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Schattengeflüster
Verfasst: Freitag 21. August 2009, 01:12
von Pavel Istor
Stimmen... sie sprechen zu mir... tonlos, leise, doch kraftvoll...
Rasend zogen die hohen, schlanken Bäume an ihm vorüber, wie schemenhafte, verwaschene Erscheinungen, die am Rande seines Blickfeldes seiner harrten und ihn beobachteten. Seit zwei langen Stunden ritt der junge Mann nun schon in eilendem Galopp durch den Wald, rastlos, so müde, dass ihm die Augen zuzufallen drohten, und ohne auch nur einen einzigen kurzen Blick über die Schulter zu riskieren. Sein treues Pferd, das ihn über den unwegsamen und schmalen Pfad trug, ächzte vor Erschöpfung. Er schloss kurz die Augen. War es nicht unnatürlich still in diesem Teil des Waldes? Die Vögel hatten aufgehört, ihre lieblichen Melodien zu zwitschern, keine Grille warb mehr aufreizend um einen Partner, nicht einmal das Rascheln der Blätter nahm er mehr bewusst wahr. Nein, es war noch da. Jetzt, wo er wieder darauf hörte. Ein Reh hatte er vor einiger Zeit bemerkt – es hatte ihn einen Moment lang stumm angestarrt, dann machte es kehrt und floh ins tiefere Dickicht. Fast so, als miede das Leben diesen Ort. Seit wann war es so still? Oder hatte er es nur nicht bemerkt? Unweigerlich überkam ihn ein Gefühl der Übelkeit und er senkte den Blick, unfähig, noch länger auf das „Wohin“ zu achten, und begann, die Haare der Pferdemähne zu zählen.
Es war fast geschafft, nur noch ein kleines bisschen Geduld. Ein kleines bisschen. Unwillkürlich überkam den Arkorither ein kalter, sanfter Schauer, der ihn in seinem Treiben innehalten ließ und eine wohlige Gänsehaut auf seine Arme zauberte, seinen ganzen Körper wie ein elektrisierender Blitz durchzog. Er schloss für einige Herzschläge seine Augen und genoss das Gefühl. Welch lustvolles Vergnügen! Ein leises Wimmern holte ihn zurück in die Wirklichkeit. In einem der letzten Winkel seiner Kammer kauerte eine gepeinigte Kreatur. Die Augen des Wesens waren starr auf ihn gerichtet und er konnte die nackte Angst, die in seinem Inneren wütete, fast greifen. Selbst seine Melodie im Lied der Schöpfung schien panisch zu vibrieren – oder war das nur eine Einbildung, eine Vision auf den ekstatischen Akt der Vollendung seines Experimentes? Der Gedanke trieb dem Arkorither ein boshaftes Lächeln auf sein unbedecktes Gesicht, das im Schein der wenigen Fackeln gespenstisch gefährlich wirkte. Noch einen kleinen Augenblick – und die Möglichkeit, sich an den Ergebnissen seiner Forschungen zu laben. Das hundeähnliche Höllenwesen hatte seinen Zweck erfüllt. Es hatte ihm treu gedient. Aus Furcht? Oder hatte es einfach nur respektiert, ihm weit unterlegen zu sein? Vermochte es überhaupt, soweit zu denken? Es spielte keine Rolle. Das einstmals flammend rote Fell, das den Körper dieser majestätischen Kreatur bedeckte, glich nun mehr einem zerstoßenen Aschehaufen, die Haare waren versengt und an manchen Stellen loderte noch immer eine kleine Glut auf dem Körper des Hundes. Nur ein Bruchteil dessen war noch zu erkennen, was er zu erleiden gehabt hatte. Wimmernd tastete und leckte er danach, um die Flammen zu ersticken. Keine Würde, kein Nutzen wohnte diesem Lebewesen mehr inne. So endete man also, wenn man zu schwach war, wenn man den Kampf aufgab. Ein leises metallisches Klirren und ein Lichtblitz stob durch den Raum, als Pavel einen rotgleißenden runenbewehrten Dolch aus seiner Scheide zog.
Ein letzter Blick zurück. Am Wegesrand lag sein treuer Begleiter, der ihn widerstandslos durch den Wald getragen hatte – der Gewaltritt hatte an den Kräften des Pferdes gezehrt, bis es sich nicht einmal mehr auf den eigenen Beinen halten konnte. Sah es ihm nach? Was mochte dieser Blick bedeuten – Trauer? Enttäuschung? Fassungslosigkeit? Oder war es gar Angst vor dem, was ihm nun bevorstünde? Kein Gedanke zurück, kein Blick nach hinten. Er fing an zu rennen. Noch immer war dichter, undurchdringlicher Wald rund um ihn herum. Wann, wann nur mochte er endlich sein Ziel erreichen? Was hatte der alte Mann gesagt? Eine, vielleicht zwei Stunden würde ihn der Ritt über diesen Pfad kosten, es gäbe keinen schnelleren Weg. Zwei Stunden? Was für ein Narr, selbst jetzt, vier Stunden, nachdem er seinen Weg beschritten hatte, war kein Ausweg in Sicht. Plötzlich - ein Gedanke, ein kurzer Geistesblitz. Er verlangsamte den Schritt, blieb einfach stehen. Nein, das konnte nicht sein. Konnte er sich irren? Noch einmal erinnerte er sich an die Worte des Greises. „Geh nur, mein Junge, länger als zwei Stunden wird dein Ritt nicht dauern. Doch sei auf der Hut, manches Mal treibt sich Gesindel in diesem Wald herum. Aber du wirst dem gewappnet sein, wie ich sehe.“ Er hatte auf das lange Schwert an seiner Seite gestarrt. Sie verabschiedeten sich. Und langsam zog sich der Nebel des Vergessens über das Bild. Halt. Ein letztes Moment, ein Blick unter die Kapuze des alten Mannes. Und – Zähne.
Ein lauter, gellender Schrei hallte durch den Wald.
Eigentlich war es unmöglich, aber der Höllenhund schien die klanglichen Veränderungen in den Schöpfungsstrukturen beinahe zu fühlen. Oder hatte er seine Züge doch nicht so unter Kontrolle, wie er es dachte? Unwichtig, er konnte sich diese Regung in Anbetracht seiner Ekstase leisten. Wie eine schrecklich verstimmte Harfe spielte er die Klänge, verzog sie zu grausam veränderten Melodien, ohne wichtige Änderungen daran vorzunehmen. Das abartige Gefühl, das er unter dem Ächzen des Liedes verspürte, schenkte ihm einen erneuten wohligen Schauer. Langsam, unendlich langsam trat er an sein Opfer heran und ging ohne Furcht vor ihm in die Hocke. In einem langen Atemzug sog er den Geruch der Kreatur auf – war es Einbildung, oder roch er wirklich Angst und pure, reine Wut? Hass auf ihn, der ihn missbraucht, geschändet hatte und ihn nun noch töten würde? Wieder trieb diese Vorstellung seine Mundwinkel in die Höhe. Hass war ein wundervolles Gefühl, es verlieh Macht und Stärke, gab einem Kraft und schenkte süßes Vergessen an jede Gefahr, jedes Risiko. In den dunklen, runden Augen sah er seine eigene Silhouette, umrahmt vom feurigen Schein der Fackeln. Selbst in den Klängen des Liedes vermeinte er diese Emotion zu verspüren, wie sie sich zu einem letzten Kampf aufbäumte und den Hund noch einmal antrieb. Die mächtigen Muskeln unter dem befellten Körper kontrahierten ein letztes Mal, ein dunkles Knurren verkündete die Rache des Hundes – und ging in ein letztes, ersterbendes Winseln über. Pavel erhob sich wieder und rieb seine Hände gegeneinander, als wolle er Spuren einer finsteren Tat von sich waschen. Aus dem Leib der Kreatur ragte nur noch der Schaft eines Dolches.
Es war schrecklich finster. Einen unecht wirkenden, ewigen Augenblick war er sich nicht einmal sicher, ob er schon aufgewacht war. Träumte er von einer dunklen, schwarzen Leere? Oder war dies hier der Tod, den er sich als schnelles Ende ersehnt hatte? Mit beiden Händen tastete er an sich herunter. Man hatte ihn seiner Waffen, seiner Rüstung, seiner Kleidung beraubt. Unter sich, an sich spürte er den nassen Waldboden, auf den er kurz zuvor zusammen gesunken war. Nein, er war wach und schutzlos. Wo waren sie? Alles in ihm begann, sich zu verkrampfen in einem jähen Anfall von Angst. Sein Atem ging schneller und er zwang sich gewaltsam, zu schlucken und sich zu beruhigen. Langsam, und doch schneller, als er es wollte, tastete er sich nach hinten, bewegte sich im Krebsgang nach hinten, bis er an die harte Rinde eines Baumstammes stieß. Das Gefühl kalten, nassen Mooses auf der nackten Haut entrang ihm einen Laut der Überraschung und angewidert kippte er zur Seite um. Stille. Woher nur kam diese Stille, diese Dunkelheit. Sie hatten ihn gefunden, gejagt und gefunden. Sie hatten ihn gedemütigt. „Wo seid ihr! Kommt heraus! Ich habe keine Angst vor euch!“ Die Stimme zitterte in leisem Nachhall durch die Dunkelheit. Nicht einmal er selbst konnte sich von seiner Heldenhaftigkeit überzeugen. Was war das? Dort! Ein Licht? Oder… Augen? Der weiße Schein zweier Augen, die ihn beobachteten? Sein Blick jagte wild umher. Er fühlte sie kommen. Er fühlte es.
Nichts erinnerte mehr an das qualvolle Experiment, das vor wenigen Augenblicken noch in der Kammer des Meisters stattgefunden hatte. Es war kein schweres Unterfangen, die beschworene, getötete Kreatur ihres magischen Siegels zu berauben – jenes Siegels, das es an diesen Ort band. Ein leises Lachen konnte sich der Arkorither nicht verkneifen. Die Vorstellung, wie inmitten eines Rudels hungriger Höllenhunde der entsetzlich geschändete Körper eines Artgenossen auftauchte, bereitete ihm ein Vergnügen, das er nicht erklären konnte. Doch die bestialische Freude wich von einem Moment auf den anderen einem Gefühl der bitteren Enttäuschung und des Zornes. Das Experiment war gescheitert, und er hatte es insgeheim kommen sehen. Diese Kreatur war unbrauchbar, zu schwach, zu einfach gebaut. Ihm wohnte das flammende Temperament seiner Rasse inne, doch war es nicht genug. Einfach nicht genug. Wütend zog er Luft durch die Nase ein. Wieder hatte er Zeit verschwendet, und er hatte es geahnt. Aber es war notwendig gewesen. Hatten sie ihm nicht Erkenntnis versprochen? Er wäre gar nicht fähig gewesen, ihren Wunsch abzuschlagen.
Ein weiterer Eingriff auf elementarer Ebene vertrieb das Feuer und die Wärme aus der Kammer. Empört flackernd brachten die Fackeln ihre Entrüstung zum Ausdruck, dann erloschen sie, bis nur noch eisige, kalte Dunkelheit den Raum erfüllte. Die schwarzen Gewänder, die den Leib des Arkorithers bedeckten, lösten sich in einem schattenartigen Wirbel von seinem Leib und verschmolzen mit der Dunkelheit. Zurück blieb der hagere Körper eines Mannes im mittleren Alter, der im schwachen Mondschein kaum als blasse Gestalt zu erahnen war. Für einen kurzen Moment drängte sich eine Erinnerung an die Oberfläche und ließ sanfte Zweifel keimen. Es war der geeignete Augenblick. Er war er selbst, für einen kurzen Moment. Wenige Schritte, die nackten Füße schlichen über den kalten Stein. Er legte sich nieder und verhüllte seinen Körper mit dem dunklen Stoff seiner Bettdecke. Und er begann sie zu hören. Leise Stimmen. Er begann sie zu sehen. Schemenhafte Kreaturen. Vertraute Schatten. Und der Zweifel verflog. Müde schloss er die Augen. Und ehe er einschlief, befiel ihn das eigenartige Gefühl, seinen Körper auf kaltem, nassen Waldboden gebettet zu wissen.
Verfasst: Freitag 21. August 2009, 20:32
von Pavel Istor
Zwei Seiten… der einen Seite… und doch eine zuviel?
Es bedurfte nicht vieler Stunden der nutzlosen Erholung. Seit dem Abschluss seiner magischen Grundausbildung, die neben dem Besuch der Unterrichtsstunden auch eine unzählbare Menge an schlaflosen Nächten beinhaltet hatte, in denen er rastlos Bücher studiert oder seine Fertigkeiten einer praktischen Übung unterzogen hatte, hatte sich Pavel angewohnt, nur noch wenige Stunden Schlaf zu brauchen, um wieder halbwegs brauchbar auf den Beinen zu sein. Das kam ihm gut zupass – seine kreativsten Einfälle kamen ihm mitten in der Nacht, doch trotz der harten Ausbildung im Orden hatte ihn seine bäuerliche Vergangenheit nie ganz verlassen. Hätte es Hühner gegeben in der magischen Wehrburg, sie wären zusammen mit dem Arkorither erwacht. Und hätten mit dem ersten Gekrähe ihre Stimme und anschließend ihr Leben verloren.
Wirklich ausgeschlafen war Pavel an diesem Morgen allerdings nicht. Er hatte eine unruhige Nacht hinter sich, ohne selbst genau zu wissen, woran das lag. Er erinnerte sich an die Experimente des vergangenen Tages und sofort schnürte ihm ein bitteres, enttäuschtes Gefühl den Magen zu. Grimmig und mit einem leisen Laut des Unmutes schlug er die dunkle, warme Bettdecke beiseite und erhob sich mühsam aus seinem Bett. In einem beeindruckenden illusorischen Effekt traten aus den kalten Ecken des Zimmers, unter den Möbeln und aus den Ritzen der Verfugungen dunkle Schatten hervor, die sich um den unbedeckten Körper des Arkorithers wanden und ihn umgaben wie ein schützender Mantel, ehe sie sich zu einem stoffartigen Gebilde zu festigen schienen. Erst jetzt fühlte Pavel sich wieder vollständig und gönnte sich eine sehr knappe Dehnübung, um seine müden Glieder für neue Aufgaben vorzubereiten.
Als er auf den weiten Balkon heraustrat, der ihm von seinem Zimmer aus einen Überblick über die ganze Burg und die Insel gewährte, schlug ihm die kalte Morgenluft entgegen. An einem normalen Morgen hätte er sich einer solchen emotionalen Regung gar nicht hingegeben – zu viele andere Dinge waren wichtiger als sein seelisches Wohlbefinden. Und auch jetzt, da er sich doch die Zeit nahm, sich mit beiden Händen auf die Brüstung stützte und einen Blick an den dunklen, abweisenden Mauern der Burg hinab warf, jagte ein Gedanke den anderen. Er dachte an die mächtigen Magier, die Dinge zuwege brachten, von denen er bis zu jener Zeit nicht einmal zu träumen gewagt hatte. Und auch, wenn sie ihm anderes einflüsterten, bereitete ihm der Gedanke Sorgen, dass die alte Maestra dieser Gefahr vielleicht gewachsen gewesen sein könnte. Unsinn. Er schüttelte den Kopf und ballte seine Rechte zur Faust. Sie war schwach gewesen, denn sonst stünde nicht er, sondern sie an diesem Ort, sonst wäre nicht sie, sondern er in die Hallen der Toten eingezogen. Es war nicht wichtig, ob er sich die Wahrheit einredete. Es war nur wichtig, was er selbst glaubte. Der wütende, enttäuschte Blick ihres Kopfes, aufgespießt in der Eingangshalle der Burg, manifestierte sich vor seinem geistigen Auge wie ein Schreckgespenst einer vergangenen Sünde. Für einen kurzen Augenblick nur schloss er die Augen und labte sich an der süßen Erinnerung des Erfolges.
Als er die Augen wieder öffnete, war der kalte Morgenwind einer angenehmen Sommerwärme gewichen. Verwundert nahm er das Rauschen des Meeres wahr, die Wellen, die in einem ständigen Auf und Ab an die Küste der Insel brandeten. Und war das wirklich Vogelgezwitscher, das er aus den verdorrten Bäumen im Sumpf vernahm? Ungläubig starrte Pavel über die Zinnen hinweg – tatsächlich tanzten und flatterten zwei bunte Vögelchen durch die dürren Baumkronen, wie ein verliebtes Pärchen, frei von Sorgen, nur sich selbst geschenkt, nur mit sich selbst beschäftigt. Langsam rückte eine Augenbraue des Arkorithers empor. Ein solches Schauspiel direkt vor den Ordensmauern…
Einen Moment später verhallten die schrillen, chaotischen Klänge im Lied in einem leisen Echo, als das Gefüge sich wieder zu beruhigen begann. Es war Ruhe eingekehrt und die beiden Vögel lagen reglos auf dem matschigen Boden, der sie in kürzester Zeit verschlingen würde, ihre Körper kalt und leblos. Einen solchen Affront an Glückseligkeit war Pavel nicht bereit zu dulden, nicht an einem frühen Morgen, wenn eine Batterie von Problemen seine Gedanken bestürmte. Vogelgezwitscher, die Welt trieb manchmal seltsame Auswüchse.
In einer fließenden Bewegung drückte er sich von der Brüstung ab und wandte sich nach hinten um, wo an die Wand gelehnt ein nackter junger Mann am Boden kauerte, die wenigen Bereiche seiner verbliebenen Würde bedeckt mit Büscheln aus Ästen und Moos. Pavel blinzelte, einmal, zweimal, doch das Bild blieb. Der Mann starrte ihn an, und er kannte den Ausdruck nackter Angst inzwischen gut genug, um ihre beiderseitige Stellung einschätzen zu können. Das Moos in den Händen des Mannes war so frisch, so real, dass er mit einem kräftigen Atemzug den Wald erahnen konnte, aus dem es stammen musste. Ein schier unendlich langer Augenblick verging, in dem sich beide Männer in einer Mischung aus Verwunderung und Faszination anstarrten. Nur seiner strengen Disziplin und seiner Ausbildung verdankte Pavel die Geistesgegenwart, mit der er sich aus diesem Moment löste. Es bestand kein Grund zur Besorgnis, und doch war dieser Mann an einem Ort, an dem er nicht sein durfte. War er womöglich einer jener fremden Magier? Eine üble Täuschung, in die er zu stolpern drohte wie ein kleines Kind, das haltlos auf die tödliche Leckerei zuläuft? Unwillkürlich griff er mit seiner Rechten an seine Hüfte und zog den runenbewehrten rotschimmernden Dolch zur Hälfte aus seiner Scheide, woraufhin der Fremde mit einem leisen Aufschrei des Entsetzens noch weiter ins letzte Eck kroch.
“Wer bist du? Und antworte schnell… ich habe heute wenig Geduld für Spielereien, Freund.“ Das „Freund“ besaß einen so dunklen, gefährlichen Unterton, als verspräche es den sofortigen und schmerzhaften Tod im Falle einer Nichtbeachtung.
“Ich… wartet… bitte… ich will euch alles geben, was ihr wollt… Ich sage euch, wo meine Schätze liegen! Mein Herr wird gewiss teuer zahlen, wenn ihr mich ihm lebend übergebt!“
Aus dem Mann sprach die Angst ums Überleben, und als Pavel einige wenige Schritte näherkam, ohne seinen Blick vom Antlitz des Fremden zu nehmen, vermeinte er die gleiche strenge Note zu riechen, die schon der Höllenhund vom vergangenen Tage gezeigt hatte. Er war sich nicht sicher, ob ihm dieser Gedanke wieder ein boshaftes Lächeln entlockt hatte, aber der Jüngling riss unwillkürlich die Augen weiter auf.
“Soso, dein Herr wird teuer bezahlen… Wer, meinst du, wird an seinem Gold wohl interessiert sein? Du wirst auf meine Fragen antworten, sonst…“ Wieder tat er zwei Schritte, diesmal rasch und weit ausladend, und schon stand er über ihm, die blitzende Dolchklinge an seine Kehle gedrückt. “Wir verstehen uns? Wunderbar… und sei dir gewiss, dass ich dir noch ganz andere Dinge antun kann. Also, wie kommst du hier herein, wer bist du und was suchst du hier? Kommst du von ihnen?"
Bis auf die letzten Worte starrte der junge Mann angsterfüllt auf die Klinge an seinem Hals und die Vorstellung seines bevorstehenden Todes schien ihn so mitzunehmen, dass er sogar vergaß, seine Blöße weiter zu bedecken. Für einen kurzen Augenblick durchzog den Arkorither der amüsante Gedanke, er könne diesen Eindringling an seinem besten Stücke an der höchsten Burgzinne aufhängen, ehe er ihn für einige Experimente missbrauchte. Ein rascher, kalter Schnitt. Dann waren seine Gedanken wieder klar – nein, diese Situation war so absurd, dass er Antworten brauchte. Sich jetzt dem Vergnügen hinzugeben, war… unprofessionell. Er beschränkte sich darauf, das anregende Gefühl von kaltem Metall auf nackter Haut noch etwas zu verstärken.
“Bitte… bitte, ich weiß nicht, wieso… wo ich hier bin… ich kenne euch nicht, ich… ich lag in diesem Wald, es war dunkel und sie hatten mich… sie waren überall… ich wusste nicht, wohin…“
Ein dunkler Wald. Pavel runzelte unwillkürlich die Stirn. Während der gepeinigte Mann einige weitere sinnlose Phrasen stammelte, um sich aus seiner misslichen Lage zu befreien, jagte ein Gedanke den anderen. Aus irgendeinem Grunde vermeinte der Arkorither, diesen Mann zu kennen. Doch wieso? Er kannte niemanden, der so aussah, der so sprach. Und dann war da noch diese Sache mit dem Wald… hatte er nicht noch in der Nacht zuvor das Gefühl verspürt, auf einem nassen Waldboden zur Ruhe zu kommen?
Gefühle! Was für ein Irrsinn! Ohne Ankündigung zog er die scharfe Klinge wieder zurück und versetzte dem Mann einen kräftigen Tritt, der ihn gegen die Wand fallen ließ und ihm einen schmerzerfüllten Laut abrang. Ein weiterer, prüfender Blick bestätigte Pavels Vermutung – er kannte den Mann nicht. Und kannte ihn doch. Doch falls es sich um einen Magier handeln sollte, der sich in einen geschickten Mantel der Tarnung hüllte, so würde er ihn zerreißen wie einen seidenen Vorhang und das wahre Bild zum Vorschein bringen. Er beeilte sich nicht einmal, als er in die Klangstrukturen des Liedes eingriff und seine magische Präsenz dem Klangbild des fremden Mannes widmete. Die Töne verstummten langsam, wurde immer langsamer und träger, bis sie sich kaum noch zu bewegen schienen. Ein Konstrukt der Trägheit. Es würde ausreichen, seine Werkzeuge vorzubereiten. Noch ein kurzer Augenblick, in dem er sich an dem furchterfüllten Blick des Fremden belustigte, dann trat er durch den Torbogen hindurch zurück in seine Kammer.
Irritiert runzelte der Arkorither die Stirn. Noch immer stand er an der Brüstung seines Balkons und starrte auf die beiden leblosen… nein, er starrte auf jenen Ort, an dem die beiden Körper hätten liegen müssen. Doch wo er das bunte Federkleid der beiden Vögel fallen hatte sehen, erwartete ihn nur braungrüner Schlamm. Ruckartig wandte er sich um – die Wand am anderen Ende des Balkons war leer, niemand, der sich dort wimmernd in eine Ecke drückte. Eine ganze Weile rührte Pavel sich nicht. War es möglich… dass er halluzinierte? Ein letzter, kurzer Kontrollblick hinunter neben die Burg, doch nichts von dem, was er erlebt hatte, schien Wirklichkeit gewesen zu sein. Sichtlich befremdet kehrte er zurück in die Burg, um dort seinen Überlegungen nachzuhängen.
Verfasst: Freitag 4. September 2009, 02:06
von Pavel Istor
Ein leiser Seufzer entrang sich den Lippen Pavels, als er sich im warmen Badewasser zurücklehnte, den Kopf in den Nacken legte und die Augen schloss. Selbst er, der Meister des Ordens, brauchte Momente der Besinnung, der Entspannung – und der Reinlichkeit. Es war nicht nur der Dreck des Tages, den er sich vom Leibe wusch – unter die berüchtigte schwarze Ordenstracht, in die er sich sonst stets hüllte, drang sowieso kaum Schmutz. Es war ihm vielmehr, als perlten im gleichen Maße wie der Schweiß und die Erde auch trübe Gedanken von ihm ab, verließen sein Denken und zerrannen irgendwo dort unten im Wasser, wo sie ihn nicht mehr interessierten. Wenn er sich bereit fühlte, konnte er einen von ihnen ergreifen und zu Ende spinnen. Doch das brauchte Zeit, und ausgerechnet davon besaß er stets zu wenig.
Das Gesicht einer jungen Frau schob sich vor sein geistiges Auge, so penetrant und unverhofft, dass er sich nicht nur ruckartig aufsetzte, sondern zugleich fast entrüstet das Gesicht verzog. Doch er wagte nicht, die Augen zu öffnen und das Bild, das ihm sein Geist vorgaukelte, zu verscheuchen. Er kannte die junge Frau – nicht gut, aber das spielte für den Augenblick keine Rolle. Er hatte sie bislang zweimal getroffen, beide Male in Rahal – und beide Male war sie ihm mit Stolz und Selbstsicherheit begegnet, nicht mit Respekt oder Furcht, wie er es sonst von den Bürgern der Stadt erwartet hätte. Sie stellte ihm Rätsel, versuchte ihn zu locken, ihm Geheimnisse abzuringen. Pavel lehnte sich wieder zurück und tauchte das Gesicht kurz unter Wasser. Als er wieder emporkam, lief das warme Nass von seinem kahlgeschorenen Haupt und tropfte zurück in das Becken.
Er hatte das Spiel mitgespielt – bis zu einem gewissen Punkt. Das Bild wandelte sich, gab nun mehr von der jungen Frau preis, einen Anblick, der im Mondschein manchen Jüngling sprachlos hätte werden lassen. Für Pavel war sie bis dahin ein netter Zeitvertreib gewesen, eine Möglichkeit, andere Einblicke in das Leben der dunklen Stadt zu gewinnen – bis sie versuchte, ihn zu locken. Es war nur ein Spiel gewesen, ein kleiner Schritt, und ein anderer Arkorither – unwillkürlich zwang sich das blonde Antlitz des Valterian in seine Gedanken und Pavel musste schmunzeln – hätte zwar sicher nicht mitgespielt, aber es doch als nette Anekdote in Erinnerung behalten und die Regeln zum eigenen Zwecke umgedeutet. Für Pavel aber hatte sie in diesem Augenblick die Unschuld verloren und war zu einem Objekt des Interesses geworden. Keine Begierde, wie ein Mann sie für eine Frau empfindet, ein solcher Gedanke schien Pavel ferner als alles andere – sondern die eines skrupellosen Geistes, der sich einer würdigen Beute gegenüber sieht. Der Orden der Arkorither war bekannt für seine Grausamkeit und für einen Umgang mit der Magie, der jeden anderen Magier blass werden lassen würde. Man spielte nicht mit den schwarzen Roben, sondern lernte sie zu fürchten – oder zu sterben. Wenn er die Lust dazu fände, würde er ihr diese kleine Nuance in ihrer Beziehung gewiss nahebringen. Aber sie konnte warten.
Diametraler konnte ein Wechsel gar nicht sein, als das Bild der hübschen jungen Frau verschwand und dem Gesicht eines jungen Mannes Platz machte. Es dauerte eine ganze Weile, in der Pavel dem Geräusch fallender Wassertropfen lauschte, bis er sich der Gestalt entsann. Liam Hjelm. Er hatte den jungen Soldaten in Berchgard kennen gelernt und wohl durch seine einfältige und etwas spöttische Art, mit der er die Zwerge bedachte, sein Vertrauen gewonnen. Nein, nicht sein Vertrauen – aber zumindest waren die beiden sich bekannt geworden und Liam hatte den Arkorither eingeladen, mehr über die Legion Gerimors in Erfahrung zu bringen – natürlich ohne zu wissen, wem er eigentlich gegenüber stand und zu was dieser jemand fähig sein wollte. Vermutlich war es das Glück des jungen Legionärs, dass Pavel sich an jenem Tage in ausnehmend guter Laune befand und somit lediglich unterwegs war, einige Besorgungen zu unternehmen, als er auf ihn traf. Als Händler und Alchemist namens Pavel Istor gab er sich aus – näher an der Wahrheit, als jemand es vermuten würde, und doch weiter davon entfernt, als man es sich vorstellen konnte. Weitaus erfrischender und erheiternder als diese kleine List erschien ihm jedoch das Treffen mit dem Hauptmann der Legion Gerimors – Bravan Mandark. Kein Unbekannter für den Arkorither, war er sich doch sicher, diesen Mann schon einmal in den bequemen Gästekammern der Ordensburg erblickt zu haben. Ein Puzzlestück, das es zu beobachten galt, auch wenn ihm das Geschwätz des Legionärs von „Freiheit von den beiden großen Reichen“ und Perspektiven für alle Reichslosen ebenso schwachsinnig vorkam wie alles, was die Prinzipien- und Moralapostel der Grafschaft aufboten. Allein, er schwieg sich darüber aus, denn was dem Arkorither nicht eingängig war, mochte dem Händler vielleicht irgendwann von Nutzen sein.
Erneut tauchte Pavel kurz unter Wasser, verharrte dort einen Augenblick und tauchte nach Luft schnappend wieder empor. In Momenten wie diesen genoss er die Gabe seiner magischen Fertigkeiten, ermöglichten sie ihm doch ohne sich zu erheben, das Wasser in einer angenehmen Temperatur zu halten. Das harte Studium der Magie sollte auch einige angenehme Züge mit sich bringen. Während er sich nun also weiter wusch, gingen die Gedanken wieder mit ihm durch, zeichneten jedoch keine Bilder mehr vor seinem Auge, sondern gehorchten wieder alleine seinem Willen. Er dachte an die Aufgaben, die dem Orden bevorstanden, und an die Gefahr, die in Form vierer mächtiger Wesenheiten nicht nur, aber auch über dem Orden hing. Zwei von ihnen hatten ihre Fertigkeiten schon verloren und sie waren zu wenige, um weitere Verluste riskieren zu dürfen. Nicht zuletzt ergriff selbst den Meister das Entsetzen und ein Hauch von Angst bei dem Gedanken, jemand könne ihm selbst seine Kraft rauben – nicht nur, weil sein Leben ihm ohne die erlangten Möglichkeiten nicht mehr wie das Gleiche vorgekommen wäre, sondern auch, weil der Verlust der magischen Fertigkeiten seinen Tod bedeuten würden. Die Elegida traute ihm, vertraute ihm und diente ihm, wie alle anderen Arkorither, aber in einem Augenblick der Schwäche würde er fallen, wie Unzählige es vor ihm taten, und jemand anderes würde den Stuhl besteigen, sich erheben und seinen Körper in den Dreck treten. Diese Furcht beherrschte ihn, ohne ihn zu besitzen, doch sie war da, in ihm und um ihn herum, und er hüllte sich in die Vorstellung, dass die Schatten der Burg ihn vor einem solchen Schicksal bewahren würden. Doch er wusste auch, wie launisch und wankelmütig ihr Wesen sein konnte.
Ein Schwall warmen Wassers in seinem Gesicht vertrieb die dunklen Gedanken wieder und brachte sie zurück auf ihre eigentlichen Pfade. Es galt, sich dem Problem dieser Magier anzunehmen und einen Weg zu finden, sie zu beseitigen. Aber sie wären nicht Arkorither und er wäre nicht ihr Meister gewesen, wenn das alleine ihr Ziel gewesen sei. Die Möglichkeit, eine ähnliche Macht zu erlangen, so dass der Orden über alle Magier triumphieren und sie ein für alle Mal ihrer schwächlichen Kräfte berauben könnte – allein der Gedanke daran beinhaltete ein erregendes Gefühl. Vielleicht würde sein Weg, diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen, zum Erfolg führen, und mit etwas Glück wären sie damit den einfallslosen Akademiemagiern überlegen. Die Arkorither jedenfalls folgten seinem Befehl – was anderes blieb ihnen auch übrig – und trafen die Vorbereitungen, so gut es ihnen möglich war. Es war kein ungefährliches Unterfangen, das wäre es nicht einmal gewesen, wenn sie gewusst hätten, wonach sie suchen sollten. Doch der Nebel, der ihre Sicht behinderte und sie im Trüben fischen ließ, ebenso wie zwei, die nicht einmal mehr das Lied zu vernehmen mochten, erschwerten das Unternehmen ungemein. Egal. Sie standen im Erbe Korows, und sie würden seinen Weg weiter beschreiten – ein Rückzug aus Angst vor der eigenen Unterlegenheit stand nicht zur Debatte.
Zuletzt machte auch dieser Gedanke einer Leere Platz. Einer drückenden, furchteinflößenden Leere, denn mit ihr kamen Bilder, die Pavel nicht mehr verstand. Noch immer hatte er das Bild des Mannes im Kopf, der auf dem Balkon seines Zimmers kauerte, unbekleidet und verschüchtert, scheinbar ahnungslos, wo er sich befand und gepeinigt von etwas, das ihn jagte. War es wirklich nur eine Illusion gewesen? Was hatte es mit diesem Mann auf sich – und weshalb begann er in einer Zeit, die keine Fehler duldete, Halluzinationen zu entwickeln? Es passierte ihm immer häufiger, dass er mitten in seiner Arbeit vor sich hinstarrte, in die Luft hinein, und dabei vor dem inneren Auge immer wieder die gleiche Szene erlebte. Der Mann, reitend und laufend in einem Wald, auf der Flucht, aber hilf- und chancenlos. Und es war wie ein bitterer Fluch, denn genau im letzten Augenblick, wenn das Bild sich zu drehen begann, um die Verfolger zu erblicken, war alles vorbei, und alles gewalthafte Denken und Vorstellen half nicht mehr. Dazu auf der anderen Seite die finsteren Schatten, die inzwischen einen Teil in seiner Brust eingenommen hatten, die mit ihm sprachen, zu ihm flüsterten. Es verunsicherte ihn. Vielleicht würde er einen gewagten Schritt tun und die Einzige zu Rate ziehen müssen, der er ansatzweise vertrauen konnte – aber diese Entscheidung war auf einen anderen Tag zu legen.
Ein knappes Gähnen beschied ihm, dass alle magische Macht ihn nicht vor den Grundbedürfnissen der Menschheit bewahrte. Er erhob sich aus dem Wasser, das sich daraufhin in Sturzbächen von seinem Körper zurück ins Becken ergoss. Ein Schritt hinaus auf den trockenen Steinboden, ein knapper Wink mit der linken Hand – nur ein Handzeichen, das einen magischen Eingriff begleitete, woraufhin die Lichter im Raum gehorsam erloschen. Noch ein weiterer kleiner Vorteil seines Daseins als Magier, stellte Pavel zum wiederholten Male zufrieden fest – man brauchte sich nicht abtrocknen, reichte es doch vollkommen aus, einfach das Wasser zu vertreiben. Zwei weitere Schritte, dann öffnete er die schwere dunkle Eisentür, die in das Badezimmer führte, mit einem leisen Quietschen und trat hinaus auf den Gang. Gehüllt in das schattengleiche, schwarze Gewand der Arkorither.
Verfasst: Donnerstag 10. September 2009, 14:30
von Pavel Istor
Alleine schon die Erinnerung an die vergangenen Stunden trieb Pavel wieder Schweißtropfen auf die Stirn und unwillkürlich wurde er von einem erneuten Anfall eines kräftigen, ungesund klingenden Hustens durchgeschüttelt. Irgendwie, so durchzuckte ihn ein kurzer Gedanke, würde es nicht mehr lange dauern, bis er sich das Herz selbst heraus husten würde. Mit jeder ungewollten Bewegung, die sein Rachen durchleben musste, durchfuhr ihn blitzartig der Schmerz wie eine grausame Folter. Seine Brust fühlte sich an wie ein schwerer Stein, ein verharzter Klumpen, sein Hals war entzündet und das Geräusch seines Atems glich dem Rasseln einer Kette.
Doch obwohl er durchaus bemerkt hatte, wie sich seine Gesundheit von Stunde zu Stunde verschlechterte, hatte er die Anzeichen ignoriert. Es gab so vieles, das er zu erledigen hatte, das keinen Aufschub duldete! In seiner Kammer, dem höchsten Raum der Ordensburg, türmten sich inzwischen die alten Schriften, die er von Isabella, der Ordensbibliothekarin, beschaffen hatte lassen, um daraus Hinweise und Erleichterungen für das anstehende Ritual zu filtern. Von den wenigen mächtigen Magiern, die dem Orden verblieben waren, hatte er sich als einziger noch ganz den alten Aufzeichnungen längst vergessener Tage verschrieben – seine Elegida wusste mit Sicherheit um die Bedeutung des Vergangenen, schien den Umgang mit verstaubten Schriften jedoch trotzdem zu meiden. Und Cetus – schon allein die Vorstellung, diesen Magier in einem Berg aus Büchern sitzen zu sehen, barg eine gewisse Komik in sich. So nutzte eben Pavel die nächtlichen Stunden, um bei schwachem Feuerschein Aufzeichnungen und Berichte über unbrauchbare Rituale, längst überholte Vorstellungen und allerlei Humbug durch zu wälzen. Irgendwann würde er auf etwas stoßen, da war er sich sicher, es war nur eine Frage der Zeit – und genau die hatte er nicht.
Aber nicht nur das Ritual forderte seine ganze Aufmerksamkeit. Mit Tamael und Filora hatte der Orden zwei vielversprechende Schüler, die schon bald genug Kenntnisse in den magischen Künsten besitzen würden, um so manch einfältigen Anhänger der Grafschaft das Fürchten zu lehren. Die Ausbildung neuer Schwarzmagier war ein diffiziles Unterfangen, für das ihm manchmal die Geduld ein wenig fehlte – soviel ungenutztes Potential, das es einfach zu nutzen galt, und doch musste man ihnen Schritt für Schritt selbst die einfachsten Dinge erklären. Dabei war gerade die jetzige Phase ihres Studiums so ungemein wichtig, denn noch waren sie jung, unerfahren und zu formen. Später, wenn sie ihren Weg gefunden haben würden, würden andere Mittel erforderlich werden.
Und während er all das und noch einige andere Dinge also zu erledigen hatte und sich deshalb schon kaum mehr als einige wenige Stunden in jeder Nacht gönnte, genau da wurde er also krank. Nicht einfach krank – sein Zustand verschlechterte sich so rasant, dass zuletzt nicht einmal seine eiserne Disziplin und sein Ehrgeiz mehr über den Schmerz gebieten konnten. Mehr als einmal verlor er gar die Kontrolle über seinen Körper, seine Glieder wurden schwächer und ein oder zweimal wurde ihm ohne ersichtlichen Grund schwarz vor Augen. Für einen normalen Menschen mochte dies schon ein beängstigender Zustand sein – wobei ein normaler Mensch sich vielleicht nicht so lange unter derartigen Symptomen an die Arbeit gequält hätte. Zuletzt aber musste sich Pavel eingestehen, dass er sich selbst und den Orden in Gefahr brachte – in seinem Zustand hätte es nicht viel gebraucht und selbst die Schüler wären in der Lage gewesen, ihn aus dem Weg zu räumen.
Nun lag er auf einer Krankenliege fernab der Ordensburg, in einem Heilerhaus der Schwesternschaft. Welch Ironie des Schicksals! Als der fahrende Händler Meron, den er schon so manches Mal gemimt hatte, hatte er sich auf die sumpfige Insel nahe des ehemaligen Tirell begeben. Und offenbar hatte sein Gefühl ihn nicht betrogen, was seinen eigenen Gesundheitszustand anbelangte – als die Frau ihn einer gründlichen Untersuchung unterzogen hatte, stand ihr Urteil fest: Lungenpest. Nicht mehr lange, und ihrer Einschätzung nach hätte er angefangen, Blut zu spucken – wohlweislich verschwieg er, dass es dazu wohl schon lange gekommen wäre, hätte er nicht auf magische Weise versucht, sein Leiden zu vermindern. Doch hier offenbarte sich ihm eine deutliche Grenze – er mochte in der Lage sein, Wunden zu schließen, doch eine Krankheit aus seinem eigenen Körper vermochte er nicht zu beseitigen. Diese Erkenntnis machte ihn zornig, und dieses Gefühl, das es herunter zu schlucken galt, war seinem Heilungsprozess nicht unbedingt förderlich. Drei, vielleicht fünf Tage, sagte sie, dann wäre es mit ihm vorbei gewesen. Drei oder fünf Tage – ein Glück, so dachte er mit einem grimmigen Lächeln, das alles andere als glücklich wirkte, dass die anderen Arkorither ihn nicht so gesehen hatten. Noch ein wenig länger, und der Meister hätte sich kampflos dem Tode ergeben.
Vollkommen widerstandslos gab er sich der Behandlung durch seine Retterin hin. Das mochte zum einen daran liegen, dass ihm trotz seines Zustandes sehr wohl bewusst war, dass diese Gemeinschaft sich bereits unter Beobachtung der Arkorither befand. Normalerweise hätte ihm das Wort Cetus‘ vermutlich nicht ausgereicht, sich selbst derart einer Person auszuliefern, aber jetzt, da er sich kaum noch aufrecht halten konnte, vertrieb der Gedanke daran den Argwohn. Und war es nicht eine wunderbare Gelegenheit, ein paar eigene Erkundigungen einzuziehen? Diese Idee verschwamm jedoch recht schnell wieder in einem kratzigen Hustenanfall und dem Schwindelgefühl, das sich daraufhin seiner bemächtigte. Ja, zuletzt war es einfach nur sein Zustand, der ihn zumindest äußerlich wieder zu einem normalen Menschen werden ließ – einem, der sich den Weisungen der Heilerin widerstandslos ergab und ihre ekelhaft bittere Medizin trank, sogar ihr Kümmern erduldete – alles ertrug, nur um wieder zu gesunden.
Irgendwann, ermüdet durch den Kampf, in dem die Medizin gegen den Teufel in seiner Brust antrat, und den warmen Tee, mit dem sie ihn versorgt hatte, sank sein Kopf zurück auf die Liege und er schlief ein. All die Aufgaben, denen er sich widmen musste, die Sorge, sich so wehrlos einer Fremden auszuliefern – mit einem Mal war all das nicht mehr wichtig. Er musste nur noch schlafen. Und er schlief. Ruhiger, sicherer, als er das jemals in den Mauern der Ordensburg geschafft hatte. Nur einmal, mitten in der Nacht, erwachte er ruckartig, und sah sich mit ermattetem Blick um. Die Dunkelheit hatte auch in diesem Teil Gerimors Einzug gehalten, der Mond leuchtete schwach durch die Fenster und zeichnete geheimnisvolle Schatten auf den Boden. Die Schatten hier waren so anders als jene zuhause, stellte Pavel beiläufig und durch den Nebel der Müdigkeit fest. Dennoch glaubte er das leise Flüstern vernehmen zu können, als er sich wieder hinlegte. Und beunruhigt stellte er mit einem letzten wachen Gedanken fest, dass die Stimmen zornig klangen.
Verfasst: Donnerstag 10. September 2009, 23:43
von Nuria Mondin
Nachdem der Händler fort war und sie eher mechanisch ihre Tränke weiter mischte, wanderten ihre Gedanken zurück. Irgend etwas war faul. Politisches Interesse, in der Ausgeprägtheit? Eine derart starke Bindung zum Schatten? Diese ausgeprägte Neugierde gegenüber ihren Ansichten und der Schwesternschaft? Das roch ganz gewaltig faul. Wenn jener Mann nur mit Äpfeln und Birnen handelte - ja, dann würde sie gleich den Inhalt einer ganzen Besenkammer zum Frühstück essen. Sie hoffte, dass er sein Versprechen wahrmachen würde, noch einmal zum Tee zu kommen - dem würde sie weiter auf den Zahn fühlen. Wer auch immer dieser Mensch war - Geheimnisse, so viel wusste sie aus Erfahrung, brachten stets interessante Erkenntnisse mit sich. Und ihre laut geäußerten, indirekten Zweifel seiner Identität - hatte er nicht bestritten. Sie hatte ins Schwarze getroffen.
Verfasst: Freitag 11. September 2009, 01:54
von Pavel Istor
“Im Grunde unterscheiden wir drei Kategorien von Kreaturen. Wem von euch fallen noch welche ein?“ Mit der üblichen Gelassenheit und einer ausdruckslosen Miene saß Pavel endlich wieder an seinem gewohnten Platz, am Kopfende des großen, runenverzierten Tisches, an dem seit längster Zeit junge Männer und Frauen in die Künste der schwarzen Magie eingeweiht wurden. Eine Stunde über die Einteilung der Kreaturen Alathairs stand an und die Schüler taten ihr Bestes, seinen Fragen gerecht zu werden. Doch obwohl er sich redlich bemühte, ihren Wissensdurst zu stillen und ihnen die Grundlagen so verständlich wie möglich nahezubringen, dieses Mal waren seine Gedanken nicht bei der Sache.
Da war zunächst die leidige Geschichte seiner kranken Lunge. Innerlich ärgerte er sich noch immer – einen vollen Tag hatte er in der windigen Holzhütte dieser Frau verbracht, schlafend und außer Gefecht gesetzt. So ganz sicher war er sich dabei nicht, wem sein Zorn eigentlich galt. Der Krankheit, weil sie ihn seiner Kräfte beraubt und ihn fast in den Tod getrieben hatte? Oder sich selbst, weil er wieder einmal zu gierig gewesen war, weil er seine Gesundheit missachtet hatte, um einen Erfolg zu erzielen? Oder gar gegen diese Frau, weil sie so allem widersprach, was er sich zu Recht gelegt hatte? Tatsächlich war es wohl eine gesunde Mischung aus allem, die seinen Grimm nährte und seine Laune verschlechterte.
Als er vor einigen Stunden noch auf der Krankenliege aufgewacht war, musste er nur einen kurzen Blick aus dem Fenster werfen, um zu wissen, dass die besten Stunden des Tages schon an ihm vorbei gezogen waren. Es blieb ihm jedoch gar nicht die Zeit, sich Gedanken über seinen langen Schlaf zu machen – dabei waren seine misstrauischen Sinne sofort angeschlagen. Hatte sie ihn womöglich betäubt? Was war in diesem bitteren Zeug gewesen, das sie Medizin genannt hatte? Oder hatte sich sein Körper zuletzt doch das zurück geholt, was er ihm schon seit Monaten geraubt hatte – eine gesunde Mütze Schlaf? Es blieb keine Zeit für eine gründliche Analyse, denn kaum dass er sich ein wenig geregt hatte, wurde sie auch schon auf ihn aufmerksam. Seltsam, er hatte sie gar nicht bemerkt.
Als er wenig später aufrecht auf der Liege saß und das von ihr gereichte Frühstück verzehrte – sie hatte ihm neben zwei Krügen mit frischem Wasser auch ein Stück Brot und eine Schüssel mit warmer Suppe überlassen – fühlte er sich jedoch schon wesentlich besser. Zwar war ihm bewusst – und auch seine Verfassung ließ ein Leugnen noch nicht zu – dass der Kampf in seinem Inneren noch nicht vollständig ausgestanden war, aber er war dem Tod wohl doch in letzter Sekunde von der Schippe gesprungen. Diese Vorstellung machte ihm tief in seinem Inneren eine unglaubliche Angst. Irgendwann, nachdem er sein altes Leben als Bauernsohn abgelegt und sein Studium der dunklen Künste begonnen hatte, war ihm sein eigenes Leben unverrückbar vorgekommen, als gäbe es Nichts, das ihn vorzeitig ins Grab schicken könnte. Welches Schwert, welcher Bogen konnte der Kraft der Magie überlegen sein? Und als er sein magisches Studium absolviert hatte und in alle Künste eingeweiht worden war, als sie es wagten, die Maestra zu stürzen – in jenem Moment, als er ihren Kopf mit diesem überraschten und enttäuschten Blick in der Eingangshalle der Arkoritherburg aufgespießt hatte – da fühlte er sich der Unsterblichkeit plötzlich so nahe. Wer konnte ihm nun noch gefährlich werden, wo er doch jeden im Auge behielt und zugleich seine eigenen Fertigkeiten mit präziser und perfektionistischer Akribie verfeinerte? Dann trat ein Feind auf den Plan, den er nicht berechnet hatte – und der ihn so ruckartig zurück auf den Boden der Tatsachen holte, dass ihm allein beim Gedanken daran wieder schlecht zu werden drohte.
Doch auch für diese trüben Gedanken blieb ihm in diesem Moment kein Raum. Die Frau, die er insgeheim etwa auf sein eigenes Alter schätzte, hatte sich im Schneidersitz neben ihm auf den Boden gesetzt und eine kleine Konversation mit ihm begonnen. Wer er sei, woher er käme, dass er sich eine solche Pest zugezogen habe. Welche Rolle er spielen würde, hatte er schon beschlossen, als er noch halbtot in der Ordensburg sein Schreiben aufgesetzt hatte – er war Meron Ackerbusch, ein reisender Händler, der soeben von einer Handelsreise durch das Fischerdorf Bajard und durch Rahal zurückkehren wollte, als ihn die Krankheit erwischte. Keine ganze Lüge, denn wirklich hatte er sich durch beide Städte bewegt – und irgendwie beruhigte ihn das. Es bereitete ihm schon lange keine Schwierigkeiten mehr, Leute gewissenlos anzulügen, um sein eigenes Ich zu verstellen, aber dieser Frau schuldete er trotz allem sein Leben. Er würde sie mit Verachtung strafen wie alle anderen. Aber vorher sollte sie ein kleines Gespräch bekommen.
“Das nächste Mal solltest du im Unterricht etwas besser zuhören, Constantin, auch wenn er nicht ausschließlich für euch bestimmt ist. Aber deine beiden Nennungen waren richtig – neben den natürlichen und magischen Kreaturen gibt es weiterhin noch die untoten.“ Wenn diese kleinen Schüler nur gewusst hätten, was für ein Glück sie hatten, ihn noch lebendig anzutreffen. Aber auch das wurde von einem grimmigen, wenn auch zugleich amüsierten Gedanken abgelöst, denn sein Versterben hätte sie unter Garantie auch nicht weiter erschüttert. Milyen hätte die Macht an sich gerissen, ohne Valterian auch nur den Hauch einer Chance zu lassen, dessen war er sich sicher. Und er wäre in Vergessenheit geraten. Nun, das hatte er ihnen versalzen. Vorerst.
Das Gespräch mit der Heilerin jedoch, das sich einige Stunden zuvor zutrug, beschritt durchaus absonderliche Wege. Sie schien gerne und viel von sich zu erzählen, von ihren Patienten und Kunden aus der Pantherstadt und den Freunden, die sie dort hatte, von ihren Vermutungen und Einschätzungen zur aktuellen politischen Lage dort und welche Wünsche sie insgeheim – oder vielleicht auch etwas offener – hegte. Er war schon viel zu tief in eine religiöse Diskussion vertieft gewesen, als Pavel merkte, dass er sich verrannt hatte. Niemals würde sie einem einfachen Wanderhändler abnehmen, dass er sich aus reinem Interesse für die politische Situation der Pantherstadt einsetzen würde. Die Wege, die das Gespräch weiter beschritt, waren zu spannend, als dass er für einen halbherzigen Rettungsversuch, der unter Garantie scheitern würde, weitere Worte riskiert hätte. Als er letztlich aufbrach, um sich zurück zur Ordensburg aufzumachen, bestätigte sie seine Vermutung zudem – sie hatte seine Rolle durchschaut. Eine kluge Frau. Vielleicht war Valterians Einschätzung nicht so falsch gewesen, wie er es zunächst vermutet hatte. Als er die Tür zu der Holzhütte hinter sich zuzog, war sein Entschluss bereits gefallen. Er würde zum ersten Mal seine Maske fallen lassen. Um sie durch eine andere zu ersetzen.
Wirklich bewusst wurde Pavel der Unterricht erst wieder, als sich der junge Studiosus Constantin über eine Aufgabenstellung brüskierte, die wirklich mehr als unschaffbar war. Er sollte als der jämmerliche Magier, der er noch war, binnen eines Tages die Stärken und Schwächen zweier natürlicher Kreaturen untersuchen, ihren Lebensraum zu benennen wissen und die Donarien und Paraphernalien benennen können, die dazu gehörten. Natürlich war ein umfangreiches Studium solcher Kreaturen in so kurzer Zeit nicht zu schaffen – zumindest nicht für so junge und unerfahrene Ordensmitglieder. Insgeheim riss ihn der leise Widerstand des Schülers in einen inneren Konflikt. Er war nicht bereit, einen Einwand dieses neunmalklugen Schülers zu akzeptieren, der ihn gar zu sehr an sich selbst erinnerte, an den Leistungsdrang, mit dem er selbst noch seine Arbeiten zu erledigen versucht hatte. Und er hatte ein tiefes Vergnügen daran zu sehen, dass er nun an seine Grenzen gestoßen war und bemerken musste, dass er noch unzureichend war. Vielleicht war der Ausbruch, mit dem er das Aufbegehren quittierte, auch immer noch ein Rückbleibsel der vergangenen Stunden und seiner immer noch nicht endgültig abgeschlossenen Genesung. Vielleicht lag es auch daran, dass er begonnen hatte, sich der Elegida zu nähern – auf eine Weise, die er nicht duldete. Und gegen die er nichts unternehmen konnte, ohne seine Würde vollkommen aufzureiben. Stück für Stück wurde ihm bewusst, dass er die Aufmerksamkeit seiner rechten Hand nicht teilen mochte, nicht mit einem Mann, den er selbst noch mit der magischen Kraft seines kleinen Fingers vernichtet hätte. Vermutlich wurde er langsam wirklich verrückt, wenn er seine Gedanken mit solch unnützen Gefühlen belud. Verärgert schluckte er seinen Groll herunter. Gleichzeitig meldete sich eine Stimme in seinem Inneren, die ihn an seine Pflicht dem Orden – seinem Orden – gegenüber erinnerte. Der Schüler hatte eine Grenze erkannt, die er nicht überschreiten konnte, und damit war erreicht, was er erreichen wollte. Alles andere war das Geplänkel eines Menschen, der sich in Schwäche suhlte. Und wenn für eines unter den Arkorithern kein Platz war, dann war es Schwäche.
Zuletzt noch ein Gespräch mit der Elegida selbst. Sorgen würde sie sich um ihn machen wegen seiner gegenwärtigen gesundheitlichen Verfassung, da ihr auch zwei Tage zuvor nicht entgangen war, wie er im Badezimmer einem Schwächeanfall erlegen war. Sie hatte gewusst, wie es um ihn bestellt war, doch ihr Dolch ruhte immer noch in seiner Scheide und steckte nicht im Rücken des Meisters. Erst jetzt, Stunden nach ihrem Gespräch, fiel ihm wirklich auf, welchen Vertrauensbeweis sie ihm geliefert hatte. Sie hielt ihm den Rücken frei, kümmerte sich mit Valterian um ein Ärgernis, das er selbst aus den Augen verloren hatte und hielt den Orden mit eiserner Hand zusammen. Das Temperament, das sie zu entwickeln begann, mochte vielleicht manchen Schaden anrichten – aber es würde nichts passieren, das er nicht wieder richten könnte. Vielleicht, ja vielleicht war in den Mauern dieser Burg doch mehr Zusammenhalt zu finden, als die lange Zeit nach der Ermordung der Sylvana offenbart hatte. Welch seltsame Tage, in denen sich so vieles für Pavel zu drehen schien. Für einen Mann, in dessen Welt nicht Frauen, sondern Männer die Macht in der Hand hielten und in der selbst die mächtigste aller Frauen zuletzt durch seine Hand – und zugegeben die mancher anderer – fiel und wieder einem Mann Platz machte. Und nun sah er sich zwei Frauen gegenüber, die das lange gehegte Bild zertrümmerten. Eine Frau, die ihm das Leben rettete, und eine, die ihm das Leben bewahrte. Der hölzerne Stuhl, in den sich Pavel vor eine flackernde Feuerschale setzte, knarzte leise. Nachdenklich legte er eine Hand ans Kinn und starrte in die Flammen, als wüssten sie eine Antwort auf seine vielen Fragen und Probleme.
Später in der Nacht erlosch das Feuer durch einen ruckartigen Windstoß und dunkle Schwärze machte sich in der Kammer breit. Es war keine gewöhnliche Dunkelheit, wie sie einfach von der Nacht herrührte, sondern auf seltsame Weise wirkte sie lebendig, als besäße sie einen ganz eigenen Geist. Und Pavel, der von alldem nichts mehr mitbekam, weil er in seinem Stuhl eingeschlafen war, vernahm leise in seinen Träumen ihre Stimmen, ihr Flüstern. Dann erlebte er wieder und immer wieder einen altbekannten Traum – und er ritt durch den Wald, von Angst gepeinigt, bis sie ihn fangen würden.