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Hochfliegende Träume, dräuende Schatten
Verfasst: Sonntag 2. Mai 2010, 01:24
von Ariah Marlenthin
Dräuende Schatten
Es war die erste Nacht in der sie träumte, seit sie in Adoran angekommen war. Die erste Nacht, in der sie träumte, seit sie fort gegangen war. Gegangen? Gelaufen eher - geflohen letztlich. Vor einem Leben, das auf viele Arten so viel leichter gewesen war. Indes nicht ihres, wie sie in kindlichem Trotz entschieden hatte. Und so hatte sie nicht zurück geschaut, nur vorraus. Und wo hatte es das Mädchen hin gebracht? Tatsächlich an einen Platz, von dem es auf seiner Reise nie zu träumen gewagt hätte. Einen Platz, von dem es nur mühsam annehmen konnte, ihn zu verdienen.
Vielleicht deshalb, vielleicht weil Ariah zum ersten Mal das Gefühl verspürte, dass alles was ihr in letzter Zeit geschah nicht ganz absurd war, schickte ihr der Teil ihrer Selbst eine Botschaft, der niemals sprach. Der schlief, wenn sie wachte und den sie niemals berührte. Der Teil, der an einem fernen Tag im Searum erwachsen geworden war - ohne dass es zu ihrem Alter gepasst hätte. Der Teil, der an eben diesem Tag auch schon wieder begraben wurde. Tief begraben.
Sie träumte von daheim - von den weitläufigen, hügeligen Wiesen über die sie so oft geritten war. Dem Bach, der sich durch das gesamte Gebiet schlängelte. Dem kleinen Weiher. Und dann träumte sie einen Traum im Traum und zum ersten Mal seit langen Jahren von ihm.
Es war dunkel in der grossen Vorhalle des Anwesens ihres Vaters - sie lief aus ihrem Zimmer heraus, die grosse Freitreppe auf der linken Seite herunter, gekleidet in ein seidenes Nachthemd. Auf nackten Füssen. Mitten auf dem schwarz und weiss gekachelten Boden stand jemand in den Schatten. Sie begann zu rennen um ihn zu erreichen. Sie flog regelrecht auf ihn zu, die Arme um ihn werfend, als sie ihn erreichte. Spürte für einen Augenblick die Wärme seines Leibes, konnte für ein paar flüchtige Herzschläge seinem Pulsschlag lauschen. Bis sich etwas veränderte unter ihrer Berührung - Stoff und Haut und Leben erstarrten und erkalteten. Sie vor Schrecken zurückwich. Alsbald begann sie in ihrer Fassungslosigkeit mit kleinen Fäusten auf seine Brust einzuhämmern - feststellend, dass es nichts nutzen würde.
Tränen liefen, fielen auf die von Mondscheinmustern beschienene Fliesen. Sie hämmerte stärker, weinte lauter und dann, irgendwann...
Zersprang unter imensem Knirschen der Stein plötzlich. Barst und fiel in unzählbaren Stücken zu Boden. Sie starrte den Bröckchen nach, die sich um ihre Füsse ausbreiteten, fassungslos. Bückte sich, die Finger ausstreckend wie um einen davon aufzuheben.
In dem Moment, da sie nach dem Stück griff, erwachte Ariah - echte Tränen auf den Zügen, zitternd und schluchzend und von tatsächlichem Mondlicht beschienen. Sie raffte die weggestrampelte Decke bis zum Kinn, doch wärmen wollte sie diese im Augenblick nicht. Das Mädchen hockte zusammengekauert auf dem Bett, bis die ersten Zeichen des Morgens kamen, die ersten Vögel sich vor dem Fenster zu regen begannen. Erst dann fiel sie in erneuten, unruhigen Schlaf.
"Weine nicht Ariah, ich bin bald zurück."
Dieses Versprechen einzuhalten war unmöglich. Dennoch hallten die Worte, vor langen Tagen gesprochen, bis heute nach. Hatten sie indes einst etwas beruhigendes beinhaltet, etwas tröstliches, verfolgten sie das Mädchen nun beinahe - das bisher tunlichst vermieden hatte, die eigenen Motivationen zu überprüfen.
Erinnerung I
Verfasst: Freitag 18. Juni 2010, 11:35
von Ariah Marlenthin
Erinnerung I
Das Mädchen war stundenlang geritten - zuerst hatte sie ihr Ross angetrieben, ja regelrecht mit den kleinen Füßen malträtiert und zu Höchstleistungen gezwungen, war aber letztlich dazu über gegangen sich einfach in die Mähne des Tieres zu krallen und sich ihm völlig zu überlassen.
Als das Tier sie viel später an dem einzigen Ort ablieferte, den es hier draußen in der weiten Ebene der Auen als Ziel gekannt hatte, war es doch über die Maßen erschöpft. So auch seine Reiterin. Das zierliche rotblonde Geschöpf rutschte kraftlos vom Sattel ins hohe Gras um auf allen vieren zum Weiher zu kriechen. Das Gesicht gerötet und tränen verschmiert. Am Rande des Wassers angekommen, begann sie an ihrem Kleidchen zu nesteln, um schließlich etwas aus den rosa Falten zu Tage zu fördern. Ein zwei Herzschläge lang, hielt Ariah es in der fest zusammengepressten Faust - ließ es dann in rascher Geste einfach ins Wasser fallen.
Der Gegenstand versank rasch, aber nicht ohne ein silbermetallenes Blitzen, das davon kündete, dass es sich wohl um irgendetwas metallenes handeln musste. Sie blickte dem kleinen Ding nach, die eigene Reflexion im Wasser des Weiher nicht wahrnehmend, nicht, dass sie hier fast in gleicher Weise in einen tiefen Abgrund schaute, wie Stunden zuvor.
Am Grab - an seinem Grab. Und in gewisser Weise kam dies hier einer Beerdigung durchaus gleich. Mit jenem kleinen silbernen Anhänger, versenkte das Mädchen von vielleicht neun Jahren einen Teil ihrer Selbst. Und es schwor sich in diesem Moment, nicht mehr hierher zu kommen. Den Weiher nicht mehr zu besuchen. Genau so wie es sich geschworen hatte, nachdem es gezwungener Maßen die Zeremonie hatte besuchen müssen, nie wieder das Grab zu besuchen.
"Weine nicht Ariah, ich bin bald zurück."
Sie zuckte zurück, kroch rückwärts durchs Gras, das Pferd mit der plötzlichen Reaktion aus dem erschöpften Trott reißend – so dass es beinahe auf und davon wäre, immerhin einen Ausfall unternahm und einige Meter davon galoppierte, um daraufhin verwirrt zu verharren. Aber die Rotblonde bemerkte dies nicht einmal, so klar und deutlich hallte die Stimme in ihrem Kopf wider. So klar und deutlich hatte sie das zu dieser Stimme gehörende Gesicht gesehen. Lebendig und lächelnd, so wie in dem Moment in dem die Worte gesprochen worden waren.
Unwillkürlich legte sich ein anderes Bild darüber – das des aufgebahrten Toten, mit gefalteten Händen und wächsernen Zügen. Keuchend übergab sich das Mädchen ins Gras und fand endlich die Energie und Motivation aufzustehen. Immerhin war ihr Reittier nicht weit fort gelaufen, so dass sie es am Rande des kleinen Auwäldchens fand.
Der Rückweg schien ungleich länger zu dauern, getränkt in Gedanken, nicht in Tränen.
Erinnerung II
Verfasst: Freitag 18. Juni 2010, 11:42
von Ariah Marlenthin
Erinnerung II
Wäre das Thema kein trauriges gewesen, so hätte die Ähnlichkeit zwischen Vater und Tochter von außen besehen regelrecht amüsant anmuten mögen – vor allen Dingen, da sie sich dieser nicht bewusst zu sein schienen. Beide vermieden ab jenem Tag ein bestimmtes Thema. Beide ergingen sich in Schweigen. Beide entfernten sich ganz bewusst voneinander – der alternde Mann in dem er das Mädchen an jedem Tage spüren ließ, was sie nicht war und wohl nie sein würde. Und sie im Gegenzug damit, dass sie sich an die Röcke ihrer Stiefmutter hängte, sich von ihr verhätscheln und zu einem Püppchen verziehen ließ. Einem Püppchen, angetan in rosa Seide, immerhin aber auch mit der Vorliebe für Rittergeschichten und glänzende Rüstungen, wehende Fahnen und für Damen gestrittene Turniere.
Bis zu dem Tag, an dem sie zu begreifen begann, wohin sie dieser Weg führen musste. Und das war etwas, das zu dulden sie nicht in der Lage war – denn auch wenn sich Ariah einreden mochte, dass Ihr Herz nichts als eine leere Ödnis sei, entsprach das doch nicht der Wahrheit. Diese Ödnis bestand in einem Friedhof und in dessen Erde tief begraben, lag schon jemand. Ihr Vater hatte beschlossen sie zu verheiraten. Männer kamen und gingen, selbst noch nicht einmal erwachsen und voller Tatendrang. Manche auch schon beinahe ergraut und voller Selbstsicherheit. Sie fand an jedem etwas auszusetzen und sie wusste, dass ihr Vater irgendwann seine Geduld verlieren und einfach selbst die Wahl treffen würde.
Und so entschied sie, selbst eine Wahl zu treffen und etwas umzusetzen, das alle bisher nur für schmückenden Tand gehalten hatten. Die skurrile Vorliebe eines Mädchens, geprägt von romantischen Vorstellungen ohne echten Boden.
Als sie diese Entscheidung ihrem Vater unterbreitete, tobte er. Und sie ging. Rannte – während ein winziger Teil des einsamen und immer behüteten Mädchens fast hoffte, er werde sie aufhalten, zurechtweisen und zu dem Leben zwingen, vor dem sie gerade floh.
Adoran war eine Konsequenz, vielleicht die erste wirkliche Konsequenz seit vielen Jahren und die Stadt barg ein seltsames Geschick für das junge Ding. Hatte es sich doch keine Vorstellungen davon gemacht, wie es sein Ziel erreichen wollte und war einzig getrieben worden von dem Wunsch ein Bild Wirklichkeit werden zu lassen, das es tief im Herzen trug – zu dem es selbst werden wollte, wenn es schon unmöglich war, dass jener, der dieses Bild für sie gezeichnet hatte, es in die Tat umsetzte... so fand es sich abrupt damit konfrontiert, diesem Traum wahrlich näher zu kommen, als es je gedacht hatte.
Zofe der Gräfin – angetan mit dem Versprechen eines Ritters, ihr den Schwertkampf beizubringen. Noch immer, auch nach Tagen harter Küchenarbeit fühlte sich alles unwirklich und fern an, als wäre es nicht ihr eigenes Leben, das sie gerade bestritt.
Vielleicht kam er deshalb zurück zu ihr, jetzt und hier – nachts wenn die Schatten lang und dunkel waren. Selbst als ein Schatten. Dessen was hätte sein können, dessen, was sie vermeinte begraben zu haben, ohne es wirklich zu tun. Sie hatte sich nie verabschiedet, nie akzeptiert. Vermieden sich Dingen zu stellen.
Noch konnte es sich um einfache Alpträume handeln – dem Umstand geschuldet, dass Adoran gerade von seltsamen Wesen heimgesucht wurde, noch konnte sie sagen, sie erinnere sich des Morgens an nichts, falls Fragen auftauchten, warum sie keinen Schlaf fand oder laut wimmernd erwachte. Noch. Allerdings wohl nicht mehr lange. Dem ein Ende zu bereiten indes, brachte das junge Mädchen nicht fertig. Nicht jetzt – vielleicht niemals.
Reflexionen I
Verfasst: Freitag 18. Juni 2010, 11:44
von Ariah Marlenthin
Reflexionen I
Jedes Mal wenn ich in einen Spiegel blicke, scheine ich mir von neuem noch ein wenig unähnlicher geworden zu sein. Es ist nichts, das ich auf den ersten Blick nennen könnte und ich bezweifle, das irgend jemand sonst es sehen mag. Mein Haar ist so rötlich wie immer, meine Nase klein und schmal - ich bin die selbe Ariah und auch wieder nicht.
Die Gabe, das Seelensiegel. Die Macht die hinter diesen kleinen Worten steht... womit bezahle ich sie? Mit meinem Verstand? Ich glaube, ich vermag es nicht zu ahnen und es gibt niemanden an den ich mich wenden könnte um über die Träume zu sprechen, das Wispern, die Schatten. Existierte je ein wirkliches Band zu jemandem, seit das einzige, das mir etwas bedeutet hat durchtrennt wurde? Wohl nicht. Ich weigerte mich seitdem, weiter zu gehen und blieb ein kleines Kind, ohne Verantwortung, ohne Ziele. Selbst als mein Körper begann, sich davon zu verabschieden ein Kind zu sein, blieben meine Hoffnungen die einer weltfernen kleinen Gans.
Namen tauchen vor meinem inneren Auge auf.
Mariella von Dornwald – meine Herrin. Ein Teil von mir fühlt sich ihr mehr verbunden, als ich zugeben würde, dafür dass sie uns so vorbehaltlos hier aufnahm. Dennoch erstarrt der Rest von mir jedes Mal in Scheu vor allem wofür diese Frau steht, wenn ich sie sehe.
Alindra de Feruin - Praeceptrix des Konzils... trotzdem sie mir vielleicht am ehesten helfen könnte, fehlt mir irgendetwas um diesen Schritt gehen zu können. Seltsam wohl, aber es ist als wäre jeder Gedanke daran eine sich in der Sonne auflösende Wolke – und diese Möglichkeit somit außerhalb meiner Wahrnehmung.
Tiia? Am nächsten dem, was man einen Freund nennen kann und doch scheue ich mich, zögerte schon zu Beginn ihm von dem Verdacht zu erzählen, den ich bezüglich der Gabe habe - jetzt ist die Mauer noch größer über die ich springen müsste. Ich rede mich damit heraus, dass ich nicht wüsste, was ich sagen soll. Vermutlich versuche ich vor allen Dingen aber, niemanden wirklich an mich heran zu lassen. Vertrauen ist ein Wort und ich hoffe so sehr dass irgendwann jemand kommen wird und es ausfüllt, wie ich es fürchte. Nein, ich fürchte es mehr.
Noch immer halte ich einen Platz frei in meinem Herzen und wie verschüttetes Wasser sich ausbreitet, scheint auch der Raum den dieses Gefühl mittlerweile einnimmt immer grösser zu werden.
Am Ende bleibt nur eine Richtung in die ich mich wenden kann und meine Gedanken kehren zum Anfang zurück - wieder gehe ich den Korridor hinunter und sehe in den Spiegel der dort hängt. Die zweite Version, nachdem ich den vorherigen zerstört hatte. Und auch diesmal, wie so oft mittlerweile, verschwimmt mein Bild am Ende und wird ersetzt durch alles, für das noch Platz ist in meinem Herzen.
Du lächelst mich an - wie einst. Alles wird gut werden.
Weine nicht Ariah, ich bin bald zurück.
Verfasst: Mittwoch 7. Juli 2010, 15:29
von Ariah Marlenthin
Spiralen
Wenn er Dir etwas bedeutet, solltest Du kommen.
Mein eigenes Lachen in der trägen Nachtluft klingt mir fremd in den Ohren. Rauh und alt, wie Staub den man von lange nicht aufgeschlagenen Buchdeckeln pustet. Wenn er mir etwas bedeutet... für einen Augenblick wandle ich am Rande der Hysterie, dann fällt die Schicksalsmünze zugunsten eisiger Ruhe und ich erhebe mich. Lasse das Pergament auf den Tisch sinken, nur um es einen Moment später wieder an mich zu nehmen, hastig in den Gürtel gestopft sollte es mich begleiten.
Beinahe bin ich schon fort, als mir bewußt wird, dass ich so nicht gehen kann - dass ich tatsächlich eine Lücke hinterlassen würde, wenn auch eine kleine. Was ich in mechanischer Gleichförmigkeit auf das Papier bringe, wird Tiia so hoffte ich erst am Morgen lesen. Seinen Schlaf mag ich ihm nicht rauben, schiebe die gefalteten Zeilen so leise als eben möglich unter der Tür zu seiner Schlafstatt hindurch und verlasse das in Stille und Dunkelheit liegende Anwesen - geselle mich zu den Katzen, die nur auf Besuch durch die Gärten streifen.
Mit mir nehme ich nicht viel. Das weiche Leder, gegen welches ich mein besticktes Kleidchen eingetauscht habe, vermittelte mir eine seltsame Art von Sicherheit und das Messer in meinem Stiefel presst sich zuerst eiskalt, bald warm und doch unnachgiebig hart an mein Bein. Ich fühlt mich frei und tatsächlich dem gewachsen, was auf mich zukommen wird - selbst wenn ich davon nur eine vage Ahnung besitzen mag.
Das wird sich bald ändern. Wer kann schon von sich sagen, sehenden Auges in seinen Untergang zu gehen? Nur die grossen Ritter, nicht wahr?
~ ~ ~ Der Brief unter dem Türspalt ~ ~ ~
Lieber Tiia,
es tut mir wahnsinnig leid und doch sehe ich keinen anderen Weg, ich muss Dich um einen Gefallen bitten, der nicht eben klein ist. Heute Nacht gehe ich weg und ich weiss nicht genau, wann ich zurück kehren werde - es mag sein, dass ich mit unserer Herrin sprechen und sie um Verständnis bitten sollte, doch das kann ich nicht. Ich muss jetzt gehen und an einen Ort, an den sie mich vielleicht nicht gehen ließe - vor allem nicht allein. Ich muss es einfach tun, denn die Möglichkeit besteht, dass mein Bruder noch lebt und ich muss in dieser Sache ganz sicher sein. Um seinetwillen und nicht zuletzte um meinetwillen. Vielleicht werde ich wenn ich zurück kehre ganz die sein, die ich zu sein wünsche.
Und vielleicht können wir beide dann Freunde werden und Geheimnisse zusammnen haben und Kekse klauen oder was immer man als Freunde so tut. Bis dahin bitte ich Dich, mir etwas Zeit zu verschaffen - nicht für mich zu lügen. Ich bin sicher, Du findest den passenden Weg und die passenden Worte, sofern Du gewillt bist, mir diesen Gefallen zu erweisen.
Ariah
Verfasst: Donnerstag 8. Juli 2010, 21:44
von Ariah Marlenthin
Spiralen II
Gesetzt ich verliere dich
und habe dann zu entscheiden
ob ich dich noch ein Mal sehe
und ich weiß:
Das nächste Mal
bringst du mir zehn mal mehr Unglück
und zehn mal weniger Glück
Was würde ich wählen?
Ich wäre sinnlos vor Glück
dich wiederzusehen
[Erich Fried]
Zurückkommen wolltest Du - bald. Du hast es versprochen und Deine Augen haben nicht gelogen, als Du die Worte zu mir sagtest. Und doch bliebst Du fort. Ich konnte es Dir nicht verübeln. Selbst damals, so jung wie ich war begriff ich, dass der Tod eine Grenze ist, die man nicht leicht rückwärts überschreitet.
So fing ich auch nicht an zu glauben, dass Du Dein Versprechen wahr machen würdest, als die Visionen begannen. Alle beschwichtigten mich, dies hänge mit der Gabe zusammen. In gewisser Weise ist es auch so - aber nicht nur, das weiß ich jetzt. Genauso wie ich nun begreife, dass nicht der Tod die Grenze darstellte, die Dich für so lange Zeit daran gehindert hat, zu mir zurück zu kehren.
Jetzt, da ich weiß, wünschte ich für Dich Du wärst damals gestorben. Oder ist es eigentlich so? Fand der Junge der mein Bruder war, an jenem Tag den Tod als er auszog eine große und unendlich dumme Tat zu begehen - um einem kleinen Mädchen zu imponieren und ihm etwas zu beweisen, das bisher kein größerer Mann je bewiesen hat?
Nein, das Gute hat nicht über das Böse triumphiert. Nicht damals, nicht heute. Was ich in Deinen Augen finde, lässt die einstige Nachricht von Deinem Tod klein und wächsern erscheinen. Dieses einfache Wort schmilzt gegen die Pein, die Dein gesamtes Wesen jetzt durchzieht wie ätzende Algen einen ehemals klaren Weiher.
Was Du bist, bist Du meinetwegen. Fast ist das Wissen darum schlimmer zu erdulden, als der Schatten einer Erinnerung. Einst, an einem Sommertag, entschied das kleine Mädchen welches ich war, für immer ein Kind zu bleiben und dem nahe, was wir zusammen hatten. Das endet jetzt - in dem Moment als unsere Blicke sich kreuzen, stirbt dieses Kind.
Was wird seinen Platz einnehmen?
Verfasst: Samstag 10. Juli 2010, 23:35
von Ariah Marlenthin
Zwischenzeit
Ich halte Dich - so wie Du mich einst gehalten hast, wenn ich aus schlechten Träumen aufwachte, wenn ich gefallen war und mir das Knie aufgeschlagen hatte. Jetzt bist Du gefallen und ich halte Dich. Du bist so dünn und sehnig und zugleich so groß. Fremd wäre das Wort, das mir in den Sinn käme, aber es bleibt fort, denn Du riechst genauso wie damals - nach warmen, weichen Sommernächten und Lavendel. Wie kann das sein, hier und jetzt riecht Dein Haar genau wie einst, da ich mein Gesicht darin vergrabe... Am liebsten möchte ich aufspringen und davon rennen, doch bleibe ich und halte Dich noch ein wenig länger. Beinahe reichen meine Arme durch alle Zeiten die uns trennten, beinahe.
Meinen Schmerz und meine Angst schlucke ich herunter und ich breche auch nicht in Tränen aus, als ich Dein Wispern an meinem Hals höre.
"Rette mich Ariah. Bring mich weg von hier."
Sofort begreife ich, was ich zu tun habe und zugleich gewahre ich, dass sie mir das Messer weggenommen haben. Natürlich haben sie das. Fast muss ich lachen, über das kleine Mädchen das ich gewesen bin, als ich diese Waffe treuherzig mit mir nahm. War ich noch vor Tagen so jung zu glauben, ich könnte sie mit hierher bringen und vielleicht sogar einsetzen?
Es ist Euch nicht erlaubt Magie anzuwenden in Abwesenheit eines Magisters. Die Worte der Praexeptrix durchzucken meinen Kopf wie ein Blitzschlag die Wolkendecke und doch ist es längst zu spät - es gibt keine andere Möglichkeit. Zum ersten Mal leert sich mein Geist wie von selbst und noch etwas ist anders als sonst, die Melodie ist nichts denn ein kakophones Meer aus Klirren und Reißen, als würde jemand stählerne Harfensaiten anschlagen. Mehr als dies für einen verwunderten Moment bemerken, kann ich nicht - die Magie wählt die Form, nicht mein bewusstes Ich und es geschieht. Ich halte Dich und flüstere Dir beruhigende Worte ins Ohr und spüre Dein Lächeln an meiner Haut, als alles sich ändert.
Die Kälte, die plötzlich von Deinem Leib ausgeht, brennt heißer als jedes Feuer es könnte und doch drücke ich Dich an mich. Als könnte diese Kälte die Leere füllen, die sich in mir ausbreitet. Es ist als würde ein Teil von mir mit Dir erfrieren und einen ewig scheinenden Augenblick habe ich nicht den Wunsch mich je wieder von Dir zu lösen, auch wenn ich weiss ich muss es tun. Bald schon, denn sonst vermag ich es nicht mehr. Da sich eine seltsame, knisternde Stille um mich dehnt an die das Klirren der unzielgerichtet um sich greifenden Zauberei stößt, komme ich nicht umhin mit einem fernen Teil meines Verstandes wahrzunehmen, dass sich ganz genau so eine magische Barriere anfühlt und ich dieses Gefühl niemals mehr vergessen werde.
Mit einem Ruck weiche ich schließlich zurück und ohne meinen Halt fällst Du. Und ich tue nichts um es zu verhindern - nicht einmal, als Du auf dem kalten Stein aufschlägst und das, was geblieben ist von Dir in tausend winzige, funkelnde Splitter zerschellt. Manche davon berühren mein Gesicht und schmelzen auf meiner Haut und vermischen sich mit den Tränen, die lautlos Bahn brechen.
Ich lasse sie fließen, erhebe mich, frage mich einzig, wieso sie es nicht verhindert haben... Zweifellos hätten sie die Macht dazu, hätte er diese Macht. So ist es sein Blick den ich suche und an den ich mich wende von allen, auch wenn nie ein Wort fiel, bin ich sicher er ist es, der sie führt.
"Und nun bring es zu Ende und töte mich." Es ist nicht Trotz der aus mir spricht, es ist Gewissheit und einmal mehr soll ich mich geirrt haben.
"Das war nie mein Ziel. Schau Dich an - ich würde Dir damit eine Gnade erweisen und ich bin vieles, doch sicher nicht gnadenvoll. Und nun verschwinde."
Es dauert mehr als einen Moment in dem ich einfach nur da stehe, bis ich begreife, was mir offeriert wurde: einfach zu gehen. Dann gehe ich, es kostet viel Kraft mich überhaupt zu bewegen und vermutlich sehe ich aus, wie eine dieser Jahrmarktsspielerpuppen an kaum sichtbaren Fäden. Tatsächlich zieht mich etwas, das sich als Klumpen tief in meinem Inneren zu formen beginnt...
"Du wirst ohnehin zu mir zurück kommen. Ich habe Dich längst getötet, alles was übrig ist, gehört jetzt mir."
Mein Magen kehrt sich augenblicklich um und ich kann regelrecht fühlen, wie alles was ich bin und jemals sein könnte auf Messers Schneide darum ringt, wirklich zu werden. Einen Moment lang tanze ich auf dem scharfen Grat und kann die Dunkelheit, die Kälte fühlen, die sich zu einer Seite hin auftut. Irrsinn umtanzt meine Knöchel wie Morgennebel. Dann weiß ich, dass es war ist was er sagte und doch anders - ja ich werde wieder kommen.
Und wenn ich das tue, werde ich sein was nötig ist um ihn zu zerstören, nicht einfach nur zu töten. Ein Leben für ein Leben, eine Seele für eine Seele.
Vielleicht bedeutet das, er hat schon gewonnen.
Verfasst: Dienstag 3. August 2010, 13:42
von Ariah Marlenthin
Spiralen II - Angehaltene Zeit
Ich bin wieder hier - und doch auch nicht. Eigentlich ist es, als würde ich permanent in den Spiegel sehen, mein eigenes Gesicht beschauen und dann gewahren, dass es mir nicht mehr passt. Nurmehr eine Maske ist. Das weisse Haar, welches es nun rahmt ist ein Zeichen nach aussen - und mehr als das. Die Magie die so ungezügelt zu mir kam und mir das Liebste nahm, das ich hatte, hat auch einen Teil von mir genommen.
Über eine Grenze bin ich gegangen und ich kann nicht zurück. Will nicht zurück. Was gäbe ich darum, wenn ich Dir folgen könnte, mein Bruder. Und doch ist meine Zeit noch nicht gekommen, wie es scheint.
Ja, ich habe noch eine Aufgabe und der muss ich mich widmen.
So gern ich es würde, ich kann nicht ausruhen, nicht gesund werden und wieder zu Kräften kommen. Es gibt nur noch eines, das mich beherrscht und solange der Preis für Deine Seele nicht gezahlt wurde, finde ich hier kein Heim mehr. Keine Ruhe.
Was gäbe es zu reden? Was könnte ich wirklich sagen? All die Dinge die sich hier ereignen sind so nah, so wirklich und so fern von mir, dass ich den Abgrund nicht mit einem Ausstrecken meiner Hand gen Tiia überwinden kann. Nein, ich werde still gehen, diesmal.
In den Schatten treten und selbst ein Schatten werden. Da wo ich hin muss, wird es mir nutzen nicht mehr als das zu sein. Staub und Schatten.
Trotz allem schleiche ich zu seiner Schlafstatt, horche lange Minuten und drücke die Tür auf eine mir zuvor ungeahnt geschmeidige, leise Art herunter. Denn ich will nicht, dass er erwacht. Nicht jetzt.
Noch nie habe ich jemanden geküsst und vielleicht zählt das hier nicht, aber mein Herzschlag schnellt trotzdem in die Höhe, als meine Lippen die Haut des Schlafenden berühren. Schnell löse ich mich von ihm, als meine Unruhe die Seine nährt.
Rasch ziehe ich mich zurück und rasch verlasse ich das Anwesen. Mein Zimmer aufgeräumt zurücklassend - die Kleidung in Hausfarben säuberlich gefaltet auf dem Bett drapiert, sowie die anderen Dinge, die mir hier so herzlich überantwortet wurden mit einer kurzen Notiz darauf. Ich kann sie nicht mitnehmen, sie würden einen Teil von mir vor Erinnerung daran weich werden lassen. Und ich darf nicht mehr weich sein, Herz und Hand müssen zu Stahl werden, wenn ich mein Ziel erreichen will - dessen bin ich mir sicher.
Adoran liegt bald hinter mir, ein Schemen Wirklichkeit, zu dem ich mich nicht umdrehe.
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Eure Erlaucht, Tiia - ich kann weder erklären wo ich gewesen bin, noch bleiben und nicht sagen, wieso ich gehe. Der Weg den ich eingeschlagen habe, gleicht einer Fessel und ich werde mich ihr beugen. Ich möchte niemanden mit diesen Belangen belasten und hoffe, dass mir die Art meines Fortgangs einst verziehen wird.
Danke für die kurze Zeit die ich hier verbringen durfte.
- Ariah