Vom Wesen des Kriegs
Verfasst: Freitag 13. März 2009, 12:48
Vorwort:
Seit Alatar alle Völker und Rassen lehrte, dass es zum Erreichen der eigenen Ziele sinnvoll sein kann, eine andere Existenz nur darum auszulöschen, weil es sie gibt und ihr bloßes Vorhandensein diesen Zielen im Wege steht oder stehen kann, ist ihnen der Mord bekannt und sie machen regen Gebrauch von ihm.
Im Verlauf der Zeiten haben die Völker gelernt, den Mord auf vielfältige Weise zu benutzen, heimlich oder öffentlich, an Einzelnen oder Gruppen, mit Klinge, Netz, Strick, Gift, Fallgrube, Worten.
Seitdem gibt es auch einen anderen Schrecken, welcher dem Mord nahe steht und welchem wir den Namen Krieg gegeben haben.
Es ist anzumerken, dass davon ausgegangen wird, dass Krieg selbst eher eine Art des Mordes ist, als dass eine Häufung bestimmter Morde sich zu einem Krieg summiert. Diese Überlegung mag ihre Schwächen haben, wird aber der Einfachheit halber beibehalten. Zu einem späteren Zeitpunkt könnte eine Herangehensweise nach umgekehrtem Muster folgen.
Zur Stützung der Theorie, dass Krieg selbst eine Art des Mordens ist sei folgende Definition von Mord aufgestellt und diese auf die Gegebenheiten des Krieges angewandt:
Um von einem Mord zu sprechen benötigt man eine Person, welche eine andere absichtlich und vorsätzlich zum Zwecke der (Fortführung ihrer) Selbstverwirklichung tötet.
In einem Krieg treten jedoch nicht einzelne Personen, sondern Personengruppen in diesen Konflikt, also ist es sinnvoller, die eben angeführte Definition von Mord so zu verändern, dass man statt Person Personengruppe setzt und nicht versucht, unter Beibehaltung der Definition aus einer Summe dieser einen Krieg abzuleiten.
Der Vorteil zeigt sich darin, dass die Kerneigenschaften der Absicht, der Vorsätzlichkeit und vor allem der Selbstverwirklichung im ersten Fall nur ein mal nachgewiesen werden muss, während es im zweiten Fall nötig wäre, etwa bei jedem Soldaten, der auf dem Schlachtfeld irgendeinen anderen Soldaten tötet, diesen Nachweis zu erbringen.
Das größte Problem bei einer völligen Gleichsetzung von Mord und Krieg besteht allerdings unzweifelhaft darin, dass ein Mord mit dem Ende der Existenz des Andern vollendet ist. Wäre also Krieg und Mord tatsächlich ein und dasselbe, so müsste er immer zwingend zum Ziel haben, die andere Personengruppe vollständig und für alle Zeiten zu vernichten. Dieses Ziel mögen Götter wie Sterbliche zwar verfolgen, doch nicht einmal die Götter bedienen sich zu diesem Zwecke des wirklich ununterbrochenen Gefechts, sondern unterscheiden – wenn wir den Priestern glauben dürfen – ebenfalls zwischen Phasen des Kampfes und der Ruhe.
Was ist Krieg?
Es ist unerlässlich, sich zuallererst klarzumachen, dass der Krieg, wie wir ihn heute kennen, eine Errungenschaft derjenigen Wesen ist, die das Konzept des Mordens, welches Alatar uns lehrte, begriffen. Denn auch Raubtiere nehmen Leben, doch ist dies kein Mord, da ihnen die von Alatar entfesselten Gefühle dazu fehlen.
Ein interessantes Phänomen stellen Untote dar, weil über ihr Bewusstsein recht wenig bekannt ist. Ob sie tatsächlich eigene Gefühle haben oder nicht, ist bei dieser Betrachtung jedoch nicht von Bedeutung, da sie nichts als ausführende Werkzeuge eines unzweifelhaft bewusst fühlenden Wesens sind. Man könnte sie vergleichen mit dem Schwert in der Hand des Soldaten. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, ob die Waffe einen eigenen Willen zum Töten besitzt, wenn bekannt ist, dass der Soldat, dem sie widerstandslos gehorcht, diesen besitzt.
Man könnte auch sagen, dass nur Kultur schaffende Völker (und sei diese noch so primitiv) den Mord und folglich auch den Krieg kennen und nutzen. Krieg ist also eine kulturelle Errungenschaft. Dies zeigt sich zum Beispiel daran, dass ein tatsächlicher Krieg an Voraussetzungen und Bedingungen geknüpft ist, welche erfüllt zu sein haben, um bei einer bestimmten Art des Mordens von einem Krieg sprechen zu können und ihn so von anderen Arten des Mordens abzugrenzen.
Diese Bedingungen sind:
- Mindestens zwei Kriegsparteien
- Mindestens eine Kriegserklärung
- Nach innen (oft auch nach außen) eindeutig erkennbare Zugehörigkeit der Kriegsparteien
- Aufeinandertreffen der Kriegsparteien bis zur Auslöschung einer der Kriegsparteien
- Eine Erklärung des Kriegsendes
Dass die Völker versuchen, jeden Krieg mit dem Ersten Mord gleichzusetzen, zeigt sich bereits im Konstrukt der Kriegspartei. Viele einzelne Wesen scharen sich in dieser, um zu zeigen, dass sie zum Zwecke des Krieges geeint sind, was sich auch dadurch zeigt, dass eine Kriegspartei meist nur für die Dauer des Krieges von Bestand ist. Überdies wurde das eingangs bereits angesprochene Problem erkannt, dass ein Krieg eigentlich mit der völligen Vernichtung einer Personengruppe enden müsste, um ihn mit einem Mord gleichsetzen zu können. Um dies nun zu gewährleisten, benennen die einzelnen Kriegsparteien häufig aus ihren Angehörigen eine so genannte Armee, welche fortan stellvertretend für die Gruppe steht. Mit der Vernichtung der Armee gilt meistens auch die gesamte Kriegspartei als vernichtet und der ritualisierten Wiederholung des Ersten Mordes wurde Genüge getan.
Der Begriff der Vernichtung ist hierbei nicht eindeutig belegt und ist vorab nie zu bestimmen. Es kann sich hierbei um die tatsächliche Tötung aller in der Armee vereinten Einzelwesen, deren Gefangensetzung, die Tötung oder Gefangensetzung der Befehlshaber oder eine andere Art der Hinderung weiterer Taten handeln. Wie im Abschnitt zum Kriegsende eingehender erläutert, bedarf es zur Feststellung der Vernichtung einer Armee und/oder einer Kriegspartei eines von beiden Seiten anerkannten Friedensangebots. Je nachdem, wie dieses zustande kommt, wird sich aus den Kriegsparteien eindeutiger oder weniger eindeutig ein Sieger (Mörder) und ein Besiegter (Erschlagener) herausstellen.
Die Rolle der Kriegserklärung ist interessant, wirkt sie doch auf den ersten Blick wie ein Frevel gegen den Ersten Mord, der zweifellos von Heimtücke bestimmt war. Eine Erklärung der eigenen Absichten scheint dem zu widersprechen, jedoch nicht zwingend. Kriege entstehen nicht aus heiterem Himmel und auch Getares wusste um die Feindseligkeit seines Bruders und auch wenn der tödliche Streich selbst heimtückisch erfolgte, war er dennoch nicht unangekündigt. Der Heimtücke Alatars wird im Krieg auf andere Weise Rechnung getragen, nämlich mit den so genannten Kriegslisten, welcher sich ein jeder General, gleich an welchen Gott er glauben mag, bedient. Auch ein Funke Alatars lebt nun einmal in jedem von uns und wenn wir ihm – bewusst oder unbewusst – Nahrung geben, kann er zu einer gleißenden Flamme erwachen. Die Kunst besteht also darin, die sich der unmittelbaren Gefahr bewusste andere Kriegspartei in eben jener heimtückischen Art zu überlisten.
Nach diesem kleinen Exkurs sei nun die Bedeutung der Kriegserklärung sowie daran anknüpfend verschiedene Arten ihrer selbst aufgezeigt. Nach herrschender Meinung stellt die Kriegserklärung selbst bereits den ersten Kriegsakt dar, wohingegen ein kriegerischer Akt nicht zwangsläufig als Kriegserklärung verstanden werden darf. Gerade dieser zweite Punkt ist vielen nicht sofort einleuchtend, weshalb es Not tut, diesen anhand eines Beispiels zu erklären.
Nämliches ereignete sich im Jahre 235 in den benachbarten Ländereien der Grafen Fredwin von Dachswall zu Hohenhub und der Gräfin Ismengard von Schmerzig-Allersgrund, im Folgenden als der Herr und die Dame bezeichnet. Die Dame hegte gegen den Herrn seit nunmehr zwei Jahrzehnten einen nicht geringen Groll, seit dieser die Hand einer ihrer Töchter, deren Namen aus Respekt ungenannt bleiben wird, verschmähte. Eines Wintertages wurde die Lindenbachbrücke mitsamt Zollhaus niedergerissen und ein jeder, der sich dort aufgehalten hatte, Zöllner, Zöllnerin, die beiden Knaben und die sechs Wachleute, grausam abgeschlachtet. Als einziger Hinweis auf die Angreifer fand sich ein abgerissenes Stück Stoff, welches der Zöllner mit der toten Faust so fest umklammert hielt, dass man ihm die Finger brechen musste, um daran zu gelangen. Es stellte sich als Fetzen eines jener Abzeichen heraus, welche die Dame ihren verdienten Truppen auf die Wappenröcke zu nähen erlaubte. Die neun Toten wären zu verschmerzen gewesen, doch stellte die Lindenbachbrücke die einzige Verbindung der Haupthandelsstraße über den Lindenbach, der in Wahrheit ein ausgewachsener Fluss war, im Umkreis von mehreren Meilen dar. Angesichts der verlorenen Einkünfte über Jahre, die es dauern würde, die Brücke neu zu bauen, ordnete der Herr seine Streitmacht an, unverzüglich die Burg der Dame zu belagern und sie hart zu bestrafen, während er selbst nach Verbündeten schickte. Auf ihrem Weg zur Burg der Dame hinterließen die Soldaten des Herrn eine Spur der Verwüstung auf dem Land der Dame. Als sie endlich deren Burg erreichten, hatte diese bereits ebenfalls Verbündete zu Hilfe gerufen um den, wie sie ihn nannte, grundlosen Angriff abzuwehren. Tatsächlich gelang es ihr, die Belagerung zu durchbrechen und zum Gegenschlag auszuholen. Doch auch der Dame gelang es nicht, des Herrn habhaft zu werden, der von seinen Verbündeten unterstützt wurde. Sechs Jahre lang tobte der Krieg zwischen den Nachbarn, bis ihre Kassen restlos leer, die Felder allesamt niedergebrannt, das Vieh verreckt, die Bauern geflohen und sämtliche Stadt- und Burgmauern geschleift waren. Am Ende einigten sich beide Seiten auf einen Waffenstillstand.
Es steht außer Frage, dass der Herr aus einem kriegerischen Akt eine Kriegserklärung ableitete und entsprechend reagierte. Nun kam es aber, dass vor Kurzem der Herr des nördlich der beiden Grafschaften gelegenen Lehens, der für seine klugen Konversationen und überaus geschickt geführten Verhandlungen weithin bekannte Fürst Janischak vom Turm im beachtlichen Alter von sechsundachtzig Jahren aus dem Leben schied. Die Bedeutung dieses Umstands für die hier dargelegte Sache wird deutlich, wenn man einer Passage seines Testaments Aufmerksamkeit widmet, in welchem er beschreibt, wie er einst den Herrn und die Dame gegeneinander ausspielte, um den dortigen Fernhandel zum Erliegen zu bringen und die Händler dazu zu bewegen, lieber die von ihm mit großem Aufwand angelegten so genannte Hauptstraßen zu benutzen. Da er jedoch wusste, dass der zweifelsohne vorhandene Vorteil der schnelleren Fortbewegung von den misstrauischen Krämerseelen gegen die Nachteile einer längeren Wegstrecke und erhöhter Weg- und Brückenzölle abgewogen wurde und diese Leute stets nur zögerlich auf derartige Wagnisse sich einzulassen bereit waren, ersann er die Idee, sie schlicht zu zwingen, indem er eine strategisch wichtigen Punkt in der Handelsroute seines Nachbarn auf Dauer blockierte. Leider kam dieses Wissen für den Herrn und die Dame einige Jahre zu spät, denn sie waren beide kurz nach dem Ende des Kriegs unter rätselhaften Umständen ums Leben gekommen, er war auf der Fuchsjagd vom Pferd gestürzt, das wohl vor einer Schlange scheute und hatte sich dabei den Hals gebrochen, sie fand eine Zofe ertrunken in ihrem Badezuber.
Dieses Ereignis lehrt, dass selbst offenkundig wirkende Schlüsse grundfalsch sein können. Deswegen wurde die Bedeutung einer formellen Kriegserklärung erkannt und findet bis heute rege Verwendung. In den meisten Fällen wird sich dabei einer schriftlichen Nachricht per Boten bedient, doch es finden auch kreativere Arten der Übermittlung Anwendung. In vielen Fällen wird die Gegenpartei eingedenk solcher Ereignisse, wie dem oben geschilderten, zunächst die Kriegserklärung erwidern, ehe sie weitere Maßnahmen ergreift, jedoch ist dieses Vorgehen nicht zwingend erforderlich, um einen Krieg zu beginnen.
Nachdem der Krieg formell erklärt ist, beginnen die tatsächlichen Kriegshandlungen mit dem Aufstellen der Armeen. Da wie bereits angesprochen eine Kriegspartei oftmals ein sehr großer Verbund ist, etwa ein ganzes Land, oder zumindest eine ganze Stadt, verwundert es nicht, dass es zwischen den dauernden Einrichtungen wie Stadt- und Landwehren und einer Armee Unterschiede gibt. Erstere sind zum dauernden Einsatz aufgestellte, regelmäßig bezahlte Recken, während bei Zweiter zumeist jeder so genannte Wehrfähige, außerdem Hilfskräfte von außerhalb, etwa von verbündeten Nachbarn oder Söldner für eine eher kurze Zeit zum Waffengang verpflichtet wird. Diese Tatsache macht es unerlässlich, Angehörige einer Armee als zusammengehörig zu kennzeichnen um auf dem Schlachtfeld die Übersicht behalten zu können. Sind in der Armee lediglich Angehörige mehrerer großer Gruppen vereint, die von sich aus bereits nach außen einheitlich als zusammengehörig erkennbar sind, mag diese gesonderte Kennzeichnung entfallen.
Diese Kennzeichnung erfolgt aus zwei Gründen. Zum einen soll damit nach innen die Geschlossenheit der Armee, die zur Erreichung eines ganz bestimmten Ziels ausgehoben wurde, verdeutlicht werden. Dadurch gewinnt die Armee an Kampfmoral und der Einzelne kann, wie bereits gesagt, auf dem Schlachtfeld leichter zwischen Freund und Feind unterscheiden, was gerade bei stark gemischten Armeen wichtig ist. Zum anderen soll diese Einheit auch nach außen gezeigt werden. Der Grund hierfür ist abermals im Gedenken des Ersten Mordes zu finden, jede Armee soll gewissermaßen ein Wesen verkörpern.
Der wichtigste Akt in jedem Krieg ist das Aufeinanderprallen der Armeen, da hier der Erste Mord tatsächlich rituell zelebriert wird. Der Funke Alatars, wenn ihn auch manche von uns sonst sehr gekonnt unterdrücken, erwacht bei diesem Fest in jedem, der daran teilnimmt! So war Alatars Wirken im Ersten Mord, dass selbst die Göttin Temora dazu verflucht ist, diesen Funken in sich zu tragen und nach dem Schwert zu greifen, um zu morden, wie auch ihre Diener es tun! Wie sollen die sterblichen Völker einem Ruf widerstehen, der, einmal ausgestoßen, so gewaltig nachhallt, dass selbst die Jungen Götter ihm verfallen sind?
Bei diesem Aufeinandertreffen kann jede Seite zeigen, wie sehr sie Alatar verehrt, indem die Befehlshaber versuchen, einander mit möglichst ausgefeilten Kriegslisten zu überbieten, welche von verborgenen Einheiten über eine raffinierte Aufstellung der Truppen, Nutzung des Geländes, Ablenkungsmanövern bis hin zum Einsatz mächtiger Magie zum Zwecke der Täuschung oder Überraschung reichen. Die Möglichkeiten indes sind derart zahlreich, dass es eines eigenen Buches bedürfte, sie aufzuzählen!
Und so wird in beiden Armeen gemordet, bis eine von ihnen als ganzer Leib fällt, das ist Getares und einer siegend über ihm steht, das ist Alatar und dem Gedenken Genüge getan wurde!
Der letzte Akt des Krieges ist wiederum nicht mehr der Ehrung des Ersten Mordes gewidmet, sondern eine für Götter und Sterbliche unerlässliche Notwendigkeit, sofern es nicht gelungen ist, den Ersten Mord tatsächlich zu wiederholen und die andere Kriegspartei, nicht nur ihre Armee, vollständig zu ermorden. Im schlimmsten Fall findet der Krieg ein Ende, ehe die Armeen sich überhaupt einmal gegenüberstanden, was nur als schändliche Verachtung des Ersten Mordes gedeutet werden kann. Derartige Widerwärtigkeiten erfolgen oftmals durch Einmischung Dritter, die selbstsüchtigen Zielen, etwa einem Aufrechterhalten des Handels mit beiden Kriegsparteien, folgen. Sollte dieser Fall eintreten, verzaget nicht! Man hat euch um diese Möglichkeit des Ersten Mordes zu gedenken gebracht, doch weitere werden folgen, da der Funke Alatars in euch allen glimmt und ihr früher oder später Seinem Ruf abermals Folge leisten werdet!
Es kann aber auch sein, dass eine der Kriegsparteien der Anderen einen Friedensschluss vorschlägt. In diesem Fall muss die andere Seite entscheiden, ob sie ihm zu diesem Zeitpunkt zustimmen kann, oder nicht. Sie stimmt immer dann zu, wenn sie der Meinung ist, des Gedenkens an den Ersten Mord sei Genüge getan. Sobald beide Seiten dem Friedensschluss zugestimmt haben, was natürlich voraussetzt, dass einer seine Rolle als Alatar, der andere seine als Getares akzeptiert, werden meistens noch Bedingungen ausgehandelt, die aber eher weltlicher Natur sind und daher hier nicht interessieren. Es soll jedoch schon vorgekommen sein, dass diese Bedingungen ihrerseits als erneute Kriegserklärung gewertet wurden und somit einen weiteren Krieg auslösten!
Nachdem Viridian das Buch fertig gelesen hatte, saß er eine geraume Weile schweigend und nachdenklich da. Der Autor des Buches, das er vor zwei Jahren aus einer Laune bei einem fahrenden Händler erworben hatte, ein gewisser General Datrion Glyst, schien beim Schreiben dieser Zeilen immer mehr in eine Art religiösen Wahn verfallen zu sein. Hatte sein Irrsinn sich zunächst in Grenzen gehalten, so waren die letzten Abschnitte weiter nichts mehr, als das Gefasel eines kranken Geistes. Natürlich kannte er die Geschichte vom Mord Alatars an Getares, aber allein der Gedanke, Krieg damit gleichsetzen zu wollen und ihn so zu einer Art Massengötterdienst zu erheben, war schlicht und ergreifend dumm. Dennoch enthielten diese Zeilen, wenn man sie vom fanatischen Eifer befreite, einige durchaus bemerkenswerte Feststellungen, das ließ sich nicht leugnen.
Doch dies war nicht der Grund, warum er das Buch nach all der Zeit wieder einmal gelesen hatte. Es war ihm um einen Satz gegangen, der darin stand und ihn all die Zeit über nicht losgelassen hatte, einen Satz, der für ihn nach und nach zu einer Aufforderung, einem Befehl geworden war.
Die Möglichkeiten indes sind derart zahlreich, dass es eines eigenen Buches bedürfte, sie aufzuzählen!
Die Strategien und Taktiken des Krieges, welch eine Vorstellung, sie in einem Buch binden zu wollen! Es schien absurd, geradezu unmöglich. Und dennoch, oder gerade deswegen lockte es ihn, sich daran zu versuchen. Nicht für andere, um seiner selbst willen. Dies war sie, die Aufgabe, die er sein Lebenswerk nennen könnte. Doch zunächst galt es, andere Dinge zu regeln.
Viridian griff nach Feder und Tinte, um einen Brief an Khazkal Deslon zu verfassen.
Seit Alatar alle Völker und Rassen lehrte, dass es zum Erreichen der eigenen Ziele sinnvoll sein kann, eine andere Existenz nur darum auszulöschen, weil es sie gibt und ihr bloßes Vorhandensein diesen Zielen im Wege steht oder stehen kann, ist ihnen der Mord bekannt und sie machen regen Gebrauch von ihm.
Im Verlauf der Zeiten haben die Völker gelernt, den Mord auf vielfältige Weise zu benutzen, heimlich oder öffentlich, an Einzelnen oder Gruppen, mit Klinge, Netz, Strick, Gift, Fallgrube, Worten.
Seitdem gibt es auch einen anderen Schrecken, welcher dem Mord nahe steht und welchem wir den Namen Krieg gegeben haben.
Es ist anzumerken, dass davon ausgegangen wird, dass Krieg selbst eher eine Art des Mordes ist, als dass eine Häufung bestimmter Morde sich zu einem Krieg summiert. Diese Überlegung mag ihre Schwächen haben, wird aber der Einfachheit halber beibehalten. Zu einem späteren Zeitpunkt könnte eine Herangehensweise nach umgekehrtem Muster folgen.
Zur Stützung der Theorie, dass Krieg selbst eine Art des Mordens ist sei folgende Definition von Mord aufgestellt und diese auf die Gegebenheiten des Krieges angewandt:
Um von einem Mord zu sprechen benötigt man eine Person, welche eine andere absichtlich und vorsätzlich zum Zwecke der (Fortführung ihrer) Selbstverwirklichung tötet.
In einem Krieg treten jedoch nicht einzelne Personen, sondern Personengruppen in diesen Konflikt, also ist es sinnvoller, die eben angeführte Definition von Mord so zu verändern, dass man statt Person Personengruppe setzt und nicht versucht, unter Beibehaltung der Definition aus einer Summe dieser einen Krieg abzuleiten.
Der Vorteil zeigt sich darin, dass die Kerneigenschaften der Absicht, der Vorsätzlichkeit und vor allem der Selbstverwirklichung im ersten Fall nur ein mal nachgewiesen werden muss, während es im zweiten Fall nötig wäre, etwa bei jedem Soldaten, der auf dem Schlachtfeld irgendeinen anderen Soldaten tötet, diesen Nachweis zu erbringen.
Das größte Problem bei einer völligen Gleichsetzung von Mord und Krieg besteht allerdings unzweifelhaft darin, dass ein Mord mit dem Ende der Existenz des Andern vollendet ist. Wäre also Krieg und Mord tatsächlich ein und dasselbe, so müsste er immer zwingend zum Ziel haben, die andere Personengruppe vollständig und für alle Zeiten zu vernichten. Dieses Ziel mögen Götter wie Sterbliche zwar verfolgen, doch nicht einmal die Götter bedienen sich zu diesem Zwecke des wirklich ununterbrochenen Gefechts, sondern unterscheiden – wenn wir den Priestern glauben dürfen – ebenfalls zwischen Phasen des Kampfes und der Ruhe.
Was ist Krieg?
Es ist unerlässlich, sich zuallererst klarzumachen, dass der Krieg, wie wir ihn heute kennen, eine Errungenschaft derjenigen Wesen ist, die das Konzept des Mordens, welches Alatar uns lehrte, begriffen. Denn auch Raubtiere nehmen Leben, doch ist dies kein Mord, da ihnen die von Alatar entfesselten Gefühle dazu fehlen.
Ein interessantes Phänomen stellen Untote dar, weil über ihr Bewusstsein recht wenig bekannt ist. Ob sie tatsächlich eigene Gefühle haben oder nicht, ist bei dieser Betrachtung jedoch nicht von Bedeutung, da sie nichts als ausführende Werkzeuge eines unzweifelhaft bewusst fühlenden Wesens sind. Man könnte sie vergleichen mit dem Schwert in der Hand des Soldaten. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, ob die Waffe einen eigenen Willen zum Töten besitzt, wenn bekannt ist, dass der Soldat, dem sie widerstandslos gehorcht, diesen besitzt.
Man könnte auch sagen, dass nur Kultur schaffende Völker (und sei diese noch so primitiv) den Mord und folglich auch den Krieg kennen und nutzen. Krieg ist also eine kulturelle Errungenschaft. Dies zeigt sich zum Beispiel daran, dass ein tatsächlicher Krieg an Voraussetzungen und Bedingungen geknüpft ist, welche erfüllt zu sein haben, um bei einer bestimmten Art des Mordens von einem Krieg sprechen zu können und ihn so von anderen Arten des Mordens abzugrenzen.
Diese Bedingungen sind:
- Mindestens zwei Kriegsparteien
- Mindestens eine Kriegserklärung
- Nach innen (oft auch nach außen) eindeutig erkennbare Zugehörigkeit der Kriegsparteien
- Aufeinandertreffen der Kriegsparteien bis zur Auslöschung einer der Kriegsparteien
- Eine Erklärung des Kriegsendes
Dass die Völker versuchen, jeden Krieg mit dem Ersten Mord gleichzusetzen, zeigt sich bereits im Konstrukt der Kriegspartei. Viele einzelne Wesen scharen sich in dieser, um zu zeigen, dass sie zum Zwecke des Krieges geeint sind, was sich auch dadurch zeigt, dass eine Kriegspartei meist nur für die Dauer des Krieges von Bestand ist. Überdies wurde das eingangs bereits angesprochene Problem erkannt, dass ein Krieg eigentlich mit der völligen Vernichtung einer Personengruppe enden müsste, um ihn mit einem Mord gleichsetzen zu können. Um dies nun zu gewährleisten, benennen die einzelnen Kriegsparteien häufig aus ihren Angehörigen eine so genannte Armee, welche fortan stellvertretend für die Gruppe steht. Mit der Vernichtung der Armee gilt meistens auch die gesamte Kriegspartei als vernichtet und der ritualisierten Wiederholung des Ersten Mordes wurde Genüge getan.
Der Begriff der Vernichtung ist hierbei nicht eindeutig belegt und ist vorab nie zu bestimmen. Es kann sich hierbei um die tatsächliche Tötung aller in der Armee vereinten Einzelwesen, deren Gefangensetzung, die Tötung oder Gefangensetzung der Befehlshaber oder eine andere Art der Hinderung weiterer Taten handeln. Wie im Abschnitt zum Kriegsende eingehender erläutert, bedarf es zur Feststellung der Vernichtung einer Armee und/oder einer Kriegspartei eines von beiden Seiten anerkannten Friedensangebots. Je nachdem, wie dieses zustande kommt, wird sich aus den Kriegsparteien eindeutiger oder weniger eindeutig ein Sieger (Mörder) und ein Besiegter (Erschlagener) herausstellen.
Die Rolle der Kriegserklärung ist interessant, wirkt sie doch auf den ersten Blick wie ein Frevel gegen den Ersten Mord, der zweifellos von Heimtücke bestimmt war. Eine Erklärung der eigenen Absichten scheint dem zu widersprechen, jedoch nicht zwingend. Kriege entstehen nicht aus heiterem Himmel und auch Getares wusste um die Feindseligkeit seines Bruders und auch wenn der tödliche Streich selbst heimtückisch erfolgte, war er dennoch nicht unangekündigt. Der Heimtücke Alatars wird im Krieg auf andere Weise Rechnung getragen, nämlich mit den so genannten Kriegslisten, welcher sich ein jeder General, gleich an welchen Gott er glauben mag, bedient. Auch ein Funke Alatars lebt nun einmal in jedem von uns und wenn wir ihm – bewusst oder unbewusst – Nahrung geben, kann er zu einer gleißenden Flamme erwachen. Die Kunst besteht also darin, die sich der unmittelbaren Gefahr bewusste andere Kriegspartei in eben jener heimtückischen Art zu überlisten.
Nach diesem kleinen Exkurs sei nun die Bedeutung der Kriegserklärung sowie daran anknüpfend verschiedene Arten ihrer selbst aufgezeigt. Nach herrschender Meinung stellt die Kriegserklärung selbst bereits den ersten Kriegsakt dar, wohingegen ein kriegerischer Akt nicht zwangsläufig als Kriegserklärung verstanden werden darf. Gerade dieser zweite Punkt ist vielen nicht sofort einleuchtend, weshalb es Not tut, diesen anhand eines Beispiels zu erklären.
Nämliches ereignete sich im Jahre 235 in den benachbarten Ländereien der Grafen Fredwin von Dachswall zu Hohenhub und der Gräfin Ismengard von Schmerzig-Allersgrund, im Folgenden als der Herr und die Dame bezeichnet. Die Dame hegte gegen den Herrn seit nunmehr zwei Jahrzehnten einen nicht geringen Groll, seit dieser die Hand einer ihrer Töchter, deren Namen aus Respekt ungenannt bleiben wird, verschmähte. Eines Wintertages wurde die Lindenbachbrücke mitsamt Zollhaus niedergerissen und ein jeder, der sich dort aufgehalten hatte, Zöllner, Zöllnerin, die beiden Knaben und die sechs Wachleute, grausam abgeschlachtet. Als einziger Hinweis auf die Angreifer fand sich ein abgerissenes Stück Stoff, welches der Zöllner mit der toten Faust so fest umklammert hielt, dass man ihm die Finger brechen musste, um daran zu gelangen. Es stellte sich als Fetzen eines jener Abzeichen heraus, welche die Dame ihren verdienten Truppen auf die Wappenröcke zu nähen erlaubte. Die neun Toten wären zu verschmerzen gewesen, doch stellte die Lindenbachbrücke die einzige Verbindung der Haupthandelsstraße über den Lindenbach, der in Wahrheit ein ausgewachsener Fluss war, im Umkreis von mehreren Meilen dar. Angesichts der verlorenen Einkünfte über Jahre, die es dauern würde, die Brücke neu zu bauen, ordnete der Herr seine Streitmacht an, unverzüglich die Burg der Dame zu belagern und sie hart zu bestrafen, während er selbst nach Verbündeten schickte. Auf ihrem Weg zur Burg der Dame hinterließen die Soldaten des Herrn eine Spur der Verwüstung auf dem Land der Dame. Als sie endlich deren Burg erreichten, hatte diese bereits ebenfalls Verbündete zu Hilfe gerufen um den, wie sie ihn nannte, grundlosen Angriff abzuwehren. Tatsächlich gelang es ihr, die Belagerung zu durchbrechen und zum Gegenschlag auszuholen. Doch auch der Dame gelang es nicht, des Herrn habhaft zu werden, der von seinen Verbündeten unterstützt wurde. Sechs Jahre lang tobte der Krieg zwischen den Nachbarn, bis ihre Kassen restlos leer, die Felder allesamt niedergebrannt, das Vieh verreckt, die Bauern geflohen und sämtliche Stadt- und Burgmauern geschleift waren. Am Ende einigten sich beide Seiten auf einen Waffenstillstand.
Es steht außer Frage, dass der Herr aus einem kriegerischen Akt eine Kriegserklärung ableitete und entsprechend reagierte. Nun kam es aber, dass vor Kurzem der Herr des nördlich der beiden Grafschaften gelegenen Lehens, der für seine klugen Konversationen und überaus geschickt geführten Verhandlungen weithin bekannte Fürst Janischak vom Turm im beachtlichen Alter von sechsundachtzig Jahren aus dem Leben schied. Die Bedeutung dieses Umstands für die hier dargelegte Sache wird deutlich, wenn man einer Passage seines Testaments Aufmerksamkeit widmet, in welchem er beschreibt, wie er einst den Herrn und die Dame gegeneinander ausspielte, um den dortigen Fernhandel zum Erliegen zu bringen und die Händler dazu zu bewegen, lieber die von ihm mit großem Aufwand angelegten so genannte Hauptstraßen zu benutzen. Da er jedoch wusste, dass der zweifelsohne vorhandene Vorteil der schnelleren Fortbewegung von den misstrauischen Krämerseelen gegen die Nachteile einer längeren Wegstrecke und erhöhter Weg- und Brückenzölle abgewogen wurde und diese Leute stets nur zögerlich auf derartige Wagnisse sich einzulassen bereit waren, ersann er die Idee, sie schlicht zu zwingen, indem er eine strategisch wichtigen Punkt in der Handelsroute seines Nachbarn auf Dauer blockierte. Leider kam dieses Wissen für den Herrn und die Dame einige Jahre zu spät, denn sie waren beide kurz nach dem Ende des Kriegs unter rätselhaften Umständen ums Leben gekommen, er war auf der Fuchsjagd vom Pferd gestürzt, das wohl vor einer Schlange scheute und hatte sich dabei den Hals gebrochen, sie fand eine Zofe ertrunken in ihrem Badezuber.
Dieses Ereignis lehrt, dass selbst offenkundig wirkende Schlüsse grundfalsch sein können. Deswegen wurde die Bedeutung einer formellen Kriegserklärung erkannt und findet bis heute rege Verwendung. In den meisten Fällen wird sich dabei einer schriftlichen Nachricht per Boten bedient, doch es finden auch kreativere Arten der Übermittlung Anwendung. In vielen Fällen wird die Gegenpartei eingedenk solcher Ereignisse, wie dem oben geschilderten, zunächst die Kriegserklärung erwidern, ehe sie weitere Maßnahmen ergreift, jedoch ist dieses Vorgehen nicht zwingend erforderlich, um einen Krieg zu beginnen.
Nachdem der Krieg formell erklärt ist, beginnen die tatsächlichen Kriegshandlungen mit dem Aufstellen der Armeen. Da wie bereits angesprochen eine Kriegspartei oftmals ein sehr großer Verbund ist, etwa ein ganzes Land, oder zumindest eine ganze Stadt, verwundert es nicht, dass es zwischen den dauernden Einrichtungen wie Stadt- und Landwehren und einer Armee Unterschiede gibt. Erstere sind zum dauernden Einsatz aufgestellte, regelmäßig bezahlte Recken, während bei Zweiter zumeist jeder so genannte Wehrfähige, außerdem Hilfskräfte von außerhalb, etwa von verbündeten Nachbarn oder Söldner für eine eher kurze Zeit zum Waffengang verpflichtet wird. Diese Tatsache macht es unerlässlich, Angehörige einer Armee als zusammengehörig zu kennzeichnen um auf dem Schlachtfeld die Übersicht behalten zu können. Sind in der Armee lediglich Angehörige mehrerer großer Gruppen vereint, die von sich aus bereits nach außen einheitlich als zusammengehörig erkennbar sind, mag diese gesonderte Kennzeichnung entfallen.
Diese Kennzeichnung erfolgt aus zwei Gründen. Zum einen soll damit nach innen die Geschlossenheit der Armee, die zur Erreichung eines ganz bestimmten Ziels ausgehoben wurde, verdeutlicht werden. Dadurch gewinnt die Armee an Kampfmoral und der Einzelne kann, wie bereits gesagt, auf dem Schlachtfeld leichter zwischen Freund und Feind unterscheiden, was gerade bei stark gemischten Armeen wichtig ist. Zum anderen soll diese Einheit auch nach außen gezeigt werden. Der Grund hierfür ist abermals im Gedenken des Ersten Mordes zu finden, jede Armee soll gewissermaßen ein Wesen verkörpern.
Der wichtigste Akt in jedem Krieg ist das Aufeinanderprallen der Armeen, da hier der Erste Mord tatsächlich rituell zelebriert wird. Der Funke Alatars, wenn ihn auch manche von uns sonst sehr gekonnt unterdrücken, erwacht bei diesem Fest in jedem, der daran teilnimmt! So war Alatars Wirken im Ersten Mord, dass selbst die Göttin Temora dazu verflucht ist, diesen Funken in sich zu tragen und nach dem Schwert zu greifen, um zu morden, wie auch ihre Diener es tun! Wie sollen die sterblichen Völker einem Ruf widerstehen, der, einmal ausgestoßen, so gewaltig nachhallt, dass selbst die Jungen Götter ihm verfallen sind?
Bei diesem Aufeinandertreffen kann jede Seite zeigen, wie sehr sie Alatar verehrt, indem die Befehlshaber versuchen, einander mit möglichst ausgefeilten Kriegslisten zu überbieten, welche von verborgenen Einheiten über eine raffinierte Aufstellung der Truppen, Nutzung des Geländes, Ablenkungsmanövern bis hin zum Einsatz mächtiger Magie zum Zwecke der Täuschung oder Überraschung reichen. Die Möglichkeiten indes sind derart zahlreich, dass es eines eigenen Buches bedürfte, sie aufzuzählen!
Und so wird in beiden Armeen gemordet, bis eine von ihnen als ganzer Leib fällt, das ist Getares und einer siegend über ihm steht, das ist Alatar und dem Gedenken Genüge getan wurde!
Der letzte Akt des Krieges ist wiederum nicht mehr der Ehrung des Ersten Mordes gewidmet, sondern eine für Götter und Sterbliche unerlässliche Notwendigkeit, sofern es nicht gelungen ist, den Ersten Mord tatsächlich zu wiederholen und die andere Kriegspartei, nicht nur ihre Armee, vollständig zu ermorden. Im schlimmsten Fall findet der Krieg ein Ende, ehe die Armeen sich überhaupt einmal gegenüberstanden, was nur als schändliche Verachtung des Ersten Mordes gedeutet werden kann. Derartige Widerwärtigkeiten erfolgen oftmals durch Einmischung Dritter, die selbstsüchtigen Zielen, etwa einem Aufrechterhalten des Handels mit beiden Kriegsparteien, folgen. Sollte dieser Fall eintreten, verzaget nicht! Man hat euch um diese Möglichkeit des Ersten Mordes zu gedenken gebracht, doch weitere werden folgen, da der Funke Alatars in euch allen glimmt und ihr früher oder später Seinem Ruf abermals Folge leisten werdet!
Es kann aber auch sein, dass eine der Kriegsparteien der Anderen einen Friedensschluss vorschlägt. In diesem Fall muss die andere Seite entscheiden, ob sie ihm zu diesem Zeitpunkt zustimmen kann, oder nicht. Sie stimmt immer dann zu, wenn sie der Meinung ist, des Gedenkens an den Ersten Mord sei Genüge getan. Sobald beide Seiten dem Friedensschluss zugestimmt haben, was natürlich voraussetzt, dass einer seine Rolle als Alatar, der andere seine als Getares akzeptiert, werden meistens noch Bedingungen ausgehandelt, die aber eher weltlicher Natur sind und daher hier nicht interessieren. Es soll jedoch schon vorgekommen sein, dass diese Bedingungen ihrerseits als erneute Kriegserklärung gewertet wurden und somit einen weiteren Krieg auslösten!
Nachdem Viridian das Buch fertig gelesen hatte, saß er eine geraume Weile schweigend und nachdenklich da. Der Autor des Buches, das er vor zwei Jahren aus einer Laune bei einem fahrenden Händler erworben hatte, ein gewisser General Datrion Glyst, schien beim Schreiben dieser Zeilen immer mehr in eine Art religiösen Wahn verfallen zu sein. Hatte sein Irrsinn sich zunächst in Grenzen gehalten, so waren die letzten Abschnitte weiter nichts mehr, als das Gefasel eines kranken Geistes. Natürlich kannte er die Geschichte vom Mord Alatars an Getares, aber allein der Gedanke, Krieg damit gleichsetzen zu wollen und ihn so zu einer Art Massengötterdienst zu erheben, war schlicht und ergreifend dumm. Dennoch enthielten diese Zeilen, wenn man sie vom fanatischen Eifer befreite, einige durchaus bemerkenswerte Feststellungen, das ließ sich nicht leugnen.
Doch dies war nicht der Grund, warum er das Buch nach all der Zeit wieder einmal gelesen hatte. Es war ihm um einen Satz gegangen, der darin stand und ihn all die Zeit über nicht losgelassen hatte, einen Satz, der für ihn nach und nach zu einer Aufforderung, einem Befehl geworden war.
Die Möglichkeiten indes sind derart zahlreich, dass es eines eigenen Buches bedürfte, sie aufzuzählen!
Die Strategien und Taktiken des Krieges, welch eine Vorstellung, sie in einem Buch binden zu wollen! Es schien absurd, geradezu unmöglich. Und dennoch, oder gerade deswegen lockte es ihn, sich daran zu versuchen. Nicht für andere, um seiner selbst willen. Dies war sie, die Aufgabe, die er sein Lebenswerk nennen könnte. Doch zunächst galt es, andere Dinge zu regeln.
Viridian griff nach Feder und Tinte, um einen Brief an Khazkal Deslon zu verfassen.