Abschied
Verfasst: Samstag 5. Dezember 2009, 23:08
Rückblick: 1. Varuna
Ist es nicht erstaunlich, an welche scheinbar unbedeutenden Einzelheiten man sich gelegentlich zu erinnern vermag? Etwa jener Eiszapfen, eigentlich nicht weiter beachtlich, wenn man davon absieht, dass er der einzige war, der noch am Dachrand hing, nachdem seine Gefährten von Passanten, womöglich spielenden Kindern oder der auch im Winter nicht zu leugnenden Kraft der Sonne von seiner Seite gerissen worden waren.
Nicht die imposante Brücke, nicht die im Wind wehenden Wimpel, nicht der Wassergraben, nicht die funkelnden Harnische, nein dieser Eiszapfen blieb mir am deutlichsten in Erinnerung.
Der Eiszapfen ist lange geschmolzen, das Dach, an dem er hing, eingestürzt. Wimpel flattern dort keine mehr und von der Brücke sind nur noch rauchgeschwärzte Ruinen übrig. Ihren Zweck hat sie in zweifacher Hinsicht verloren, denn der Graben über den sie führte ist versiegt, die Stadt in die sie führte vernichtet. Und wenn man dort noch einen Harnisch findet, so ist er fleckig, zerbeult, durchlöchert.
Als er Varuna vor beinahe zwei Jahren, an jenem Wintertag zum ersten Mal betrat, hätte er es sich nicht vorstellen können, dass sie so bald schon und so gründlich ausgelöscht werden würde. Und auch nicht, dass er dabei sein würde, noch dazu auf Seiten der Angreifer.
Aus militärischer Sicht war der Angriff die einzig logische Wahl zu diesem Zeitpunkt, da sie kaum geschützt und scheinbar bereits halb aufgegeben war. Sie einzunehmen dauerte entsprechend nur wenige Stunden. Außer einer Handvoll entweder todesmutiger oder strafversetzter Gardisten hatte niemand Widerstand geleistet und diese wenigen armen Hunde hauchten ihr Leben meist schneller aus, als sie ein Stoßgebet zu Temora schicken konnten.
Auf dem Wehrgang der Ostmauer stehend, beobachtete er das Flammenmeer, dem es dort unten nicht an Nahrung mangelte. Als der dunkle Schatten des gewaltigen Kryndlagor über ihn hinweg zog und der gellende Schrei des gigantischen Wesens selbst das Getöse der einstürzenden Dächer übertönte, wandte er seinen Blick nach Osten, in Richtung Berchgard.
Wie erwartet stieg von dort eine Staubwolke auf, die Alarmglocken Varunas hatten ihre letzte Pflicht erfüllt. Doch was nutzte es ihnen noch, jetzt zu kommen? Hätten sie die Stadt halten wollen, hätten sie sich den Attacken des Drachen dort zur Wehr gesetzt, anstatt nahezu sämtliche Bürger und Soldaten aus Varuna abzuziehen. Hatten sie denn wirklich geglaubt, tote Mauern allein würden die Truppen des Panthers abschrecken, wenn niemand sie schützte?
„Die Mauern der Burg will ich stets so schützen, wie sie mich auch schützen“ schoss es ihm durch den Kopf, jene Zeile des Eides, den er leistete, die zum Ausdruck brachte, dass Schutz nur durch das Zusammenwirken von Mensch und Material zustande kommen konnte und das bloße Vertrauen auf eines davon die reinste Torheit war.
Doch nun war nicht die Zeit zum Nachdenken, er eilte die Steinstufen hinunter, wich schwelenden Balken und erschlagenen Gardisten des Hohenfelser Regiments aus und kam schließlich zum Osttor, das die Legion als Sammelplatz bestimmt hatte. Sein Pferd, durch die Hitze und den Qualm aufgescheucht, tänzelte unruhig. Nachdem sie das geborstene Tor hinter sich gelassen hatten und ihnen die merklich kühlere, frische Luft entgegenschlug, entspannten sich Ross und Reiter ein wenig. Der Trupp, nein die kleine Armee aus Berchgard war inzwischen nah genug, um einzelne Personen auszumachen, Ritter in glänzenden Rüstungen auf ihren riesigen Schlachtrössern beherrschten die vorderen Reihen, doch dazwischen ließen sich auch leichter Gerüstete ausmachen. Die fehlende Marschordnung deutete er als Hinweis darauf, dass diese Streitmacht eilig zusammengestellt war, ohne erkennbare Führungsstruktur, geeint nur durch den gemeinsamen Feind. Das könnte einen Vorteil bedeuten, da koordinierte Manöver wenig wahrscheinlich wirkten, aber auch von Nachteil, da sie mit unvorhergesehenen, eben unkoordinierten und daher kaum zu berechnenden Aktionen konfrontiert würden.
Anders die Eisenwart. Innerhalb der Truppen Rahals agierte sie autonom, konnte die monatelang eingeübten Strukturen beibehalten und damit die größtmögliche militärische Schlagkraft nutzen.
Als die Sonne hinter der nach wie vor brennenden Stadt versank, war die Erde wieder einmal mit Blut getränkt. Die Truppen aus Berchgard hatten sich wacker gehalten, aber nicht zuletzt unter dem Wüten des Drachen, der immer wieder wie ein Raubvogel in ihre Reihen gefahren war und mit Klauen und Feuer Tod und schwere Verletzungen brachte, schließlich zurückweichen müssen.
Viridian wusste, dass er an diesem Tag sechs weiteren Menschen den Tod gebracht hatte, einem Gardisten in Varuna und fünfen hier vor den Toren. Einer, dem er vom Pferderücken aus sein Schwert durch den Schädel getrieben hatte war kaum den Knabenschuhen entwachsen. Sein letzter, erbittertster Gegner war eine Frau von schätzungsweise Mitte dreißig, die trotz einer Wunde am Hals und einer am rechten Bein noch so lange stand gehalten hatte, bis er sie mit seinem Schild von unten am Kinn traf und der danach hilflos am Boden Liegenden sein Schwert durch die Kehle rammte. Danach hatte er gewartet, bis ihre Augen gebrochen waren, schweigend, so wie er zu kämpfen pflegte, da sich der Feind zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Rückzug befand.
Während er im flackernden Schein der brennenden Stadt über das Schlachtfeld ritt, wurde ihm wie seit langem nicht mehr bewusst, was dieses Wort bedeutete.
Der rostige Geschmack von Blut auf seiner Zunge, das warme Pricken des Bluts aus einer Wunde an seiner Stirn und dazu dieser Geruch nach Rauch, verbranntem Fleisch, Blut und Fäkalien sowie das weithin hörbare Stöhnen der Verwundeten und Sterbenden, von gelegentlichen kurzen Schreien unterbrochen, wenn die Leichenfledderer oder Fanatiker denen, die sich nicht mehr wehren konnten den Todesstoß versetzten und dabei manches Mal nicht zwischen Freund und Feind unterschieden, all das rüttelte an seinen Erinnerungen, seinem Wissen, was dieses Wort bedeutete: Krieg.
Ist es nicht erstaunlich, an welche scheinbar unbedeutenden Einzelheiten man sich gelegentlich zu erinnern vermag? Etwa jener Eiszapfen, eigentlich nicht weiter beachtlich, wenn man davon absieht, dass er der einzige war, der noch am Dachrand hing, nachdem seine Gefährten von Passanten, womöglich spielenden Kindern oder der auch im Winter nicht zu leugnenden Kraft der Sonne von seiner Seite gerissen worden waren.
Nicht die imposante Brücke, nicht die im Wind wehenden Wimpel, nicht der Wassergraben, nicht die funkelnden Harnische, nein dieser Eiszapfen blieb mir am deutlichsten in Erinnerung.
Der Eiszapfen ist lange geschmolzen, das Dach, an dem er hing, eingestürzt. Wimpel flattern dort keine mehr und von der Brücke sind nur noch rauchgeschwärzte Ruinen übrig. Ihren Zweck hat sie in zweifacher Hinsicht verloren, denn der Graben über den sie führte ist versiegt, die Stadt in die sie führte vernichtet. Und wenn man dort noch einen Harnisch findet, so ist er fleckig, zerbeult, durchlöchert.
Als er Varuna vor beinahe zwei Jahren, an jenem Wintertag zum ersten Mal betrat, hätte er es sich nicht vorstellen können, dass sie so bald schon und so gründlich ausgelöscht werden würde. Und auch nicht, dass er dabei sein würde, noch dazu auf Seiten der Angreifer.
Aus militärischer Sicht war der Angriff die einzig logische Wahl zu diesem Zeitpunkt, da sie kaum geschützt und scheinbar bereits halb aufgegeben war. Sie einzunehmen dauerte entsprechend nur wenige Stunden. Außer einer Handvoll entweder todesmutiger oder strafversetzter Gardisten hatte niemand Widerstand geleistet und diese wenigen armen Hunde hauchten ihr Leben meist schneller aus, als sie ein Stoßgebet zu Temora schicken konnten.
Auf dem Wehrgang der Ostmauer stehend, beobachtete er das Flammenmeer, dem es dort unten nicht an Nahrung mangelte. Als der dunkle Schatten des gewaltigen Kryndlagor über ihn hinweg zog und der gellende Schrei des gigantischen Wesens selbst das Getöse der einstürzenden Dächer übertönte, wandte er seinen Blick nach Osten, in Richtung Berchgard.
Wie erwartet stieg von dort eine Staubwolke auf, die Alarmglocken Varunas hatten ihre letzte Pflicht erfüllt. Doch was nutzte es ihnen noch, jetzt zu kommen? Hätten sie die Stadt halten wollen, hätten sie sich den Attacken des Drachen dort zur Wehr gesetzt, anstatt nahezu sämtliche Bürger und Soldaten aus Varuna abzuziehen. Hatten sie denn wirklich geglaubt, tote Mauern allein würden die Truppen des Panthers abschrecken, wenn niemand sie schützte?
„Die Mauern der Burg will ich stets so schützen, wie sie mich auch schützen“ schoss es ihm durch den Kopf, jene Zeile des Eides, den er leistete, die zum Ausdruck brachte, dass Schutz nur durch das Zusammenwirken von Mensch und Material zustande kommen konnte und das bloße Vertrauen auf eines davon die reinste Torheit war.
Doch nun war nicht die Zeit zum Nachdenken, er eilte die Steinstufen hinunter, wich schwelenden Balken und erschlagenen Gardisten des Hohenfelser Regiments aus und kam schließlich zum Osttor, das die Legion als Sammelplatz bestimmt hatte. Sein Pferd, durch die Hitze und den Qualm aufgescheucht, tänzelte unruhig. Nachdem sie das geborstene Tor hinter sich gelassen hatten und ihnen die merklich kühlere, frische Luft entgegenschlug, entspannten sich Ross und Reiter ein wenig. Der Trupp, nein die kleine Armee aus Berchgard war inzwischen nah genug, um einzelne Personen auszumachen, Ritter in glänzenden Rüstungen auf ihren riesigen Schlachtrössern beherrschten die vorderen Reihen, doch dazwischen ließen sich auch leichter Gerüstete ausmachen. Die fehlende Marschordnung deutete er als Hinweis darauf, dass diese Streitmacht eilig zusammengestellt war, ohne erkennbare Führungsstruktur, geeint nur durch den gemeinsamen Feind. Das könnte einen Vorteil bedeuten, da koordinierte Manöver wenig wahrscheinlich wirkten, aber auch von Nachteil, da sie mit unvorhergesehenen, eben unkoordinierten und daher kaum zu berechnenden Aktionen konfrontiert würden.
Anders die Eisenwart. Innerhalb der Truppen Rahals agierte sie autonom, konnte die monatelang eingeübten Strukturen beibehalten und damit die größtmögliche militärische Schlagkraft nutzen.
Als die Sonne hinter der nach wie vor brennenden Stadt versank, war die Erde wieder einmal mit Blut getränkt. Die Truppen aus Berchgard hatten sich wacker gehalten, aber nicht zuletzt unter dem Wüten des Drachen, der immer wieder wie ein Raubvogel in ihre Reihen gefahren war und mit Klauen und Feuer Tod und schwere Verletzungen brachte, schließlich zurückweichen müssen.
Viridian wusste, dass er an diesem Tag sechs weiteren Menschen den Tod gebracht hatte, einem Gardisten in Varuna und fünfen hier vor den Toren. Einer, dem er vom Pferderücken aus sein Schwert durch den Schädel getrieben hatte war kaum den Knabenschuhen entwachsen. Sein letzter, erbittertster Gegner war eine Frau von schätzungsweise Mitte dreißig, die trotz einer Wunde am Hals und einer am rechten Bein noch so lange stand gehalten hatte, bis er sie mit seinem Schild von unten am Kinn traf und der danach hilflos am Boden Liegenden sein Schwert durch die Kehle rammte. Danach hatte er gewartet, bis ihre Augen gebrochen waren, schweigend, so wie er zu kämpfen pflegte, da sich der Feind zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Rückzug befand.
Während er im flackernden Schein der brennenden Stadt über das Schlachtfeld ritt, wurde ihm wie seit langem nicht mehr bewusst, was dieses Wort bedeutete.
Der rostige Geschmack von Blut auf seiner Zunge, das warme Pricken des Bluts aus einer Wunde an seiner Stirn und dazu dieser Geruch nach Rauch, verbranntem Fleisch, Blut und Fäkalien sowie das weithin hörbare Stöhnen der Verwundeten und Sterbenden, von gelegentlichen kurzen Schreien unterbrochen, wenn die Leichenfledderer oder Fanatiker denen, die sich nicht mehr wehren konnten den Todesstoß versetzten und dabei manches Mal nicht zwischen Freund und Feind unterschieden, all das rüttelte an seinen Erinnerungen, seinem Wissen, was dieses Wort bedeutete: Krieg.