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Unmaskiert - Fluch und Segen (1)

Verfasst: Dienstag 14. April 2009, 21:22
von Mirodes Naevan
Unmaskiert - Fluch und Segen (1)

Selten fand Mirodes eine Nacht, die ihn nicht mit Schlaflosigkeit oder bösen Träumen belastete. Umso schwerer fiel es ihm, Schlaf zu finden, zumal er bei dem kleinsten Geräusch wieder wach wurde. Zu viele Sorgen lasteten auf seinen Schultern, zu viel musste er regelmäßig nachdenken, als dass er sich einfach seiner erdrückenden Fantasien entledigen, und seine verdiente Ruhe finden konnte.

Die letzte Nacht war wieder vorbei, und somit auch die Träumerei - endlich, dachte er sich, als er am frühen Morgen schweißgebadet erwachte, nach Atem ringend.
Lediglich das einfallende Sonnenlicht widmete ihm - ebenfalls in Anbetracht seiner kleinen, einsamen Hütte auf Lameriast - etwas Trost, etwas Ruhe.
Erneut brachte ihn nämlich ein Traum ins Wanken, ließ ihn zweifeln, ließ Trauer und das fast permanente Gefühl beißender Einsamkeit zurück kehren.

Er schloss die Augen, und versuchte sich an die Bilder seiner nächtlichen Fantasie zu erinnern.
Er sah sich selbst, einem blassen, durchsichtigen Spiegelbild gleich - fast gespenstig wirkend.
Allerdings stand er selbst ebenfalls da, vor seinem gespenstigen Abbild, inmitten eines dunklen, verlassenen Raumes - der Eingangshalle eines ebenso einsamen Schlosses gleich.
"Wer bist du?", fragte der junge Jäger die durchscheinende Gestalt, bemüht, seine Angst zu verbergen.
"Ich bin du - das siehst du doch", antwortete diese daraufhin prompt, einen Mundwinkel zu einem gehässigen Grinsen anhebend.

Für einen kurzen Moment sah Mirodes sich um.
"Das ist alles nur ein Traum", dachte er sich, fand jedoch keinerlei Möglichkeit, eben jenem zu entfliehen.
"Was... was willst du von mir?", fragte er skeptisch sein vermeintliches zweites Ich.
"Dich aufklären, deine Maske abnehmen".

"Von was redest du? Was für eine Maske?", fluchte Mirodes daraufhin, er erahnte bereits die Absicht seines geisterhaften Spiegelbilds, wollte sie innerlich jedoch verdrängen.
"Du weißt ganz genau, welche Maske ich meine".
Abermals sah sich der junge Jäger nach einer Fluchtmöglichkeit um, fand jedoch - im immer dichter werdenden Nebel des Raumes - nicht einmal den Hauch einer Chance, sich des erdrückenden Szenarios zu entledigen, den Traum zu verlassen, zu beenden.

"Willst du etwa vor dir selbst fliehen? So feige kenne ich dich - pardon, 'mich' - ja gar nicht", kicherte der Doppelgänger.
"Wobei, wenn du es nicht wärst, würdest du auch deinen Mitmenschen gegenüber etwas mehr Mut zeigen, keine Masken tragen", fuhr er fort, ein weiteres hämisches Grinsen zeigend.
"Wovon redest du?", antwortete Mirodes, und obgleich er in seiner Furcht gefangen war, sprang dennoch ein Funke an Neugier auf sein Gemüt über.
"Fangen wir mal an - deine tolle Handwerkszunft, zum Beispiel; du bist nur Mitglied, um anderen zu zeigen, was für ein toller Jäger du doch bist, dass die Akademie ohne deine Hilfe kaum Material hätte, du stumm - deiner vermeintlichen Wichtigkeit wegen - angeben möchtest, nicht wahr?", fuhr sein selbst ernanntes Gewissen fort, ein weiteres breites Grinsen nicht verbergend.

Mirodes' Vorahnung bewahrheitete sich - just in diesem Moment. Er hatte sich bereits gedacht, mit derlei Themen konfrontiert zu werden - auf die Tatsache hin, dass er sich seiner vermeintlichen Maske zu Beginn entledigen sollte.
"Ach, und was ist mit denen, die du als 'Freunde' bezeichnest? Ich denke da an Silvana, Xeratrix, Perrin und - oh, ich hatte ganz vergessen, dass du ständig jammerst, einsam zu sein, eigentlich keine Freunde zu haben", kicherte der Geist.

"Das... das ist gelogen!", fuhr ihn Mirodes nach anfänglicher Skepsis an.
"Ich bin du, Mirodes - also? Klingt dein Vorwurf in diesem Sinne nicht irgendwie widersprüchlich?", ein weiteres spöttisches Kichern folgte.
"Aber genug der Albernheiten, fahren wir fort. Silvana - an ihrer Seite möchtest du doch nur zeigen, wie hübsch deine vermeintlichen Freunde doch aussehen können, wie beliebt du bei den Frauen bist, möchtest dich rechtfertigen, hab' ich Recht?", der Doppelgänger schien weiterhin keinen Hehl aus seinem Amüsement zu machen.
"Ähnlich ergeht es dir bei Xeratrix - oder 'Trixie', wie du sie nennst - die Kleine hälst du doch eigentlich für sowas von kindisch! Die ganzen dämlichen Einsätze, ihre blöden Kartenspiele! Sollte endlich erwachsen werden! Und trotzdem spielst du ihre Spiele mit, weil du sie endlich ins Bett bekommen willst - wie bei so vielen Frauen, die dich als 'nett' bezeichnen, hm?", fuhr er unbarmherzig fort, als würde er aus einem offenen Buch vorlesen, das er offenbar ganz witzig fand.

Mirodes schritt nach und nach zurück, bis sein Rücken an eine Grenze stößte - eine Wand, vom Gefühl her, jedoch lehnte er tatsächlich an Nebel; es gab einfach kein Zurück.
Sein Herz machte einen Sprung, er konnte jeden Schlag regelrecht in seinem Inneren beben hören. Einzelne Schweißtropfen bedeckten seine Stirn - sich bemühend, einen ruhigeren Atemrhythmus zu finden.
"Wie amüsant, dich so zittern zu sehen, doch zugleich - hm - wer hat schon keine Angst vor der Wahrheit?", fragte das andere Ich des jungen Jägers - rhethorischerweise - gluckste, und sah ihn wieder aus leerem Blick, hämisch lächelnd, an.

"Eigentlich hasst du die Menschen. Du fühlst dich unwohl, sobald sich der Raum füllt, findest dich hässlich, wärst gerne anders, selbstbewusster, wärst gerne an einem anderen Ort", ungewollt lauschte Mirodes der Stimme, kniff gelegentlich die Augen zu - still hoffend, seiner dunklen Fantasie endlich zu entfliehen.

Anschließend setzte die Gestalt seines Ichs die Worte fort, einem überzeugten Monolog gleich:
"Perrin hatte ich ganz vergessen, zusammen mit seinem Freund Kyle - du bist neidisch auf beide, wärst gerne wie sie; wärst gerne so ausgelassen, fröhlich, offen den Frauen gegenüber. Du weißt aber selbst, dass du's nicht kannst; du kannst es dir nicht erlauben, nach dem ganzen Leid, das du Unschuldigen zugefügt hast. Findest dich viel zu hässlich. Quälst dich unter einer nicht enden wollenden Last auf deinen Schultern, die dich langsam erdrückt. Und doch redest du dir ein, Perrin als schwach zu bezeichnen, er habe keinen Mut, würde sich unnötig in Schwierigkeiten reiten, nur damit du im Vergleich einen Hauch an Positivem an dir sehen kannst."

Eine kurze Pause trat ein, während der die Gestalt theatralisch ein nachdenkliches Gesicht mimte.

"Ah, ja. Und was ist mit deiner Zwillingsschwester Ilayra? Du liebst sie doch nur so sehr, um anderen zu zeigen, dass der Name 'Naevan' etwas bedeutet, weil sie umgänglicher ist; benutzt sie quasi als dein Vormund, als Schild, wohinter du dich - der sich innerlich als 'Taugenichts' sieht - permanent verstecken kannst."

Mirodes Herzschlag wurde schneller und schneller.
Er versteckte sein Gesicht hinter seinen Armen, ging langsam auf die Knie, und sein Körper zitterte unablässig.
"Halt' endlich dein verfluchtes Maul! Hör' auf, solche Lügen zu erzählen! Du bist nicht ich! Ich würde niemals so über meine Freunde denken! Und erst recht nicht, Ilayra gegenüber!", schleuderte er seinem 'Geist' entgegen, und rannte plötzlich - unter aller Verzweiflung - mit erhobener Faust und vor Tränen brennenden Augen auf ihn zu.
Nachdem er einen Schlag in die Richtung des geisterhaften Gesichts ausführte, glitt seine Faust einfach hindurch - wie durch Rauch.
Er verlor das Gleichgewicht und fiel zu Boden - weiterhin schwer atmend, weiterhin nicht in der Lage, seine Emotionen zu kontrollieren.
Er weinte - zwar im Traume, doch wunderte er sich für den Bruchteil einer Sekunde.
Normalerweise erstickte er stets jegliche Emotion im Keim.

Sein durchsichtiges Ich fuhr im analysierenden Tonfall fort:
"Aber, wir wollen ja nicht so sein... Wenn es dich tröstet, Mirodes - viele Menschen verbergen ihre wahren Absichten hinter allen möglichen Masken. Viele äußern ihren Mitmenschen nicht direkt das, was sie 'wirklich' denken, um besser mit ihnen auszukommen. Nur mit diesen Masken funktioniert deine Gesellschaft überhaupt. Sei also unbesorgt...", ein Knurren Mirodes', das nach und nach lauter wurde, hinderte seinen Doppelgänger daran, seine Worte zu einem Ende zu führen.
"Ich habe genug gehört, verdammt, lass' mich endlich in Ruhe", brüllte er schließlich aus Leibeskraft - und erwachte tatsächlich aus seinem Traum.

Er öffnete seine Augen wieder und sah nachdenklich an seinem freien Oberkörper herab, erkannte mit Sorge, wie dürr er doch war.
"Das ist nicht wahr. Ich mag meine Freunde, liebe meine Schwester. Ich möchte keinen Menschen ausnutzen", murmelte der Jäger - zu sich selbst, wollte sich beruhigen.

"Eine Gesellschaft ohne diese 'Masken' würde jedoch nicht funktionieren - ich kann mich des sorgenvollen Gedankens nicht erwehren, dass dies wiederum letztendlich der Wahrheit entspricht."