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Adorans Zelte

Verfasst: Mittwoch 21. Januar 2009, 15:59
von Lunet Saraid
Scharf pfiff der kühle Nordwind um die Häuserecken. Eisige Finger strichen über die unbedeckten Hautpartien der Handwerker hinweg und immer wieder hörte man ein lautes Fluchen, als einige der provisorisch aufgestellten Windschutze umfielen und laut krachend zu Boden kippten. Die Gesichter der Männer waren bereits gerötet, während die schwieligen Hände von stark blauen Adern durchzogen wurden. Obwohl dicke Mäntel die muskulösen Körper der Handwerker schützten, groß geschnittene Mützen die Kälte von dem Haupt und den Ohren fern hielt und dicke Winterstiefel die Zehen vor Erfrierungen bewahrten, ließ sich doch von Tag zu Tag deutlicher erkennen, welchen Strapazen die Männer in der Stadt ausgesetzt waren. Der plötzliche Kälteeinbruch in der letzten Woche kostet die robusten, arbeitswilligen Männer regelrecht Ihre letzten Ressourcen und je schwerer die Arbeit am Tage wurde, umso schwerfälliger fielen mit der bitteren Kälte auch die sonst so geübten Handgriffe und Bewegungen. „Bei der Lichtbringerin! Diese verflixte Kälte wird uns noch alle an einer Lungenentzündung krepieren lassen!“, murrte Micha, einer der Bauarbeiter auf eine der vielen Baustellen der Stadt Adoran, während er nach und nach die vor Windböen schützenden Holzwände wieder beschwerte und gerade aufrichtete. Ihm war bewusst, dass die nächste stärkere Böe ein weiteres Mal über ein Dutzend der Wände umwerfen würde und er wieder mit den selben Handgriffen an der selben Stelle wie gerade eben stand. Männer, die in den tiefen, ausgehobenen Gruben für weitere Grundstücke standen, waren sehr wohl vor dem unbarmherzigen Wind geschützt, nicht jedoch vor der eisigen Kälte die Stück für Stück über den Boden kroch und jegliche Wärmequelle angriffslustig aufsuchte. So wechselten sich die fleißigen Handwerker stündlich ab: Gruben wurden ausgehoben, Fundamente wurden gesetzt und schwere Steine wurden herangeschleppt.

Lunet stand während dieses Schauspieles an einer windgeschützten Ecke. Von Ihrem Gesicht war kaum mehr als die Nase zu erkennen, hatte sie doch den Kragen des Wintermantels derart hoch geschlagen, dass die untere Partie des Gesichtes zur Gänze vor der eisigen Temperatur geschützt wurde und schließlich bedeckte die Kapuze des weit geschnittenen Umhanges noch Ihr Haupt bis in die Stirn hinein. Interessiert glitten die stechend blauen Augen über die Arbeitsstätte der Handwerker hinweg. Die vor wenigen Tagen noch einem Chaos gleichende Baustelle, glich nun immer mehr einem ansehnlichen Stadtteil. Pflastersteine bildeten die ersten Straßen, aus den Gruben wuchsen prächtige Anwesen und auch einige Verzierungen wie Straßenlaternen und -Schilder fanden bereits Ihren Platz. Die fleißigen Männer leisteten lobenswerte Arbeit und trotzten bereits seit Tagen den verschiedensten Witterungen: Niederschlag, Sturmböen, ja sogar Schneefall. Und obwohl sie jeden Tag voran kamen und scheinbar keine Pause benötigten, geschweige denn sich von derartigen äußeren Bedingungen in die Flucht schlugen ließen, sah ein genauer Beobachter wie sich langsam die ersten Frostbeulen bildeten, aufgerissene Haut die Arbeiterhände überzog und die ausgestoßenen Wolken vor Ihrem Mund immer größer wurden. Lunet wusste, dass die Gräfin mit Ihrem Anliegen Recht hatte. Sie hatte nicht nur Recht, sie wusste genauso wie die Hofschneiderin selber, dass es eilte. Es würde nicht mehr lange dauern und die ersten Arbeiter würden krank das Bett hüten müssen, anstatt an dem Aufbau der Stadt Adoran mitzuwirken.

„Nein, das könnte man sich nicht leisten. Die Gesundheit der Männer geht mit der Arbeitskraft einher.“
, sprach die Schneiderin nun recht leise zu sich selber, als sie sich bereits wieder auf den Rückweg machte. Sie hatte genug gesehen und bereits die wenigen Minuten an der Hausecke, wenige Meter von der Baustelle entfernt, hatten sie davon überzeugt, dass man diese Männer keine Woche länger so arbeiten lassen dürfte. Sie würde Zelte erschaffen, schützende Zeltplanen über den Köpfen der Männer, würden sie während Ihrer Pausen vor jeglicher Witterung schützen und Ihnen zeitweise wohltuende Wärme spenden. Für jede Baustelle sollte es ein Zelt geben, so groß dass mindestens fünf Handwerker gleichzeitig Ihre strapazierten Glieder in der Wärme ausstrecken konnten, um sich für einen Moment zu erholen. Wohl konnte sie sich weder in jene körperlich, anstrengende Arbeit hineinversetzen, noch konnte sie nachvollziehen wie sich der Griff der eisigen Hand nach zehn Stunden unentwegter Arbeit wohl anfühlen würde und dennoch wusste sie nach wenigen Momenten der Musterung, dass dieser Auftrag höchste Priorität hatte. So galt es schnellstmöglich verschiedene Stoffe passgerecht zu schneiden, Schnüre zu knüpfen und viel, viel Platz für die wachsenden Zelte in der Schneiderstube zu schaffen. Und obwohl es nur Zelte waren – wie die Gräfin sagte, wohl auch unter dem Niveau Lunets eigentlicher Arbeit gelegen – sollten sie etwas besonderes werden und die Handschrift der Hofschneiderin tragen. Stattlich und doch nicht zu pompös von der Größe, eine besondere Farbe, die nicht zu sehr ins Auge fiel und doch mit Wohlwollen betrachtet werden konnte und letztendlich noch eine Flagge die das Banner der Grafschaft zeigen sollte.

So stand die junge Schneiderin nun in Ihrem Anwesen, vor dem wärmenden Kamin, während sie an die in der Kälte frierenden Handwerker dachte. Mitgefühl spiegelte sich für einen Moment in Ihren Augen, als sie den Tee den Ihr die Heilerin einen Tag zuvor gegen Ihre Wunde gab, in der rechten Hand schwenkte. Sie würde trotz vorgeschriebener Bettruhe arbeiten, hatte die Gräfin doch durch diesen Auftrag einen gewissen Teil der Pflicht in Lunets Hände gegeben. „Adoran, die für den Bau beauftragten Handwerker und somit das Anliegen der Gräfin haben höchste Priorität, komme was wolle.“, schoss es der Hofschneiderin noch durch den Kopf, als sie den letzten Schluck aus Ihrem Tonbecher nahm und sich zurück an die ersten Skizzen der Zelte setzte. Wie all' Ihre Arbeiten, sollte es perfekt und ohne jeglichen Makel werden.

Verfasst: Sonntag 1. Februar 2009, 17:51
von Lunet Saraid
Obwohl die verschiedenen Zeltwände schwer waren und Ihre Arme dadurch immer mehr wie Blei wirkten, schleppte sie Stück für Stück regelrecht andächtig nach draußen an die frische Luft. Sie lehnte sogar die Hilfe einiger herankommender Handwerker ab, und hievte ein jedes Teil der Zelte selbstständig zu den unruhigen Packpferden hinüber. Der heutige Transport nach Adoran war der Abschluss Ihrer wochenlangen Arbeit, war das Zeichen Ihrer Treue gegenüber der Grafschaft, der Gräfin wie auch der neu entstehenden Stadt im Osten des Landes. Der eisige Ostwind wehte ein weiteres Mal scharf um die Hausecken herum und hinterließ rote Flecken auf all' den unbedeckten Hautpartien, derjenigen die sich tapfer der Witterung stellten und Ihr trautes Heim verließen. Es wurde in der Tat höchste Zeit, dass die Zelte die Baustellen in der Stadt erreichten, wäre doch sonst die Gesundheit der Männer bei dieser eisigen Kälte nicht länger gewährleistet.

Die letzten Tage waren geprägt von der Arbeit an den verschiedenen Zelten und obwohl Lunet Ihre Schneiderstube dabei geschlossen hielt, verbrachte sie tagtäglich mehr als elf Stunden an Ihrem Arbeitstisch um die Verarbeitung schnellstmöglich beenden zu können und der Gräfin ein perfektes Werk zu präsentieren. Sie sah die Sonne aufgehen, als die ersten Nähte gesetzt wurden und bereits einige Arbeitsstunden später sah sie die Wintersonne untergehen, während sie noch immer Nadelstich um Nadelstich durch die dicken Wände der Zelte bewegte. Die Größe des Zeltes wuchs mit jeder neuen Lage der dick und gut verarbeiteten Stoffe und bot letztendlich neben den ruhenden Arbeitern auch einigen Arbeitsgeräten Platz, um über die Nächte hinweg geschützt vor Wind und Wetter zu stehen. Wie die Gräfin gewünscht hatte, wurde eine jede Seite des Zeltes von Hand in einem leichten Grünton gefärbt, so dass der einzige Farbkontrast dazu die Flagge der Grafschaft auf der Spitze darstellte. Nur bei genauerem Hinsehen konnte man schließlich auch das dezente Siegel der Hofschneiderin erkennen; es wurde geschickt und lediglich dezent neben einem jeden Eingang der Zelte angebracht, um kein weiteres Aufsehen zu erregen.

Direkt nachdem die Arbeit an den Zelten beendet wurde, verfasste Lunet einen Brief zu Händen der Gräfin. Das Pergament, weiß und sehr ordentlich verarbeitet, wird von einem dezente bläulichen Siegel zusammengehalten und obwohl es dezenter nicht sein könnte, wird die Gräfin vermutlich bereits wissen von wem dieses edle Schriftstück stammt. Das Siegel zu brechen stellt keine Schwierigkeit dar, so dass sich dem Leser bald darauf die fein geschwungenen Schriftzeichen offenbaren. Lediglich die Anfangsbuchstaben eines jeden neuen Absatzes sind von geringen Verzierungen geprägt, während hingegen der Rest der Buchstaben ordentlich und gut leserlich mit dunkler Tinte auf das Papier gebracht wurde. Die Unterschrift darunter ist ordentlich gehalten und stellt den Leser erneut vor keine Probleme sie zu entziffern.


Unter dem Zeichen der guetigen Tugenbringerin Temora,
der streitbaren Tochter des Lichtes,
entbiete ich Euch hochachtungsvoll meine demuetigsten Grueße,
erlauchte Graefin von Sternwall.

Nach einiger Zeit des Wartens koenne ich Euch nun mit Freuden mitteilen, dass die Zelte fuer die Baustellen der Stadt Adoran fertig gestellt wurden und ich sie noch an diesem Abend in die Stadt transportieren werde, auf dass die Maenner nicht laenger den kalten Winden ausgeliefert seien.

Damit Ihr Euch sogleich ein Bild von den Zelten machen koennt, habe ich diesem Schreiben eine grobe Skizze der Zelte beigelegt, auf dass Ihr meine Arbeit betrachten, wie auch bewerten koennt. Wie von Euch gewuenscht habe ich die Zelte verschiedener Groeße in ein dezentes Gruen gefaerbt und sie an der Spitze mit der Flagge des Reiches versehen. Die Zelte bieten genug Platz fuer die Handwerker, wie auch einige Arbeitsgeraete. Die Waende sind wind- und wasserabweisend, auf dass das Krankheitsrisiko deutlich verringert wird und sich die Handwerker noch laenger um den wichtigen Aufbau der prachtvollen Stadt kuemmern koennen.

Ich gehe davon aus, dass die Maenner sich noch an diesem Abend um den Aufbau der Zelte kuemmern werden und Ihr sie bereits morgen in Ihrer Gaenze betrachten koennt. Jede Baustelle wird ein bis zwei Zelte erhalten, auf dass genuegend Schutz fuer alle vorhanden ist.

Es wuerde mich mit Freude erfuellen, so Ihr Euch bei Eurem angekuendigten Besuch in der Hofschneiderei bereits eine Meinung ueber meine Arbeit bilden konntet und mir diese mitteilen koennt. Solltet Ihr hingegen bis dahin noch nicht die Zeit gefunden haben die Zelte der Stadt zu betrachten, werde ich Euch gerne dorthin geleiten um Euch einen Einblick in die Arbeit – von Ihren Beginn bis zu Ihrem Ende – zu gewaehren.

So verbleibe ich mit dem Wunsch Euer Anliegen angemessene Eurer Vorstellungen erfuellt zu haben.

Hochachtungsvoll,


Lunet Saraid

Das Pergament wurde sogleich einem Boten der Schneiderstube übergeben, auf dass jener sich auf den Weg gen der Gräfin machte. Es war das Anliegen der Schneiderin Ihre Erlaucht noch an diesem Abend über die Fertigstellung zu unterrichten. So stand sie nun hier vor den Packpferden und hob ein jedes, sorgsam zusammengelegtes, Zelt unter großer Anstrengung auf den Rücken derer um sie dort vorsichtig festzuschnüren. Sobald sie mit den Pferden in Adoran ankommen würde, wäre es die Aufgabe der Handwerker die Zelte mit entsprechenden beigelegten Schnüren aufzustellen und an den richtigen Ort zu schaffen.