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Das Ende der Vergangenheit, der Anfang der Zukunft

Verfasst: Donnerstag 25. Februar 2010, 14:41
von Vincent Vandera
Ein kurzer, entspannter Ruck ging durch den Körper, als Vincent einen tiefen Atemzug nahm und die salzige Seeluft begann, durch seine Nase zu strömen. Die Augen waren geschlossen und seine Hände ruhten auf dem Holz der Reling, um ihn herum war geschäftiges Treiben, Männer und Frauen trugen Proviant umher, kletterten hinauf ins Krähennest oder riefen sich Dinge zu, das Treiben einer Mannschaft, einer Mannschaft zu der er im Moment nicht gehörte. Tatsächlich war es etwas seltsam nicht selbst aktiv zu sein, doch er war kein Crewmitglied, sondern Passagier dieses kleinen Schiffes, der Passagier „Carlos Vaupero“, der einige Münzen gezahlt hatte um letztendlich seine eigene Privatsphäre gesichert zu wissen.
Der Kapitän war natürlich nicht dumm, er hatte irgendetwas geahnt, denn niemand legte einfach so fast drei Kronen mehr an Überfahrtsgebühren auf den Tisch, wenn es sich um eine einfache Strecke handelte. Doch letztendlich war er auch kein Narr und schlug das Angebot auch nicht ab, es wurden keine Fragen gestellt und auch die Mannschaft ließ „Carlos“ in Ruhe, wenngleich er auch hinter seinem Rücken immer wieder das Getuschel vernehmen konnte, doch es war ihm gleich.

Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete Vincent die Augen wieder und sah hinauf in den trüben und mit grauen Wolken verhangenen Himmel; zweifelsohne würde es keine entspannte und ruhige Überfahrt werden, letztendlich nichts, mit dem er nicht fertig werden würde. Seine Augen glitten einmal kurz zu einem fixen Punkt a dem er das Festland vermutete, welches er nun seit einigen Stunden hinter sich gelassen hatte. Innerlich begann er sich zu fragen, wie vielen der anderen Piraten sein Fehlen auffallen würde; Gracia ganz bestimmt, und sie würde sicher auch einige Fragen an ihm haben, wenn er wieder La Cabeza erreichen würde, doch er wollte sich keinerlei Verzögerungen mehr leisten und noch weniger wollte er, dass ihm jemand letztendlich seine Pläne ausreden würde, und diese Gefahr bestand bis zu einem gewissen Grad. Seit dem Debakel mit der Entführung des jungen Mädchens Ira war es ruhig um Vincent geworden, er hatte sich zurückgezogen, seine Wunden geleckt und feststellen dürfen, dass zu solchen Aktionen mehr als nur ein paar Grundideen notwendig waren.
All seine eigentlichen Pläne, Einfälle und Ideen hatte er verworfen, Frustration hatte begonnen sich in ihm breit zu machen, ehe ihm einfiel dass es noch einen Punkt auf seiner „Zu erledigen Liste“ gab, welcher Gerimor nicht im Geringsten betraf. Es war das Abrechnen mit einem Phantom aus der Vergangenheit seines Vaters, ein Phantom, dass er selbst zu Grabe schicken wollte, um seinem verstorbenen Alten wenigstens einen letzten Gefallen zu erweisen, denn danach würde er seinen eigenen Wegen folgen und nicht mehr den Pfaden eines verstorbenen Piraten.

Ja, er brauchte nicht noch jemanden, der ihm ins Gewissen redete, was diesen Plan anging und im gleichen Zug schien er zu seufzen und vor seinem geistigen Auge bildete sich das Gesicht einer rothaarigen Schönheit, ein Gesicht das gefährlich war und sicher nicht gut für ihn war, jedoch ein Gesicht, auf dass er sich verlassen konnte, auch wenn es zum „Feind“ gehörte: Emilia.
Die mysteriöse Kontaktperson einer Unbekannten aus Adoran, an welche er mehr aus Verzweiflung denn aus anderen Gründen geraten war und die er nun nicht mehr so wirklich aus seinem Umfeld wegdenken konnte, auch wenn sie und er zwei grundverschiedene Personen waren. Sie war die einzige gewesen, der er von seinen Plänen erzählt hatte und, wie er es sich gedacht hatte, hatte sie versucht, ihm ins Gewissen einzureden, ihn davon abzubringen diese Reise anzutreten und beinahe wäre es ihr auch gelungen. Sie hatte diese Art an sich, dieses kühne, unberechenbare und sie konnte mit Worten umgehen, verdammt, das konnte sie sehr gut.

Er nahm einen weiteren tiefen Atemzug, er hatte diese Reise letztendlich doch angetreten, aber er würde sie nicht im Ungewissen lassen, das hatte er sich vorgenommen. Und so wandte er sich ab, begann zum Zugang zu seiner Koje zu gehen und stieg hinab unter Deck. Wie erwartet war nicht viel Platz, doch wie er es angefordert hatte, hatte man ihm einen improvisierten Tisch, bestehend aus einer Platte die auf zwei Fässern lag, und einen Stuhl hinabgebracht. Pergament, Tinte und Feder standen bereit und er machte sich daran einen Brief zu verfassen, welchen er Stunden später einer Taube ans Bein band, auf dass jene nach Adoran fliegen sollte um dort am Hafeneingang zu sitzen und zu verharren. Neben dem Pergament fand sich am anderen Bein zudem eine kleine Schachfigur aus Holz geschnitzt.


Liebste Emilia,

dieses eine mal wird mein Brief an dich etwas klarer sein, bin ich es dir doch auf eine Art und Weise schuldig. Während du diese Zeilen liest, werde ich bereits auf einem Schiff in Richtung besagter Insel sein, von welcher ich dir erzählt hatte, und all deinen Warnungen und Bedenken zum Trotz: Ich muss dies beenden um mit einer Vergangenheit, die nicht meine ist, wirklich abschließen zu können. In zwei Tagen werde ich das Festland erreichen um dort die blutige Rache zu nehmen, oder mir meine zukünftige Sicherheit zu sichern, ganz aus welchem Blickwinkel du es betrachten magst. Vielleicht wird diese zusätzliche Zeit, fort von Gerimor, auch dazu beitragen, dass man mich dort wieder als flüchtigen Geist der Vergangenheit ansieht, der nicht mehr zurückkehren wird. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich mich selbst überschätzt habe und ich in den kommenden Tagen durch die gleiche Hand wie mein Vater den Tod finde, will ich dir für alles danken, was du für mich getan hast und auch für die Gespräche mit dir.
Es ist selten eine Frau wie dich zu finden, und vielleicht wäre ja sogar mehr als eine Sehnsucht nach dir aus allem geworden, wären die Umstände anders gewesen unter denen wir uns immer trafen. Doch ganz gleich wie diese Reise auch ausgehen mag, du wirst nie aus meinem Kopf weichen, ganz gleich ob hier oder im Reich des Seelenernters, wo man sicher schon auf mich wartet.

Die nächsten Tage erwarte wieder eine Nachricht an diesem Ort, die Taube wird geduldig sein.

Carlos