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Der Panther

Verfasst: Dienstag 27. Oktober 2009, 21:53
von Anastasia Swynedd
Alle Augen ruhen auf Ihr, hingen an Ihren Lippen und nahmen die Anweisungen der folgenden Tage auf: „Landsknecht. Kümmert Euch um die Rattenplage.“, wies sie Jonath harsch an, ehe die ungewöhnlich hellen Augen des Hauptmannes sich weiter in Richtung der jungen Kriegerin Valmon bewegten: „Ihr schließt Euch Ihm an. Er wird Euch in allen Einzelheiten unterweisen.“. Die dunkle Stimme hallte an den steinernen Wänden des Versammlungsraumes wider und unterstrichen Ihre Autorität nur noch umso mehr. Ja, seit dem Tod des Hauptmannes de Foquet, war es Ihre Aufgabe sich um die Soldaten zu kümmern, Ihre Ausbildung zu betreiben und sich um alle möglichen Anliegen zu kümmern. Auf Ihrer Stirn zeichnete sich einige dünne Falten der Nachdenklichkeit ab, als Ihre Gedanken für einen kurzen Moment in die Vergangenheit drifteten: Wie hart hatte sie für diese Ehre gearbeitet? Sie übte stundenlang mit verschiedenen Mitgliedern der Garde den Schwung des Schwertes und den Halt des Schildes, studierte die unterschiedlichsten Techniken des Angriffes und Kreaturen des alatarischen Reiches – ja, sie strebe die Perfektion unter den Augen des Herrn an. Ihr Blick pendelt zu Jonath hinüber und erneut machten die Gedanken einen Sprung in die nahe Vergangenheit: Sie stritt nun schon längere Zeit an seiner Seite und war ein jedes Mal wieder froh, um seine Klinge neben der eigenen. Noch vor Monden, stand sie mit Ihm vor den Augen des Schwarzen Marschalls und der Bevölkerung, um Ihm seine gerechte Strafe zuzufügen, doch nun – nun saß er hier an Ihrer Seite und hatte sich dem Dienst der Garde verschrieben, um weiterhin den rechten Pfad zu beschreiten. Weder seine spitze Zunge, noch seine raue Art und Weise Ihr gegenüber konnten verbergen, dass er sich Mühe gab und mit aller Hingabe der Schwarzen Armee diente, um sie vor Häschern, die Stadt vor weiteren Gräueltaten zu bewahren.

Nur sehr langsam löste sich der Nebel Ihrer Gedanken und erneut spürte sie die abwartenden Blicke der anwesenden Soldaten auf Ihrer Person: Vanessa Valmon. Jonath Grauwind und Lieon. Sie alle dienten der Stadt, der Schwarzen Armee, Ihr und dem All-Einen mit einer derartigen Hingabe, dass sich Ihre Lippen beinahe zu einem dezenten Lächeln verzogen hatten. Der Herr konnte stolz auf derlei Anhänger sein. Mit einigen letzten Worten, Aufgaben und Befehlen entließ sie die Streiter schließlich in den Abend, während sie selber unter einem metallenen Klicken die Scharniere Ihrer Rüsthandschuhe schloss. Ja, Ihre Rüstung war inzwischen zu einer zweiten Haut für sie geworden. Kaum mehr spürte sie das kühle, kantige Metall auf Ihrer Haut, so dass die Bewegungen fließend waren und den Anschein erweckten als würde sie bereits seit Kindesbeinen an in derartigem Rüstzeug stecken. Nein, vollkommen abwegiger war dieser Gedankengang auch tatsächlich nicht. Ein weiteres Mal kroch der unbarmherzige Nebel in Ihren Geist und schloss Ihren Blick vor dem Hier und Jetzt: „Anastasia! Streng' Dich gefälligst an. Du schwingst Dein Schwert als wärst Du gerade erst aus den Kinderschuhen gestiegen, bei Alatar!“, die harte Stimme schallte über den Übungsplatz und schlug unbarmherzig auf das kleine Mädchen ein. Dieses Mädchen, kaum mehr als neun Jahre, stand mit zitternden Beinen auf dem sandigen Platz und versuchte neben dem Gewicht der kleinen Plattenrüstung auch noch das Gewicht des Schwertes und Schildes zu stemmen. „Aber Vater, ich bin doch auch erst...“, wollte sie entgegnen, als ein Hieb der großen Pranke sie bereits in den Sand drückte. „Wie war das? Der Herr hört alles, Kind. Meinst Du, er wäre erfreut zu hören, dass Du zu schwach bist in seinem Namen zu streben?“, breitbeinig stand Ihr Vater, Hauptmann der hiesigen Garde, vor Ihr und blickte mit unbarmherzigen Augen zu Ihr herab. So jung sie auch war, sie hatte gelernt, dass jeglicher Diskussionsversuch mit Ihrem Vater aussichtslos war und so beließ sie es bei einem leichten Schütteln des Hauptes, nur um Momente später wieder unter dem Gewicht zu leiden und die verbalen, wie auch physischen Schläge einzustecken und wortlos hinzunehmen. Ja, so abwegig war der Gedanke gar nicht...

Mechanisch hatten Ihre Schritte sie bereits in den Empfangsraum der Kommandantur geführt. Er war nur mehr dezent beleuchtet, weswegen sich nun verschiedene Schatten an den hohen Wänden tummelten und Ihr tückisches Spiel trieben. Mit jedem Lechzen der Flammen, schlugen die Schatten aus und trieben sich gegenseitig an den Wänden entlang, so dass die Aufmerksamkeit der Streiterin tatsächlich einen Moment von dieser Erscheinung gefesselt war. „Alarm!“, ein Schrei riss sie aus Ihrer Träumerei und weckte die Lebensgeister. Nicht nur verschwand der Neben ein für allemal aus Ihrem Geist, auch die Muskeln spannten sich aufmerksam in Ihrem Körper an. Routiniert schloss sich Ihre Rechte um den Griff des Schwertes an Ihrer Seite, als die Augen auch schon ungeachtet der tanzenden Schatten durch den Raum huschten und sich letztendlich auf den Stiegen festsetzten. Jonath. Es war seine Stimme, die Alarm geschlagen hatte. Konzentriert verengten sich Ihre hellen Augen nun, so dass sie kurzzeitig den Eindruck eines lauernden Raubtieres machte. Und genau dieses Raubtier hechtete nun mit grazilen Sprüngen die Treppen herab, um in Ihre Richtung zu schleichen. Raubtier? Ruckartig wich sie einen Schritt zurück und fixierte den matt schimmernden Panther vor sich. Ein Fauchen, welches durch Mark und Bein ging, ließ sie schaudern, ehe verschiedene Emotionen gleichzeitig Ihren Leib durchfluteten. Respekt, Misstrauen und Konzentration kämpften in Ihrem Inneren um die Vorherrschaft, während Ihr Äußeres vollkommen ruhig war. Das Schwert harrte zum Zug bereit in der Schwertscheide, als sich Ihr Blick mit den Bewegungen der Raubkatze bewegte. Sie schlich in Ihre Richtung, fixierte sie mit Ihren so surreal erscheinenden schimmernden Augen, bevor ein weiterer Sprung das Tier durch die schwere Metalltüre führte. Ungeachtet der Tatsache, dass dieses Etwas gerade ungeachtet durch Metall sprang, marschierte Anastasia hinterher. Ihre Schritte wirken mechanisch, gerade so als hätte der Panther nun die Fänden in der Hand und würde sie mit sich locken. Weder nahm sie die potentielle Gefahr wahr, noch bemerkte sie die um sich sammelnden Gardisten. Es war, als würde sie ein stummes Zwiegespräch mit der Raubkatze halten, welche sie Stück um Stück von der Gruppe entfernte. Ihr Leib war so leicht, all' das Gewicht fiel von Ihr ab und für den Moment waren selbst Ihre Gedanken fern von Informationen, Akten und Problemen, als dann sich die Schritte weiter und weiter gen des Ausganges der Stadt bewegten. Den Befehl, den sie mit matter Stimme den folgenden Soldaten gab, nahm sie nicht einmal mehr wahr als der stechende Schmerz sich in Ihrem Körper ausbreitete und sich mit jedem einzelnen Herzschlag weiter durch die Adern und Venen ausbreitete. Zischelnd entließ sie die Luft, als der Schmerz Ihr Herz erreichte und es mit einer festen Faust umschloss. In diesem Moment trieben sie alle angestauten Emotionen an: Hass und Zorn vereinten sich und bildeten ein enormes Bollwerk gegen den grauenvollen Schmerz in Ihrer Brust. Schritt um Schritt beschleunigte sie Ihre Verfolgung des Panthers, als er urplötzlich vor einem schmalen Bachlauf zum Stillstand kam. Ein Stocken und schon durchwatete er das kühle Nass, als wäre es gar nicht vorhanden. Seine glitzernden Augen ruhten eindringlich auf Ihr, ließen sie keinen Augenblick aus, während sein langer Schwanz grazil in der Luft peitschte.

„Was willst Du? Was willst Du mir zeigen?“, stieß sie nun leise, keuchend vor Anstrengung aus. Der Kampf gegen den Schmerz, wie auch der rasche Schritt in der Rüstung zollten nun doch Ihren Tribut und ließen den kühlen Schweiß in Ihrem Rücken herab rinnen. Konzentriert huschten Ihre Augen über das Wasser, das Ufer und schließlich wieder in Richtung der Raubkatze. Doch sie war verschwunden, ohne ein Zeichen Ihrer vorherigen Anwesenheit. Kein Grashalm hatte sich unter dem Gewicht der schweren Tatze gebogen, kein Vogel stieg kreischend in die Luft beim Anblick der Katze. Nein, es war, als wäre der Panther nie hier gewesen. Ein leises Plätschern erregte nun Ihre Aufmerksamkeit und ließ den Blick ein weiteres Mal entlang des Ufers wandern. Schilf, Grashalme, aufgewühltes Erdreich … und eine alte, unauffällige Kiste. Unscheinbar, war sie doch etwa bis zur Hälfte von Schlick und Wasser bedeckt. Lediglich das Geräusch, welches sie mit jeder Welle verursachte, war Zeuge Ihrer tatsächlichen Existenz. Anastasia ging langsam in die Hocke und strich bedächtig mit den Fingerkuppen über das morsche Holz. Dreck, keinerlei Schriftzeichen oder Hinweise auf die Herkunft dieser Kiste und doch – das Gefühl war überwältigend. Es war, so seltsam es sich in Ihrem eigenen Kopf anhörte, als würde die Kiste hier auf sie gewartet haben. Nur auf sie. Als wäre der Inhalt lediglich für sie bestimmt. Und so bewegten sich die Finger gen des alten Schlosses, um es ohne Kraft und große Bemühungen klickend zu öffnen. „Bei Alatar.“, keuchte sie, als sie den Schein der matt schimmernden Runen wahrnahm. Die Kiste war voll mit verschiedenen Rüstteilen, einem filigranen Schwert und wohl geformten Schild. Respektvoll und mit einem gewissen Grad an Vorsichtig bewegten sich hier nun die Finger über den Schild hinweg, fuhren die Linien nach welche die Runen des Herrn bildeten und legten sich schließlich entschlossen um die Halterung, um es in die Höhe zu stemmen. Der Gottkönig war es, er führte sie hierher. Hierher zu Ihrer, von Ihm ausgewählten Rüstung. Überwältigt und für den Moment kraftlos sackte sie in sich zusammen, um die Augen zu schließen und die Lippen stumm zu bewegen. Sie betete, betete inständig zu Ihrem Gott, der Ihre Arbeit und Ihr Streben auf seine Art und Weise belohnt hatte. Erst als die letzte Silbe Ihren Lippen verlassen hatte und die krallende Faust des Schmerzes Ihre Brust entließ, hoben sich Ihre Augenlider langsam in die Höhe, um auch den restlichen Inhalt der hölzernen Kiste zu begutachten. Stück um Stück nahm sie die gesegnete Teile hervor, um sie behutsam in Ihren Armen zu betten. Mit einem letzten Blick gen Himmel murmelte sie: „Heil Alatar.“, während die Kiste sich mit dem nächsten Wellengang langsam weiter den Fluss herab bewegte und bald von der Dunkelheit der Nacht verschluckt wurde.

Hier war sie also. Ritterin des Herrn, geboren um zu kämpfen, erzogen um zu streben. Sie würde Ihn, Ihren Herrn, nicht enttäuschen.

Verfasst: Dienstag 10. November 2009, 16:33
von Jonath Grauwind
Über den wehrhaften schwarzen Zinnen der heiligen Stadt, strichen die matten Wolken zärtlich über die gleißende Sichel des Mondes, verbargen ihn hier und dort wie ein wohlbehütetes Geheimnis. Starr wie für Äonen geschaffen hielten die steinernen Augen des riesigen Panthers ihre Wacht in den Süden. Ein monumentales Sinnbild von Stärke und Ehrfurcht. Schreite durch den Rachen des Panthers, und empfange die Gabe all deine Ängste und Zweifel in Nichtigkeiten zu wandeln. Die Wachmänner an den Seiten des Panthertors wendeten die Blicke ins innere der Stadt, als aus der steinernen Kehle des Bauwerks ein dumpfes Grollen in raschem Rhythmus anwuchs und sich rasend näherte.
Es war keine Zeit für einen Salut, Erklärungen oder einen verschwendeten Gedanken. Im fliegenden Galopp preschte der Reiter zwischen den Wachmännern hindurch, der Leib weit in den Nacken des hellen Hengstes geneigt. Der rote Umhang tanzte im Wind des Rittes seinen Reigen um sich der Nähe zur schwarzen Rüstung zu entledigen. Zwei Augenpaare folgten dem Reiter, bis sie einander suchten. Der Aufbruch des Hauptmanns und der rasche Ritt des Landsknechts ließen sie in nachdenklicher Anspannung zurück.

Natürlich blieb Raum für Zweifel. Die aufkommende Herbstkälte warf dem Reiter ihre kühlen Hände entgegen und strich ihm mit unsichtbaren Fingern harsch über das Gesicht. Ein anderes Selbst hatte diese Momente geliebt, hatte für sie gelebt. Hier im Sattel war einst sein Platz gewesen. Hier hatten er und die anderen ihre Mannheit und ihren Sinn erfahren. Im Hier und Jetzt war kein Platz für solche Sehnsüchte in einem Geist der von unsteten Gedanken geplagt wurde. Er war ein Soldat Rahals. Ein Mann der Garde. Pflicht, Gehorsam, Kameradschaft. Die Grundsäulen einer Armee. Hatte er soeben an ihnen gerüttelt? Nur schemenhaft hatte er die Gesichter Peters, Vanessas und Lieons wahrgenommen. In der Hast von Tat war kein Platz für Gedanken an sie geblieben. Er war zurück zu sich selbst gekommen. Die Selbstgerechtigkeit hatte ihn erneut übermannt. -Ich brauch euch nicht-, hatten die Gedanken ihm ins Hirn gebrannt. Ein Augenblick der Ohnmacht und Schwäche. Er hatte zugelassen, dass ein Teil der angestauten Wut blind und unkontrolliert walten konnte. Doch wieso dachte er nun darüber nach? Er wusste warum er den Hengst sattelte. Sie war es, die seine Gedanken beherrschen sollte. Aber war sie nicht ebenso von Wichtigkeit für die anderen Landsknechte? Kameradschaft..., hatte er sie verlernt? Landknecht Valmon hatte in Eile ihr Pferd bestiegen, nur ein kurzes Harren und sie hätten gemeinsam die Suche antreten können. Er hatte sie einfach dort im Sattel sitzen lassen, hatte die Sporen in die Flanken des Tieres gestoßen um den raschen Ritt zu beginnen. Kameradschaft…
Jonath kniff sein verbleibendes Auge zusammen und versuchte die Gedanken aus dem Kopf zu schütteln. -Nicht jetzt!-, mahnte er sich.
An den südlichen Ausläufen der Gehöfte vor der Stadt, hatten sie sie aus den Augen verloren. Die Erscheinung hatte den Hauptmann rasch vorangetrieben, hinterließ Rätsel und Fragen in den Köpfen der zurückgelassenen Landsknechte. Noch immer fühlte Jonath den Schauer in seinem Rücken wenn er an den Panther dachte. Sein Fauchen, das sich eisig in seinen Nacken krallte, als er sich rücklings an ihn und Landsknecht Valmon schlich. Der Augenblick des Reagierens. Der Ruf zum Alarm, das rasende Herz, welches das Leben in die Glieder pumpte. Es musste eine Erscheinung sein, Magie oder List. Ohne jeden Widerstand war der Panther durch die Tür hindurchgeprescht. Hatte das Holz unversehrt hinterlassen. Die Landsknechte hatten sich getrennt, waren durch die Kommandantur geeilt. Erst in den Gassen hatten sie ihn wieder entdeckt. Dort schlich er um sie herum, wie der Jäger um seine Beute. Der Hauptmann, gefangen in seiner eigenen Welt. Es schien als harrten Panther und Sie in ihrer eigenen Welt, und in jener führte die große Katze den Hauptmann weiter zum Tor hinaus. Vor seinen Augen striff der Panther über das Straßenpflaster. Sein Symbol, sein geheiligtes Tier. Und hier? Hier ruhte noch immer die blanke Klinge in seinen eigenen Händen, und er spürte wie Misstrauen ihn zwang die Finger nicht von ihr zu lösen. „Zwei folgen im Abstand, zwei warten in der Kommandantur!“, verlautete der Hauptmann in einer Stimme, die nicht in der Gegenwart zu verweilen schien. Folgen…, es bestand kein Zweifel daran, dass er dies würde.
-Hinterfrage alles!, selbst im Glauben hatte er sich diesen Leitspruch angeeignet. Hier stand zuviel auf dem Spiel, als beim Erblicken des Panthers Wachsamkeit gegen Ehrfurcht zu tauschen. Die Garde brauchte ihren Hauptmann. Er brauchte sie.

In der Dunkelheit der Nacht, im matten Licht des Mondes, suchte das hellblaue Auge nach Spuren. Hier an dieser Stelle am Hof, hatten Landsknecht Schwarzstein und er selbst das ungleiche Paar aus den Augen verloren. Der Panther hatte den Hauptmann fortgeführt. Doch wieso? War es eine Falle, eine Prüfung? „Es wäre mir eine Ehre an deiner Seite zu sterben.“ Hatte ein Jonath einst gesprochen, dessen Schritte über einem dünnen Weg führten an deren Seiten die Verdammnis mit ihren schwarzen Schwingen wartete. Alles war verloren. Bronn, Rothen, Bruthus und Timoth hatten dieses Leben verlassen und waren in kalte Gräber gestiegen. Das Greifenbanner stand für Schande, Schmach und Verrat. Jeder hehre Sinn der sie einst beflügelte war zerschellt und zerbrochen. Nichts war geblieben als zwei gebrochene Männer. Cregan und Jonath. In Selbstaufgabe sollte ihr Tod wenigstens noch einen Sinn erfahren. Die Verräter am Reich und seiner Heiligkeit ein mahnendes Ende finden. Der Schwarze Marschall hatte andere Pläne. In jenen Tagen hinter den eisernen Gittern des Kerkers, hatte er sie zum ersten Mal erblickt. Wie eine Katze hatte sie mit ihren Gefangenen gespielt. Ihr Lächeln voll Falschheit und Hochmut durch die Gitterstäbe geschickt. Er hasste diese Spiele, doch konnte er es ihr nicht verdenken. Landsknecht Swynedd…, sie war es auch welche auf dem Richtplatz das Urteil des Marschalls vollzog. Die brennende Mahnung mit glühender Klinge in seinen Rücken schnitt. Sicherlich hatte sie es genossen mit anzusehen wie er darum kämpfte sich nicht der Blöße eines Schreis hinzugeben. Wie sehr hatte er sie in diesen Momenten gehasst.
Dann hatte er Marschall ihm den Namen geraubt. Er war zu einem Nichts geworden. In all den Lektionen von Schmerz und Gehorsam hatte der Ahad ihn und Cregan an ihre Grenzen geführt. Es war ein Erwachen aus der Starre, als er die Erkenntnis fasste, dass diese Grenze darin bestand zu erkennen und zu akzeptieren, dass er ein Mensch war. Und sie war es gewesen, welche den Funken Menschlichkeit mit sich geführt hatte und diesen hinter der harten kalten Fassade an Jonath weiterreichte. Sie war die Hoffnung und der Fels, in einer Welt in der nichts um ihn herum mehr bestand. -Tritt aus dem Nichts ins Leben- Ihr Streben erhielt ihren Lohn. Während Jonath mit sich selbst rang, hielt sie an ihrem Willen fest. Es war ihre Knappschaft, welche die Augen Jonath wieder auf sie richtete. Sie schritt den rechten Pfad. Die Garde war die Möglichkeit von ihr zu lernen. Es kostete Überwindung sich einzugestehen, dass die eigene Arroganz, die Täuschung seines Selbst war. Strafende Hand und Disziplin. Die Garde sollte schmieden, was der Marschall begann zu formen. Natürlich war es auch anderes was ihn trieb. Mit den alten Brüdern in ihren Gräbern, fühlte er sich einsamer als je zuvor. Nicht einmal in den Tagen als man ihn in der Akademie ob seiner Herkunft als Bastard mit Verachtung strafte, hatte er solches empfunden. Er war nie geschaffen worden um Kämpfe allein zu fechten. Hatte stets die Bande mit den seinen gesucht und sie mit Blut und Hingabe gefestigt. Es war ein sehnlicher Wunsch an ihrer Seite erneut diese Wunden zu erfahren. Sicherlich hatte der Tempel recht, wenn er verlangte, für den Herrn zu sterben, doch war es oftmals die Treue, welche den Schwertarm beflügelte. Und mit ihr erhielt man die Gabe, den Schmerz des anderen zu teilen und ihn als weitere Quelle des Zorns zu nutzen. Sie sollte diese Quelle sein. Er schuldete es ihr.

Mit grimmer Miene riss er die Zügel herum, führte den Hegst ins Dickicht der Wälder. Der Verstand wollte nicht gehorchen, als er zur Mäßigung rief. In der Hast, begannen Äste an Haut und Kleidung zu reißen. Peitschte Holz ins Gesicht und hinterließ dünnen blutigen Rinnsaal. Raschelndes Geäst, der Wind und die Hufe waren das einzige was für Stunden an die Ohren drang. Mit jedem verstrichenen Moment, wuchs die Verzweiflung.
„Du kannst mich hassen für das was ich bin.“, sagte sie damals als sie aus den Ruinen Varunas ritten. Ihre Klinge tropfte noch immer vom Blut und der Geruch von Feuer und Rauch umschlang sie. Er hatte geschwiegen. Was hätte er damals sagen sollen? Das er sich schämte für die Skrupel die er aus dem alten Leben mit sich führte? Es ihn zerriss nicht zu wissen wo sein Platz war? Es war nicht an ihr dafür zu sorgen, dass er losließ. Diese Dinge hatte er mit sich selbst auszumachen. Aber es war gut zu wissen, dass in ihrem Tun ein Vorbild stand.
Als die Nachricht von de Fouquets Tod nach Rahal drang, und sie es war, welche sein Erbe als Hauptmann der Schwarzen Armee antrat, hatte er Zweifel. Er hatte am eigenen Leib und in eigenem Herzen erlebt was ein Führer war. Die Greifen hatten in ihrem alten Leben einem Hauptmann gedient, der mehr war als nur ein Befehlshaber. Er hatte sie beflügelt, gebunden und dafür gesorgt, dass sie bereit waren für ihn zu sterben. Es war das alte Leben. Ihm folgte ein weitaus schicksalsträchtigeres. Dunkelfels…Es war ein großer Schritt in ihrem Leben gewesen, als sie ihr Knie vor der Heiligkeit des Alkas beugten. Aus freiem Willen hatten sie getan, was einem Greifen nicht hätte in den Sinn kommen sollen. Doch da knieten sie, neigten ihre Häupter. Männer wie er konnten führen. Swynedd? Sie musste sich ihrem neuen Rang fügen. Doch hier und dort keimte neben der Pflicht ihr Selbst hervor. Die Spielerin, die Katze und die Maus. Ja, Jonath hatte es an vielen Augenblick provoziert. Hatte seine Strafen erhalten und sie murrend über sich ergehen lassen. Er hatte unter Hauptmännern gelebt und strebte unter ihnen nach einem Tod. Natürlich wusste er es besser. Aber sie wuchs mir ihrer Aufgabe. Fügte sich ihrer Aufgabe, lernte in eigenem Dienst. Und er selbst, er stand am untersten Ende eines langen Weges. Von hier war es einfach ihr beizustehen. Ein Befehl war ein Befehl. Es musste nicht viel nachgedacht werden, keine eigenen Entscheidungen getroffen werden, keine Verantwortung übernommen werden. Vorerst sollte hier sein Platz sein. Von hier aus hatte er mit einem Funken Stolz ihren Wandel wahrgenommen. Es war seltsames ein Stück Befriedigung das Aufstreben eines anderen mit einem Lächeln zu verfolgen. Das eigene Versagen als Hauptmann der Haustruppen Rolsars von Dunkelfels, hatte ihm einen solchen Weg verwehrt. Diese Wahrheit zu akzeptieren machte es leicht jedweden Neid zu ersticken.
Der Herr hatte ihm eine zweite Gelegenheit gegeben sich zu beweisen. Und sei es nur für jenen Tag, an dem sie es war, die ihm ein Stück Achtung schenkte. Wenn er ihr nur das Selbe angedeihen lassen könnte. Es fiel schwer ihr überhaupt ins Gesicht zu blicken. Wenn sie die Rüstung des Hauptmanns trug, war sie der Hauptmann und niemand sonst. Hier waren keine Worte gefragt, kein Lob oder gutes Zureden. In diesen Tagen stand er nur noch als Soldat vor ihr. Persönliches war fehl am Platz. Und heute Nacht? Sie stand allein. Vielleicht würde sie seiner nicht bedürfen. Doch was wenn doch? Was wenn ihr wirklich etwas zu stieß und sie ihre Grenze erfuhr. Was wenn er die Sehnsucht ihr all den Dank und die Zuneigung offen zu legen niemals erfüllen würden könnte? Ein kaltes blasses Gesicht, umrahmt von den hellen Locken. Tote eisblaue Augen starrten ins Nichts. -Glaub an sie!-

Er fühlte nur wage den Schmerz in den Wangen, als er nach Stunden des Irrens den Wald verließ und die Augen auf die geschliffenen Ruinen der Greifenfestung blickten. Ein Blick in die Vergangenheit. Nur ein kurzes innehalten, als der müde Blick über die Ruinen striff. Er fühlte sich schwach und müde. Es war seltsam, dass er nicht an die Greifen dachte und all das woran er sich geklammert hatte, als die Erschöpfung seinen Körper ergriff und Dunkelheit und Schlaf seinem Geist den Frieden einer Zeit ohne Gedanken boten. Als sein Oberkörper sanft auf den Rücken des Pferdes fiel, hauchte er seinen einzigen verbleibenden Gedanken in die kalte Luft, bevor er das Bewusstsein verlor. „Ana…“