Das Erbe Alatars - Irgendwo im Nirgendwo

Antworten
Tluth´Xarlor

Das Erbe Alatars - Irgendwo im Nirgendwo

Beitrag von Tluth´Xarlor »

“Auch Rhad’il musste sich bereits seinen Prüfungen stellen.”

Die Worte der Lethry Lys’Xaera hallten in seinem Kopf nach. Er sah ihr nicht hinterher als sie verschwand, aber er hörte ihre Schritte nach und nach in der Finsternis verklingen. Stille senkte sich über den Ort abseits von Leth’Axorn. Dies war nun sein Kampf. Er näherte sich Stück für Stück dem Altarblock am Ende des Raumes. Dort angekommen hielt er inne und betrachtete das erste Mal seit langer Zeit wieder eingehend das Spiel der tänzelnden Flammen. Vor ihm lag ein Bruchstück Mael’Rayats. Das Relikt aus einer längst vergessenen Zeit. Einer Zeit, als es den Anhängern des Befreiers möglich war nach Nileth Azur zu reisen und unaussprechliche Pfade jenseits der Realität zu beschreiten. Mael’Rayat, der Prüfer, das gnadenlos observierende Auge des Herrn. Rhad’il hatte vor ihm versagt und Versagen war in dieser Welt ein Fremdwort. Der Dämon Furmas fiel der Flamme zum Opfer, wurde ein Teil von ihr. Der Lethyr Syrr’ael, als auch die Lethry Lys’Xaera, gerieten in ihren säuselnden Bann und auch er selbst war dagegen nicht gefeit gewesen. Würde er ihr abermals erliegen?
Entschlossen überwand er die letzte Distanz, die ihn zum Altar trennte. Er musste sich den Prüfungen der läuternden Flamme stellen, allein um die Gewissheit zu haben, dass das Volk der Auserwählten noch immer auf dem richtigen Weg war.
“Welche Geheimnisse trägst du in dir?”
Seine Stimme klang seltsam fahl in dem weitläufigen Raum wider und verlor sich in der Schwärze jenseits des giftgrünen Leuchtens.
Als wären seine Worte ein Zeichen gewesen, loderte die Flamme stärker auf und in seinem Kopf begann eine dämonische Stimme zu wispern.
“Wer bist du?”
Obwohl er wusste, dass es keinen Unterschied machen würde, denn die Flamme las mühelos seine Gedanken, sprach er die folgenden Worte aus.
“Tluth’Xarlor, Lethrixor der Lethyren, Waffenmeister Leth’Axorns.”
Augenblicke verstrichen, ehe eine machtvolle Stimme erklang und als brachial verstärktes Echo in der weitläufigen Kammer tobte. “WAS WILLST DU?”
Der Lethrixor wurde leicht in die Knie gezwungen, hielt den Blick aber starr auf die Flamme gerichtet.
“Ich bin hier um mich unter den Augen Alatars zu beweisen. Ich möchte, dass der Befreier meinen Hass erkennt, meinen Willen fühlt jedwedes Leben zu unterwerfen, selbst unter dem Einsatz meiner eigenen Existenz.”
Wieder herrschte Stille. Dann ertönte in seinem Schädel ein abgrundtief boshaftes Lachen.
“Denkst du, du bist dafür bereit? Vielleicht solltest du gar nicht hier sein. Kennst du deine eigenen Schwächen?“
Zischelnd sog er die Luft der Kammer ein. Seine Nasenflügel erzitterten heftig, während er gedehnt antwortete.
“Ich dulde keine Schwäche. Nur ein Relikt aus alten Zeiten, das ausgemerzt gehört. Mein Leben dient allein dem Krieg des Befreiers und egal ob Mann, Frau oder Sprössling - seine Feinde werden den Tod unter unseren Klingen finden. Wir haben keine Schwächen.”
Doch gerade als die letzten Worte über seine nachtblauen Lippen kamen, schoss ein Gedanke durch seinen Kopf. Nur kurz, kaum greifbar und doch unheimlich intensiv.
- Ich sollte umkehren. Ich bin falsch an diesem Ort -
Und während er versuchte diesen Gedanken einzuordnen, machte er bereits einen Schritt nach hinten.
“Nein. Ich werde nicht zurück weichen!”
Krampfhaft stemmte er sich gegen die unheimliche Macht, die von seinen Gedanken, seinem Körper Besitz ergriff. Es gelang ihm, zumindest kurzfristig.
Schwer atmend verharrte er vor dem Altar, dann löste er die kunstvoll gearbeitete Pantherklaue von seinem Waffengurt.
“Wenn es dein Wille ist … ich kehre nicht zurück, ich versage nicht. Ich beende meine Existenz hier und jetzt, wenn ich Vater nicht mehr dienen kann als bisher. Nur Fleisch und Knochen in einer Rüstung. Ersetzbar.”
Erneut ertönte ein gehässiges Kichern in seinem Kopf und fegte seine eigenen Gedanken beiseite.
“Tu es Lethrixor, worauf wartest du?”
Ohne sein zutun, ohne dass er die Bewegung überhaupt selbst steuern konnte, sah er wie er selbst die Pantherklaue gegen sich richtete.
Er bemühte sich die Flamme nicht aus den Augen zu lassen, fixierte sie erneut mit lauerndem Blick. Ein Ruck ging durch die Welt. Urplötzlich wusste er nicht mehr, was Wirklichkeit, was Illusion der Flamme war. Er spürte keinen Schmerz, sah aber aus den Augenwinkeln wie er sich die eigene Pantherklaue in den Leib rammte. Dann folgte eine allumfassende Dunkelheit.


[img]http://img31.imageshack.us/img31/4572/alathraxor.jpg[/img]
Zuletzt geändert von Tluth´Xarlor am Freitag 10. Juli 2009, 00:18, insgesamt 2-mal geändert.
Tluth´Xarlor

Beitrag von Tluth´Xarlor »

Als sich die Finsternis lichtete erkannte er, dass er nicht mehr am selben Ort war.
Er befand sich einer trichterförmigen Höhlenlandschaft, die von gläsernen Säulenreihen umgeben war. Auch hier herrschte diffuses, giftgrünes Licht, das auch keiner bestimmbaren Quelle zu kommen schien.
Er fühlte nichts. Er hörte nichts. Wie war er hierhin gelangt?
Dieser Ort hätte ihn gestört, wäre er in der Lage gewesen eine Emotion zu empfinden. Sein Hass, wo war sein Hass?
Als wäre dies ein Stichwort gewesen, brach eine ungeahnte Welle gnadenlosen Zorns über ihn herein. Er wollte zerreißen, töten, vernichten und konnte nichts von alledem. Immer weiter steigerte sich seine Raserei und brach schließlich in einem gutturalen Schrei aus ihm heraus.
“Alaaaaaaataaaaaaaar” - Es war der Name des Befreiers, den er als letztes in Erinnerung gehabt hatte.
Sein Schrei wuchs an, durchsetzt von aufschäumender Disharmonie, und hallte von unsichtbaren Wänden wider. Ein brachiales Konzert der Vernichtung. So brüllte er seinen Hass auf alles Lebende hinaus, unfähig dies zu unterbinden. Dann kam der Schmerz. Binnen Augenblicken gesellte sich blinde Agonie hinzu, die ihn beinahe in den Wahnsinn trieb. Hass und Pein gaben einander die Hände und sein Schrei wurde immer höher, qualvoller und zugleich disharmonischer denn je.
Kontrolle, er musste die Kontrolle zurückerlangen. Dieser Gedanke blitzte kurz in ihm auf. Zunächst nur ein Funken im Nichts, fasste er nach und nach den Willen die Gewalt über seinen Körper, seinen Geist, oder was auch immer von ihm an diesem Ort war, wieder selbst auszuüben.
Es gelang ihm. Nach und nach kämpfte er die blinde Raserei nieder und auch der Schmerz ließ nach.
Er musste fort von diesem Ort, zurückkehren nach Leth'Axorn. Noch besaß er einen Leib, wie er mit einem Blick an sich herab feststellte. Nur ein Schritt, nur ein einziger Schritt. Er tat ihn, seltsam leicht, als hätte der Gedanke bereits seine Gliedmaßen in Bewegung gesetzt. Die Höhle begann zu verblassen. Erneut senkte sich absolute Dunkelheit wie ein Leichentuch über ihn und umgab ihn wie zähflüssiger Schlamm.
Nichts. Dann sah er einen Tunnel vor sich erscheinen. Pulsierend, wieder in krankwirkendes grünes Licht getaucht. Die Farbe Mael'Rayats.
Tluth´Xarlor

Beitrag von Tluth´Xarlor »

Er trat aus den Schatten hinaus in eine düstere Tunnellandschaft. Links und rechts zweigten Gänge ab, vor ihm führte eine steile Treppe in lichtlose Tiefen. Die Höhlendecke war verschwunden, dafür glaubte er Sterne in weiter Ferne zu erkennen, leblose Himmelskörper in schrundigen, rostroten Farbtönen.
Ein lang gezogener, gequälter Schrei ertönte irgendwo vor ihm, schriller werdend, ehe er abrupt abbrach. Er war sich sicher, dass dies eine Sphäre Alatars war, wenn nicht gar etwas weitaus boshafteres. Urplötzlich ertönte die gleiche Stimme in seinen Gedanken, die er bereits im Tempel Mael’Rayats vernommen hatte.
“Wir warten auf dich.”
Rasch löste er die geschwungene Pantherklaue von seinem Waffengurt und schritt in Richtung der Treppe. Er kam nicht weit. Ein Zischeln ertönte und wie aus dem Nichts bildete sich vor ihm die Gestalt eines Giftelementars. Der Kampf begann augenblicklich. Diamantstahl traf auf giftiges Plasma, durchtrennte entstehende Gliedmaßen. Die angeborenen Fähigkeiten seines Volkes schützten ihn. Gift, gleich in welcher Form, war kein Gegner für ihn. Als das Elementarwesen fiel, fühlte er den Instinkt des schwarzen Jägers in sich erwachen. Etwas starb, aber etwas neues kam hinzu. Raserei, bestärkt durch eine unbekannte Quelle, suchte erneut ihren Weg in seinen Geist und fand Befriedigung in seiner Waffenhand. Rasch schritt er die Stufen hinab und gelangte nach Ewigkeiten in einen deutlich breiteren Gang. Der Angriff kam erneut unvorbereitet. Wie aus dem Nichts schälten sich die Gestalten zweier unsagbarer Kreaturen aus den Wänden heraus. Der Befreier wollte Blut und Gedärme auf einem Silbertablett, der Jäger in ihm wollte das nicht minder und seine Klinge forderte Genugtuung. Mit jedem Hieb und jedem Schwall schwarzen Lebenssaftes, der seinen Körper von oben bis unten besudelte, begann etwas unbekanntes in ihm zu zerbrechen. Eine Emotion aus längst vergessenen Zeiten, hier wie auf einem Totenbett das erste und letzte mal zum Vorschein gebracht. Mitleid. Es sollte in diesem Labyrinth sterben und nie wiederkehren. Seine Gegner waren nicht allesamt kampfbereit. Er schlachtete selbst wehrlose, verkrüppelte Kreaturen und labte sich an ihren Schreien. Bald waren viele der abgehenden Schächte mit Leichen oder Sterbenden übersäht. Alatars auserwählter Krieger kannte keine Gnade und äffte die winselnden Geräusche davon kriechender Feinde nach, ehe er auch sie ermordete. Dann war er allein.
Schwer atmend folgte er dem ursprünglichen Gang, der nach einigen Krümmungen in eine weite Halle führte. In die Wände waren Bilder eingelassen. Zeichen des Vaters, pervertierte Adler, Erzählungen von vergangenen und kommenden Schlachten. Er bewegte sich auf einen Sockel zu, auf dem ein schweres Buch ruhte. Gerade als er die Hände nach dem Buchdeckel ausstrecken wollte, flammte am anderen Ende der Halle ein Licht auf. Eine Gestalt bewegte sich, angestrahlt durch die Lichtquelle, auf ihn zu. Auch er ging auf den Fremden zu, doch als nur noch wenige Schritte Abstand zwischen ihnen waren, hielten beide wie auf ein stummes Kommando hin inne. Er musterte sein Gegenüber aus geschlitzten Augen. Noch immer spürte er den Drang zu vernichten, doch dies war kein Feind. Noch nicht. Ein Lethrixor stand vor ihm, wenngleich er als solcher nur noch an dem verblassten Runenmal auf seiner Wange auszumachen war. Die Haut des uralt erscheinenden Letharen war fast weißlich und durchscheinend. Hier und dort blätterte das Fleisch bereits von seinen Knochen ab. Allein die Augen waren voller Leben und funkelten ihn lauernd an.
“Warum bist du hier Lethrixor?”
Er sprach die Kreatur bewusst mit ihrem Rang an, dann harrte er der Dinge die da kommen sollten.
“Ich bin hier weil du hier bist. Wir haben auf dich gewartet. Warum bist du hier Tluth’Xarlor?”
Die Antwort kam prompt, ohnehin fehlte ihm die Geduld sich auf Spielchen einzulassen.
“Um den Rückweg zu finden, den Weg nach Leth’Axorn. Dieses Labyrinth kann nicht mein Schicksal sein.”

Ein krächzendes Lachen folgte, das aber nach Sekunden verhallte.
“Es ist dein Schicksal. Aber wisse folgendes: Treppen führen auf und nieder, da wo fester Stein scheint ist ein Durchgang und wo ein Durchgang scheint das Nichts. Doch um diesen Weg zu gehen, musst du erkennen warum du hier bist.”
Die Gestalt deutete mit einem Nicken auf das nahe Buch.
“In diesem fehlt etwas, das dort sein sollte, etwas das dich leiten soll.”
Tluth’Xarlor hielt einen Moment lang inne, abschätzend ob der andere die Wahrheit sagte. Ein Buch, lächerlich. Ein Schriftstück, das in den Flammen der Apokalypse vergehen würde.
Dennoch wandte er sich zur Seite, schritt auf den Sockel zu und klappte den Buchdeckel auf. Sofort sprangen ihm drei Wörter in der unheilvollen Runenschrift des Letharenvolkes ins Auge.

Der Wille
Die Kraft
Die Macht


Dies waren Eigenschaften, die ein jeder Lethrixor vorzuweisen hatte. Der Wille jedwedes Leben zu unterwerfen, die Kraft diesen Willen gnadenlos umzusetzen, und die daraus resultierende Macht über die verfaulende Welt an der Oberfläche. Was fehlte?
Tluth´Xarlor

Beitrag von Tluth´Xarlor »

Der Pfad der Verderbnis lag vor ihm. Viele Wege führten hinein, nur wenige wieder heraus. Seit er in die Fänge Mael'Rayats geraten war, fehlte ihm vor allem eines - Kontrolle. Er war ein zielloser Wanderer in den Sphären Alatars. Eine Prüfung seines Geistes, seiner Willenskraft lag vor ihm. Wahnsinn lauerte hinter jeder Gangbiegung und je tiefer er in das ihm unbekannte Reich vordrang, umso mehr geriet er in den Bann der Raserei. Bald würde sein Blutdurst nicht mehr zu stillen sein und er würde für alle Ewigkeiten zu einem Teil Mael'Rayats werden.
Er musste die Kontrolle über seinen Geist zurück gewinnen, die Mauern dieser Welt als eigens aufgestellte Barrieren betrachten. Seine Vermutungen teilte er dem Lethrixor mit.
"Allein Kontrolle ist es was du willst? Kontrolle über dich selbst? Du wirst sie vielleicht nie finden." Ein schrilles, hyänengleiches Geheul ertönte in weiter Ferne. Es wurde Zeit, seine Gegner kamen erneut zusammen.
"Nicht allein über mich ... es wird Zeit die Armee des Herrn anzuweisen in den Krieg der Vernichtung zu ziehen. Niemand wird ihn überleben, das ist unsere Bestimmung."
Ein boshaftes Lächeln glitt über die Lippen des uralten Lethrixors. Dann begann seine Gestalt zu verblassen.
Plötzlich ertönten erneut Schreie in der Finsternis, dazu gesellten sich schabende Geräusche, wie von Krallen die über nackten Stein gewetzt wurden. Seine Zeit lief ihm davon. Rasch verließ er die Halle und bog in einen niedrigen Seitengang ein. Bestialischer Gestank schlug ihm entgegen und nach wenigen Schritten fand seine blutbesudelte Pantherklaue erneut ein Opfer. Die Raserei in ihm begann erneut die Oberhand zu gewinnen und diesmal würde er zu ihrem Sklaven werden.
Treppen führen auf und nieder, da wo fester Stein scheint ist ein Durchgang und wo ein Durchgang scheint das Nichts.
Zischelnd schloss er die Augen, denn alles schien sich um ihn herum zu drehen. Das Labyrinth forderte seinen Tribut und die Feinde waren nah. Schon spürte er die Anwesenheit mehrerer Kreaturen, glaubte ihren fauligen Atem im Nacken zu fühlen.
Ohne zu zögern trat er auf die vor ihm liegende Tunnelwand zu - und glitt hindurch.
Als er die Augen wieder öffnete, erkannte er, dass er erneut den Ort gewechselt hatte. Er befand sich in einer engen Kammer, die in der Mitte einen klaffenden Riss hatte. An dessen Grund brodelte rotglühende Lava. Er war in der einstigen Höhle des Dämon Furmas gelandet. Dort wo alles begonnen hatte, dort wo das Volk der Letharen das Relikt des Herrn aufgespürt hatte. Nun erkannte er, was Mael'Rayat ihm zeigen wollte, wusste, was in naher Zukunft folgen würde. Sein Geist war nun wachsam und so verließ er die zerstörte Kammer um zurück nach Leth'Axorn zu gelangen.

Das Inferno war ein gieriger Gast und es wurde Zeit den Tisch zu decken.
Zuletzt geändert von Tluth´Xarlor am Donnerstag 16. Juli 2009, 20:58, insgesamt 1-mal geändert.
Tluth´Xarlor

Beitrag von Tluth´Xarlor »

Und die Lethry sprach: “Ein Lethrixor wird heute von uns gehen, ein neuer Bruder in unsere Reihen treten.”


Als sein abgemagerter Leib auf den Altarblock gekettet wurde, erkannte er die Ironie der Situation. Er musste sterben um seine neu gewonnenen Fähigkeiten nutzen zu können. In den letzten Tagen war er der Willkür seiner geistigen Kräfte fast erlegen. Die Begegnung mit Mael’Rayat hatte ihn geschwächt, ließ ihn Dinge tun, die er weder kontrollieren noch verstehen konnte. Dieses Dilemma würde heute sein Ende finden. Als er an insgesamt vier Stellen seines Körpers zur Ader gelassen wurde, fühlte er den eisigen, fast willkommenen Hauch des Todes. Als die Letharen einen rhythmischen Singsang begannen und Alatar baten seine Seele zu verschlingen und nach seinem Ermessen wiederzugeben, begann sich die unbekannte Macht in ihm zu regen. Zwei der angehenden Lethyren wurden unmittelbar von einem brennenden Zucken im Leib befallen, als sie mit der Opferklinge sein Fleisch durchbohrten.
Er selbst blieb wach, als weigerte sich etwas in ihm dem ungeheuren Blutverlust nachzugeben. Zusätzlich durch einen Lähmungszauber gebunden, konnte er nur dann und wann vor Pein zucken. Erneut übernahm die seltsame Kraft in ihm das Handeln und warf einen zaubergleichen Schutzwall über die Anwesenden. Der Gesang wurde lauter, fordernder, und während die Disharmonie Alatars die Herzen der anderen mit Kraft erfüllte, begann seine zu schwinden. Sein Herzschlag wurde langsamer, qualvoller. Noch einmal versuchte er sich aufzubäumen, ehe er regungslos zurück fiel. Das letzte was er spürte, war die tobende Macht Mael’Rayats in ihm.

Delirium …

Sein Blick glitt aufmerksam über das Schlachtfeld. Dichter Dunst hing wie morgendlicher Nebel über der sich ihm bietenden Szenerie. Bis zum Horizont, so schien es, stapelten sich die Körper der Gefallenen. Hier und dort ragten die Überreste von Fahnen und allerlei Kriegsgerät aus dem aufgeweichten Erdreich. In der letzten Stunde hatte unaufhörlich ein leichter Nieselregen eingesetzt. Regentropfen, eiskalt und spitz wie Nadeln, stachen in sein Gesicht. Dennoch wandte er den Blick nicht ab, sondern kniff die Augen angestrengt zusammen. Er suchte etwas. Etwas wegen dem er gekommen war, ja, dass ihn zu sich gerufen hatte. Seine Gestalt hob sich sichtbar gegen die grauen Rauchschwaden und den allmählich dunkler werdenden Himmel ab, als er sich langsam in Bewegung setzte. Die schartige Klinge in seiner Hand schien Zentner zu wiegen, dennoch schloss er die gepanzerte Faust umso fester um deren Griff. Einen Fuß vor den anderen setzend, bahnte er sich seinen Weg durch das Chaos. Tödliche Stille lastete wie ein erstickendes Grabtuch über dem Land. Vergossenes Blut hatte das Erdreich dunkelrot gefärbt. Der Gestank von verwesendem Fleisch und Exkrementen war betäubend. Den Letharen schienen diese Umstände nicht zu interessieren. Immer rascher schritt er voran, den Blick nunmehr auf einen Punkt in der Ferne gerichtet. Das letzte Licht der untergehenden Sonne war dort auf etwas getroffen. Ein goldenes Funkeln in der grauenhaften Einöde … vielleicht auch nur eine Einbildung.
Nach einer Ewigkeit so schien es, erreichte er einen umgestürzten Kriegswagen. Eine schwere Holzkiste lag zerborsten am Boden aus der aberhunderte von kleinen, hell funkelnden Diamanten heraus gefallen waren. Er bückte sich, griff nach einem der Edelsteine und hob ihn auf. Ein goldenes Licht war darin gefangen und während er den Stein noch lauernd begutachtete, änderte sich der Goldton zu einem giftgrünen, krank wirkenden Glühen. Der Stein wurde heiß, zerfiel in seiner Hand und urplötzlich war die Luft von glühend heißen Winden durchsetzt. Feuer waberte aus dem Erdreich, der Himmel wurde von blutroten Blitzen zerfetzt. Ein Donnergrollen hallte in der Ferne, das sich wie das Knurren einer uralten Bestie anhörte. Dann sah er eine wabernde Gestalt auf sich zu huschen. Kein Panther wie man ihn aus der Welt der Sterblichen kannte, sondern ein nur schemenhaft erkennbares Ungeheuer, dennoch gewaltig und mit Klauen versehen, die die Erde erbeben ließen. Die Kreatur hielt nicht inne, sprang auf ihn zu, ohne das er eine Abwehrhaltung hätte einnehmen können und verschmolz mit seinem Körper. Die Umgebung begann schlagartig zu verblassen und in seinem Schädel dröhnte eine Stimme. "Kein Vergeben, kein Vergessen. Dien oder stirb!" Er spürte den Drang den Drang der Kreatur zu zerfetzen, zu zerreißen, zu töten und dennoch eine allumfassende Sicherheit, die Gewissheit von Alatar selbst gesegnet worden zu sein. Seine Seele, oder das was davon noch übrig war, verband sich mit der des Geisterpanthers. Jener schärfte seine Sinne und gab ihm die Kontrolle über die Gaben des Vaters zurück. Er wusste, dass ihm nun ein gnadenloser Kampf bevorstehen würde. Kontrolle ja, aber um welchen Preis - er hatte sich selbst aufgeben.

Langsam begann sein Herz wieder zu schlagen, pumpte Blut in seine Venen. Er füllte seine Lungen mit der giftigen Luft Leth’Axorns und richtete sich auf. Er war allein im Tempel. Ein dunkles, raubtiergleiches Knurren kam über seine nachtblauen Lippen als er sah, dass sich seine Wunden wie von Geisterhand schlossen. Er tastete mit der linken Hand seinen Körper ab und fühlte an seinem Hals Male, die nicht wieder verheilt waren. Durch seinen Tastsinn las er die neue, oder vielmehr erweiterte, Rune in seinem Fleisch. Ala’thraxor, der geweihte Lethrixor. Einige Augenblicke vergingen, in denen kein Geräusch außer dem fernen Plätschern der verdorbenen Flüsse die Luft erfüllte. Dann warf er sich eine einfache schwarze Robe über die Schultern und begann zu beten.
Benutzeravatar
Jael'Zeerith
Beiträge: 110
Registriert: Mittwoch 23. August 2017, 10:03

Beitrag von Jael'Zeerith »

Etwas war mit ihr geschehen an diesem Abend im heiligen Tempel Leth’Axorns. In vollkommener Nacktheit hatten sie Tluth’Xarlor auf dem steinernen Altarblock fest gekettet und sich dann um ihn herum versammelt. Die Erhabene und ihre Schüler, der Kreis der Auserwählten. Den Anfang des Rituals verfolgte Jael’Zeerith noch mit voller Konzentration, lauschte aufmerksam den Worten und dem Gesang. Doch mit dem Augenblick, in dem sich der gierige Ritualdolch durch die Haut des Kriegers gebohrt und in seinem Fleisch gewühlt hatte, wurde etwas in ihr geweckt. Nur langsam machte es sich bemerkbar, griff heimlich nach ihrem Verstand. Blut, frisches Blut! Sie war in seinen Bann geschlagen worden. Nicht zum ersten Male, keineswegs. Doch der Lebenssaft Tluth’Xarlors hatte einen neuen, ihr noch nicht bekannten Beigeschmack. Nicht im Ansatz vergleichbar mit dem der Kreaturen aus den Tiefen der Höhlen oder dem der Menschen. Selbst das Blut anderer Letharen konnte sich nicht mit ihm messen. Machtvoll war es aus den zerfetzten Adern heraus pulsiert, hatte sich bald zu einer samtig glänzenden Lache gesammelt. Eine unheimliche Stärke war von ihm ausgegangen und hatte nach ihr gerufen, an ihrem Bewusstsein gezerrt. Zum Ende des Rituals hin hielt es sie kaum noch auf ihrem Platz, jeder weitere Tropfen der kostbaren Flüssigkeit trieb sie weiter in ein unerträgliches Hungergefühl. So war es nur ein kurzer Blick, den sie beim Verlassen des Tempels auf den ausgelaugten Letharfen geworfen hatte. Wäre sie länger in seiner Nähe geblieben, des Quells, hätte sie sich auf ihn gestürzt und sich an seinem Blut gelabt. So waren es stattdessen die bedauernswerten Geschöpfe der Höhlen gewesen, die Jael’Zeerith bald darauf zum Opfer fielen. Das Fleisch sauber durchschnitten, das Innere nach Außen gekehrt und die Hände in warmes Blut getaucht. Endlich!

Doch der Hunger war geblieben, auch jetzt noch, zwei Tage und Nächte später, nagte er an ihr wie ein Hund an einem saftigen Knochen. Erholsamer Schlaf war für Jael’Zeerith ein Fremdwort geworden, ausgleichende Ruhe kannte sie nicht mehr. Aufgewühlt führten ihre Schritte sie von einem Ort zum Nächsten. Doch keiner vermochte es ihre Gier zu stillen, ihr die Befriedigung zu geben, nach der sie verlangte. Ein lauter spitzer Schrei verließ ihre dunklen Lippen und verhallte im Nichts.

Und so trieb es sie weiter, ein erneutes Mal vor die Tore Rahals, zur Krypta. Langfristige Linderung würde sie dort nicht erwarten, doch immerhin für den Moment. Wie lange sie diesem Spiel standhielt, darüber wollte sich die junge Lethra keine Gedanken machen. Musste sie auch nicht, denn sie fand etwas Anderes, Unerwartetes: Eine Gestalt, mit der sie niemals gerechnet hätte, zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt. Um ehrlich zu sein, nach seinem Anblick im Tempel, eigentlich gar nicht mehr. Tluth’Xarlor, erwacht zu neuer Erhabenheit, frischen puren Hass in sich tragend. Wiedergeboren in den Händen des Vaters, zurückgekehrt als geweihter Lethrixor. Jael’Zeerith musste sprichwörtlich die Kinnlade herab gefallen sein, anders ließ sich der kritische Blick des Letharfen nicht erklären. Doch er verschwendete keine Zeit, auch ihn trieb es in die Tiefen der Gewölbe – wenn auch aus ganz anderen Gründen.

Als sie Stunden später zurück ans Tageslicht kehrten, fühlte sie sich erschöpft. Der Ala’thraxor hatte sie gefordert, sie an ihre Grenzen gebracht. Er hatte nicht nur Wissen und Anwendung um die schnelle Versorgung von Wunden und Verletzungen abverlangt, nein, er hatte auch den Umgang mit der geschärften Klinge an seiner Seite erwartet. Er zeigte sich zufrieden mit ihrer Leistung und machte sie glauben, dass sie trotz ihrer Minderwertigkeit einen Funken Begabung in sich trug. Und diesen beanspruchte er für sich alleine. Jael’Zeerith würde einen Teufel tun und dagegen aufbegehren – da könnte sie gleich das eigene Todesurteil unterzeichnen. Ganz im Gegenteil, es kam ihr sogar gelegen, denn eine Erkenntnis offenbarte sich der Lethra. Sein Blut hatte ihren Hunger entfacht, sein Anblick und Geruch sie fast um den Verstand gebracht. Der Verschluss seiner Wunden, seine neu gewonnene Kraft nahm die Rastlosigkeit von ihr, vergönnte ihr eine Verschnaufpause. Die brodelnde Gier hatte sich beruhigt, wenngleich sie auf einen neuerlichen Ausbruch lauerte.

Nur wer den Funken entfacht, der vermag ihn auch zu löschen.
Antworten