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Jael'Zeerith - Schleichendes Gift

Verfasst: Mittwoch 16. Dezember 2009, 18:47
von Jael'Zeerith
Die Vergangenheit

Seine Schritte hallen von den dunklen, gefurchten Wänden wieder, verlieren sich in einem hundertfachen Echo, um geballt zu einem grollenden Donnern wiederzukehren. Hart und zielstrebig bahnen sie sich ihren Weg, alles zermalmend, was unter die schweren Stiefelsohlen gerät. Ich kenne diese Schritte nur zu gut, ihren Rhythmus, ihren Klang. Unter Tausenden würde ich sie erkennen. Es sind die Schritte meines Vaters. Nein! Meines Erzeugers. Sie führen niemals zu mir, seiner großen Schande.

Ich bin eine von vielen und doch einzigartig. Unter meinen zahlreichen Brüdern und Halbbrüdern bin ich das einzige Mädchen. Ich bin der Schandfleck der Blutslinie und ich spüre es mit jedem einzelnen Atemzug. Soweit ich denken kann, straft mich mein Vater mit Ignoranz, noch nie hat er auch nur ein einziges Wort an mich gerichtet. Meine Mutter indes foltert mich mit Verachtung, verflucht offen meine Existenz, die sie an ihr eigenes Vergehen erinnert. Sie war einst die Lethra, die meinem Vater unter all seinen Frauen die meisten Söhne geschenkt hatte. Mit meiner Geburt hatte ich sie zu Fall gebracht, ihren Hochmut zu bitterer Scham werden lassen.

Mein Erzeuger kommt in regelmäßigen Abständen in unser abgelegenes Heim. Ganz sicher ist es nicht die Sehnsucht nach Familie und Geborgenheit, die ihn dazu treibt. Seine Motivation ist die Sucht nach Erfolg und Macht, sein Bestreben die Kontrolle der Entwicklung seiner Nachkommen, seiner Söhne. Und natürlich die Zeugung weiterer Kinder, als wenn es noch nicht genug waren. Ein jedes Mal, wenn ich die lustvollen Laute der körperlichen Vereinigung höre, wird mir bewusst, dass bald wieder ein Neugeborener mehr Wert besaß als mein eigenes, gesamtes Leben. Mit jeder Geburt eines neuen Sohnes überfällt mich der Drang, den Säugling noch mit seiner eigenen Nabelschnur zu erwürgen. Doch ich schweige, nicke und führe meine Aufträge aus. Niedere Arbeiten, die einer wertlosen Sklavin.

Aber es gibt Momente, in denen werde ich unsichtbar. Nämlich dann, wenn sie mich nicht brauchen. Dann entschwinde ich aus ihrem Bewusstsein und existiere nicht. Und diese Augenblicke nutze ich intensiv, genieße jede einzelne Sekunde. In ihnen bricht meine geheime Leidenschaft hervor, der Drang nach Wissen. Dann kenne ich nur ein Ziel, die Räumlichkeiten meines Bruders – meines Zwillings. Hier hortet er all das, was mein Geist begehrt, denn ihm wird die Ausbildung natürlich nicht verweigert. Und dafür hasse ich ihn inbrünstig. Mein Ebenbild, mein ärgster Feind. In Kindertagen wurde ihm in mühevoller Aufmerksamkeit das Lesen und Schreiben gelehrt, während ich mich heimlich in enge Nischen quetschen musste um etwas vom Unterricht mitzubekommen. Doch mit zunehmendem Alter wurde ich mehr und mehr mit Aufgaben eingedeckt, so dass ich die Stunden nicht mehr mit meinem Bruder teilen konnte.

Also nutze ich heute die Zeiten seiner Lehre um mich an dem Wissen des vorangegangenen Tages zu bereichern. Seine Aufzeichnungen kopiere ich in krakeliger Schrift auf Papierfetzen, eine beachtliche Sammlung solcher Fetzen horte ich bereits in meiner kleinen Kammer. Solange ich meine Arbeiten erledige, interessiert sich niemand dafür, was ich in meinem Zimmer treibe. Ich bin es nicht wert, als dass man sich dafür interessiert. Eine Nachsichtigkeit, die mir inzwischen mehr als entgegen kommt. Nachts, wenn ich mir des Schlafes der anderen sicher sein kann, studiere ich meine Kopien und mache mir eigene Gedanken dazu. Häufig schleiche ich mich auch in das Labor meines Bruders um dort mit den Gerätschaften zu hantieren und das neue Wissen umzusetzen. Pochte mir anfangs das Herz bis zum Halse aus Angst erwischt zu werden, kann ich mir inzwischen sicher sein, dass dieser Fall nicht eintreten wird, dafür habe ich selbst gesorgt. Ich habe das Wissen meines Bruders weitergesponnen, es für meine Zwecke modifiziert und in Selbstversuchen getestet. Entstanden ist ein feines weißes Pulver, welches für wohligen und vor allem tiefen Schlaf sorgt. In regelmäßigen Abständen, wenn mich Wissensdurst treibt, mische ich es unter das spätabendliche Essen.

Auf diesem Wege habe ich mir in den letzten Jahren einen, wie ich finde, beachtlichen Wissensstand erarbeitet. Ich hinke meinem Bruder noch immer hinterher, doch auf manchen Gebieten überrage ich ihn bereits. Wie gerne würde ich ihm das unter die Nase reiben! Sein Hauptinteresse gilt dem Studium der Anatomie, während ich mich vor allem mit der Kräuterkunde auseinander setze. Allerdings ist dieses Interesse aus der Not geboren, denn erstaunlicherweise bemerkt er sofort, wenn eines seiner Werkzeuge auch nur um einen Millimeter verrückt wurde. Fehlende Kräuter hingegen erregen nicht im Ansatz seine Aufmerksamkeit. Ich gestehe, mich juckt es gewaltig in den Fingern seine Beschreibungen zur Anatomie einmal selbst praktisch umzusetzen. Durch Fleisch zu schneiden, das Innere nach Außen zu kehren. Doch ich wage es nicht – eines Nachts hatte ich lediglich die scharfen Messer und Sägen in der Hand um zu wissen, wie sie sich ihre Handhabung anfühlte. Am nächsten Morgen überkam ihn ein Tobsuchtsanfall, als er die Gerätschaften nicht so vorfand, wie er meinte sie am Tag zuvor zurückgelassen zu haben.

An seinem heutigen Besuch gilt das Interesse des Erzeugers meinem Bruder. Sichtlich zufrieden über seine Fortschritte, lobt er ihn und spornt ihn weiter an. Wüsste er nur, welches Potential in seiner verstoßenen Tochter schlummert! Ich verdrehe die Augen und will mich schon aus meiner Lauschecke entfernen, als es mich wie ein Schlag ins Gesicht trifft.

„Ich werde Dich bei meinem nächsten Besuch mit mir nehmen! Bereite Dich vor!“

Beim Vater, er soll mich verlassen! Mein Magen verkrampft sich und ich muss kurz würgen. Schnell schlage ich mir die Hand vor den Mund um die Laute zu dämpfen, denn das Ohr eines Letharen ist fein. Doch Glück gehabt, so verliebt in Lob und Aufbruchspläne, bin ich ihnen nicht aufgefallen. Leise, aber nicht minder heftig rebelliert es in mir weiter. Es geht mir nicht um meinen Bruder als Person, ganz gewiss nicht. Doch verlässt er mich, verlässt mich das Wissen. In meinem ganzen Hass und Neid, verbindet mich doch die Liebe mit ihm. Nein, nein, so darf es nicht kommen! Ich kann mein Wissen nicht ziehen lassen, meine einzige Freude.

Ich muss handeln und das schnell. Zum ersten Mal seit langer Zeit spüre ich die Hitze aufsteigender Tränen und erbost darüber wische ich hart über meine Augen. Es darf nicht soweit kommen, dass ich alles verliere wofür ich so hart gekämpft hatte. Zurück in meiner trostlosen Kammer schlage ich mit den Fäusten auf die harten Wände ein. Knochen gegen Stein, bis warmes Blut meine dunkle Haut benetzt.

„Alatar, erhöre mich ein einziges Mal!“

Die einzige Antwort, die ich erhalte, ist Stille. Der Mantel der Einsamkeit umhüllt mich, lässt mich die Schmerzen meiner zerschundenen Hände vergessen. Doch in diesem heutigen Alleinsein winden sich Gedanken um Gedanken, eine Steilfahrt aus Heiß und Kalt lässt etwas aufkeimen. Eine kleine Saat, die rasch anwächst und gedeiht. Stärke, Ehrgeiz und ein wahnwitziger Entschluss. Alles oder nichts. Ich will Alles! Zum ersten Mal seit Jahren umspielt ein Lächeln meine Lippen und ein Glucksen gurgelt in meiner Kehle. Von irrer Natur, aber wen schert es. Ich hatte schon vergessen wie es sich anfühlt.

So lege ich es auch erst mit dem letzten Atemzug meines Bruders wieder ab. Ich halte ihn in meinen Armen, wie eine Mutter ihr Kind. Doch ich wiege ihn nicht voller Zuneigung, nein, ich wiege ihn in den Schoß des Todes. Mit grotesker Zärtlichkeit streicheln meine Fingerspitzen über seine Wangen, schieben seine schweißnassen Haare aus der Stirn. Selbst in den letzten Augenblickes seines Lebens blickt er mich aus weit aufgerissenen Augen voller Verachtung an. Ringend mit dem Tod, ist es noch immer sein einziges Bestreben mir meine Minderwertigkeit zu vermitteln. Und es ist gleichsam eine Erkenntnis für uns beide, mit dem Unterschied, dass sie meinen Triumph noch versüßt. Seine Muskeln zucken ein letztes Mal unkontrolliert auf, fast wäre er mir aus den Armen gefallen. Dann müssen sie sich der lähmenden Wirkung meines Giftes ergeben. Nur noch wenige Sekunden, dann würde auch sein stärkster Muskel aufgeben.

Ja, Bruder, dein Wissen hat meinen Weg geebnet. Ich bin deine Schülerin im Stillen. Soll ich Dir einen Spiegel bringen, damit du dein eigenes Werk betrachten kannst? Ach nein, dein Blick ist bereits starr. Ich schließe deine Augenlider und küsse deine feuchte Stirn.

Ich bin soeben gestorben.
Und wurde wiedergeboren.

Alles oder nichts.

[img]http://img138.imageshack.us/img138/27/jaelzeerith01.jpg[/img]

Verfasst: Mittwoch 30. Dezember 2009, 22:19
von Jael'Zeerith
Auszug aus der Gegenwart

Zeit. Sie hat viele Gesichter und mindestens genauso viele Namen.
Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Monate, Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte.

Ich klaube etwas von dem luftigen weißen Etwas auf, welches den Boden der Oberwelt bedeckt und lasse es in meiner Handfläche zu einem kleinen glitzernden See schmelzen. Ich schere mich nicht darum. Zeit spielt für mich keine Rolle.

Deswegen bin ich mir auch nicht darüber bewusst, wie lange ich nun schon in den Höhlen Leth’Axorns verweile. Auf jeden Fall lange genug, um meinen Weg mit bestem Wissen und Gewissen zu beschreiten. Die lästigen Schatten der Vergangenheit liegen weit hinter mir und niemand hinterfragt sie. Ich habe meinen Platz in der letharischen Gesellschaft eingenommen, man erkennt meinen Nutzen an. Eine eigene Räumlichkeit zu Forschungs- und Arbeitszwecken steht mir zur freien Verfügung. Dern’xulvor, der zweite Wissenskundige auf den Gebieten der Anatomie und Alchemie wurde seit Langem nicht mehr gesehen – ich beteuere, ich habe damit nichts zu tun, kann aber nicht verleugnen, dass ich damit durchaus zufrieden bin. Der Gedanke, mein Wissen teilen zu müssen oder fremde Hände an meiner Arbeit herumpfuschen zu sehen, ist mir gar zuwider. Ein leises Grollen gurgelt in den Tiefen meiner Kehle. Doch ich schlucke es schnell hinab, ich darf mich nicht hinreißen lassen.

Schwärze vor meinen Augen, in meinem Kopf schwirrt es. Der süßliche Geruch des Verwesens kitzelt meine Nase – doch eine bittere Nuance im sonst so geliebten Duft verweigert meinen lividen Lippen das verzückte Lächeln. Mit einigen tiefen Atemzügen vertreibe ich eilig die Dunkelheit und lenke den Blick auf meine rechte Hand. Auch wenn ich weiß, was mich dort erwartet, fährt es mir wieder einmal durch Mark und Bein. Nicht meine eigene nachtblaue Haut und auch nicht die Pfütze zerronnenen Schnees, was gäbe ich darum! Es ist seine Fratze, halb Knochen, halb Fleisch. Angefaulte Zähne fletschen klappernd aufeinander, grabgeweihter Atem schwelt mir entgegen. Und doch ist es, als blicke ich in einen Spiegel. Sagte ich vorhin, dass meine Vergangenheit hinter mir liegt? Welch’ dreiste Lüge meiner selbst, sie verfolgt mich auf Schritt und Tritt. Vermaledeiter Bastard, dass er mich selbst nach seinem Tod noch verspottet! Ich balle meine Rechte zur Faust, furche meine angespitzten Fingernägel tief ins eigene Fleisch, in der Hoffnung ihn zu vertreiben. Für dieses Mal soll es mir auch gelingen, das rötliche Gemisch aus Blut und Wasser schüttele ich einen nahe gelegenen Dornenbusch.

Was die Zeit anbelangt … nun will auch ich keine verlieren und meine Schritte führen mich zielstrebig in mein Labor. Diese Bilder müssen wieder verschwinden, augenblicklich! In meinem Plan gibt es keinen Platz für sie.


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