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Sieh nicht mehr hin!

Verfasst: Donnerstag 26. Februar 2009, 08:22
von Savea Falkenlohe
Es wollte einfach nicht die ersehnte erholsame Nacht werden, obwohl das Bett der Herberge weicher war, als das, worauf sie behelfsmäßig genächtigt hatten in den letzten Nächten. Unruhig wälzte sie sich hin und her, bis sie es nicht mehr aushielt und leise aufstand, um Shaya nicht zu wecken.
Sie warf sich den Mantel über das Schlafgewand und schlich hinunter in den Herbergsraum.
Das Fräulein Palmira war wach, es hätten ja noch späte Gäste eintreffen können und war bereit ihr noch einen heißen Gewürzwein zu machen.
Im Grunde eine Nacht wie so viele zuvor, eine schlaflose… nur dieses Mal eine mit Konsequenzen.
Sie hatte Milady gewissermaßen versprochen darüber zu schlafen, ehe sie irgendwelche Konsequenzen aus den Geschehnissen zog.
Andererseits, hatte sie das nicht immer? Nicht immer irgendwelche Konsequenzen gezogen, egal wofür und für wen?
Die Enttäuschung lag nicht einmal darin, dass Leah aus ihrer Sicht seiner Hoheit und Milady erzählt hatte, was sich zutrug, nein, sie lag eher darin, dass Milady ihr zugetraut hatte, Leah etwas anzutun, mit dem Wissen darum, was ihr zuvor widerfahren war.
Von seiner Hoheit hatte sie nichts anderes erwartet, als eine übliche oberflächliche Betrachtung des Ganzen, ohne zu hinterfragen. Wie hatte Herr Sha’Ar den Vergleich angestellt? Männer sind Heuballen. Doch halt! Das betraf nicht die Sache um Leah. Ihre Gedanken sprangen weiter.
Eine Schokoladenspinne, wegen der Sir Rafael befürchtete sein Leben zu verlieren.

Wie die aufgescheuchten Hühner standen die Männer am Zaun und während der Sir in seinem Leid aufging, sein Ende nahen zu sehen, wenn ihre Erlaucht Gräfin von Sternwall sein Schokoladenspinnengeschenk von seiner Hoheit überreicht bekäme, gackerten die herum stehenden Herren der Schöpfung ihre Ideen heraus.
„Geh mit ihm Rafael, dann kann sich die Gräfin nicht entscheiden, wem sie eine Ohrfeige verpasst, wie der Esel, der Hungers starb, weil er sich zwischen zwei Heuballen nicht entscheiden konnte.“
„Wobei ich die Gräfin nun nicht mit einem Esel vergleichen möchte.“
„Nein, sie sieht besser aus.“

Männer… Heuballen.
„Lasst uns das Haus durchsuchen!“
„Und wenn wir die Spinne finden, dann essen wir sie auf!“
„Vergesst nicht, auch in Miladys Unterwäsche zu suchen!“

Nun war es genug.
„Sowohl seine Hoheit, als auch Milady sind nicht anwesend und so habe ich das Hausrecht, die Herren und ich gestatte dies nicht!“
„Dann sucht Ihr doch die Spinne und bringt sie uns heraus Fräulein Savea.“
„Das werde ich nicht tun. Es wird Zeit, dass die Herren eine Suppe selbst auslöffeln, wenn sie sich selbige eingebrockt haben.“
„Savea, habt Ihr nicht ein ganz bisschen Mitgefühl? Eine Tugend Temoras.“
„Für die Gräfin Sir? Ja.“


Sie fuhr sich mit der Hand über die müden Augen. Hausrecht hatte sie. Hatte sie?
Hatte sie im Anwesen Miladys, wenn diese nicht dort war. Dies aber war das Haus seiner Hoheit.
Seine Blicke, die mehr als deutlich sagten: „Ihr, Fräulein Savea seid hier nicht willkommen, also seht zu, dass ich Euch so wenig wie möglich zu Gesicht bekomme.“
„Konsequenzen Savea“, dachte sie müde.
Draussen tobt der Krieg und hier wird um eine Schokoladenspinne soviel Wind gemacht, als ginge es um Leben und Tod? Sieh nicht mehr hin!
Fräulein Leah tappte von einem Näpfchen in das andere? Sieh nicht mehr hin!
Die Leute tuscheln, dass eine junge Knappin sich von zwei Herren hofieren lässt? Hör nicht mehr hin!
Unschickliches Benehmen? Sieh nicht mehr hin!
Milady geht in die Höhlen, unschuldiges Leben in sich tragend? Sieh nicht hin!
Seine Hoheit begleitet sie, obwohl er den Schmerz kennt, wenn ein Kind stirbt? Sieh nicht hin!
„Die Höfe brennen!“
Sieh nicht hin.
Erst beim dritten Mal des Rufes registrierte sie, dass dies nicht zu ihren Gedanken gehörte und sprang auf. „Was?“
„Die Höfe vor Varuna brennen.“ , widerholte Fräulein Palmira.
Der nächste Gedanke galt der Bäuerin Yette und sie eilte hinauf ins Herbergszimmer.
„Shaya, wach auf!“