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Der blinde Weg

Verfasst: Samstag 28. Februar 2009, 09:12
von Seraja Valer
Die kleine Herberge vor Bajard war gehüllt in Stille. Das war auch kaum verwunderlich, war es doch Nacht und die meisten welche hier untergekommen waren, schliefen friedlich und gaben sich ihren Träumen hin. In einem der Zimmer jedoch lag eine Person in ihrem Bett und schlief nicht, Seraja lag da, schwieg, aber der Schlaf wollte sie nicht wirklich heimsuchen. Unzählige Gedanken schwirrten durch ihren Kopf, vieles war passiert seit sie wieder hierher zurückgekehrt war; zurück nach Gerimor und am Ende lag sie hier, in einem Bett und mit einem vollen Magen, was sie sich selbst nicht hätte träumen lassen, denn ihre Ankunft in Bajard fiel so aus, wie sie es sich immer gedacht hatte.

All die letzten Monde, ja fast schon ein ganzes Jahr, hatte sie den Kontakt mit anderen Menschen gemieden, hatte sich wieder ihrer vagabundierenden Lebensweise hingegeben. Und in Bajard war alles wieder gewesen wie immer, jedenfalls war sie sich sehr sicher darum, als sie das Getuschel hörte als sie an Leuten vorbeiging, das Gemurmel, welches augenblicklich erstarb, wenn sie jene erreichte. Seraja konnte nur erahnen wie ihre Gesichtsausdrücke waren und sie konnte sich auch nur denken wohin sie alle starrten; auf die Augenbinde die sie trug und die ihre Augen verdeckte.
Seraja trug sie um ihre trüben und fast schon milchigen Auen zu verbergen, das Zeichen ihrer Blindheit, die ihr immer nur eines brachten; Mitleid und sie wollte das nicht. Zehn Jahre war es nun her, dass sie im Alter von 16 Jahren erblindet war, zehn Jahre in welchen sie gelernt hatte, mit der Blindheit zu leben, eine Routine in vielen Dingen zu entwickeln und doch; nichts war mehr wie früher.

Doch nicht nur die Augenbinde war es, meistens war der zweite verwunderte Blick der Menschen auf ihre Schwertscheide gerichtet, welche sie bei sich trug. Immer wieder hatte man sie gefragt ob sie kämpfte und immer wieder hatte sie es bejaht, denn der Kampf war das Einzige was Seraja noch aus ihrem früheren Leben blieb. Natürlich konnte sie nicht gegen Monstren kämpfen, sie war nicht in der Lage auf Jagd zu gehen wie es andere taten aber sie war in der Lage sich mit einem einzelnen Gegner zu messen, sie war in der Lage sich zu duellieren und sie war nicht wehrlos … auch wenn ihr fehlendes Augenlicht ein immenser Nachteil war, denn durch Gehör und Gefühl ließ sich längst nicht alles ausgleichen und so war sie dankbar dass sie nur zweimal ihr Leben gewaltsam verteidigen musste und dabei erfolgreich gewesen war.
Der Kampf war lange Zeit ihre einzig leitende Motivation gewesen, sie hatte ihr Training fortgesetzt, hatte mit anderen Menschen geübt und auch wenn die meisten Zuschauer sich nach einer Weile gelangweilt abwandten weil die Trainingskämpfe meistens aus unspektakulären Parrier- und Angriffsübungen bestanden, so gab Seraja dies Kraft und sie hatte den festen Willen die Waffe niemals abzulegen, ganz gleich ob ihre Welt nun aus Dunkelheit bestand oder nicht.

Jetzt, wo sie so in dem Bett lag, war die Augenbinde nicht mehr angelegt, sie lag griffbereit unter ihrem Kopfkissen und die milchigen Augen waren geöffnet „blickten“ in Richtung Decke und Gedanken an die Menschen aus der Herberge schossen ihr in den Kopf, allen voran Zoljana, die aus irgendeinem Grund Jepp genannt werden wollte, und Cedric.
Jenen beiden Menschen verdankte sie die Tatsache, dass sie nun hier lag, jene Menschen hatten ihr selbstlos Hilfe angeboten und ihr gleichzeitig nicht das Gefühl gegeben, dass sie jemand war den man in Watte einhüllen musste.
Eine warme Mahlzeit, wärmere Kleidung und ein Bett, sie hatten ihr das alles für eine Weile angeboten und Seraja hatte angenommen. Die meiste Zeit hatte sie jedoch schweigend in der Herberge gesessen, den anderen Gästen zugehört und sich aus allem rausgehalten, es war immer noch ungewohnt und (was sie nicht gerne zugeben wollte) schwer unter mehreren Menschen zu sein. All die verschiedenen Stimmen, all die verschiedenen Geräusche die sie im Laufe der Jahre lernte besser herauszuhören, es war ab und an alles etwas zu viel für den Moment und doch; es tat irgendwie gut wieder unter anderen zu sein, wie vor einigen Jahren damals … als sie schon einmal auf Gerimor gewesen war.

Es war an der Zeit wieder einen Neuanfang zu wagen, ganz gleich wie dieser aussehen würde aber sie wusste eines; sie hätte sich keinen besseren Start wünschen können.

Verfasst: Montag 2. März 2009, 21:31
von Seraja Valer
Hilfe. Hilfsbereitschaft. Gaben. Entgegenkommen. Selbst jetzt nach über zehn Jahren hatte sie Probleme damit, Hilfe von Fremden anzunehmen, sich einzugestehen, dass es in ihrer Lage manchmal nicht anders möglich war. Die meisten Menschen meinten es nur gut, sie wollten helfen, ihr ein wenig Last von ihren Schultern zu nehmen, und doch … für Seraja war es am Ende immer eine Schmach. Früher, bevor ihre Augen erlahmt waren, wäre so etwas nie geschehen, sie war frei, sie war unabhängig und jetzt? Sie würde niemals gänzlich ohne fremde Hilfe auskommen und das war es, was ihr selbst nach zehn Jahren zu schaffen machte.
Es war erst an jenem Abend wieder geschehen; sie war in eine Taverne gegangen, sie wollte unter Menschen sein, Stimmen hören, die Tage in der Herberge hatten ihr das Zusammensein mit anderen wieder etwas schmackhafter gemacht. Doch es schien fast schon Schicksal zu sein; egal wie gewohnt, egal wie routiniert manche Bewegungsabläufe doch waren, es konnte immer etwas schief gehen und so hatte sie ihr Brot welches sie mitgebracht hatte geradewegs auf den dreckigen Tavernenboden katapultiert. Es war wieder geschehen und Seraja wollte nicht wissen wie viele Menschen dieses Missgeschick beobachtet hatte und nun hatte sie auch noch verdrecktes Essen, welches sie aber kommentarlos begann zu essen. Ganz gleich wie widerlich es war, es war ihre Mahlzeit und sie würde sie nicht wegwerfen, ganz gleich wie sehr man sie für eine Bettlerin halten mochte.
Doch die eigentliche Schmach folgte, es war sicher nur ein Akt der Freundlichkeit, doch eine Frau hatte ihr ein frisches Stück Brot bestellt, es ihr hingelegt und war gegangen ohne große weiteren Worte … und wieder fühlte sie sich schwach, wieder fraß sich ein gewisses Gefühl von Versagen in ihren Kopf; Abhängigkeit … und auch wenn sie wusste dass nichts Falsches darin lag, gelegentliche Hilfe anzunehmen, so war es ein seltsames Gefühl und das würde es wohl immer sein, ganz gleich was kommen würde.

Doch es gab auch genug Positives zu berichten. Sie hatte ihr Training wieder aufgenommen, sie hatte wieder angefangen ihre Kampfschritte zu üben und die einzelnen Schwerthiebe, sie fing an sich wieder in den Kampf einzuleben und so konnte sie auf ihr Ziel hinarbeiten, der Grund weswegen sie zurückgekehrt war … es würde bald Form annehmen, dessen war sie sich sicher. Sie brauchte nur Geduld … und die letzten fünf Jahre hatte sie davon mehr als genug gehabt, da würden ein paar Tage und Wochen auch kein Beinbruch werden.

Bald … bald würde sie wieder das Kinn mit Stolz heben können, sie wusste es.

Verfasst: Donnerstag 5. März 2009, 18:26
von Seraja Valer
„Und ihr seht absolut nichts?“

„Nein, meine Welt besteht nur noch aus Dunkelheit, Geräuschen und Gefühlen“

Vielleicht war die Beschreibung nicht die Exakteste die Seraja an diesem Tag hätte geben können, aber sie traf im Groben doch den ganzen Kern der Wahrheit. Seit jenem einen Nachmittag an dem ihre Augen ihr Licht ganz verloren hatten, bestand ihre Welt nicht einmal mehr aus Schatten oder dergleichen; es war wie als ob sie in einer dunklen Kammer eingesperrt sein würde … nur mit dem Unterschied, dass ihre Augen sich niemals an die Dunkelheit gewöhnte.
Die besten Verbündeten im alltäglichen Leben wurden ihre Sinne, ihr Gehör, ja sogar ihr Geruchssinn welcher sich aber nie zu stark ausprägte. Diese waren ihr auch im Kampf und im Training immer ein wertvoller Verbündeter gewesen und sie konnte sich immer auf sie verlassen, ganz gleich ob am Ende eine Niederlage anstand oder nicht. Immer, bis auf heute.

Es sollte nicht mehr als ein Trainingskampf werden, ihr eigentlicher Trainingspartner hatte sie leider versetzen müssen und so hatte sie, wenn auch deutlich Kleinlaut, nach einem erfahrenen Krieger gefragt. Jener fand sich auch schnell und zwar in Gestalt eines Mannes mit dem Namen Malachai Schwarzmourne, welcher bereit war ein kleines Übungsduell gegen sie auszufechten. Ob er überrascht war über diese „Herausforderung“ oder nicht, Seraja konnte es seiner Stimme nicht entnehmen und sie war sich sicher, dass er den anderen Gästen der Herberge auch nicht mehr zeigte als sie heraushören konnte.
Beide Kämpfer hatten sich vor der Herberge positioniert, keine Rüstung, nur mit einfacher Kleidung bestückt und jeder seine Waffe in der Hand, der erste Kampf seit einigen Wochen, der gegen einen anderen Krieger gefochten wurde.
Serajas Muskeln begannen sich anzuspannen, sie spürte wie ihre Brust sich vor Vorfreude schneller zu heben und senken begann, der kalte Winde wehte ihr durch das kurze Haar und alle Nerven waren plötzlich bis zum Zerreißen angespannt; er fing nicht an, er war nicht dumm, er wollte ihr keine Chance geben seine Schritte vorher zu hören … und so sprang sie vor und stach zu. Stich, Parade, Klingen prallten gegeneinander und wurden fortgedrückt, es war ein hin und her, Seraja versuchte alles um sie herum auszublenden, nur die Schritte Malachais zu hören, seinem Atem versuchend zu lauschen, die alten gewohnten Schritte anzuwenden. Sie griff nicht allzuviel an, sie konnte sich keine falschen Schritte erlauben und fast hätte sie ein Moment der Unachtsamkeit einen vorschnellen Sieg gekostet als Malachai versuchte ihr die Klinge an den Hals zu legen.

Die ersten Schweißperlen begannen sich trotz der Kälte zu bilden, ihr Gegner war gut, sehr gut sogar. Und dass er besser war, zeigte sich mit einem schnellen und unerwarteten Manöver. Beide Kontrahenten standen sich wieder gegenüber, ein Moment der Ruhe für beide, als Malachai plötzlich aufschrie und nach vorne stürzte, laut und deutlich, war das etwa Verzweiflung oder Ungeduld? Sie konnte es nicht wirklich glauben und sie sollte recht behalten … mit einem mal verstummten Malachais Schritte, als hätte der Schnee sie verschluckt, kein Geräusch, kein Atmen, kein knirschender Schnee … und dann die Klinge an ihrem Hals als er hinter ihr auftauchte. Besiegt.

Später saß sie auf ihrem Bett, die Augenbinde lag neben ihr und sie „blickte“ zur Wand. Sie hatte verloren, ja, aber es war eine ehrenhafte Niederlage gegen einen ehrenhaften und besseren Gegner. Sie würde sich davon nicht entmutigen lassen, Malachai war eine Herausforderung und sie würde daran erstarken. Und sie würde siegen …

Verfasst: Freitag 6. März 2009, 18:15
von Malachai Schwarzmourne
Es war bei Zeiten erstaunlich und alleine seine Art von Natura her, niemanden zu unterschätzen, liess ihn vielleicht siegreich sein.
Eine Frau...so jung...und gebeutelt vom Schicksale. Dennoch, so willensstark...sich nicht zurückwerfend und weiter ihre Ziele verfolgend.
Nein, er gab ihr keine Chance, er kämpfte so, als würde er gegen jeden anderen Feind kämpfen. Er hatte kein Mitleid...er wollte Sie nicht bemittleiden, wie es vielleicht andere tun machen...ihr nicht eine Illusion geben und sie ihrer wahren Kräfte berauben, ihr Bild von ihrem können verfälschen.
Ja, er war ihr Überlegen...aber nicht, weil Sie blind war...nein...sondern weil er ihre Schwäche zu seiner Stärke machte...nichts mehr....nichts weniger...eine Taktik, die er immer nutzte.
Doch er würde ihr ihre Schwächen aufzeigen...und vielleicht auch zeigen, wie man sie los wird...sie würde Üben, lange Üben und mit der Zeit...bei einem späteren Kampfe, würde Sie ihm Überlegen sein.
Ja...von nichts kommt nichts....alleine der Wille, es zu schaffen, vermag Berge zu versetzen.