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Rabenrupfen
Verfasst: Donnerstag 5. Februar 2009, 21:48
von Tithlio Kryon
Die Schneeflocken, welche eng an eng, als wollten sie sich gegenseitig vernichtende Wärme schenken, auf den Zweigen der zahlreichen Tannen saßen, brachen den klaren Mondenschein irisierend – Vollmond, seit jeher übte er eine übernatürliche Faszination auf die Menschen aus, war wohl das einzige Licht in der Dunkelheit, dass mehr Furcht als Sicherheit schenkte… Licht als Quelle der Furcht? – Bei diesem Gedanken malte sich ein schmales Schmunzeln auf die pockenvernarbten Züge des nächtlichen Wanderers: Seine schweren Stiefel hinterließen deutliche Spuren im frischen Schnee. Es war recht früher Abend, der Tag würde noch einige Stunden andauern, und dennoch trieb das Zusammenspiel aus Mondlicht und Winterfinsternis die meisten „braven Bürger“ in die Tore der Stadt, doch selbst an sonnigen Sommertagen war der just beschrittene Pfad nicht all zu sehr geeignet neue Freundschaften zu schließen, denn kam er zwar von dem vielbereisten Fischer- und Händlerdorf Bajard führte er doch – seit dem die Gablung nach Varuna abgegangen war – nur noch tiefer in den Wald um schließlich an einer einzelnen Hütte zu enden.
Die Kälte hatte sich schon vor einiger Zeit durch die wollene Robe des Wanderers gefressen und unter ihr warteten keinerlei Fettpolster, das weitere Voranschreiten zu verhindern, doch das war auch nicht nötig: Direkt hinter der gerade durchschrittenen Biegung tauchte ein Licht auf und ähnlich wie das Blut der verletzten Jagdbeute in der Nase eines Raubtieres jedwede Spuren von Erschöpfung aus dem abgekämpften Leib hinausspülend, entzündete das entdeckte Licht jenes hitzige des Fanatismus in des Rabengottes Dieners Brust.
Das Licht war die Heimat eines Holzfällers und seiner Frau und während Tithlio mit ersterem bereits ein Geschäft getätigt hatte wusste letztere noch nichts von ihrem zweifelhaften Glück. Es war keine größere Herausforderung gewesen dafür zu sorgen, dass der Herr des Hauses eben dieses verließ: Ein Botenjunge mit ein paar Goldmünzen und einem nennenswerten Lieferauftrag für einige Stämme in angemessener Entfernung.
Der Duft des Kaminfeuers stieg Tithlio bereits in die Nase als er einen Moment inne hielt, prüfend betrachtete er die lange Klinge an seiner Seite: Sie war in noch frisches Blut getaucht, ein Reh, dass Kra’thors finstere Gabe niedergerungen hatte, war Spender dieses geworden. Zwei schnelle Griff zerzausten die Frisur etwas und rückten die Robe schief, damit waren auch schon alle Vorbereitungen abgeschlossen.
Verfasst: Samstag 7. Februar 2009, 20:15
von Tithlio Kryon
Noch einmal holte der Rabenjünger tief und ruhig Luft bevor er hastig zu atmen begann und seine Faust gerade zu panisch gegen die Tür schlug „Hilfe! So helft mir doch!“ es dauerte nur Momente dann wurde die Tür von einer rothaarigen Frau aufgerissen, 32 Jahre zählte sie – das wusste ihr Besucher - doch schienen die letzten zehn geradezu spurlos an ihr vorrübergegangen sein: Ihre Haut war makellos, das lange Haar glänzte im lodernden Licht des Kaminfeuers und die Figur – kaum durch die Nachtgarderobe verschleiert – hatte vermutlich schon unzähligen Männern den Kopf verdreht.
„Beruhigt euch guter Mann.. so beruhigt euch doch.. was ist denn geschehen?“ – Wieder war es da, dieses seltsame Gefühl in Tithlios Brust, die warme Stimme vereinte sich mit der Sorge seiner Gegenüber um einem glühenden Schwert gleich in seine Brust zu fahren, ein heftiger Schmerz, doch von mal zu mal das der Grauhaarige ihn erfuhr genoss er ihn mehr.
„Mein Onkel…“ Immer wieder unterbrach Tithlio seinen Vortrag durch ein von gespielter Erschöpfung hervorgerufenes Keuchen „..er wurde von einem Wolf angefallen! Im Wald.. nicht weit von hier.. den Wolf konnte ich bezwingen“ wie zum Beweis ob er die Blutverschmierte Klinge „Ihr müsst ihm helfen..! Bitte! Er blutet ganz fürchterlich.. So helft ihm doch.. bitte!“ Seine Hand schoss wieder an die Klinge als die Heilerin Anstalten machte die Tür zu schließen – hatte sie Verdacht geschöpft? – doch das hatte sie nicht, lediglich griff sie sich einen schweren Wintermantel, der an der Rückseite der Tür hing: „Zeigt mir den Weg!“
So machte sich der Seelenjäger ein weiteres mal auf in den Wald, wieder gefolgt von einer nur all zu schmackhaften Mahlzeit für den Rabenvater – so gutherzig, so unschuldig, so leichtsinnig.
Verfasst: Dienstag 3. März 2009, 12:26
von Tithlio Kryon
Ungewöhnlich schwer fiel jeder einzelne Schritt: War es der Schnee der an seinen dicken Stiefeln pappte... oder war es der Weg selbst der dem Grauschopf jedes Mal schwerer fiel… oder war es die viel zu gut gespielte Erschöpfung, die wahrhaftig an seiner Kondition zehrte? Was auch immer es war, mit jedem Schritt schien es genährt zu werden, mit jedem der ihn näher an die Stelle trug, die er sich erwählt hatte sein nächstes Opfer darzubringen.
„Geht es euch gut?“ Wie eine eisige Böe schnitt die sorgenvolle Stimme der Heilerin, die hinter ihm durch den Schnee stapfte, durch des Rabendieners gesamten Köper – aber war das, was er da fühlte, was ihm Schmerz zufügte wirklich Kälte? Tithlio fühlte wie er zu zittern begann, wie lang war das her? Zehn? Zwanzig Jahre?
„Seid ihr euch sicher?“ Einem lebensraubenden Dolchstoß gleich durchdrang der Heilerin Hand die dicke, wollene Robe und sogar den darunter liegenden Lederwams, als sie nur leicht die Schulter ihres Führers berührte.
„Beschreibt mir den Weg und geht ihr zurück zu meiner Hütte, das Feuer wird euch wärmen.“ Ein dröhnender Schmerz in seiner Brust, ganz als wäre der Heilerin angebotenes Feuer in seinem Leib aufgelodert um ihn, und alles was dazu gehört zu verzehren. „Unser Weg soll hier enden“ – Fuhr es zischend mit gepresster Stimme über die von der Kälte blassen Lippen „Euer Weg ist zuende“.
„Euer Onkel ist nicht verletzt, oder? Ihr braucht keine Hilfe, nicht wahr?“ Furcht entstellte die Züge der dem Tod Geweihten und sie wartete nicht einmal darauf die Frage auszuformulieren, bevor sie auf die Knie sackte, flehend: „Bitte lasst mich am Leben“. Als sei den flehenden Augen ein blutdürstender Wolf entsprungen um sich in des Rabendieners Kehle zu verbeißen, brachte er schwierig überhaut Worte über seine Lippen, die wenigen dann nur zittrig und über die Maße angestrengt: „Deine Seele dem Rabenfürsten!“ er spürte wie Panik seinen Blick umher hasten lies, die Kehle wie zerbissen, die Brust wie umschnürt schien jedes Wort das letzte zu sein, Angst und Unsicherheit brachen die nächsten: „Ich bitte dich, oh Rabenherr, nimm diese Seele von mir an!“
Verfasst: Dienstag 3. März 2009, 13:31
von Tithlio Kryon
Einem Häufchen Elend gleich saß der Rabendiener an einen Baum gestützt da, er wusste sich nicht zu bewegen und nie zuvor hatte er sich derart erschöpft, derart leer gefühlt: Die Kraft hatte ihm gefehlt zuzustechen und das geweihte Opfer war entkommen, nicht ohne ihrem Peiniger noch einen mitleidvollen Blick zuzuwerfen – Mitleid! Mit ihm! – doch die in jenem Moment gespürte Schwäche war eine deutlich andere als die jetzige, hatte erstere einen unerklärlichen, geradezu befriedigenden Beigeschmack, wie die nach einer großen Kraftaufwendung und damit einhergehendem Erfolg, war die jetzige nicht mehr als die pure Abwesenheit von Kraft – nie zuvor gespürt.
Es verging bedeutungslose Zeit, bevor er sich wieder aufraffen konnte, die Robe triefend nass vom geschmolzenen Schnee: Er sehnte sich nach seinem Stab, jener Gehhilfe, die er schon so viele Male hatte hervortreten lassen, manifestiert aus den unzähligen Knochen und deren Staub, die jeden Meter Erde durchzogen: Doch da war nichts. Als hätte er versucht, aus einem leeren Bottich Wasser zu schöpfen: Ohne Hände. Weder war er in der Lage das Lied wahrzunehmen, noch hatte er die Macht es umzuformen.
Wie der Körper eines Zombis bewegte sich seiner, alle Kraft nur auf die lächerliche Bitte nach einem Stab fixiert, alle Gedanken um das Ausbleiben des gewünschten Effektes gekrümmt, doch dann holte ein Anblick sein Bewusstsein wieder zurück in die „wahre“ Welt: Vor ihm im Schnee lag im Nachtmantel der blasse und leblose Leib des ersten seiner Opfer, das ihm entkommen war: Der Schrecken war der Toten noch ins Gesicht geschrieben und zwei Knochenhaufen in direkter Nähe ließen erahnen, wer jenen Hinein getrieben hatte.
Die mühselig gesammelte Kraft stieb ruckartig aus des einstigen Rabendieners Leib und ohne die Möglichkeit der Gegenwehr sackte er gebrochen in den Schnee: Die Augen gefüllt von Tränen, eisig kalten Tränen…