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- Zwei Welten -
Verfasst: Montag 22. Februar 2010, 19:26
von Neliel Lelyn
"Halt dich besser fest...“
Sie wollte sich an seiner Hand festhalten, so, wie sie es bei ihrer ersten Reise in diese andere Welt tat. Doch er zog sie an sich und hielt sie fest an sich gedrückt. Für diesen Moment hielt sie den Atem an und die Augen geschlossen. Ob es nun an seiner Nähe lag oder an dieser Art, wie sie sich nun fortbewegten konnte man nicht so wirklich definieren. Dies hier war seine Welt, nicht ihre. Und es war so fremd für sie, wie ihre Welt fremd für ihn war. Seine Welt bestand aus Dämonen, Drachen und allen anderen magischen Dingen, die sie zuvor nur aus Erzählungen kannte. Und dadurch waren sie sich so gegensätzlich, wie man es sich nur sein konnte.
[...]
„Komm, ich zeig dir meine Welt...“
Sie nahm seine Hand, ganz egal, was er sich dabei dachte und zog ihn mit sich. Sie wollte ihm das zeigen, was für sie Magie war und entführte ihn durch die Wälder, um zu ihrer Lichtung zu gehen. Diese eine Lichtung, an welchem der Wasserfall an den Steinen entlang strömte und die Natur einem einfach den Atem raubte. „Das ist meine kleine Welt...“, sie deutete um sich und war sich gar nicht bewusst, dass sie seine Hand noch immer hielt. In ihrer Welt gab es keine Angst vor dem, was kam. In ihrer Welt gab es die Vollkommenheit, die Zufriedenheit mit dem, was man gerade so hatte. Reichtum kannte sie nicht, sie kämpfte schon immer ums Überleben und Bestehen.
[…]
Begonnen hatte der Abend damit, dass sie ausgeritten war. Sie hatte nicht damit gerechnet, ihm trotzdem über den Weg zu laufen, denn sie brauchte den Abstand zu ihm. Aber dann sah sie ihn, sah ihn, wie er etwas suchte – vermutlich sie. Nachdem er ihr Geschenk präsentiert hatte (er trug den Mantel, den sie ihm geschenkt hatte) erkundigte er sich nach ihr.
„Um ehrlich zu sein, ich habe die letzte Nacht so gut wie gar nicht geschlafen, weil ich immer wieder von bösen Träumen heimgesucht wurde und dadurch wach wurde.“, ein innerer Schauer lief ihr dabei über den Rücken. Er entschuldigte sich dafür und presste die Lippen aufeinander. Aber sie winkte ab und sagte ihm, dass es in Ordnung sei. Immerhin musste man irgendwann auch verstehen, dass die Welt nicht nur aus guten Dingen bestand. Und man musste vor allem aus der eigenen Traumwelt auch einmal aufwachen.
„Gewiss... dennoch hätte ich dich lieber sanft und vorsichtig geweckt und dir dabei geholfen, den Sand aus den Augen zu reiben. Es war ein Fehler von mir, mich nicht zu zügeln.“
- Fehler waren menschlich und sie begann jeden erneuten Tag wieder den Fehler, ihre Zeit mit ihm zu verbringen, obwohl der Schmerz sehr tief saß und sie es in seiner Nähe kaum aushielt.
„Warst du gerade wieder auf dem Heimweg?“
Zuhause. Wo war das? Wo war sie zuhause? Sie hatte das Gefühl, dass sie sich schon lange nicht mehr auf dem Hof zuhause fühlte. Zumindest seit dem Zeitpunkt nicht, als ihre Gefühle überschwappten und in ihren Gedanken nichts weiter war außer … er. Und eigentlich wollte sie auch gar nicht zuhause anzutreffen sein, allein deswegen, um ihm aus dem Weg zu gehen. Um unangenehmen Dingen aus dem Weg zu gehen. „Die Mission ist gescheitert. Du findest mich wohl auch dann, wenn ich nicht zuhause bin.“
„Hm. Wenn du nicht möchtest, dass ich dich finde, genügt ein Wort aus deinem Munde, Nel.“
Wenn das nur so einfach wäre. Selbst wenn ihr Verstand ihr einhämmerte, dass es vernünftiger wäre, ihn nicht mehr zu sehen. Ihr Herz schrie eine ganz andere Tonlage und ganz andere Worte.
„Es wäre auch kein Zustand, den ich als angenehm empfinden würde. Mir würden die Besuche bei dir sehr fehlen – wirklich.“
Fehlen. Natürlich. Die gute Freundin von nebenan. Die gute Seele, mit der man unbeschwert Zeit verbringen konnte. Für ihn war es einfach. Er hatte sowohl sie an seiner Seite, als gute Freundin. Und er hatte eine Frau an seiner Seite, die ihn in den Belangen glücklich machte, in deren Position sie sich gerne sehen würde. Er konnte sich wirklich glücklich schätzen.
„Hättest du denn etwas dagegen, wenn ich dich heim begleite?“
Sie schüttelte daraufhin den Kopf. „Ich möchte nicht nach Hause. Ich weiss nicht, wie es in deiner Welt ist (und hier hatte sie zum ersten Mal die Welten erwähnt), in der du lebst, aber ich habe von klein auf vermittelt bekommen, dass man dort zuhause ist, wo das Herz ist. Also derzeit nicht auf meinem Hof.“ Er seufzte daraufhin schwer und streichelte ihr sanft über die Wange. Sie senkte ihren Blick auf den Boden. Sie wollte nicht, dass er Mitleid mit ihr hatte oder sich zu irgend etwas genötigt fühlte. Sie hatte ein starkes Herz und so schnell würde es nicht brechen.
Und dann zog sie ihn auch schon mit – weit weg in ihre Welt, um ihm diese zu zeigen.
Komm, geh ein kleines Stück mit mir.
Erzähle mir noch mehr von dir.
Ich hab es mir so oft gewünscht,
dich so vieles zu fragen.
Woher nimmst du die Kraft,
immer nach vorne zu sehn?
Wie ein Löwe zu kämpfen
und in die Zukunft zu gehn?
„Das ist meine Welt. Meine eigene Magie.“
Sie sah nicht auf seine Züge, sondern ließ sich von dem Bild vor ihren Augen verzaubern. Und sie spürte, dass auch er sich verzaubern ließ. Sie hatte das Gefühl, dass er solche Kleinigkeiten längst nicht mehr zu schätzen wusste. Und dafür war sie zuständig. Sie würde ihm diese Kleinigkeiten wieder zeigen. Sie wollte wenigstens für diesen Abend alle Sorgen und Ängste, alle Nöte und Gefahren von ihm fernhalten. An diesem Ort.
„Vollkommenheit ist schwer zu erreichen.“
- „Es kommt immer darauf an, was man selbst erwartet. Erwartet man Reichtum, Erfolg, Ansehen, dann wird die Vollkommenheit auf sich warten lassen. Erwartet man das Natürliche – am Morgen von Sonnenstrahlen geweckt zu werden, sein Leben an der Seite einer Frau zu verbringen, die einen durch und durch erfüllt und einen aus dem tristen Alltag holt, dann ist das einfacher.“
„Weise Worte.“, erwiderte er darauf mit einem Lächeln.
Ihr Blick schlich sich zurück zum Wasserfall. „Zwei unterschiedliche Welten, wie sie unterschiedlicher gar nicht sein könnten.“
Sie nahm nach einer Weile wieder seine Hand und bettete sie auf ihr Herz.
„Wichtig ist doch, dass wir darauf hören, was unser Herz uns sagen will.“
„Eine Lehre, die bereits in frühen Jahren meines Studiums immer wieder beton wurde, war es zu lernen, Emotionen zu kontrollieren. Damit meine ich nicht, sie zu verhindern oder zu ignorieren, doch darauf zu achten, dass nicht der Verstand von ihnen kontrolliert wird.“
„Eine traurige Sache...“
„Es ist wichtig, doch es ist genauso wichtig zu lernen, wann Kontrolle nötig ist.“
„Du kontrollierst dich sehr gut.“
„Normalerweise...“ und als er wieder sprach umschloss er ihre Finger „würde ich diese Worte als Kompliment auffassen. Doch es ist wohl so, dass man oftmals nur dann in eine Welt eintauchen kann, wenn man sich von einer anderen entfernt.“
„Man könnte glatt meinen, du wärst mit irgendetwas unzufrieden.“
Sie spürte, dass es etwas gab, was ihn belastete. Sie wusste nur nicht, ob sie danach fragen sollte. Stattdessen wurde ihr bewusst, dass sie wirklich eine gute Seele war. Sie zeigte ihm ihre Welt, die so fern von seiner war, dass es ihr sogar schon im Herzen schmerzte. Weil sie erkennen und akzeptieren musste, dass sie beide Welten nicht vereinen konnte. Er hatte alles, was man zum Leben benötigte. Jemanden, der für ihn da war und auf ihn wartete, bis er nach Hause kam. Der sich um ihn kümmerte, das Bett wärmte und ihm zeigte, dass jemand für ihn da war.
„Trotz dieser Dinge kann sich das Glück entfernen...“ sprach er nach einem längeren Augenblick. Sie dachte über die Worte nach und verstand die Welt nicht wirklich. Warum flüchtete er davor? Vor seinem Glück? Wenn es sich entfernt hatte, dann sollte er nicht hier mit ihr sitzen, sondern alles daran setzen, dieses Glück wieder zu finden. Sie seufzte. Sie wusste, dass sie genau in diesem Moment die Rolle der tröstenden Seele eingenommen hatte.
“Auch, wenn es mir weh tun wird. Ich werde da sein, wenn du jemanden zum reden brauchst.“
Und sie schmiegte ihre Stirn an ihn, während seine Lippen kurz ihre Stirn berührten. Er fühlte sich wohl in ihrer Welt, das spürte sie. Aber irgendwann war der Zeitpunkt gekommen, an dem er ihre Welt wieder verlassen musste. Und die Zweisamkeit keine Zweisamkeit mehr war. Auch, wenn er sagte, dass ihn von mal zu mal mehr begleiten würde – er würde immer wieder aus dieser Welt gehen müssen, um in seine Welt zurückzukehren.
„Möchtest du nochmal auf meine Weise reisen?“
Sie bejahte, auch wenn ihr diese Weise unheimlich war. „Komm näher..“, flüsterte er leise und schon schloss er sie in seine Arme. Und ehe sie sich versah standen beide auch schon vor den Toren ihres Hofes. Sie wusste, dass das, was ihr jetzt bevor stand von Nöten war, auch wenn es ihr weh tat.
„Geh. Ich möchte nicht, dass du deine Zeit weiter mit mir hier verbringst. Das steht mir nicht zu. Nicht in Anbetracht der Tatsachen. Hör auf den Rat einer guten Freundin, die du in mir gefunden hast.“
Und sie überrumpelte ihn mit einer kurzen Umarmung, ehe sie sich wieder von ihm los riss, um sich ihrem Gatter zuzuwenden. Er sprach irgendwelche Worte zu ihr, die so weit entfernt klangen, als das sie jene hätte wahrnehmen können. Mit ihren Gedanken war sie irgendwo in einer Art Bewusstlosigkeit gefangen.
„Lass mich ausreden..“, sie spürte die Hand an ihrem Arm. Spürte, wie sie zurückgehalten wurde. Spürte, wie sie wieder zu ihm gedreht wurde. „Bevor ich deine Welt wieder verlasse... habe ich noch etwas für dich.“
Sie konnte sich nicht vorstellen, was das war. Er näherte sich ihrem Ohr und flüsterte leise. „Ich möchte dir etwas geben.. und etwas mit mir mitnehmen. Solange ich mich noch frei fühle.“
Und nach den Worten spürte sie seine Lippen auf ihren. Es fühlte sich an, als würden tausend glühende Funken durch ihren Körper springen. Sie spürte die Anspannung in ihrem ganzen Körper, jede Kontraktion jedes einzelnen Muskel. Sie konnte seine weichen Lippen auf ihren Lippen spüren und sie wünschte, dass diese Sanftheit auf ihren Lippen nie wieder nachließ. Das „nie wieder“ war jedoch viel zu schnell wieder vorbei. „Dieser Teil... wird mich begleiten.“, hauchte er leise und machte Anstalten, sich ein Stück weit von ihr zu entfernen. Sie presste die Lippen aufeinander. Sie wusste, was das zu bedeuten hatte. Sie wusste, dass sie in ihrer Welt waren und alles vergessen war, wenn er seine Welt wieder betrat.
„Ich werde das Erlebnis nicht in deine Welt hinaus tragen, sondern in meiner belassen. Mach dir darüber keine Sorgen.“
„Sorge dich nicht um mich, Nel. Nur um dich.“
Sie nickte nur und bestätigte jenes mit einem leisen „Ja“. Sie machte sich durchaus Sorgen um sich selbst. Denn sie hatte Angst, etwas zu verlieren, dass sie nie gehabt hatte und nie in ihrem Leben haben würde. Es war ein verdammt unangenehmes Gefühl zu wissen, dass man einem Menschen nie wirklich das geben konnte, was er einem zurückgeben konnte. Sie ging ins Haus zurück und konnte sich die Tränen nicht mehr verkneifen. Sie wollte keine Ausflucht einer anderen Welt sein. Denn das tat noch viel mehr weh, als die Tatsache, dass das, was sie fühlte einfach nur belanglos war. Sie wischte sich die Tränen weg und blickte auf das Pergament auf ihrem Tisch. Und als sie die Buchstaben auf dem Papier sah, liefen ihr nur noch mehr Tränen.
- J. A.
Verfasst: Dienstag 23. Februar 2010, 15:13
von Neliel Lelyn
Als sie die Augen in dieser Nacht immer mal wieder öffnete, dachte sie erst, sie würde träumen. Lag das, was sie sich in den letzten Tagen erträumt hatte, wirklich neben ihr und schlief seelenruhig, als würde nichts und niemand ihn stören können?
Seufzend schüttelte sie den Kopf. Es war wirklich wahr. Er hatte ihr gesagt, dass er gestern nicht dort war, wovon sie ausging, dass er dort war. Er hatte woanders geschlafen, war nicht "zuhause" gewesen. Er stand vor ihr und erklärte ihr, dass sie auch seine Welt durcheinander gebracht hatte. Das er nicht hier stehen würde, wenn er für sie nicht mehr empfinden würde. Sie war für ihn nicht mehr nur eine Freundin.
Sie hatte das anfangs nicht realisieren wollen, hatte nicht verstehen wollen, dass er hier stand um ihr zu sagen, dass er bleiben würde. Und nicht mehr gehen würde. Sie ging vielmehr davon aus, dass er endgültig Abschied nehmen wollte. Wie käme sie auch in die Versuchung daran zu denken, dass er bei ihr bleiben wollte? Und jetzt lag er hier. Neben ihr. Und es fühlte sich so verdammt schön an.
Verfasst: Samstag 6. März 2010, 20:40
von Neliel Lelyn
Wie alles in der Welt lief auch diese eine Sache nicht einfach. Selbstverständlich war es so, dass sie sich sehr wohl fühlte, wenn er da war. Aber dann gab es die Momente, in denen das eben nicht so war. Und Momente, in denen auch sie einmal mehr nachdachte. Und genau dann fiel ihr immer wieder auf, dass das Leben ohne Männer doch so viel leichter war. Denn dann dachte man nicht so viel nach und man musste sich nicht so viele Sorgen machen. Und ja, sie hatte wirklich zum ersten Mal in ihrem Leben Angst, etwas zu verlieren …
In seiner Welt war es so viel schwerer und gefährlicher als in ihrer. Das Einzige, was ihr passieren konnte, war ein Tritt von einem Pferd oder eine Ziege, die ihr nach rannte. Aber er? Seine Welt bestand aus Drachen, Dämonen und anderen Monstern. Und sie erinnerte sich deutlich an den Abend vor Bajard. Diese vielen toten Körper am Boden, das Blut überall und er, wie er ihr sagte, dass sie hier nichts zu suchen hatte. Aber da war sie schon längst in einen Bann gezogen. Der blutrote Drache und dann der zweite und all die vielen Krieger, die versuchten, das Tier in die Knie zu zwingen. Sie wusste in dem Moment nicht, was stärker war: Ihre Angst oder ihre Neugier. Aber er brachte sie sicher zurück – auf seine Art und Weise.
Aber vielleicht war es auch genau das, was sie so nachdenklich stimmte. Sie war so ein einfaches Mädchen. Naiv, gutgläubig, lebensfroh. Und so ganz anders – sogar wertlos, wenn man ihr Leben mit seinem verglich. Sie wusste nicht, was sie ihm bieten konnte, so dass er auf Lebzeiten bei ihr blieb. Sie wusste nicht, wie sie ihn halten konnte, denn im Grunde hatte sie nichts. Und sie konnte sich kaum vorstellen, dass ihn ein Leben auf einem Hof für immer erfüllen konnte. Vielleicht wollte er ein ruhigeres, schöneres Haus an einem abgelegenen Ort? Das wäre für sie in Ordnung, solange sie wenigstens ihre Tiere mitnehmen durfte. Und auch, wenn er alles dafür tat, ihr diese Zweifel zu nehmen. Tief in ihrem Herzen waren sie vorhanden und so musste sie zum ersten Mal gegen sich selbst kämpfen. Gegen sich selbst und all die Selbstzweifel, die in ihr entstanden waren. Und sie stellte sich innerlich vor Entscheidungen, die sie verzweifeln ließen. Im Grunde wusste sie doch gar nichts von ihm und dennoch konnte sie sagen, dass sie ihn nie wieder gehen lassen wollte. Und wenn doch? Dann würde ihre eigene Welt in Scherben liegen. Und das war etwas, was sie nie wollte.
Verfasst: Sonntag 7. März 2010, 21:43
von Neliel Lelyn
Sie zermarterte sich den Kopf darüber, was sie nur tun konnte, um ihm zu zeigen, was er ihr bedeutete. Zeitgleich hatte sie jedoch Angst vor der Antwort, wieviel er ihr wirklich bedeutete. Es war ein hin und her. Ein ewiges Zerren an ihren Nerven.
Was konnte man einem Menschen nur geben, der vermutlich schon alles hatte? Und zu all dem musste sie auch noch darauf schauen, dass es nicht allzu viel kostete. Immerhin hatte sie einen Hof zu bewirtschaften und der kostete sie manchmal mehr, als sie sich überhaupt leisten konnte.
Sie saß am Tisch und beobachtete die Tiere durch das Fenster. Ihr wollte und wollte einfach nichts einfallen. Einen Mustang konnte sie ihm nicht schenken, sobald sie die Zucht mit jenen aufnahm, denn sie hatten nach wie vor eine Vereinbarung. Vielleicht eine Ziege? Aber was sollte er schon mit einer Ziege anstellen? Eine Kuh? Auch eine Kuh war wertlos. Der Mantel war ein kleiner Anfang gewesen, aber sie musste sich etwas besseres einfallen lassen.
Es war schlimm. Selbst wenn sie es nicht wollte, dachte sie trotzdem an ihn. Sehnte sich nach seiner Nähe, auch wenn sie sich bisher nicht allzu nah gekommen waren. Aber allein die Küsse brannten auf ihren Lippen und lösten ein Verlangen in ihr aus, welches sie bisher nicht kannte. Ein kurzes Benetzen ihrer Lippen löste erneut Gänsehaut bei ihr aus, als sie sich ihre Erinnerungen an solche Momente in das Gedächtnis rief.
"Wenn das alles nicht so kompliziert wäre.."
Sie seufzte und löschte die Kerze, um sich wieder ihrer Arbeit zu widmen. Wurde ihr all das zuviel? Die Sehnsucht? Die Gefühle? Sie war nie jemand gewesen, der dazu neigte, viel Gefühl aufzubringen. Daher überrumpelten sie diese Gefühle umso mehr. Sie musste irgendetwas finden. Irgendwas. Und vor allem musste sie sich selbst wieder finden, bevor sie sich noch komplett aufgab und sich nichts anderem mehr widmen konnte.
Als sie wieder ins Haus zurückkehrte, spürte sie, dass ihre Glieder schwer waren. Übernahm sie sich langsam mit all ihrer Arbeit? Sie setzte sich auf einen der Stühle und wischte sich mit der Handfläche den kalten Schweiß von der Stirn. Die Umgebung um sie herum begann sich zu drehen und sie schloss die Augen, um nicht vom Stuhl zu kippen. Sie brauchte Wasser und so tastete sie sich blindlinks zur Küche, um sich dort Wasser zu holen. Das kühle Nass sorgte zumindest dafür, dass sich ihre Umgebung nicht mehr drehte. Wurde sie nun schon wahnsinnig vor lauter Liebe? Sie schloss die Augen, seufzte und riss sich zusammen.
Egal, wo er gerade war, sie hatte Sehnsucht nach ihm. So sehr, dass ihr Herz brannte und ihr Geist sich einsam, verloren und verlassen anfühlte. Sie spürte die Kälte um sich herum und ein fröstelnder Schauer lief über ihren Rücken. Es war Zeit für sie, ins Bett zu gehen. Aber zuerst musste sie die Türe noch verschließen. Etwas, das sie schon recht früh gelernt hatte. Und so steckte sie den Schlüssel ins Schlüsselloch und drehte ihn um - mit einem Klack war die Türe verschlossen. Und sie ging wie in Trance zurück ins Bett, die Umgebung drehte sich wieder um ihre eigene Achse. Ihr Bett rief förmlich nach ihr und so folgte sie dessen Ruf. Sie ließ sich darauf sinken, ohne auch nur aus ihrer Kleidung zu schlüpfen. Und dann fiel sie in einen tiefen, langen Schlaf ... die Erschöpfung ihres Körpers ließ sie nicht länger wach sein.
... und der Schlüssel steckte noch immer im Schloss und versperrte so jeglichen Einlass in das Haus.
Aber sie hatte es geschafft, sich eine Kleinigkeit einfallen zu lassen.. ein vierblättriges Kleeblatt, gepresst, beigelegt zu dem Schreiben mit folgenden Zeilen:
Du trägst mich durch die Ewigkeit
durch Nebel, Feuer, Wasser Sturm und Schnee
Ein Engel, der zum Schutz gesandt
als aller Höllen böser Geist
mir Fieber in die Träume trieb,
während ich schlief!
Wenn du nicht wärst, wäre ich nicht mehr hier
noch nicht da, wär allein.
Hältst meine Hand und beschützt mich.
Für deine Hand wird mein Dank dir ewig sein!
Du warst da, als ich nicht war.
Brachst Mauern, die ich aufgebaut
und als ich schlief im kalten Eis,
ward ihr es der mich aufgetaut!
Verfasst: Samstag 13. März 2010, 09:45
von Neliel Lelyn
Dass sich die Welt so sehr für Neliel verändern würde, hätte sie selbst nie geglaubt. Wenn man sie sich ansah, wusste man, dass sie selbst manchmal nicht so recht etwas mit sich anzufangen wusste. Und gerade die Gefühlssache war ihr immer fremd gewesen. Sie hatte ihren Bruder, den sie gern hatte und der sie vor allem beschützt hatte. Sie hatte Eltern, die sie auch vor all dem Elend auf der Welt verborgen hielten. Und sie hatte letztendlich den Willen, alles auf eigene Faust zu erkunden. Und dann war sie hier angelangt.
Sie lag auf dem Bett. Eigentlich untypisch für sie, dass sie einfach nur da lag und an die Decke starrte. Aber für den Moment, für diesen einen Moment musste sie einfach hier liegen und ihre Gedanken kreisen lassen.
Auf der einen Seite fühlte sie sich schuldig, weil ihr immer eingeprägt wurde, dass man so etwas nicht machte. Schon gar nicht, wenn man nicht verheiratet war. Ein Ding der Gläubigkeit ihrer Eltern und dieser besagte, dass man als reine Frau in die Ehe gehen sollte. Auf der anderen Seite fühlte sie sich nun als das, was sie eigentlich war: Eine Frau. Und ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem sachten, verspielten und verträumten Lächeln. Und in ihre Augen legte sich dieser eine, ganz bestimmte Glanz. Wohl wahr, sie war bis über beide Ohren in diesen Kerl verliebt.
Seufzend krallte sie sich die Decke und zog sie in ihre Arme. Das Bett war schön warm und wenn sie daran dachte, dass sie gleich wieder raus zu ihren Tieren musste schüttelte es sie umso mehr. Der Gedanke daran, im wohlig warmen Bett zu bleiben war doch um so vieles angenehmer. Aber es half alles nichts. Sie musste aufstehen.
Wie sollte das für sie nur weitergehen? Sie fühlte sich Wohl an seiner Seite und er sich bei ihr. Das waren doch die besten Voraussetzungen? Selbstverständlich waren sie das, aber sie durfte das Wesentliche – ihre Arbeit – nicht vergessen. Und das tat sie in letzter Zeit viel zu oft. Und vor allem vermisste sie es, lange auszureiten. Und genau das würde sie jetzt machen … mit dem Gedanken an den Mann, den sie so gerne hatte: Janus Aethra. Ein Name, der sie immer und überall verfolgte.
Und so vereinten sich die beiden verschiedenen Welten doch noch zu einer. Und es fühlte sich so schön an, wie lange nichts mehr in ihrem Leben.
Verfasst: Sonntag 14. März 2010, 11:49
von Neliel Lelyn
Von einem lauteren Knistern des Feuers im Kamin wurde sie wach. Es war noch dunkel draußen, die Morgendämmerung hatte gerade begonnen. Es war an der Zeit für sie, aufzustehen. Auch, wenn sie gar nicht wollte. Aber sie wusste ja, dass sie danach noch zu genüge Zeit hatte, um sich den schönen Dingen des Leben zu widmen: Ihm.
Sie zog sich rasch ihre Kleidung an, schlüpfte in einen warmen Mantel und zog sich die Stiefel über die Füße. Dann schlich sie sich leise zur Tür, versicherte sich nochmals, dass er noch schlief und verließ das Haus. Sie musste die Pferde füttern, die Hühner, die Kaninchen. All die Tiere auf ihrem Hof. Das waren nunmal Dinge, die sie erledigen musste. Immer wieder schlich sich ihr Blick jedoch zum Haus und ein warmes Gefühl legte sich um ihr Herz. Ja, sie war glücklich. Auch, wenn sie zuerst mit ihrem Gewissen gekämpft hatte, da sie ihn als vergebenen Mann kennenlernte, mittlerweile war sie froh, dass er bei ihr war. Es war seine Entscheidung, sie hatte ihn nie dazu gezwungen. Ganz im Gegenteil, sie hatte ihm gesagt, er solle gehen. Er soll sein Glück wieder gerade biegen. Aber er blieb, denn hier fühlte er sich wohler. Glücklicher. Zufriedener. Aufgehobener. Er wollte bei ihr bleiben. Sie seufzte wieder und schüttelte ihre Gedanken ab und schob die Schnauze von einem ihrer frechen Hengste beiseite. Sie musste leise lachen. Ja, sie fühlte sich wirklich gut und zog im gleichen Moment den Kragen ihres warmen Mantels enger und schmiegte sich in jenen. Sie freute sich schon jetzt darauf, das Haus wieder zu betreten, um sich in seine Arme zu schmiegen.
Sie erledigte die restliche Arbeit, ging zurück zum Haus, ließ die schmutzige Kleidung auf dem Wäscheberg nieder, wusch sich und zog sich rasch ein längeres Hemdchen über. Sie setzte sich auf einen der Stühle, vorsichtig, ohne jeglichen Lärm zu veranstalten und schnappte sich zunächst sein Hemd, welches vor ihr auf dem Boden lag. Sie konnte nicht viel mit Kleidung anfangen, aber Knöpfe annähen - das bekam sie noch hin. Also machte sie sich an die Arbeit, die gelockerten Knöpfe wieder zu befestigen, abgerissene Knöpfe wieder anzunähen. Sie musste schmunzeln und sah kurz zu ihm, widmete sich dann jedoch wieder der letzten Arbeit, die sie für den Moment zu tun hatte. Als sie den letzten Knopf befestigt hatte, legte sie das Hemd sorgfältig zusammen und über die Stuhllehne. Jetzt konnte sie wieder zu ihm. Und sie krabbelte über die Decke und legte sich in seine Arme, so, wie sie es zuvor auch getan hatte.
Nachdem sie nun weiter mehrere Stunden geschlafen hatte und ihre Augen erneut öffnete, war sie allein. Fast wie jeden Morgen. Jeder hatte seine Pflichten und der eine oder andere viel mehr als nur einen Hof zu führen. Sie streckte sich, gähnte und seufzte. Aber wenigstens hatte sie so wieder Zeit für einen Ausritt. Immerhin musste sie einen ihrer Hengste nun an den Geländeritt gewöhnen. Sie seufzte wieder missmutig und zog sich wieder einen ihrer Mäntel über, um das Haus zu verlassen. Schnell war das Tier gesattelt und bereit für einen Ausritt. Sie musste sich konzentrieren, da es nicht sonderlich einfach war, ein so junges Tier auf Anhieb an den Wald zu gewöhnen. Erst recht nicht, wenn das Tier durchaus schreckhaft war. Für diesen einen Moment musste sie nun eben all die anderen Gedanken in ihrem Kopf ausblenden. Eine einfache Übung, zuvor hatte sie das schließlich auch geschafft. Sie nickte, drückte dem Tier die Hacken in die Seite und ritt los. Und schon jetzt schweiften ihre Gedanken immer und immer wieder ab ...
Verfasst: Sonntag 14. März 2010, 19:04
von Neliel Lelyn
„Versprich mir einfach, dass du auf dich aufpasst. Und jeden Abend wieder hier her zurück kehrst...“
Sie hatte sich den ganzen Tag abgelenkt, um das komische Gefühl in ihrer Magengegend zu verdrängen. Irgendwas sagte ihr, dass etwas nicht stimmte. War es also wahr, dass liebende Frauen instinktiv mehr verspürten? Sie seufzte und sah sich in den Räumen um. Es war fast perfekt. Sie brauchte nur noch ein paar Teppiche und vielleicht ein paar Kissen – und schon war es in ihrem Heim perfekt. Es war klein – aber sehr gemütlich und schnuckelig. Und wenn ihre Pflanzen erstmal groß waren würde der Rest von ganz alleine gehen. Sie war zuhause. Und das spürte man mittlerweile auch. Bis ins feinste Detail war ihr Haus nun ausgestattet.
Wenige Dinge fehlten noch, gerade die Samen für ihre Pflanzen und so machte sie sich auf den Weg nach Bajard. Und wieder war es ein Ausflug, den sie so schnell nicht vergessen würde. Sie stockte, als sie vor Bajard die Stimme von ihrem Liebsten hörte. Ihr Blick schlich sich zwischen den Anwesenden hin und her. Aber hauptsächlich haftete er auf Janus – und auf dem Lethyren. Die Gedanken überschlugen sich. Sie hatte schon von diesem Volk gehört. Kaltblütig und jeder Zeit dazu fähig zu töten. Aber es gab ebenso wilde Tiere im Wald, die man nicht töten sollte, sondern nur in ihre Schranken weisen sollte. Ihre Gedanken arbeiteten weiter. Sie wollte nicht zusehen, wie sie ihn töteten. Sie wollte gar nicht zu sehen, wie irgendetwas getötet wurde. Sie sah sich hektisch um, um die Situation einzuschätzen. Allerdings verrieten ihre geweiteten Augen deutlich, dass ihr diese Situation gar nicht gefiel. Die Wortfetzen der Anwesenden zogen rasch an ihr vorbei und sie legte ihr Gehör gar nicht erst darauf. Vorsichtig setzte sie ein paar Schritte voran. Im nächsten Moment erschienen dutzende Spiegelbilder des Lethyren. Eines ähnlicher als das andere. Verwirrt blinzelte sie ein paar Mal aufgrund dieser Sinnestäuschung. Sie hoffte, auch wenn es falsch war, dass er zumindest eine kleine Chance hatte, zu fliehen. Aber sie hoffte und bangte umsonst – er wurde enttarnt und ging durch die Klinge eines Gläubigers zu Boden. Neliel verstand die Welt nicht mehr. Sie seufzte.
„Ich möchte ihn mitnehmen..“, hörte sie. Mitnehmen? Sie konnte leise erahnen, was passieren würde, wenn sie den Letharen wirklich mitnehmen würden. Sie wollte nicht zulassen, dass ein Lebewesen starb. Ganz gleich, was jenes in seinem Leben bisher angestellt hatte. Ihr wurde von einem solchen „Wesen“ noch nie etwas angetan. Sie sah, wie Janus auf sie zutrat. In ihren Augen spiegelte sich das Entsetzen und die Fassungslosigkeit ob der Geschehnisse. Sie konnte nichts sagen, kein Wort drang über ihre Lippen – erstmals.
Wieder vernahm sie, dass der Kerl den Lethyren mitnehmen wollte. „Lasst ihn liegen. Es wurde schon genug Schaden angerichtet.“, sie konnte sich ihre Worte nicht mehr verkneifen. War es nicht genug? Sie kochte innerlich. Wie sie diese Ungerechtigkeit verabscheute. Und sie sah, wie Janus weiter auf sie zu kam. Sie verengte die Augen, als er ihre Miene musterte. „Dieser Lethar... er hielt mich ein wenig auf. Hast du nach mir gesucht?“
„Eigentlich nicht...“, zischte sie ihm leise entgegen und sah wieder zu der Ansammlung hin. Sie konnte nichts weiter tun, als den Kopf zu schütteln. „Und du unterstützt sowas?“, sie konnte und sie wollte es nicht verstehen. „Dieser Lethar hat einen Zauber auf einen unschuldigen Mann gelegt. Er hat sich dafür zu verantworten. Aber da meine Hilfe nicht benötigt wird... sollten wir gehen.“ - Gehen? Einen Teufel würde sie tun! Sie wollte nicht gehen, schon gar nicht, wenn sie wusste, das ein Lebewesen Qualen durchstehen musste. „Das ist ein Lethar. Sie sind bösartig und gefährlich.“ Er trat näher auf sie zu. „Ja, das hast du über so viele andere auch schon gesagt.“
„Ich verurteile niemanden, Nel. Ich habe schon so vieles von ihnen erlebt und selbst gespürt. Seit ich selbst in der Umarmung des Todes lag, können sie kein Mitleid mehr erwarten.“
Er rechtfertigte alles damit, was er schon erlebt hatte. Und sie sollte diesem ohne weiteres zustimmen? Das konnte sie nicht. Vielleicht auch, weil sie Angst hatte. Sie konnte nicht zusehen, wie irgendjemand mittels Gewalt misshandelt wurde. Das konnte sie nicht. Dazu war sie wohl zu einfach und zu sanft gestrickt. Sie ging. Schweigend.
Zuhause angekommen legte sie erstmal ein paar Holzscheite ins Feuer, um dann ihren Blick starr in die auflodernden Flammen zu legen. Ihre Gedanken tanzten im Kreis. Vor allem um einen Gedanken: Sie hatte Angst, ihn zu verlieren.
Sie spürte seine Umarmung, aber sie konnte diese in jenem Moment nicht erwidern. „Ich hoffe, du kannst mich ein wenig verstehen...“ - Da war er wieder, dieser Satz. Immer erhoffte er sich Verständnis für solche Taten. Nein, sie konnte nicht verstehen. Sie wollte nicht verstehen. Er, der ihr selbst erzählt hatte, wie skrupellos die Vogelfreien doch vorgehen würden und warum sie sich jener Vereinigung überhaupt angeschlossen hatte.
Er versuchte mit ihr zu diskutieren, aber sie gab schon auf, bevor die Diskussion begonnen hatte. Sie hatte keine Chance, dieses Gespräch zu gewinnen. Und hatte so recht schnell ihre Ruhe. Sie spürte, wie die Umarmung nach ließ und wie er zurück zum Tisch ging und sich schwer seufzend an jenem nieder ließ. „Meine größte Angst ist es, dass Menschen, die ich liebe, von derartigen Wesen verletzt werden.“
Angst. Ja, das kannte sie. „Und meine Angst ist es, dass Menschen, die ich liebe, sich irgendwann mit den Falschen anlegen und verletzt oder gar getötet werden. Meine Welt dreht sich mittlerweile nicht mehr nur um mich.“ Sie seufzte innerlich, da sie wusste, dass sie sich im Kreis drehen würden. „Nichts desto trotz kann ich nicht über Wesen urteilen, die mir noch nie etwas getan haben.“ Er würde es nicht verstehen. „Weißt du, wie es für mich ist, am Rand zu stehen und zu sehen, dass du eine Waffe in der Hand hältst und der Gegner ebenso? Hast du dich das schon einmal gefragt? Weißt du, wie es für mich ist, zum ersten Mal in meinem Leben einen Menschen aus tiefstem Herzen nahezu abgöttisch zu lieben?Und dann zuzusehen, wie er sich mit anderen Menschen gegen ein Lebewesen stellt?“ Sie musste verbergen, dass ihre Stimme zitterte.
„Es tut mir Leid, wenn ich dir sorgen bereitet habe.“ Sie hörte, wie er wieder auf sie zuging.
„Es geht nicht nur darum, dass DU nicht möchtest, dass den Menschen, die du liebst, etwas passiert.“ Sie sah rot. Mehr als rot. Sie hatte Angst. Angst, ihn zu verlieren. Fort von ihm zu sein. Dieses Gefühl in ihrer Magengegend war unerträglich.
„Ich liebe dich, Nel. Und deshalb werde ich nie von dir gehen.“ Sie überhörte diese Worte schlichtweg. Sie kamen zwar bei ihr an, aber sie konnte diese Worte nicht umsetzen. Stattdessen diskutierte sie weiter. Sie spürte seine Hände um ihre Hüfte. Er versicherte ihr, dass er auf sich aufpassen konnte. Aber war ihm denn nicht bewusst, dass er auch auf anderer Ebene verletzbar war? Kein Mensch war unbesiegbar. Es gab immer Mittel und Wege, einen Menschen in die Knie zu zwingen. Ihre Schläfen begannen zu schmerzen und sie rieb sich mit den Fingerspitzen darüber. „Jedes Mal, wenn ich dich in einer solchen Situation sehe, habe ich Angst. Und ich muss dastehen und kann...“, sie stockte, als er sie zu sich drehte. „Und kann einfach nur zusehen. Nichts tun!“ Sie fühlte sich so hilflos.
„Nel. Ich liebe dich. Und ich verspreche dir, bei allem was mir heilig ist, dass ich vorsichtig bin und mir nichts geschehen wird.“ und er küsste sie. Lange und intensiv, so dass ihr gar keine Möglichkeit blieb, darauf etwas zu erwähnen. Er brauchte ja nicht glauben, dass sie sich damit besänftigen ließ. Aber um ehrlich zu sein, gelang es ihm doch. Sie fühlte sich wieder geborgen und sicher. Und war froh, dass ihm nichts passiert war. Aber er sollte ja nicht glauben, dass sie sich so leicht um den Finger wickeln ließ. „Womit denn dann?“, fragte er, als er resignierend seine Arme sinken ließ.
„Versprich mir einfach, dass du auf dich aufpasst. Und jeden Abend wieder hier her zurück kehrst...“
„Nichts in der Welt kann mich davon abhalten, die Nächte mit dir zu verbringen. Versprochen.“
Und er nahm sie in seine Arme.
Verfasst: Montag 15. März 2010, 18:13
von Neliel Lelyn
'Er würde mir nie etwas tun...'
Dieser Morgen, als sie erwachte, war irgendwie anders, als die Morgen zuvor. Sie war müde, fühlte sich schwach und schon überkam sie die Befürchtung, dass sie wirklich krank wurde. Und dabei musste sie heute doch noch kochen. Immerhin hatte sie es versprochen und Versprechen musste man halten. Und sie musste noch los, um das Holz abzuholen.
Sie hasste es zudem, wenn sie aufwachte und er schon weg war. Aber so war der Lauf des Lebens eben. Beide hatten Dinge zu tun, die manchmal eben wichtiger waren. Und so fing sie an, das Haus zu putzen, die Tiere zu füttern, Federn zu sammeln – ihre üblichen Arbeiten eben. Sie freute sich auf den heutigen Abend, denn dann konnte sie ihn wieder in ihre Arme schließen und er war wieder bei ihr. Wie er ihr jede Sekunde immer mehr fehlte. Ohne ihn war alles so.. so.. unerträglich?
Nachdem sie all ihre Arbeit erledigt hatte, gönnte sie sich erstmals ein entspannendes Bad. Wenngleich ihre Gedanken auch umgehend zu dem gestrigen Bad abschweiften und sich ein sanftes Lächeln auf ihre unschuldigen Züge legte.
Nach der Badewanne ging alles etwas zügiger. Sie fühlte sich auch gleich ein gutes Stück wacher und entspannter und konnte sich so umgehend daran machen, das Gemüse für das Essen klein zu schneiden. Vorspeise – Hauptspeise – Nachspeise. Auch, wenn sie sich sicher war, dass er die Nachspeise als Vorspeise bevorzugen würde, würde er wissen, was sie wäre. Wieder rückten ihre Mundwinkel empor und sie schüttelte über sich und ihre Gedanken selbst den Kopf. „Konzentration, Nel.“, sie lachte leise und begann, das Gemüse klein zu schneiden. Karotten wurden zerteilt, Kürbis für die Suppe zerkleinert, Tomaten passiert, Pilze gewaschen und in kleine Würfel gehackt, das Fleisch ordentlich weich geklopft. Ja, man konnte es nicht leugnen: Sie hatte Spaß daran, für ihn zu kochen.
Während das Wasser langsam vor sich hin kochte, setzte sie sich an den Tisch. Sie sah ihr Tagebuch auf dem Tisch liegen und blätterte ein wenig darin herum, ehe sie sich entschloss, ihre Feder in die Hand zu nehmen und ein wenig zu schreiben. Ihr Blick fiel kurz auf die Küchenzeile und sie seufzte, als sie die Unordnung dort sah. Aber dafür war später noch genügend Zeit. Und so schlug sie die nächste freie Seite auf und begann zu schreiben.
Liebes Tagebuch,
ich weiß, ich hab dich schon eine ganze Weile vernachlässigt, aber es ging nicht anders. Die Arbeit auf dem Hof, der Mann an meiner Seite – diese beiden Aspekte in meinem Leben lassen mich solche Kleinigkeiten vergessen.
Ein Lächeln breitete sich auf ihren Zügen aus. Wohl wahr. Kleinigkeiten schienen auf einmal so unscheinbar, dass sie diese gar nicht mehr wahr nahm. Was konnte ihr jetzt schon noch passieren? Jetzt, wo sie alles hatte, was sie immer gewollt hatte? Das Lächeln blieb auf ihren Zügen, als sie weiter schrieb.
Gerade bin ich dabei, ein Essen zubereiten für uns beide. Gestern wurde ich mehr oder minder dazu gezwungen. Naja, was heißt gezwungen. Ich mache es gern. Und ich hoffe, dass es ihm schmeckt.
Sie sah kurz zu dem Wasser auf der spärlichen Flamme auf, ein versichernder Blick, ehe sie ihren Blick wieder auf das Buch legte. Ja, sie hatte wirklich sehr lange Zeit nicht mehr dort hinein geschrieben. Die Feder kratzte weiter über das Papier.
Ich habe eine schwierigere Zeit hinter mir, auch schon eine Trennung, weil ein Mann mir misstraute und ich das nicht zulassen wollte. Mir misstrauen, als ob ich jemand wäre, der anderen Menschen Böses tun würde. Aber so habe ich auch ihn kennen gelernt. Mutter und Vater wären vermutlich begeistert von ihm, abgesehen von der Tatsache, dass er mir meine Unschuld vor der Ehe geraubt hat – aber das müssen sie ja nicht wissen. Blöd von mir, dass ich das jetzt hier niederschreibe, denn sollten sie das mal lesen, wissen sie es. Egal.
Sie lachte leise und schob sich den Zopf wieder über ihre Schultern zurück. Ja, die letzte Zeit war irgendwie wirklich nicht die Einfachste. Das Hoffen und Bangen, der innere Kampf mit ihr selbst, sich auf einen vergebenen Mann einzulassen. Aber letztendlich hatte das Herz beider gesiegt.
Mutter würde mich vermutlich dafür schelten, dass ich mich an einen vergebenen Mann heran gewagt habe. Aber das habe ich ja nicht einmal. Ich habe ihm ja noch gesagt, dass ich ihm helfe, all das wieder hinzubiegen, damit er wieder glücklich ist. Denn Glück schien ihm zu diesem Zeitpunkt in seinem Leben zu fehlen. Ich hatte selbst gespürt, dass er gerne bei mir war. Aber ich wollte, dass er es tat, weil ich eine gute Freundin für ihn war. Fernab meiner Gefühle. Wie aufopferungsvoll von mir, nicht wahr? Aber du kannst mir glauben, ich hätte ihn ziehen lassen. Seinetwegen. Es wäre mir fern gewesen, sein Glück zu zerstören.
Wieder seufzte sie und ließ ihre Gedanken schweifen. Es tat gut, zu schreiben. Es befreite und sie konnte all ihre Sorgen und ihre Probleme von ihren Schultern gleiten lassen.
Und nun? Nun ist er glücklich. Er sagt, dass er mich liebt. Und ich glaube ihm. Und mir? Mir geht es nicht anders. Es ist fast so, als würde ich in meinem Leben nichts anderes mehr benötigen.
Sie hörte die Rufe vor ihrer Tür, die Stimme hatte einen bekannten Klang. Sie schob das Buch beiseite und legte die mit Tinte besudelte Feder zur Seite, nachdem sie den letzten Satz hastig hingekritzelt hatte.
Moment, es kündigt sich Besuch an...
Und so ging sie zur Tür, um hinaus zu spähen. Sie kannte die Stimme und sie war froh über jeden Besuch. Nachdem sie ihn herein gebeten hatte, ging alles recht schnell. Sie spürte, wie ihr ein harter Gegenstand über den Kopf geschlagen wurde und wie ihre Beine weg kippten. Den dumpfen Aufprall ihres bewusstlosen Körpers und die Platzwunde an ihrem Hinterkopf spürte sie nicht mehr. Nachdem mehrere Momente vergangen waren, Nathan, ihr Haushund getötet war, zog er sie an den Armen hinaus in den Schnee. Die Kälte? Sie bekam nichts davon mit. Der Schmerz in ihrem Kopf? War für den Moment egal. Sie spürte nichts, gar nichts. Und das Essen? Das lag klein gehackt auf der Küchenzeile. Daneben auf dem Fußboden ihr Blut und die Leiche des Hundes neben dem Tisch. Ein makaberes Zusammenspiel – möchte man meinen, wenn man die Türe öffnet und das Haus betritt. Und zwischen all dem Chaos liegt da dieser Brief …
http://www.alathair.de/forum/viewtopic.php?t=48060
… und damit hatte das Spiel begonnen. Ein Spiel um Leben oder Tod.
Verfasst: Montag 15. März 2010, 20:43
von Neliel Lelyn
Entführt
Nun saß sie da. In einem dunklen, kalten Keller in dem nichts weiter stand außer eine Kommode. Der Boden war mit Fell ausgelegt und einige Kohlenpfannen sorgten dafür, dass es nicht ganz so dunkel war. Das sah nicht nach dem aus, was sie sich für den Abend ausgemalt hatte.
Sie spürte den Schmerz in ihrem Kopf, die Wunde an ihrem Hinterkopf und die Benommenheit in ihrem Geist. Als sie aufgewacht war, konnte sie sich noch nicht einmal im Ansatz an etwas erinnern. Nachdem ihr Bewusstsein Stück für Stück wieder gekommen war, konnte sie auch eins und eins zusammen zählen, was vor sich gegangen war. Sie hörte die Stimme, erkannte sie und wusste, dass Thorgan dafür verantworlich war.
Tausend Gedanken prasselten nun auf sie ein. Was hatte er vor? Warum hatte er sie entführt? Und was wollte er damit bezwecken? Sie fühlte sich auf einmal so hilflos und alleine. Er sagte ihr, warum er das tat und sie verstand noch viel weniger. Was wollte er damit erreichen? Sie war wütend, sauer, enttäuscht und nahezu gekränkt von alledem. Aber was noch viel schlimmer war: Sie war alleine. In einem Keller. Einem dunklen Verließ. Sie hatte Schmerzen, sie hatte Sehnsucht. Und sie wollte hier weg. Dieses Spiel, welches er spielte. Sie wollte nicht mitspielen und dennoch: Sie wurde dazu gezwungen. Sie war sogar die Hauptattraktion in diesem kranken Spiel.
Als sie Thorgan fortgeschickt hatte, weil sie allein sein wollte, kreisten ihre Gedanken um sich selbst. Würde er sie finden? Würde er auf die Forderungen eingehen? Wollte sie überhaupt, dass er auf die Forderungen einging? Es war ein Spiel, ein sinnloses Spiel. Aber was, wenn es eben kein Spiel war? Wenn er ihr doch etwas antat, auch wenn er es noch so sehr versprach, dass er ihr nichts tun würde? Aber das Schlimmste und Unerträglichste für sie war, dass sie hier war. Ohne ihn. Und das sie nichts tun konnte, um etwas an dieser Situation zu ändern. Sie war gefangen. Solange, bis eine Antwort kam und diese zu ihren Gunsten ausfiel. So konnte sie nur hoffen. Einfach nur hoffen. Hoffen, dass niemand etwas tat, was man im Nachhinein bereuen würde.
Verfasst: Montag 15. März 2010, 21:21
von Janus Aethra
Es begann gerade zu dämmern, als Janus auf Lameriast eintraf und durch den angetauten, matschigen Schnee auf den Hof Neliels zutrat. Ihn kümmerte nicht der kalte Frühjahrsregen, der auf ihn herab nieselte... nein, seine Gedanken umkreisten in diesem Augenblick voller Vorfreude das, was ihn beim Betreten des Hofes erwarten würde, sodass er von Nässe und Kälte kaum etwas wahrnahm.
Während der Arbeit in der Akademie war er wieder und wieder in seine Gedankenwelt abgetaucht, die ein Gefühl des Glücks und der Zufriedenheit in ihm aufkeimen ließ, das ihn dazu drängte, die Arbeit liegen zu lassen und zu ihr zurückzukehren. Er sehnte sich danach, eines der zahllosen Szenarien - Eines wundervoller als das Nächste - die er sich ausmalte, wahr werden zu lassen... und so hatte er die Akademie bereits ein wenig früher verlassen und öffnete erwartungsvoll das Tor zu ihrem Hof.
Das Bild, das sich ihm beim Betreten bot, ließ ihn zunächst ein wenig stutzen: zahlreiche Spuren prägten den Schnee vor der Haustür, als wäre jemand wild hin und her geirrt. Doch auf das Stutzen folgte ein Grinsen, und auf das Grinsen ein warmes Lächeln, als er sich im Geiste ausmalte, wie Neliel hektisch ein und aus rannte ... nur um die Überraschung gelingen zu lassen - für ihn.
Er zögerte nicht lange, war er doch von der Ungeduld getrieben, und zückte den Hausschlüssel, um die Tür aufzuschließen. Als er jedoch den Schlüssel in das Schloss führte stutzte er ein weiteres Mal: Die Tür war nur angelehnt und ein sanfter, warmer Windhauch wehte ihm durch den Türspalt aus dem Inneren entgegen.. doch fehlte etwas. Szenario für Szenario in seinem Kopf wurde verworfen, und als er die Tür mit einer Hand aufzog keimte etwas in ihm auf - etwas Unangenehmes.. etwas Vorahnungsvolles.
Wo die Türe zunächst langsam aufgezogen wurde und sich ihm immer mehr und mehr vom Innenleben des Hauses offenbarte, riss er sie das letzte Stück förmlich auf, begleitet von einem lauten Schlag, als Holz auf Holz knallte und er ins Innere stürzte. Das kleingeschnittene Gemüse... die Leiche des Hundes am Boden und das blutgetränkte, rötlich glänzende Holz des Fußbodens... all dies trug einen Teil dazu bei, dass ein Gefühl in ihm empor schoss, dass er zunächst nicht zu kontrollieren vermochte.
Angst...
"Neliel?!"
Die Stimme Janus' hallte lautstark durch das Gebäude, als er beide Zimmertüren aufriss um die Nebenräume nach ihr zu durchsuchen. Doch wurde er nicht fündig. Es war ein innerlicher Kampf, als er wieder den Eingangsraum betrat, den er schon oft, doch selten so intensiv geführt hatte... Verstand gegen Gefühle... Klarheit gegen die quälende, alamierende Panik. Und während sein Blick das sich darbietende Bild analysierte, Detail für Detail erfasste, wurde auch Schritt für Schritt jede störende Emotion verdrängt. Was war geschehen..?
Sein Blick erfasste das Schreiben im Zentrum des vorherrschenden Chaos', und als er ihn aufhob bestätigte sich die unheilvolle Vorahnung. Je mehr der Worte er mit seinen Blicken aufsog, desto mehr begann es zu brodeln, doch gestatte er auch der aufkeimenden Wut nicht, an die Oberfläche zu treten. Er musste Ruhe bewahren und durfte sich nun keine Fehler erlauben.. nicht jetzt... nicht, wenn sie in solcher Gefahr schwebt. Er musste sie finden, doch brauchte er dazu noch einige Dinge.
Und so verriegelte er die Tür des Hofes, als er ihn verließ - das Schreiben in der zur Faust geballten Hand... und in der Brust ein quälendes Stechen, dem er keinen Einhalt gebieten konnte.
Verfasst: Montag 15. März 2010, 21:58
von Neliel Lelyn
Allein
Zusammengekauert lag sie auf dem Boden im Eck. Das Kissen hatte sie nach wie vor fest umklammert. Irgendwann war sie einfach zur Seite gekippt. Sie war von dem Gefühl der endlosen Leere und Bewusstlosigkeit einfach eingeschlafen. Sie fühlte sich so alleine, so hilflos. Und es gab für diesen Moment keinen anderen Ausweg mehr, als abzuwarten. Sie hatte vor dem einschlafen noch daran gedacht, ob er wohl schon nach Hause gekommen war. Und wenn ja: Was würde in ihm vorgehen? Sie hatte Angst. Angst, dass er diesem Gefühl nicht stand halten konnte. Das er solche Angst um sie hatte, dass er sich selbst vergaß. Sie wusste, was passieren konnte. Oder zumindest konnte sie es erahnen. Stille Tränen liefen über ihre Wangen, ehe sie sich darauf besinnte, an irgendetwas Schönes zu denken. Daran, dass sie ihn bald wieder in ihre Arme schließen konnte.
Sie wachte immer wieder von dem quälenden Gefühl auf, dass er nicht bei ihr war. Von dem Gedanken daran, dass sie in diesem Loch hier gefangen war. Schreiend, kreischend. Mit Panik erfüllter Stimme. Krampfartig zuckte sie zusammen und versuchte sich selbstständig wieder zu beruhigen. Sie wollte hier raus, aber jeder Versuch, sich selbst zu befreien, scheiterte. Er war schlauer als sie dachte und hatte einen schweren Gegenstand vor die Türe geschoben.
Sie wusste nicht, was sie hoffen sollte. Hoffte sie darauf, dass er sich nicht auf dieses Spiel einließ? Oder hoffte sie darauf, dass er alles daran setzte, um sie zu befreien? Was würde mit ihr passieren, wenn Thorgan ihr sagte, dass er keine Reaktion darauf erhalten hatte? Nein, das konnte sie sich nicht vorstellen. Das wollte sie sich nicht vorstellen. Sie ließ sich wieder in ihre Ecke sinken und schlug mit den Fäusten gegen die Wände. So sehr, bis das Blut an ihren Händen entlang lief. Sie rieb sich die Tränen aus den Augen, erschrak aufgrund des Blutes und versank wieder in einem weiteren Heulkrampf. Solange, wie sie sich damit wieder in den Schlaf weinte. Und so ging das Spiel die ganze Nacht. Sie träumte. Träumte davon, allein gelassen zu sein, sich nicht vom Fleck bewegen zu können und wurde von dem ernüchternden Gefühl wach, dass er nicht hier war. Das sie beide dazu gezwungen wurden, voneinander zu sein. Was würde sie nur dafür geben, wenn er sie nun in den Arm nehmen konnte? Was würde sie dafür geben, dass alles gut war? Sie weinte. Bitterlich. Sie konnte nicht mehr aufhören. Bis zum Morgengrauen. Ab dem Zeitpunkt hatte sie keine Kraft mehr und sie schlief. Sie schlief, ohne aufzuwachen. Unruhig. Immer wieder rief sie im Schlaf seinen Namen. Aber sie schlief. Und die Wunden an ihren Händen verschlossen sich zu trockenen Krusten.
Verfasst: Dienstag 16. März 2010, 17:48
von Neliel Lelyn
Vierundzwanzig Stunden ...
... und sie hatte das Gefühl, langsam wahnsinnig zu werden. Dunkelheit überall wo sie hinsah. Als sie eingeschlafen war, war der Lichtschein noch am Flackern. Aber das Öl der Kerze hielt nicht lange an und sie lag wieder in der Dunkelheit. Sie konnte nicht einmal sagen, wie lange sie hier unten schon war. Irgendwann war sie eingeschlafen. Richtig eingeschlafen und nicht nur so halblebig. Und sie wurde nicht aus dem Schlaf gerissen - ihr Körper war zu erschöpft.
Als sie wach wurde seufzte sie erstmal, ihre Sinne legten ihr Illusionen in die Gedanken. Aber als sie neben sich griff und ihre Hände den kalten Boden berührten war ihr sofort wieder bewusst, wo sie war. Gefangen in einem dunklen Keller unterhalb von Thorgans Haus. Sie hatte das Tablett, welches er ihr hingestellt hatte noch nicht angerührt. Das Brot lag noch darauf und das Glas Wein ebenso. Was sollte sie mit Wein? Ihre Sinne betäuben? Nein. Wütend stieß sie das Tablett um, die Scherben klirrten, als das Glas auf dem Boden zersprang. Sie wollte Licht sehen. Sie konnte nicht länger in dieser Dunkelheit verbringen. Wieder kroch sie in ihr Eck zurück und zog die Beine an sich, begann, ein beruhigendes Lied zu summen, um nicht vollkommen wahnsinnig zu werden. Sie schloss die Augen, um die Umgebung zu verdrängen. Allerdings übermannte sie dieses unbeschreibliche Gefühl, dieses ungewohnte Gefühl wieder und sie riss die Augen auf. Sie hatte Angst. Angst, vor der Dunkelheit. Angst davor, wieder aus diesem Verließ zu kommen. Angst davor, dass irgendetwas passieren würde, was nicht vorgesehen war.
Nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte, versuchte sie erneut, sich selbst zu befreien. Ihre Schulter schmerzte von gestrigen Versuch schon, aber das war ihr egal. Sie rannte die Treppen empor und versuchte, die schwere Türe aufzustoßen - vergebens. Stattdessen zog sie sich weitere blaue Flecken, Prellungen und Brüche zu. Der Schmerz? Den verdrängte sie, Tränen liefen über ihre Wangen. Sie wollte nur eines: Raus.