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Kleines Schaf im Fuchspelz... Nele

Verfasst: Montag 7. November 2005, 00:47
von Jan Braeuer
1. Der Fuchs geht um

„Ich erwisch dich, Füchslein... und dann lass ich dir beide Pfoten abhacken!“
Besagter Fuchs saß längst breit grinsend auf der Kante des alten Schindeldaches weit über dem fluchenden, dickbäuchigen Bäckermeister und ließ es sich ebenso nicht nehmen den vollkommenen Triumph über die Obrigkeit mit den frisch gestohlenen, noch ofenwarmen Zuckerkringeln zu feiern. Tief gruben sich die milchig weißen Kinderzähne in den pappigen Teig und ein kaum hörbares, genüssliches Seufzen entwich den hellen Lippen des Knaben als der Kleine sich nach und nach das wohlverdiente Festmahl schmecken ließ. Kurze Zeit später lag das ganze Bürschchen auf dem Rücken, die Arme weit vom Körper gestreckt, auf den im letzten Dämmerlicht noch mollig warmen Schindeln und wartete auf die Nacht um sich dann wieder der eigenen Arbeit widmen zu können. Die nun rar gewordenen Sonnenstrahlen hüllten das eh schon fuchsartig rotbraune, kinnlange Strubbelhaar in ein feuriges Licht und wärmten den Kleinen soweit, dass dieser es wagte für wenige Momente die stetig wachen bernsteinfarbigen Augen zu schließen. Schwer klappten die müden Lider zu und der Kranz aus dunklen, langen Wimpern am Lidrande bildete den krönenden Abschluss der blicklichen Dunkelheit.
Er erwachte aufgrund der nun nächtlichen Kälte mit zitternden Gliedern und fast tauben Füßen. Bitter erinnerten den Fuchs die schmerzenden Zehen an den heutigen Hauptgrund für die nächtliche Aktivität und mit einem wüsten Fluch auf den unschuldig jungen Lippen rappelte er sich ungewöhnlich flink für das offensichtlich noch so geringe Alter auf um Fluchs wie eben ein Füchslein dem eigenen Namen alle Ehre zu machen.
Den Weg zum Schuster hätte der Bengel auch blind gefunden, hatte er sich doch trotz einer sehr eingeschränkten Lebenserfahrung einen reichlich Ausgefuchsten Plan zurecht gelegt und den doch für sein kindliches Empfinden fast gut betuchten Schuhflicker mit dem strengen Gesicht so lange überwacht bis das Kerlchen heraus fand, dass jener bei Einbruch der Dunkelheit den Laden absperrte, sich dann scheinbar noch gemütlich fertig machte, das eingenommene Gold zählte um dann kaum eine Stunde später mitsamt einem prall gefüllten Münzenbeutel hastig das Gebäude zu verlassen und zwei Häuser weiter in die eigene Wohnstube zu hasten. Leider war es fast unmöglich ihm auf diese kurze Strecke die viel versprechende Börse zu entwenden, allerdings hatte die feine Nase des Fuchses auch eine ganz andere Beute erschnuppert:
Prächtige, winterfeste Lederstiefel in sämtlichen Größen zierten seit einem Wochenlauf das vergitterte, kleine Auslagefenster und erinnerten den Kleinen nur allzu deutlich daran, dass der Winter nahte und seine ausgetretenen, zerfledderten Stoffschuhe ihm in Bälde den sicheren Tod einbringen konnten. Er war seit dem Beginn seiner fraglichen und harten Karriere als Beutelschneider und Taschenwühler nur damit beschäftigt gewesen sein Leben gerade so zu erhalten, denn obwohl er nun schon dem ein oder anderen Hehler oder Diebesopfer auch namentlich zumindest als „der Fuchs“ bekannt war, so konnte er nun wirklich nicht behaupten sich eine goldene Nase verdient zu haben. Er war klein... und dies nutzten die wenigen Kontakte, welche sich überhaupt dazu herabließen mit dem unmündigen Bengel Geschäfte zu machen, reichlich aus. Ein gestohlenes Spitzentaschentuch brachte ihm nicht einmal ein zehntes dessen für was es dann der schmierige Händler, welcher ihn knauserig entlohnte, wieder verkaufen konnte. Aber bisher war es ihm geglückt sich die letzten Monate seit Beginn des Sommers soweit durchzuschlagen und nunja... zu leben.
Jetzt winkten die sauber geputzten und mit Lammfell gefütterten Lederstiefel und versprachen einen am Fuße erträglichen Wintereinfall und die Hoffnung, dass der kleine Fuchs den Frühling noch erleben würde und wenn nicht, so ermahnte er sich als er nach dem Ersatzschlüssel des Schusterladens unter einer losen Latte des Türstockes suchte, welche der dumme Schuhflicker immer für ein undurchsichtiges Versteck gehalten hatte, kramte, ... wenn nicht, so hegte er zumindest die Hoffnung die Gesichter seiner Lieben wieder zu erblicken und ebenso konnte er dann wieder „Nelchen“ sein...

(Fortsetzung folgt)

Verfasst: Mittwoch 9. November 2005, 12:28
von Jan Braeuer
2. Nelchen

„Nelchen, Neeeelchen... alles wird gut, mein kleiner Engel...“, hatte er heiser geflüstert und das gänzlich erstarrte Kind feste an sich gedrückt, mit einem Griff der die Knochen des zarten Mädchens leise knacken ließ. Sein seltsam herber Duftwässerchengeruch stieg ihr in die kleine, sommersprossige Stupsnase, als er ihr Gesicht an seinen Oberkörper presste um ihren Blick weiter vom grausigen Bilde abzuschirmen, nur leuchtete dieses umso intensiver in ihrem Geiste weiter und lähmte die Sechsjährige mit kreischender Panik, bebender Angst und einer untragbaren Fassungslosigkeit...
Es war schnell gegangen, unglaublich schnell. Seit Tagen hatten sie gestritten, er und Mutter. Meist endeten diese durchaus lauten Auseinandersetzungen mit festen Faustschlägen seinerseits und einer wimmernden, am Boden kauernden jungen Frau, welche zittrig das Blut von den aufgeplatzten Lippen wischte um kurz danach taumelnd zum kreidebleichen, verängstigten Kind im Türrahmen zu krabbeln und dieses feste an sich zu drücken.
„Es wird alles gut, Nelchen, glaub mir...“ hauchte sie dann und er warf beiden höhnende Wolfsblicke zu, als wolle er ihrer Worte Lügen straffen und sogleich das Gesagte negieren. Nele hatte ihrer Mutter geglaubt, sicher nicht mit reiner kindlicher Naivität sondern mit dem Bewusstsein, dass diese so viel Leid ertrug um sich und das schmächtige Töchterchen auch in einer so düsteren Umgebung wie dem Rahaler Armenviertel zu schützen. Stück für Stück hatte sich die junge, schöne Frau aufgegeben, ihr letztes Habe und zuletzt auch sich selber verkauft um genug für beide Leben zu haben. Im Laufe ihrer wenigen Altersjahre hatte das Kind dies längst begriffen und still und heimlich stets Abends im flickenreichen Strohbette gebetet, dass ihre Mutter auch diese Nacht mehr oder minder wohlbehalten von einem ihrer Freier zurück in das schiefe Hüttchen kommen würde. Im Stillen fügte Nele dann noch den inbrünstigen Wunsch bei, dass ihr Vater, welchen das Mädchen nie kennen lernen konnte, doch eines Tages von der Seefahrt zurückkommen möge. Das Schicksal spielte mit ihrem Wunsch und bescherte ihr einen Vater, welcher den beiden Frauen bewies, dass es ihnen noch um einiges dreckiger gehen konnte.
Er nannte ihre Mutter zärtlich beim Vornamen, als er die ersten Abende zu ihnen in die Hütte kam.
„Elisa, kommt zu mir, ich liebe dich und ich werde gut für die Kleine sorgen. Elisa, es wird euch beiden so viel besser gehen. Elisa, vertrau mir doch...“ und sie tat es.
Wenige Wochen lauschten sie beide noch seiner Engelsstimme und freuten sich, wenn seine hellblauen Augen wie junge Sterne warm glitzerten als er über seine kleine Familie sprach. Diese Augen kühlten das erste Mal ab, als er nur noch leicht schmeichelnd und halb befehlend gestand, dass sein Geld nun nicht mehr für alle drei reichen würde und Elisa für kurze Zeit wieder den ein oder anderen Freier haben müsse. Schweren Herzens, doch mit dem naiven Vertrauen eines Kleinkindes willigte die junge Schönheit ein... und aus dem „ein oder anderen“ wurde eine gut geregelte Stammkundschaft, welche ihm das Geld sofort gaben und nicht einmal eine Münze gaben sie der Frau, mit welcher sie scham- und hemmungslos das Bett geteilt hatten. Elisa sah ihren Fehler wohl vor Nele und ihre jetzige Mittellosigkeit führte ihr deutlich vor Augen, dass sie sich und ihr Töchterlein an dem immer erbarmungsloser werdenden Manne ausgeliefert hatte. Diese Erkenntnis und das Wissen, dass er sie so auch von ihm abhängig gemacht hatte, trübte ihr Gemüt so sehr, dass sie wie eine sterbende Rose langsam verwelkte und bald etwas verbrauchter wirkte.
Als die ersten Kunden ausblieben kam ihm der kalt kalkulierende Gedanke, dass die eben sechs Jahre alt gewordene Nele auch irgendwie an güldene Metallmünzen kommen konnte. Jetzt erst begann Elisa um ihre Tochter zu kämpfen und erntete die ersten Schläge für aufmüpfige Widerworte und Ungehorsam. Nele jedoch gab heimlich nach und begann zu arbeiten. Nie erfuhr die Mutter woher das kleine Mädchen die handvoll Kupfermünzen, welche sie am Abend schweigend dem Haustyrannen übergab um somit einen weiteren, stillen Abend ohne Prügel zu erkaufen, denn täglich her bekam und Nele hütete dies Geheimnis vor beiden Erwachsenen. Ihre Mutter wollte sie nicht noch mehr beunruhigen und ihr seelische Schmerzen bereiten, ihm sagte sie nichts um ihren neu gewonnen Freund, welcher ihr diese Art „Arbeit“ lernte, vor den mittlerweile eisig kalten, blauen Augen zu verstecken. Für wenige Mondläufe hatten sie fast so etwas wie Ruhe im Hause. Er zählte gierig Gold, Elisa blühte wieder etwas auf und Nele verbrachte ihren Tag trotz gesetzwidrigem Herbeischaffen der klimpernden Münzen in wunderbarer Gesellschaft.
Doch wenn das Schicksal zuschlägt, dann zerrt es einen gerne tiefer in den Strudel der Verzweiflung und allen Anschein nach saßen die beiden Frauen noch nicht tief genug in diesem Morast.
Es endete damit, als er eines Abends nachdenklich über Neles langes, schwach welliges, doch schönes Haar strich, als diese gerade den Abwasch übernahm. Erschrocken über diese ungewohnte Zärtlichkeit entglitt dem kleinen Mädchen ein Milchkrug und als dieser mit lautem Krach am Boden zerschlug, während sie ihn mit vor Entsetzen geweiteten Augen anstarrte, hoben sich seine Mundwinkel zum dünnen, verschlagenen Lächeln.
„Unser Nelchen wird eine Hübsche... ist ja jetzt schon eine kleine Blüte. Kein Wunder, dass sie mich angesprochen haben.“
Im Folgegebrüll, welches Elisa nun voller Verzweiflung und unbändiger Wut vom Küchentisch anstimmte und seinen kalten, schnappenden Satzfetzen verstand das Kind nur wenig, jedoch bohrte sich ein Wort wie eine Schraube in ihren Kopf und ließ das kleine Herz ängstlich schneller schlagen:
„Kinderhändler“
Dann ging es so schnell. Nele spürte wie er ihren Arm ergriff und sie hoch riss, als wäre sie ein Lumpenpüppchen. Er nannte irgendeine hohe Zahl, vermutlich einen Preis und schüttelte das Kind dabei wie einen Hundewelpen. Als Elisa sich mit einem hasserfüllten Aufschrei nun auf den unerbittlichen Peiniger stürzte, warf dieser das Mädchen von sich und hart schlug Neles Kopf im folgenden Sturz am Boden auf. Es waren die erstickten Schreie ihrer Mutter und das Gelärme eines verzweifelten Kampfes, welche die Kleine aus der Betäubung weckten. Es war warm und nass an der Stirn, doch hatte sie nicht genug Zeit sich darüber zu wundern, denn alarmiert registrierte sie die Veränderung in der Stimme ihrer Mutter. Schmerz, Panik und Todesangst gellten in ihren Schreien wieder und zwangen Nele dazu sich taumelnd und benommen aufzurappeln.
Sie drehte sich gerade in dem Moment zu den beiden Erwachsenen um, dass sie noch sah, wie er einen schweren Feuerstein auf den Kopf ihrer blutüberströmten Mutter, welche versuchte ihn zu würgen, sausen ließ. Mit einem dumpfen Geräusch fiel der tote Körper zu Boden und leere Augen blickten anklagend und dennoch stumm zu den noch lebenden auf. Ruhig ließ er den Stein fallen und zog das steife, erstarrte Kind mit kraftvoller Gewalt an sich.
„Nelchen, Neeeelchen... alles wird gut, mein Engel....“ raunte die kalte Stimme und schnürte ihr das Herz zusammen.
„Alles wird gut... wir werden dich für einen guten Preis verkaufen, nicht wahr?“, da spürte er wohl wie sich der kleine Körper in seinen Armen plötzlich widerstrebend und panisch spannte. Lächelnd fügte er noch an:
„Ah und vergiss nicht, die Schlampe ist einfach gestürzt... etwas anderes glaubt dir eh keiner. Es schert nämlich niemanden... Nelchen, hörst du? Niemanden!“
... Recht hatte er, es scherte niemanden, dass Nele an diesem Abend ihre Mutter durch einen grausigen, kühlen Mord verloren hatte und eben genau der Mörder sich nun noch ihrer entledigen wollte, indem er sie am nächsten Morgen mit Sicherheit zum guten Preise von einigen Goldstücken am Hafen an die mit Kindern beladenen Schiffe verkauft hätte. Niemanden scherte es... außer Jan, so hoffte die wimmernde Kleine, als sie Stunden später aus dem Fenster stieg um davon zu laufen.

Verfasst: Montag 14. November 2005, 16:54
von Jan Braeuer
3. Jan, die Elster, Bräuer

Der kränklich wirkende, grauäugige und hagere Zehnjährige hatte sie am Markt gefunden, als Nele mit Tränen der offenen Verzweiflung versuchte selbst geschnitzte, reichlich hässliche Figuren zu verkaufen. Die vorbei eilenden Menschen hatten nicht einmal einen Blick für das Mädchen übrig und so sah Jan zu, wie sie mehrfach einfach umgerannt wurde, zwei- dreimal schluchzte um dann nur mit neuem Mute und unbeugsamen Willen die zerstreuten Holzmännchen aufklaubte um sich wieder aufzurichten und weiterhin mit zittriger Stimme die uninteressante Ware anzupreisen.
Kein ungewöhnlicher Anblick für den heranwachsenden Taschendieb, welcher seine Lebenszeit durchweg in den staubigen, verdreckten Gassen des Rahaler Armenviertels verbrachte. Wer sich hier nicht durchbeißen konnte, der musste verenden und ein neues Gesicht nahm dann binnen weniger Tage mit Sicherheit den Platz des Versagers ein um sich der Überlebensprobe zu stellen.
Für gewöhnlich hatte er weder die Zeit noch die Muße einem Bettelkinde lange nachzublicken, welches offensichtlich keine Vorstellung davon hatte wie man denn hier in der Masse des Abschaums an Geld kommen konnte, doch etwas an Nele fesselte seine Aufmerksamkeit und erreichten das gut abgeschirmte Jungenherz hinter der Mauer aus Kaltschnäuzigkeit.
Vielleicht nahm er sich deshalb damals ihrer an, vielleicht hatte er aber auch unbewusst nach einer letzten Freundschaft gesucht, bevor die stärker werdende Schwindsucht ihn eines Tages mitnehmen würde. Nie wurde er, den sie die diebische Elster nannten, von seiner durchaus flinken, gelehrigen Schülerin enttäuscht und das liebe Gemüt seines kleinen „Fuchses“, ein Name den sie nicht zuletzt ihren rotbraunen Locken verdankte, sorgte dafür, dass Jan auch noch Monate später trotz plötzlicher Bettlägerigkeit genug zu Essen hatte. Täglich, bevor sie den Großteil der hart erstohlenen Münzen ihrem grausamen Ziehvater überbrachte, schlich sie in das Armenhaus, in welchem er untergebracht war, beschenkte die armen Schlucker dort so gut es ging und hatte immer etwas Köstliches für ihn dabei. Dann sprachen sie noch wie Geschwister über den Tagesverlauf und verabschiedeten sich mit einer festen Umarmung, bei welcher er ihren Kopf an seiner Schulter spürte und das seidige Haar seine Wange kitzelte.
„Ach Nelchen,“ sprach er dann, wenn er sie wieder gehen lassen musste, voller Trauer,
„ich wünschte du wärst mein kleiner Bruder. Du könntest bei mir bleiben und als Junge würde dir sicher einiges erspart bleiben...“
Nie hatte er ihr verraten was er mit diesen Worten meinte, jedoch ahnte sie es nun, als sie in der Schicksalsnacht über das Kopfsteinpflaster hastete um zum Armenhaus zu gelangen. Für einen schmuddeligen, dreckigen Rotzbengel hätten sich die Kinderhändler nicht annähernd so sehr interessiert wie für das zarte, niedliche Mädchen mit den langen Seidenhaaren.
Als sie wenige Momente nach dieser Erkenntnis die Bettstube des Hauses betrat und einer der alten Säufer, welchen alle nur „Brandtweinpulle“ nannten, sie mit wässrigen, traurigen Augen anblickte um danach sofort wegzusehen, da brach das letzte dünne Eis unter ihren Füßen. In die betroffene, beklemmende Stille des Hauses mischten sich die entkräfteten Schluchzer des kleinen Mädchens, welche nicht begreifen wollte, dass man ihr in einer Nacht all das nehmen konnte, was sie je besessen hatte.
Bis zum Morgengrauen saß sie am nun leeren Bette und als man ihr still die letzten Habseligkeiten des verstorbenen Knaben, im Grunde nur das Bündel mit seinen Kleidern, reichte, da vergrub sie ihr Gesicht in den Lumpen und sog leise wimmernd den Duft des einzigen Freundes ein.
Die ersten Sonnenstrahlen weckten Nele aus ihrer stumpfen Paralyse und erinnerten sie daran, dass der Mörder mit den Kinderhändlern auf sie wartete. Der Widerstand war nun gebrochen, ohne Hilfe war sie ihnen wehrlos ausgeliefert und selbst wenn sie weit genug kommen würde, so würde man sie bald aufspüren. Es gab nicht allzu viele kleine Mädchen mit langem Seidenhaar auf den Straßen. Wie eine Marionette erhob sie sich hölzern, drückte das Kleiderbündel an sich und stackste gen Türe. Vermutlich war es ein kleines Wunder, dass sie Brandtweinpulle diesmal beim vorbeigehen klar und deutlich sprechen hörte:
„Weißt du Füchschen, der Bub hat als letztes gesagt, dass du für ihn wie ein Bruder warst. Kein Mädl... verstehst du? Wie ein Junge... sein Bruder eben“
und ein weiterer Eingriff der guten Götter, so sagte sie sich später, half ihr diesen Satz als den Wink zu verstehen, der er eigentlich war...

Stunden danach blickte sie entgeistert in ihr Spiegelbild am verschmutzen Fluss. Die langen Locken waren dem Messer zum Opfer gefallen und der rasche Strom hatte das Haar mit sich gerissen. Ihr Baumwollrock und das Leibchen waren kaum mehr als ein Häufchen schmorende Asche und mussten den zu großen Trägerhosen und dem weiten Hemd Platz machen.
Nun starrte ihr ein bengelhafter Junge aus dem Wasser entgegen und stärkte den gewagten Entschluss der Kleinen:
Nele Sommering war verschwunden aber Jans Erbe erwacht.
Jan, der Fuchs, Bräuer lebte und er setzte alles daran an diesem Zustand wenig zu ändern...


(Ende der Chargeschichte)