Was war eigentlich so schwer daran, einsehen zu sollen, warum man sich anständig zu benehmen hatte? Und
dass man sich anständig zu benehmen hatte, wenn man zu diesem Haushalt gehören wollte, dessen Spitze Adrian und ich bildeten? Und warum schien es so schwer, zu begreifen, was "anständiges Benehmen" überhaupt war?
"War Fräulein Savea in der Lage, Euch zu erklären, was uns daran denn eigentlich gestört hat, oder haltet Ihr es tatsächlich für völlig in Ordnung, sich unter Vorheuchelei von Freundlichkeit an jemanden, den man frisch als Feind erachtet, heran zu bewegen, um dann eine Drohung gegen seine Angehörigen auszustoßen und wortwörtlich noch in einer alten Wunde herumzubohren?"
"Sie war in der Lage es zu erklären... aber verstehen tue ich es dennoch nicht, denn offen gesagt... wenn jemand mit Mord droht, lohnt es dann anklopfen? Oder ist es nicht doch angebrachter mit der Tür ins Haus zu fallen? Was bringt ein: 'Ich würde es begrüßen, wenn Ihr davon absehen würdet, dem Fräulein Leah ein Haar krümmen zu wollen?"
"Wir tun es, weil wir besser sind als die."
Das war zumindest der erste Gedanke, der mir als Antwort dazu durch den Kopf schoß. Mit einer völligen Selbstverständlichkeit. Doch es schien nicht so selbstverständlich. Malachai hatte mit Mord gedroht, also durfte man gemein zu ihm sein. Das schien selbstverständlich - ein Panzer, den ich knacken wollte. Eine Überzeugung, die gekippt werden musste.
Abr wie? Dass Savea auf ihre eigene Art und Weise rabiat war, wusste ich schon länger. War es blind gewesen, es hinzunehmen, weil sie dabei wenigstens deutlich sich für die rechte Sache und die richtigen Leute einsetzte? Ich hatte gehofft, es würde sich einfach legen... Temora, wie blind war ich. Ich musste sie hier in dieser Sache gängeln, regelrecht zwingen, und es half nicht, egal wie sehr ich mir den Mund fusselig zu reden glaubte, egal wie klar ich ihr machte, dass ich um die Details der Geschichte wusste, es war genauso widerlich wie bei Viola, jedes kleine bißchen der Wahrheit aus der Nase zu ziehen, statt dass großzügig verschwiegen worden wäre, was nicht so ganz sauber war...
Zähneknirschend hatte sie die Wahrheit gesagt. Zähneknirschend. Hätte sie gewagt, mich anzulügen, ich hätte sie auf der Stelle rausgeschmissen. Ich musste sie zwingen, die begangenen Fehler zu korrigieren, musste es ihr befehlen und dabei auch noch verhindern, aufs Kreuz gelegt zu werden, mal wieder mit Halbwahrheiten umschifft zu werden. Einsicht? Nein. Keine. Je länger ich darüber nachdenke, desto wütender macht es mich. Denn wie soll ich sie auf diese Weise halten können? Wie ist das tragbar, wenn auf diese Dinge kein Verlaß ist, wenn ich absehbar auf den nächsten Ärger warten kann? Adrian hätte sie schon rausgeworfen, ich frage mich mehr und mehr, ob er nicht recht hat. Wie sollte ich vor ihm rechtfertigen, sie im Haus zu lassen? Sie will Leah schützen. Ja schön...
und das auf eine Art und Weise, dass wir uns dafür schämen müssen. Argh!
War es noch zu erklären?
War es wenigstens Shaya zu erklären, die sich immer als etwas ruhiger, zugänglicher, zurückhaltender und interessierter erwiesen hatte? Mehrfach war sie mein Vermittlungspartner zwischen mir und Savea gewesen - unsere Übersetzerin, wenn wir einander nicht mehr verstanden. Aber in ihren Ohren schien ich auch gerade nur elfisch zu reden:
"Es gibt einen Unterschied dazwischen, in dieser doch recht rabiaten und wie gesagt teils vorheuchelnden Art zu handeln, wie es Savea tat, um ihre Ziele zu erreichen, oder stattdessen bloß bei höflich leeren Worten zu bleiben und gar nichts zu tun. Der springende Punkt ist sehr einfach vor Augen zu halten:
Nur, weil jemand anders sich mies und ehrlos verhält, berechtigt das einen nicht selber, sich ähnlich mies und ehrlos zu verhalten. Nur weil ein Rahaler sich Gift auf die Klinge schmiert, berechtigt mich das nicht dazu, das Gleiche zu tun, denn ich entehre mich damit selber und wäre nicht besser als dieser niederträchtige Kerl vor mir.
Gleichzeitig glaubt Ihr ja wohl hoffentlich nicht, daß ich mich deswegen bloß hinstelle, freundlich lächel, ihm ein Taschentuch gebe und sage: 'Würdet Ihr bitte Eure Waffe putzen, bevor Ihr mit mir kämpft'? Ich sag ihm offen ins Gesicht, was ich von ihm halte, und dann kann er meine Klinge zu spüren kriegen - ohne Gift. Das unterscheidet eine Ehrenperson von jemandem wie Herrn Schwarzmourne. Aber Savea stellte sich in meinen Augen kaum besser an als er, und das ist, was mich enttäuscht."
"Enttäuschend? Vielleicht ebenso enttäuschend wie für unsereins, dass Ihr das Ganze in keinster Weise nachzuvollziehen können scheint?"
"Nachvollziehen... doch, nachvollziehen kann ich es."
Oh doch, ich konnte es nachvollziehen. Nach all dieser Scheiße, die da im Heilerhaus abgelaufen sein muß, nach all der Aufmüpfigkeit, nach all diesem Ärger, nach der Abartigkeit, einen Gardisten dafür zu beschimpfen, daß er die Ordnung zu wahren versucht und Gesetze durchsetzt, nur weil sie mal nicht bequem sind, da wagt es dieser Möchtegern-Düsterling, Leah -
meiner Leah! - mit Mord zu drohen!
Ich hätte diesen Bastard von seinem Bett geschmissen und ihm bewiesen, dass nicht nur Blutkobolde seinen Hals durchlöchern können. Mit dem hätte ich so den Boden gewischt, dass er hinterher nicht mal mehr als Putzlumpen wiederzuerkennen gewesen wäre. Dem hätte ich ein paar Liter Abführmittel eingetrichtert und ihn in seinem Kot ersaufen lassen.
Durchatmen. Ruhig bleiben. Jenes sind zumindest die Dinge, die ich vielleicht täte, würde ich mich meinem Hass hingeben. Genau das war allerdings ausgeschlossen. Durfte nicht sein. Kam gar nicht in Frage. Fertig.
"Nachvollziehen... doch, nachvollziehen kann ich es. Aber das macht die begangenen Fehler, die ich dabei sehe, nicht besser. Vor allem nicht, wenn stur auf ihnen bestanden wird. Ich könnte auch manchmal noch ganz anders, wenn ich immer bloß täte, wonach mir ist, aber dann wäre ich nicht Paladin und ich könnte mir selber nicht mal ins Gesicht sehen."
"Dann müssen wir wahrlich ein unerträglicher Anblick sein."
"Wer redet dabei denn von euch?" Innerliches Ächzen, verbunden mit dem Gefühl, ich sage mal wieder nur falsches, wenn ich... 'einfach so' rede und dabei nur an dem schmalen Grat entlang tänzel, Eingeständnisse von mir selber zu machen. Es ist deplatziert hier und kommt überhaupt nicht an. Sinnlos. Aber was ich stattdessen sagen soll, weiß ich langsam auch nicht mehr.
"Wir sind keine Ritter Milady ... wir sind nur Angestellte... wir sind nicht mit Tugenden aufgewachsen, wir haben nicht mit ihnen gelebt, wir sind froh überhaupt überlebt zu haben. Und das gelang sicher nicht, weil wir ... nun ... 'angeklopft' haben?"
"Was verbergen die beiden eigentlich noch alles vor mir?"
"Shaya, mir ist mehr als bewusst, dass es längst nicht alle Personen im Haus sind, die Ritter wären oder sich auch nur zuverlässig ritterlich benähmen... - richtig, ihr seid 'nur' Angestellte.
Aber das, was das Haus als Gesamtes nach außen präsentiert, soll nach unserem Wunsch und Willen eine Gemeinschaft sein, von der die Menschen im Allgemeinen guten Grund haben, zu sagen, daß dort 'anständige Menschen' leben. Und nicht:
'Ja, die Hausherrin ist eine Paladina, und die kann manchmal auch ganz schön bissig sein, aber nimm dich bloß vor der Haushälterin in acht, wenn du der gegenüber ein falsches Wort sagst, lauert sie dir hinter der nächsten Ecke auf und prügelt dich windelweich. Und die kleine Rothaarige, die tut bloß immer so freundlich, aber ist ein durchtriebenes Aas, und der Rotzbengel da hinten, der hat letztens glatt meine Katze ersäuft, nur weil das arme Tier ihm von links nach rechts vor den Füßen längs lief...'
Eigentlich dachte ich, wenigstens davon ausgehen zu können, daß seine Hoheit und ich im Benehmen trotz unserer eigenen menschlichen Schwächen auch vorbildlich genug wären, daß man uns vertrauen kann, wenn es darum geht, im rechten Maße unseren Feinden zu begegnen... Wisst Ihr, Leah liegt zufällig nicht nur Savea und Euch am Herzen."
"Vielleicht würde dieses ständige Verfluchen, Entführen oder Kinder anderorts aufwachsen lassen müssen ja aufhören, wenn man eben genau so denke würde, wie Ihr es aufzähltet."
"Ach, und das wär schön... wenn man so über uns denken würde?"
Ich merkte mein innerliches in die Knie gehen. Shaya lächelte schief, aber ich konnte absolut nichts Lustiges daran finden. Ja, natürlich tat es mir unsäglich leid darum, dass jeder in unserem Haus zur Zielscheibe wurde, weil... er zum Haus gehörte. Zu uns gehörte. Wie früher Rafael und ich die Zielscheiben waren, um Adrian zu schaden. Die Alternativen waren, ein Verbund an Individuen zu sein, die füreinander nicht verantwortlich zu machen waren...
und dann konnte man das Ganze in meinen Augen auch gleich lassen. Ein Haus hielt zusammen. Oder nicht. Wenn sie nicht entführt, verflucht und bedroht werden wollten, mussten sie Abstand von uns nehmen, denn letztlich waren das Ziel wir. Und sie, weil sie unsere Stützen waren.
Einer dieser Momente, in denen das Begreifen, was das Böse versuchte, in einer Komplexität über mich hereinstürzte wie eine ertränkende Woge.
Ich konnte die Einsamkeit vorziehen, aber dann hätten sie ebenso gewonnen. Ich konnte versuchen, sie nicht zum Guten hin erziehen zu wollen, dann hätte das Böse freie Bahn. Ich machte mich ihnen selber unlieb, wenn ich sie mit Händen und Füßen zu bewegen versuchte. Es sind diese Momente, in denen ich mich einsam fühle.
"Beschreitet den Weg der Tugenden, denn Euer Vorbild ist es, dem die Menschen künftig folgen sollen", hallten mir Lucenius' Worte durch die Erinnerung, als es in der Schwertkrypta galt, den zeremoniellen Weg durch die Räume der Tugenden zu gehen.
Da waren nun Menschen, aber sie wollten mir nicht folgen. Wollten nicht verstehen. Es war unbequem. Ich war doch Ritter, das reichte doch, warum sollten sie sich anstrengen... Es war sperrig, so sinnlos wirkend, 'ehrenhaft' sein zu sollen, was war das überhaupt... Nein, wir wollen dir nicht folgen, das ist dein Weg, nicht für uns, diese seltsamen Tugenden sind deine Sache... Da stehen sie und folgen nicht. Ich kann's nicht ändern. Dabei sind sie mein engstes Umfeld. Ernüchternd.
Es sind diese Momente, in denen ich mich fremd fühle.
Aber ich rede immer noch weiter:
"Wir sind eine Gemeinschaft, Shaya. Wir werden als .. zusammengehörend wahrgenommen. Etwas, was... worüber ich mich eigentlich freue und was mich auch ehrt, solange diese Gemeinschaft einen guten Namen hat. Wäre es so, wie Ihr es Euch... 'wünscht', dann... wäre das gleichbedeutend damit, daß wir eben keine Gemeinschaft wären. Dann wären wohl bis auf seine Hoheit, mich, und immernoch unseren Sohn, bald wohl auch Leah, 'unsere' Leute uninteressant für den Feind.
Denn die anderen müssen dann nicht mehr verdorben oder im Glauben zu erschüttern versucht werden - sie sind es ja schon. Fehler begehende Menschen, die man als Finsterling nicht näher beachten muß, denn sie sind der Aufmerksamkeit nicht wert, weil sie Temora oder den Prinzipien der anderen lichten Götter fern genug sind. Womöglich sogar, ohne zu verstehen, warum. Hervorragend...
Wer sich der Gefahr, mit uns in einen Topf geworfen zu werden und auch Teil unserer Werte annehmen zu sollen, entziehen möchte... tja, der sollte dann besser eben nicht unsere Nähe suchen. Denn wir mühen uns nach besten Kräften, unserem Umfeld Vorbild zu sein, zu belehren, aufzuzeigen, wenn nötig auch zu befehlen, um im Gesamten dem Dunkel die Stirn zu bieten. Soll dem allem nicht so sein, tja dann wären wir eben alleine."
Ist es zu spät? Die Nachtstunde ist es jedenfalls.
Es ist makaber, dass ich am nächsten Tag ausgerechnet an einer Fassung des Duellkodex schreibe und dabei im Geiste meine Leute einsortiere...
"So mag man unterteilen grob in drei Gesinnungen, welche behilflich sind, zu bemessen ob jemand eines Duelles würdig ist oder eher Vorsicht oder gar strikte Ablehnung anzuraten wären:
- ehrenhaft
Als solche sind die Menschen zu bezeichnen, die die Gebote der Ehre kennen und sich nach besten Kräften bemühen, sie zu achten. Gelegentliche kleinere Ausrutscher sind menschlich, doch alles in allem wisse derjenige seine Ehre stets zu schützen. Von Angehörigen der Oberschicht und des Adels wird natürlich stets ehrenhaftes Verhalten erwartet und somit grundlegend auch von ihrem Umfeld vorausgesetzt, so sie nicht schändlicherweise anderes bewiesen.
- ehrvergessen
Solche Menschen kennen entweder die Gebote der Ehre nicht oder sie ignorieren sie aus Ehrgeiz, Gewinnstreben oder anderen niedrigeren Motiven. Da sie zumindest die Gesetze des Staates respektieren und keine 'schlechten Menschen' sind, kann man sie durchaus achten, allerdings sind sie nicht salonfähig und dürften auch keine höheren Würden erreichen. Angehörige der Unter- und Mittelschicht gelten allgemein als ehrvergessen, doch auch Höherstehende können sich diese Einschätzung durch ihr Verhalten erwerben; ebenso gelten die meisten 'Fremdlinge', d.h. Angehörige anderer Kulturen oder Rassen als ehrvergessen, solange sie nicht durch ihre Taten etwas anderes beweisen. So Ehrhaftigkeit bei Rassen wie Elfen oder Tiefländern auch gegeben sein mag, sollte man davon ausgehen, dass die Duellregeln fremd sind und erst geduldig erklärt werden müssten. Die Gepflogenheiten und Vorstellungen anderer Kulturen von einem "Duell" können sonst für böse Überraschungen sorgen.
- ehrlos
Der Mensch hat durch seine Untaten und gröbste Verstöße gegen die Gebote der Ehrhaftigkeit seine Ehre verwirkt, wenn er denn je welche besessen hat. Oftmals zugleich ein Verbrecher und Feind der Gesetze, lebt er ein Leben bestenfalls als Außgestoßener am Rande der alumenischen Gesellschaft ohne Möglichkeit, an ihren Veranstaltungen auch simpelster Art teilzuhaben. In diese Kategorie fallen klar auch jegliche Feinde des Reiches und des lichten Glaubens, wie Anhänger des Panthers oder des Raben. Auch wenn das rahaler Reich sogenannte "Ritter" vorweisen will, kann jenen keine Ehre zugestanden werden, denn um den Sieg zu erringen, sei ihnen jedes Mittel recht und nie könnte ein unterlegener lichter Streiter mit Gewissheit sagen, ob er nicht das Opfer eines Betruges wurde, um den Beistand der Göttin vom Feinde verhöhnen zu lassen.
Generell sollten Duelle als ehrbare Form der Beilegung von Streitigkeiten nur mit ehrenhaften, selten einmal mit ehrvergessenen und keinesfalls gar mit ehrlosen Personen ausgefochten werden.
...da klopft Andreas an die Tür. Mit einem Brief. Savea, die gehörte doch zu meinen Angestellten, nicht?
Es ist der Brief eines Mädchens, kaum älter als zehn. Eine Reitschule, die Savea auf ihre Qualität hin prüfen sollte, damit ich ruhigen Gewissens darum wüsste, wenn Shaya dort lernen will.
Jetzt krieg ich es selbst von einem Kind schwarz auf weiß, dass Savea gemein ist. Göttin...
"Danke Andreas. Ich kümmer mich da irgendwie drum."
Als er raus ist, zerquetscht meine Hand den Gänsekiel und zerknickt ihn, die Tinte verspritzt sich auf Papier, Boden, Kleidung.