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Geschichten vom kleinen Wildfang

Verfasst: Mittwoch 19. Oktober 2005, 13:21
von Keely Flinn
"Sie kommt zurück.. ich weiss es... nun hör auf, Weib, ich weiss es..!" brüllte Conall Flinn in Richtung Ailidh, welche verzweifelt versuchte ihre Eigenerschütterung mit dem krampfhaften Umklammern des hölzernen Schemels wettzmachen. "Hör auf!" warf er ein weiteres Mal in ihre Richtung als plötzlich auch der kleine Duane, der selbst seinen Halt im Rockgurt der Mutter gefunden hatte, in ihr Schluchzen miteinfiel. Welch jämmerliches Bild gaben seine beiden Lieben nun ab. Im verzweifelten Schmerz die Gesichter verzerrt, Rotz und Tränen vermischten sich auf den Zügen zu einer glitzernden, schweissigen Masse und würzte die Greinfalten mit besonderer Hässlichkeit. Ailidh war eine starke, bodenständige Frau und Duane alles andere als ein weichliches Muttersöhnchen aber diesmal hatte er sie beide mit seiner Entscheidung gebrochen. Beide? Wie eine glühende Nadel zuckte die heisse Erkenntnis spitz und fast flüssig vom Nacken ab durch sein Rückenmark und in panischer Hast drehte er den Kopf von beiden ab um gen Butzenscheiben des einzigen Fensters in der Stube zu starren. Die wenigen Lichter ausserhalb des Heimes, in den Strassen fernab Bajards verschwammen wirr zu dicken Glühwürmchen. Dies lag nicht nur an der hubbeligen Beschaffenheit der dicklichen, einfachen Glasfläche, sondern auch am niederrasselnden, ohrenbeträubenden Regen, welcher diese eh schon ungemein düstere Nacht mit grimmigem Nachdruck heimsuchte. Irgendwo da draussen lief sein kleines Mädchen, sein Sonnenschein, sein inniger Stolz. Lief im Regen, hastete und drehte das Köpfchen vermutlich nicht einmal im Rennen um dem Elternhaus eine Art Abschied zu widmen. Warum auch? Das würde sie zerreissen, er kannte sie zu gut und dann hätte er sie alle, alle vier gebrochen... mit seiner grausam unnachgiebigen Entscheidung.
*****
Tatsächlich... sie hastete, rannte. Die Armbrust über der Schulter klackte wirr und in ihrem Kopf regte sich der irre Gedanke, dass der ekelhafte Regen vermutlich das schön gearbeitete Holz überfluten, eindringen und die geliebte Waffe verziehen würde. Der Gedanke wütete in ihrem Kopf wie der stürmische Wind in den patschnassen, hellbraunen Wuschelhaaren und drückte unangenehm unter der Schädeldecke herum, bis sie im Weitereilen den aberwitzigen Versuch unternahm die Armbrust unter die zu grosse Wolltunika, welche sie in ihrer überhetzten Flucht aus Vaters Schrank entwendet hatte um wenigstens halbwegs gegen die Kälte der Nacht anzukommen, zu stopfen. Zu viel versuchte der kleine Körper auf einmal und die Auswirkung der irren Handlung bekam sie unweigerlich zu spüren. Es begann mit dem holen Klacken der schweren, klobrigen Stiefel, als Spitze gen Ferse traf, dann vermisste sie plötzlich den matschigen Erdboden unter den Fuessen, begrüsste ihn jedoch nur wenige Lidschläge später mit dem Gesicht, als sie der Länge nach ausgestreckt in einer panschigen Pfütze lag. Hässlich knackend fand auch die Armbrust auf dem Boden ihren Platz, nun in zwei Teilen, neben Keely. Starr hielten die grossen, leicht geweiteten, grünblauen Augen als einziges helles Licht im matschbekleckerten Gesicht an diesem Anblick der zerstörten Waffe fest, dann füllten sie sich mit Tränen der Ohnmacht und kindlich ergeben schluchzend richtete sich das Mädchen zittrig halbwegs auf um mit schmalen Patschehänden nach dem zerborstenen Stück Heimat zu greifen. Das letzte bisschen Trotz, welcher ihr die Flucht ermöglicht hatte war gebrochen und zurück liess er ein wimmerndes Kind im Strassengraben, welches begriff was es verlieren würde. Doch zurück konnte sie nicht...

***

"Kleine Dirne, was bildest du dir ein?!", heiser und dunkel die Stimme an ihrem Ohr, schmerhaft der eiserne Griff, welcher ihr Handgelenk bei jedem Wort fester zudrückte. Eine pechfarbene Locke striff kurz ihre nun farblose Wange.
"Glaubst du wärest unantastbar, was?" Er sprach den Tritt an, der hatte gesessen- oh ja, der widerliche Schmutzfink würde sie nicht nochmal berühren! Kalte, tiefschwarze Augen funkelten wie Kohlestücke und forcierten die Konfrontation, indem er ihre Blicke auf sein hübsches, doch vor lüsternder Gier geradezu abartig entstelltem Gesicht zog.
"Aber warte nur, bockiges Fohlen, ich reit dich schon noch zu... " Angst schnürte sich wie ein dünner Faden um ihre Kehle und nur mit all ihrer Beherrschung widerstand sie dem Würgen, welches sein nun überlegen höhnendes Grinsen hervorbeschwor. Der Griff um das dünne Gelenk wurde schwächer und mit der Bewegung einer buckelnden, angriffslustigen Katze riss sie sich fast fauchend los. Sein selbstgefälliges Grinsen wurde breiter.
"Na, lauf heim, Fohlen. Ich weiss ja wo ich dich finde..."

Ja, wusste er und wie gefror ihr das Herz in der Brust als ihr nur vier Tage weniger dieses triumphierende raubtierhafte Grinsen seitlich neben dem Vater in der eigenen Stube entgegenblitzte während Conall Flinn die Worte "Vermählung" und "wohlhabende Verbindung" in aller Zufriedenheit und Ruhe noch im Sprechen unterstrich. Er hatte sie also verkauft, ihr Vater hatte sie verkauft.
Kein Toben, kein Weinen, kein Schreien, kein Betteln und Flehen half- er blieb eisern und wurde nicht müde ihr auch noch hundert weitere Male vorzubeten, dass sie ein undankbares Gör sei, weil Llyr doch so ein stattlicher, gutaussender junger Mann und dazu bürgerlich, demnach fast vermögend reich sei und ihr ein traumhaftes Leben bieten konnte. Mit just diesen Worten wischte er ihr Gegenargument weg, als sie verzweifelt versuchte zu erklären, dass Llyr Gwendal nicht nur fünf Jahre älter sei als sie, sondern auch der abartigste Widerling der Stadt, welcher von der Wahnvorstellung bessesen sei er könne dank seinem Geld alles und jeden zum persönlichen Eigentum machen. Es half nichts.... einzig die Flucht blieb ihr um dem höhnenden Grinsen, der dunklen, heiseren Stimme und den kaltfunkelnden, schwarzen Augen zu entkommen. Allein der Gedanke wehrlos das Bett mit diesem Teufel teilen zu müssen hatte die Beine schneller vorangetrieben...

***
... erst jetzt konnte sie, wimmernd im Strassengraben sitzend, die zerbrochene Armbrust streichelnd, zurückblicken das verlorene Familienglück betrauern. Doch auch wenn sie sich nicht sicher sein konnte, dass Llyr sie einfach gehen lassen würde und nicht in seinem Besitzwahn nach ihr spüren würde um die Demütigung, welche sie ihm mit ihrem Tritt in die Juwelen, vor allen Leuten am Marktplatz, hatte spüren lassen, auszugleichen so war dennoch die Flucht ihre einzige Chance einem schrecklichen Schicksal zu entgehen. Der Trotz glomm wieder schwach auf und schniefend, die Armbrust weiterhin fest umklammert, richtete sich Keely mit wackeligen Beinen wieder auf. Sie musste weit in der ersten Nacht kommen... weit weit weg. Tappsend trugen sie die Stiefel Schritt für Schritt weiter fort von der Heimat.
Im Hause Flinn senkte Conall langsam den Kopf, zuckend hoben sich die Schultern als er stumm in das Schluchzen seiner Frau und seines Sohnes miteinfiel, denn er kannte seine Tochter zu gut um zu glauben, dass seine verzweifelt gebrüllten Worte der Wahrheit entsprachen.

Verfasst: Freitag 4. November 2005, 10:34
von Keely Flinn
Nervös zupfte Keely an ihren Kleidern, welche sie der eigenen Banktruhe gezerrt hatte. Der Grossteil war einfach viel zu gross und zu lang, der Rest recht unschön anzusehen, mit langen Rissen und staubig-dreckigen Flecken.
Ein dramatischer Seufzer entkam den Lippen des Mädchens und niedergeschlagen stopfte sie die langen, einfachen Röcke wieder zurück in die Eichentruhe. Sicher, es war noch nicht einmal annähernd gesagt, dass man auf ihre Bewerbung reagieren würde. Immerhin war sie keine Dame am Hofe und zudem könnte der ein oder andere sie schon als Söldnerin registriert haben und somit würde der Mädchentraum vom Ball der Schönen und Reichen wie eine Seifenblase zerplatzen.
Es war im Grunde eh nicht gerecht. Sie wüsste, dass die Jungs und auch der Herr Hauptmann schallend lachen würden, wenn sie gestehen würde, dass sie teure Münzen von ihrem geringen Hab und Gut einem sehr pikierten und arroganten Schreiberling gegeben hatte, damit dieser ihr ein anständiges Bewerbungsbrieflein anfertigte. Man würde sie vielleicht gar schelten, dass sie nun eine angehende Kriegerin und kein albernes Hofgänschen sei und natürlich hatten sie so Recht wie sonst niemand in dem Punkte, aber... aber... irgendwie wurde ihr nur allzu deutlich, dass sie trotz alledem kein Junge sondern nur ein etwas görenhaftes Mädchen war, welche wirklich noch kindlich vom Zauber der hohen Herren und Damen träumte.
Trotzig reichte sie ihre Truhe mit ernsten Zügen wieder dem Bankier, welcher schon länger schmunzelnd das wilde Mienenspiel des Mädchens beobachtet hatte. Sie würde sich von so etwas einfachem wie einem ollen Kleid nicht die Suppe versalzen lassen! Man konnte ja schliesslich ohne weiteres am Markt eines erstehen, welches auch jungen, etwas pummeligen, kleinen Damen mit gerade noch wachsender Oberweite passen würde.
Jawollja... der Markt war ihr nächstes Ziel zum Traume!