Knappschaft unter Ahad Crain
Verfasst: Sonntag 7. März 2010, 12:33
Einige Monde waren bereits verstrichen, während Ivan nun schon als Knappe unter Ahad Tugor Crain diente. Er begleitete den Erhabenen bei unzähligen Gelegenheiten, bei denen er die Ausübung der verschiedensten Aufgaben und Pflichten eines alatarischen „Höheren“ hautnah miterleben durfte. Zwischenzeitlich hielt Tugor in einigermaßen regelmäßigen Abständen Unterrichtseinheiten, deren Unterrichtsziele in erster Linie die Vertiefung der alatarischen Gebote und der Tugenden eines Ritters des Herrn waren.
Seit der vorletzten Unterrichtsstunde ist keine Tugend mehr übrig, die nicht schon einmal in einer Lektion behandelt wurde, und in der letzten Stunde musste Ivan alles Gelernte zusammenfassend erörtern. „War’s das?“ fragte sich der Knappe insgeheim, als Tugor nach dieser Zusammenfassung nichts an ihr auszusetzen oder anzumerken hatte. „Was könnte er mir denn noch alles beibringen?“ Die alatarischen Gebote und Tugenden waren Ivan nicht fremd, wurden sie ihm doch schon seit seiner Kindheit eingetrichtert – zwar nicht so genau und intensiv, wie bei Tugors Unterricht, jedoch gut genug, um sich selbst als jemanden betrachten zu können, der firm im alatarischen Glauben ist.
„Wird mich Tugor nun in Geheimnisse des Ritter-Daseins einweihen, die einem gewöhnlichen Gläubigen nie bekannt sein werden, oder war dies bereits die gesamte Ausbildung?“ schoss es Ivan in Gedanken durch den Kopf, während er gespannt darauf wartete, dass der Ahad wieder das Wort erhob und an ihn richtete.
Andere Knappen, die weitaus später mit deren Ausbildung begonnen hatten als er, waren zum Teil bereits Ritter des Herren – dies ist Ivan natürlich nicht entgangen und brachte in ihm sogar Zweifel an sich selbst auf.
Anfangs dachte er sich, dass die Schuld an dieser längeren Ausbildungsdauer bei ihm lag, da er vielleicht doch nicht würdig genug war eines Tages Ritter Alatars zu werden. Dieser Gedanke wurde dann wieder verdrängt, als ihm in den Sinn kam, dass eine längere Lehrzeit ja nicht zwangsweise etwas Schlechtes bedeutet – sie könnte genau so gut bedeuten, dass ihm eine intensivere und bessere Ausbildung zu Teil wurde. Schließlich war sein Lehrer nicht nur ein Ritter, sondern sogar ein Ahad.
Etwas später glaubte Ivan dann, dass nicht er der Grund dafür war, sondern die äußeren Umstände – vor allem die Spaltung des Reiches in Rahal und Düstersee.
Damals, zu Beginn seines Knappendienstes, war Rahal noch eins – eine große lebendige Stadt und zugleich ein einziges, mächtiges Bollwerk gegen alle Un- und Falschgläubigen. Der Umsturz durch die Letharen und die daraus resultierende Entfernung der bisherigen Höheren aus dem Gremium der Stadt (unter ihnen auch sein Ausbilder, Ahad Tugor Crain, und sein Mentor, Tetrarch Tharon Anastra) waren der Hauptgrund dafür, dass sich in Rahal zwei Parteien bildeten: Die durch die Letharen neu besetzte Führung Rahals inklusive deren Befürworter und die aus dem alten Gremium abgesetzten Höheren samt deren Sympathisanten. Um Rahal nicht durch internen Zwist noch mehr zu schädigen, zogen die Letzteren aus, um am anderen Ende des alatarischen Reiches mit der Siedlung Düstersee einen Neubeginn zu wagen.
Auch Ivan, seine Familie und Freunde zählten zu diesen Aussiedlern, die noch immer der alten Führung Rahals und nicht den durch die Letharen eingesetzten (teilweise gänzlich unbekannten) Emporkömmlingen (die - nebenbei bemerkt - später wieder aus der Führung entfernt wurden) loyal waren.
Der Aufbau Düstersees erforderte Zeit und Einsatz von jedem einzelnen der Aussiedler – egal ob kleiner Gläubiger, Ahad oder „Ritter in Ausbildung“.
Von der Logik her schien Ivan dies als der wahrscheinlichste Grund für seine lange Knappenzeit, jedoch wirklich sicher wird er sich wohl nie sein können.
Nun war es endlich soweit, die Augenblicke, die Tugor nach Ivans Vortrag noch abwartete, bevor er wieder seine Stimme erhob war vorbei. Hätte der Knappe nicht eine gewisse Übung in seiner alatarischen „Lieblingstugend“ Durchhaltevermögen, so wäre er gewiss vor Neugierde und Spannung in tausend kleine Stücke zersprungen.
Der Ahad bedachte ihn mit einer Aufgabe, wie er es schon öfter während der Ausbildung getan hatte, und verhielt sich so, wie bei jeder anderen Unterrichtseinheit auch. „Somit war dies doch nicht die letzte Lektion.“ dachte sich Ivan und die Neugierde, über was nun alles noch folgen wird, wurde in ihm wieder einmal ein Stück größer.
Bei der besagten Aufgabe handelt es sich um eine Art Ausarbeitung, die einen Vergleich der alatarischen Tugenden mit denen der Anhänger Temoras beinhalten soll.
Überraschenderweise beendete der Ahad nach der gestellten Aufgabe noch nicht die Unterrichtseinheit, wie sonst auch, sondern nahm Ivan noch vom Rittersaal mit bis zur Rahaler Bank. Dort überreichte er seinem Knappen unter einem gewissen Maß an Geheimnistuerei einen kleinen roten Kristall und die Anweisung darauf so gut wie möglich aufzupassen und niemandem davon zu erzählen, dass er sich nun in dessen Besitz befände.
Ivan wunderte sich anfangs darüber, was an einem öden Kristall so wichtig sein könnte, dass der Ahad so viel „Tamtam“ um dessen Sicherheit und Geheimhaltung veranstaltete, jedoch erfuhr er kurz darauf von Tugor, dass er ein Mittel zur Kommunikation mit dem roten Wyrm Kryndlagor war.
Beim Gedanken an den Wyrm kam dem Knappen nochmals kurz die Erinnerung daran ins Gedächtnis, wie der Wyrm ihm einst eine Standpredigt gehalten hatte, als er sich Ivans Drachenschuppenpanzer gewahr wurde. Es war also keine sonderlich angenehme Erfahrung, die sein Gedächtnis mit dem Namen „Kryndlagor“ assoziierte und Ivan musste sich doch etwas zusammen reißen, um sich das nicht anmerken zu lassen.
Er nahm den Kristall an sich und schwor Tugor sein Bestmögliches zu tun, um seine Anweisungen bezüglich dieses magischen Kommunikationsmittels zu befolgen.
Nun waren schon einige Wochen seit der letzten Ausbildungseinheit vergangen und Ivan hatte in der Zwischenzeit schon die Ausarbeitung fertig gestellt. Auf mehreren Pergamenten hatte er sie fein säuberlich nieder geschrieben und schlussendlich auf Tugors Platz am Tisch des Rittersaals hinterlassen.
Sollte sie Tugor oder irgendjemand anderer, der in den Rittersaal im Rahaler Palast Zutritt hat, lesen, so wird er folgenden Inhalt wahrnehmen:
Seit der vorletzten Unterrichtsstunde ist keine Tugend mehr übrig, die nicht schon einmal in einer Lektion behandelt wurde, und in der letzten Stunde musste Ivan alles Gelernte zusammenfassend erörtern. „War’s das?“ fragte sich der Knappe insgeheim, als Tugor nach dieser Zusammenfassung nichts an ihr auszusetzen oder anzumerken hatte. „Was könnte er mir denn noch alles beibringen?“ Die alatarischen Gebote und Tugenden waren Ivan nicht fremd, wurden sie ihm doch schon seit seiner Kindheit eingetrichtert – zwar nicht so genau und intensiv, wie bei Tugors Unterricht, jedoch gut genug, um sich selbst als jemanden betrachten zu können, der firm im alatarischen Glauben ist.
„Wird mich Tugor nun in Geheimnisse des Ritter-Daseins einweihen, die einem gewöhnlichen Gläubigen nie bekannt sein werden, oder war dies bereits die gesamte Ausbildung?“ schoss es Ivan in Gedanken durch den Kopf, während er gespannt darauf wartete, dass der Ahad wieder das Wort erhob und an ihn richtete.
Andere Knappen, die weitaus später mit deren Ausbildung begonnen hatten als er, waren zum Teil bereits Ritter des Herren – dies ist Ivan natürlich nicht entgangen und brachte in ihm sogar Zweifel an sich selbst auf.
Anfangs dachte er sich, dass die Schuld an dieser längeren Ausbildungsdauer bei ihm lag, da er vielleicht doch nicht würdig genug war eines Tages Ritter Alatars zu werden. Dieser Gedanke wurde dann wieder verdrängt, als ihm in den Sinn kam, dass eine längere Lehrzeit ja nicht zwangsweise etwas Schlechtes bedeutet – sie könnte genau so gut bedeuten, dass ihm eine intensivere und bessere Ausbildung zu Teil wurde. Schließlich war sein Lehrer nicht nur ein Ritter, sondern sogar ein Ahad.
Etwas später glaubte Ivan dann, dass nicht er der Grund dafür war, sondern die äußeren Umstände – vor allem die Spaltung des Reiches in Rahal und Düstersee.
Damals, zu Beginn seines Knappendienstes, war Rahal noch eins – eine große lebendige Stadt und zugleich ein einziges, mächtiges Bollwerk gegen alle Un- und Falschgläubigen. Der Umsturz durch die Letharen und die daraus resultierende Entfernung der bisherigen Höheren aus dem Gremium der Stadt (unter ihnen auch sein Ausbilder, Ahad Tugor Crain, und sein Mentor, Tetrarch Tharon Anastra) waren der Hauptgrund dafür, dass sich in Rahal zwei Parteien bildeten: Die durch die Letharen neu besetzte Führung Rahals inklusive deren Befürworter und die aus dem alten Gremium abgesetzten Höheren samt deren Sympathisanten. Um Rahal nicht durch internen Zwist noch mehr zu schädigen, zogen die Letzteren aus, um am anderen Ende des alatarischen Reiches mit der Siedlung Düstersee einen Neubeginn zu wagen.
Auch Ivan, seine Familie und Freunde zählten zu diesen Aussiedlern, die noch immer der alten Führung Rahals und nicht den durch die Letharen eingesetzten (teilweise gänzlich unbekannten) Emporkömmlingen (die - nebenbei bemerkt - später wieder aus der Führung entfernt wurden) loyal waren.
Der Aufbau Düstersees erforderte Zeit und Einsatz von jedem einzelnen der Aussiedler – egal ob kleiner Gläubiger, Ahad oder „Ritter in Ausbildung“.
Von der Logik her schien Ivan dies als der wahrscheinlichste Grund für seine lange Knappenzeit, jedoch wirklich sicher wird er sich wohl nie sein können.
Nun war es endlich soweit, die Augenblicke, die Tugor nach Ivans Vortrag noch abwartete, bevor er wieder seine Stimme erhob war vorbei. Hätte der Knappe nicht eine gewisse Übung in seiner alatarischen „Lieblingstugend“ Durchhaltevermögen, so wäre er gewiss vor Neugierde und Spannung in tausend kleine Stücke zersprungen.
Der Ahad bedachte ihn mit einer Aufgabe, wie er es schon öfter während der Ausbildung getan hatte, und verhielt sich so, wie bei jeder anderen Unterrichtseinheit auch. „Somit war dies doch nicht die letzte Lektion.“ dachte sich Ivan und die Neugierde, über was nun alles noch folgen wird, wurde in ihm wieder einmal ein Stück größer.
Bei der besagten Aufgabe handelt es sich um eine Art Ausarbeitung, die einen Vergleich der alatarischen Tugenden mit denen der Anhänger Temoras beinhalten soll.
Überraschenderweise beendete der Ahad nach der gestellten Aufgabe noch nicht die Unterrichtseinheit, wie sonst auch, sondern nahm Ivan noch vom Rittersaal mit bis zur Rahaler Bank. Dort überreichte er seinem Knappen unter einem gewissen Maß an Geheimnistuerei einen kleinen roten Kristall und die Anweisung darauf so gut wie möglich aufzupassen und niemandem davon zu erzählen, dass er sich nun in dessen Besitz befände.
Ivan wunderte sich anfangs darüber, was an einem öden Kristall so wichtig sein könnte, dass der Ahad so viel „Tamtam“ um dessen Sicherheit und Geheimhaltung veranstaltete, jedoch erfuhr er kurz darauf von Tugor, dass er ein Mittel zur Kommunikation mit dem roten Wyrm Kryndlagor war.
Beim Gedanken an den Wyrm kam dem Knappen nochmals kurz die Erinnerung daran ins Gedächtnis, wie der Wyrm ihm einst eine Standpredigt gehalten hatte, als er sich Ivans Drachenschuppenpanzer gewahr wurde. Es war also keine sonderlich angenehme Erfahrung, die sein Gedächtnis mit dem Namen „Kryndlagor“ assoziierte und Ivan musste sich doch etwas zusammen reißen, um sich das nicht anmerken zu lassen.
Er nahm den Kristall an sich und schwor Tugor sein Bestmögliches zu tun, um seine Anweisungen bezüglich dieses magischen Kommunikationsmittels zu befolgen.
Nun waren schon einige Wochen seit der letzten Ausbildungseinheit vergangen und Ivan hatte in der Zwischenzeit schon die Ausarbeitung fertig gestellt. Auf mehreren Pergamenten hatte er sie fein säuberlich nieder geschrieben und schlussendlich auf Tugors Platz am Tisch des Rittersaals hinterlassen.
Sollte sie Tugor oder irgendjemand anderer, der in den Rittersaal im Rahaler Palast Zutritt hat, lesen, so wird er folgenden Inhalt wahrnehmen:
Vergleich der alatarischen Tugenden und Leitgedanken mit denen der Falschgläubigen
Skrupellosigkeit versus Gerechtigkeit & Mitgefühl
Im Gegensatz zur Skrupellosigkeit wirkt die Gerechtigkeit wie eine Bremse. Anstatt die Sache des Herrn möglichst effizient voran zu bringen verzögert die Tugend der Gerechtigkeit mit deren permanenten Zwang zum „Ausgleichen und Abwiegen“ wichtige Entscheidungen und Taten.
Deren Tugend „Mitgefühl“ macht die Ketzer langsam, weich und verletzlich. Sie verpflichtet sie einen jeden ihrer Gegner dahingehend zu untersuchen ob er Mitgefühl verdient oder nicht und erst anschließend zu handeln.
Die alatarische Tugend „Skrupellosigkeit“ ist beiden Ketzertugenden weit überlegen. Sie ermöglicht den Dienern des Herrn ein schnelleres und effizienteres Handeln und liefert somit einen entscheidenden Vorteil im Kampf gegen die Falschgläubigen. Anstatt sich über die Gefühle und das Befinden anderer Gedanken machen zu müssen und abzuwägen ob etwas gerecht ist oder nicht, muss sich der Diener Alatars nur kurz überlegen, was die Sache des Herrn am besten voran bringt und dementsprechend agieren.
Ehre versus Ehre
Die Ehre ist nicht nur auf der alatarischen Seite vertreten, sondern auch die Ketzer schreiben sie als eine Tugend auf deren Fahnen. Das Wort ist dasselbe, jedoch die Bedeutung für beide Seiten eine andere.
Während die Ehre für einen Diener Alatars bedeutet möglichst effizient zu funktionieren und so zu agieren, wie es der Herr von einem erwarten würde, bedeutet es für die Ketzer die ständige Suche nach Wahrheit – was wieder einmal die Effizienz des einzelnen vermindert und ihn träge macht.
Aufopferungsbereitschaft versus Tapferkeit & Opferbereitschaft
Der Jünger Alatars ist sich dessen bewusst, was vor ihm liegt und schätzt ab ob das Risiko sich selbst zu opfern die höhere Sache des Herrn entsprechend voran bringt.
Die Tugenden der Dirnendiener, die Tapferkeit und die Opferbereitschaft, geben ihnen vor sich blind in jede noch so aussichtslose Situation zu begeben – nur um zu beweisen, wie weit sie bereit sind zu gehen und um vielleicht einmal als jemand zu gelten, der es trotz aussichtsloser Umstände zumindest „versucht“ hat.
Die Absicht etwas voran zu bringen und dann aber wohlmöglich sogar mit Verlust des eigenen Lebens zu scheitern nutzt dem Rest des Reiches und der Glaubensgemeinschaft nicht.
Der Alatari „versucht“ nicht, sondern er tut oder tut nicht.
„Dem Herrn gilt das ganze Tun und Streben“ versus Geistigkeit
Unter Geistigkeit verstehen die Ketzer „Hunger nach Wahrheit, Liebe und Mut“. Anstatt nach Perfektion zu streben um ihrem Gott besser zu dienen, hält deren Tugend sie dazu an ihr Leben lang nach diesen drei genannten, weniger essenziellen Dingen zu suchen und zu streben.
Quasi wieder eine Verschwendung von Energie, Lebenskraft und Zeit für nicht greifbare Dinge, die einen nicht voran bringen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die wesentliche Schwäche der Falschgläubigen in deren Trägheit liegt, die ihnen durch deren Tugenden aufgebürdet wird.
Während sie noch abschätzen müssen, ob durch deren Handeln vielleicht ein Unschuldiger zu Schaden kommen könnte oder ob beim Gegenüber nicht eine gewisse Chance besteht, dass er Mitgefühl verdienen würde, kann der Alatari bereits zur Tat schreiten.
Ivan Del'Mur