Der Weg zur Demut
Verfasst: Montag 14. September 2009, 21:20
Es war nur eine geringe Last, welche vom Leib abfiel, als er sich rücklings auf die Bettstätte fallen ließ. Der dezente Geruch von Vieh und dessen Notdurft hing in der Luft. Der Lohn des Tages schmerzte in den Schenkeln, Schultern und Armen. Einzig der Rücken hätte nun freudig gejauchzt, wenn er dazu in der Lage gewesen wäre. Der dumpfe Schmerz war nicht unangenehm, stand ganz im Gegensatz zu dem was kommen würde. Es war wie stets. Während der Tag der Arbeit galt, herrschten die eigenen Gedanken in der Nacht. Sie verdrängten die Sorglosigkeit und stachen ins Gedächtnis, wo sie Vergangenheit und Gegenwart verschmolzen. Die Nacht war die Zeit der Unruhe. Die Zeit der Zweifel, und diese gab es zur Genüge.
Eine Spinne hatte ihr Netz in der Balkendecke gewebt. Zappelnd besiegelte nun eine dicke Fliege ihr Schicksal mit wilden Flügelschlägen in den klebrigen Fäden. Grüne Augen betrachteten den Todeskampf teilnahmslos. Der Verstand realisierte nur wenig. Holz, Insekt, Bewegung. Es war nicht von Belang. Vincent streckte seinen Körper. Die Gliedmassen schenkten zum Lohn einen erholsam süßen Schmerz, welcher dem Leib für einen Augenblick Genugtuung vorgaukelte, bevor er erneut von Erschöpfung beherrscht wurde. Als die Augenlider sich senkten, damit er sich an der Ruhe laben konnte, flüsterten die Erinnerungen in den Kopf.
Wie stets, hatte der junge Harl während der Feldarbeit ohne unterlass geredet. Hier und dort hatte Vincent seien Ausführungen mit einem Brummen, Augenrollen oder Lächeln quittiert. Meistens, wenn der Bursche ihn mit erwartungsvollen Augen anblickte, hatte Vincent keinen Schimmer wovon er überhaupt gesprochen hatte. Aber etwas hatte ihn nachdenklich gemacht. „Du lachst nicht viel oder?“, hatte Harl mit einem Klang in der Stimme nachgeharkt, welcher ihm nicht stand. Er wirkte in diesem Moment nachdenklich…vielleicht sogar besorgt. Vincent hatte zunächst recht brüsk erwidert, dass er nun mal kein unbefangener Jungspund mehr sei, doch nach und nach hallten die Worte stetig in seinem Geist wieder. Er erinnerte sich daran, wie er einst lachte. Wie ihm der Bauch schmerzte und die Tränen aus den Augen rannen. Er musste einmal Freude empfunden haben. Es waren die Tage zusammen mit Arador. Die Zeiten vor dem Eintritt in die Armee, und die ersten Jahre dort. Augenblicke als Kinder, Burschen und junge Männer. Sie hatten viele Erinnerungen geteilt. Die meisten von ihnen erwiesen sich als gute und willkommene Erlebnisse. Selbst wenn sie sich einst nicht so anfühlten, erwiesen sie sich rückblickend als wertvoll. Das dünne Verwandtschaftsblut der beiden Vettern hatte sich in Freundschaft verdickt. Die Tage, Monate, Wochen und Jahre waren gemeinsam rasch vorangeschritten. Man fühlte sich nicht allein mit seinen Schritten, wob gemeinsame Träume. Arador war stets ein Träumer gewesen, welcher sich hohe und edle Ziele gesetzt hatte. Das Dasein als Soldat, war für ihn immer mehr als Sold und Pflicht. Er verstand es stets als eine Form der Nächstenliebe. Schutz und Opfer vereint im Dienste des Reiches. Vincent hatte ihn einen gutmütigen Narren geschimpft.
Er atmete tief durch und bettete sich seitlich nieder. Die Augen ignorierten die Stallwand neben sich und fanden das Ziel ihrer Aufmerksamkeit irgendwo in der Ferne.
Nein, er hatte nicht mehr gelacht. Es endete in jenem Moment, als er die Hand vor die eigenen Augen hob und zitternd das schimmernde Rot betrachtete, welches dem Gesetz der Zeit trotzend in einer verlangsamten Welt zu Boden rann. Das Blut eines Menschen, eines Freundes, eines Verwandten…wie rasch und wie mühelos war er in die Nähe des Brudermörders gerückt? –Er hat mir vertraut- winselte das eigene Selbst aus den Tiefen. – Dich trifft keine Schuld. Das Metall barst…es war ein Unfall- erinnerte ihn eine fremde doch irgendwie vertraute Stimme aus dem Echo der Erinnerungen. – Ich habe die Klinge geführt-, entgegnete das gegenwärtige Bewusstsein. Es konnte keinen Zweifel geben, es durfte keinen Zweifel geben.
Vincent zog die Beine ein Stück weiter an den Leib. Es wurde kälter um ihn herum.
Es war seine Gewissheit. Er hatte Arador getötet. Sein Schwertstreich trennte sein Leben vom Diesseits. Er beendete seine Hoffnungen, tilgte seine Güte aus der Welt und begrub die Freude die er hätte geben können. Aradors träume waren begraben auf dem Totenacker der Belanglosigkeit. Unwürdig und ohne Sinn.
Während die zahlreichen Gedankengänge aus allen Richtungen strömten, senkten sich die Augenlider vollends. Vincent ergab sich den Stimmen, welche flüsternd die Bilder der Vergangenheit formten. Das junge Abbild eines gefreiten, die saubere Uniform und das gepflegte Kettenhemd. Lippen die sich in Gleichart mit den vor Fröhlichkeit funkelnden Augen bewegten. Und auch wenn kein Ton von ihnen drang, wusste Vincent, dass der Mann sein Gegenüber neckte. Kein Prahlen, kein Hohn lag im Gehabe. Alles war so vertraut.
Auch der Augenblick als die Klingen aufeinandertrafen und ihren spielerischen Tanz aufnahmen. Angriffe und Paraden verschmolzen in routinierter Abfolge. Ihr Takt zerbarst mit dem Schwert in der Hand des Betrachters. Das Leben erstarrte im Blick des jungen Mannes. Unglaube paarte sich mit Angst im blauen Auge, während das andere zur bluttriefenden Ruine wurde, aus welcher verräterisch das blitzende Metall schimmerte. Der Betrachter war gelähmt, vermochte nicht den Sterbenden zu fassen und zu betten. Ein harter Aufprall…dann blickte das Tote starre Auge klagend direkt in seine Seele. Arador war tot.
Sechs Jahre war es nun her. Doch noch immer verkrampfte sich Vincents Körper unter den Eindrücken. Die Sehnsucht des Vergessens, hatte sich wie eine Sucht in seine Ader gefressen und ihn zur Sünde geführt. Zunächst hatte es gereicht seinen Geist im Rausch zu vernebeln. Doch immer häufiger hatte der Suff das Gefühl der Schuld verstärkt bis nur noch eine wimmernde stinkende Hülle geblieben war. Ohne Ziel, ohne Wert und ohne eigene Hoffnung hatte er sich allem hingegeben was ihm Ablenkung bot. Um seine Zechen zu zahlen hatte er als Gedungener das dreckige Werk von Abschaum ausgeführt, hatte Schuld und Mitleidlosigkeit auf seine Schultern geladen. Er hatte Männer zugerichtet und Frauen bedroht. Ein Bluthund für das Geschmeiß, das er hasste. Keinen Moment hatte er genossen, doch fühlte er auch keine Reue. Die Sünden blieben ohne Sühne und ohne Buße.
„Du lachst nicht viel oder?“, erinnerte er sich als die Augen begannen zu brennen. Und dann erklang sein Lachen…und kündete von Agonie und Wahnsinn.
Eine Spinne hatte ihr Netz in der Balkendecke gewebt. Zappelnd besiegelte nun eine dicke Fliege ihr Schicksal mit wilden Flügelschlägen in den klebrigen Fäden. Grüne Augen betrachteten den Todeskampf teilnahmslos. Der Verstand realisierte nur wenig. Holz, Insekt, Bewegung. Es war nicht von Belang. Vincent streckte seinen Körper. Die Gliedmassen schenkten zum Lohn einen erholsam süßen Schmerz, welcher dem Leib für einen Augenblick Genugtuung vorgaukelte, bevor er erneut von Erschöpfung beherrscht wurde. Als die Augenlider sich senkten, damit er sich an der Ruhe laben konnte, flüsterten die Erinnerungen in den Kopf.
Wie stets, hatte der junge Harl während der Feldarbeit ohne unterlass geredet. Hier und dort hatte Vincent seien Ausführungen mit einem Brummen, Augenrollen oder Lächeln quittiert. Meistens, wenn der Bursche ihn mit erwartungsvollen Augen anblickte, hatte Vincent keinen Schimmer wovon er überhaupt gesprochen hatte. Aber etwas hatte ihn nachdenklich gemacht. „Du lachst nicht viel oder?“, hatte Harl mit einem Klang in der Stimme nachgeharkt, welcher ihm nicht stand. Er wirkte in diesem Moment nachdenklich…vielleicht sogar besorgt. Vincent hatte zunächst recht brüsk erwidert, dass er nun mal kein unbefangener Jungspund mehr sei, doch nach und nach hallten die Worte stetig in seinem Geist wieder. Er erinnerte sich daran, wie er einst lachte. Wie ihm der Bauch schmerzte und die Tränen aus den Augen rannen. Er musste einmal Freude empfunden haben. Es waren die Tage zusammen mit Arador. Die Zeiten vor dem Eintritt in die Armee, und die ersten Jahre dort. Augenblicke als Kinder, Burschen und junge Männer. Sie hatten viele Erinnerungen geteilt. Die meisten von ihnen erwiesen sich als gute und willkommene Erlebnisse. Selbst wenn sie sich einst nicht so anfühlten, erwiesen sie sich rückblickend als wertvoll. Das dünne Verwandtschaftsblut der beiden Vettern hatte sich in Freundschaft verdickt. Die Tage, Monate, Wochen und Jahre waren gemeinsam rasch vorangeschritten. Man fühlte sich nicht allein mit seinen Schritten, wob gemeinsame Träume. Arador war stets ein Träumer gewesen, welcher sich hohe und edle Ziele gesetzt hatte. Das Dasein als Soldat, war für ihn immer mehr als Sold und Pflicht. Er verstand es stets als eine Form der Nächstenliebe. Schutz und Opfer vereint im Dienste des Reiches. Vincent hatte ihn einen gutmütigen Narren geschimpft.
Er atmete tief durch und bettete sich seitlich nieder. Die Augen ignorierten die Stallwand neben sich und fanden das Ziel ihrer Aufmerksamkeit irgendwo in der Ferne.
Nein, er hatte nicht mehr gelacht. Es endete in jenem Moment, als er die Hand vor die eigenen Augen hob und zitternd das schimmernde Rot betrachtete, welches dem Gesetz der Zeit trotzend in einer verlangsamten Welt zu Boden rann. Das Blut eines Menschen, eines Freundes, eines Verwandten…wie rasch und wie mühelos war er in die Nähe des Brudermörders gerückt? –Er hat mir vertraut- winselte das eigene Selbst aus den Tiefen. – Dich trifft keine Schuld. Das Metall barst…es war ein Unfall- erinnerte ihn eine fremde doch irgendwie vertraute Stimme aus dem Echo der Erinnerungen. – Ich habe die Klinge geführt-, entgegnete das gegenwärtige Bewusstsein. Es konnte keinen Zweifel geben, es durfte keinen Zweifel geben.
Vincent zog die Beine ein Stück weiter an den Leib. Es wurde kälter um ihn herum.
Es war seine Gewissheit. Er hatte Arador getötet. Sein Schwertstreich trennte sein Leben vom Diesseits. Er beendete seine Hoffnungen, tilgte seine Güte aus der Welt und begrub die Freude die er hätte geben können. Aradors träume waren begraben auf dem Totenacker der Belanglosigkeit. Unwürdig und ohne Sinn.
Während die zahlreichen Gedankengänge aus allen Richtungen strömten, senkten sich die Augenlider vollends. Vincent ergab sich den Stimmen, welche flüsternd die Bilder der Vergangenheit formten. Das junge Abbild eines gefreiten, die saubere Uniform und das gepflegte Kettenhemd. Lippen die sich in Gleichart mit den vor Fröhlichkeit funkelnden Augen bewegten. Und auch wenn kein Ton von ihnen drang, wusste Vincent, dass der Mann sein Gegenüber neckte. Kein Prahlen, kein Hohn lag im Gehabe. Alles war so vertraut.
Auch der Augenblick als die Klingen aufeinandertrafen und ihren spielerischen Tanz aufnahmen. Angriffe und Paraden verschmolzen in routinierter Abfolge. Ihr Takt zerbarst mit dem Schwert in der Hand des Betrachters. Das Leben erstarrte im Blick des jungen Mannes. Unglaube paarte sich mit Angst im blauen Auge, während das andere zur bluttriefenden Ruine wurde, aus welcher verräterisch das blitzende Metall schimmerte. Der Betrachter war gelähmt, vermochte nicht den Sterbenden zu fassen und zu betten. Ein harter Aufprall…dann blickte das Tote starre Auge klagend direkt in seine Seele. Arador war tot.
Sechs Jahre war es nun her. Doch noch immer verkrampfte sich Vincents Körper unter den Eindrücken. Die Sehnsucht des Vergessens, hatte sich wie eine Sucht in seine Ader gefressen und ihn zur Sünde geführt. Zunächst hatte es gereicht seinen Geist im Rausch zu vernebeln. Doch immer häufiger hatte der Suff das Gefühl der Schuld verstärkt bis nur noch eine wimmernde stinkende Hülle geblieben war. Ohne Ziel, ohne Wert und ohne eigene Hoffnung hatte er sich allem hingegeben was ihm Ablenkung bot. Um seine Zechen zu zahlen hatte er als Gedungener das dreckige Werk von Abschaum ausgeführt, hatte Schuld und Mitleidlosigkeit auf seine Schultern geladen. Er hatte Männer zugerichtet und Frauen bedroht. Ein Bluthund für das Geschmeiß, das er hasste. Keinen Moment hatte er genossen, doch fühlte er auch keine Reue. Die Sünden blieben ohne Sühne und ohne Buße.
„Du lachst nicht viel oder?“, erinnerte er sich als die Augen begannen zu brennen. Und dann erklang sein Lachen…und kündete von Agonie und Wahnsinn.