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Minima de malis

Verfasst: Donnerstag 12. November 2009, 04:00
von Alexander van Bernau
"Ich halte die Vorstellung für falsch, dass wir uns immer von allem, seien es nur zerrüttete Familien oder Kriege, wieder erholen sollten. So weiter machen wie vorher oder uns vielleicht sogar besser fühlen. Dass die Wunden verheilen sollten.
Ich glaube sogar im Gegenteil, dass bestimmte Wunden nicht heilen sollten, weil sie garnicht heilen können, selbst wenn sie heilen wollen. Man sollte es verhindern.
Es ist besser sich zu erinnern, anstatt die Wunden zu heilen..."


Dieses Ziat hatte sich in Alexanders Kopf eingebrannt. Sein ehemaliger Mentor gab es einmal von sich. Er hatte es sich sogar aufgeschrieben. In letzter Zeit überflog er diesen Satz oft, wenn er sich ein Bild seiner Gedanken machen wollte. Seiner Gedanken die er fein säuberlich aufgeschrieben hatte. Sein Leben lang, seit er von zuhause weg war.
Es waren mittlererweile mehrere Bücher. Aber das Neueste füllte sich am schnellsten,
wollte Alexander seinen Kopf doch so schnell wie möglich von seinen Gedanken befreien.
Wenn er sie aufschrieb, würde er vielleicht weniger an sie denken. Er könnte sie in ein Regal stellen und dort würden sie niemanden stören...



Man sagte oft, ein Mann verwandle sich in der Schlacht in etwas anderes...

Inwuietum cor nostrum, donec requiescat in te

Verfasst: Donnerstag 12. November 2009, 14:32
von Alexander van Bernau
Halt mich, wie der Fluss Monik, und ich werde dir sagen, dass du mein Freund bist.

Trag mich, als wärst du mein Bruder,
lieb mich,wie eine Mutter.

Wirst du da sein?

Wenn ich schwach bin,sag mir, wirst du mich halten?
Wenn ich mich irre, wirst du mich berichtigen?
Wenn ich verloren bin, wirst du mich finden?

Sie sagten mir,ein Mann sollte zuverlässig sein und auch gehen, wenn er nicht kann.
Und kämpfen bis zum Ende.
Doch ich bin nur ein Mensch.

Jeder kontrolliert mich.
Es scheint, als hätte die Welt eine Rolle für mich vorgesehen.
Ich bin so verwirrt.
Wirst du mir zeigen, dass du für mich da bist?
Und dich genug um mich sorgen, um mich zu ertragen?

In unserer dunkelsten Stunde,
in meiner tiefsten Verzweiflung,
wirst du dich noch kümmern?

Wirst du da sein?

In meinen Prüfungen und in meinem Leiden,
durch unsere Zweifel und Enttäuschungen,
in meiner Gewalt und meiner Unruhe,
durch meine Angst und meine Eingeständnisse,
in meiner Angst und meinem Schmerz,
durch meine Freude und meine Sorgen,
in dem Versprechen auf ein anderes Morgen.

Ich lasse Dich nie mehr gehen!
Denn du bist immer in meinem Herzen!

Bella matribus detesta

Verfasst: Freitag 20. November 2009, 01:03
von Alexander van Bernau
Viele, die über Kriege schreiben, haben davon ein romantisches Bild.
Ich habe das anders erlebt...ich wollte immer nur, dass es vorbei ist.
Es war alles markerschütternd.
Ich hatte erwartet, dass auch andere darüber berichten würden, wie es wirklich war.
Aber es wurde kaum erwähnt. Von heroischen Taten wurde geschwärmt...
Wenn niemand darüber schreiben will, dann versuche ich es eben selbst!
Ich finde keine schmeichelhaften Worte, für das, was dort passiert ist. Und so schreibe ich einfach drauf los!

Ich machte mich langsam fertig. Der Aufbruch war in einer Stunde geplant.
Was genau geplant war, wussten zu diesem Zeitpunkt nur wenige. Ich wusste es nicht genau, nur dass es einen Angriff auf Rahal geben sollte.
Rahal...die Hauptstadt des Feindes. Mitten ins Wespennest. Das man dabei gestochen wird, war eigentlich voraus zu sehen.
Einer nach dem anderen ritten wir durch das Tor der Festung, sammelten und kurz und machten uns auf dem Weg zum Treffpunkt. Auf den Weg, diejeniger zur Rechenschaft zu ziehen, die uns schon so oft zugesetzt hatten.
Auf dem Weg trafen wir noch andere und schloßen uns zu einem gewaltigen Heereswurm zusammen.
Viele gröhlten und johlten, sangen Lieder, während sie da so entlang ritten, hinein ins ungewisse.
Viele versuchten wohl nur die Angst zu unterdrücken oder zu überspielen. Den wenigsten gelang es.
Was dann folgte, kann ich garnicht genau beschreiben. Vielleicht ist die Angst, die nur bestimmte Gedanken zulässt. Vielleicht ist es auch Selbstschutz des Geistes, um nicht immer diese Bilder im Kopf zu haben.


Ich ritt durch eine Straße. In einem moment schaut ich nach links. Zwischen zwei Häusern tauchte ein leicht gerüsteter Mann mit Armbrust auf. Sie war geladen, sein Wille mich mit diesem Gerät niederzustrecken war erkennbar. Es schient mir, als richtete er den Bolzen genau auf mein Herz aus. Ich erstarrte.
Den Bruchteil einer Sekunde später sah ich, wie der Bolzen sich auf seinen Weg machte. Ich hörte ein metallisches "Pling". Ein kurzer Ruck ging durch meinen Arm.
Der Bolzen hatte meinen Schild getroffen und war davon abgeglitten.
Hätte er auf der anderen Seite gestanden, wo ich keinen Schild hatte, dann wäre vielleicht alles anders ausgegangen.

Plötzlich brach die Hölle los. Von überall her schienen mehrere dutzend feindlicher Recken aufzutauchen. Wie alle anderen trieb ich mein Pferd noch weiter an, fluchte etwas und schlug mehr wild als gezielt um mich. Es ging nur darum, irgendwie aus diesem Gemetzel heraus zu kommen. Brüllend ritt ich durch eine Gruppe Rahaler, die gerade mit jemand anderem beschäftigt waren. Ob ich einen von ihnen umritt oder sogar mit dem Schwert traf, das vermag ich nicht zu sagen. Es ging immer weiter geradeaus, geradewegs durch den Hinterhalt. Erst am Hafenviertel stießen wir wieder auf andere. Dort war es zumindest halbwegs sicher, hatte sich der Grossteil des Heeres doch bis hierhin durch gekämpft und begann damit, sich neu zu formieren...

Wenige Minuten später erhielten wir den Befehl, alles in Brand zu stecken. Alles niederzubrennen und dorthin zurück zu kehren, wo wir in den Hinterhalt geraten waren. Das mussten wir ja, wenn wir aus der Stadt wieder hinaus wollten.
Mir drehte sich der Magen um. Ich glaubte für einen moment, mich übergeben zu müssen.
Mein Körper, meine Gedärme, mein Verstand, meine Seele, sie alle sagten laut und deutlich "Nein, nicht nochmal da durch!". Ich hatte Todesangst.
Aber wir mussten zurück...die noch Kämpfenden retten und die Verwundeten bergen.
Wir kehrten also dahin zurück, wo wir gerade eben noch dem Tod entkommen waren.
Wieder flogen Bolzen und Pfeile durch die Luft und Verteidiger stellten sich uns in den Weg.
Wir hatten doch eben schon soviele erledigt, wo kamen die nur alle her ?
Ich schickte ein Stoßgebet an Temora. Wenig löblich war der Inhalt. Ich äußerte nur den Wunsch, nicht zu sterben. Nicht hier, nicht jetzt...

Ich konnte mich eigentlich nicht beschweren, war ich doch einer der wenigen, die ohne Verwundung davon kamen. Aber seitdem kamen mir immer die gleichen Bilder. Es waren nicht viele, aber die wenigen hatten sich in mein Gedächtnis eingebrannt.
Verwundete, die weinend und kreischend am Boden lagen. Tote, die die Wege säumten. Unmengen von Blut, dass wie ein Bach durch die Stadt zu fließen schien.

Von heroischen Taten oder einem glorreichen Sieg, davon vermag ich nicht zu berichten.

Non curatur, qui curat

Verfasst: Dienstag 24. November 2009, 01:05
von Alexander van Bernau
Als einer der wenigen, die fast unverwundet waren, half ich bei der Versorgung derer, die es nicht so gut hatten.
Sie mussten notdürftig versorgt und schnellstens nach Adoran, zumindest aber bis nach Berchgard oder zur Adlerfestung, gebracht werden.

Ich half mehrere der Geschundenen auf einen Wagen zu bringen. Ein einfacher Karren, kurz vor dem Verfall. Es war die beste Möglichkeit, die wir ihnen bieten konnten.
Ich selber nahm auch auf dem Wagen platz, um sie zu versorgen während der Fahrt.
Ich bin keiner Heiler, aber irgendwer musste sich ja um sie kümmern. Meine Grundkentnisse mussten jetzt einfach reichen. Es war niemand sonst da, der sich um sie hätte kümmern können während der Fahrt.
Nur langsam ging es voran. Der Karren wackelte hin und her. Das störte mich wohl mehr als die Verwundeten. Sie waren mit ihren Sorgen woanders. Ohnehin war nur einer von ihnen vollends bei Bewusstsein. Immer wieder stieg ich hin und her und kontrollierte, wie is ihnen ging.

Mir fällt auf, dass alle noch sehr jung sind. Es sind meistens die Jungen, die die schwersten Verletzungen davon tragen. Die Älteren sind erfahrener und geschickter darin, sich zu schützen und im Getümmel den Überblick zu behalten.
Als ich zu demjenigen komme, der noch bei Bewusstsein ist, unterhalten wir uns ein wenig, während ich ihn kontrolliere und versorge. Er erzählt von Zuhause. Ich kann nicht mehr herausbringen als gelegentlich ein "Ja" oder zustimmendes "Aha".
Während ich seine Verbände kontrolliere, reiße ich versehentlich einen davon ab, als der Wagen wieder ein Schlagloch mitnimmt. Eine übelriechende, rotgelbe Flüssigkeit rinnt aus der Wunde und tropft von seinem Bein herab. Ich suche schnell einen neuen Verband aus meiner Tasche und versorge die Wunde wieder.
Ich versuche so wenig wie möglich zu atmen. Er wurde erst vor wenigen Stunden verwundet, aber die Wunde stinkt wie totes Wild, das eine Woche lang in der Sonne lag. Ich kontrolliere nun auch seine anderen Verbände und löse vorsichtig einen Verband um seinen Fuß. Ich finde nur Sandflöhe, wo einmal seine Zehen waren.
Ich gebe mir alle Mühe keine Mine zu verziehen, denn er blickt die ganze Zeit zu mir herab. Schmerz spürt er wohl nicht mehr, sonst hätte er schon geschrien oder zumindest gezuckt. Wieder kommt diese Übelkeit in mir hoch. Soetwas hatte ich noch nie gesehen. Ich wickelte den Verband wieder sorgfältig um den Fuß.
Er war feucht und dick mit Staub und Dreck überzogen. So wie alle seine Verbände, bis auf den Neuen.

Ich bitte ihn, seine Zehen zu bewegen. Zumindest diejenigen, die er noch hat. Das sage ich ihm aber natürlich nicht.
Bei dem einen Fuß klappt alles gut, bei dem anderen, an dem ich eben zugange war, rührt sich nichts. Was dort übrig ist fühlt sich kalt und hart an.
Er schaut mich an und wir sehen einander in die Augen. Die Seinen drücken aus, ich solle ihm sagen, dass alles wieder verheilen wird. Das alles gut wird wird.
Es folgen einige der längsten Sekunden meines Lebens, weil ich weiss, dass er seine Hoffnungen auf das setzt, was ich sagen werde. Ich beuge mich kurz herunter um keinen Augenkontakt zu haben und tue so, als ob ich den Verband nochmals überprüfe.
Meine Gedanken rasen.
Ich war immer ehrlich, was soll ich ihm nun sagen? Soll ich Lügen, oder soll ich ihm die Wahrheit sagen?
Die Sekunden dehnen sich zu Minuten, während ich innerlich darum kämpfe, wie ich mich nun verhalte.

Ich richte mich auf. Wieder haben wir Augenkontakt. Ich knie neben seinen Füßen und bei dem Lärm der Pferde und des klappernden Wagens könnte er mich wohl nur schlecht hören. Wir kommunizieren nur über Augen und Mimik. Ich bin sicher, dass weniger als zwei Sekunden vergingen, bis ich ihn breit anlächelte und den Daumen hob.
Diese zwei Sekunden kamen mir aber vor wie eine Stunde.
Er lächelte zutiefst erleichtert. Ich fühlte mich elend, weil ich ihn belogen hatte. Auf ein Zeichen von ihm bewegte ich mich zum Kopfende und beugte mich vor, so dass er mir etwas ins Ohr sagen konnte.
"Warum habe ich so kalte Füße ?", fragte er.
Ich entgegnete ein wenig zögernd: "Die Verbände sind sehr fest und deine Füße geschwollen. Dadurch fließt weniger Blut. Man kann noch nicht sagen, wie gut alles verheilen wird."
Alle diese Aussagen waren korrekt. Durch meine Antwort gewinne ich wieder etwas Boden unter den Füßen. Dennoch bedrückt es mich weiterhin, dass ich gelogen habe.

Wie sieht die Zukunft dieser Männer aus, die körperlich, aber auch geistig verändert zu ihren Familien zurück kehren?

Wie wird es mit den schwerstverletzten weitergehen?
Wie werden sie später einmal zurecht kommen?
Werden sie es überhaupt überstehen?

Wie werden sie mit ihrem neuen Leben fertig werden?

Als wir in Adoran ankommen fühle ich mich verpflichtet, mich weiter um die Verwundeten zu kümmern. Ich bin erschöpft und eigentlich am Ende. Aber mein Gewissen hält mich hier.

Ich möchte alles tun, um ihnen zu helfen.