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Mütter sind lästig... oder?

Verfasst: Dienstag 6. Januar 2009, 14:11
von Pavel Istor
„Die submelodischen Elemente dieser Wesen können nur bedingt mit den trivial als „reale Geschöpfe“ bezeichneten Wesen in Einklang gebracht werden, so dass vergleichende Parameter zwar nötig erscheinen, jedoch mit gewisser Vorsicht zu genießen sind. Zwar ähneln sich Harmonik wie integratives Beiwerk, das die vollkommene Angleichung an die Kernstruktur des Schöpfungsliedes ermöglicht, jedoch fließt aufgrund der subjektiven Betrachtung des Magus im Prozess der Advocatio genug…“

Der junge Magier stockte mitten im Satz und überflog ihn noch einmal. All diese wirren Konstruktionen, Sätze, deren einziger Sinn darin zu bestehen schien, denjenigen zu verwirren, der ihn lesen musste. All diese künstlichen Worte für Dinge, die man gar nicht zu beschreiben brauchte – weil die meisten Menschen sowieso zu einfältig und ungebildet waren, die wahre Bedeutung dahinter zu begreifen. Worte, geschrieben um Wissen zu sichern und zu verschlüsseln, das demjenigen, der es hat, unendliche Macht bringen würde. Wenigstens ein guter Grund, sich durch diese schier endlosen Ansammlungen dicker Bücher und Schriftrollen zu wüten – und vielleicht auch der einzige, sieht man von einer Lehrerin ab, die Faulheit und Müßiggang zu bestrafen wusste.

Pavel lehnte sich im Stuhl zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Den halben Tag hatte er nun schon wieder in der Bibliothek zugebracht und alle möglichen Kompendien und sonstigen Bände gesammelt, die ihm beim Studium dieses Wesens helfen würden, bei der Aufgabe, die man ihm zugewiesen hatte – oder zumindest helfen sollten. Ein mühsames Unterfangen – diejenigen Autoren, die für eine erste Analyse oberflächlich genug berichten konnten und dies auch meistens taten, schienen keinem dieser Wesen jemals wirklich nahe gekommen zu sein. Einfachste, profane Trivialliteratur, kaum würdig des Platzes, den sie in dieser Welt einnahmen. Und die anderen, die Gelehrten, ergingen sich in einer Flut aus detaillierten anatomischen und metaphysischen Erklärungen, für die ihm schlicht die Zeit fehlte, sie alle zu begreifen. Sie zerlegten den sezierten Körper in seine einzelnen Bestandteile, blätterten ihn vor dem Leser auf wie ein abgegriffenes Buch und beschrieben seine Inhalte wie die Zutaten eines Küchenrezeptes. Wenn der Leser dann – nach intensivem Studium der anatomischen Details – der Meinung ist, das Wesen genau zu kennen, wird die melodische Struktur im Schöpfungslied näher thematisiert – und dabei das gesamte bislang Gelernte wieder in Frage gestellt. Und dies alleine in einem einzigen Band! Überflüssig zu erwähnen, dass nahezu jeder, der die feurigen Jäger jemals beschrieben hat, eine etwas andere Interpretation zur Verfügung stellte. Ein endloser Kreis, der nirgendwo ein Ende zu nehmen schien.

Wenn er sich wenigstens hätte konzentrieren können auf seine Arbeit, doch zwischen jedem zweiten Satz blitzte das Bild einer Frau vor seinem geistigen Auge auf. Das alleine mochte auch für den ein oder anderen Ordensbruder Ablenkung genug sein, aber seine Gedanken waren nicht erfüllt von der leidenschaftlichen Vorstellung einer gemeinsamen Nacht – ihn erfüllte nurmehr… ja, was eigentlich? Sicherlich Zorn, eine gewisse Spur Wut war auch mit dabei, beides erfüllte das Leben und machte es erst lebenswert. Hass? Das bliebe zu überlegen. Und dann war da noch etwas gänzlich anderes, eine Art kindische Frohnatur, die sich verschmitzt und verschlagen die Hände rieb.

Pavel schüttelte den Kopf und ließ kurz beide Schultern kreisen, um sich wieder zu entspannen. An ein weiteres theoretisches Studium der Geschöpfe war nicht zu denken, sein Kopf fühlte sich an wie ein aufgeblasener, überdehnter Sack, in den nichts, aber auch rein gar nichts mehr passte. Mit einer gewissen inneren Erleichterung klappte er auch das letzte Buch zusammen, fuhr mit der flachen Hand über den Buchdeckel und stellte es zurück an seinen Platz – wie üblich genauestens beobachtet von der Arkoritherin, die für die Ordnung in der Halle des Wissens zuständig war. Der schwarze, fast schattenartige Mantel, den er trug, flatterte leicht als er mit weiten Schritten den Torbogen durchschritt und den Weg durch die Burg suchte.


„Welch interessante Erscheinung, so nahe des Walls... auf Boden der Grafschaft.“ So hatte diese Frau also doch tatsächlich die Gegenwart eines Wissenden zur Kenntnis genommen, knapp vor den Toren jener Minenstadt, in der für Pavels Verständnis kaum mehr als geistlose, dumme Handwerker hausten, deren einziger Lebensinhalt allein darin zu bestehen schien, sich täglich der dreckigen Arbeit hinzugeben. Eigentlich hatte er gar nicht vorgehabt, die Frau weiter zu beachten, sie störte ihn in seinen Studien – war aber offensichtlich mehr als interessiert daran, ihn auch weiterhin zu tangieren. Ihre Robe und der Stab mit der sonnenbewehrten Spitze wiesen sie als Priesterin aus, als Sprachrohr jener Göttin, die nicht einmal mehr fähig war, ihre eigene Schöpfung zu wahren. Pavel hatte in all seinen Studien nur wenig Zeit gefunden, sich mit den theologischen Konzepten der Grafschaft zu befassen, und im Grunde interessierten sie ihn ebenso wenig wie die Vorstellungen der Templer aus Rahal. Vielleicht war er einmal religiös gewesen, als er noch schwach und minderwertig war. Doch nun? Seine Religion, sein Gott blieb die Macht, und seine Gemeinschaft der Orden. Die Schöpfungsmutter war zwar dennoch Teil sogar seiner ersten Nächte zwischen all den Büchern gewesen, doch das in erster Linie nur wegen ihres Liedes, das er zu manipulieren suchte. Auf einen theologischen Disput mit einem Priester konnte er sich aber gewiss nicht einlassen – und diese Frau schien das wohl ähnlich zu sehen, nur erpicht darauf, ihn wieder vom Boden der Grafschaft zu tilgen – notfalls auch mit drastischeren Mitteln, wie sie ihm zu verstehen gab. Allein die Weisheit ließ Pavel nachgeben – abgesehen von der Tatsache, dass er seine Studien an jenem Ort sowieso beendet hatte.

Ein einfache, kräftige Bewegung seines Armes und der Tisch war freigefegt von all den Zetteln und Büchern. Das Chaos in seinem Zimmer wuchs von Tag zu Tag an, Zettel aller möglichen unterschiedlichen Studien flogen durcheinander, Bücher versperrten ihm aufgeschlagen und verknickt den Weg zu seinem Bett. Aber das Chaos hatte eine gewisse inspirierende Natur – und machte weniger Arbeit, als anzunehmen gewesen war. Aus einem Schrank am anderen Ende des Zimmers holte er eine metallene Feuerschale und setzte sie inmitten des breiten Tisches. Kohlen oder Holz brauchte er nicht – eine kurze Konzentration auf das Lied musste genügen. Lange genug hatte er nun schon mit diesem Spielzeug geübt und seine Fähigkeiten in der Fixation der Melodien verbessert. Es war kaum mehr fordernd, aber dennoch eine entspannende, geistige Übung.

Dass er am späten Abend noch einmal auf eine Priesterin der Eluive stieß, war reiner Zufall gewesen – vielmehr hatte er wieder auf einen Zusammenstoß zwischen diesem dicken Horteraspriester und irgendjemand anderem gehofft. Das Glück war ihm jedenfalls hold, wie es schien – gehüllt in die einfache, lumpige Kleidung eines schwachen Menschen erweckte er leicht den Eindruck eines gutmütigen, lebensfrohen Mannes. Der reisende Händler, den er mimte, hatte ihm schon mehrfach seine Identität geliehen – beliebig ersetzbar, und doch recht nützlich bislang. Auch „ihre Gnaden“ schien recht angetan von seiner geschwätzigen, etwas einfältigen Art. Vielleicht war ihm seine Herkunft doch nützlicher, als er gedacht hatte. Schnell kam man von einem aufs andere, von den unsäglichen Piraten, die Bajard verwüstet hatten, bis zu den Lehren der Mutter, die einem jeden Menschen eine zweite Chance gewährte. Eine zweite Chance? Dass die belanglose Begegnung vor Berchgard ihm wieder in den Sinn kam, konnte kein Zufall sein – und weckte seine Neugierde. Man kam von verdorbenen Menschen auf die Rückführung zum „wahren Pfad“, von der „Stadt der Guten“ mit Namen Varuna zur „Stadt der Bösen“ – Rahal. Und endete letztlich mit einer Einladung ins Domizil der Kirche Eluives.

Nachdenklich starrte Pavel ins Feuer der Schale. Die Flammen züngelten von einer Seite auf die andere, als zögen sie sich an unsichtbaren Fäden empor, die dann doch wieder unter dem Gewicht der Last nachgaben. Aber er beobachtete ihr Spiel gar nicht so sehr, verfolgte vielmehr die stimmigen Bewegungen, die das feurige Leben in den Melodien des Liedes auslöste. Dann eine kurze, ruckartige Änderung und das Feuer erlosch im Nichts. Der junge Magier erhob sich wieder – er würde mit der Magistra sprechen müssen.