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Ein Leben unter Bärenpranken

Verfasst: Montag 22. März 2010, 09:16
von Lelith Mylin
Erinnerung

Langsam begann der Schmerz, der sich durch die Kälte in ihren Körper gefressen hatte nachzulassen. Oder spürte sie ihn nur nicht mehr? Würde sie nun sterben? Es war egal, denn am Ende dieser Reise würde sie wieder bei ihm sein – Merigo. Um ihre Lippen zuckte ein Lächeln und dann viel sie hinab.

„Papaaaa, Mamaaaa, Marbuuuur“ Ein Kinderstimmchen gefolgt von einem fröhlichem ebenso kindlichem Lachen. Die kleine Lelith rannte voraus so weit sie ihre kleinen Kinderbeine tragen konnten. „Nicht so schnell mein Schatz, da vorn geht es steil Berg ab.“ Eine besorgte Frauenstimme folgte den kleinen Schritten, doch hielten sie nicht auf. Immer weiter trugen sie die kleinen Beine, ihr Blick nach hinten gerichtet zu ihrer Familie. Ihr Bruder kam ihr nachgeflitzt. Was rief er da? Sie hörte es nicht, dachte sich auch nichts Schlimmes dabei. Rannte einfach weiter wie Kinder es eben tun. Als die kleinen graugrünen Augen wieder nach vorn blickten sah sie den Abgrund. Kleine Hände griffen nach ihr und dann verloren sie das Gleichgewicht und stürzten hinab. Die größeren Hände der Eltern verfehlten die Kinder nur um Millimeter. Aber sie verfehlten sie.

Lelith saß an Merigos Oberkörper gelehnt. Die Arme ihrs Liebsten lagen fest um sie geschlungen. Von seinem Duft und seiner Stärke eingehüllt fühlte sie sich sicher und betrachtete sich die Bilder, die wie ein Film vor ihr abgespielt wurden. „Deine Eltern suchten nach euch. Und als sie dich fanden, noch Monate nach deinem Bruder. Du weist doch, dein Papa war als du klein warst kaum zu Haus.“ Lelith nickt leicht, als sie in seine Augen schaute. Dieses herrliche Blau sie liebte es. „Doch sie fanden ihn nicht. Und dich drohten sie auch zu verlieren. Weil das kleine Mädchen“ Ein deut von Merigos Finger in Richtung der Bilder „der festen Überzeugung war sie sei Schuld an dem Tod ihres geliebten Bruders und sich weigerte jeglicher Vernunft nachzukommen.“ Lelith nickte leicht. Das passte zur ihr und Merigo würde sie nicht anlügen. „Aber das kleine Mädchen lebt. Was ist passiert?“

Eilige Schritte um sie. Leise Stimmen um sie. Ihre Körper war so unendlich schwer. Die Worte drangen leise bis zur ihr, der Inhalt jedoch ergab keinen Sinn. Was war passiert? „Soweit ich das Beurteilen kann, erinnert sie sich nicht mehr.“ Wiederholte die Heilerin ruhig. „Nein an gar nichts mehr. Und bei der Vorgeschichte der Kleinen kann man wohl von Glück reden.“ Der prüfende Blick der Heilerin ging zu Leliths Krankenbett. Dann senkte sie die Stimme. „Sie ist erst Fünf. Und ihr Gedächtnis war bislang immer hervorragend. Sie lernt schnell und ist doch ein kluges Mädchen.“ Der Blick der Heilerin löst sich von dem kleinen schlafenden Kindergesicht und schaut zu den Eltern. „Es ist wichtig, dass immer wer auf sie aufpasst. Lasst sie einfach nicht mehr aus den Augen. In ein paar Tagen darf sie nach Haus. Und damit so etwas nicht noch mal passiert: Es wäre besser sie wüsste nicht, dass ihr Bruder…“ Die Heilerin sprach nicht weiter, die Eltern nickten jedoch verstehend.

„Von diesem Tag an war dein Leben so wohl behütet wie du es in Erinnerung hast mein Schatz. Und ich würde dir diese Erinnerung auch ruhigen Gewissens weiter vorenthalten. Aber ich fürchte dann glaubst du deinem Bruder nie. Und ich hab ihn doch extra zu dir geführt, damit du nicht allein bist, bis Cirmias uns wieder vereint.“ Lang schwieg sie. „Ich kann nicht bei dir bleiben?“ Fragt sie schließlich. „Noch nicht mein Schatz.“ Er setzt ihr einen sanften Kuss auf das abendrote Haar. „Du musst noch viel für uns erleben. Dein bezauberndes Lächeln der Welt schenken. Mutter werden und dein Wissen weiter geben.“ Ihr Blick wandert zu ihm hinauf. „Mutter?“ Sie schmiegt sich sanft an ihn. „Ich bin immer bei dir mein Schatz, das weist du.“ Antwortet er leise.


Wärme. Langsam kehrte der Schmerz zurück. Ihr Körper durchfuhr ein seichtes Kribbeln, als sich die Wärme in ihm ausbreitete. Sie wurde getragen. Wohin? Die starken Arme erinnerten sie an ihren Papa. Sie schmiegte sich gegen ihn. „Papa“ Ein leises kaum hörbares Murmeln. Ein erleichtertes Seufzen drang an ihr Ohr, dann umfing sie erneut der Schlaf.

Verfasst: Montag 31. Mai 2010, 10:11
von Lelith Mylin
Menschen kommen… Menschen gehen…

So mag der natürliche Lauf der Welt sein. Dachte Lelith, als sie auf ihrem Bett lag und nicht den Schlaf fand, der ihr nun mehr als gut tun würde. Ihre Hand hatte sie eng um den Stein an ihrem Hals gelegt, die graugrünen Augen waren zur Decke gerichtet. Ein schweres Seufzen verließ ihren Mund.

Doch wohin gehen die Menschen? Das sollte die Frage sein, die Lelith an jenem Abend am meisten quälte. Würde sie ihn je wieder sehen, wenn er durch die Hand eines Rabendieners sterben würde. Ihr schauderte allein bei dem Gedanken an diese Wesen. Sie hatte sie bisher nur einmal gesehen. Und obgleich sie ihr nichts taten, machte die Angst die sie ihm Zausel auslösten, doch mehr als vorsichtig.

Sehen sich denn wirklich alle wieder? Das Merigo bei Cirmias war und sie sich dort wieder sehen würden, da war Lelith sich sicher. Ihr Glauben an ihren Gott war durch den Tod ihres Liebsten zwar erschüttert worden, doch nicht in seinen Grundfesten. Viel mehr darin, dass ein Gott weniger vermag, als man sich wünschen würde. Doch das Cirmias jene zu sich holen würde, die an ihn glaubten, da war sich die kleine Schneiderin sicher. Doch was passierte mit jenen, die durch die Hand eines anderen geholt würden. Durch die Hand eines Rabendieners. Würde Temora ihn dennoch zu sich holen können? Oder würde jener Rabe, den sie alle fürchteten, dies zu verhindern Wissen?

Und wie war das nun mit Temore und Cirmias? Wohin ging man? Unruhig wälzte sich die kleine Schneiderin in ihrem Bett hin und her. Sie verstand ihren Bruder ja. Und ja wie sehr sie ihn verstand. Ohne zu zögern wäre sie für Merigo gestorben, hätte alles für ihn getan. Und wenn sie ehrlich war, dann hätte auch sie die Menschen die sie liebte, die sie liebten, für ihren Liebsten zurückgelassen. In dem Wissen, dass sie sich wieder sehen würden. Doch traf man denn nun einen jeden wieder? Würde jemand der an Cirmias glaubte, jemandem wieder begegnen, der an Temora glaubte? Würde jemand der an Termora glaubte und durch die Hand des Raben starb zu Temora gehen, oder zum Raben?

Die kleine Schneiderin hoffte inständig, dass Amu den Zwergenpriester erreichen würde und jene Fragen sich alsbald klären würden. Hoffte, dass die Antwort ihr wenigstens einen kleinen Funken der Angst nehmen würde die sie um ihren Bruder hatte. Und sie hatte furchtbare Angst.

Er weis nicht um die Qual für jene die zurückbleiben. Dachte sich Lelith. Doch tief in ihrem Innersten wusste sie, dass er um jene Qual wohl wusste. Was sie zu zwei anderen Schlussfolgerungen führte: Er liebte Leah. Und deswegen musste sie ihn gehen lassen. Deswegen würde jeder vernünftige Gedanke den sie ihm entgegenbrachte an ihm abprallen. Aber was dachte sie..., sie waren Geschwister. Und sich in diesem Punkt doch unheimlich ähnlich.

Deswegen blieb die Frage, was immer auch passiert: Würden sie sich wieder sehen?

„Cirmias ich bitte dich, gib acht auf meinen Bruder. Er tut es aus Liebe. Und sollte die Liebe nicht geschützt werden? Drum bitte ich dich Cirmias, gib auf ihn acht. Gib auf ihn acht.“