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Der Weg ist das Ziel?

Verfasst: Samstag 23. Januar 2010, 01:45
von Leah Katuri
Drei Tage...drei Tage lang verschanzte ich mich in den Wänden der kleinen Hütte, dir mir sonst immer Ruhe gespendet hatte und im schlimmsten Falle auch ein Versteck. Drei Tage, in denen ich Ruhe suchte und nur eines fand...Leere. So leer wie die Räume der Hütte, in denen ich das Lachen meiner Freundin misste, so leer war auch mein Schopf. Liralia...es war so unwirklich, dass sie nicht auftauchte; einfach durch die Tür trat und einen in den Arm nahm, um in ihrer so unschuldigen Sicht mir zu erklären, dass alles gut werden würde und nach einer Nacht bereits alles anders aussähe...Sätze, die auch ich gerne verwendete, wenn man den letzten Sonnenstrahl am Horizont suchte und letztendlich nur eines tun konnte: Hoffen.
Drei Tage wartete ich...worauf, war mir selbst nicht klar. Vielleicht auf eine Erkenntnis, der Stimme eines vertrauten Menschens oder schlicht dem Finden einer Antwort. Die Frage war mir ebenso unklar wie das Warten und die Unruhe, die mir keine Ruhe ließ. So leer ich auch schien...so rastlos bewegte ich mich die Tage stets in dem Häuschen Liralias. Immer wieder durchquerte ich die Räume, strich über die Möbel und Gegenstände, betrachtete sie eingehend; als könnte ich vergessen, wie sie aussehen, würde ich sie beim Verlassen der Hütte sie nie wieder erblicken. Es dauerte jedoch drei Tage, bis ich die Hütte wirklich verließ...und die Möbel nicht mehr erblicken würde.

Drei Tage...an denen ich nachdachte. Gedanken über meine Ausbildung zur Knappin und meinem Leben. Über meine Schritte, meine Wege, die ich gegangen war. So vieles war geschehen, so viele Dinge, die manchen zerstört hätten, ihn zusammenbrechen lassen wie ein Schilfrohr. Beugen und beugen lassen...es war schon fast zu simpel, als mir jene Phrase durch den Schopf schoss und mir einleuchtete, als sei es von je her schon in mir verankert gewesen.
Es war ein seltsamer Moment gewesen, als ich am zweiten Tag in der Hütte nach dem Aufstehen meine Morgenwäsche erledigte und mein Blick gen Spiegel glitt: Da stand sie nun also...eine zukünftige Ritterin, Dienerin Temoras und der Kirche. Ich war sicher, dass mein Äußeres wohl auch darauf schliessen ließ: Die strengen Züge um die Augen und Mundwinkel, die Narbe an dem Haaransatz und der ebenso strenge Zopf waren nur wenige der Merkmale, die die Entwicklung mit hervorgebracht hatten. Es war vor allem der Blick, der sich stetig, schleichend gewandelt hatte.
So fest, so hart und unbeugsam...und vor allem ebenso verschleiernd. Es war schon fast verstörend; erinnerte ich mich doch an Zeiten, in denen es in meinem Blick zu lesen war wie in einem Buch. Wo war die Unsicherheit, wo der Zweifel an einer unvollendeten Lüge, wenn ich sie damals auszusprechen versucht hatte? Es war ein leichtes geworden, die Wahrheit zwar auszusprechen, sie jedoch den Gegebenheiten anzupassen. Worte, Umstände abmildern, Situationen neutral bewerten und so jegliches Gefühl damit ausschalten. Es waren keine Lügen...sodass auch das Gewissen nicht leiden musste. Und doch schien mir diese Frau im Spiegel fremd und unwahr; einer Lüge gleich, die sich in der Welt behaupten wollte. Ich war mir selbst durch mein Handeln fremd geworden.
Sollte ich diese Frau im Spiegel nun akzeptieren oder sie weiterhin fremd betrachten? Mein Blick fixierte und sah nichts, meine Gedanken schwirrten und fanden doch keine gemeinsame Lösung. Unruhig, rastlos schien mein Innerstes, während das Äußere stur und steif das Spiegelbild betrachtete. War das ich?

Es war jener Moment, in dem ich wusste, dass die Lösungen nicht in jener Hütte zu finden waren. Ein Aussitzen der Situation war ebenso sinnlos, sodass ich am Morgen des dritten Tages Teron abbürstete, sattelte und die Satteltaschen gewissenhaft mit anriemte. Es war der Moment, in dem ich mich davon lossagte, auf Hilfe zu warten, sondern selbst zu suchen. Etwas, von dem ich nicht recht wusste, was es eigentlich war und wo ich es finden würde. Sicher war nur, dass es nicht in Berchgard, nicht in den Wänden der Hütte und auch nicht zurück in Adoran zu finden war. Es war natürlich töricht, geradezu sturhaft, keine Nachricht loszuschicken, dass ich meine Pflichten nicht erledigen können würde in nächster Zeit; doch genauso gut war der Abstand wohl zuerst in jedem Sinne gut. Würde es nicht nur mir, sondern auch Cyrion helfen, wieder Ruhe zu finden, besonnen an die Situation zu gehen und sie ein weiteres Mal zu überdenken. So unüberlegt meine Worte an dem Abend gefallen waren; sie waren aus dem Herzen gesprochen und ich reute sie nicht. Kein Wort, keine Entscheidung, keinen Weg, den ich gewählt hatte. Alles hatte seinen Sinn, alles hatte seinen Zweck. Ich wollte ihn schützen, wollte schlicht, dass er weiter seiner Aufgabe nachgehen konnte.


„Du verstehst nicht...eben weil sie mich wählen würde, gehe ich. Ich bin am Ende des Weges mit ihr, die Ausbildung ist beendet. Meine Treue muss ich nicht durch ein Armband noch beweisen. Sie brauchen einen Hauswächter, jemand, der auf sie Acht gibt. Und du brauchst die Umgebung, die Lehre hier im Haus und die Menschen. Und das Letzte, was dieses Haus gebrauchen kann, ist Misstrauen in den Wänden...da draussen sind genügend Menschen, die ihnen schlechtes wollen.“

„Aye. ich brauche sie, das stimmt.“


Es stach immer noch...jedes Mal, wenn ich mir sein Gesicht in Erinnerung rief und dabei der gleichgültige Blick sich scharf in meine Gedanken prägte. Worte konnten tiefer treffen als jedes Schwert, doch ein Blick sagte mehr als tausend Worte. Wir zwei hatten noch so viele Worte zu sprechen und waren nicht fähig dazu. Es schmerzte; schmerzte, weil er mich zu sehr mit den Worten verletzen konnte. Ich hatte es zu spät gesehen und weiter entschlossen, mein Herz nur noch dem Glauben zu schenken und dem Dienst Temoras. Ihr galt mein ganzes Vertrauen, meine Liebe, mein Empfinden. Das weltliche war viel zu schmerzvoll, als dass ich mich ihm widmen wollte oder gar konnte. Es gab immer noch Nächte, in denen sich der Rabenkrieger hineinschlich und mir keine Ruhe ließ. Ich wollte abschließen und konnte nicht. Doch jeder Blick, jedes Wort von ihm, waren schlicht eine Bestätigung meines Fehlers, meines Versagens in Herzensangelegenheiten. Doch Selbstmitleid würde nicht helfen...würde viel mehr ein Stagnieren verursachen denn eine Lösung und ein Vorankommen. Ich musste mit mir ins Reine kommen und mir klar werden, was ich wollte, um mich dann dem stellen zu können.
Die Tage waren eisig, geradezu grausig kalt. Die Luft kristallisierte mit jedem Ausatmen, die Kälte ließ die Finger rasch erkalten und die Wangen erröten, während man ständig die Augen zusammenkneifen musste. Es war eine rechte Überwindung, die Kapuze abzustreifen und den Schutz, den ich schalartig über Nase und Mund gezogen hatte, hinunterzustreifen, doch durch den Dienst beim Regiment war mir das Reglement bewusst und so zeigte ich in den Morgenstunden mein Antlitz, ehe man mich hinausließ und ich Berchgard zurückließ in meinem Rücken. Ich zog den grauen Umhangstoff enger um mich, die Kapuze wurde wie der Schutz wieder kältehemmend übergeworfen, um den Hengst in einen leichten Trab zu treiben. Das Reiten war schon zu einer Selbstverständlichkeit geworden und fast erstaunlich war schon, wie sehr Teron und Ich Eins geworden waren. Wir vertrauten einander und ergänzten uns, waren wie alte Vertraute, die alle Vor- und Nachteile des Anderen kannten. Vielleicht, weil ich sicherer war, mir ebenso mehr zutraute als in der Zeit, in der ich Cassius geritten hatte. Vielleicht aber auch nur, weil es eben passte. Im Eigentlichen war ich doch genauso ungebändigt gewesen wie der junge Hengst, als ich ihn erhalten hatte...wir beide mussten lernen, ruhiger zu werden und besonnener und auf andere in unserem Umfeld zu achten. Eigensinniges Denken und Egoismus waren falsche Attribute, die wir beide eine Zeit als die Unsren deklariert hatten. Falscher Stolz ließ sie uns bewahren, bis die Einsicht kam und wir letztendlich begannen, das Verhalten zu ändern. Es tat gut zu wissen, dass man nicht die Einzige war, die Fehler machte...


„ Dir ist nicht mehr zu helfen. In dir ist nur noch Gift... du bist im Herzen vergiftet.... du wirfst das weg, weil du wütend auf mich bist? Und _Du_ willst Ritterin werden?

Worte, die wie Pfeile wirken können. Zu sehr schien das Sprichwort doch zuzutreffen: Die Feder ist mächtiger als das Schwert, nur dass die Worte mich durch die Sprache trafen und sich tief in mir festgruben. War es das, was man sah? Dass ich im Grunde nur die Fassade einer ausgebildeten Knappin war und tief im Inneren doch nicht würdig, den Ritterschlag zu erhalten? Wollte ich zu sehr eine Bestätigung? Und warum eigentlich die Zweifel, wenn ich doch meinen Weg kannte? Ich hasste mich dafür; für meine eigene Dummheit, die ich doch selbst zu hinterfragen begann und erkannte. Es bedurfte doch keiner Zeichen, wenn ich weiterhin der Herrin vertraute und nach meinem besten Ermessen versuchte, meiner Aufgabe gerecht zu werden. Und doch gierte ich geradezu nach einem Zeichen, einem Moment, in dem ich wusste, dass sie mir nahe war und einverstanden mit dem Weg, den ich gewählt hatte. Hochmut, der mir nicht zustand und verletzter Stolz, der die Ehre mit hinunterriss... Ich stand vor einem Ungleichgewicht und war mir dessen nur zu sehr bewusst.

Es gab wenige Orte, an denen ich im Inneren das Gefühl hatte, wieder zur Ruhe zu kommen und meine Gedanken zu sammeln. Einer jener war das Kloster. Doch es war ein innerer Impuls, der mich an ihm vorbeitraben ließ und weiter gen Bajard, welches ich jedoch ohne eines Blickes hinter mir ließ... es war in jenem Moment nicht der Ort, der mir Ruhe schenken würde. Zweifelhaft, dass er es je werden würde. Es reichte allein die Tatsache aus, dass ich vor dem Dorf das Haus Malachais wusste, der im Eigentlichen der Kernpunkt dessen war, um den sich die Achse des ewigen Streites drehte. Wie konnte eine Person nur so einen Zwiespalt hervorrufen...und jenes ohne seine Anwesenheit? Er hatte zumindest so eine stete Aufmerksamkeit auf sich und ich war mir sicher, dass er schon unlängst informiert war über den Zwist, der zwischen mir und seinem Bruder herrschte. Unsicher jedoch war die Einschätzung, ob jenes ihn erfreute, erboste oder schlichtweg nicht interessierte. Der Gedanke zermürbte, nervte und blieb wie ein lästiges Anhängsel bestehen. Verwunderlich, wie sehr man sich mit Dingen beschäftigen konnte, die man im Eigentlichen bereits als erledigt sah und für unwichtig befand.

Die Ruinen Tirells streiften meinen Weg und zogen sich durch die verschneiten Wälder. Der frische Schnee knirschte unter den Hufen, während sich die Kälte mehr und mehr in den dicken Wollsachen festsetzte. Die einfachen grauen Stoffe ließen nicht erahnen, dass ich aus einem Hause kam, das allein vom Namen her eine gute Beute wäre. Erst Recht, wenn es die leichtgläubige Knappin war...schaudernd dachte ich an die Tage in der Stadt des Brudermörders und an den Vergeltungsschlag, der dem Reich möglich war. Dinge, die sich am besten nicht wiederholen sollten...es jederzeit jedoch wieder möglich war, an der Front zu stehen und im Namen der Herrin zu kämpfen. Eine Ehre? Vielleicht...im schlimmsten Fall einfach nur das notwendige Übel.
Frische Schneeflocken legten sich auf die Mähne Terons, die Kleider und die Wege, während ich den Braunen halten ließ und absattelte. Eine dichte Tanne würde ihm zumindest den Tag über Schutz gebieten und man würde sehen, wie man ihn die Nacht unterbringen konnte.
Es war an der Zeit, zunächst ein Gebet zu sprechen...

Verfasst: Samstag 23. Januar 2010, 16:42
von Darna von Hohenfels
Die Hand wandert wieder in die Hosentasche und stößt dort wie unerwartet auf das Kleinod aus biegsamem Metall. Stilles Seufzen, als ich das Armband umfasse und es raus ziehe. Es sieht aus, wie alle anderen: silberne Armbandglieder, einer flachen Kette gleich, in der Mitte ein wappenschildförmiges Medaillon, auf dem in Tinkturen und eingravierten Konturen das Hirschwappen von Elbenau zu erkennen ist.
Es sieht aus wie alle anderen und erweist sich dennoch als einzigartig, als ich das Medaillon drehe, um mit dem Daumen über die Gravur innen zu streichen:
"Leah Da'Kaar
Knappin der Paladina Lady
Darna Freiherrin von Elbenau"

Es tut weh, über dieses Metall zu streichen, denn ich weiger mich, es als Unreife anzusehen, als bockige Geste. Ich glaube ihren Worten nicht - genauer gesagt, Cyrions Worten. Es ist eine Seite der Geschichte, die ich akzeptieren muß, doch ich würde endlich mal gerne Leahs Seite hören. Ich glaube dem Bild nicht, das Cyrion malte.
"Ähmm... wir haben eben über Leah gesprochen. Und sind zu dem Schluss gekommen, dass nur Erfahrung Leah vor sich selbst retten kann." In diesen Momenten gaben sie mir den Armreif. Im ersten Augenblick verstand ich nicht einmal den Zusammenhang. Was sollte mit Leah los sein? "Meines Wissens nach ist sie nach wie vor Eure Knappin. Mit keinem Wort lehnte sie dies ab." Ich schaute auf, sah Cyrion irritiert an. Na aber hallo ist sie noch meine Knappin, was gibt es denn da in Zweifel zu stellen?! Cyrion fuhr fort: "Auch wollte sie ursprünglich weiter im Haus arbeiten, aber sie möchte wohl meiner Person nicht begegnen."
Weiter im Haus... aber nicht mit Cyrion. Armreif. Ein einfaches Symbol: "Tschüß." Mir schoß das Bild Saveas vor Augen, wie sie sich nur noch gerüstet daheim bewegte, weil sie erklärtermaßen wegen seiner seltsamen Ansichten Cyrion als Wächter nicht zutraute, die Sicherheit zu gewährleisten. Etwas, was wie ein Dorn im Fleisch steckte. Sich trotz Wächter - nein, wegen des Wächters! - im Haus nicht sicher zu fühlen, das ist hart. Und ich hatte nie die Zeit, mich mit diesem längst erwachsenen Menschen, der einen eigenen Wust an Überzeugungen und Glaubensauslegungen hatte, selber zu beschäftigen, zu entwirren, zu hinterfragen, aufzuzeigen, zu belehren... schon bei der Vorstellung entringt sich mir ein leises Ächzen, weil es so einen Berg von Arbeit darstellt. Allein seine Vorstellung von Temora, als hätte die Herrin wie jeder Mensch abends Feierabend und würde es sich irgendwo in einem Sessel bei Tee und Keksen gemütlich machen... brrr.
Ich weiß um sein redliches Herz, um seine naive Art, die sich manches Mal als Schwäche erwies und ihn sowie uns in Schwierigkeiten brachte, aber er bemüht sich und will das Richtige tun. Seine Ansichten würdem jedem Priester wohl das kalte Grausen bescheren, aber er glaubt an Eluive, er ehrt die lebenshütenden und -spendenden Prinzipien, nicht das Böse. Er hat verschrobene Prinzipien, aber er hat Prinzipien. Gute Prinzipien. Mir reicht das. Aber reicht es auch den anderen? Offenbar nicht. Savea reichte es nicht. Und Leah wohl auch nicht, den Beweis habe ich in der Hand, nicht wahr?
Ich fühle erneut dieses Gefühl, als lege sich mir eine Schwertspitze an die Kehle, denn scheinbar wurde eine Forderung in den Raum gestellt: "Leah oder Cyrion. Beides zusammen geht nicht."
Und haben sie Recht? Ist es so schlimm? Bin ich zu blauäugig und übe zuviel Nachsicht gegenüber Cyrion?

Vielleicht irre ich ja, habe irgendwas überhört. "Ist das ihr Armreif?"
"Ja."
"Warum?"
"Hmm... sie war wütend auf mich, als sie ging. Sie wollte mich fordern. Ich lehnte ab... ich halte es für durchaus möglich, dass sie mich nicht sehen will."
"Hat das noch mit diesem komischen Streit zu tun, den Ihr erwähntet?"
"Ich sah sie seither nicht mehr im Haus. Also ja."
Warum habe ich da nicht genauer hingehört? Weil es banal schien. Weil es nicht der erste Zank war. Und es schien absurd - Leah hat als Knappin formal noch kein Recht, selber jemanden zum Duell zu fordern, das scheint ihr nicht bewusst? Oder war es ihr egal? Das wiederum wäre so unreif, so privat... was himmelnocheins ist nur los mit den beiden? Ich will nicht glauben, daß Leah sich einfach nur unreif mit Cyrion zankt. Und auch will ich nicht glauben, daß er so erwachsen darüber stünde, wie er gerade tut.
"Und was soll 'vor sich selbst retten' heißen?", hake ich kritisch nach. Jemanden vor sich selbst retten, das ist die Entmündigung eines Menschen. Leah entmündigen? Ärger regt sich.
Adrian und Cyrion wollen es mir erklären, als hätte Leah noch nicht genügend Lebenserfahrung, und würde alles bis ins Tiefste verdammen, nur weil jemand nicht zu hundert Prozent den Lehren Temoras folgt.
Oh, jetzt denke ich, zu verstehen... sicher, es wäre noch ein Gespräch mit Leah wohl wert, um ihr den Blick weiter zu öffnen dafür, ob jemand im Herzen dem Guten folgt, und was dies wert ist, auch wenn er den Namen der Götter dabei nicht im Munde führt. Aber nein, Cyrion, fang du mir nicht an, so zu tun, als gäbe es an dir gar nicht so viel zu bemängeln und als wäre das alles ungerecht, oh nein! Und wie du auf sowas reagierst, weiß ich inzwischen ja auch schon... Doch, plötzlich kann ich mir sehr gut vorstellen, worüber Leah hätte in Wut geraten können. Könnte ich es nur direkt von ihr erfahren - aber sie ist nicht hier. Und es ist Zeit, dem Ansinnen einen Riegel vorzuschieben, mir hier nur eine Seite erzählen zu wollen und Leah - meine Knappin! - für nicht zurechnungsfähig zu verkaufen!

Zeit, Leah nicht vor sich selbst, sondern vor Cyrion zu schützen!
"Es geht um ihren Zweifel an meinem 'verkorksten Glauben' und darum, dass ich sie nicht verstehe, es eigentlich nicht soll oder vielleicht doch. Sie nicht beachten soll und dann wieder doch... kurz um... eine verwirrte Frau."
Zeit zum ersten Konterschlag: "Euer Glaube ist verkorkst, Cyrion." - "Temora hat keinen Feierabend!"
"Meinen Dank... Es ist schön, zu erfahren, daß meine Studien in diversen Bibliotheken etwas zustande gebracht haben."
"Das kommt darauf an, was du gelesen hast und was du für Schlüsse aus dem Gelesenen ziehst - ohne Begleitung und Interpretation kann es den ganzen Unfug in deinem Schädel auch womöglich nur verschlimmern."
"Wenn die Studien nach Euren letzten Äußerungen stattfanden, über die wir wenig erfolgreich diskutierten, wäre es vielleicht wert, diese einmal neu zu erörtern.
Aber damit eines klar ist: ..."
Ich lehne mich etwas vor, in Fahrt geraten. Meine Entscheidung ist gefällt, so ich zu einer Wahl gezwungen wäre, würde ich hier und jetzt eine fällen, an der es nichts zu deuteln gibt, denn bevor ich mir an einem schwarzen Schaf meine brave Herde gänzlich vergraule, hat ein schwarzes Schaf zu gehen. Ist der Apfel unrettbar faul und droht andere anzustecken, wird er entfernt.
"Ehe Leah geht - geht Ihr." Ich lege den Armreif verdeutlichend auf den Tisch. "Und das darfst du ihr selber beibringen, Cyrion. So falsch, wie du Leahs Einstellungen hinstellen willst, gar als Verrücktheit, so können sie nicht sein, das glaube ich einfach nicht."
Ich beobachte, wie Cyrion überrascht blinzelt und nehme es mit gewisser Genugtuung wahr.
"Das sagte ich auch zu ihr, daß dies offensichtlich sein. Deswegen ging sie vorweg."
"Wie... 'vorweg'? Häh?"
"Ich hielt es für übereilt, aber... wenn ich sie verstehen würde, hätten wir..."
Oh gute Göttin, jetzt läutet es auch noch am Tor. Adrian will sich zur Ruhe begeben. Und Cyrion plappert weiter: "das Problem nicht. Sie sagte mir, ich verstehe sie nicht. Dann sagt sie, sie will gar nicht, dass ich sie verstehe... Versteh das einer, ich nicht."
"Lady, es hat geläutet..."
Hast Recht, Cyrion. Ich verstehe auch gerade nichts. Schluß jetzt!
"Ihr klärt das", fordere ich, "Wie, ist mir egal. Geht es nicht, habt eher Ihr ein Problem als sie. Mir reichen diese Kabbeleien."
Kinderkram. Kann nicht einmal Frieden zuhause sein? Müssen sie das auch noch hier mit ins Kloster rein schleppen? Schön, wenn das Kloster für die Menschen da ist, aber dieses kleinmütige Hausgezanke und -gejammer hat hier doch nichts zu suchen! Meine Güte, als gäbe es nichts Wichtigeres... Raindri hatte recht, egal wo ich bin, der halbe Haushalt kommt hinterher gelaufen und das Geschnatter geht auch woanders los wie da.
"Lady, an der Tür steht Viola."
Och nö. Leah, wo bist du?!

„Du verstehst nicht...eben weil sie mich wählen würde, gehe ich. Ich bin am Ende des Weges mit ihr, die Ausbildung ist beendet. Meine Treue muss ich nicht durch ein Armband noch beweisen. Sie brauchen einen Hauswächter, jemand, der auf sie Acht gibt. Und du brauchst die Umgebung, die Lehre hier im Haus und die Menschen. Und das Letzte, was dieses Haus gebrauchen kann, ist Misstrauen in den Wänden...da draussen sind genügend Menschen, die ihnen schlechtes wollen.“

„Aye. ich brauche sie, das stimmt.“

Wo Leah war? Mir einen Schritt voraus, einen Ganzen, und ich weiß es nicht. Sie wusste, wie ich die Figuren ziehen würde und war bereits ein Feld beiseite gegangen, bevor ich kam.
Wüsste ich davon, ich wär stolz auf dich.

Verfasst: Samstag 23. Januar 2010, 23:43
von Leah Katuri
Göttin, Temora, Herrin,
Stähle meine Hand zu Heldentaten,
damit ich in dir und durch dich rasch unermüdlich die Waffentaten
edelster Liebestreue unternehme und glücklich vollbringe.
Umgürte meine Lenden mit dem Schwerte deines Geistes,
rüste mich mit ebenbürtigem Mute,
um im Tugendstreit tapfer und ehrenhaft zu stehen
und fest gegründet in dir, unüberwindlich an deiner Seite auszuharren...

Worte des Gebetes, die einem Ruhe schenkten, Kraft und Besonnenheit. Sie sollten es eigentlich und doch merkte ich, wie unkonzentriert ich im Eigentlichen war. Mein Blick hob sich, fixierte das Ankh und letztendlich die Bodenplatte, die fein gemeißelt das Symbol des Temorakreuzes darstellte: Geistigkeit. Die Tugend, die ich früher nie verstanden hatte und immer stets als bloßes Lernen von Phrasen, Richtlinien und Ordnungsmäßigkeiten eingestuft hatte. Es schien auf den ersten Blick so und ließ mich daran erinnern, wie sehr ich die letzte Zeit von Milady getriezt wurde im Abfragen meines Wissens. Wie lauten die Smbole der Tugenden und wo liegen die Schreine? Wie lauten die Namen der sieben Kinder? Wer von ihnen wird welcher Tugend zugeordnet? Was beinhaltet der diamantene Kodex?
Was wäre, wenn Ich heute nicht so wäre, wie Ich bin??? Unzufrieden schwebte die Frage im Raum und ließ mich nicht los. Natürlich, die erste Antwort schien einleuchtend: Ich wäre ein anderer Mensch, würde anderen Prinzipien folgen und Ansichten. Ich wäre nicht Knappin, hätte vielleicht nie die Wertschätzung der Tugenden gelernt mit ihren Geschichten dazu. Die sieben Kinder waren alle etwas besonderes...und für mich weitaus mehr, als manch einer erahnen konnte. Sie waren es; sie und ihre Geschichten, die aus mir machten, was ich nun war. Mit ihren Geschichten hatte Milady das Licht in mein Herz eingelassen, hatte meine bisherige Welt aus Glas zerbersten lassen und die falschen Spiegelbilder, die so lange richtig schienen, zerstört. Erste Schritte in einer neuen Welt...eine Welt, die unwirklich schien und jederzeit wieder Lüge hätten bedeuten können. Ich entsann mich allzu gut den Tagen im Kloster, in denen ich keinen Schritt hinauswagte, allein vor Angst, dass nur durch die Worte alles nun anders aussehen könnte und ich nichts mehr wiedererkennen würde.

Was wäre, wenn Ich nicht Ich wäre? Gab es Menschen, die sich wünschten, ich sei anders? Andreas hatte einmal geäußert, er würde es gern sehen, wenn ich öfter lächelte. Seltsam...einzig bei ihm war es mir nur noch möglich, mich ausgeglichen und entspannt zu fühlen. Ich konnte mich geben, wie ich war und mit ihm zusammen lachen. Momente, die man am liebsten anhalten und nie wieder freigeben wollte. Mensch sein...Ich sein. Doch sah ich mein Handeln bei Anderen als Zwang an?
War es Anstrengung, die mein Verhalten erzwang? Oder warum gab ich mich distanzierter bei Anderen? Mir fiel kein Argument ein, die jenes bestätigen würden. Es stärkte mich eher, gab mir Sicherheit, wenn ich höflich und mit respektvollen Worten an die Leute heranging. Es hatte sicher seine Zeit gebraucht und Hochgeboren von Dornwald hatte auch ihre liebe Not mit Liralia und mir wohl gehabt, doch zeigte bald die Arbeit ihre ersten Ergebnisse, um letztendlich in ganzer Reife zu glänzen. Keineswegs perfekt, denn man lernte wohl ein Leben lang...doch die Haltung und das Wählen der Worte gab mir die Sicherheit und auch die nötige Fassung, um bestehen zu können.

...Bringe all meine Kräfte in Verhältnis zu den Unternehmungen,
die ich, um deine Liebe zu erringen, wagen muss.
Festige meinen Glauben zu dir,...

Die Geistigkeit bedeutet stetes Lernen im Einen, im Anderen jedoch auch das ständige Reflektieren des Gelernten. Stures Auswendiglernen konnte noch so viel Wissen voraussetzen...was würde ich mit Wissen anfangen können, dessen Inhalt ich nicht ergründet hatte und geprüft? Man musste doch auch vertreten, was man wusste und letztendlich glaubte. Es war die Frage des Blickwinkels der Wahrheit, die sich mit in diese Sichtweise hineinschlich und mir wieder einmal keine Ruhe ließ. Hatte ich einen falschen Blick auf die Wahrheit und ignorierte schlichtweg die, die Cyrion als seine, die richtige für ihn, erachtete?


„Ich red davon, wenn er Freunden helfen will. Leuten von denen du meinst, das er die Finger von ihnen lassen sollte. Im Gegensatz zu deiner Ansicht schafft er es tatsächlich oftmals, Leuten zu helfen, doch wie es vielen Menschen zu eigen ist, kann er zwar anderer Leute Probleme lösen, aber bei den eigenen hat er schlichtweg kein Glück...“

„Seine Erlaucht ist auch ein Freund Miladys...und in sowas ist es meine Pflicht, sich einzumischen.

„Die Kinder, die damals auf dem Sklavenmarkt verkauft werden sollten. Rafe, als er verschwand, die suche nach dir. Fälle, bei denen er ein Mittelsmann war oder ein Diplomat und Leute, die bis zum Hals im Schlamm sassen, rausgeredet hat. Das alles... habe ich nicht vergessen. das alles übersiehst du fleissig. Du siehst nicht das Licht. Du siehst das Dunkle.“


Reflektieren und über das Wissen nachdenken, dessen man sich bemächtigt hatte. Es schien einfach mit Wissen, das in Büchern stand, war jedoch weitaus komplizierter, wenn es um Aussagen einer Person ging...vor allem, über eine Person. Was wusste ich über Malachai und warum dieses Misstrauen in ihn? Weder das Ankh, noch die Bodenplatte oder der Schrein würde mir Antwort darauf geben können...doch die Zeit an jenem gab mir Möglichkeit, darüber nachzudenken und das ganze von verschiedenen Blickwinkeln betrachten zu können:
Es gab verschiedene Punkte, die mich an diesem Mann störten. Er hatte damals Marik aus dem Bett Cyrions stehlen wollen, in jener Zeit, in der er noch mit seiner Erinnerung kämpfte und kaum wusste, wie sein Leben ausgesehen hatte in vergangenen Tagen. Eine riskante und vor allem viel zu gefährliche Handlung desjenigen, der sich auch Schattenlord nannte. Und mit jenem Titel hatte er jegliches Vertrauen verloren. Wie konnte man jemandem vertrauen, der, wie er meinte, sich um ein “Gleichgewicht“ auf der Welt bemühte? Es hieß doch letztendlich nichts anderes, als dass er seine Loyalität wie die Flagge im Wind die Richtung änderte und stets man damit rechnen musste, dass der angebliche Freund bereits morgen dein Feind sein konnte. Malachai und ich hatten still das Abkommen des gegenseitigen Respekts abgeschlossen, bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich Cyrion aus seinem Werben entließ. Es bestand kein Zweifel daran, dass er mich auch stets eher kritisch betrachtete als wohlgesonnen. Stets fürchtete er wohl um einen Verrat, den ich ausführen konnte; welcher Art, blieb mir jedoch verschlossen....nur das Wissen, dass auch Malachai jemand Anderen in mir sah, als er gegenüber Cyrion wahrscheinlich vorgab. Wir beide hatten uns stets umlauert, begutachtet und ständig wieder in den Aussagen geprüft.
Mein Blick auf die Bodenplatte war es wohl auch letztendlich, der mir aufzeigte, was es war; welcher Punkt, warum ich dem Mann nicht das schenken konnte, was Cyrion zu sehr beanspruchte.
Geistigkeit...es war schlichtweg die Ignoranz gegenüber den Göttern und ihrem Dasein. Wie oft hatte Malachai die Namen der Herrin, ihrer Mutter und Brüder in den Schmutz gezogen und verflucht? Wie oft hatte er sich aufs schändlichste geäußert, ohne dabei die Gegenargumente für ernste Punkte zu erachten. Ein leichtes, sämtliche Punkte einfach abzulehnen und als Unwichtig zu deklarieren. Es war wie auf jener Insel, als ich meine nervenaufreibenden Gespräche mit “José“ geführt hatte. Doch bei Malachai hatte ich noch nicht die Geduld, mich den ständig wiederholenden Phrasen zu stellen und sie von anderer Seite zu entkräftigen. Letztlich wäre es jedoch vergebene Mühe...
Nein, aufgeben durfte und konnte ich keinen, aber man musste wissen, wo die eigenen Grenzen waren und man aufhören sollte. Und eben weil ich ihn aufgab, begegnete ich ihm lieber mit Vorsicht als zu viel Vertrauem. Weil er wie die Fahne im Wind war...ohne Glaubensrichtung, ohne Reichstreue und ohne Aufrichtigkeit. Weil er strikt auf seinen Egoismus vertraute und niemandem sonst es schenkte. Einen Fluch nannte er einst sein Dasein...Es war einer, jedoch nur, weil er es selbst so wählte und lebte.

...damit ich ungeachtet meiner Schwäche
voll Herzens und der Tapferkeit jenen Grad der Liebe erkämpfe,
die mir den Zutritt eröffnet zur Stätte der innigsten Einigung mit dir.
Göttin, Herrin, Temora,
erkenne meinen Dienst und meinen Weg und betrachte ihn als den Deinen.
Denn all meine Liebe, mein Herz und Geist wird fortan sein in dir.

Es war eine lange Nacht. Eine Nacht, in der ich mehr als einmal zu meinem Hengst ging und ihn zu beruhigen suchte vor den Geräuschen der Nacht und der Kälte. Eine Nacht, in der ich immer wieder die Schriften im Raum des Schreines hervorholte und die Zeilen überflog, um sie mit dem Wissen, jene Äußerungen bereits zu kennen, wieder zurückzustellen. Es machte mir nichts aus, nur wenige Stunden letztendlich in dem schützenden Raum des Schreines wegzunicken und bereits im frühen Morgennebel wieder aufzusatteln. Es war schon fast normal, seit ich lieber die Nachtdienste gewählt hatte im Regiment statt sich auszuruhen für den kommenden Tag und mögliche Aufgaben im Haushalt. Ich fragte mich manchmal, ob es Milady auffiel, wie wir mehr oder minder stets im Kampf lagen, nicht aufzufallen und so die unmöglichsten Lösungen suchten, um letztendlich mit Verstrickungen von Notfallplänen zu Rande zu kommen. Auch meine Nachtdienste waren eher ein kleineres Übel gewesen, als ich es als besser erachtet hatte, zunächst Ira nicht allzu oft zu begegnen. Sie trieb stets die Sorge in mir wieder auf; fürchtete ich doch, dass sie von einer Schwierigkeit nur allzu gern in die Nächste geriet. Und auch wenn es stets versichert wurde...so war ich mir nicht sicher, ob genügend wachsame Augen auf ihr lagen. Sie war nachts unterwegs...an jenem Abend, an dem ich das Nötigste zusammengesucht und in die Satteltaschen gepackt hatte, war sie kurz am Anwesen und hatte etwas mitgenommen, um mit fadenscheinigen Aussagen wieder wegzuhuschen. Es hatte meine Wut wieder geschürt, als ich gesehen hatte, dass von Cyrion keine Regung ausging. Doch sie selbst zu verfolgen war mir auch nicht in den Sinn gekommen...eine Sache, die man mir sicherlich zuschreiben vermochte und ein Fehlen war, ja. Ich hoffte, dass man sich ihrer weiter annahm und ihre kindliche Sturheit langsam aber sicher weichen würde in Erkennen. Man konnte niemanden zwingen...man musste geduldig sein und hoffen, dass der Andere es verstehen würde...irgendwann.

Ich ließ den Schrein rasch hinter mir, um mich bereits am Morgen am Schrein der Gerechtigkeit wiederzufinden. Die Waage, das Symbol jener Tugend, war auch hier in eine schlicht gemeißelte Kontur auf einer Bodenplatte vorzufinden. Das Kloster in der Nähe wissend, mochte ich kaum erahnen, welch Vorgänge sich abspielten dieser Tage, in denen ich die Ruhe suchte. Wäre auch nur die leiseste Ahnung in mir gewesen, der kleinste Verdacht...man hätte mich an dem Bett des Knappen vorgefunden, um für ihn da zu sein...oder weiterhin in dem Drängen, das Auffinden der Rabendiener zu beschleunigen und zu sühnen. Wäre jenes gerecht? Diese Seelendiebe ihrem Urteil zuzuführen und durch die Klinge sterben zu lassen?
Es klang im ersten Moment so einfach und die Aussage wurde runder statt zweifelhafter mit jedem Nachdenken. Sie waren stur in ihrem Denken, ihrem Handeln...sie säten Zwietracht, verbreiteten Schmerz und Leid, streuten den Wahnsinn in die Köpfe der Menschen und raubten letztendlich deren Seelen, um sie einem Dämon zu weihen. Ob ihre Seelen noch zu retten waren? Es war zu bezweifeln und eher anzunehmen, dass auch sie einst die Feuerpforten der Höhlen durchqueren würden, in denen Kra’thor weiterhin jene Seelen aufnahm, die verloren waren. Ein Gedanke, den man gern schaudernd verdrängen wollte und doch präsent blieb...es zeigte wieder, dass jeder Kampf, auch im Kleinen, einen Menschen, eine Seele retten konnte, wenn man sich bemühte.
Das Gebet war schlicht und still gesprochen worden. Es war nicht der rechte Zeitpunkt, um weiteren Gedanken nachzugehen. Zu sehr hingen noch jene des Tages zuvor in meinem Schopf und es eilte eher, etwas frisches Gemüse für Teron aufzutun. So wählte ich einen Hof wieder nahe des Hauses Cyrion, um den Hengst ausruhen zu lassen und selbst etwas Speiß und Trinken zu erbitten, entsprechend natürlich mit einem Entgeld dafür...



(Gebet: Abwandlung nach "gebet einer Frau um Kraft" von gertrud der grossen)

Verfasst: Sonntag 24. Januar 2010, 23:01
von Leah Katuri
„Ich sag dir, das ist kein normales Mädchen...die benimmt sich viel zu gut, als dass das so ein Blag ist, wie du se in die Welt gesetzt hast!“

„Als ob der König bei uns vorbeischaun und speißen würden...Du siehst Gespenster!“

„Ich sag dir, da ist was faul...eindeutig!“


Natürlich waren da die Blicke und das Misstrauen. Eine einfache Pilgerin, Reisende, die sich so korrekt höflich verhielt und auf jedes Wort achtete, dass sie sprach? Es passte nicht in die Welt des älteren Pärchens, das den kleinen Hof bewirtschaftete. Die dicke Schicht an Schnee hatte das Feld bedeckt, auf dem man im Frühjahr die ersten Schößlinge und im Sommer die ersten reifen Erträge vermuten konnte. Ich kenne noch die Zyklen, weiß, wie der Winter mit einer der ruhigsten Momente auf einem Hof sein kann. Und trotzdem gab es immer wieder etwas zu tun: Man widmete sich endlich den Reparaturen, die man während der Erntezeit aufschieben musste, schlägt Holz in den nahen Wäldern, versorgt die Tiere und widmet sich dem Einkochen von den Gütern, die man nicht veräußern konnte oder wollte. Der Hof war klein und überschaubar; an Vieh gab es einige Kühe, zwei Schweine und einen älteren Esel, der eher wohl seinen Ruhestand genoss als wirklich noch vor den Karren gespannt zu werden. Es war eben jenes Bild, was den Schluss aufkommen ließ, am „rechten“ Platz angekommen zu sein, bei guten Leuten, die im Grunde nichts Schlechtes wollten. Man redete vielleicht, man sah etwas skeptischer hin und versuchte zu verstehen, warum jemand wie Ich dort sein konnte, aber man plante nicht weiter etwas boshaftes.

„Die Nacht über? Ach Väterchen, du willst das junge Ding doch nur im Blick haben, um deine Märchen wahr sehen zu lassen!“

„Ach du hast doch keine Ahnung...ich sags dir, da is was faul...das Mädel ist sicher von irgendwo geflohen und muss sich nun verstecken!“

„Du und deine Geschichten...“


Zurückzudenken, diese Geste anzunehmen, lässt mich immer noch tief durchatmen. Nicht wegen der Beiden und auch nicht wegen dem Genuss eines Bettes in der Nacht, oder weiterem Proviant, sowohl für mein Pferd, als auch mich. Nein, da war dieser schale Beigeschmack, dass noch jemand mich beobachtet hatte und ich konnte es nicht zuordnen. War es nur mein schlechtes Gewissen, welches drängte und verurteilte? Dass ich die Gastfreundlichkeit nicht hätte annehmen sollen? Meine Gedanken waren immer noch schwer von dem Tag am Schrein der Geistigkeit und irrten fröhlich vor sich hin, ohne zu einer Lösung zu gelangen. Es schien im Gesamten, dass sich mehr und mehr Fragen auftaten, als Lösungen. Neue Zweifel? Oder schlichtweg neue Blickwinkel, die sich mir erschlossen und so neue Fragen unabwendbar waren?

Schweigen, nachdenken, beten. Nach der Nacht am Hof des alten Ehepaares hatte ich jenes Leben gewählt und oft Teron einfach lose durch die Wälder reiten lassen. Oft sah ich die rötlich schimmernden Steine, die mir anzeigten, dass Ich mit nur wenigen Schritten auf dem Gebiet Rahals sein konnte. Wie eine unsichtbare Mauer fungierten jene Steine, erbrachten mehr Respekt und Abstand, als jeder Zaun es wohl schaffen könnte. Ich wusste nur zu gut, welch Leid und unbarmherziges Handeln in dieser Stadt vor sich ging; wie die Menschen in Furcht leben mussten und nicht wussten, was das rechte Handeln war. Vielleicht durften sie es nicht wissen oder konnten es schlichtweg nicht. Immer noch bleibt es mir verschlossen, wie so viele Menschen irregeleitet ihr Leben führen können...und doch, es wird sie stets geben. Stets wird die Saat Paias in manchen allzusehr reifen und heranwachsen. Und stets wird es immer wieder den Kampf zwischen Gut und Böse geben... Wenn es nur so einfach wäre, Gut und Böse immer sofort zu erkennen, klar trennen könnte und dann entsprechend zu handeln.

Und nun? Der Schnee knirscht unter den Hufen Terons, während ich ohne wirkliche Aufmerksamkeit den Weg vor mir fixiere. Die letzte Nacht hatte ich unter dem klaren Horizont und den Sternen verbracht. Glücklicherweise hatte ich wohl nicht zu übereilt das Haus verlassen und daran gedacht, mir entsprechend Zündhölzer in die Satteltasche zu legen. Feuer schützt vor Kälte, vor Dunkelheit, vor wilden Tieren. Es ist so lange her, dass ich die Nacht wirklich draussen verbringen musste. Wie naiv ich doch noch war, wie unwissend...Ich hatte jahrelang mit einer Schuld gelebt, die keine war und doch mir im Herzen schwer saß wie die reinste Sünde. Meistens blockierte man doch selbst sein Handeln, indem man sich selbst und sein ganzes Sein anzweifelt. Letztendlich...meine Reise bis nach Gerimor war in gewisser Weise das Beste, was geschehen konnte. Denn hier lernte ich endlich mich kennen und das, was mich ausmachte. Wie meine Mutter mich wohl heute sehen würde? Ob sie stolz wäre? Ich konnte es zumindest sein; keiner meiner Taten war zu bereuen und allein jenes machte schon aus, dass ich mit mir im Reinen war.
Ein Knacken im Unterholz lässt mich aufblicken und an den Zügeln ziehen, sodass Teron schnaubend innehält. Der Atem des Hengstes bläht sich dampfend aus den Nüstern und löst sich nach einigen Momenten in der klirrenden Kälte wieder auf. Der Wald scheint ruhig, friedlich in gewisser Weise...wie eine weiße Decke liegt der Schnee auf der Ebene, hüllt die Umgebung in einen Schlaf der besonderen Art und spiegelt so das perfekte Bild eines friedlichen Ortes wieder. Mein Blick streift über den Boden, sucht nach Spuren oder Anzeichen weiterer Bewegung in den dürren Strauchästen am Rand des Trampelpfades, den ich gefunden hatte. Ältere Spuren von Hasen, die wohl am Vormittag hier herumgestreunt waren...mehr wies mir der Boden nicht auf. Ich zog den ledernen Schutz etwas mehr nach oben über den Nasenrücken, wartete noch einige Momente und lauschte nach einem weiteren Geräusch, ehe ich dem Hengst einen Schenkeldruck gab, um weiter den Pfad entlang zu reiten. Wieder dieses Gefühl im Nacken, beobachtet zu werden...doch diesmal drängender, nagender. Ich ließ die Kapuze des Umhangs in den Nacken gleiten, nur um sofort die eisige Kälte und den Wind zu spüren. Doch mein Blick sollte offen sein, wenn der Verdacht sich bestätigen würde. Man musste vorsichtiger sein, wenn man ungerüstet war und nur, wie ich, ein Schwert dabei hatte. Langsam setzt sich meine Rechte auf den Knauf des Schwertes, während ich mit meiner Linken die Zügel fester umgreife und weiterhin in dem Schritttempo blieb. Ein Steigern des Tempos würde bedeuten, ich hätte etwas bemerkt...vorausgesetzt, es gibt etwas zu bemerken.

Manchmal wünscht man sich, einen Moment rückgängig machen zu können. Ein Fehler, den man auf ewig bereuen würde, ewig sich vorwerfen konnte. Doch waren es nicht die Fehler, die sich schließlich in Erfahrung wandelten und uns zu dem machten, was wir waren? Entwickelten wir uns nicht erst aus dem Verfehlen und Scheitern? Manch einen mochte es zerstören, den anderen wiederum stärken... Ich bereue im Nachhinein keine Taten, kein Wort und keine Handlung. Es gab unüberlegte Handlungen, doch im Nachhinein waren auch jene ein Teil der Erfahrung, aus denen ich eine Lehre ziehen konnte.

Vielleicht ist es auch diesmal ein Fehler, dass ich diese Zeit der Reise gewählt habe. Dass ich den Weg weg vom Anwesen, statt der Konfrontation wähle. Doch was würde daraus resultieren? Ohne klaren Kopf und meiner eigenen Bewusstwerdung wäre es wieder eins: Streit ohne Aussicht auf Klärung. Zumindest einer von uns beiden sollte einen klaren Kopf haben, sachlich die Argumente anzubringen und jegliches Gefühl zurückdrängen zu können. Ich kenne seinen Sturkopf nur zu gut und auch, wie leicht er mich damit zur Weißglut bringen konnte. Der Abend hatte gezeigt, wie ausgelaugt ich an Kräften war und dass ich sie falsch aufgeteilt hatte....die Sorge um Ira, das ständige Hin und Her ihres Handelns und den Zwist, den ich ihretwegen auch mit Andreas noch gehabt hatte. Cyrion hatte sprichwörtlich mich auf dem falschen Fuß erwischt und mich in einem verletzbaren Moment angegriffen. Ein Moment, in dem ich zu viel Herz gezeigt hatte...statt den Kopf entscheiden zu lassen.

Es dauert genau zwei Sekunden, in denen ich das nächste Knacken vernehme und dann das sich zusammendrücken von Schnee...schnelle Schritte in meinem Rücken, die sich nähern. Das Pferd wendend, lass ich den Blick registrierend geradezu in sämtliche Einsehwinkel fliegen, um letztendlich die Quelle auszumachen: Wilde Hunde...

....

Wild schnaubt Teron aus, als er unruhig innehält und ich mehr von ihm runterfalle statt abzusteigen. Ein leises Zischen entfährt mir, als ich mich der Schwerkraft hingebe und auf die Knie sacke. Fünf waren es gewesen. Keine Wölfe, dafür war ihre Statur zu klein, die Figur zu mager und das Fell nicht in der sonst üblichen Färbung eines Wolfsrudels. Und dennoch...verkenne niemals hungrige Tiere. Ich weiß nicht, ob mir eine Gruppe Diebesgesindel lieber gewesen wären, als diese Viecher; beides hatte wohl seine Vor- und Nachteile, wenn man ein Übel wählen musste.
Der Schnee färbt sich...färbt sich in einem Rotton, der mir nur zu bekannt ist. An der Stelle, an denen die Hunde entschieden hatten, anzugreifen, war der Schnee nun auch in dunkles Rot getaucht, mitsamt der Tiere, die sich der Klinge gestellt hatten. Dreimal musste ich töten, bis sie endlich begriffen, dass es wohl besser war, abzuhauen, als weiterhin sich um Beute zu bemühen. Ob die beiden wohl den Winter überstehen würden? Sie sahen nicht unbedingt gesund aus und genau jenes könnte auch nicht sonderlich förderlich für mich sein...
Mühsam richte ich mich auf, halte mich am Sattel fest. Die Maske, die Schutz gab für den eisigen Wind, hatte ich hinuntergezerrt, als ich Teron die Sporen gegeben hatte und losgesprescht war, um von dem Platz so schnell wie möglich wegzukommen. Einzelne Strähnen hatten sich aus dem strengen Zopf gelöst, kleben nun an meiner Stirn fest, die sich heiß und schwitzig anfühlt. Ich suche die Ordnungsmäígkeit in meinem Atem, mahne mich zur Ruhe. Es waren nur Tiere, sie waren nur auf der Suche nach etwas zu fressen...nicht die Nerven verlieren! Ich ignoriere die eigenen Schmerzen, suche zunächst an Teron mögliche Bisswunden und finde an den Hinterläufen leichte Spuren jener. Eine Sache, die schnell zu verbinden war und sich bei allem Glück, das man haben konnte, nicht entzünden würde. Der Blick gleitet weiter hinunter, bleibt nun an den eigenen Stoffen hängen und sucht...
Der Umhang hatte einen Teil seines Stoffes einbüßen müssen, ich kann nicht benennen, ob einer der Hunde ihn weggerissen hatte oder einer der peitschenden Äste bei dem schnellen Ritt aus dem Wald hinaus. Der kurze Mantel wies einen weiteren Riss auf und ich spürte deutlich, dass am oberen Kragen das Hemd gelitten hatte. Erstaunlich, wie hoch diese Viecher kommen konnten...wenn Hunger sie anscheinend trieb. Endlich widme ich mich dem Ärmel, der die dunkle Färbung aufweist und krempel den Stoff des linken Unterarms hinauf, nachdem ich die Handschuhe abgezogen habe. Ein Anderer hatte sich festgebissen nach einem halbherzigem Sprung, zum Glück in den Arm, den ich hochriss, um Teron aufbocken zu lassen und durch die Größe des Pferdes einen Versuch der Einschüchterung zu unternehmen. Halb hilfreich...ich hatte so nur den Einen am Hals, der meinen Arm nicht so schnell hergeben zu wollen schien und konnte mit meiner Schwerthand ihm mit voller Kraft in den Hals stechen...fast seltsam, dass es mir noch Ewigkeiten vorkam, bis das Tier losgelassen und hinabgefallen war.
Die Wunde ist tiefer als die Verletzungen Terons, jedoch scheint sie sich nur auf diesen einen Biss zu konzentrieren. Sicher, bereits morgen werden noch blaue Flecken hinzukommen und ich fürchte auch, dass ich einige Kratzer an den Beinen habe, sowie eine Prellung, jedoch Dinge, die schnell wieder vergessen sind und keine Aufmerksamkeit bedarfen. Ich reinige die Wunde mit dem frischen Schnee auf dem Boden, ziehe die Luft scharf dabei ein. Nicht nur die Kälte treibt mir den Schmerz durch Mark und Bein, vielmehr das Brennen ist es, welches unangenehm scheint. Ohne weiteres Nachdenken reisse ich rasch etwas vom Umhang weiter ab und gebe der Blutung zunächst keine Möglichkeit, sich weiter fortzusetzen. Erst jetzt gelingt das Durchatmen und Orientieren....leicht klingt das Geräusch von Brandung an mein Ohr und der Wind weht schärfer, kühler, wie es scheint. Ich nehme die Zügel des Hengstes, klopfe ihm ruhig auf die Halsseite und flüster ihm beruhigende Worte in das Ohr. Ein weiterer Schrein würde unser Lager werden und Schutz geben...wenn es sein musste, auch für die Nacht.

Verfasst: Dienstag 26. Januar 2010, 21:44
von Cyrion Sha´Ar
Schwer klopfen die Hufe meines Reittieres über den ausgefahrenen Weg. Silber klingt leise, melodisch, wo es zusammen trifft, von den Ornamenten an meiner Kleidung; von dem Geschirr Mereskas... Wir sind beide schwer beladen. Rationen für mehrere Tage, Waffen an mir und Mereskas Sattel. Sogar ein Zelt habe ich eingepackt für den Fall, das ich gezwungen bin, unterwegs wegen eines Schneesturms zu übernachten. Nicht das ich annehme, mir wird dergleichen passieren. Aber bei ihr weiss man nie, was sie tun wird. Wohin es sie verschlagen wird. Wohin ihr Weg mich führt.
Wieder jage ich ihr nach... Durch Schnee, Eis und bitterkalte Winterwinde... Unwillig diesmal, aber was bleibt mir übrig? Darna hat sich klar ausgedrückt...

„Ihr klärt das! Wie ist mir egal. Geht es nicht, habt eher Ihr ein Problem als sie. Mir reichen diese Kabbeleien.“

Die Worte klingen in meinem Geist hallend nach. Worte, die ich befürchtet hatte. Worte, von denen ich gewusst habe, das ich sie hören würde. Resigniert willigte ich ein.
Einem direkten Befehl seiner Herrin widersetzt man sich nicht, wenn es keinen guten Grund gibt. Das Leah wohl vor mir wegrennen oder mich auf ihre Hörner nehmen wird, ist als Grund nicht gut genug. Wird es nie sein. Das eine Klärung mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht möglich sein wird... Wie wenn ich sie nicht verstehen kann? Und sie mich nicht?
Schach Matt...
Ich nehme an, ich werde wohl doch mit ihr kämpfen müssen...
Nein... nicht kämpfen... Duellieren.
Nackenhaare stellen sich vor Widerwillen auf. Ein Schauder, der den Rücken hinabwandert, so das meine Beine mit einem leichten Ruck Mereska zu einem Gallop antreiben. Ein Galopp, der aber gleich wieder verfällt.
Duellieren... Was ein Unsinn. Ob man gewann oder verlor... Ein Duell konnte einen nicht dazu zwingen, plötzlich Positiv oder wenigstens Neutral über etwas zu denken, das einem missfiel. Man konnte sich nicht dazu zwingen, etwas gut zu finden, wenn man von Herzen vom Gegenteil überzeugt war.
Was eine Farce.... Und doch... ich habe sie studiert. Die Regeln des Duells. Habe sie studiert und zwei Kriegsäxte mitgenommen. Ich war gefordert worden – ich hatte die Wahl der Waffen. Aber dies würde mein letzter Ausweg sein.
Wenn ich gewann, würde ich immerhin hoffentlich nie wieder etwas über Malachai hören, was mir ein Stich in der Brust war. Selbst wenn es für sie nur erzwungen war. Nichts mit Überzeugung.

Wachen hatten mir Auskunft geben können, in welche Richtung sie ritt. Ich war überrascht gewesen, das sie überhaupt das Inn verlassen hatte – vor so langer Zeit schon. Das Kloster konnte ich von vornherein aus meinen Überlegungen streichen. Der nächste Gedanke, Lira, erwiess sich als Goldrichtig. Die Wachen bei den Toren hatten sie gesehen, kannten sie. Auch war ihr Pferd, Teron, gesehen worden...
Es war so wie immer, nur leichter... Fragen... ein wenig nachbohren. Wann war das Pferd verschwunden, wann ist sie durch dieses Tor gekommen? Kam sie zurück? Nein. Sie war weiter geritten? Wohin? Das war die Frage. Irgendwo in West-Gerimor.
Ich hatte verschiedene Orte aufgesucht. Bauernhöfe gefragt, ob jemand für Pferdefutter einkaufen war. Beim Kloster nachgefragt, ob sie mal gesehen worden war? Nein, nicht im Inneren des Klosters – draussen vor den Mauern. Ich konnte mir gut vorstellen, wie sie da eine Weile stand, zögernd, unschlüssig, ob sie hier einkehren sollte. Auch hier hatte keiner sie zufällig gesehen.
In Bajard brauchte ich gar nicht erst zu suchen. Wie oft hatte mir Leah gesagt, sie würde dort nicht hingehen. Daran hätte sich auch jetzt nichts geändert.
Doch damit hatten sich meine Möglichkeiten erschöpft. Schnee, weit und breit. Das beste Mittel schlecht hin für eine Verfolgung – aber nur wenn sie direkt an die 'Flucht' angrenzte. Sobald der nächste Schnee fiel, wurde es schwierig. Konnte gar vorbei sein. Und es war oft Schnee gefallen. Die Spur längst erkaltet. Mir blieb nur, hier und dort entlang der Strasse zu fragen. Bestenfalls noch in Kneipen, in Gasthäusern. Feuerstellen entlang der Strasse, ob ich da Spuren von Terons Hufen fand... wenn sie nicht längst wieder zugeschneit waren.

Die Zeit vergeht. Es wird dunkel und ich bin bereits bei Tyrell... Dies ist das letzte Gasthaus, das ich in dieser Gegend kenne. Mereska ist müde, ich merke es. Ich bin es auch. Müde... nein erschöpft... Die Suche für heute beendend, beschliesse ich, heim zu kehren. Waldau ist so nah... da läd ein behagliches Feuer zuhause ein.
Auf dem Weg dorthin fangen meine Gedanken wieder an zu schweifen. Wie es zu diesem Punkt gekommen war.
Ich erinnere mich an Zeiten, wo es noch anders war... Leahs Lächeln. Ihre Freude. Ihre Wärme. Ihre Liebe. Wärme in mir, wenn ich an diese Zeiten denke. Ein Mensch, den ich aufrichtig geliebt habe. Ein Mensch, mit dem ich die Zukunft gemeinsam verbringen wollte. Bittersüsse Erinnerung. Eine Erinnerung an eine Person, die nicht länger existiert.
Mein Blick schweift weiter über den Boden, während Mereska den inzwischen altbekannten Weg geht. Ich sehe Spuren, ordne sie ein... Ein unbewusstes Vorgehen, das so geübt ist, das ich nicht länger mich konzentrieren muss. Raum, der bleibt, sich mit Erinnerungen anderer Art zu füllen. Schmerzlicheren Erinnerungen.
Die Veränderung ist schleichend gekommen. Unzufriedenheit auf ihrer Seite. Irritation auf meiner. Sie erfuhr mehr von mir, und was sie erfuhr gefiehl ihr nicht. Machte es so sehr einen anderen Menschen aus mir? Anders als der, den sie am Tag zuvor noch zärtlich angesehen hatte? Ich fühle, wie mein Mund sich verzieht, wachsende Anspannung in den Wangenmuskeln. Fühle, wie Bitternis im Herzen aufsteigt ob dieser Gedanken. Anklagende Blicke. Anklagende Worte. Unzufriedenheit, Zorn... Zorn darauf, das er nicht sein konnte, als was sie ihn haben wollte. Zorn darauf, das er unperfekt war. Fehlerhaft. Einfach nicht genug.
Einfach nicht genug....
Der Gedanke hallt einsam durch die weiten meines Geistes. Einsamkeit, die ich gerade jetzt fühle. Allein gelassen... Bitterkeit, die momentan mein Sein erfüllt.
Warum war es geschehen... Eine Frage, die ich mir oft gestellt habe. Vorurteile, die meinen, nein... unseren Traum zerstörten. Mein Unvermögen, mit ihr im selben Schritt mit zu halten.
Der Beginn der Veränderung war wohl Malachai. Als sie erfuhr, wer... nein, was er genau war. Jeder Mensch, der einem auf der Strasse begegnen konnte, den man nicht kannte, war die Möglichkeit gegeben, das er den Göttern abgesagt hatte... Oder neutral im Denken war. Einer Organisation angehörte, die möglicherweise etwas an sich hatte, das man nicht gut heissen mochte. Jedem war die Möglichkeit gegeben, das man anders war. Ein potentielles Feindbild... aber darüber dachte niemand je nach. Man ging freilich davon aus, das die Leute um einen herum genauso waren wie man selbst. Das die Leute um die Freunde und Partner 'normal' waren.
Was allerdings passierte, wenn es eine Person gab, die das alles in sich barg? All die Dinge, über die man nie nachdachte im näheren Umfeld, die man allerdings mit Skepsis betrachtete, gar mit Verachtung? Und ihr ein Gesicht, einen Namen gab?
Vertrauen, das man vorher genoss, zerfiel zu Staub. Man war wer anders. Das Vertrauen, das diese Person von anderen bekam... Diese anderen mussten verblendet sein.
Man gebe dieser Person noch besondere Kräfte. Kräfte, die sonst niemand hatte. Kräfte, die dunkel anmuteten. Unnatürlich... und drum verpöhnt... Sicher nicht im Sinne der Heiligkeit, die man grad anbetete.
Damit wäre da eine mächtige Figur, die einer Organisation mit zweifelhaften Zielen angehört... nein, nicht angehört, sondern zu allem Überfluss auch noch der Kopf dieser Organisation ist. Ein potentieller Feind. Einer der frei zugegeben hatte, das er Rahal helfen würde, wenn Adoran zu stark werden würde. Der Umkehrschluss... landet irgendwo unterm Teppich. Die Tatsache, das ich nie erlebt hatte, das Adoran... oder auch Varuna... zu stark wurden, auch ignoriert. Und dieser Feind, der unglaubliches Zustande bringt... zeigt menschliche Schwächen. Eheprobleme... Ärger mit Frauen. Persönliche Probleme, die er nicht zufriedenstellend bewältigen kann. Probleme, die aus dem Ruder laufen.
Menschliche Schwäche... War es das, was sie am meisten erschütterte? Das er Fehler machen konnte? Vielleicht war es das, was sie an meinem Bruder tatsächlich am meisten hasste. Das er etwas an sich hatte, das man als 'menschlich' anerkennen musste. Menschliche Normalität in all dem, was Malachai war. Ein Streben danach, Liebe zu finden, geliebt zu werden.
Wieder grübelte ich einen Moment über diesen Gedanken, ordnete ihn als 'Möglich' ein und seufze leise, mir kalte Flocken von der Wange wischend.
Letztlich werde ich sich immer wieder von Neuem fragen, warum Malachai so für sie en rotes Tuch ist. Sicher glaubt sie, mein Bruder sei einer der Gründe, warum ich nicht 'perfekt' sein kann. Werde mich so lange fragen, bis die süsse Leah, an die ich mich erinnerte, mich nicht mehr länger beschäftigt. Ich bin frisch verliebt und denke immer noch hin und wieder darüber nach... Obwohl es mich nicht länger tangieren sollte. Lässt allerdings tief blicken...
Oder ist es vielmehr so, dass ich unbewusst fürchte, dass die nächste Frau, meine nächste Partnerin, genauso reagiert wie Leah? Vielleicht. Die Möglicheit besteht auch hier.
Gedanken über Gedanken, die mich verfolgen... Das alte Spiel, ein Lied das schon Staub ansetzt. Warum konnte Leah nicht akzeptieren?
Warum kann ich noch immer nicht voll und ganz akzeptieren, das es endgütlig vorbei ist...
Nachdenklich blicke ich nach vorne, sehe die beiden Gebäude, die mein Gut ausmachen. Es ist nicht, das ich das nicht akzeptieren kann... Wenn es das wäre, hätte ich mich nicht in Alexia verliebt. Nein... Es ist die Ablehnung, die noch schmerzt. Eben weil es vorbei ist, sollte Leah die Sache ruhen lassen. Und doch werde ich angegiftet, angegriffen... Höre Dinge, die ich einfach nicht mehr hören will. Ein Mensch, der schon auf dem Zahnfleisch geht und immer noch durch ein Spiessrutenlauf muss.
Wieder geht mir durch den Kopf, das ich mich innerlich davon abschotten sollte, überhaupt noch auf Leah zu reagieren. Gib ihr die kalte Schulter, dann lässt sie es irgendwann bleiben. Einfach gesagt. Vor allem, wenn da eine Herrin ankommt und sagt: klär das mit ihr!
Den Kopf schüttelnt, kräusel ich die Lippen. Nein.. diese Jagd nach Leah gefällt mir wirklich nicht.
Malachai hat es abgelehnt, mir zu helfen. Ich kann verstehen warum. Leah und Malachai sind inzwischen wie Feuer und Wasser. Die Tage, wo wir gemeinsam über einen Festmarkt gewandert sind, anscheinend Jahrhunderte entfernt.
Das Einzige was davon verblieb, ist Asche. Asche und Fragezeichen. Leah ein Mysterium geworden. Eines, von dem ich mich abgewendet habe, aber zu dem ich noch ab und an über die Schulter zurück blicke.
Den Kopf hebend, flackert mein Blick. Vögel schreien, Raben, die mich noch nicht erkannt haben. Wir sind bald nur noch wenige Schritte von meinem Haus entfernt. Grund genug, für Mereska, los zu traben und ich lasse sie. Es war ein harter Tag für uns Beide.
Wieder treiben meine Gedanken umher, während ich Mereska Nachtfertig mache. Nicht Leah, nein, diesmal sind es Alexia und die Rabendiener. Malachai hatte recht, das ich es wohl nicht schaffe, ein normales Mädchen an Land zu ziehen. Alexia ist so normal, wie eine Frau nur sein kann.. Sie hat nur ein Problem mit ungewollter Gesellschaft. Wieder beschäftigt diese kleine Frau mich. Die Krähen will sie wieder zusammen führen und mit ihnen die Dienerin töten, die uns bedroht hat... Kein leichtes Unterfangen. Wahrlich nicht... Auch Malachais Ratschläge treiben in meinen Gedanken vorbei und ich wähne, mit Alexia dieses Wissen zu teilen. Es wäre gut, wenn dieser Rabendreck sie nicht weiter benutzen kann.

Was interessante Erinnerungen du hast...

Die Worte der Dienerin stossen mir sauer auf. Heute morgen war das gewesen... Heute morgen erst!
Wieder kommt mir der Gedanke, das ich sie hätte töten sollen, als ich die Gelegenheit hatte... Aber drei gegen zwei... nein Einen. Ich glaube nicht, das Alexia fähig gewesen wäre, etwas zu tun, hätte ich gehandelt. Aber eben weil es Drei Rabendiener waren und Alexia noch da, liess ich es bleiben. Vielleicht letztlich ein Fehler... Es wird sich noch rausstellen.
Erschöpft öffne ich die Turmtür. Es ist kalt in diesen Wänden. Die Feuerstellen wohl seit einigen Tagen erkaltet. Ungewohnt, aber etwas, mit dem ich zu leben fähig bin. Vielleicht kann ich von Glück sagen, das ich immerhin noch lebe... wer weiss das schon.
Düstere Gedanken werden beim Anblick meines Bettes vertrieben. Mein Bett! Genau das Richtige für mich zu dieser späten Stunde. Genau das, was ich gerade jetzt brauche. Ein Lächeln zeigt sich auf meinen Zügen, das letzte für diesen Tag. Letztlich hat dieser Tag doch noch etwas Gutes....

Verfasst: Mittwoch 27. Januar 2010, 19:04
von Cyrion Sha´Ar
Die Augen öffnent blicke ich durch das Fenster in das bleiche blaue Licht des pfahlen Winterhimmels. Eine seltsame Ruhe ist in mir. Nicht nur die Erschöpfung ist weggeblasen... es ist ein seltsames Gefühl, als hätte der Schlaf dieser Nacht mein Herz beruhigt. Mein Sein freigefegt...
Wie seltsam... Denke ich noch und lausche... Als erwarte ich etwas zu hören. Nicht etwa die Vögel draussen, das trockene Rauschen der kahlen Zweige des Waldes, nicht den pfeifenden eisigen Wind... Sondern als würde ich nach etwas lauschen, das sich in mir befindet... Und stelle fest, das es fort ist...
Fühle ich Erleichterung? Ich bin nicht sicher. Vielleicht, wenn ich wüsste, was vergangen ist in mir. Aber was ich fühle... ist wie wenn jemand nach langem aufenthalt in einem Raum nach draussen tritt und die kalte frische Morgenluft in tiefen Zügen einatmet.
Die Stirn leicht kräuselnd erhebe ich mich aus dem Bett. Frage mich, ob dieses Gefühl, das ich nicht einordnen kann, vorhalten wird. Mich umblickend, frage ich mich im ersten Moment, warum ich eigentlich hier bin. Zuhause... Sollte ich nicht bei...
Mein Blick verhält einen Moment, blicklos, und Leahs Bild taucht für einen Sekundenbruchteil auf, bevor das Gespräch mit Darna folgt... und davor das Gespräch mit Malachai... und davor... Die Rabendiener bei Alexia.
Ah... Das also... Deswegen bin ich hier. Um nach Leah zu suchen... Einige Tage von der Bildfläche verschwinden. Damit die Rabendiener fürs erste das Nachsehen haben.
Seltsam, das die innere Ruhe, die ich fühle, unter der Erinnerung an die Geschehnisse nicht zerbrochen ist. Nein, sie bleibt... Ein Gefühl, als würde es mich nicht wirklich betreffen. Seltsam das...
Während ich mich für den Tag fertig mache, blicke ich zufällig durch das Fenster in den Garten. Und dort liegt die Erklärung, eine, die für mich Sinn macht...
Der Steinkreis. Solveighs Steinkreis, jener, welcher die wirkenden Kräfte von Mutter zentralisiert. Direkt in der Kraftlinie, die Solveigh gefunden hatte, liegend, hat dieser Kreis mir schon unzählige Male geholfen, wann immer es mir nicht gut ging... Vielleicht ging es mir deswegen so seltsam heute, weil ich zum ersten mal seit langer Zeit wieder hier in diesem Haus übernachtet habe. In der Kraftlinie übernachtet habe. Es mochte Wirkung auf mich haben, selbst wenn ich nicht im Steinkreis sass. Wenn ich nur lange genug verweilte.
In Gedanken nicke ich, zufrieden mit der Antwort, die ich gefunden habe. Mutters Kraft, welche in Tyrell zu finden ist, ebenso wie hier und im Schrein... hat mich offenbar von einer Last befreit, um die ich nicht wusste. Ein Mundwinkel hebt sich, während ich mich zur Küche begebe. Was würde Darna zu dieser Aussage sagen? Würde sie wieder die Stirn runzeln und mir sagen, das ich noch viel zu lernen habe... Verquere Gedanken hab? Wahrscheinlich... Doch für dies hier hatte ich Beweise gesehen... Schon vor Jahren. Als Solveigh noch an meiner Seite war und mich eben dies lehrte.
Gedanken an Solveigh versiegen, als ich feststelle, das ich nichts habe, was sich für ein deftiges Frühstück eignet. Der trockene Brotkanten eignet sich nur noch für Hasen... Der Rest besteht aus haltbaren Nahrungsmitteln... Nichts frisches hier... Eine Schnute ziehend, rücke ich aus, zur Bäuerin zu ziehen. Mal sehen, ob ich nicht doch noch das Frühstück bekomme, das ich mir ersehne.

Forsch kehre ich nach Hause zurück, lege den Korb allerdings über das Tor gebeugt in den Schnee um mich dann umsehend gen Schrein zu bewegen. Es ist noch nicht sehr hell, weswegen ich den Boden sehr vorsichtig absuche. Leute waren hergekommen, aye. Hier in der Nähe der Grenze, kamen öfter Leute zum Schrein, um zu beten. Fernab von der lichten Zivilisation scheint der Schrein willkommen zu sein, sich eine tägliche Ration Zusicherung zu holen. Wo das Leben gefährlich ist, betet man gerne. Die Abdrücke, die ich im Schnee sehe, sind mir unbekannt, aber nach einiger Suche finde ich sie doch... Fussabdrücke - nein... Hufabdrücke. Bekannte Hufabdrücke – Teron's, Leah's Pferd. Sie war hier gewesen, vor einigen Tagen.
Gedankenvoll betrete ich den Schrein. Hier hatte sie gekniet und gebetet. Gebetet um was? Klare Gedanken? Klare Ziele? Erkenntnis, wo sie durcheinander war?
Darna hat gesagt, das Leah vermutlich die Schreine besucht. Sie hat Recht gehabt. Und worüber sie nachdachte... Mein Blick wandert durch das Fenster, wandert zu den Mauern meines Turms. Kein Zweifel, worüber sie hier nachgedacht hat.

Leise atme ich aus, während meine Gedanken erneut zu unserem Konflikt treiben. Zwei Knotenpunkte besitzt dieser Konflikt... mich und Malachai.
Ich, der ich die Welt der Götter nicht so verstehe wie sie. Nicht so verstehe, wie sie es sich wünschte. Freilich, sie hat weit mehr gelernt, als ich es je würde. Hat mit offenen Armen aufgenommen, was ich mit einer gewissen Distanziertheit betrachte. Nie werde ich Temora und ihre Tugenden so verstehen wie sie. Nie werde ich die Lehren ihrer Kirche als meine annehmen... dafür sehe ich zuviele sinnentleerte und lebensfeindliche Dinge, die sie tun. Die Distanziertheit, mit der ich Dinge betrachte, die Offenheit, mit der ich sie hinterfrage... Es ist ein Punkt, der ihr und anderen wohl übel aufstösst.

Nicht die nötige Achtung vor einer Gottheit? Vor den Priestern? Vielleicht... Aber auch hier denke ich wieder, die Taten sind es, die Achtung verdienen. Freilich achte ich die guten Götter. Ihre Priester stehen auf einem anderen Blatt. Priester – der Titel allein lässt mich wissen, dieser Mensch ist sehr gläubig. Aber wenn ein Priester ein Kind am späten Abend aus dem Kloster verweist, weil es herumläuft und sich umsieht... Oder nach dem letzten Gebet die Gäste verweist, weil sie nicht artig sofort ins Bett gehen... So jemanden kann ich nicht achten. Werde es nie können. Achtung will verdient sein.

Ein weiterer Punkt ist, das ich im Laufe der Zeit die Götter zu sehr vermenschlicht habe. Und zu offen über meine Gedanken dazu gesprochen habe. Blasphemie in den Augen der Kirchendiener. Ein Ketzer in meiner Denkweise.
Ein Schimpfname, der mich wirklich stört. Ich sehe mich, verstehe mich nicht als Ketzer. Ketzer sind für mich Leute, die im Namen jener Götter handeln, welche diese schöne Welt zerstören wollen. Ein Feindbild. Für Temorianer sind Ketzer alle Menschen, die ihre Göttin nicht so sehen, wie es wünschen? Ich bin mir nicht sicher. Im Augenblick scheint es freilich so, habe ich bis jetzt keinen Gegenbeweis gesehen.
Freilich... meine Ansichten waren schon sehr verquer. Ich hab nach einigem studieren erkennen müssen, das ich tatsächlich einige Vorstellungen hatte, die schlichtweg auf keine Kuhhaut gingen. Ich habe sie abgelegt, aber immer noch betrachtet man mich als Ketzer.
Der Gedanke verstört mich so, das sich mein nach innen gekehrter Blick klärt. Vor mir das Zeichen auf der Steinplatte... erscheint nun in einem etwas anderem Licht.
Geistlichkeit... Wenn ich wirklich ein Ketzer wäre... würde dann nicht Temora selbst mir ein Zeichen setzen, das ich hier unwillkommen wäre? Und doch fühle ich die Athmosphäre dieses Raumes auf mich einwirken, fühle, wie meine Gedanken sich wieder beruhigen, die Runzeln auf meiner Stirn vergehen. Die Ruhe, mit der ich aufgewacht bin, ist wieder hergerichtet. Etwas, das meinen Mundwinkel sich heben lässt. Vielleicht sollte ich Temora danken hierfür... Vielleicht auch Mutter.

Der Blick schweift weiter, zu den Bücherregalen hinüber, in denen sich 'heilige' Schriften aufhalten. Was machten Einwohner, die weitab lebten, wenn es keine Kirche in der Nähe gab? Für sie gab es dann nur Schreine... oder ein Kirchenbesuch, wenn man mal einen Ort aufsuchte, der eine Kirche sein eigen nannte. Diese Leute kannten Temora nur von hörensagen. Wussten, was die Eltern und Verwandten einem erzählten. Freunde, Dorfbewohner... Was der Umkreis an Wissen zu Temora zu bieten hatte.
Und derer gab es viele... Mehr als man glaubte. Solche Menschen... hatten oft ein Bild von den Göttern, das nicht mit dem von den Städtern übereinstimmte. Ein Geistlicher würde wohl viel Arbeit vor sich sehen, wenn er versuchen würde, das zu richten.
Und selbst in der normalen Bevölkerung hatten die Götter einen etwas anderen Stellenwert. Man beschäftigte sich zusehr mit dem eigenen Leben... Über Götter las man, wenn man tatsächlich die Zeit dafür fand, hörte mehr oder weniger was in der Kirche... Man beschäftigte sich nicht regelrecht mit Religion. Dafür hatte man gar keine Zeit! Zusehr musste man daran arbeiten, Essen auf den Tisch zu bekommen und die Steuern pünktlich zu bezahlen.
Warum dann jener Kommentar mir gegenüber? Das das Lesen über die Götter nicht genug sei, man sie regelrecht studieren musste – mit jemanden, der einem den Weg wies? Warum erwartet man von mir, dass ich mehr wissen sollte, nein nicht nur wissen, sondern auch verstehen – glauben – sollte als ein normaler Bewohner auf irgendeinem Landstrich? Auf die richtige 'angemessene' Art und Weise.
Befremdlich, wenn man es im grossen Bild betrachtet. Lag es daran, das ich für Adlige arbeite, die mit dem König verwandt sind? Das ich für eine Paladina arbeite? Die Wahrscheinlichkeit liegt hoch.
Vielleicht war es auch, dass Darna Sorge hatte, dass mein seltsames Gedankengut weitergetragen wird und sich falsche Vorstellungen bei anderen einschleusen... alles möglich. Und dennoch... hatte ich nicht in Bibliotheken studiert? Mit mit religiösen Texten auseinander gesetzt und Unterschiede gesucht? Offenbar reichte dies nicht. Und dennoch... ich bezweifel stark, das ein Ketzer Bibliotheken aufsuchte, um Temora und Eluvie zu studieren. Ich bezweifel ernsthaft, das Temora von mir erwartet, mehr zu tun, als sie es von der grossen Breite der Bevölkerung erwartet. Wieso nennen sie mich immer noch Ketzer? Fühlen sie sich meiner erst sicher, wenn sie mich abfragen? Gehen sie auch zu den einsam gelegenen Katen und fragen die Bewohner dort ab?
Die Stirn runzelnd gehe ich zu den Büchern herüber, wandern meine Finger über die Buchrücken. Ich verspüre keine Aufregung, kein Herzklopfen, kein leiser Zorn über in meinen Augen nicht ganz gerechte Behandlung von Seiten Darnas und Leahs. Irritation... ja... doch ja... irritiert bin ich schon. Aber nicht so sehr, das ich mich darüber aufrege.
Aber anscheinend ist die einzige Antwort in dieser Sache, das ich mich erneut mit Darna darüber unterhalte – mich 'abfragen' lasse...
Ein tiefes Seufzen von meiner Seite. Wie überaus lästig... Aber vermutlich nicht zu umgehen. Möglich, das sich ihre Sorgen erst dann legen.
Einen Teil der Schuld trag auch ich... Ich war es, der ihnen mein Fehlen aufzeigte. Sie darauf aufmerksam machte. Katenbewohner machen selten auf sich aufmerksam...

Wieder blicke ich gen das Ankh, nachdenklich, in Gedanken verloren. Viele Punkte an mir, die jemanden, der wahrhaftigt glaubt, in aus meiner Sicht übermässigen Masse, irritierten, störten. Kein Wunder, das Leah sich von mir gestört fühlt. Ob sie erwartet hatte, das ich im gleichen Masse mit ihr wachse im Glauben? Ich hatte gesagt, das ich sie akzeptieren werde... Ich hatte auch gedacht, dass sie mich akzeptieren würde. Aber offensichtlich ist es für jemanden, der 'glaubt' schwer, andere zu akzeptieren, der anders denkt. Ausser dieser jemand gehörte einem Glauben an, bei dem Akzeptanz von anderen Hauptinhalt des Glaubens war. Wie bei Anbetern Horteras'. Ich habe nur einen von ihnen kennen gelernt, aber dieser eine, Tithus Hemmel, hat einen ungeheuren Eindruck auf mich gemacht. Ein Gespräch nur... Ein einziges Gespräch und ich habe seitdem einen ungeheuren Respekt vor ihm. Ein Respekt, der seinen Tod überdauert. Selten, das mir solche Leute begegnen. Bei Temora haben mich nur zwei Leute wirklich beeindruckt... zwei Paladine: Darna und Farion.
Bei Darna ist es ihr Herz... Es ist am rechten Fleck. Sie tritt für vieles ein, was meine Zustimmung findet. Ihre aufrechte Art und Weise beeindruckt mich so sehr, es ist kein Wunder, das ich sie als Herrin wählte. Sie hat freilich einige Punkte an sich, die ich weniger mag, aber es sind Dinge, die ich akzeptiere, über die ich hinwegsehen kann.
Und Farion... Schwer zu sagen... Vielleicht ist es seine Vergeistigung, die mich beeindruckt. Auch er hat sein Herz am rechten Fleck... Aber er hat ein Wesen an sich, eine Aura, die von Licht erfüllt ist. Jetzt wo ich darüber nachdenke, erinnert es mich sehr an die Aura des Baum des Lichtes. Wäre es Blasphemie, diesen Vergleich zu ziehen? Wahrscheinlich, aber mir fällt nichts ein, das treffender wäre als dies.

Wieso ist es, das ich in Leah nichts von beiden sehe...? Das ich nichts sehe, was in mir denselben Respekt erfüllt?
Weil sie dauernd nach mir hackt?
Ein Mundwinkel kräuselt sich nach oben. Jetzt bin ich doch etwas unfair zu ihr. Für einen Streit braucht es immer zwei. Würde ich sie wirklich links liegen lassen, es würde sich legen. Aber so wie ich ein konsistenter Punkt der Irritation für sich bin, ist sie auch für mich eine konsistente Irritation.
Sie ist jung... Noch hat sie nicht gelernt, an Dinge mit derselben ruhigen geschäftigen Art heran zu gehen, wie es Darna möglich ist.
Ich habe akzeptiert, dass ich nicht zu ihr passe, vermutlich sie auch, dass sie nicht zu mir passt... Aber es ist noch ein Rest an Gefühlen da, die aufeinander prallen. Die Punkte der Irritation immer noch vorhanden.
Ich mit meiner Art...Malachai mit seiner Glaubenslosigkeit und seinen Kräften, die potentiell beiden Seiten zur Verfügung stehen. Kräften, die man dunkel anmuten konnte, sicherlich keinesfalls im Sinne von Temora...
Was einen Quergedanken durch meinen Kopf schiessen lässt: Was würde Temora tun, würde man sie in einem Ritual explizit fragen: was hälst du von diesem Mann, seinem Denken, seinen Kräften... Und dann den Schattenlord zur Begutachtung vor sie hinstellen... Was würde Mutter tun, wenn man selbiges sie fragte?
Wieder kräuselt sich ein Mundwinkel... Tausche man Malachai mit mir aus, auch mich würde wirklich interessieren, was sie von mir halten. Aber ich vermute schwer, sie würden uns allen, Fragestellern wie zu begutachtendenen Leuten, einen göttlichen Klaps geben dafür, das wir sie mit derartigen Sachen belästigen. Wieder Vermenschlichung der Götter? Vielleicht. Aber ich denke wirklich nicht, das sie sich für dergleichen interessieren. Sie haben wichtigeres zu tun. Aber diesen Quergedanken behalte ich diesmal besser für mich...
Wieder atme ich ein, ein kleines Lächlen auf den Lippen. Leah und ich... wir waren wirkliche Streithähne. Sind es immer noch. Liebe in sich gekehrt... nein... nicht in sich gekehrt... verkümmert an den Streitereien. Ein eingegangenes Pflänzchen. Nur ein paar Blätter noch Grün aufweisend. Nichts, was Hoffnung wecken kann.
Was soll ich tun mit Leah? Ich kann nicht umhin, jedesmal einen Stich zu fühlen, sobald sie wieder Malachai ins Spiel bringt, schlecht über ihn redet. Er ist mein Bruder. Mein gewählter Bruder. Würde es ihr nicht wehtun, würde ich ewig schlecht über Lira sprechen? Ich habe sie manchmal wegen Lira getritzt, aber sie wusste, das ich es nicht ernst meinte. Das ich Lira respektiere. Ist ihr nicht bewusst das ich...
Ich schüttel mein Haupt und damit den Gedanken ab. Ich hab schon soviel Zeit hier stehend und nachdenkend verbracht, das meine Finger steif geworden sind vor Kälte. Leah reist derweil weiter, während ich hier Zeit verschwende...
Geschäftig gehe ich hinaus und bringe Frühstück und satteln hinter mich. Aber die eigentliche Suche ist mühsam. Ich suche die Hufspuren, die vom Bauernhof wegführen, grabe vorsichtig die Schneeschichten weg, bis ich die Hufspuren freilege. Es ist mühsam, wirklich mühsam und Zeitraubend, doch nach und nach entwickel ich ein Gefühl dafür, wie tief im Schnee sich die Spuren befinden, wie weit sie auseinander sind, kann vorlaufen und in der ungefähren Richtung wieder nach Spuren suchen.
Es wird leichter, als sie in den Wald eintaucht. Der Boden hier nicht so stark mit Schnee bedeckt, dafür aber reichlich mit Laub und Unterholz, ist es nicht schwer, ihrer Spur zu folgen. So leicht sogar, das ich auf Mereska traben kann – die Spuren sind so auffällig für einen Kennerblick – Blätter, Matsch, abgebrochene Äste... Wenig achte ich darauf, wohin ich eigentlich hinreite, ich folge ihr, blicke mich nur hin und wieder um, wo ich bin, was sich um mich herum befindet. Oftmals gebührt dieses Aufblicken Geräuschen, die ich höre. Hörnchen, die Bäume hinauf klettern. Wilde Tiere, die davon eilen. Aber menschlichen Seelen begegne ich keine.
Wieder wird es schwierig, ihren Weg zu folgen, als sie den Wald verlässt. Während ich im Wald gefröstelt habe, wird mir jetzt wieder warm. Die Spuren frei zu legen ist Arbeit, nichts anderes als das...
Wenigstens friere ich jetzt nicht... Ein Mundwinkel hebt sich, während mein Blick nach vorne schweift und ich den Hof musterer, dem ich mich seit einigen Spuren konsequent nähere. Forsch reite ich vor und mache mich bemerkbar. Erfahre, das Leah hier war. 'Seltsames Mädchen ja, sie war hier.' 'Ha, ich habs ja gesagt, mit ihr stimmt was nicht. Sie wird gesucht! Hab ich's nicht gesagt?!' Sätze, die mir nicht wirklich gefallen, aber mir bleibt nichts übrig, als lediglich zu bekräftigen, das ich ein Bote bin, der ihr Nachricht bringen soll. Auf Fragen hin zeigen sie mir, wo sie langgeritten ist... Wieder in den Wald. Es dauert nicht allzulange, bis ich ihre Spur wieder finde, und ihr erneut folgen kann.
Allerdings gibt mir ihr weg zu denken – wohin in aller Götter Namen will sie eigentlich? Sie reitet kreuz und quer, ziellos, antriebslos. Eine Schnitzeljagd im Wald und auf freier Flur. Etwas, das mich zermürbt, mir die Ruhe raubt, mich gar herzhaft fluchen lässt. Ich habe viel Zeit verloren und es wird dunkel... und so arbeite ich mit einer Fackel im Dunkeln. Ich muss aufholen! Mein Pferd folgt am langen Zügel... Endlich... finde ich einen weiteren Beweiss, das sie hier war... eine Feuerstelle...
Zeichen davon, das sie hier genächtig hat. Erleichterung in mir. Hier sind reichlich Spuren ihres Pferdes. Reichlich Spuren von ihr. Ich kann anhand der Spuren vor meinem inneren Auge sehen, was sie hier getan hat.
Nachdem ich mich vergewissert habe, in welche Richtung sie weitergeritten ist, stelle ich selbst an der Feuerstelle mein Zelt auf. Ich bin erschöpft. Bis ins Mark erschöpft. Auch Mereska wirkt, als könne sie eine Pause gebrauchen, wirkt wirklich erfreut über ihre Ration, über ihre Pferdedecke und meine Zuwendung. Müde kehre ich in das Zelt ein, das Lagerfeuer munter brennen lassend. Es war ein sehr langer Tag. Kaum, das ich in meiner Schlafrolle bin, fallen meine Gedanken bereits in die Leere.

Verfasst: Samstag 6. Februar 2010, 11:06
von Cyrion Sha´Ar
Alamiert fängt mein Herz wild an zu schlagen, als die Befürchtung, die sich über dieses gelegt hatte, zur Gewissheit wird! Es waren nur Spuren gewesen. Spuren, die über denen von Leahs Pferd lagen – mehrere Tiere – ein Rudel. Keine Wölfe, dafür waren sie zu klein. Nein... Schlimmer... Wildhunde. Wilde Hunde waren gemeiner als Wölfe, trauten sich mehr. Und sie kannten den Menschen...!
Mein Blick schweift über den Platz, an dem offensichtlich ein Kampf stattgefunden hatte. Die Überreste von 3 Hunden, angefressen... Blutiger Schnee und Abdrücke von einigen Raubtieren – nicht alle Hundeartig... neben den Abdrücken von Teron und Leah. Ich versuche gar nicht erst anhand der Spuren zu erkennen, was genau hier geschehen ist. Das brauche ich gar nicht. 3 Tiere waren gefallen. Leah anhand der Spuren entkommen – die Verfolgung der Hunde bricht hier ab.
Ist sie verletzt? Wie weit ist sie von mir entfernt? Ich kann sagen, das sie einige Stunden Vorsprung hat – ich habe gut aufgeschlossen in der letzten Zeit.
Die Armbrust nehmend, bewege ich mich weiter, führe mein Pferd, die Umgebung sichernd mit mir. Wenn Mereska unruhig werden würde, war es klar, das wir beide nicht länger allein waren. Und trotz aller Sicherheit dränge ich auf eile. Laufe weiter, den Spuren folgend, bis Leahs Spuren klar aus dem Gemetzel rausführen. Rasch sitze ich auf, treibe Mereska voran. Ich muss Leah finden und sehen, das ich aufschliesse...

Wieder mustere ich meine Umgebung und die Karte... Ich habe die Stelle gefunden, wo Leah innegehalten hatte... Hufspuren ihres stehenden Pferdes, Spuren von ihr, wie sie um dieses herumging. An einer Stelle war sie länger verblieben, der Schnee kräftiger zusammen gedrückt, angeschmolzen. Offenbar war das Teron auch verletzt, aber nicht so sehr, das er im Laufen beeinträchtigt werden würde. Und auch sie war verletzt... Lebensbedrohlich? Nein, zweifelsohne nicht. Dann hätte sie nicht nach ihrem Pferd gesehen.
Wieder blicke ich mich um, suche nach Landmarken. Ich weiss ungefähr, wo ich bin. Diese Gegend ist meines Wissens nach nur schwach besiedelt... Und die Richtung, in die Leah reitet deutet nicht auf einen hilfreichen Ort hin... Nein... Sie scheint immer noch die Schreine anzuvisieren. Dann kann sie nicht schwer verletzt sein.
Erneut nehme ich die Karte heraus – unerwartete Röte brennt heiß in meinen Wangen und ich presse verärgert die Lippen zusammen. Die Karte ist akurat... doch worauf sie gezeichnet wurde... Mein Blick wandert kühl sondierend über die Skizze, mir bewusst seiend, das dies die Rückseite eines halb fertigen sehr persönlichen Briefes von Darna an Adrian war. Einen Moment nur überkommt mich erneut die Frage, was ich mit diesem Pergament machen soll... Es verbrennen? Es Darna zurück geben? Es an Adrian weiterreichen? Mit absolut leere Miene?
Der Gedanke wird unwirsch zurück gedrängt; erneut befasse ich mich einzig und allein mit Leahs Aufenthaltsort, während ich verärgert versuche, der Röte in meinen Wangen Herr zu werden. Nicht die rechte Zeit dafür.
Wieder reite ich weiter... Sie will zu einem der Schreine... Wie der Wind reite ich hinter ihr her. Hoffentlich würde nicht noch Schnee fallen... Dann würde ich erneut ein ernstes Problem haben.

Stillschweigend reite ich neben Leah her... Ich habe sie endlich gefunden. Im Nebelwald konnte ich sie beim Schrein der Tapferkeit finden. Ihre Augen fiebrig, ging es ihr offensichtlich nicht gut, die Bisswunden rotumrandet. Eine Waldelfe half uns, heilte ihre Wunden mit Gesang. Gab uns auch die Gelegenheit, uns auszuruhen... und zu reden. Es kam zur Aussprache, die schon seit Monaten fällig war. Tapferkeit... ob es der Schrein war, der uns dazu bewog, offen zu sprechen? Am Ende jener Zeit im Nebelwald weiss ich vieles mehr... unter anderem, das Leah mich immer noch liebt... Ich atme leise ein und reibe mir die schattenverhangenen Augen. Sie liebt mich noch... Immer noch. Hat nie aufgehört. Ich weiss nicht, was ich davon halten soll. Es verwirrt mich mehr, da ich nicht länger Hoffnung für Leah hege, mich so oft frug, worin sich diese Liebe ausdrückt... oder ob sie versiegt sei. Bestürzt mich, da ich inzwischen Alexia umwerbe. Meine Worte, das ich nicht länger 'Allein stehend' bin... Ihr Gesicht ist zu einer kühlen nichtssagenden Maske geworden. Und ich zu erschöpft, um noch wirklich eine Regung zu zeigen. Wieder schweift mein Blick zu ihr, streift sie, während ich die Umgebung sichere. Nichts zu sehen an Emotionen. Nichts zu sehen, das ein Mensch verstehen kann. Nicht, das ich sie wirklich verstanden hätte, die letzten Monate.
Ich wische mir das Haar zurück, reibe mir die Augen. Ich bin müde... Und doch kreisen meine Gedanken um Leah und Alexia. Eine Situation, die ich nicht ermessen kann... ausser der Tatsache, das es gewiss keine gute Situation ist. In Gedanken fluche ich herzhaft... Im Grunde ist diese Situation einfach zu definieren: Sie ist beschissen! Und ich stecke – oder werde es – tief im Schlamm, Tendenz sinkend..
Was mache ich jetzt mit Leah und Alexia? Eine gute Frage... für eine andere Zeit...
Den Gedanken wegschiebend, überlege ich, was noch anfällt. Ich muss Darna bescheid geben, das Leah zurück ist. Den anderen auch...
Darna... ihr Brief... Die Stirn kräuselnd, blicke ich zu meiner Tasche, in der der Brief sich befindet. Ich kenne den Inhalt... dieser hat sich Zeile für Zeile in mein Gedächnis eingebrannt, während ich lernte, das es noch eine weitere Stufe der Verlegenheit gab...
Erneut rufe ich mir diesen markanten Inhalt ins Gedächtnis, grübelt, was ich mit diesem verflixten Pergament machen sollte...

Hallo Silberlöwe

Ich weiß nicht, ob es klug ist, in einem Brief darüber mit dir zu schreiben, aber ich weiß seit gestern auch nicht, ob ich es dir überhaupt irgendwie sagen kann. Oder wie. Ich denke, daß ich über deinen Scherz, oder wie immer man das nennen soll, mit diesem Schlüssel gestern verärgert war, dürfte ja mehr als deutlich geworden sein, aber ich sitze seitdem jede unbeschäftigte Minute hier und frage mich, was ich davon halten soll.
Erst versuchst du, mir durch Kommentare den Eindruck zu erwecken, du würdest dir während meiner Abwesenheit eine andere Frau ins Bett holen. Gestern nun hast du durch dieses ganze Gerede um diesen obskuren Schlüssel für einige Momente Rafaels Ansehen zutiefst geschmälert, und diese Amary wirkt mir mehr und mehr liderlich. War der Schlüssel überhaupt echt oder ebenso eine Lüge?
Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll. Ich will dir vertrauen können und werde wieder und wieder vorgeführt, als hättest du nichts als Schabernack im Sinn. Und dann auch noch zwei Mal bei diesem Thema, das einen der tiefsten Vertrauensbrüche


Es war so offensichtlich, das Darna durch mich aus dem Takt gebracht, völlig vergessen hatte, das sie dabei gewesen war, einen Brief an Adrian zu schreiben. Was in aller Götter Namen sollte ich mit diesem Brief tun...
Silberlöwe
Ich spüre, wie sich mein Mundwinkel sich selbstständig macht... Wenn auch diese Stituation nicht so verfahren wäre, würde ich über den Kosenamen amüsiert lachen können. Doch so...
Ein leises Einatmet, ein kaum vernehmbares Seufzen... Wieder mal ist mein Leben komplizierter geworden, als selbst ein böswilliger Gott es vermögen kann, es zu machen. Auch diese Angelegenheit, der Brief, wird in den Hintergrund gedrängt, verschwindet, während ich nach Aufgaben suche, die leichter zu erfüllen sind. Doch derer gibt es vorerst nicht.
Vielleicht sollte ich mich einfach hinlegen und schlafen. Irgendwie klingt dieser Gedanke verdammt reizvoll...Während wir uns auf die Tore von Adoran zubewegen, gewinnt dieser Gedanke an Reiz und überzeugt mich schliesslich... Eine Zeitlang an gar nichts denken... Und alle Probleme vergessen.
Aye... das klingt wirklich verdammt gut!

Verfasst: Samstag 6. Februar 2010, 14:13
von Leah Katuri
„Du hast mich nie gesehen, nicht genau hingesehen. Wenn du mich sehen würdest, wäre dir wohl vieles klarer, Cyrion Sha'Ar.“

Mir fällt jedes Wort immer wieder ein, jede Regung in seinem Gesicht, jeder Klang in seiner Stimme. Ich weiß ebenso noch, wie ich den Tag zuvor zur Taverne geritten war und den Wirt gebeten um etwas zu trinken, dem Auffüllen meines Wasserschlauches und der Möglichkeit, etwas Salbe aufzutun auf meinen Arm. Die Nacht am Schrein hatte ich fieberreich verbracht und den Vormittag gebraucht, um mich überhaupt auf Teron zu ziehen und dort hin zu reiten. Vielleicht lag es daran, dass der Wirt entschieden hatte, mich bei sich in eines der Betten seiner eigenen Habstatt zu stecken und mir Ruhe zu gönnen, sowie die Möglichkeit, sich auszuruhen.
Leicht fahre ich über den Ärmel, schiebe den Leinenstoff hinauf und besehe mir den Unterarm meines linken Arms. Keine Spur eines Bisses, nicht einmal eine Narbe war geblieben. Ich erinner mich noch an den pochenden Schmerz, an das Erkennen, dass einer der Hunde wohl doch krank gewesen sein muss und letztlich an die Worte des Wirtes, dass die Salbe dem ganzen Zeit zum beruhigen geben würde.

Das Feuer knistert und knackt im Kamin, während ich den Ärmel wieder runterkrempel und mich in meine Stube begebe. Kaum zu glauben, dass das alles erst vor kurzem geschah, gerade mal einen Abend zuvor und ich nun wieder im Anwesen bin. Ich fühle mich ausgeglichen ruhig und entspannt...und weiß doch nicht, wie ich ihn nun behandeln soll. Ich hatte mich geöffnet, hatte ihm gezeigt, was unter der Weste sich versteckt gehalten hatte und er...hiebt mir die Faust in meinen Magen mit seinen Worten.


„Ich denke... es ist besser, wenn ich es dich wissen lasse. ich bin nicht länger... alleinstehend.

Noch immer rufen die Worte einen Stich in mir hervor. Es ist einer der Momente gewesen, in denen ich nicht benennen kann, an was mein Kopf gedacht hatte. Allein wie mir die Luft weggeblieb, ich das Gefühl von brennenden Tränen in meinen Augenwinkeln hatte; jenes ist mir bis jetzt bewusst geblieben. Ein kloß steckt mir im Hals, während ich es erkenne:
Ich bin zu spät, habe zu spät gehandelt...Es ist sein Recht und sein Leben. Ich muss ihn freigeben und will es doch nicht. Zu sehr klammert immer noch mein Herz und schmerzt mit jedem Gedanken, den ich zu sehr opfer. Es war die Erschöpfung, die mich die letzte Nacht nicht hatte weinen lassen, mich lediglich in einen traumlosen Schlaf geführt hatte. Manchmal frage ich mich, ob die Erschöpfung von anderen gerade deswegen genutzt wird: Um keine Traumbilder und Sorgen in die Nacht mit hineinzunehmen.

Während ich die Riemen der Plattenrüstung zuziehe, schweife ich wieder ab. Zu meiner Lehre und dem Ritter als Menschen. Die trockene Träne...An ihm wollen die wirklich Schwachen sich anlehnen...ein Satz, der mir schwer fällt zur Zeit. Stärke zu zeigen, die ich in mir suchte, wenn ich ihn sah. Geduld; ja, jene durchwob mich derzeit, Ruhe in einem Maße, die unatürlich schien. Und doch suche ich die Stärke in jenem Moment. Ich weiß, ich werde sie finden, sobald ich von außen angesprochen werde, man mich nach meinem Befinden fragt. Es wird mir gut gehen, wie stets...


Der Ritter muß zwei Herzen haben, ein sanftes und eins so hart wie der Diamant. Das sanfte Herz muß weich sein wie Wachs, das harte Herz so hart wie der Diamant. Der Diamant bleibt unverändert so, wie man ihn gefunden hat, er läßt sich weder schlagen noch gravieren. So muß das Herz des Ritters stark und fest gegen Verräter und gegen Gauner sein, die aus Recht Unrecht machen wollen und immer böse und hinterhältig sind. Wie man warmes Wachs biegen kann, wie man will, so muß das Herz des Ritters sanft und mild sein gegen gute und bescheidene Menschen.

Die Platte fühlt sich ungewohnt schwer und unförmig an, als ich das Haar zusammenbinde und das Barrett aufschiebe. Meine Runde wird mich noch durch Adoran führen, ehe ich der Meldung nachkomme, sich im Regimentsgebäude einzufinden. Ich habe Cyrion am Schrein offenbart, dass eines meiner Herzen bereits weggegeben wurde von mir...er gab es bisher noch nicht zurück. Eine simple Geste, die so schwer auszuführen ist.
Unwillkürlich schweife ich zurück an die Fiebernacht an dem Schrein. Wilde Träume hatten mich begleitet, neben dem Schnauben Terons und seiner Atmung. Ich hatte ihn schlicht mit an den Schrein geführt und an ihn gelehnt die Nacht verbracht. Die Träume sind nur noch verhangene Bilder, auch wenn ich das Gefühl habe, dass ich in jener Nacht eine Hand an meiner Stirn zu spüren glaubte. Vielleicht war es auch schlicht Terons Kopf, seine Mähne oder ein Windhauch gewesen...

Ich fühle mich sicherer in meinem Weg. Als hätte diese Zeit an den Schreinen, waren es auch nicht alle, mich wieder gefestigt, mir ohne Zeichen, ohne auf eine Eingebung, die ich am Anfang so forderte, meine Angst und Sorgen genommen. Kein Zweifel schürte sich in mir gärend.

Meine Probleme waren kleiner und beschränkten sich auf nun weltliche Dinge...