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Von unliebsamen Andenken

Verfasst: Sonntag 16. November 2008, 15:19
von Helena Velheyn


Die Fingerspitzen der Wache bohrten sich tief in ihr Fleisch und hinterließen Druckstellen, sobald er an einer anderen Stelle ihrer Oberarme noch einmal nachgriff, um sie besser unter Kontrolle zu haben. Sie hatte den Widerstand schon aufgegeben, als die Wache überhaupt an sie herangetreten war, doch fand jene auf Anweisung hin einen neuen triftigen Grund sie festzuhalten. Sie lies den Blick hinüberschweifen zu dem Steintisch, auf dem schon seit Tagen ein Kohlebecken platziert worden war. Beinahe herausfordernd knisterte die Glut, die einen rötlichen Schimmer an die Wände warf und zudem eine der wenigen Lichtquellen im Raum war, nachdem der Mond sich beharrlich weigerte den Raum zu erleuchten. Es schien als hätten sich die Gestirne insgesamt von der Burg abgekehrt, sei es aus Scham oder Furcht, und als hätten nur einige schwarze Wolken ihren Platz eingenommen, welche fortan schwer und drückend über das Firmament zogen. Bereits seit das Kohlebecken platziert worden war, hatte sie es immer wieder ansehen müssen und gehofft, ihr würde erspart bleiben, was man damit zu tun gedachte. Es war Teil einer Strafe für eine Tat, mit der sie nichts zu tun hatte. Dass man in der Vollstreckung selbst recht willkürlich vorgegangen war, und dass es jeglicher Fairness entbehrte auch sie für jenes „Verbrechen“ zur Rechenschaft zu ziehen, schien keinen großen Anklang zu finden. Die Meute hatte sich versammelt, und man wollte sehen wie das grausige Schauspiel von statten gehen würde, wenn es eine Person traf die durch weniger Durchhaltevermögen und Kraft glänzte, als die meisten anderen, bei denen es teilweise an einen lustvollen Schmerz grenzte. Dies, und da komme was wolle, würde bei Helena nicht der Fall sein. Jeder wusste das – aber niemanden interessierte es.

Hilflos blickte sie zu Boden und warf den Kopf hin und her, um die Augen hinter den Strähnen zu verbergen, die wie flüssiges Kupfer geschmeidig nach vorne fielen, nachdem sie sich aus dem Zopf gelöst hatten. Auch wenn es letztlich nur eine Farce war, so musste doch nicht jeder den Ausdruck in ihren Augen sehen. Aus weiter Ferne hörte sie amüsiertes Tuscheln. Hinter ihr schmunzelte jemand hörbar. Helena riss sich herum. Für diese Tiere war es eine Genugtuung.

„Aber ich habe doch nichts getan…“
Die Spannung in ihrem Körper ließ nach. Wieso war sie hier? Warum hatte Armoran zugelassen, dass man ihr dies antun würde? Helena schloss die Augen. Er hatte ihr versprochen, dass alles anders kommen würde. Und danach hatte er sie der burgeigenen Inquisition ans Messer geliefert.
Sie spürte wie jemand mit einer groben Klinge den Rückenteil ihres Kleides aufschnitt und den Riss unter Zuhilfenahme der Hände durch Zerren vergrößerte. Unter dem eigentümlichen Geräusch aufspringender Nähte gab der Stoff der Gewalt nach und legte den Blick auf die Schultern frei. Dann wieder ein Geräusch, diesmal metallen. Dumpfes Kratzen und dann das Knistern der Glut. Vorsichtig spähte Helena zu dem Kohlebecken herüber. Der Legionär hatte ein weißglühendes Eisen aus der Glut hervorgeholt, ein Brandeisen, welches nach dem Zeichen der Burg geschmiedet war.
Als das glühende Eisen sich in ihre Schulter bohrte und das Fleisch versengte, brach sie ohnmächtig zusammen. Über ihr verzog der Rauch sich zu gequälten Grimassen, die stumm aufschrien und sich vor Qual überschlugen. Erst nach einer Weile verstarben sie und lösten sich in einem Lufthauch auf, der sich durch einen Fensterspalt geschlichen hatte und nun über dem gekrümmten Körper hinwegzog.

[img]http://th01.deviantart.com/fs10/300W/i/2006/119/a/9/Flame_by_Equoris.jpg[/img]

Die Meute hatte ihre gehässige Freude bekommen. Doch als sei es nicht genug, zückte Shessidyr eine Klinge und schnitt Helena das rotblonde Haar ab, welches sie über Jahre sorgsam gepflegt hatte. Erst als der Schädel glatt und glänzend vor ihr lag, und die Klinge derweil kaum noch mehr als blutige Kratzer hinterlassen konnte, hatte sie aufgehört.
Einen Tag später schlug Helena die Augen langsam auf und griff intuitiv an ihren Kopf. Es schien als seien Jahre ihres Lebens fortgeweht worden, zusammen mit den Haaren derer man sich entledigt hatte, indem man das Fenster öffnete und sie dem Wind übergab. Jahre der Erinnerungen und Jahre der Freuden. Es fiel ihr schwer zu atmen. Mit jedem Atemzug schmerzten alle Knochen an ihrem Körper, und die Brandwunde auf ihrer Schulter pochte gleichmäßig. Vorsichtig hob sie ihre Arme an und betrachtete, wie sehr sie von Kratzern und blauen Flecken gezeichnet waren. Ermüdet von Verzweifelung und ermattet von Schmerz schloss sie die Augen wieder. Sie konnte sich nicht erinnern, dass ihr Körper schon vorher so ausgesehen hatte, bevor sie ohnmächtig geworden war. Es schien, als sei sie während der Ohnmacht grün und blau geprügelt worden. Als später ein Legionär hereinkam um die Wunde auf ihrem Rücken zu versorgen, kam die Gewissheit.

„Du wunderst dich, woher deine Verletzungen kommen? Der Tribun hatte uns aufgetragen dich mehrmals mit Wucht auf den Boden zu donnern, um zu überprüfen ob du auch wirklich ohnmächtig bist und nichtmehr alleine fähig scheinst zu deinem Lager gehen zu können.“




Helena schreckte ruckartig aus ihrem Schlaf auf und krümmte sich weinend zusammen. Wieder dieser Traum, wieder die Erlebnisse von damals. Sie hatte es seit dem jenes passiert war geschafft, das Erlebnis aus ihren Gedanken und ihren Träumen zu verbannen. Und nun hatte ein kleiner Funkenschlag, der eine lächerlich erscheinen lassende Rötung an ihrem Hals hervorgerufen hatte, ausgereicht, sie nachts in diesen Abend zurückzuversetzen.
Halb erstickt vor Tränen drückte sie das seidenüberzogene Kissen in ihr Gesicht und zog die Knie an sich heran, um den Kopf darauf betten zu können. Vielleicht war es kein guter Schachzug gewesen, Rilas daraufhin die Narbe zu zeigen. Denn so hatte sie die Erinnerung heraufbeschworen, die sie eigentlich verblassen lassen wollte. Doch die Zeichen, die mit dieser Erinnerung einhergingen, waren zu stark, als dass die Zeit sie jemals von alleine tilgen würde.
Zu gut konnte sie sich noch daran erinnern, wie seine Finger über die Narbe geglitten waren und ihm der Atem gestockt war. Sie wusste nicht, ob es Schrecken, Erstaunen oder einfach nur Ekel gewesen war. Aber es hatte ausgereicht um den sanften Spott aus seinen Worten zu vertreiben, den sie dafür geerntet hatte, nicht besonders hart im Nehmen zu sein, was die Brandrötung anging.

Dem Zusammenbruch nahe, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und versuchte das nicht aufhören wollende Schluchzen so leise wie möglich zu halten. Sie war immerhin in der Residenz ihres Dienstherren, nicht in der herabgekommenen Kaschemme in Bajard, wo es im Stundentakt Lärm, Geschrei und Drama gab.
Sie schämte sich. Für das Zeichen, für alles. Dafür dass sie es dem Freiherrn gezeigt hatte, und dass sie nicht im Stande war, sich selbst davon zu befreien. Allem voran aber dafür, dass sie sich damals nicht zur Wehr gesetzt hatte, und diese Prozedur über sich ergehen lies.