Weg des Siegens..."