Fiona - Verschneite Pfade
Verfasst: Montag 16. November 2009, 21:13
... sind verlassen.
D’r Schnee lässt noch auf sich wart’n…
Ein prüfender Blick geht zum morgendlichen, wolkenverhangenen Himmel hinauf. Blaue Augen mit grünen Sprenkeln, Hinterlassenschaft einer fernen Familie, verengen sich ein wenig zum Schutz vor dem pfeifenden, kalten Wind.
Aber d’r Wind kündigt’n an. ’S is neymer weit.
In die Breite gewachsene Hände in Kettenhandschuhen umklammern mit einem Knirschen den langen Stiel der Kriegsaxt fester, der Blick gleitet langsam und akribisch über die bewaldete Umgebung, hinter der sich fast zögerlich steinerne Ruinen erheben.
Es gibt doch nichts Schöneres, als schon in aller Frühe ein paar Knochen unter Geklapper zu Boden zu bringen. Mit einem tiefen Sog zischte die klirrende Luft durch Fionas Nase und erfüllte nur Sekundenbruchteile darauf frisch ihre Lungen, bevor die Angure mit großen Schritten losstürmte.
Die Gestalt, welche nun durch lautstark knackendes Unterholz brach und sich mit seitlichen, kurzen Hieben einen Weg durch das Gestrüpp Richtung Skelettruinen bahnte, hatte in den letzten Jahren ihre Schmächtigkeit verloren und war deutlich in die Höhe gewachsen. Auch die Schultern zeigten inzwischen eine stattliche Breite, doch aus ihnen ragte der teilweise durch Fell verdeckte Hals noch immer etwas schmal heraus. Auf diesem saß ein großer Schädel, der in der schmäleren Gesichtspartie nur noch Spuren ehemaliger kindlicher Züge zeigte und dennoch die Blüte der Jugend, in der sich Fiona befand, keineswegs verleugnete.
Dieselbe trug in dem Augenblick eine Fratze der Entschlossenheit und öffnete den Mund zu einem dröhnenden Schrei, der ihre Gegner sicherlich zur Flucht bewegt hätte, würde ihnen nicht der fleischige Aufsatz ihrer Gehörknochen fehlen.
CHUGAINN!
Während die schwungvollen Axthiebe rechts und links bloße Rippen brachen, Gelenke entzweiten und Hüften zerschmetterten, konnten die Gedanken im Angurenschädel langsam ihre Fäden ziehen und Fiona diese, wenn sie wollte, wie einen Feldweg verfolgen.
Noch etwas hatte sich verändert: sie fing an, ihre Waffen besser zu beherrschen und vollzog endlich nach, was die Krieger ihres Volkes bei einem Kampf fühlten. Sie spürte die Befreiung der Sinne durch die Entfesselung aller körperlichen Kräfte - und es gefiel ihr.
Wieder durchflutete Luft mit tiefen Schnaufgeräuschen ihre Atemwege und erfrischte ihre gesamte Physis dadurch. Langsam bekam sie wieder ihren normalen Blick zurück, der ihr nach den wirren Schemen und Farben, welche sie während eines Kampfes stets umgaben, Übersicht verschaffte. Ihre Gestalt allein erhob sich hoch über die übrigen Knochenhaufen.
Und das war auch schon der schmerzliche Punkt ihrer Tage: Allein.
Keine große Schwester, die mit ihrer Axt wie ein Schutzschild zwischen ihr und den Gefahren der Welt steht.
Kein Rí, der sich zu ihr hinunter begab und vertrauensvoll mit ihr spricht.
Kein Mimir, der ihr immer neue Mischungen und Zutaten für natürliche Tinkturen zeigte, der ihr die schwer verständlichen Dinge der Welt in einfachen Worten erklärte.
Kein Krieger, der sich Zeit nahm, die junge Angure weiter in das Handwerk der Axt oder des Bogens einführte.
Kein Angure, der sich viel mit ihr abgab.
Und wieso stand auch das Wohngut von „Ifhn“ leer? Ihn würde Fiona bei der passenden Frage wohl wirklich einen Freund nennen - cara. Doch momentan gab es auch ihn nicht, nicht in ihrem Wissen.
Eine leise Stimme schlich sich in den großen Angurenkopf.
„’N Pfad, wenn’r verschneit ist, den geht kein’r, der kein Amadán ist. Allein geht man neymals in’n Schnee.“
Ein kehliges Brummen tönte aus ihren zusammengepressten Lippen und kommentierte den klugen Spruch mit Unwillen. Hatte sie sich das etwa ausgesucht, keinen mehr zu haben, der an ihrer Seite verweilen wollte? ’S war doch ney mein Wunsch.
Und doch stand sie allein. Bald würde sich auch der Schnee zur Vervollkommnung dazugesellen und jene Worte unterstreichen.
Die langstielige Axt sauste zornig erneut auf einen Knochenhaufen nieder, der sich schon ohne ihr Zutun mehrere Augenblicke nicht mehr regte, und blieb stecken, wo sie war.
Diese Überbrückung reichte aus, dass Fiona zu einem weiteren Gedanken kam.
Iantoras.
Ein neuer Bekannter, den sie allzu gerne Freund nennen wollte. Doch war er dass wirklich?
Er hatte sie zu sein Volk nach Wulfgard eingeladen – an die Aussprache dieses seltsamen Namens wagte sie sich gar nicht erst ran. Die Thyren lebten dort.
Wenig wurde bei den Anguren von jenem Volk gesprochen, wohl wussten nur wenig wirklich über sie Bescheid. Doch die junge Wundheilerin der Anguren dachte fest daran, mehr über Iantoras Leute herauszufinden – er hatte sie schon sehr neugierig gemacht. Und seinen Worten nach zu Urteilen benötigten die Ärmsten dringend einiger Erklärungen über das wahre Wesen des Volkes Fionas.
Wieder drang eine ferne Stimme in ihr Bewusstsein und entfaltete seinen Lehren hinter ihrer Stirn.
„’N Pfad, wenn’r verscheint is, is neymer gut zu seh’n. D’musst immer aufpass’n, wohin d’trittst. Erst wenn’d siehst, dass’r dich trag’n wird, gehst mit’m ganzen Gewicht drauf - gomaith?“
Die Weisheit sprach von nötiger Vorsicht.
Fjona, pass auf dein’n Mund auf! D’kannst tieaf fall’n…
Leiser Zweifel lies sie ihre leichte Axt auf die Schulter heben und sich wieder in Richtung des ruinösen Grenzpostens, welches sie momentan noch Heim nannte, in Bewegung setzen.
Sie wusste noch nicht, ob sie der Einladung folgen würde. Doch Neugier und Vertrauen in den neuen Freund, einer, der ihr endlich etwas mehr Aufmerksamkeit schenkte als sonst jemand, stritten mit der kleinen Stimme ihres vernünftigen Hinterkopfs.
D’r Schnee lässt noch auf sich wart’n…
Ein prüfender Blick geht zum morgendlichen, wolkenverhangenen Himmel hinauf. Blaue Augen mit grünen Sprenkeln, Hinterlassenschaft einer fernen Familie, verengen sich ein wenig zum Schutz vor dem pfeifenden, kalten Wind.
Aber d’r Wind kündigt’n an. ’S is neymer weit.
In die Breite gewachsene Hände in Kettenhandschuhen umklammern mit einem Knirschen den langen Stiel der Kriegsaxt fester, der Blick gleitet langsam und akribisch über die bewaldete Umgebung, hinter der sich fast zögerlich steinerne Ruinen erheben.
Es gibt doch nichts Schöneres, als schon in aller Frühe ein paar Knochen unter Geklapper zu Boden zu bringen. Mit einem tiefen Sog zischte die klirrende Luft durch Fionas Nase und erfüllte nur Sekundenbruchteile darauf frisch ihre Lungen, bevor die Angure mit großen Schritten losstürmte.
Die Gestalt, welche nun durch lautstark knackendes Unterholz brach und sich mit seitlichen, kurzen Hieben einen Weg durch das Gestrüpp Richtung Skelettruinen bahnte, hatte in den letzten Jahren ihre Schmächtigkeit verloren und war deutlich in die Höhe gewachsen. Auch die Schultern zeigten inzwischen eine stattliche Breite, doch aus ihnen ragte der teilweise durch Fell verdeckte Hals noch immer etwas schmal heraus. Auf diesem saß ein großer Schädel, der in der schmäleren Gesichtspartie nur noch Spuren ehemaliger kindlicher Züge zeigte und dennoch die Blüte der Jugend, in der sich Fiona befand, keineswegs verleugnete.
Dieselbe trug in dem Augenblick eine Fratze der Entschlossenheit und öffnete den Mund zu einem dröhnenden Schrei, der ihre Gegner sicherlich zur Flucht bewegt hätte, würde ihnen nicht der fleischige Aufsatz ihrer Gehörknochen fehlen.
CHUGAINN!
Während die schwungvollen Axthiebe rechts und links bloße Rippen brachen, Gelenke entzweiten und Hüften zerschmetterten, konnten die Gedanken im Angurenschädel langsam ihre Fäden ziehen und Fiona diese, wenn sie wollte, wie einen Feldweg verfolgen.
Noch etwas hatte sich verändert: sie fing an, ihre Waffen besser zu beherrschen und vollzog endlich nach, was die Krieger ihres Volkes bei einem Kampf fühlten. Sie spürte die Befreiung der Sinne durch die Entfesselung aller körperlichen Kräfte - und es gefiel ihr.
Wieder durchflutete Luft mit tiefen Schnaufgeräuschen ihre Atemwege und erfrischte ihre gesamte Physis dadurch. Langsam bekam sie wieder ihren normalen Blick zurück, der ihr nach den wirren Schemen und Farben, welche sie während eines Kampfes stets umgaben, Übersicht verschaffte. Ihre Gestalt allein erhob sich hoch über die übrigen Knochenhaufen.
Und das war auch schon der schmerzliche Punkt ihrer Tage: Allein.
Keine große Schwester, die mit ihrer Axt wie ein Schutzschild zwischen ihr und den Gefahren der Welt steht.
Kein Rí, der sich zu ihr hinunter begab und vertrauensvoll mit ihr spricht.
Kein Mimir, der ihr immer neue Mischungen und Zutaten für natürliche Tinkturen zeigte, der ihr die schwer verständlichen Dinge der Welt in einfachen Worten erklärte.
Kein Krieger, der sich Zeit nahm, die junge Angure weiter in das Handwerk der Axt oder des Bogens einführte.
Kein Angure, der sich viel mit ihr abgab.
Und wieso stand auch das Wohngut von „Ifhn“ leer? Ihn würde Fiona bei der passenden Frage wohl wirklich einen Freund nennen - cara. Doch momentan gab es auch ihn nicht, nicht in ihrem Wissen.
Eine leise Stimme schlich sich in den großen Angurenkopf.
„’N Pfad, wenn’r verschneit ist, den geht kein’r, der kein Amadán ist. Allein geht man neymals in’n Schnee.“
Ein kehliges Brummen tönte aus ihren zusammengepressten Lippen und kommentierte den klugen Spruch mit Unwillen. Hatte sie sich das etwa ausgesucht, keinen mehr zu haben, der an ihrer Seite verweilen wollte? ’S war doch ney mein Wunsch.
Und doch stand sie allein. Bald würde sich auch der Schnee zur Vervollkommnung dazugesellen und jene Worte unterstreichen.
Die langstielige Axt sauste zornig erneut auf einen Knochenhaufen nieder, der sich schon ohne ihr Zutun mehrere Augenblicke nicht mehr regte, und blieb stecken, wo sie war.
Diese Überbrückung reichte aus, dass Fiona zu einem weiteren Gedanken kam.
Iantoras.
Ein neuer Bekannter, den sie allzu gerne Freund nennen wollte. Doch war er dass wirklich?
Er hatte sie zu sein Volk nach Wulfgard eingeladen – an die Aussprache dieses seltsamen Namens wagte sie sich gar nicht erst ran. Die Thyren lebten dort.
Wenig wurde bei den Anguren von jenem Volk gesprochen, wohl wussten nur wenig wirklich über sie Bescheid. Doch die junge Wundheilerin der Anguren dachte fest daran, mehr über Iantoras Leute herauszufinden – er hatte sie schon sehr neugierig gemacht. Und seinen Worten nach zu Urteilen benötigten die Ärmsten dringend einiger Erklärungen über das wahre Wesen des Volkes Fionas.
Wieder drang eine ferne Stimme in ihr Bewusstsein und entfaltete seinen Lehren hinter ihrer Stirn.
„’N Pfad, wenn’r verscheint is, is neymer gut zu seh’n. D’musst immer aufpass’n, wohin d’trittst. Erst wenn’d siehst, dass’r dich trag’n wird, gehst mit’m ganzen Gewicht drauf - gomaith?“
Die Weisheit sprach von nötiger Vorsicht.
Fjona, pass auf dein’n Mund auf! D’kannst tieaf fall’n…
Leiser Zweifel lies sie ihre leichte Axt auf die Schulter heben und sich wieder in Richtung des ruinösen Grenzpostens, welches sie momentan noch Heim nannte, in Bewegung setzen.
Sie wusste noch nicht, ob sie der Einladung folgen würde. Doch Neugier und Vertrauen in den neuen Freund, einer, der ihr endlich etwas mehr Aufmerksamkeit schenkte als sonst jemand, stritten mit der kleinen Stimme ihres vernünftigen Hinterkopfs.