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Lora (die ersten Kapitel vor dem Werdegang)

Verfasst: Dienstag 23. Dezember 2008, 10:52
von Loralith Shirunen
Kapitel 1

Aus dem Garten klang das silbrig helle Lachen, so voller Freude und Begeisterung, in das Arbeitszimmer der „Residenz“ Shirunen, wie man das große, schöne Gebäude oft nannte.
Der glückliche Klang lockte den Herren des Hauses hinter seinen Büchern, die vor Zahlen und Bestellungen geradezu bersten müssten, hervor und näher an das milchige Fenster heran.
Obwohl es beschlagen war und man auch so nur mäßig aus dem dicken Glas sehen konnten, malte sich ein dünnes Lächeln unter dem Oberlippenbart ab, als er eine Bewegung im leeren Beet ausmachen konnte. Schnee hatte sich über die Erde, das letzte Grün und auch den Dächern des Dorfes breit gemacht und alles in eine dichte, weiße Decke gepackt, doch war es gerade deshalb so einfach die kleine Person zu entdecken, welche dort unten lachte, im Schnee stand und sich mit weit ausgebreiteten Armen drehte, denn Loras braunschwarzes Haar wehte vor dem weißen Untergrund wie ein dunkler Vorhang.
Naja, nicht, dass er auf so etwas angewiesen wäre um seine Tochter zu erkennen!
Zum Lächeln mischten sich nun Sorgenfalten und wandelten das Antlitz in eine etwas verzweifelte und resignierende Miene.
Was verdammt noch einmal machte sie da denn eigentlich?
Kopfschüttelnd schob er diese Frage beiseite, wissend, dass er die Antwort dann eh nicht verstehen würde, denn so sehr er sie auch liebte, begreifen konnte er seine Tochter nicht. Es kam vor, dass sie beim Abendessen mit so großen Augen den Suppenteller anstarrte, als wäre er ein wahres Wunder, sie jubilierte, wenn es zu Stürmen begann und Nachts war sie nur schwer ins Bett zu stecken, kletterte nicht selten wieder heraus um sich, nur mit ihrem Nachthemd bekleidet, auf das Fenstersims zu kauern und in den Sternenhimmel zu starren.

Ja, Lora war einfach „anders“, doch, so sagte er sich oft, vielleicht lag das nur daran, dass auch er „anders“ war und seine Entscheidungen gerne frei, losgelöst vom Druck der tumben Masse, wählte.
Den ersten Zug gegen den Strom hatte er gemacht, als er seine geliebte Charluwe zur Ehefrau nahm. Sicher, dass sie schön und klug war, das konnte keiner abstreiten, doch wollten viele seiner damaligen Freunde nicht wahrhaben, dass er tatsächlich eine mittellose Kerzenzieherin in ein wohlhabendes Handelshaus einführte. Als sie nach der schwierigen Geburt ihrer beider Tochter unfruchtbar wurde, wollte er nichts davon hören, dass man sich unter Eluives Angesicht scheiden und neu vermählen könne. Was sollte er auch mit einer anderen Frau, wenn er doch nur mit dieser einen glücklich war, männlicher Erbe hin oder her.
Dieses Problem löste sich eh, als er nur acht Jahre später den Waisenknaben Branwick, damals ein neunjähriger Lausebengel und geschickter Taschendieb, zu sich nahm und ihn als sein Mündel aufzog. Jetzt wandten sich einige seiner Bekannten von ihm ab, doch dafür wuchs die Liebe Branwicks zu ihm, der in seinem Gönner mehr und mehr eine Vaterfigur sah.
Der Grund, warum sich aber noch weitere Freunde aus dem Kreis stahlen, bis nur noch sehr wenige treu übrig blieben, war, wie könnte es anders sein: Loralith.
Er schien bei jeglichen erzieherischen Hürde zu scheitern, denn sie dachte gar nicht daran, Regeln – und waren sie noch so klar – einzuhalten oder Anweisungen zu befolgen. Strafen wollte und konnte er sie dafür aber nie, denn wenn er in die teerfarbenen Augen seiner Tochter sah, konnte er keine Böswilligkeit oder Ungehorsam darin entdecken. Im Gegenteil, ihm strahlten kindliche Unschuld und Arglosigkeit entgegen. Da realisierte er, dass sie einfach ein anderes Weltbild hatte und nicht verstand wo ihr Vergehen war, denn sie handelte, wie sie es für richtig erachtete. Wie ein Welpe, der rein aus Spaß und Herzenslust ein Stück Stoff ankaut und im Garten vergraben mag und nicht wissen kann, dass es sich bei diesem „Lumpen“ um ein teures Seidenhemd seines Besitzers handelt.
Als er dies begriff, ließ er sie einfach nur älter werden und freute sich insgeheim, dass trotz ihrer schwer greifbaren Art nie jemand zu Schaden kam und die Kinder des Dorfes das Mädchen regelrecht liebten.
Niemand außer ihm schien das ganz zu begreifen... abgesehen von seinem Vater vielleicht.

Ein unwilliges Brummen kam über seine Lippen, als die Gedanken nun zu Loras Großvater glitten. Dieser alte Narr, dem er trotz seiner Tölpeleien nie wirklich böse sein konnte, hatte sich nach seiner Karriere als Handelsbaron plötzlich neu orientiert, hatte seinem Sohn Anwesen und Vermögen übertragen und behauptet, dass er jetzt endlich klar sehen könne.
Sein Sohn hätte sicher mit dem plötzlichen Lebenswandel und der folgenden klerikalen Bestimmung seines Vaters leben können, doch musste es denn ausgerechnet Horteras sein?!
Er selbst verehrte die Lichten und dennoch, dennoch empfand er den Sternenvater für eine etwas windige Instanz, welche ihm ein wenig undurchsichtig und zeitweise sogar lächerlich erschien – oder lang das dann doch nur wieder an der Art, wie sein alter Herr an die Sache heranging?

Außerdem langte es ja nicht, dass er sich selbst zum Affen machte, nein Lora musste er noch in die Sache mit hineinziehen und so führten sie immer längere Spaziergänge miteinander, nach welchen das Mädchen stets noch aufgewühlter und wirrer war, als davor. Irgendwo war auch schon klar, dass ihr Großvater für diese Sterngucknächte ohne Schlaf verantwortlich war. Sie betete... aber längst nicht mehr zu allen der Lichten, nein, einer begann wohl ihr Herz zu erobern und wohin dieser Pfad führen konnte, wollte sich ihr Vater nicht ausmalen.

Vielleicht hatte er zu lange gewartet und es war längst an der Zeit, dem Kind, nun schon bald sechzehn Sommer, eine richtige Ausbildung zukommen zu lassen. Zwar konnte sie sehr gut lesen und sich schriftlich gewählt ausdrücken, auch fehlte es ihr nicht an ausreichend Fertigkeiten im Rechenbereich, doch würde ihr etwas Buchhaltung nicht schlecht stehen. Die Ablenkung von den konfusen Ideen ihres Großvaters konnten das Rad nochmals drehen und vielleicht würde sie doch noch eine versteckte Leidenschaft zum Händlertum entdecken, ach oder ihre Liebe zu Bran, ja das wäre ausgezeichnet, denn dieser Bursche verstand sich ja schon so gut auf das Feilschen und hatte eine ausgezeichnete Nase für rentable Geschäfte. Wenn sie etwas mehr Zeit im Haus verbringen würde, könnte sich so unendlich viel ändern.

Der Hausherr fasste sich ein Herz und riss sich mühsam vom Beobachterplatz am Fenster los um seiner Tochter einen Vorschlag zu machen, der einen wahren Rattenschwanz an Ereignissen mit sich ziehen sollte.


Kapitel 2


„Du hast WAS mit ihr angefangen?“
Wieder überschlug sich die Stimme seines Sohnes und das sonst recht blasse Gesicht nahm einen ungesund roten Farbton an. Dennoch versuchte er, den man so ungerecht auf die Anklagebank gedrückt hatte, ruhig zu bleiben.

„Eine Ausbildung zur Priesterin des Herren, den auch du lieben solltest, denn lenkt er auch die Zügel des Handels... frei und unabdingbar.“
Er versuchte zu grinsen und die Spitzen des weißen Bartes zitterten am rundlichen Kinn, als er nun so die Zähne bleckte. Ruhig musste er bleiben, wenn er den Schmerz der letzten Wochen nicht heraufbeschwören wollte und so zwinkerte er gleich noch obendrein. Allerdings hatte diese gewinnende Geste keinen besonders positiven Effekt auf seinen Sohn, der erneut losdonnerte.

„Weißt du denn, was du ihr da antust? Sie ist so schon ein wenig... nunja... verträumt aber deine Lehre macht sie zu einer Wolkenglotzerin an die keiner mehr herankommt!“

„An die DU nicht mehr herankommst!“
Nun war sein Trotz geweckt, doch ehe er diesen ausleben konnte, fiel ihm der Sohnemann wieder ins Wort.

„Vorgestern ist sie mitten in der Nacht in den Garten gerannt und hat die Sterne betrachtet“, begann er.
„Weiß nicht, was daran schlecht oder ungewöhnlich sein soll!“ murrte der Alte zurück und zuckte kurz, als die dumpfen Schmerzen am Herzen kurz losstachen.
„Sie hatte ja noch nicht einmal Schuhe an und stand seelenruhig im Schnee. Verstehst du? Sie hat nicht einmal gemerkt, dass sie barfuß in der Kälte umher lief. Du bist ein selbstsüchtiger, alter Narr, wenn du diese Angelegenheit fortfährst. Sie könnte nun eine gute Buchhalterin werden aber du, ja um dich zu profilieren, machst du sie zu einem Wirrkopf!“

„Es reicht!“
Nun war er wieder an der Reihe und sein Kopf hatte mittlerweile eine nicht minder dunkle Farbe, als der seines Sohnes. Er fühlte sich missverstanden und konnte das Gefühl nicht loswerden, dass man ihn und seine Enkelin absichtlich nicht begreifen wollte. Maßlose Enttäuschung machte sich in der Brust des alten Mannes breit und hitzig gab er seinem Sohn Kontra.
„Du bist der selbstsüchtige Mistkerl von uns beiden! Da ist deine Tochter mehr als glücklich und auf dem Weg ihren Platz im Leben zu finden und du willst nur einfach nicht loslassen. Willst sie an dich binden, als wäre sie ein unmündiges, dummes Gör. Hast du dir denn je einmal die Mühe gemacht und sie gefragt, was sie denn möchte? Bevor du es nun anzweifelst: Ich habe genau so gehandelt und ihr ein Angebot gemacht. Die Entscheidung hat sie ganz für sich alleine fällen können, denn das, du blinder Bock, das ist Freiheit. Ich verstehe dies, du nicht und das unterscheidet uns!“

Im Laufe seiner flammenden Rede war das Gesicht seines Sohnes immer bleicher geworden und die Augen, in denen der Zorn gerade noch gelodert hatte, starrten nun eisig vor sich hin.
„Willst du mir etwa erzählen, dass ich meiner Tochter nicht jede Freiheit lasse?“

„Diese wohl offensichtlich nicht!“
Da spürte er es wieder, das schreckliche Stechen in der Brust so sehr, als jage man lange, glühende Nadeln durch seinen Oberkörper und mit bebenden Händen glitten seine Hände den etwas rundlicheren Bauch empor. Sein Sohn allerdings registrierte die Geste nicht oder missverstand sie, denn mit einer entrüsteten und angewiderten Geste wandte er sich ab.
„Nun gut, dann soll sie entscheiden und machen was sie will im Namen der unendlichen Freiheit,“ der Sarkasmus schien mit seinen Worten nochmals in der inneren Wunde zu bohren, „aber auch ich nehme mir mein Quäntchen Freiheit, Vater und so entscheide ich, dass wir von heute an geschiedene Menschen sind, hörst du?“ Ein seltsames Ächzen wurde ihm erwidert und so wiederholte der Sohn enerviert seine Frage erneut.

„Hörst du, Vater?!“
Einzig ein dumpfer, dröhnender Aufprall war die Antwort.
Alarmiert fuhr Doremar Shirunen herum, nur um entsetzt aufzuschreien und seinem Vater, welcher gekrümmt am Boden lag und beide Hände in die linke Brust krallte, entgegenstürzte.
Dann ging alles zu schnell und binnen weniger Augenblicke erschlaffte der alte Körper langsam in den Armen seines Sohnes, welcher klagend aufweinte.

„Vater, Vater... es, ich.. es tut mir so leid. Ich habe es nicht... nein, nicht so gemein, nein.. reiß dich zusammen... lass uns jetzt nicht alleine!“

Ein müdes Lächeln glitt über die Lippen des Alten und liebevoll striff der Blick über den erwachsenen Sohn, als wäre er noch immer ein kleiner Knabe.
„Das, das weiß ich doch, mein Junge.“, brachte er mühsam und leise hervor.
„Nun, wenn wir also doch noch... noch miteinander reden, dann lausche mir ein letztes Mal. Zwei Briefe liegen in meinem Zimmer auf dem Schreibtisch, denn... ich wusste, dass er mich... mich nicht mehr lange leiden lassen würde. Ein... ein Brief geht... geht an Herrn Elling, den anderen... den gib Lora. Sie.. ist erst ein Akoluth ihres Glaubens und... hat noch so einen weiten Weg v.. vor sich. Alleine schafft sie diesen nicht aber, ich... ich hab noch einen alten Freund, der sie sicherlich mit offenen Armen empfangen w... wird.“
Er holte tief Luft und spürte, wie salzige Tränen sein altes Ledergesicht benetzten und in den weißen Rauschebart drangen, als sein Sohn bitterlich zu schluchzen begann.

„Nana, kein Grund zur Trauer. Das... das Ende ist ein Anfang der endgültigen Freiheit... ich wandle bald durchs Sternenmeer und werde euch meine Grüße sen...den...“

Dann wurde es still.


Epilog



Weiße Flocken taumelten in einem flotten Tanz vom Himmel und bedeckten das bläuliche Käppchen auf dem dunklen Mädchenhaar. Mit nicht minder leichten Schritten bahnte sie sich einen Weg, der weit fort von der Heimat in ein ganz anderes Land führte. Doch die Kutsche hatte sie so weit gebracht, wie nur möglich, aber der Pfad, welchen der Großvater ihr in seinem Briefe schilderte, führte weit in den Wald hinein und wohl quer hindurch.
Doch sie brauchte keinen Kutscher, keine helfende Hand oder Wegweiser... sie kannte die Strecke.
Immer dem Sternbild nach, welches der Großvater „Goldene Deichsel“ nannte und dann, so hatte ihr geschrieben, würde sie am schnellsten auf den Hafen treffen, in welchem die Schiffe nach Gerimor vor Anker lagen.
Gerimor, so ein ungewohntes Wort, es lag noch schwer und falsch im Munde, doch würde sich das auch bald ändern, denn es galt seine Eminenz zu finden und an dieser Aufgabe würde sie sicher nicht zerbrechen.

„Nicht, solange du bei mir bist....“, flüsterte das Mädchen feierlich und ließ den Blick ins Nirgendwo schweifen, als sie tapfer weiterhin einen Fuß vor den anderen setzte.