Seite 1 von 1
Maliks Geschichte
Verfasst: Dienstag 15. Dezember 2009, 11:15
von Malik Jaan Razin
- „Malik! Warte! Bring das deinem Vater!“
Murrend ging der Knabe der gerade ein anderes Ziel vor Augen hatte, als seinen kranken Vater, den Weg zu dem Haus des Heilers zurück.
- „Muss ich ihm das denn gleich bringen?“
Man konnte den Unmut in seiner Stimme gut heraushören.
- „Mit deinem rücksichtslosen Verhalten
schaufelst du deinem Vater noch das Grab.
Sieh zu dass du die Medizin schnell zu ihm bringst.
Und sorge dich um ihn, er kann deine Hilfe benötigen.“
Malik kannte die ewigen Reden und hatte schon nach „Verhalten“ nicht mehr zugehört. Er sagte doch immer wieder das gleiche. Er wollte die Medizin auch seinem Vater bringen, aber nicht gleich. Vorher hatte er etwas Wichtigeres zu erledigen, das er auf keinen Fall aufschieben konnte. Der Heiler blickte dem 15-jährigen Jungen nur kopfschüttelnd hinterher, als dieser in die falsche Richtung los lief. So musste er sich wohl selber darum kümmern, dass Jaan Razin die Medizin rechtzeitig bekam. Auf den Jungen war mal wieder kein Verlass. Er atmete tief durch und begab sich dann wieder ins Innere des Hauses, er wollte noch einen weiteren Tiegel Medizin anrühren und später noch ein ernstes Wort mit Malik sprechen. Seit dem Tag an dem Jaan Razin vor knapp 10 Jahren mit dem Jungen hier im Dorf ankam, wurde sein Gesundheitszustand von Jahr zu Jahr schlechter und der Bengel nutzte die Krankheit seines Vaters nur aus, damit er ein bequemes Leben führen konnte. An keine Vorschrift hielt er sich und unzuverlässig war er auch. Dabei war er schon lange in einem Alter, dass er eine vernünftige Ausbildung anfangen sollte. Seufzend hing der alte Heiler seinen Gedanken nach, während er die Zutaten für die Medizin zusammen mischte.
Malik hatte das Dorf am Rande der Wüste schon verlassen und streift durch die steppenartige Gegend um einen Gegner zu finden, an dem er seine neue fixe Idee mit dem Säbel ausprobieren konnte. Der Kampf und die Übung machten ihm Spaß, auch wenn er nie irgendwo in eine Lehre gehen wollte. Zu viele Regeln und Vorschriften an die er sich hätte halten müssen. Ein alter abgemagerter Wüstenwolf kam ins Blickfeld und spätestens ab dem Zeitpunkt hatte Malik die Medizin für seinen Vater wieder völlig vergessen.
Als er spät am Abend nach Hause kam, völlig erschöpft von seinem Versuch den Fuchs zu erwischen traf er nicht wie gewohnt auf einen verlassenen Wohnbereich, sondern auf den Heiler vom Vormittag, der ihn mit strafendem Blick musterte.
- „Hatte ich dir nicht aufgetragen die Medizin
hier her zu bringen?“
- „Ich bin kein Botenjunge“
kam die pampige Antwort des Jungen. Einen Moment wirkte der alte Mann, als wolle er Malik für sein respektloses Verhalten eine Schelle verpassen, doch er beherrschte sich.
- „Hör mir nur einmal zu Malik,
es ist wichtig!“
Forschend blickte er den Jungen vor sich an, der sich sogar halbwegs zusammenriss nicht völlig genervt nach vorne zu blicken.
- „Die Krankheit schwächt deinen Vater immer
mehr, und es sieht nicht so aus, als könne
er ihr noch lange widerstehen.
Hörst du mir zu?“
- „Ja… er ist sehr krank,
alles sehr schlimm. Das sagst du andauernd.
Vater ist schon ewig Krank, seitdem wir
aus Menek’Ur weg sind. Ich habe keine
Lust, dass du mir das ständig vorhältst,
ich kann nichts dafür!“
Die Augen des alten Heilers blitzten auf, als Malik ihm mal wieder nicht richtig zugehört hatte. Mit einem Griff an seinen Kragen zog er den Jungen zu sich, so dass die beiden nur noch wenige Zentimeter trennten.
- „Du bist ein lausiger Sohn Malik!
Dein Vater kämpft mit dem Tode und du
versuchst dich nur in Schuldabwehr.
Du hast keine Schuld an der Krankheit,
aber du solltest deinem Vater nicht noch
mehr Sorgen bereiten, in dem du dich
aufführst als würde dich das alles nichts
angehen.“
Verstört blickte Malik den Heiler an.
- „Tod? Er kämpft mit dem Tod?“
Soweit hatte er nie gedacht. Sein Vater war soweit er sich erinnern konnte schon immer irgendwie krank gewesen. Er hatte es nie verkraftet den Weg in die Heimat und zu seiner Familie verloren zu haben. Jaan war einst ein guter Säbelkämpfer gewesen, geachtet in der Familie. Doch seitdem er diese nicht mehr hatte, und er keine Hoffnung sah nach Hause zurück zu kehren, war er innerlich zerbrochen. Ohne Elan verbrachte er Tag um Tag. Das Feuer das sonst so ein deutliches Merkmal im Charakter aller Menekaner war, schien bei ihm verloschen und er schaffte es nicht eben diese Glut bei seinem Sohn in die richtigen Bahnen zu lenken. Malik war sich der Schwäche seines Vaters bewusst und obwohl er sich oft so darstellte, als würde ihn die Krankheit nicht interessieren und dass er alleine zu Recht kommen würde, so wollte er doch seinen Vater auf keinen Fall verlieren. Der Schock über die Nachricht stand dem Jungen deutlich ins Gesicht geschrieben, so dass auch die Wut des alten Heilers verrauchte und Mitleid Platz machte.
- „Geh zu ihm, bald wird er zu schwach sein,
als dass du noch mit ihm reden kannst.“
Fordernd schob der Heiler den Jungen vor sich in den Schlafraum des Vaters. Der Anblick des Vaters war für Malik nicht ungewohnt, doch er riss sich für die Zeit zusammen, doch konnte man ihm wohl anmerken, dass er am Liebsten hinaus wollte. Doch der Heiler blockierte die Tür nach draußen und eine Rangelei anzufangen, wäre wohl mehr als unpassend gewesen und diese Sorge wollte er nun nicht auch noch seinem Vater auferlegen. Also nahm er sich zusammen und blickte ruhig zu dem Ruhenden. Das Gespräch viel kurz und wie erwartet aus. Wieder sprach er nur von der Heimat und erzählte von der Stadt. Wie gerne er noch mal zurück wollte. Malik kannte es auswendig und wollte nichts davon hören. Doch diesmal ließ er alles über sich ergehen. Nach 10 Minuten Gespräch gab es eine Chance dem Raum zu entkommen, da sein Vater meinte, er brauche nun Ruhe. Malik huschte schnell hinaus und ignorierte die mahnenden Worte des Heilers mal wieder, dass er sich so spät nicht mehr rumtreiben sollte. Er wollte alleine sein, alle trüben Gedanken verdrängen. Die Wahrheit konnte und wollte er nicht akzeptieren. So blieb er wieder den ganzen Abend unterwegs und kam erst spät in der Nacht wieder nach Hause. Im Haus war es ruhig und dunkel, so schlich er sich einfach in sein Zimmer.
Am Morgen, beziehungsweise für alle anderen Mittags brach ein Tumult im Haus los. Mehrere Leute gaben sich gegenseitig die Klinke in die Hand und drängelten sich geschäftig um das Zimmer des Vaters. Als Malik sich einen Überblick verschaffen wollte, warum sein Schlaf so unsanft unterbrochen wurde, packte ihn jemand unbekanntes an den Schultern und drängelte ihn ohne weitere Erklärung in den Raum zurück.
- „Bleib da drin Junge, bis wir fertig sind.“
Als würde er darauf hören, kaum wurde die Tür vor ihm geschlossen, stahl er sich auch schon wieder nach draußen und diesmal drängelte er sich rücksichtslos an der Menge an umher rennender Leute vorbei. Und dann viel sein Blick auch schon auf den Rücken des Heilers, der über seinen Vater gebeugt stand, eine Hand an seinen Hals gelegt. Man musste Malik nicht erst sagen, was hier passiert ist. Die Gesichter der Anwesenden sprachen Bänder. Wie versteinert blieb der Junge in der Tür stehen. Mit dem Anblick seines toten Vaters war eine Welt für ihn zusammengebrochen. Schlagartig und mit einer Intensivität, die er selber nie erwartet hätte. Noch ehe ihn irgendjemand aufhalten konnte, stürmte er in sein Zimmer und suchte die wichtigsten Sachen zusammen, die er auf die Schnelle greifen konnte. Tränen standen ihm in die Augen, als er wieder aus dem Raum rannte und dabei direkt in die Arme des Heilers rannte, der ihn festhielt.
- „Bleib hier Junge. Beruhig dich.“
Doch Malik lies nicht mit sich reden. Getrieben von Wut und Trauer schaffte er es sich aus dem Griff zu lösen und den alten Heiler von sich weg zu schieben. Er rannte noch lange, auch als das Haus schon lange hinter ihm lag. Erst als er auch das Dorf hinter sich gelassen hatte, stoppte er schwer atmend. Doch er kehrte nicht um… er setzte seinen Weg ruhiger fort, noch unwissend wohin er genau wollte. Ohne dass er es bewusst wahr nahm suchte er seine alte Heimat: Menek’ur.