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Die Ruhe vor dem Sturm

Verfasst: Dienstag 2. Februar 2010, 14:30
von Tarja Thyrmon
Unterträglich leise war es derzeit um sie herum. Das Chaos ihrer Gedanken verteilte sich über ihre Venen und Adern und ließen jene wild pulsieren. Die geschlossenen Augen zuckten kurz, geöffnet wurden diese jedoch nicht. Es war nicht zu leugnen, dass der Orden sich gerade zurück gezogen hatte. Selten sah man einen der schwarzgekleideten Magier an der Oberfläche, die Burg barg doch zu großen Schutz vor unliebsamen Feinden. Nicht, dass sich die Arkorither aus diesem einen Grund zurückgezogen hatten.

Die Lider der Elegida begannen zu beben, als sich die Gedanken in ihren Hirnwindungen breitmachten und ihr die makabersten Bilder wie einen Film in die geschlossenen Augen zauberten. Die Nasenflügel blähten sich ein Stück weit auf, als sie die Luft ausstieß und langsam aber sicher rückte erst der eine, dann der andere Mundwinkel empor. Ein zauberhaftes, charmantes und zugleich hinterhaltiges und heimtückisches Grinsen wurde offenbart.

Im gleichen Moment, als sich dieses dämonische Grinsen auf ihren Zügen einfand öffnete sie ihre Augen. Der gräuliche Schleier hatte sich von ihren Augen entfernt und das eisige blau erstrahlte in dem für sie typischen, ungewöhnlich hellen Ton, umrandet von einem schwarzen Rahmen um die farbige Iris. Ein Zeichen dafür, dass all jenes in sie zurückgekehrt war, wovon sie ausging, dass es als verloren galt.

Sie zwang sich, ihre Augen geöffnet zu halten und befehligte gedanklich über ihren Körper. So erhob sie sich und gab ihrem Körper die Anweisung, sich auf den Schreibtisch hin zu bewegen. Auch das war ein leichtes. Sie ließ sich auf den Stuhl fallen und wischte mit der rechten Hand die letzte Müdigkeit aus ihrem Gesicht. Der Blick viel auf das Pergament. Verflucht also. Ihr wisst alle gar nicht, was es heißt, wirklich verflucht zu sein..., ihre Mundwinkel sprangen wieder empor, als sich ihr diese grauenvollen Gedanken und Bilder offenbarten. Sie hatte einen Plan. Und diesen Plan würde sie durchsetzen. Koste es, was es wolle.

Sie schob die aufgeschlagenen Bücher beiseite, andere verschwanden gänzlich von ihrem Schreibtisch, die nächsten wiederum wurden aufgeschlagen und sie laß darin einige Dinge nach. Es würde so einfach sein...

Das Buch wurde in Windeseile wieder geschlossen, als sie sich die nötigen Informationen daraus entnommen hatte. Wenn sie doch bloß einen Namen der Rabendienerin gehabt hätte. Sie fluchte leise. Sie musste den Studiosus aufsuchen, denn er hatte länger mit ihr gesprochen und jede Information konnte hier hilfreich sein.

Sie würde auch dieses Mal bekommen, was sie wollte. Denn sie bekam immer das, was sie wollte. Siegessicher rückten ihre Mundwinkel empor und sie verließ ihr Schlafgemach.

Verfasst: Samstag 13. Februar 2010, 13:29
von Tarja Thyrmon
Sie schloss die Augen und ließ sich mit dem nackten Rücken an die kalte, steinerne Lehne ihres Stuhles sinken. Ein kurzes Schaudern überkam sie, dann legte sich Gänsehaut auf ihren ganzen Körper. Eine Reaktion, mit der sie im Moment nicht gerechnet hatte. So lange, wie sie in der letzten Zeit wach war, war sie schon lange nicht mehr wach gewesen. Wie viele Stunden, wie viele Tage waren es jetzt? Sie hatte aufgehört zu zählen. Ihr Geist wollte sie nicht ruhen lassen, auch wenn ihr Körper ein ganz anderes Bild abgab. Sie brauchte Schlaf – und das dringend.

Das es aber mehr gab als ein Bedürfnis, das war ihr längst klar geworden. Konnte sie überhaupt nochmal ein Auge zumachen? Sie seufzte und drehte sich zur Seite. Für einen Moment ließ sie den Drang nach „mehr“ außen vor und versuchte sich einfach nur zu konzentrieren. Konzentration, obwohl man mehr als nur müde war. Konnte das klappen?

Nach einigen Versuchen war ihr klar, dass sie sich nicht länger zusammenreißen konnte. Sie musste schlafen, um mit ihren Plänen voran zu kommen. Sie seufzte, als sie diese innere Erlösung ihrer selbst spürte und es war sogar Freude, die in ihr aufkeimte, als sie an ihr wohlig warmes Bett dachte, welches direkt hinter ihr stand. Auch als Elegida brauchte man Schlaf, selbst wenn dieser deutlich weniger wurde.

Sie begann gerade damit, sich den Umhang von ihren Schultern zu lösen, als sie den lauten Knall hörte und ihre komplette innere Ruhe wieder aus dem Gleichgewicht geworfen wurde. Sie presste die Kieferknochen aufeinander und atmete tief durch. Ein Ritual der Beruhigung?
Sollte es ein solches gewesen sein – es scheiterte.

Sofort wirbelte sie auf dem Absatz herum, ohne auch nur im Ansatz aufzupassen, ob sie dadurch irgendetwas von ihrem Schreibtisch warf oder nicht. Sie ging auf die Türe zu, die fast aus den Angeln flog, als sie jene mittels Magie öffnete. Man sollte wissen, wann es genug war. Und jetzt war es genug. Und wer auch immer das jetzt war: Er oder sie hatte sich umgehend vor ihr zu rechtfertigen.

Es war dunkel draußen und sie sah die Studiosa, wie sie versuchte die letzten Flammen am Teppichrand im Keim zu ersticken.

„Was war das?“, fragte sie die Schülerin.
“Ich habe gezaubert!“
“Ohne die Konsequenzen zu bedenken?“
“Ja.“
“Glaubst du, das ist förderlich?“
“Ja. Irgendwie muss ich ja lernen.“

Eine ganze Weile lang besah sie sich die Fremde, eine Augenbraue wanderte weiter empor, als sie jene weiter musterte. Sie kannte sie nicht. Sie hatte sie noch nie gesehen. In keinem ihrer Unterrichte.

“Verrate mir deinen Namen.“
“Ich wüsste nicht, warum ich das tun sollte.“
“Weil ich es dir befehle?“
“Und das interessiert … wen?“

Tarja war überrascht. Sie hatte schon viel erlebt, aber so etwas war ihr fremd. Wo war nur der Respekt geblieben? Was war passiert, damit sich Schüler so etwas erlauben konnten? War all das, was Adaven aufgebaut hatte, verloren?

“Deinen Namen...“, nicht, dass sie ihn nicht eh schon gewusst hätte.
“Den interessiert sonst auch keinen!“
“DEINEN NAMEN!“

Die Stimme war deutlich, intensiv und vor allem dröhnend laut mit einem Tonfall, der keinerlei Widerspruch mehr zulassen würde.

“Xandoria Magur.“
“Xandoria also. Geht doch.“

Sie sah der Studiosa entgegen und sie wusste schon jetzt, dass sie diesen Abend nicht überleben würde. Armes, krankes Wesen. Arme, verlorene Seele. Sie würde genauso enden wie so viele andere, die dachten, dass sie etwas besseres wären. - In einem Glas.

“Armes, krankes Wesen...“, flüsterte Tarja leise, ihre Mundwinkel schoben sich nur für einen kurzen Moment empor. Ein befreiendes und verheißungsvolles Lächeln?

“Komm mit. Du willst deiner Magie freien Lauf lassen? Dann tu dies..“
Xandoria wirkte überrascht, aber es war Tarja gleichgültig. Sie hatte eine Probe für sie und würde sie jene nicht bestehen, so hatte sie schlicht und ergreifend Pech. Wer meinte, sich so zu verhalten, der musste mit den Konsequenzen leben. Und das war meist – so man nicht stärker war – der Tod.

Sie traten aus der dunklen Burg ins Freie. Die Nacht hatte sich um die Burg gehüllt und verbarg diese in deren Schutz.
“Dann zeig mir mal, was du kannst..“
“Aber...“
“Kein aber, du wolltest zaubern und jetzt zaubere!“
Da stand die Studiosa da und war ratlos. Tarja lachte innerlich spöttisch und sah sie fordernd an. “Na los, du möchtest die Elegida doch nicht enttäuschen, oder?“
“Nein, eigentlich nicht... aber...“
“Kein aber.“

Es ging eine ganze Weile so, dass Tarja forderte, ehe sie sich daran machte Wesen für Wesen zu beschwören. Xandoria gab sich bei den ersten Wesen ganz gut, sie waren leicht zu bezwingen in der Todesangst, die sie hatte. Wenn man Angst hatte, konnte man doch immer am besten wirken. Allerdings nützte ihr das nichts. Die Höllenhunde waren hungriger und stärker als sie.

“Arme, verwirrte Seele...“, flüsterte Tarja leise, als sie den zerfetzten Körper vor sich liegen sah. Hier kam wohl jede Hilfe zu spät. “Wieder jemand, der sich übernommen hatte...“
Sie drehte sich um und ging in die Burg zurück. Zumindest würde sie nun ruhig schlafen können. Und morgen? Morgen würden sich die Studiosi darum kümmern, dass die Leiche normgerecht verschwand. Lächelnd schlug sie die Augen nieder und schlief nun ein, ein lang ersehnter Schlaf, der sie dort ereilte.

Verfasst: Sonntag 14. Februar 2010, 13:12
von Tarja Thyrmon
Als sie am nächsten Morgen die blassen Augenlider aufschlug sah die Welt schon ganz anders aus. Sie fühlte sich wacher, ihr Geist erholter und ihr Körper war auch wieder voll funktionstüchtig. Wie sehr ein benebelter Geist einen doch behindern konnte.

So schlurfte sie über den Gang zum Bad und genehmigte sich erstmal ein solches. Sie hatte für heute alle Zeit der Welt. Nunja, nicht alle Zeit, aber zumindest mehr Zeit als die Tage zuvor. Es bedarf nur noch wenige Erforschungen und noch viel weniger Bücher, die sie verschlingen musste um ein Resultat zu haben. Vielleicht musste sie am Nachmittag auch noch eine kleine Runde durch die Katakomben und den Tunnelgewölben drehen.

Sie stieg über die Stufen aus dem warmen Wasser und fröstelte, als sie mit den Zehen den kühlen Stein berührte. Schnell trocknete sie sich ab und schlüpfte wieder in ihre Kleidung, ihre Haare ließ sie dabei außer Acht. Die würden von ganz allein trocken werden.
Mit raschen und großen Schritten ging sie wieder auf ihr Zimmer zu, wäre sie nicht auf halbem Weg mit einem ihrer Schüler zusammengestoßen.

"Adavens Segen, Elegida." gab er knapp von sich. Man spürte die Distanz zwischen den Beiden deutlich. Er konnte mit ihr nicht wirklich viel anfangen und die Abneigung stand ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Zu oft hatte er vermutlich ihre Krallen zu spüren bekommen. Innerlich musste sie schmunzeln. Als ob sie das interessieren würde.

"Calael." gab sie ihm ruhig zurück und quittierte seine Verneigung mit einem Kopfneigen. "Du bist ja doch lernfähiger als ich dachte.."
Er stand nur ruhig da und fixierte sie. Ein schmales Lächeln huschte über ihre Züge, die sich dann jedoch wieder versteinerten. Sie ging weiter, ohne auch nur im Ansatz nochmal nach ihm zu sehen. Die Zeit lief ihr langsam davon.

Wie viele Stunden letztendlich vergangen waren wusste sie gar nicht. Sie saß über Büchern, über Pergamentrollen, über leeren Schriftrollen und kritzelte ihre Aufzeichnungen nieder. Wenigstens war es in der Burg ruhig, allem Anschein nach waren alle ausgeflogen, um sich um irgendetwas zu kümmern. Praktisch, denn so konnte man besser arbeiten.

Vertieft in ihre Arbeit bemerkte sie erstmals nicht, dass sich einer der Schüler in ihr Zimmer geschlichen hatte. Erst, als sie die Schreibfeder beiseite warf und von ihrem Pergament aufsah erblickte sie ihn und zog überrascht ihre schmalen Augenbrauen empor.

“Hier, ich dachte, ihr würdet vielleicht etwas frisches Wasser benötigen. Es soll den Geist befreien und erfrischen.“
Ihre Augenbrauen blieben angehoben, als sie Calael entgegen sah. “Willst du mich vergiften? Oder womit habe ich das verdient?“

Er zog die Mundwinkel empor, allem Anschein nach freute er sich darüber, dass sie es in Betracht zog, dass er zu so etwas fähig wäre. Sie blickte ihm forschend entgegen, ehe sich die Augenbrauen wieder etwas absenkten. Dann nahm sie einen Schluck. Wider Erwartens war das Wasser tatsächlich nicht vergiftet. “Danke.“, gab sie ruhig von sich. “Wie komm ich zu dieser Ehre?“
“Ihr sitzt nun schon so lange in eurem Zimmer und man sieht euch kaum noch, da dachte ich mir, dass ihr schwer beschäftigt sein müsst und euch sicherlich über ein wenig Erfrischung erfreuen könnt.“

Sie musste dann doch etwas schmunzeln und sah ihn nochmals an, wenngleich das Schmunzeln dann ein wenig intensiver wurde. “Erfrischung...“, murmelte sie. “Das ist tatsächlich eine sehr gute Idee, Calael.“ und mit einem Handwink fiel die schwarze Metalltür ins Schloss, im selben Moment etwa, als sie sich erhob und einen Schritt auf ihn zu trat. Die Blicke kreuzten sich eine ganze, fast unvergängliche Weile.

[...]

“Wir haben noch einiges zu tun.. auf dem Weg wartet noch eine Leiche, die weggeschafft werden muss.“, entgegnete sie, als sie sich auf den Weg machte, ihr Zimmer zu verlassen. Calael folgte ihren Befehlen ohne Murren. Sie traten beide die Stufen hinunter und stoppten in der Eingangshalle.
„Ah, noch ein freiwilliger Helfer.“
“Adavens Segen, Bruder.“
“Adavens Segen, Elegida, Bruder.“
Sie sah Gneidol mit einem sachten Lächeln auf den Zügen entgegen. “Umso besser, dann muss ich mir meine Hände nicht nochmals schmutzig machen.“
Gneidol lächelte gequält, erwähnte darauf jedoch nichts. Sie sah von weitem zu, wie sich die beiden Schüler an die Arbeit machten.
“Du scheinst dich mit ihr besser zu verstehen.“ flüsterte Gneidol.
“Besser?“
“Du hast keinen abwertenden Blick mehr ihr gegenüber – wie sonst.“
“Da musst du dich täuschen. Und jetzt arbeite weiter.“
Beide Schüler schafften die Leiche der Ordensschülerin weg. Auch, wenn beide sich das Würgen verkneifen mussten, als sie ihr den Kopf abtrennten – jeder Schüler musste da einmal durch. Tarja war es egal, die Hauptsache war, dass die Leiche von dem Hof verschwand. Sie nickte zufrieden und erhob sich von den Treppenstufen, auf denen sie bis eben noch wie ein braves Schulmädchen saß. “Hervorragende Arbeit. Jetzt könnt ihr euch anderweitig vergnügen.“
Sie drehte sich um und stieg die Treppen empor, für einen Moment zögerte sie dann beim nächsten Schritt. “Calael, ich erwarte dich in etwa zwei Stunden in meinen Räumlichkeiten.“, dann verschwand sie.

Gneidol sah ihr eine Weile nach, ehe er sich zur Seite wand. “Ah, ich verstehe. So eine Art von Bevorzugung also. So etwas kann ich leider nicht dulden, Bruder.“ und er zog einen Dolch hervor.

[…]

Spät Abends klopfte es an der Tür der Elegida.
“Herein.“
Die Türe ging auf. Nur wenige Schritte hallten auf dem Boden, als sie Calael entgegen sah. Ihr entging seine blutverschmierte Kleidung nicht.
“Guten Abend, Elegida.“
Sie sah ihm ruhig entgegen. Sie wusste selbst längst, was geschehen war. Sie hatte die Trennung deutlich gespürt.
“Möchtest du mir etwas beichten?“
Sie stand auf und schlich sich wie eine Katze zu ihm.
“Ich habe ihn getötet.“
Sie hob das Haupt etwas an und blickte ihm entgegen, der Blick war nichtssagend und eine folgende Reaktion darauf konnte man kaum erahnen.
“Ich nehme an, du hattest einen Grund dazu.“
“Der Stärkere gewinnt, Elegida.“
“Da hast du wohl recht, Calael.“
Sie ging einmal um ihn herum und lächelte ihm dann spöttisch in das Gesicht.
“Werd nicht zu übermütig. Und räume seine Leiche bitte ordentlich weg. Du weißt ja nun, wie das funktioniert.“

Damit drehte sie sich um und widmete sich wieder ihren Aufgaben. Schwaches Blut im Orden wurde nicht geduldet.