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Nachtmahren

Verfasst: Donnerstag 18. Dezember 2008, 10:51
von Perrin Belmond
Unter dem hellen Himmel der Stadt Berchgard sah man durch die kleinen Bergspitzen die örtliche Schmiede, neben der wie auch schon einige Tage zuvor ein Häufchen zusammengeraffter Decken lag.
Bei näherem Betrachten dieser Decken war wohl festzustellen, dass ein Teil davon nicht leblos war, sondern leise schnaubend auf und ab ging. Es war ein alter Mann, etwa kurz vor seinem Siebzigsten Lebensjahr, dessen grau-weißlicher Bart wohl beinahe noch krauser war als sein Haar.

"Ezela... Celia... nein..."

Der vom Kohlestaub des Bodens und Eisenspäne übersähte Mann drehte sich unruhig hin und her.

"Anney..."

kleine Schweißtropfen bildeten sich auf seiner zerfurchten Stirn. Seine breiten Muskeln spannten sich an und ließen dann wieder locker. Die Lippen bewegten sich zittrig. Dann zuckte er ein weiteres Mal so stark, dass er gegen ein Kühlwasserfaß stieß und davon aufwachte.
Mit schmerzerfülltem Gesicht legte er seine Hände ans Knie und setzte sich erschöpft auf.

Es war das gleiche wie beinahe jede Nacht. Nur diesmal... war es mehr.
Die lodernden Häuser von Varuna, die sengenden Flammen hinter den Stadttoren... seine Frau und seine Tochter. Sie waren noch im Haus. Doch das Feuer war zu heiß, seine Kräfte zu gering. Stunden vergingen, in denen er nach einem Zeichen suchte, nach einem Weg ins Innere.
Zwecklos.
Immer wieder packte er einen der verkohlten Barren, stemmte sich den Weg frei. Doch je näher er dem Herzen des Feuers kam, desto geringer wurde seine Hoffnung. Alles, wirklich alles in diesem Haus war nicht mehr zu retten. Menschen, die an ihm vorbei rannten, einige, die ihm zuriefen, es war ihm alles gleich.
Bis er zuletzt die Kraft verlor.
Vor den Toren der Stadt hatten Sie ihn auf eine Barre gelegt. Auch hier nirgends ein Zeichen seiner Familie. Es dauerte ein paar Jahre, bis er wieder zurückkehren konnte... und noch heute mied er die Stadt.

Doch die kleine Anney erinnerte ihn so sehr an Ezela. Das kecke Lächeln, die grünlichen Augen und ihre Lebensfreude... es war seiner Tochter so ähnlich und doch so fern.
Er hatte versucht sie zu finden, im Dunkel der letzten Tage. Angsterfüllt war er losgestürmt, als sie aufgetaucht waren. Untote Schergen.
Gerade hatte er noch in der Schmiede gestanden und schürte das Feuer der Esse, als er Lärm hinter sich hörte. Irgendetwas war dort unten in Berchgard.
Mit einer Laterne und eine Spitzhacke hatte er sich so schnell ihn seine alten Beine trugen auf den Weg gemacht. Und als ihm das ganze Ausmaß des Angriffs klar wurde, schoss ein Gedanke stechend in seinen Kopf:
"Was würde wohl mit der kleinen Anney passieren, wenn diese Monster auf sie treffen? Wo war sie jetzt? Vielleicht schon in unmittelbarer Gefahr?"
Die Laterne schwang an seinem Arm, während er mit geschulterter Spitzhacke den Weg entlang rannte. Sein Atem brannte in seiner Lunge, die Muskeln waren schwer und er musste seine Beine zwingen zu laufen. Nur wenn der alte Mann schnell genug war... Wenn er es schaffen könnte Anney zu erreichen...

Schließlich stand er völlig ausser Atem vor dem Haus, in dem er Cyrion, Leah und Luca getroffen hatte. Er rief laut aus, erhielt jedoch keine Antwort. Er klopfte an der Tür, doch niemand regte sich. Sie war nicht hier... Verdammt. Wo nur? Wo sollte er suchen?
Ein dumpfes Stöhnen drang von hinten an sein Ohr, nur Sekunden bevor er plötzlich von fahlen, faltigen, grau-gelblichen Armen gepackt wurde.
Seine starken, vom jahrelangen Schmieden gestärkten Arme spannten sich unter der Aufbringung all seiner Kraft an, packten den schmierigen Untoten, der gerade dabei war seinen Kopf zu neigen, um seine Zähne in Perrins Fleisch zu versenken. Er wirbelte herum, riß das unheilige Wesen mit sich, landete mit diesem auf dem kalten Boden. Die Hacke lag einen Schritt entfernt, wo er gerade noch gestanden hatte. Mit seiner blossen Faust rammte er dem Ungetier seine Knöchel zwischen die fauligen Zähne, strampelte mit den Beinen, um sich wieder aufzurichten.
Noch ein Schlag und noch einer. Während die Handrücken immer mehr zu bluten anfingen, ließ das Gezappel des Untoten immer mehr nach, bis er sich schließlich von dessen Griff befreien konnte.
Er packte die Spitzhacke, schwang sie herum wie ein Meister dieses Handwerkzeugs und schlug die stumpfe Seite mit großer Wucht gegen den verfaulten Kopf der stöhnenden Leiche, die gerade wieder aufstehen wollte.
Mit einem dumpfen Knacken taumelte die Bestie zur Seite, ging in die Knie und ließ ein ächzendes Jaulen von sich, das Perrin einen kalten Schauer über den Rücken laufen ließ. Er drehte die Spitzhacke herum, holte weit aus und trat zwei Schritte vor, um seinen Schwung zu erhöhen. Seitlich hackte er die Eisenspitze mit aller Kraft in den Hals des Zombies.

Obwohl dieses Gezücht nach seinem Schlag noch lange nicht endgültig tot war, gelang es Perrin nach weiteren Minuten des Kampfes das Ungetüm zu überwinden. Blutverschmiert und ächzend kauerte er am Boden über dem verstümmelten Leichnam, der ihn beinahe seinen letzten Lebenshauch gekostet hätte.
Die schartige Spitzhacke hatte er wieder gepackt und machte sich abermals mit der Laterne auf, um das Mädchen aufzuspüren.
Doch vergebens. Er konnte sie nicht finden.


Die Erinnerung an den Tag, der eigentlich eine Nacht des Grauens war verfolgte ihn nun schon seit zwei Monden. Die Alpträume seiner Frau und Tochter seit dem großen Brand.
Doch nun, da die Helligkeit zurückgekehrt war und er alle Wachmänner nach dem kleinsten Zeichen von Anney gefragt hatte, war er mehr als erleichtert, als er hörte, dass das kleine Mädchen wohl in der Morgenstunde am Tor vorbeigehuscht war um einen alten Mann zu suchen.