Kapitel 3: Wildrose in der Nacht
Ich bin kein Mensch, der seine Umwelt unnötig mit Unkenrufen schreckt und aufwühlt, doch war ich mir sicher, dass ich in den Zwillingen, was ihre rabiate Art gesetzte Ziele zu erreichen, ohne Rücksicht auf Andere, eine Verwandtschaft mit dem sah, den ich vergessen wollte.
Mein Gespür sollte sich nicht als falsch herausstellen, auch wenn es zu einer Zeit war, in der doch endlich wieder Harmonie herrschen sollte: Eoineth ward geboren,ein Kind, welches schon in seinen ersten Tagen Unas verträumte, kluge Ruhe ausströmte, wenngleich er einen etwas kräftigeren, an seinen Vater erinnernden Körperbau aufweisen konnte. Die größte Nähe zu seiner Mutter verdeutlichten die Augen, welche grau und nebelig verschleiert von Träumen, ganz denen Unas gleichend, in die Welt blickten. Ein wunderbares, sanftes Kind, welches die Zwillinge beinahe in dem Moment liebten, in dem sie es sahen.
Ich hatte gehofft, dass nun alles bergauf gehen würde, doch in genau dieser Nacht meiner Hoffnung, als Feoras mit mir den Kleinen im neuen Kinderzimmer bewachte und Una entkräftet in einem so tiefen Schlaf gefallen war, der Tage anhalten konnte, da passierte etwas, was uns erst Jahre später gebeichtet werden sollte. Eine Gefahr, welche die Zwillinge verschwiegen hatten, um erneut ihr Ziel, befriedigte Neugierde, zu erlangen...
Es war so einfach gewesen.
Der aufgeblasene, junge Narr, der sich „ihr Mann“ nannte, hatte das Anwesen, die kleine Burg, welche einst seine Heimat gewesen war, sehr dilletantisch mit magischen Spielereien und Taschenzauberertricks gesichert, dass es ihm wenig Mühe gekostet hatte, unbemerkt ins Innere der Festung zu dringen. Er kannte seine Wege. Die leicht federnden, doch unendlich leisen, Schritte trugen ihn unbemerkt, vorbei an lächerlichen Fallen und beinahe belustigenden Sicherungsalarmen, näher an sein Ziel und diese fast spürbare Nähe malte ein wölfisches Lächeln auf seine zeitlosen Züge. Ein wenig schien es ihm, als könne er den frischen Duft, der so an Gänseblümchen im Lenz erinnerte, den ihr Haar verströmte, schon riechen, sah die schmale, mädchenhafte Gestalt schon vor sich und fühlte Angst, die zum greifen nah war.
Zumindest Letztere war echt, denn hielt er seinen Geist trotz all der Handlungen im Diesseits wacker so sehr in Konzentration, dass es ihm möglich war, auch noch die Traumebene zu überblicken und hier hatte er sie längst entdeckt. Mit wenigen Schritten würde er auch außerhalb ihrer Alpträume die Tür erreicht haben, welche ihren Körper noch von ihm trennte und der Narr, dieser Jagotin, diese verdammte, schäbige, dumme Made, hatte sich mit den Bälgern und seiner ach-so-geliebten Schwester in ferne Räumlichkeiten verzogen. Bis der Elementartropf die Gegenwart seines Feindes spüren konnte, war dieser längst über alle Berge und diesmal mit der Frau, die ihm, nur ihm als Braut zustand und der Andere schutzlos gelassen hatte.
Wie konnte man nur so dämlich sein und zweimal hintereinander den selben Fehler begehen?
Er unterdrückte ein triumphierendes, dunkles Lachen, als er die Klinke zu ihrem Schlafgemach ohne Mühe herabdrückte und sich gewandt in das Zimmer dahinter stahl. Ihm war dieser Fehler nur recht, war seinen Plänen zugute gekommen und belohnten ihn nun mit dem Preis:
Die großen Fenster des Zimmers warfen das Licht der milden Frühlingsnacht in die Mitte des Raumes und auch wenn dieser trotz alledem noch recht dunkel und schattig wirkte, als habe man die Enden der Kemenate ausgeblendet, so befand sich ihr Bett doch direkt unterhalb des Fensters und somit waren weiße Daunenkissen und Federdecken, sowie die schlafende Gestalt in silbriges Mondlicht getaucht.
Seine Beine bewegten sich nun fast wie von selbst und mit einem Satz war er an ihrem Bette.
Das Grinsen wurde breiter.
Sie schlief unruhig, bewegte den Kopf schaudernd und verzog das unschuldige Mädchengesicht gequält im Traume, während sich ihre Brust bebend hob und senkte, als sie die von ihm gesponnene Nachtmär gekämpfte. Oh, keine Frage, sie war nicht mehr das verängstigte, kleine Ding, welches er vor kaum fünfzehn Jahren so mit Blicken verwirrte und den Zwist zwischen ihm und seinen Bruder auflodern ließ, als er um ihre Hand anhielt. Um sie warb, um seine Nichte.
Es war mehr daraus geworden, als er zu Beginn im Sinne hatte. Ihre Scheu, ihre Angst, die sich dann in den nebelfarbenen Augen spiegelte, und nicht zuletzt ihr plötzlicher Kampfeswille ihm gegenüber hatten ein Spiel eröffnet, das auch jetzt nicht ruhte, als sie schon verheiratet war und einen Anderen mit Kindern gesegnet hatte, die hohes Potential in sich trugen. Dieses Spiel würde erst enden, wenn er seinen Willen bekommen hatte... oder einer von beiden nicht mehr war.
Unbeherrscht, von seinen heftigen Gedankengängen und grober Begierde gerissen, packte er zu, wollte sie an sich reißen, mit sich nehmen... und prallte jäh am Rand des Bettes zurück.
Als habe man ihn geschlagen zuckte er zusammen und die eisblauen, kalten Augen weiteten sich voller Irritation. Ein weiteres Mal griff er, nun zögernd und vorsichtig, nach seinem Wunschtraum, nur um erneut kurz vor der Berührung abgewiesen zu werden, als befände sie sich aus einer Kuppel unsichtbaren Glases...unsichtbar?!
Er keuchte und begab sich beinahe augenblicklich auf die Knie um unter das Bett zu sehen.
Was er dort erblickte ließ seine Augen nochmals aufblitzen und ein erniedrigtes Stöhnen entfuhr den schmalen Lippen, ehe sein blasses Gesicht noch etwas fahler wurde.
Fast erwartete er, dass dieser feurig lodernde, magische Schutzkreis, welcher ihm hier entgegenflackerte noch meckernd und höhnend lachen würde, so wie dieser vermalledeite Elementarknabe nun spotten würde, wenn er ihn so sehen konnte. Kurz vor dem Ziel, kurz vor dem endlichen Sieg und doch just diesem schönen Ziel unendlich fern. Es würde Stunden dauern einen Gegenzauber zu einem derart mächtigen Schutzkreis zu weben. Stunden, die er nicht hatte!
Wütend kam er wieder auf die Beine, fühlte wie der Hass über den Trick und seinen Erbauer ihn übermannte und den Körper durchspülte. Ehe er sich versah, hatte er schon zornig ausgeholt und mit geballten Fäusten gegen das unsichtbare Hindernis geschlagen. So sinnlos und unvorsichtig, doch tat es der erniedrigten Seele ein wenig besser. Ächzend presste er sich an die Barriere und betrachtete sie, sein „Eigen“, die ihm nun fast weniger ängstlich und beunruhigt vorkam.
„Was machst du da?“
Jäh fuhr er herum, als die wispernde Stimme von hinten an ihn herandrang. Er hatte damit gerechnet, dass sie ihn nun erwischen und jagen wollten und schon hatte er den passenden Zauber parat, griff hastig nach dem Lied, um dann zu erstarren. Unglauben und Erstaunen mischten sich zu einem Gefühl, als hätte man ihm ein Brett vor den Kopf geschlagen.
Klein, schmal und zierlich der Körper.
Blasse, fast weiße Haut, wie der Teint eines zarten Porzellanpüppchens.
Haar in der Farbe von frisch gefallenem, reinem Schnee, welches in langen, gepflegten Strähnen bis fast zur Taille fällt.
Ein kindliches, feingeschnittenes Gesichtchen, welches vor Unschuld und Naivität strotzt.
„Una...“
Der Name war ihm irgendwie aus dem Munde gerutscht, doch berichtigte ihn sein wachsamer Blick und der scharfe Verstand, dass irgendetwas an der kleinen Doppelgängerin nicht recht stimmte. Mühsam beherrscht kniff er die Augen zusammen und ertastete das unwirklich anmutende Geschöpf blicklich. Das Haar war genauso lang, dieselbe Farbe der Winterflocken, doch fehlten die sanften Wellen und so fiel es glatt und eben über die Schulter und eine einzige Strähne glänzte eher goldblond. Das Antlitz war bis zur feinsten Erhebung der Wangenknochen und dem eher runden Kinn Unas und doch... die Augen stachen aus dem Trugbild heraus, hielten seinem Blick unerschrocken Stand und funkelten in einem kräftigen olivgrün statt nebelig grau. Und auch wenn Una in der Zeit körperlich gefangen war und noch immer nicht älter als etwa sechzehn Sommer aussah, so war dieses Wesen nochmals etwas jünger, unreifer, kindlicher!
Als er begriff, wer da vor ihm stand und arglos zu ihm aufblickte, zuckte es um die Mundwinkel und das lauernde Lächeln des Jägers kam schleichend zurück. Vielleicht war die Nacht noch nicht vollends verdorben.
„Ich bin nur...“, begann er mit tiefer, doch einnehmender Stimme volltönend und hielt erstaunt inne, als das Püppchen einen zarten Finger an die elfenbeinfarbenen Mädchenlippen legte und ihm bedeutete zu schweigen.
„Ich weiß wer du bist.“, begann sie und der Blick flackerte zu ihrem schlafenden, älteren Ebenbild, ihrer Mutter. „Du bist die Wildrose, mein Großonkel Kailen, nicht wahr?“
Er schürzte die Lippen und wusste nicht recht, ob er nun lachen oder ihre Antwort verfluchen sollte. Wieviel einfacher hätte es sein können, wenn sie dem Kinde gegenüber nur aus dummer Vorsicht geschwiegen hätten. Doch so...
„Ah, also haben sie dir von mir erzählt, Kleines, hm?“, er bemühte sich bitter und betrübt zu klingen, während ihn die Augen des Mädchens nicht aus dem Blick ließen.
„Dann hoffe ich, dass sie dir alles erzählt haben. Nicht nur, die Schattenseite, in welcher ich schon als dunkler Verfolger deiner Frau Mama gelte,...“, wie albern und unwirklich kam es ihm vor Una als Mutter zu benennen, war sie für ihn doch selbst noch immer nicht mehr als ein junges Mädchen, die weiße Rose des Hauses Llastobhar, seine Una,
„... sondern auch, dass ich derjenige bin, der sie mehr als alles andere verehrt und liebt?“
Zärtlich waren ihm diese Worte, wie ein klarer, süßer Quell entsprungen, doch das Kind zeigte sich eher nachdenklich und unbeeindruckt von diesem Liebesgeständnis, ehe sie ihm langsam zuflüsterte:
„Sie... fürchtet und hasst dich.“
Ach nein.
Wie gerne hätte er ihr nun erklärt, dass ihre Beziehung doch genau aus diesen Gefühlen ihm gegenüber geboren ward und sie ihn nicht kränkten, sondern Macht und Freude bedeuteten. Stattdessen aber setzt er eine gespielt trübe Miene auf, sonnte sich kurz in Melancholie, ehe er sich näher zu der kleinen Llastobhar beugte und eine unschuldige Kinderfrage mit einem verdorbenen, bösen Lächeln stellte:
„Und du... hasst du mich auch, Kleines?“
Für einen Moment befürchtete er, dass sie nun schreien würde und das halbe Haus zusammentrommeln wolle, doch starrte sie ihn nur länger mit weit aufgerissenen Augen an, ehe wieder ein Wispern an sein Ohr drang.
„Nein. Wie könnte ich das? Ich kenne dich doch gar nicht...“
Zack! Eine Falle, wenngleich längst keine all jener, die er in Planung hatte, schnappte in genau diesem Moment zu und mit katzenhaft geschmeidiger Bewegung beugte er sich nochmals etwas herab, um sein Gesicht dem der Kleinen näher zu bringen.
„Mein Kleines... wie war denn nochmal dein Name?“
Er sah begierig das Beben, welches durch den zarten Körper fuhr, doch musterte sie ihn tapfer und ließ nun auch das Stimmchen, hell und dennoch rauchig, wie die von Una, hören.
„Mio, Mio Asheera Llastobhar ist mein Name.“
Zufrieden nickte er und kam nicht umhin mit Begeisterung zu realisieren, dass sie ihm sogar ihren zweiten, den vertrauten Namen, genannt hatte.
„Also möchtest du mich kennenlernen, kleine Mio?“
Sie blickten einander an und zufrieden sog er innerlich den gesamten, chaotischen Gefühlsschwall auf, welchen sie so vorbildlich in der ausdruckslosen Mimik vor ihm zu verstecken versuchte, sich doch dafür in ihren olivgrünen Augen deutlich abzeichnete. Dann nickte sie stumm und er erhob sich aufatmend.
Sieg, ein winziger zwar nur, doch würde er mächtige Früchte tragen.
Sieg... und es war längst Zeit zu gehen, denn nun wäre es vernichtend, entdeckt zu werden.
„Ich erinnere mich daran, kleine Mio und deine Chance mich kennen zu lernen soll kommen... versprochen.“
Er glitt trotz großer Schritte beinahe lautlos, raubtierartig an dem kleinen Mädchen vorbei und doch konnte er es sich nicht verkneifen, ihr noch in der Bewegung mit falscher Zärtlichkeit über die Wange zu streichen.
Dann hatte er den Raum hinter sich gelassen, hastete durch die kleine Burg, dem Ausgang entgegen und ahnte nicht, dass Mio ihm nicht nachblickte sondern in das Gesicht ihres Bruders starrte, welcher am anderen Ende des Raumes, in einer der dunkleren Ecken auf dem Rand seines Bettes saß.
„Mio... Mio...“, flüsterte er fröstelnd, „... bist du sicher, dass das klug war?“
Doch sie antwortete nicht und zitterte nur.