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„Die Nebelkrähe“ oder „Unter sanften Schwingen geborgen“
Verfasst: Freitag 21. August 2009, 14:10
von Norah Birnbaum
Die erste Nacht schmeckte bitter und scharf, wie frische Galle im Rachen.
Vielleicht lag es an den letzten Wochen, voller Entbehrungen und in kühler Distanz zu den Mitmenschen. Vielleicht war ihre lebhafte Phantasie mit zu verurteilen, denn sie hatte sich ja auch nun nicht zum ersten Mal in wilden Träumen verfangen. Sicher jedoch wirkten die Eindrücke der letzten Tage, nein der letzten Stunden vor ihrer Nachtruhe so immens auf die junge Frau ein. Jene schon waren so fernab der gekannten Realität – schrecklich schön und unbeschreiblich grauenvoll zugleich - , dass sie mehrfach heimlich in ihre Haut gekniffen hatte, um sich anhand des Schmerzes zu versichern, dass sie nicht fiebrig träumte.
Das kurze Fieber schüttelte sie erst jetzt...
Die dunklen, blanken Augen des schwarzen Vogels schienen direkt in ihre Seele zu blicken und während sie noch die Luft anhielt, nickte das Tier mehrfach mit dem edlen Haupt. Ein bläulicher Schimmer glitt über die Federn und für den Bruchteil eines Lidschlags schien es dem Mädchen, als würde sich im Glanze die zarte, beinahe zerbrechliche Gestalt einer schönen Frau spiegeln, welche die Hände auffordernd nach ihr streckte. Doch als Norah ebenfalls zittrig den Arm hob, da schien das ganze Bild wie ein großes Glas in tausend Splitter zu brechen und der Rabe breitete die Schwingen krächzend auf, um davon zu fliegen.
Ängstlich und wimmernd kam ihre Stimme, wie die eines kleinen Kindes, über die Mädchenlippen, als Norah nun dem wundersamen Vogel hinterher rief.
„Nein, bitte... verlasse mich nicht. Ich bin alleine, ich habe doch nur dich. Lass mich nicht alleine, bitte. Du...“ da erstickten die Worte im Keim, als sich ein greller, scharfer Schmerz grausam durch Norahs Brust bohrte. Noch während er pulsierte, spürte sie die Wärme, welche regelrecht aus ihr floss und am ihrem bebenden Leib leicht klebrig, wie dunkler Saft, herab troff. Sie versuchte den Kopf zu senken und an sich herab zu blicken. Das Erstaunen und der Schrecken lag noch immer verwirrt in den aufgerissenen Augen, als ihre Lungen bizarr zu pumpen begannen und mit einem Schwall etwas anderes als Luft wieder in den Rachen schoben. In dünnen Fäden, die nur noch entfernt nach Speichel erinnerten, verließ ihr Lebenselixir den Mund und hinterließ dort nur einen salzigen Geschmack mit einem herben Hauch Eisen, als habe sie an einer Münze gelutscht.
Keckernd stieß der Rabe nun im Flug herab und umflatterte das sterbende Mädchen mit hektischer Begeisterung. „Koraaaaaah... Koraaaaaah“, donnerte er und als sie stöhend die Augen verdrehte, änderte sich die Stimme des Tieres, wurde dumpfer, tiefer und... vertraut.
„Noraaaah, Noraaaah!“, rief er nun hörbar, „Wage nicht zu zweifeln! Wage nicht mich in Frage zu stellen!“ Obwohl schon alles hinter einem wässrigen Schleier voller roter Schlieren lag, bohrten sich die schwarzen Augen – waren es die eines Vogels? Eines Mannes? - tiefer in ihren Blick.
„Du bist nicht alleine, erinnere dich!“
Als habe man eine beinahe leere Sanduhr mit Gewalt herum gerissen, brach die Luft wieder in die Lungen und gierig danach schnappend und röchelnd, sog das Mädchen den Atem ein. Der blutige Geschmack war fort, der Schmerz nicht einmal mehr eine Erinnerung und wie im Taumel begann sich alles zu drehen. Gesichter stoben regelrecht an ihr vorbei.
Das eines blassen Mädchens, jung und schön, doch mit dem schlohweißen Haar einer uralten Frau versehen. Die Strähnen schienen gleichzeitig einem Mann zu gehören, der sie abfällig höhnend betrachtete – eine Narbe durchriss sein Gesicht wie eine glühende Dolchzeichnung. Noch ehe sie diese Details recht erfassen konnte, wurde das Antlitz etwas jünger und ein sehr ansehnlicher Kerl lachte ihr dunkel entgegen. Sie versuchte sich zu erinnern woher sie ihn kannte, da sahen zwei neue Gesichter ihr entgegen: ein junges, unschuldiges Mädchen mit einem bitterbösen Lächeln und eine nahezu makellos geschaffene Frau mit wallendem rotem Haar, welche ihr zublinzelte.
Zuletzt jedoch erwartete sie erneut die schlanke Frauengestalt, welche sie nicht anblickte, doch ein weiteres Mal helfend die Arme nach ihr streckte.
„Du weißt, dass es kein zurück mehr gibt, wenn du diesen Weg wählst?!“
Ja, wusste sie und diesmal griff sie ohne Zögern nach den Händen. Ein schwarzer Schleier senkte sich herab, wie dunkle Schwingen und als jener das Mädchen vollends umhüllte, erwachte sie keuchend.
Es war beinahe Nacht. Sie hatte etwa achtzehn Stunden geschlafen und nur Zoes sanfte Stimme und Majalins freundliche Wünsche würden später dafür sorgen, dass sie in der nächsten Nacht traumlos und kräfteschöpfend ruhen konnte.
Verfasst: Dienstag 1. September 2009, 12:45
von Norah Birnbaum
***
Wissen und Verständnis werden selten auf einem Silbertablett serviert. Sie kommen meist schleichend und springen dann so unverhofft plötzlich auf einen zu, dass man letztendlich doch etwas länger braucht, um sie zu sortieren, zu begreifen und ihnen den wahren Wert anzurechnen.
Norah hatte in einem Anflug von jugendlicher Naivität beinahe schon auf einen übertrieben göttlichen Wink gewartet. Warum auch nicht? Bisher hatten ihr Raben, Geistererscheinungen, Stimmen und andere, bizarre Omen den Weg überdeutlich gewiesen, kein Wunder, dass sie sich zu Beginn ihrer sonderbaren Lehrzeit nun erst einmal zurück lehnte und auf eine Art „Eingabe“ wartete. Ihre Mentorin aber rückte dann doch nicht mit irgendwelchen unglaublichen Weisheiten heraus und die erleuchtenden Träume blieben gänzlich aus.
In einem Anflug minderer Verzweiflung begann sie rasch die mächtige Grabkammer, das irdisch „Heiligste“, wie eine Pilgerstätte zu nutzen, verbrachte Stunden um Stunden dort, um sich mit allem vertraut zu machen und schließlich doch im stillen Gebet vor der gesichtslosen Statue zu kauern, bis die Knie vor Schmerz beinahe schrien.
Doch all das half genau genommen nichts oder noch weniger und so spürte sie, wie der Frust langsam aus seinem Loch gekrochen kam und forsch aufstieg. Erneut versuchte sie an Zoes Hacken zu kleben, in der Hoffnung die aufkeimende Öde und Langeweile zu minimieren und da enttäuschte sie diese nicht. Trotz ihrer Krankheit war sie es, die dann doch eine wilde Aktion nach der Nächsten ins Leben rief. Sei es Abende, an welchen Norah eine breite Bande an verschiedenen Persönlichkeiten und deren Meinungen zu allem Möglichen kennen lernte oder aber Spaziergänge und Exkursionen, die ihr nicht nur unbekannte Landschaften, sondern fast wie durch ein Wunder mehrere unbekannte Völker zeigten. Doch noch sah Norah nicht recht über ihren Tellerrand hinweg und verstand nicht, dass ihr die Mentorin damit mehr bot, als eine offensichtliche Unterweisung es so früh je gekonnt hätte.
Diese Erkenntnis traf sie erst wie ein Schlag ins Gesicht, als sie eines Abends durch die schier endlosen Hallen der heiligen Gruft lief, Stufen um Stufen tiefer in das Erdreich drang, um sich der Bibliothek zu Ehren des Rabenherren ein weiteres Mal zu widmen. In ihrem Frust hatte sie vor einer Woche angefangen das ein oder andere Werk aus den muffigen Regalen zu zerren und zunächst unzusammenhängend mal hier, mal dort ein paar Sätze gelesen. Die Werke über den Orden der Arkorither und die „Thesen“ und „Gespräche“ einer gewissen Savira jedoch fesselten sie nach und nach. Fast ein wenig betrübt musste sie nach dem regelrechten Verschlingen der Lektüre dann feststellen, dass auch die Wissenskapazitäten der Bibliothek bei weitem nicht ausgereizt waren und mehr Fragen statt Antworten aufwirbelten. Es war an ihr selber zu suchen und zu erklären. So suchte sie andere Horte der geschriebenen Schrift auf und schrieb sich selber fieberhaft einen ganzen, kleinen Katalog zusammen – und blieb dennoch blind für das Offensichtliche.
Wäre Schwester Verisa nicht an jenem Abend in den dunklen Hallen zugegen gewesen, als sie ein weiteres Mal die Bücherregale durchforsten wollte, und hätte jene sich nicht auf ein lockeres Gespräch mit ihr eingelassen, so hätte Norah weiterhin im Dunkeln tappen müssen, so jedoch redete man.
Zunächst plauderten die beiden Damen beinahe belanglos über dies und das. Mal schnitt man die Geschehnisse der letzten Tage und deren Neuigkeiten an, dann machte man sich Gedanken über die Definition „Meister“ und „Mentor“, ehe man über den neuesten Fall von Nacktheit in Berchgard raunte und den Kopf schüttelte. Was jedoch fast wie eine Mischung aus Beschnüffeln und Kaffeekränzchen begann, erfuhr eine herbe Wendung, als man schließlich den Punkt „Wissen“ doch ansprach. Wieder war es der Name Savira, der fiel und die beiden Küken unter den Dienern begannen sich über die Alteingesessenen auszutauschen. Wirr wirkten manche plötzlich, andere stellten mehr Fragen statt Antworten zu geben und wieder andere sponnen die wildesten Thesen im Bezug auf den Glauben, ohne jemanden daran teil haben zu lassen. Ein wenig ernüchtert breiteten da beide Damen ihre eigenen Meinungen vor einander aus und schafften es doch trotz unterschiedlichen Ansätzen den gemeinsamen Konsens zu finden und sich gegenseitig zu bestärken. Was lahm begann, endete in einem wahren Diskussionsepos über seine unergründlichen Pfade, den Irrsinn des Wortes 'böse' und die blinde Dummheit der, die den Herren der Seelen so hassten.
„Seine Ziele sind vielfältig und frei vom Joch der Götter – ganz wie seine Diener.“
Man nickte sich zu, ließ zufrieden den Rausch der Worte ausklingen, gestand sich ein 'Du' und etwas mehr Vertraulichkeit zu, um dann doch wieder getrennte Pfade zu beschreiten... und doch war es erst auf dem Weg zurück ins Heilerhaus, dass es Norah wie Schuppen von den Augen fiel:
Sie hatte SELBER und für sich denken müssen!
Statt zu einem Schwamm, der alles stoisch aufsog, erzog Zoe ihre Schülerin zur Selbstständigkeit und wollte, dass sie ihre eigenen Meinungen einbrachte und anderes zu hinterfragen lernte.
Es gab ihn nicht: DEN einen Diener des Seelenfürsten - und so musste auch sie erst ihre Balance unter seinen Schwingen finden, ehe sie das Wissen anderer für sich adäquat nutzen konnte.
Wie blind war sie bisher gewesen, dies nicht zu begreifen...?
Scham über kam die junge Frau und noch lange fand sie in jener Nacht keinen Schlaf.
Verfasst: Freitag 18. September 2009, 13:45
von Norah Birnbaum
Sie sollte sich später nicht mehr daran erinnern wie sie eigentlich zurück zum Heilerhaus gefunden hatte, denn alles, was nach ihrer Verabschiedung von Zoe und den Anderen kam, manifestierte sich in ihrer Erinnerung als wäre jede Szene, jeder Anblick, jeder Schritt und jedes Wort wie hinter einem grauschwarzen Nebelschleier versteckt. So sehr verhüllt und regelrecht eingepackt, dass nur wirre Schemen zurückblieben, die sowohl Traum als auch Wahrheit sein konnten - vermutlich beides - und alle Geräusche nur von jener bizarren Decke erstickt zu ihr drangen.
Taumelnd, zitternd und leise murmelnd hatte sie den Heimweg beschritten und konnte sich später aber an kein einziges Wort erinnern, das sie gesagt hatte... doch wusste sie, dass es Gebete waren, die sich immer und immer wieder, mit einer Mischung aus Lobpreisung und innigem Flehen, wiederholten. Gebete, die nun fragten, zögerlich nach Antworten suchten und dabei doch nur erschlagen von seiner Macht ihr schwaches Echo zurück ließen.
Irgendwann hatte sie für sich entdeckt, dass die stille Kommunikation mit dem, den sie ihren "wahren Vater" nannte, ein wunderbarer Weg war, um sich ihm so derart rasch zu nähern, dass sie seine Schwinge beinahe im Nacken spürte und mit diesem erhabenen Gefühl von der spürbaren Macht ihres Herren in unmittelbarer Nähe, kam stets die Entfernung vom hier und jetzt.
Norah rutschte dann tiefer und tiefer in diese Entrückung, bis sie sich schließlich in eine Trance hineingesteigert hatte, die ihr eine "andere Welt" zeigte - Bilder, die einen anderen Sinn ergaben und sie weit von dem fort rissen, was man "Wirklichkeit" ansonsten nannte.
Diesmal allerdings war die Trance zu lange, zu anstrengend und viel zu verzweifelt abgelaufen, denn diesmal suchte sie nicht nur das Gespräch mit dem Rabenherren, sondern versuchte vielmehr feige vor den Bildern im "Diesseits" zu fliehen. Sie ertrug die Schreie des Knaben nicht, sie wollte nicht sehen, wie er in sich zerschmolz, sie mochte nicht wissen, was mit ihm und um sie herum geschah. Vermutlich wollte er sie testen, sie herausfordern und prüfen... und keine grässlichere Prüfung hätte er sich dafür aussuchen können.
Sie konnte dem Kind nicht helfen, denn der Herr hatte nach dieser Seele verlangt und sie war seine Dienerin - und doch wollte sie eigentlich helfen, hoffte, man hätte ein anderes, weniger junges Wesen an den Runenstein gekettet und würde dies nun opfern, doch sie kannte ihren Platz, wusste sie war nur Werkzeug seines Willens.
Durch diese Diskrepanz zwischen wollen und können ergab sich doch nur ein Weg, mit dem sie leben konnte: Die Flucht nach vorne.
Emsig und inniger denn je wiederholte Norah die dunklen Reigen, als wäre sie gesegnete Messdienerin und umso tiefer sie rutschte, umso leichter war alles zu ertragen. Vermutlich hätte das Nervenkostüm einn derartigen Sprung nicht lange mitgemacht und hätte das Mädchen ungerührt zu Boden gehen lassen, wäre da nicht Verisa gewesen, der es ähnlich elend zumute gewesen war und deren Hand ihr zum Anker und zur Stütze wurde.
Erst jetzt, nachdem alles vorbei war, gaben die wackeligen Knie nach und warfen Norah förmlich ins Bett. Unfähig sich umzukleiden, schlief sie auf der Stelle ein und geriet in den Sog der Träume, die ihr ein weiteres Mal die hässlichen Bilder vom Tod des Kindes vor Augen hielten und erneut wurde sie ermahnt nicht zu zweifeln... weinend rief sie, dass sie keine Zweiflerin sei, nur nicht verstehen würde, warum es ein Kind sein musste.
Leises Lachen war die Antwort.
"Mein Kind, warum nennst du das, was du selber getan hast nun Grausamkeit? Oder hast du vergessen, dass der jüngste Sohn der Spenglerfamilie selbst damals noch ein Kind war? Glaubst du denn, dass er rasch in den Flammen umkam? Oder schrie er vielleicht noch dem brüllenden Feuer entgegen, um dann unter Schmerzen zu ersticken?
Mein Kind, ich frage dich: wer hat denn dieses Feuer nur gelegt...?!"
Mit dem spöttischen Lachen verstummte Norah gänzlich und sank tiefer in das Reich der Träume - am nächsten Tage hatte das Fieber sie gepackt.
Verfasst: Sonntag 18. Oktober 2009, 11:20
von Norah Birnbaum
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Verfasst: Samstag 24. Oktober 2009, 19:59
von Norah Birnbaum
Gebete... tausendundeine Anrufung, Flehen, Bitten und Betteln.
Zuflucht, Wegweiser und Erleuchtung.
Gebete an den Herren... und Vater aller Rabenkinder.
Lange hatte sie mit diesem Schritt gehadert. Zu wirr, zu verzweifelt die vorherigen Überlegungen. Was machte sie falsch, wo machte sie es falsch und wie konnte man ihre Fehltritte ändern und in die rechte Richtung lenken. Der heimliche, abendliche Gang durch die Wälder wurde nun angetreten, sobald die Schatten im Dickicht zu einem einzigen, wabernden Wall aus Schemen und wirrer Bewegung verschmolzen. Sie versank darin. Eine kleine rötliche Flamme, deren Glanz schon nach wenigen Schritten ins Unterholz von der Nacht mit heftiger Vehemenz erstickt wurde. Ihren Weg fand sie dennoch, denn ER leitete sie, rief sie und führte sie sicher, unter der Macht seiner pechfarbenen Schwingen, ans Ziel.
Nacht um Nacht verbrachte sie nun im Sanctum, der modrigen, nach Weisheit und verborgenem Wissen duftenden Grabkammer, welche ganz und gar dem Herren gewidmet war.
Hier begannen die Stunden des Spürhundes und fiebrig glitten die bleichen Finger durch die Bücherregale, strichen zärtlich über den ein oder anderen Folianten und fuhren die sauber geschriebenen Texte auf dem ausgebleichten Pergament nach. Später, wenn die Mitternachtsstunde gekommen war, widmete sie sich den Gebeten und murmelte stoisch all die gelernten Litaneien herab, rutschte auf den aufgerauten Knien über den Steinboden, den Blick mit inniger Zuneigung wahlweise auf das verfärbte Kreuz oder die Kapuzenstatuette gerichtet.
Erkenntnisse aber blieben nach wie vor aus und so trat sie in den ersten Morgenstunden, wenn der Herbsttag in graublauem Dämmerlicht erwachte, den Heimweg an. Stolpernd, müde und enttäuscht.
Die Träume blieben dafür nicht aus, wurden bunter, unruhiger und bargen doch keine Botschaft. Noch bevor der Tag richtig auf den Mittag zuging, war sie wieder wach und hatte es geschafft den Nachtmaren zitternd zu entfliehen.
Mit jedem Tag, jeder Nacht wuchs die Verzweiflung, die Unsicherheit vielleicht doch falsch und fehl am Platze zu sein, die Angst Anforderungen nicht gerecht zu werden und nicht nur eine schlechte Dienerin dem Herren, sondern vielmehr gar keine Hilfe zu sein.
Vielleicht lag es also an all dem Druck, der sie langsam zum Wrack machte oder aber an den geschäftigen Nächten in Paarung mit den unruhigen Träumen? Vielleicht auch nur daran, dass sie plötzlich dem eigenen Eifer nachgab und jede Mauer namens Stärke brach und sie leise, tonlos und weinend vor seinem Altar zu beten begann – doch dieses Gebet war ehrlich, war keine monoton gelernte Predigt, sondern sie selbst, ein Ruf aus dem innersten ihrer Seele.
Sie klagte bitter von ihrer Unfähigkeit zur stumpfen Mörderin zu werden.
- Das war sie nicht, war nicht ihr Weg, darin lag nicht einmal ein Hauch ihrer Stärken!
Sie bat um klare Verhältnisse, um Wissen um einen Lichtblick am Ende eines Tunnels.
- Er hatte sie doch erwählt in der Gewissheit, dass sie nicht unauffällig und schon gar keine Kindesmörderin war, oder.. hatte er sie erwählt?
Sie flehte um eine Änderung und wagte sich letztendlich eindeutige Zugeständnisse zu machen.
- Ihr Leben würde sie für ihn geben, auch das eines Anderen... doch wo war da auf Dauer der Sinn? Sollten sich ihm Seelen nicht freiwillig hingeben? Ihm ganz und gar zuwenden? Vielleicht mit ein wenig Führung und Anleitung, sowie einem Schuss Verführung?
WAS? WAS WAR DENN NUN IHRE AUFGABE? WIE KONNTE SIE IHM DIENEN?
WELCHEN WEG HATTE ER FÜR SIE AUSGEWÄHLT?!
Diese Nacht verbrachte sie in der Grabkammer.
Wartete dort auf die Träume und als jene mit spitzen Fingern nach ihr griffen, sollte sie die lang ersehnte Antwort bekommen.
Verfasst: Freitag 13. November 2009, 19:18
von Norah Birnbaum
Sie hatte geträumt.
Wieder einmal so schön und erfüllend. Zauberhaft mystisch und beinahe real.
Norah war auf jener ewigen Ebene gewandelt, hatte Sachen gesehen, die dem Auge sonst nicht zugängig waren und zuletzt, als sie die Stimme - SEINE Stimme- vernommen hatte, wagte sie ein Gespräch mit der Traumgestalt ihres Herren und Meister. Sie dankte ihm artig, wie ein Kind beim frommen Götterdienste oder Nachtgebet, für den frischen Aufschwung in den Reihen seiner Diener, für den krönenden Erfolg der letzten Rituale und schließlich für Zoes Frühlingserwachen aus einem bizarren, verfrühten Winterschlaf. Ein seltsamer Funke namens Neugierde hatte die Freundin aus ihrem winterlichen Kokon, gesponnen aus Schmerz und Trauer, gerissen und mit tapferen, neuen Schritten hatte Zoe angefangen weitere Forschungsreihen aufzustellen und sich in ein Voluntariat der geisterhaften Art gestürzt.
Sicherlich, mit jenen Aktivitäten gingen Gefahren einher und doch lebte Zoe wieder mit vollem Bewusstsein... und dafür dankte Norah.
Danach begann sie mit dem Handel, wies ihn darauf hin, was sie bisher alles geleistet hatte und was sie noch machen würde, ja sogar gewillt war gänzlich zu geben, so er Zoe weiterhin derart gut leiten würde.
Da war es ihr, als würde sie ein amüsiertes Lachen vernehmen. In etwa so, als habe man süffisant das Gebettel eines Zirkusäffchens beobachtet. Noch ehe sie sich recht erklären konnte, stieg das Lachen zu einem kehligen Krächzen an und jener keckernde Rabenschrei riss sie aus der Magie des Traumes.
Blinzelnd betrachtete sie die Decke des Schlafraumes. Leise schnarchend drehte Gunilla sich auf ihrer Pritsche und zog das wollene Lacken im Schlaf über den eigenen Kopf. Kühles Mondlicht drang durch das einzige Fenster und beleuchtete ein sorgsam gemachtes Bett, welches schon seit längerem leer stand: Majalins Schlafstätte.
Seufzend stellte Norah bei jenem Anblick fest, dass sie auch diese Freundin, welche sie, ganz wie Zoe, in ihrem beinahe familiären Kreise aufgenommen hatte, als wäre Norah schon immer ein Teil davon gewesen, schmerzlich vermisste. Ob sie noch bei Bravan war? Sicher... oder? Sehnsüchtig richtete sie den Blick nun auf das Fenster und hing mit den Gedanken noch Maja nach, als plötzlich ein Schatten für den Moment eines Lidschlags an der Scheibe vorbeflatterte.
Ein helles Krächzen, genau wie das Lachen in ihrem Traume, erklang und ohne recht zu merken wie ihr geschah, hatte Norah sich schon aufgerichtet und war zum Fenster gehastet. Auf der von Rauhreif geküssten Wiese saß ein Rabe und badete im silbrigen Mondlicht, ehe er den Kopf keck hob, sie direkt anblickte, als könne er nicht nur ihre Gestalt im Dunkel hinter der Scheibe ausmachen, sondern klar und deutlich bis auf ihre Seele sehen, und stieß einen einzelnen Schrei aus, der - wie schon so oft - ganz wie ihr Name klang.
"Norrraaaah!"
Sie verschwendete keinen Augenblick.
Hastig warf sie sich die eigene Wolldecke um die Schulter, lauschte kurz auf und verließ das Zimmer leise und rasch, als Gunillas gleichmäßiger Atem ihr verriet, dass die Magd noch immer selig schlummerte. Die Treppe wäre sie dann fast hinab gefallen in ihrer Hast und doch dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, ehe sie in den Stallungen stand und von dort aus, noch ins sichere Dunkel gehüllt, das schöne Tiere auf der Wiese ganz betrachten konnte. Sie spürte den halbgefrorenen Schlickboden und das klamme Stroh nicht unter den nackten Füßen, denn der Rabe hatte mehr als nur ihre Aufmerksamkeit gefangen. Beinahe hypnotisierend war sein Blick nun und mit einer Art Amüsement sprang er, als sie nun wie festgefroren hinter dem Stalltor verharrte, auf sie zu.
Wieder öffnete er den Schnabel und klapperte leise damit, da hörte sie die Stimme ein weiteres Mal.
"Norrrrrah, Norrrraaah... mein Kind, es ist Zeit. Du hast dich bewährt und nun erhebe dich - flieg mein Kind, flieg!"
Ein Kribbeln machte sich unter ihrer Haut breit und auch der Schmerz war erträglich, geradezu schwindend gering im Vergleich zu ihrem bebenden Staunen, als die spitzen Federn die Haut durchdrangen und sie alsbald in glänzendes Schwarz kleideten, während Norah schrumpfte, Mund und Nase zu einem Schnabel verschmolzen und sich spitzen, den Füßen Krallen wuchsen und sich zuletzt selbst ihre Sicht veränderte und schärfte. Still nickte der Rabe dem Küken zu, als wäre er zufrieden mit ihrer Wandlung, dann drehte er sich ab, spreizte die Flügel und erhob sich in die Lüfte. Flatternd und noch mit viel Anlauf tat der Rabe Norah, ein etwas kleineres Wesen, mit einigen Flaumfedern zu viel und einem blinden, linken Auge, es ihm nach... dann flog sie und wusste beseelt, dass es diesmal kein Traum war.
ER hatte sie erhört,
ER hatte seine Wahl ein zweites Mal nicht bereut und nun folgten Lehrstunden der speziellen, anderen Art, in welchen ER seine junge Dienerin belohnen und zu weiteren Mühen anspornen würde.
Verfasst: Freitag 20. November 2009, 16:57
von Norah Birnbaum
Sie saß am Frisiertisch, die Ellbogen auf das Eichenholz gestemmt, das Gesicht sanft in den Handflächen ruhend... und weinte.
Träne um Träne löste sich vom schimmenden Rand des unteren Lids und bahnte sich den Weg über zart rosige Wangen herab bis zum Kinn, von welchem sie sich wie kleine Kristallkügelchen lösten und zum wässrigen Fleck auf dem Tischbrett wurden.
Unbewegt saß sie dort, wie zur Salzsäule erstarrt, während die Schultern leicht zuckten und die roten Lippen zittrig bebten.
Sie weinte still, heimlich und schon seit einer geraumen Weile, doch nicht aus Trauer, sondern aus seliger Dankbarkeit über ein geradezu maßloses Wunder. Ein scheinbar unerreichbarer Wunschtraum, welchen man ihr nun plötzlich auf einem Samtkissen präsentierte und ohne Hintergedanke zum großzügigsten Geschenk der Welt machte. Noch völlig fassungslos blinzelte sie dem Spiegel entgegen und wurde wieder von einer warmen Schauerwelle der Dankbarkeit ergriffen, denn das weinende Gesicht im Spiegel war makellos, ohne auch nur eine einzige Narbe, keine zerstörte Haut und zudem blickten beide Augen klar und sehend ihr entgegen.
Dieses Gesicht, welches ihr nun entgegen lächelte, dabei Tränen der Glückseligkeit vergoß, war nicht ihres und doch, doch gehörte es ihr... zumindest für eine geraume Zeit und sie liebte es. Jeden Fingerbreit hatte sie schon mehrfach abgetastet, hatte die weichen Lider der leicht mandelförmigen und nun gänzlich grünen Augen berührt, die hohen Wangenknochen gestreichelt, welche das Antlitz so sehr viel mehr erwachsen und edel wirken ließen, als ihr eigenes je hätte sein können. Dann hatte sie über das etwas spitzere, kleine Kinn gestriffen und die dunklen, feinen Brauen bewundert. Mehrfach hatten die Nasenflügeln der kecken Stupsnase gebebt, als sie die Spitze mit zitternden Fingern berühren wollte und trotz all der Freudentränen ließ sie es sich nicht nehmen, diese verführerischen roten und vollen Lippen zu spitzen.
Sie sah wunderschön aus in diesem neuen Gesicht.
Es war ein Geschenk des Raben gewesen und wieder hatte er ihr jenes in der Nacht überbracht - ach, was war sie dankbar.
Sein Zusatz, dass er ihr auch noch die Gabe zugestehen würde den Körper ein klein wenig auzubauen, hatte den dankbaren Kniefall zu einer demütigen Bauchrutscherei und wäre das Tier nicht mit Amüsement davon geflogen, so hätte sie ihm wohl die spitzen Krallen geküsst.
Jetzt allerdings blieb ihr nur dieser wundersame Anblick im Spiegel und sie genoß jeden Augenblick damit... so lange, bis Gunilla die Türe zur gemeinsamen Schlafkammer öffnete. Es brauchte nur ein Blinzeln und ihr sah die alte, narbenreiche, halbblinde Norah mit dem Kindergesicht entgegen... und doch blieb die Enttäuschung gering, denn wusste sie nur zu genau, dass eine neue Veränderung in dieser Art jetzt ganz und gar in ihrer Macht lag.
Ein derart mächtiges Geschenk, welches es wert war ihm die Seele noch enger zuzuschreiben.