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Lichter werfen Schatten...
Verfasst: Dienstag 25. November 2008, 22:35
von Ayalis Llastobhar
König auf E 7
Schleier aus Jetzt und Hier
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Tagebuch 1, Eintrag 1
Klick. Klick. Klack.
Ich wusste nicht, wieso sie mich gerufen hatte – nun befand ich mich schon seit mehr als einem halben Wassermaß in der Grotte und seit gefühlten drei Stunden. Ich lauschte dem beständigen Tropfen von Wasser auf Stein und versuchte, durch das enervierende Geräusch Ruhe zu erlangen. Woher meine Unruhe rührte, wusste ich nicht, aber ich richtete den daraus erwachsenden Ärger gegen das Geräusch.
Sie kam, als ich beinahe aufgestanden und davongelaufen wäre.
Und mir war bewußt, dass irgendetwas nicht stimmte, dass ihr etwas nicht behagte. Niemals in all der Zeit hatte sie sich als meine Mutter aufgeführt, immer nur als eine Lehrerin, vielleicht eine Freundin, diesmal erwartete ich Zurechtweisung. Und war dennoch überwältigt als sie sprach.
„Du musst gehen. Es ist Zeit – unsere Wege trennen sich heute.“
Ich hockte nur da, auf dem feucht-klammen Stein und starrte sie an. Dann wurde mir bewußt, dass die Worte sie genauso schmerzten, wie mich. Aus Ärger war Verblüffung geworden, jetzt wandelte diese sich in das Rückgrat heraufkriechendes Unwohlsein.
„Warum? Warum denn ich, ich wollte nicht...“
Eine rasche, harsche Handbewegung brachte mich zum schweigen. Ich kannte sie, aber gegen mich war diese Geste nicht oft eingesetzt worden, die die Luft durchschnitt, als wäre sie ein Messer. Nur gegen die anderen Kinder, die Kinder aus den umliegenden Dörfern, deren Eltern fanden dass eine Schule mitten im Nirgendwo doch noch besser wäre als eine in der nächsten kleinen Stadt – die ein paar Münzen dafür wollte, die Kinder zu unterrichten.
Ich lächelte unwillkürlich, ob dieser vertrauten Geste und schwieg, als sie mich traf. Vielleicht wurde sie sich in dem Moment zum ersten Mal bewußt, was sie damit erreichte.
„Es ist Zeit. Du musst einfach gehen, so ist der Lauf der Dinge und dies ist der rechte Augenblick. Für alles gibt es einen richtigen Augenblick Ayalis, mein Kind. Wenn Du bleibst, wird Deine Sicht der Dinge sich vor der Zeit wandeln – Du wirst Dinge sehen, die Du noch nicht sehen solltest und Du wirst Dinge über mich erfahren, von denen ich wünschste, Du würdest sie nie erfahren. Immerhin kann ich noch ein wenig von meiner Zeit in Deine Zeit verwandeln.“
Noch immer oder schon wieder starrte ich sie an. Ich begriff nicht. Auch heute begreife ich nicht alles. Und ich bin froh darum, denn ich weiß immerhin, was sie meinte, als sie davon sprach mir etwas Zeit zu geben. Ich habe eine Ahnung, die irgendwann von Wissen ersetzt werden wird und dann wird es zu spät sein. Für ein normales Leben.
Vielleicht genügt schon sie allein, es mir zu nehmen – ich hoffe nicht. Denn dann war das was Shika tat sinnlos.
Während ich so dasaß, eingesunken, wie um Jahre gealtert kam sie zu mir herüber, sie setzte einen großen, ledernen Rucksack neben mir ab und nahm mich in die Arme, meinen Kopf gegen sich drückend als wäre ich noch das kleine Mädchen, das ihren Trost braucht. Dann kniete sie sich vor mich hin und lächelte, auch wenn mir das Lächeln wehtat, stimmte ich mit ein. Es war wie ein Schnitt in mein Gesicht, der sich von links nach rechts durchzieht.
„Wohin?“ Sagte ich letztlich einfach, meine Ängste auf einen Punkt konzentrierend, der mich davon abschnitt, was ich jetzt nicht erleben wollte, den Verlust – und mich in die Zukunft ausrichtete.
„Varuna. Geh schnell, finde jemanden, der Dich auf seinem Karren mitnimmt, wenn möglich. Bleib nachts nicht allein im Wald – ja ich weiss, wie gut Du Dich auskennst. Bleib nicht. Geh schnell.“
„Und wenn ich dort bin? Ich kenne niemanden?“
„Im Rucksack befindet sich ein Brief, lies ihn wenn wir eine Nacht voneinander entfernt sind. Ein wenig wird dann klarer sein. Und jetzt musst Du gehen, es bleibt keine Zeit mehr. Wenn der Mond aufgegangen ist wird ... geh.“
Ich erhob mich, hielt sie an den Händen und zog sie so ohne Nachdruck mit mir hoch – wir standen uns noch eine Weile gegenüber. Lächelten, krampfhaft.
„Warum tust Du das, ist das die alte Schuld von der Du manchmal gesprochen hast?`“
„Nein. Das tue ich, weil Du nicht mehr mein eigenes Kind sein könntest, selbst wenn mein Blut durch Deine Adern fließen würde.“
Ich war wie ein Tier, das einen ganz bestimmten Geruch gewittert hat, es war zwar nichts wirklich in der Luft, eher eine Art von Vorahnung. Das Kribbeln eines aufziehenden Gewitters in der Luft. Ich nahm den Rucksack auf, drehte mich um und verließ die Grotte ohne mich umzudrehen.
In den Nächten die folgten, hasste ich mich dafür, dass ich ihr nicht wirklich auf Wiedersehen gesagt hatte. In der ersten davon las ich den Brief und verstand kaum mehr als in jener Nacht in der Felshöhle. Aber ich brach auf Richtung Varuna um einen Mann aufzusuchen, von dessen Existenz ich zuvor nichts gewußt hatte. Vielleicht würde er ja einige Fragen beantworten können.
Wenn nicht?
Manchmal war ich versucht, auf das Rascheln des Windes zu lauschen oder auf das Singen in meinem Schlaf und darin Antworten zu finden. Und am schlimmsten war es, wenn ich dann wirklich Worte zu vernehmen glaubte. Besser wurde es, als ich mich einem kleinen Tross Straßenmusikanten anschloß – die Nächte schienen weniger dunkel.
Fast war ich versucht bei ihnen zu bleiben, die Fragen die immer wieder kehrten zu vergessen und einen anderen Weg einzuschlagen – den, den ich begonnen hatte zu verlassen. Aber ich glaubte letztlich doch, dass dieser Weg schon lange vor meiner Geburt angelegt worden war. Also trennte ich mich irgendwann von ihnen und erreichte Tage später Varuna.
Die letzte Abendsonne fiel auf die Wehrmauer, auf die blank polierten Rüstungen der Wachsoldaten – auf die gesamte riesenhafte Stadtanlage. Ich fühlte mich wie erschlagen und zugleich als hätte ich meine Finger an den lebenden, schlagenden Puls der Welt gelegt.
Als wäre ich dadurch selbst ganz neu zum Leben erwacht.
Es sollte noch eine Weile dauern, bis ich verstand, wie kindlich ich in diesem Moment noch war.
Tagebuch 1, Eintrag 2
Verfasst: Dienstag 25. November 2008, 22:38
von Ayalis Llastobhar
Tagebuch 1, Eintrag 2
Ich fühle mich einsam, ich bringe die Tage herum mich durchzufragen und den Mann ausfindig zu machen, den meine Ersatzmutter in ihrem Brief erwähnt hatte. Seltsamer Weise genoß ich besonders die Nächte, denn in den Nächten „besuchte“ sie mich.
Wie ich es anders beschreiben soll, weiss ich nicht – ich träumte von ihr, so könnte man sagen. Aber es waren keine einfachen Träume. Sie sprach zu mir, sie sprach über die Ängste und Gedanken, die mich den Tag über begleitet hatten, als wäre sie wirklich da. Es war seltsam.
Und nach ein paar Tagen hatte ich fast das Gefühl, als würde sie das auch tun, wenn ich über den Markt schlenderte oder die großen und teilweise uralt erscheinenden Gebäude und Straßen erkundete.
Dann fand ich, was ich gesucht hatte. Für eine kleine Münze bekam ich den entscheidenden Hinweis und suchte einen Weg ins Armenviertel. Vermutlich, so denke ich mittlerweile, war dies noch der bessere Teil desjenigen Bezirks, in den es die Verschlägt, die nichts haben und nie etwas hatten oder alles verloren – auf die ein oder andere Weise.
Als ich an die winzige, windschiefe Türe pochte, waren meine Erwartungen groß, wenn auch unzielgerichtet. Sie bekamen eine erste Form, als ein uralter Mann öffnete. Er war mehr als ein Greis – älter, als jeder Mensch den ich zuvor gesehen hatte, so glaubte ich. Auch wenn das nicht sein konnte, wenn er ein Studienfreund meines Großvaters gewesen sein sollte.
Er war gebeugt, wie von einer allzeit auf seinem Rücken ruhenden Last und sein Gesicht eingefallen und dürr, als bekäme er nicht genug zu essen um zu überleben. Dennoch lebte er, in den grünen Augen fand sich ein Funkeln, das an Gier grenzte. Als er mich sah, lächelte er auf eine Weise, die sein Gesicht nicht eben schöner erscheinen ließ – gelbe Zähne enthüllend.
Wir redeten eine Weile über Belanglosigkeiten, solange es meine Höflichkeit zuließ. Dann warf ich ihm einige meiner Fragen hin, wie Murmeln. Er ging auf und ab, die Hände hinter dem Rücken verschränkt und ich wunderte mich darüber, wie wenig zitterig seine Schritte doch waren.
Manchmal trügt der Schein, das war mir in jenem Augenblick nicht ganz klar, auch wenn ich argwöhnte. Ich schob jeden Instinkt beiseite und lauschte ihm.
Irgendwann sprang ich auf. „Was soll das bedeuten?“
Er lachte, ein rauhes, leises Lachen, wie eine kleine Flamme im Wind, geschützt von einem gläsernen Behälter in dem sie wohnt. „Es heißt, daß wir auf Dich hingearbeitet haben. Es war nicht leicht. Doch es war der Mühe wert.“
Ich schluckte, Unruhe und Unverständnis rangen in meinem Magen miteinander – ein Gefühl als würde ich seit Tagen wühlenden Hunger verspüren. Beinahe unbewußt ballte ich meine Fäuste und starrte ihn an.
Trotzdem gab ich mir die Blöße... „Ich verstehe nicht...“
„Weißt Du, wer Dein Vater ist?“
Die Frage traf mich wie ein Schlag ins Gesicht, ich taumelte und meine Nase fühlte sich taub an, als hätte er wirklich winzige, verschrumpelte Hand gegen mich erhoben. Immerhin – Blut schmeckte ich nicht.
Er nickte nur und lächelte wie ein milder alter Graf, der seinem Bittsteller etwas gewährt.
„Myraen Llastobhar.“
Das war alles, was er sagte und diese zwei Worte drohten mir die Beine wegzureißen. Ich fühlte mich schwindelig und betäubt, nicht nur als hätte er mich geschlagen sondern windelweich geprügelt. Ich hörte meinen eigenen, rasselnden Atem übermässig laut, das Schlagen meines Herzens. Am liebsten hätte ich mich übergeben, aber die Wut quoll auf andere Weise hervor – sie mochte einen anderen Ursprung haben, aber ihr Ziel fand sie in meinem Gegenüber und ich versetzte ihm eine schallende Ohrfeige.
Dennoch änderte es nichts, in seinen Augen gab es keine Lüge und er lachte, diesmal war es das bellen eines alten Hundes, der den Fuchs aufgespürt hat. Etwas in mir wußte, dass er Recht hatte.
Der Alte rieb sich die Wange, nur kurz, aber immerhin – es verschaffte mir einen Hauch von Genugtuung, der völlig ungerechtfertigt war.
Während ich noch in meinen eigenen Gedanken herum taumelte wie ein Kind, das grade gehen lernt, sprach er weiter. „Weißt Du, wozu Dich das macht? Weißt Du, was das bedeutet?“
Blutschande. Es war das einzige Wort, das in meinem Geist auftauchte und ihn erfüllte. Ich würgte und konnte mir trotzdem immer noch verkneifen mich zu übergeben – immerin diese Blöße würde ich mir nicht geben, nicht jetzt und hier. Ich konnte nichts dagegen tun, dass dieser Gedanke mich beherrschte, auch wenn ich wußte, dass es Zeiten und Orte gegeben hatte, an denen die Blutsbande keinen Hinderungsgrund für eine Heirat und Kinder darstellten.
Ich blinzelte, meine Sicht verschwamm und er wartete nicht mehr auf eine Antwort. „Harmonie. Sie waren Zwillinge – sie waren sich beinahe gleich, in jedem Falle ebenbürtig und auf eine Weise verbunden die... keiner von uns je verstehen wird. Zwillinge. Ihre Essenz, ihre Noten im Ewigen Lied des Seins... „
„Ich weiß was Wahre Namen sind.“ So blaffte ich ihn an, Kind das ich war und er schüttelte sich wie ein nasses Kätzchen unter den Worten.
„Dann sag mir, zu was Dich das macht. Was bist Du, Resultat dieser Harmonie?“
Ein Schlüssel.
Ich begriff nicht, was dieser Gedanke bedeutete, ich nahm ihn nicht einmal wahr. Nicht in diesem Augenblick. Ich stand nur da und dachte an meine Mutter und meinen Vater – beide waren tot, er starb vor meiner Geburt, sie in der Nacht da ich zur Welt kam. Ich war ungläubig und wollte nicht wahrhaben, was sie getan hatten. Warum sie es getan hatten nicht wissen, noch verstehen.
„Ich hasse Dich.“
„Das war zu erwarten.“ Die Antwort war eben nicht, was ich erwartet hatte. Sie klang so sanft, dass die Härte dessen, was er eben gesagt hatte nur noch verstärkt wurde. Und ich wünschte mir, den Alten erneut zu schlagen. Aber ich tat es nicht. Ich ballte meine Hände erneut zu Fäusten, diesmal so sehr, dass sie weiß wurden vor Druck.
Er ging, entfernte sich von mir und wanderte langsam, aber sicher zu einem der Regale in der kleinen Stube, aus dem er ein abgespecktes, in ehemals rotes Leder gebundenes Buch zog, um es mir zu geben. Als er zu mir zurückkehrte, schnaufte er schwer.
„Lies das und dann komm zurück.“
Irgendewas in mir sagte, dass ich jetzt nicht gehen sollte. Und es sollte Recht behalten, aber ich konnte nicht bleiben – ich musste hinaus, irgendwohin, frische Luft atmen, meinen Geist zur Ruhe bringen. Tatsächlich hatte ich das Gefühl, die Erde würde sich direkt unter meinen Füßen drehen, während mein Kopf in einer Gewitterwolke steckte. Ich stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch.
Also nahm ich das Buch, während er sich in einen Sessel fallen ließ, der so uralt zu sein schien, wie er selbst und gefährlich quietschte.
An der Tür wandte ich mich noch einmal zu ihm um.
„War das wirklich meines Großvaters Plan und Wunsch – dass meine Eltern...“ Eine vage Geste der Linken und schon wurde mir erneut übel.
Er legte nur den Kopf in den Nacken und starrte die Decke an. „Ja. Er hatte eine Vision, der er folgen mußte. Bis in seinen eigenen Untergang.“
Ich wollte nichts mehr hören. Nicht von Visionen und großen Plänen – ich fühlte mich wie eine Schachfigur, ein Bauer, der auf einem Brett herumgeschoben wird. Ich knallte die Türe regelrecht hinter mir zu und stürmte davon. Fast hätte ich im laufen das Buch weggeworfen, aber irgendetwas in mir brachte es nicht fertig.
Und das war auch besser so.
Tagebuch 1, Eintrag 3
Verfasst: Dienstag 25. November 2008, 22:39
von Ayalis Llastobhar
Tagebuch 1, Eintrag 3
Der Turm lag im Halbschatten, als ich ihn erreichte. Sowohl die Tür als auch die Bogenfenster standen offen, Schatten fielen hinein und das ganze, uralte Gebilde erinnerte mich an einen beschnitzten Kürbis, der mich aus seinem Bett auf rotgoldenen Blättern höhnisch angrinst.
Gut, im Inneren gab es keine Kerzen, die alles erhellten und Dunkelheit tanzen ließen. Ich wagte mich trotzdem hinein - mit der Verbissenheit der Jugend, die wirklichen Schrecken noch nicht kennt kletterte ich die Treppe hinauf.
Mir war bewußt, wo ich mich befand, als ich zum Fenster ging und meine Finger auf den Stein legte, über das Meer hinausblickend.
Kalter Wind schlug mir ins Gesicht, denn das Glas war lange zerbrochen.
Wie lange ich dort stand, kann ich nicht mehr sagen - immerhin gelang es mir, mich wieder abzuwenden. Ein Teil von mir wollte mit diesem Turm verwittern, alt werden und zerfallen. Am liebsten binnen eines Augenblickes.
Ein Teil von mir ist vielleicht tatsächlich dort geblieben. Jener Teil, der nie verwinden wird, was ich bin. Ja ich begriff es damals nicht und vielleicht tue ich das auch jetzt noch nicht, aber jenseits aller Worte und Bilder weiß ich es, irgendwie. Gleich einer in meiner Brust nistenden Schlange, die sich in unruhigem Schlaf im Halbdunkel des Waldes herumwälzt, existiert eine Ahnung, dessen was kommen wird.
Den nächsten bewußten Gedanken fasste ich erst, als ich mich auf den Knien am Boden fand. Das Pentagramm aus Blut mit den Fingern nachzeichnend - auch nurmehr ein Schatten vergangener Zeit. Alt und kaum mehr rot. Ich wußte indes, wessen Blut es war und vermischte es mit Tränen.
Ich störte seine Ruhe, dachte ich später, wühlte es wieder auf, wo es so lange geschlafen hatte.
Vielleicht lief ich deshalb fort, so schnell wie meine Beine es erlaubten, so weit wie mein bald rasselnder Atem es erlaubte. Vielleicht auch, weil ich in dem Moment einem Irrtum unterlag und glaubte, daß meine Reise sinnlos war. Was zu finden ich erhofft hatte, befand sich indes nicht dort. Keine Antwort. Kein Nachhall von dem, was sie gewesen waren.
Als ich nach Varuna zurückkehrte, fand ich keine Ruhe mehr. Vielleicht würde ich sie finden, wenn ich in einen Kreis zurückkehre, den zu durchschreiten ich mich scheute. Einen anderen Weg weiter zu verfolgen, scheute ich mich in diesem Moment noch mehr.
Tagebuch 1, Eintrag 4
Verfasst: Mittwoch 26. November 2008, 15:22
von Ayalis Llastobhar
Tagebuch 1, Eintrag 4
Dornenfeste. Ich lächelte, als meine Finger über den kalten Stein der Wand neben meinem Bett wanderten und ich das Wort leise aussprach - vielleicht ist es ein Privileg der Jugend, daß die Liebe rasch entflammt und heiß brennt. Ich liebte diesen Ort von dem Augenblick an, als ich ihn betrat. Hohe Mauern, kalter Stein, verwinkelte Gänge.
Während ich auf dem gemachten Bett lag, die alte, zerschlissene Robe die mich auf meiner bisherigen Reise begleitet hatte noch am Leib, hatte ich das Gefühl ich könnte das Gras wachwen fühlen – die Wolken ziehen und den Stein murmeln.Es war ein ähnliches Gefühl wie das, das ich vor Monden an einem der Kraftorte empfunden hatte, an den meine Ziehmutter mich brachte.
Anders als dort allerdings, fühlte ich mich innerhalb dieser Mauern nicht mehr allein. Ich war Teil von etwas geworden – ganz plötzlich.
Angst wallte ob dieses Gedankens auf wie Nebel und kroch hinauf aus meinem Magen zum Herzen, seine Hand fest darum legend, bis die Zeit langsamer zu vergehen schien. Beinahe wäre ich aufgestanden und davon gerannt – doch binnen des Augenblickes in dem ich dies erwog, umtanzten mich die Gründe zu bleiben wie Schneeflocken. So stand ich zwar auf, ging aber nur ans Fenster und blickte hinunter in die tintenblaue Nacht.
Ich hatte mich längst entschieden. In dem Moment, als ich nicht fluchtartig das Gasthaus in Varuna verließ, da er eintrat. Der Weißhaarige, den ich nicht viel später Demoar nennen sollte. Ein Llastobhar, so wie ich. Die Zeichen waren bei einem genaueren Blick unverkennbar – ein Zufall hatte uns einander über den Weg geführt. Oder auch das Schicksal, dem er keinen Platz in seinem Leben einzuräumen schien. Was auch immer, ich nahm es an – ich ging mit ihm und blieb.
Was, wenn sie es wissen?
Diese Frage stellte ich mir vor dem Sonnenaufgang viele Male, selbst wenn er meine Mutter nicht gekannt zu haben schien. Ich konnte nicht mit mir selbst überein kommen, ob ich es besser fände wenn sie etwas wüssten, oder wenn nicht.
Später, als die Müdigkeit mich beinahe übermannte, dachte ich an Niia und ihren Beschützer. Auch das machte mich Lächeln und versetzte mir zugleich einen Stich. Jung – sie kamen mir so jung und lebendig vor und ich fühlte mich auf einmal alt, auch wenn ich kaum mehr Sommer gesehen haben mochte. Gebeugt, vielleicht nicht von der Last vieler Jahre, sondern eher vieler Ahnungen.
Ich erwachte ohne mich zu erinnern, welche Gedanken genau ich gedreht und gewendet hatte, bevor ich letztlich doch dem Schlaf anheim fiel und begrüßte diese Tatsache – und bald darauf machte ich mich daran die Feste zu erkunden und jeden Winkel, der mir offen stand zu erforschen um mich von meiner eigentlichen Suche abzulenken. Für eine kleine Weile eine Atempause zu gewinnen.
Tagebuch 1, Eintrag 5
Verfasst: Dienstag 2. Juni 2009, 23:29
von Ayalis Llastobhar
Tagebuch 1, Eintrag 5
Feuer und Rauch und Asche - nicht mehr soll Varuna sein? Bin ich nicht eben erst fort gegangen, habe ich meine Augen nicht eben erst für ein rasches Blinzeln geschlossen? Und nun - der letzte Funke Hoffnung, mehr zu erfahren soll mit der Stadt geschliffen worden sein?
Ich war nicht in der Lage zu zeigen, wie hart mich dieser unerwartete Schlag traf. Ich glaube, ich stand einfach nur da als Shanna mir davon berichtete. Kurz, als müsste ich eigentlich ohnehin wissen, was vor sich geht. Ich tue es nicht. Ich fühlte mich einmal mehr so fern von allem, als ich dort im Windschatten des Pavillons stand - als gehöre ich gar nicht zu dieser Welt.
Weigere ich mich mit allem was ich bin dagegen, dazu zu gehören, weil ich fürchte dass die Welt mich im Gegenzug anerkennt, erkennt und sieht - reflektiert was ich bin?
Was ich sein könnte...
Was ich sein könnte - ha. Dieser Schlag traf noch härter, war noch besser platziert. Hat ein violettes Mal direkt auf meiner Seele hinterlassen und sie weiss es nicht. Ich bete, dass sie es nie wissen wird. Eine Magierin soll ich sein? Werden?
Das Talent ist stark in unserer Familie. Ja das immerhin wusste ich. Und bin ich ehrlich zu mir selbst wusste ich auch, was es bedeutet, dieses Wispern, dieses Gefühl dass mein Geist sich wie eine dritte Hand streckt um die Welt zu berühren, zu erforschen, zu verändern.
Indes weiss ich nicht, was kommen wird - wird diese Gabe ein Segen sein oder ein Fluch. Wird sie die anderen beiden Flüche aufwiegen können, mit denen ich von Geburt an geschlagen wurde, oder wird sie die Waagschale weiter hinabreissen?
Ist das der Grund, warum meine Ziehmutter es mir nicht gesagt hat? Was hielt sie noch vor mir verborgen - und warum?
Dreifach verdammt. Ist es allein meine Art, die Dinge zu sehen, die mich dazu macht - oder die Welt.
Ich muss ihr glauben, glauben dass ich eine Wahl habe - dass uns freier Wille geschenkt wurde und mehr ist, als die Illusion kleiner Figuren, die über ein Brett geschoben werden, fallen oder bestehen in einem Spiel, dessen Regeln sie nie begreifen werden.
Tagebuch 1, Eintrag 6
Verfasst: Freitag 26. Juni 2009, 12:28
von Ayalis Llastobhar
Tagebuch 1, Eintrag 6
Meine Hände sind voller Tinte, die langsam trocknet. Sie sieht aus wie Blut, beinahe - blaues Blut - Blut im Schnee. Was für eine Art von Erinnerung ist das, die mich immer wieder heimsucht?
Immerhin ist das Blatt auf dem ich schrieb davon unbescholten. Bald wird es unterwegs sein zu seinem Ziel und ich... ich wage nicht daran zu denken, was kommen wird.
Vielleicht hat Demoar Recht - vielleicht auch nicht. Vielleicht suche ich Gründe, mich mir selbst nicht zu stellen und meinem Erbe. Vielleicht aber suche ich auch Gründe, Andere vor dem zu schützen, was ich sein könnte.
Beides ist möglich. Noch sind die Waagschalen gleichauf. Ich vermag nicht zu sagen, was das ändern kann, doch ich bin sicher, irgendetwas wird es ändern. Ich wünschte, ich könnte so rein bleiben, wie dieses Blatt Pergament es noch vor kurzem war, so unbeschrieben. So wenig einer Seite der Medaille zugeneigt. Aber ich muss anfangen zu leben, zu sein - zu werden. Ich wusste, dass dieser Tag kommen musste seit meine "Mutter" mich fortschickte. Lange habe ich mich geweigert, knietief in der Vergangenheit verweilt. Das ist jetzt unweigerlich vorüber.
Lange Zeit habe ich geglaubt, dass eine grosse Bürde von mir genommen sein würde, wenn jemand "es" weiss. Seit gestern Abend weiss Demoar, wer meine Eltern waren - er sagt, es läge an mir, zu was mich das macht. Er begreift nicht, nicht vollends. Blut ist dicker als Wasser und wird es immer sein.
Ich kann es rufen hören, tief in mir. Es singt im Sturm der Melodie, der ich mich so lange nicht hingab - ist ein Teil davon. Als ich gestern die Flamme berührte, mit Händen die ich nie sehen werde, war es da. Und ich habe geschwiegen darüber.
Vielleicht war das der erste Schritt in den Schatten. Zu schweigen, wo ich mich hätte offenbaren können.
Noch immer schmerzen meine Lippen, als hätte mich ein tatsächlicher Schlag getroffen und ich begrüße diesen Schmerz nur zu gerne als eine Art von Strafe.
Wohin soll das alles führen?
Tagebuch 1, Eintrag 7
Verfasst: Montag 27. Juli 2009, 22:21
von Ayalis Llastobhar
Tagebuch 1, Eintrag 7
Warum kehre ich immer hierher zurück? Zu dem Turm - dahin wo so viele meiner Ahnen starben.
Wieso bleibe ich nicht auf der Dornenfest - in Sicherheit...
Weil nicht vieles jemals sicher ist. Sind die Sterne nicht nur Nadelstiche im Mantel der Nacht?
Jetzt und hier, auf dem höchsten Balkon des Turmes, von Wind umtost, kann ich mir das beileibe nicht vorstellen. Und doch komme ich mir vor, als wäre ich eins mit allem. Ein Teil eines Ganzen, vielleicht sogar eines Wesens - eine Note in der Grossen Melodie. Und das ist es wohl auch, was ich bin.
Indes erfüllt mich dieser Gedanke nicht mit Frohsinn sondern stürzt mich in die tiefsten Abgründe der Verzweiflung.
"Mein perfektes Werkzeug. Alles fügt sich - alles kommt, wie es kommen muss. Sie wird sein, wozu sie bestimmt ist. Und meine Hand wird sie führen - denn was wäre ein Werkzeug ohne seinen Meister, ohne seine Aufgabe? Nicht viel mehr als ein totes, kaltes Stück Metall, zufällig vom Universum in eine bestimmte Form gepresst. Doch nichts ist jemals Zufall. Ich bilde mir nicht ein die Pläne der Götter zu kennen - aber ich habe meine eigenen."
Tränen fielen auf die Worte, während ich sie erneut las - zum wievielten Mal?
Übermässig laut kam mir das klatschen der ledernen Buchdeckel vor, als ich sie abrupt zuschlug. Und auch wenn es nicht meine Absicht gewesen sein mag, zu tun, was ich tat, tat ich es doch. Vielleicht, so denke ich mittlerweile ist es wahr, was er schrieb. Vielleicht ist alles bestimmt, schon lange vor dem Tag unserer Geburt. Und Freier Wille kein Geschenk sondern ein Fluch - ein Fluch der uns vorgaukelt, wählen zu können, während die Wirklichkeit alle Wege zumauert und nur einen übrig lässt, so dass die Wahl die wir treffen gar keine ist.
Der Schrei eines Seevogels löste mich aus meiner Starre, aus dem Nachspüren des einzigen widernatürlichen Geräusches an diesem Ort, den sich die Natur aus irgend einem Grunde seit Jahren nicht zurückerobert hatte - entfernte mich vom Klang meines eigenen Herzschlages. Hätte ich mich doch darin verloren und aufgelöst.
Aber nein, ich kehrte zu den alten Sigillen zurück und ließ Blut zu Blut sprechen. Es ist wirklich dicker als Wasser, wie mir scheint und jetzt da ich beginne zu begreifen, wie man der Melodie lauscht, vermeinte ich etwas zu vernehmen, als der erste Tropfen meines Lebenssaftes auf die Kreisformation am Boden fiel.
Ich bildete mir ein, es zu tun, um etwas herauszufinden. Ich muss es wissen!Schrie etwas in mir.
Mittlerweile glaube ich, dass nicht ich selbst das war. Vielmehr nicht der bewußte Teil meiner Selbst, sondern das woraus ich gemacht bin, der Summe meiner Ahnen.
Blut ist Leben so sagt man und mit meinem Blut erweckte ich etwas zum leben, das lange geschlafen hatte. Der Kreis nahm seine Funktion wieder auf, oder immerhin eine Funktion. Ich hatte und habe keinerlei Ahnung, wie er funktioniert doch er tut etwas, er ist etwas. Ich konnte es fühlen, ein Rauschen, ein beständiges Wogen um mich herum, um das Zentrum auf das er gewartet zu haben schien.
Und dann hörte ich mehr. Mehr als ich je hören wollte. Zu viel.
Noch immer begreife ich nicht. Nur, dass ich nie wieder traumlos schlafen werde, geschweige denn ruhig.